ADB:Stolberg-Stolberg, Katharina Gräfin zu

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Artikel „Stolberg-Stolberg, Katharina, Gräfin zu“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 367–370, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stolberg-Stolberg,_Katharina_Gr%C3%A4fin_zu&oldid=- (Version vom 18. Oktober 2019, 17:23 Uhr UTC)
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Stolberg-Stolberg: Katharina, Gräfin zu St.-St., Schwester der Dichter Christian und Friedrich Leopold, die merkwürdigste Charakterfigur des Geschwisterkreises, geboren am 5. December 1751 zu Bramstedt in Holstein, † am 22. Februar 1832 zu Peterswaldau in Schlesien. Auf ihre Jugendentwicklung wirkte nächst dem frommen pietistisch einfachen Vater und der auch tiefreligiösen aber sehr beweglichen Mutter ein Kreis bedeutender Persönlichkeiten, der Dichter Klopstock, der Hofprediger Cramer und die gräfliche Familie v. Bernstorff, mit denen die Familie im Winter seit 1756 in Kopenhagen verkehrte, während der Sommer auf dem ungemein lieblichen Landsitze Rungsted auf Seeland verlebt wurde. Als der Vater gestorben war, folgte sie 1770 der Mutter nach Hamburg, wo sie theilweise die Kopenhagener Freunde wiederfand, theils einen weiteren Kreis tüchtiger und geistvoller Männer und Frauen zum Verkehr um sich versammelt sah. Unter solchen Einflüssen erhielt ihr Geist und Gemüth die reichste Anregung, und da sie sich im Wetteifer mit ihren Brüdern und als echtes Kind ihrer Zeit der schönen Litteratur, der antik-griechischen und der neueren und vaterländischen hingab, wurde sie eine der gelehrtesten Frauen ihrer Zeit. Matth. Claudius sieht sich einmal veranlaßt, dem vielen Griechischen in ihren Briefen einige lateinische Brocken entgegenzusetzen. Ihrem Bruder Friedrich Leopold schreibt sie wohl italienisch und er versucht, ihr mit einem Sonett in dieser Sprache zu antworten. Aber so gelehrt und voll Geistes sie war, so blieb ihr Wesen doch kindlich einfach und schlicht, so frei von litterarischer Ruhmsucht, wie es zu ihrer Zeit selten gefunden wurde. Indem sie aber den ihr theuern väterlichen Grundsatz: nur das Wahre ist schön, auch dahin auszudehnen schien, daß sie da das Wahre zu finden meinte, wo ihr Ideales und Schönes entgegentrat, so versenkte sie sich nicht nur liebend in das Studium des Homer und Plato, sondern trat auch in lebhaften persönlichen und brieflichen Verkehr mit Dichtern, die ihrer Glaubensrichtung mehr oder weniger fern standen, einem J. H. Voß und seiner Ernestine, Gleim, Jacobi u. a. Vor Goethe’s Dichtergröße hegte sie dieselbe Verehrung, wie ihre Schwester Auguste, obwohl sie ebensowenig wie diese je mit ihm in unmittelbare Berührung kam. Im Sommer 1795 läßt sie ihn durch die Galitzin angelegentlichst grüßen, tritt auch noch 1812 mittelbar zu ihm in Beziehung. Dennoch waren von Jugend auf neben dem Hausfreunde Klopstock, Männer wie Jung-Stilling, Hamann, Lavater, die Züricher Theologen Heß, Pfenninger, Leute nach ihrem Herzen. Besonders aber war der Verkehr mit dem Wandsbecker Boten und den Seinigen ein so inniger, daß sie wie ein Glied des Hauses betrachtet wurde. Mit Bezug auf ihr bewegtes Leben seit dem Tode ihrer Mutter im J. 1773 vergleicht Claudius sie wohl mit einem Ball, mit dem das Geschick spielt und ihn hin und her rollt, nicht wie er denkt und will. Seit 1771 Kanonissin des evangelischen Fräuleinstifts Walloe auf Seeland, kehrte sie dort seit der Mutter Ableben bis 1806 [368] öfter ein. Aber obwohl ihr die Stille daselbst wohlthat, hielt sie es dabei nie lange aus. Ihr Herz sehnte sich nach Mittheilung: im Kreise trauter Freunde und Angehörigen Liebe zu nehmen und zu geben, als „emsige Blumenwinderin sichtbarer und unsichtbarer Kränze“ zu beglücken, als Maria und Martha zugleich Kranke zu pflegen und zu trösten, das war ihre Lust. So war sie denn überall gern gesehen und wanderte bei der fast unbegrenzten Gastfreundschaft des edeln Kreises in dem sie verkehrte, von einem Ort zum andern, auch einmal von 1783 zu 1784 mit den Gräfinnen Reventlow und Baudissin nach dem Rhein, der Schweiz und Italien bis zum Vesuv. Besonders aber war sie doch mit Körper und Gedanken bei ihrem Bruder Friedrich Leopold heimisch, den kaum jemand mehr geliebt und verehrt hat, wie sie. Durch Bande des Bluts und gleichen geistigen und litterarischen Strebens von Kind auf mit ihm aufs engste verbunden, war sie denn auch später Genossin seines Hauses, Pflegerin, Erzieherin seiner Kinder, besonders der Töchter, die sie nach dem Verlust der natürlichen Mutter mit dem Mutternamen nannten. In dieses Glück ihres Lebens brachte es eine plötzliche nie ganz verwundene Störung, als bei ihrer Anwesenheit in Wernigerode ihr Bruder Friedrich Leopold am 9. Juni 1800 die überraschende Eröffnung machte, daß er in Münster zur römischen Kirche übergetreten sei, und als gleich darnach Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode und sein Sohn Ferdinand dessen Verlobte Marie Agnes, Katharina’s Pflegling, nur unter der Bedingung als Gattin des letztem behalten wollten, wenn der Vater davon abstehe, sie ebenfalls der römischen Kirche zuzuführen. Jetzt stritten sich in Katharina’s Seele die tiefe Liebe zu ihrem Bruder und zu ihrem evangelischen Glauben. Nach jahrelangen, tief aufregenden Kämpfen reist sie ihrem Bruder nach und tritt, aus Liebe zu ihm, in den letzten Tagen des Jahres 1802 auch zur römischen Kirche über. Aber mächtig regte sich ihr Gewissen: durch ihre inneren Kämpfe ermattet, war sie genöthigt, das Bett zu hüten und fand Kraft und Ruhe erst wieder, als sie nach einer sorgfältigen Prüfung des Katechismus zum evangelischen Bekenntniß zurückgekehrt war, was eher erfolgte, als der Hamburger Correspondent nach einer Mittheilung vom 5. Februar 1803 ihren früheren Schritt veröffentlicht hatte. Klopstock, der greise Mentor des Hauses, freute sich noch an der Schwelle des Grabes, daß K. protestantisch „geblieben“ sei (vgl. 8. März 1803, Claudius an K.). Obwohl K. nun ihrem Bruder bis an den Tod die treueste Liebe und Verehrung bewahrte, so wandte sich ihr Verkehr doch nun besonders dem wernigerödischen Kreise zu, dem ja auch ihre Nichte Marie Agnes angehörte. Auch die Familie des Wandsbecker Boten und dieser selbst nahmen sich ihrer herzlich an. Immerhin hatte ihr Lebensschiff einen altgewohnten Anhalt verloren. Da bot sich ihr durch eine ganz besondere Fügung ein erwünschter fester Anker dar. Der ernste Dichter und Philosoph Gottlob Fr. E. Schönborn, ihrem Hause schon seit alter Zeit bekannt und in ihren Kreisen allgemein verehrt, war durch seine Lebensführungen als langjähriger Legationssecretär in Algier nicht dazu gekommen, einen Hausstand zu gründen. Er weilte nun als Legationsrath auf dem Gute des Grafen v. Reventlow in Emkendorf bei Rendsburg. Von gleichem geistigen Streben, gleichem Glauben beseelt suchte Schönborn, im 70. Lebensjahre stehend, in der etwa 56 Jahre alten K. einen festen Halt für das Leben. So entschlossen sich beide, da an eine Ehe der hohen Jahre wegen nicht gedacht wurde, zu einer unzertrennlichen festen Lebens- und Gütergemeinschaft. K. pflegte den verehrten Freund mit aller Treue bis in sein 80. Lebensjahr. Nur dem Wahren und Idealen nachstrebend, sah man dieses eigenthümliche Paar wohl in einem Aeußern, das einer älteren Zeit angehörte und nicht zu viel Rücksicht auf den Geschmack des Tages nahm, „mit einander wandern, aber doch mit tiefem Interesse der [369] allgemeinen geistigen Bewegung, z. B. der Erhebung im J. 1813, folgend. Das Ableben Schönborn’s am 29. Juni 1817 ertrug K. mit christlicher Fassung, die ihre christlichen Freunde bewunderten und war in edler Weise bemüht, das bescheidene Vermögen Schönborn’s dessen noch lebender Schwester zu sichern. Die Vereinsamung der Greisin, die viel an den Augen litt, und deren Kraft auch sonst gebrochen war, erschien nach einer so erwünschten 10jährigen Lebensgemeinschaft doppelt groß. Zuweilen kam sie bei ihrem von Jugend auf leicht erregten Nervensystem auch aus dem Gleichgewicht. Aber bis in ihr hohes Alter durchzuckte doch auch in solchen Zuständen ein heller Strahl ihres ehemaligen Geistes dieses Halbdunkel und gab ihr einen fast prophetischen Ausdruck, und ihr ehrwürdiges Gesicht erschien wie verklärt. Wenn auch die Sinnenwelt ihr zuweilen entschwand, bis zu ihrem Ende stand ihr Glaube fest, getreu ihrem einst gegen Gleim geäußerten Bekenntniß: „ehe ich mir den geoffenbarten Gott der Hebräer nehmen lasse, gehe ich lieber in den Tod“. Den nach den Freiheitskriegen neuerwachten Glauben begrüßte sie mit hoher Freude, und bekundete ihr Entzücken über J. Aug. Neander, einen Hauptherold dieser Erhebung, in origineller sinniger Weise. Die Pfleger ihrer letzten Lebenstage, die viel Liebe an ihr übten, waren besonders ihre Nichte Marie Agnes und deren Gemahl Graf Ferdinand zu Stolberg-Wernigerode in Peterswaldau. K. war eine durch und durch dichterische Natur. Bis in die halbumnachteten letzten Lebenstage gab sie ihren Gedanken und Empfindungen einen geflügelten Ausdruck. Der ehrliche Claudius bekennt einmal von ihr: „Wenn ich ein Halbjahr sparen muß, um einige Freunde einigermaßen gut zu bewirthen, können Euer Gnaden täglich zweimal für alle Welt offne Tafel und Bankets geben, wie Graf Fritz und Freund Homer“ (Wandsbeck, 9. Sept. 1779). Und jener Bruder Friedrich Leopold äußert von ihr: „Ihr Herz macht sich Bahn wie eine Schneelawine, die vom Gebirge herabstürzt. Ich fühle mich dagegen wie ein wasserärmerer Waldstrom“. Im Juni 1784 schreibt er an sie: „Deine mit Bleistift geschriebene Apostrophe an Italien ist wunderschön, es ist ein herrliches Gedicht.“ Aber wie hier pflegte sie auch sonst ihre losen Blätter den flüchtgen Winden zu übergeben und nicht an ihre Ehre und an Nachruhm zu denken. Sie würzte, wie zahlreiche Stellen in ihrem Briefwechsel zeigen, das Mahl ihrer Freunde mit poetischen Episteln, Geburtstags- und sonstigen Gelegenheitsgedichten. So selbstlos es ist, wenn sie sogar gelegentlich wünscht, daß dergleichen Erzeugnisse ihrer stets bereiten Muse nur für einzelne Freunde bestimmt sein sollen, so hängt ihre Beschränkung auf eine solche Gelegenheitspoesie, die nicht an die Zukunft und daher auch nicht an die ernste Feile denkt, auch mit Mängeln zusammen, die sie selbst sehr offen eingesteht. Indem sie ihrer Marie Agnes einen Theil ihrer Erinnerungen, Gedanken und Empfindungen mittheilt, schreibt sie: „Durch Nachlässigkeit habe ich dieses sowie vieles andere unterlassen; bald scheute ich die Mühe des Abschreibens, öfter die Mühe des Nachsinnens und die größere Mühe des Ordnens“. Sie erfaßte große Gedanken und Entwürfe, kam aber nicht dazu, sie auszuführen. Daher sagt Claudius ihr einmal: „Ich habe immer geglaubt, daß Sie noch eine Erzscribentin und Vielschreiberin werden würden; itzo scheint also nach Ihrem Bericht der Deich zu brechen, oder vielmehr brechen zu wollen, denn Sie zählen alles, was Sie schreiben wollen, zu Ihren Schriften“ (Wandsbeck, 16. August 1803). So geschah es, daß nur Einzelnes, theilweise auf besonderes Verlangen ihrer Freunde, wie Voß, Jacobi, Nicolovius, in Boie’s Deutschem Museum 1779 und 1788, Jacobi’s Taschenbuch von 1795 und seiner Iris zum Jahre 1803 im Druck erschien. Wie uns noch Verse aus ihrer letzten Lebenszeit vorliegen, so dürfte auch noch verschiedenes in dem litterarischen Nachlaß [370] ihres Bruders Friedrich Leopold erhalten sein. Das Gedruckte ist in Goedeke’s Grundriß IV, 1, 398 verzeichnet. Die bedeutendsten Stücke sind die Erzählungen „Rosalia“ und „Emma“ und das Drama „Moses“. Ihr Bruder Friedrich Leopold und Claudius fanden darin viel zu loben, doch stellte letzterer in der „Rosalie“ einzelne Züge über das Ganze. Es herrscht in diesen Dichtungen eine poetische Begeisterung und eine große Zartheit; im allgemeinen herrscht das Rhapsodische vor; im „Moses“ finden sich entschiedene Anklänge an das Hohelied, in den Erzählungen aber auch an Ossian und die alten Ritterromane. K. wurde auch öfter angesungen, so von J. H. Voß im Musenalmanach 1785, S. 85 und von Friedrich Leopold zu Stolberg daselbst 1788, S. 157.

Auszug aus einer größeren meist nach handschriftlichen Quellen gearbeiteten Biographie. Bei der überaus fruchtbaren Litteratur eines Janssen, Hennes, Hellinghaus, vgl. auch Nicolovius über ihren Bruder Friedrich Leopold, finden sich auch zahlreiche Briefe und Nachrichten von und über die Schwester. Manches enthalten die Herbst’schen Biographien von J. H. Voß und Matth. Claudius. Endlich ist zu vergl. J. R. (Conferenzrath J. Rist), Schönborn und seine Zeitgenossen. Hamburg 1836.