ADB:Reventlow, Friedrich Karl Graf von

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Artikel „Reventlow, Friedrich Karl, Graf von“ von Carsten Erich Carstens, Carl Christian Redlich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 336–338, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reventlow,_Friedrich_Karl_Graf_von&oldid=- (Version vom 19. April 2019, 06:46 Uhr UTC)
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Reventlow: Friedrich Karl, Graf v. R. Er entstammte einer angesehenen altadeligen Familie in Schleswig-Holstein als Sohn des wirklichen Geheimraths und Oberkammerherrn, Grafen Detlev v. R., der 1764 das adelige Gut Emkendorf, Kirchspiels Westensee, Kreis Rendsburg in Schleswig-Holstein angekauft hatte, und war geboren im J. 1754. Er studirte die Rechtswissenschaften in Kiel und Göttingen. Am letzteren Orte schloß er Freundschaft mit Heinrich Christian Boie (s. A. D. B. III, 85), die sich nachher in der Heimath fortsetzte. Darnach widmete der Graf sich der diplomatischen Laufbahn und war königlich dänischer Gesandter in London. Hier jedoch 1789 abberufen, zog er sich auf sein Gut Emkendorf zurück, das er 1787, nach dem Tode des Vaters ererbt hatte. Er war vermählt mit Julia, Gräfin v. Schimmelmann (s. u.), 1795–97 machte das Ehepaar eine italienische Reise, auf der sie eine Menge Kunstschätze alter und neuer Meister erwarben, mit denen sie nun ihr Schloß Emkendorf schmückten, das dadurch sehenswerth und berühmt ward. Ein Katalog darüber ist gedruckt, Altona 1829. Im J. 1800 ward der Graf zum Curator der Universität Kiel ernannt, wozu er sich vorzugsweise eignete, als ausgezeichneter Kenner und Freund der Wissenschaften. Hier trat er als entschiedener Gegner des damals herrschenden vulgären Rationalismus auf und hatte dafür harte Kämpfe zu bestehen. Eine anonyme und ohne Druckort 1805, erschienene, vermuthlich von dem Vorkämpfer des Rationalismus, Pastor Dr. N. Funk in Altona, dem Herausgeber der bekannten, nachher unterdrückten Altonaer Bibel, verfaßte Schrift, griff ihn in seiner Amtswirksamkeit heftig an, legte ihm namentlich zur Last die Entlassung des Professors Heinrich Müller (s. A. D. B. XXII, 556) am Schullehrerseminar in Kiel und die Ernennung von dessen Nachfolger Hermes aus Berlin, der allerdings als unfähig erkannt, nach einem Jahre wieder entlassen werden mußte; die große Bevorzugung der medicinischen Facultät, die unverhältnißmäßige Kosten erfordere; die Errichtung der Kieler Hebammenanstalt, wodurch die gleichen Anstalten in Flensburg und Altona geschädigt würden; die Zurücksetzung des, um Stadt und Universität verdienten Professors Weber bei Errichtung des Sanitätscollegiums u. s. w. Mit Unrecht wird ihm auch die Berufung Kleuker’s, des bedeutendsten Gegners der Rationalisten (s. A. D. B. XVI, 179) Schuld gegeben, der doch schon 1798, vor Reventlow’s Antritt, angestellt war. Der Verfasser fürchtet Glaubensschwärmerei und Proselytenmacherei. Es entspann sich hieraus ein nicht geringre Schriftenwechsel. Dieses, wie andere Ursachen veranlaßten den Grafen, das Curatorium 1808 niederzulegen. Er zog sich nun wieder auf sein Gut Emkendorf zurück. Hier starb 1816 seine tiefbetrauerte Gemahlin, die Gräfin Julia, durch deren Tod er sich sehr vereinsamt fühlte. Er trat deswegen 1817 wieder in den Staatsdienst als königlich dänischer Gesandte und bevollmächtigter Minister am Berliner Hofe. 1823 vermählte er sich hier wieder mit Gräfin Charlotte [337] v. Schlippenbach. Er starb in Berlin als Geheimer Conferenzrath, Großkreuz vom Danebrog und Danebrogsmann am 28. September 1828 und ward in Westensee beigesetzt. – R. war streng conservativ, Feind aller demokratischen Strömungen seiner Zeit, vielseitig gebildet, Freund der Wissenschaft und Kunstkenner, witzig und von geistiger Schärfe, fest im orthodoxen Glauben der lutherischen Kirche, aber tolerant gegen Andersdenkende, ein liebenswürdiger Edelmann und feiner Diplomat.

Altonaer Merkur 1828, Nr. 163, S. 3473.

Seine erste Gemahlin, die oben genannte Friederike Juliane (Julia) Gräfin v. R., geb. Gräfin v. Schimmelmann, war geboren im J. 1762 als Tochter des Grafen Heinrich Karl v. Schimmelmann († am 23. Januar 1782), der als Kaufmann Millionär geworden, erst in den Freiherrn- und dann in den Grafenstand erhoben, dann königlich dänischer Finanzminister ward. Sie hatte sich eine mehr als gewöhnliche Bildung angeeignet und war in Kopenhagen in dem Kreise, der dort um Klopstock sich sammelte, so zu sagen, aufgewachsen und dann mit dem Grafen Friedrich Karl v. R., der bis 1789 in London als königlich dänischer Gesandte lebte, vermählt worden. Nach dieser Zeit lebte sie zunächst mit dem Gemahl auf Emkendorf, dessen sonst reizlose Umgebung durch hübsche Anlagen geschmückt ward. In den Jahren 1795–97 machte sie mit dem Gemahl die italienische Reise. Schon vor derselben und mehr noch nach derselben ward Emkendorf ein Sammelplatz und Mittelpunkt eines bald sich erweiternden, bald verengernden Kreises von geistreichen Männern und Frauen, welche aus der Nähe und Ferne in der mächtigen Strömung des religiösen und politischen Denkens und Handelns während dieser Zeit von der Verwandtschaft der Gesinnung des Besitzers und seiner vortrefflichen Gemahlin dahin gezogen wurden. Es verkehrten hier und hielten sich zum Theil längere Zeit in dieser gastfreien Behausung auf: Klopstock, Boie, M. Claudius, Lavater, Joh. Heinr. Voß zeitweise, Hensler, Fried. Heinr. Jacobi, Perthes, Nicolovius, Schönborn, die Stolberg, Kleuker, Pfaff, Hegewisch u. s. w., sowie manche französische Emigranten. Boie ward später abtrünnig und Joh. Heinr. Voß ging soweit, daß er das Haus eine Schmiede für Geistesknechtschaft nannte. Die Gräfin war die Seele des Hauses, geistreich, liebenswürdig, in hohem Grade wohlthätig, zugleich insbesondere besorgt für die Bildung und das Wohlsein ihrer Gutsuntergehörigen. Sie zog Alle, die mit ihr in Verbindung kamen, mächtig an durch Seelenmilde, zartes Gefühl, lebhafte Empfänglichkeit. – Als Dichterin[1] hat sie 1777 im Göttinger Musenalmanach drei Gaben gespendet: S. 6, 95 u. 99. In Georg Jacobi’s Taschenbuch 1796, S. 147 stehen drei kleine prosaische Parabeln von ihr. Zunächst für ihre Gutsuntergehörigen verfaßte sie: „Sonntagsfreuden des Landmanns“ 1791 und „Kinderfreuden oder Unterricht in Gesprächen“ 1792. Nur der erste Theil ist erschienen und auch ins Dänische übersetzt von Nygaard 1796. – Mit dem bekannten Münsterschen Kreise Fürstenberg’s und der Galitzin unterhielten sie einen lebhaften Verkehr, blieben jedoch der lutherischen Kirche getreu, obwol gegen die katholische sehr tolerant, wie sie auch gestatteten, daß ihre Pflegetochter (ihre Ehe blieb kinderlos), die Gräfin Ina Holk auf jener italienischen Reise in Rom zum Katholicismus übertrat. – Pestalozzi charakterisirt die Gräfin als „Julia-Engel“. In ihren letzten Lebensjahren kränkelte sie fortwährend und hat viel gelitten, aber ihr Leiden stets mit großer Geduld echt christlich ertragen und dabei sich immer geistig frisch gehalten. Sie starb, 54 Jahre alt, am 27. December 1816.

Ueber sie und das Emkendorfer Leben vgl. Rist, Schönborn 1836, S. 30 ff. – Nicolovius, Denkschrift 1841, 51. – Perthes’ Leben I, 53. – Bippen, [338] Eutiner Skizzen 1859, 218. – Menge, Stolberg 1862, I, 235, 265. – Herbst, Claudius 1863, 353. – Mönckeberg, Claudius 1869, 304. – Weinhold, Boie 1868, 120. – Ratjen, Hegewisch, im Schlesw.-Holst. Jahrbuch VII, 277. – Flensb. Religionsbl. 1835. – Wilh. Röseler in Itzehoer Nachrichten 1886. – Im gegnerischen Ton J. H. Voß in Sophronizon 1819, I, 3, 13, 58.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 337. Z. 17 v. u.: Daß die Gräfin Julia Reventlow Gedichte verfaßt habe, ist ein von dem Unterzeichneten bereits widerlegter Irrthum. Die drei Gedichte, die der Gottorper M. A. 1777 S. 6, 93 (nicht 95) und 99 unter der Chiffre Juliane S. gebracht hat, haben nicht die spätere Gräfin Reventlow, sondern die bekannte Dichterin Magdalene Philippine Gatterer zur Verfasserin. Die beiden ersten erschienen schon 1778 in deren Gedichten, wie der Unterzeichnete im Chiffernlexikon S. 16 bereits angeführt. Die A. D. B. hat das Richtige Bd. VI, S. 136 in Creizenach’s kurzem Artikel über die Dichterin. [Bd. 29, S. 776]