ADB:Jacobi, Johann Georg

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Artikel „Jacobi, Johann Georg“ von Daniel Jacoby in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 587–592, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Jacobi,_Johann_Georg&oldid=- (Version vom 21. Juli 2019, 09:33 Uhr UTC)
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Band 13 (1881), S. 587–592 (Quelle).
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Jacobi: Johann Georg J., älterer Bruder des Philosophen Friedrich Heinrich J., geb. zu Düsseldorf am 2. September 1740, † am 4. Januar 1814 zu Freiburg im Br. – Nach einer glücklichen Kindheit, deren er sich später gern erinnerte, und sorgfältiger Erziehung, frühe mit französischer Bildung vertraut, bezog J. 18jährig die Universität Göttingen. Dort blieb er bis zu Ostern 1761. Zuerst studierte er Theologie, mit entschiedener Neigung zur humanen Moral der Zeit; auch in seinen später erschienenen Predigten vertrat er das Evangelium Yoriks, wie Wieland einmal scherzhaft äußerte. Nachdem er vorübergehend in Helmstädt sich der Rechtswissenschaft zugewendet und den Sommer 1762 zu Hause verlebt hatte, wo er mit dem zurückgekehrten Bruder zusammentraf, führte er in Göttingen seinen lange gehegten Wunsch aus, nach seinen eigenen Worten besonders von dem bekannten Professor Klotz ermuthigt, dem Studium der alten und neuen Sprachen sich ganz zu widmen. In einer lateinischen Dissertation handelte er über Tasso, 1763; ein Jahr darauf erschienen in Düsseldorf seine „Poetischen Versuche“. In der Sammlung sind nur wenige Gedichte, u. a. auch eine Ode über den Tod seiner zweiten Mutter; eine Uebersetzung aus Dante: Ugolino’s Erzählung in reimlosen Fünffüßlern; [588] ein Stück in Prosa mit Versen vermischt „Der Tempel des Hymens“. In Halle, wohin er 1766 als Professor der Philosophie berufen wurde, fand der dichterische Drang in ihm mehr Nahrung. Klotz, der dort als Professor einen großen Kreis von Gelehrten um sich zu versammeln wußte, erhielt von ihm für seine „Deutsche Bibliothek“ „Romanzen aus dem Spanischen des Gongora“. – Sein Antrittsprogramm, 1766, „De lectione poetarum recentiorum pictoribus commendanda“, enthält viel Interessantes; Klopstock rühmt er als Deutschlands Milton und führt wiederholt Stellen aus dem Messias an: die Erkenntniß eines principiellen Unterschiedes der Poesie und bildenden Kunst liegt ihm fern. Lessing’s Laokoon erschien in demselben Jahre. – In der schöngeistig-vornehmen Gesellschaft, in welcher sich J. bewegte, konnte er gerade wegen der natürlichen Begabung des sprachlichen Ausdrucks nicht gleich zur Einsicht kommen, daß die Poesie mehr ist als ein geistreiches Spiel mit zierlichen Gedanken. Einem glücklichen Zufall verdankte er die Bekanntschaft Gleim’s im Bade Lauchstädt (1766). Der weit ältere Dichter schloß sich J. auf’s herzlichste an. Poetische und prosaische Episteln gingen von Halberstadt nach Halle und umgedreht: der neidlose, gefühlvolle Gleim schmeichelte durch übertriebenes Lob der Eitelkeit des jungen Freundes. Den deutschen Gresset[WS 1] nennt er J. wiederholt – Friedrich II., Gleim’s Abgott, liebte Gresset – und vergleicht ihn mit Chapelle und Chaulien. Die im Druck erschienenen Briefe (1768), von denen einzelne durchgereimt sind, andere zwischen Prosa und Poesie abwechseln, erregten mit ihrer übergroßen Zärtlichkeit auch in dieser gefühlsseligen Zeit Anstoß, vor allem bei Klopstock, Herder (Kritische Wälder, Ausg. v. Suphan, 3, 35), Goethe (Dichtung und Wahrheit, 14. Buch).

Durch Gleim kam J. in Verbindung mit Uz, der Karschin, die „den jungen, wundervollen Mann“ in einem Gedicht an Gliphästion (Gleim) ansang. Den Freund in der Nähe zu haben, ward Gleim vergönnt als es gelang, ihm in Halberstadt eine Stiftspräbende zu verschaffen; zum Oberprocurator, schreibt Gleim, den jeder Cannonicandus haben muß, habe er Lichtwer erwählt, „ein Aesop und ein Gresset an einem teutschen Stifte“. Seit 1768 (nicht 1769) lebte J. in Halberstadt; der Vorbericht zu seinen „Nachtgedanken“, in denen er seine „Belinde“, die in Halle lebte, in heiterem Tone besingt, ist vom „7. Jenner 1769“. In Halberstadt verkehrte J. mit B. Michaelis, Benzler, später mit Clamer Schmidt, W. Heinse. Gleim träumte von der Stiftung einer Art Akademie zur Vereinigung der Edelsten Deutschlands und zur Belohnung des Verdienstes (Brief an J. vom 18. Februar 1768). Auch den Schönen in Halberstadt verdankte J. die Anregung zu manchem Gedichte, wie früher in Halle; Beziehungen auf bestimmte Frauengestalten treten auch in seinen Gedichten fast überall hervor. Häufige Reisen führten dem Dichter neue Eindrücke zu, nach Hannover, Celle, und zu den Seinigen nach Düsseldorf oder Pempelfort: der Bruder, wie dessen Gattin Betty, eine herrliche Niederländerin, wie Goethe sie nennt, die jüngeren Schwestern (von der zweiten Mutter) Helene und Lotte hingen mit zärtlichem Stolze an ihm.

Das Lob seiner Freunde machte J. nicht blind; schon um die Mitte des J. 1769 wandte er sich von der tändelnden Dichtung ab mit seinem „Abschied an Amor“: trotz Gleim’s und Wieland’s Eintreten für den verabschiedeten blieb er seinem Vorsatz treu, seine Dichtung zu vertiefen. Großen Beifalls erfreute sich seine „Winterreise“ (1769), einem Briefe aus Hamburg zufolge, sogar bei Lessing, der auch Jacobi’s „Elysium“, ein Vorspiel aus Arien, bei einer Aufführung in Celle lobte, wo er mit J. „überaus höflich“ sprach. In jenem Werkchen bediente sich J. einer aus Prosa und Versen gemischten Form, wie auch in der später von ihm unterdrückten „Sommerreise“ (1770). In warmherziger [589] Schwärmerei tritt er nach Sterne’s Vorbild für Versöhnlichkeit unter den Menschen ein, für Wahrheit des Gefühls gegen Unnatur und Verkünstelung. Aeußerlich bezeugte er wie sein Bruder seine Sympathie für Sterne, den bekanntlich auch Lessing so hochhielt, durch den Gebrauch und das Verschenken von hörnenen Tabaksdosen, welche an den Franziskaner Lorenzo in Sterne’s[WS 2] Werk erinnern und die Pflicht liebender Duldung nahe legen sollten. Diese Lorenzodosen verbreiteten sich überall und noch viele Jahre, bis das Symbol seine Bedeutung verlor und die Spielerei verlacht wurde. – Jacobi’s Ruhm, aber auch die Feindschaft der Gegner vermehrte sich durch die Herausgabe seiner „Sämmtlichen Werke“, zuerst Halberstadt 1770, 2 Thle, 1774 3. Theil; zum dritten Male herausgegeben Frankfurt und Leipzig, 1779. Unter den „Briefen“ im ersten Theil befindet sich jenes Lied „An Belindens Bett“, das schon damals ein französischer Uebersetzer ganz besonders rühmte als ein Gemälde zarter Sinnlichkeit und das Goethe bei der Abfassung einer bekannten Szene im Faust offenbar vorschwebte. „Philaide“, an die sich meherere „Briefe“ richten, ist die Gräfin Luise v. Hatzfeld.

Angriffe erlitt J. von Bodmer, Gerstenberg, Lichtenberg, besonders von Nicolai, der ihn als dichterischen Stutzer unter dem Namen eines Herrn v. Säugling in seinem Romane „Sebaldus Nothanker“ lächerlich zu machen suchte. Auch Bürger und die Göttinger, eine Zeit lang selbst Boie, waren gegen ihn. J. und die Halberstädter Dichter rächten sich (Winter 1774) durch Epigramme an ihren Gegnern, besonders gegen Nickel (Nicolai) und Mauvillon und Unzer (die Epigramme s. bei Pröhle, „Lessing, Wieland, Heinse“, Berlin 1877). Wenn aber einige Anhänger Lessings’s J. in Verdacht hatten, daß er mit den Ränken des Herrschsüchtlings Klotz etwas zu thun gehabt, so irrten sie: ein Briefentwurf Jacobi’s an Gerstenberg belehrt darüber. Nach dem Tode Klotzens hätte J. sich nicht so ängstlich und geschmacklos in Form eines „Briefes an eine Freundin“ (Sophie Laroche) zu rechtfertigen brauchen (1772). Goethe verspottete ihn dafür derb und rücksichtslos in den „Frankfurter gelehrten Anzeigen“ (W. Scherer, Studien über Goethe. Deutsche Rundschau, November 1878). Im Frühling 1771 hatte J. die persönliche Bekanntschaft mit Sophie Laroche gemacht; mit ihm weilten in Ehrenbreitstein sein Bruder und Wieland. Die Neigung zu Sophies 16jähriger Tochter, der schwarzäugigen Maximiliane, beglückte ihn: zum zweiten Bande der Gesammtausgabe seiner Werke berichtet J. selbst, daß er die Lieder an Elise in dem anmuthigen Thale Giebichenstein gesungen habe, da Sophie und Wieland sein Herz erwärmten, seine Phantasie in eine schönere Welt hinwegrückten. Ebenso sei auch sein Gedicht „Der Schmetterling“ auf einer Rheinfahrt entstanden, die er mit beiden gemacht. Dem Gedichte ging in der Ausgabe von 1774 eine Vorrede „An Panthea“ vorher, später „An Sophie Laroche“ von J. geändert.

Es war für Gleim ein großer Schmerz, als J. Halberstadt 1774 verließ, um in Düsseldorf in Gemeinschaft mit Heinse die Zeitschrift „Iris“ zu begründen, die sich vornehmlich an Frauen wendete. Der Dichter wollte „als Deutscher mit Deutschen reden, ohne die Nachbarn, deren Weisheit wir gebrauchen können, zu verachten; Empfindung der Natur wecken, ohne der zur Mode gewordenen Empfindsamkeit zu schmeicheln“. Am Schlusse des ersten Bandes forderte J. die Freunde des schönen Geschlechts zu Beiträgen auf. Im zweiten Bande bereits (1. St. Jenner 1775) finden sich solche von Goethe, mit D. Z. P. N. unterzeichnet. Goethes Abneigung gegen beide Brüder war hartnäckig gewesen, trotz der Bemühungen Sophiens, trotz der Bekanntschaft mit Johanna Fahlmer, der Tante Jacobi’s und selbst trotz der Freundschaft mit Betty, die Goethe im Sommer 1773 in Frankfurt durch ihre trefflichen Eigenschaften bezauberte. [590] In jenem Jahre schrieb Goethe noch eine Farce gegen die „Kerls“, die nie bekannt geworden ist, und in einem Briefe an Sophie Laroche (nach v. Loeper Ende August 1773) spricht er seinen Aerger aus, daß seine Schwester Kornelie auf die „Iris“ pränumeriert habe. Aber im Juli 1774 lernte er Fritz kennen und lieben, und auch von Georg, der in Pempelfort weilte, erhielt er „Vergebung wegen kleiner Unarten“, wie er in „Dichtung und Wahrheit“ sagt. Im December desselben Jahres schreibt er Georg und sendet ihm Beiträge für die „Iris“, und mit komischer Traurigkeit klagt er in demselben Monat, „daß er nun mit all den Leuten wieder gut Freund ist, den Jacobi’s und Wieland“. – Der Einfluß Goethe’s ist auch auf den älteren J. segensreich gewesen. Was Poesie ist, mußte ihm durch Goethe erst recht klar werden. Einige Lieder Jacobi’s in der „Iris“ sind von großer Schönheit; wenn er selbst mit einigen Gedichten, wie mir scheint, Goethe angeregt hat, so wirkte dessen Genius auf ihn vertiefend, erhebend und begeisternd: zuweilen hat ein Lied von ihm einen ganz Goethe’schen Ton, so das „Im Sommer“ (später „Der Sommertag“, „Wie Feld und Au“), welches mit Unrecht in Goethe’s Werken steht; so einige von den Liedern an Chloe, besonders „Der erste Kuß“. Ihnen lag eine tiefempfundene Neigung des Dichters zu seiner Cousine Karoline J. in Celle, deren Besitz ihm versagt wurde, zu Grunde. Auch die „Litanei auf das Fest aller Seelen“ („Ruhn in Frieden alle Seelen“) findet sich schon in der „Iris“ (VI. Band, 1776).

Nach dem Eingehen der „Iris“ mit dem achten Bande 1776 erschienen mehrere Beiträge Jacobi’s in Wieland’s Merkur, für dessen erste Bände er schon früher neben einigen Gedichten die Erzählung „Charmides und Theone“ verfaßt hatte (1773), eine Dichtung nach Jacobi’s Worten im Alter, die eine süße Schwärmerei hervorgebracht und die ihn an eine frohe Vergangenheit erinnerte. Die große Beliebtheit des Dichters bezeugte die liebevolle Aufnahme der „Auserlesenen Lieder von J. G. J.“, welche Joh. Georg Schlosser (in Emmendingen), 1784 (Basel) veranstaltete. Die Sammlung widmete Schlosser dem Dichter Pessel in Colmar, mit dem J. später in innige Gemeinschaft kam. Daß diese Auswahl seiner Lieder den Beifall Fr. L. Stolberg’s in hohem Maße erhalten, erwähnt J. noch 1809 mit Stolz. In derselben befindet sich wieder das Gedicht „Im Sommer“, wie auch das „An die Rose“, der würdigste Preisgesang nach Matthisson’s Urtheil auf diese Götterblume; ebenso „Die Perle“ („Es ging ein Mann zur Frühlingszeit“), eine dichterische Verklärung, wie mir scheint, seines Liebesschmerzes, mit leidenschaftlicherem Ton, als ihm sonst eigen ist. Auch das liebliche „Sagt, wo sind die Veilchen hin“, das zuerst 1783 im Musenalmanach von Voß erschienen war, bearbeitet nicht, wie J. irrthümlich meinte, „nach einem alten Liede“, sondern nach dem „Gartenlied“ von K. A. Suabe.

In demselben Jahre 1784 wurde dem Dichter noch eine Freude. Die Sorge um seine Zukunft wurde ihm durch seine Berufung als Professor der schönen Wissenschaften nach Freiburg im Br. genommen. Auf dem Wege dorthin besuchte er Schiller in Mannheim; ein Brief von diesem an J. im November zeigt, daß er J. seine bedrängte Lage eröffnet hat. Dem Dichter gelang es, obwohl er der erste Protestant an der Hochschule zu Freiburg war, segensreich zu wirken: auch die Gegner anerkannten seine Redlichkeit. Der Verkehr mit Schlosser und dessen zweiter Gemahlin Johanna Fahlmer, mit Pfeffel in Colmar, später besonders mit v. Ittmer (s. d.), v. Zink gab ihm Ersatz für den Verlust der Freunde im Norden. Das dankbare Andenken an Gleim sprach er oft auch in Gedichten an ihn aus. Fast 52jährig heirathete er ein einfaches, junges, sehr schönes Mädchen, Maria Müller „von St. Peter auf dem Schwarzwald“. Diese Frau machte das Glück seines Lebens: in dem Singspiel „Phädon und [591] Naide“, hat er ihr ein poetisches Denkmal gesetzt (1788). S. auch das Gedicht „An meine Frau“, V. 142 (1811, Zürich): „Dir sang ich als Naiden, … einst meine Sehnsucht vor.“ – Auf den Tod des edlen Joseph II. hielt er eine Trauerrede. In dem „Lustspiel“ „Wallfahrt nach Compostel“, in seinen 1792 erschienenen „Theatralischen Schriften“, stellte er getreu den Idealen seiner Jugend dar, wie natürliche Neigung über Frömmelei und Unnatur den Sieg behauptet: die Gegner, welche ihm Religionsspötterei vorwarfen, kamen nicht auf.

Auch als durch Goethe und Schiller die deutsche Dichtung einen gewaltigeren Aufschwung genommen, blieb Jacobi’s Namen im Vaterland in Ehren. Bedeutende Männer betheiligten sich an den von ihm herausgegebenen Zeitschriften. In den „Taschenbüchern“, die vom Jahre 1795–1813, mit Unterbrechung, erschienen und seit 1803 wieder den alten Namen „Iris“ führten, finden wir Beiträge von den Grafen Stolberg, von Voß, Claudius, mit dem J. längst innig befreundet war, von seinem Bruder, Klopstock und Herder (1800); auch von den Dichtern, die bereits in unser Jahrhundert mit ihrer Hauptwirksamkeit hineinragen, von Conz, Haug, Matthisson, Peter Hebel (1803 „Der Abendstern“), Jean Paul (1800).

Nach dem Tode seiner besten Freunde Schlosser, Pfeffel, Gleim, fühlte J. die Bürde des Alters; seine Heiterkeit aber verließ ihn ganz, als sein einziger Sohn Fritz im Jünglingsalter ihm entrissen wurde. Der Besuch seines Bruders von München im Sommer 1812, den die beiden Schwestern begleiteten, gab ihm Trost, nicht minder die siegreiche Entscheidung bei Leipzig. Aber seine Kraft war dahin; vier Tage vor seinem Tode bezeugte er seine Freude über des Vaterlandes Rettung in rührenden Versen. Bei seinem Leichenbegräbnisse sangen Mädchenchöre sein ergreifendes „Aschermittwochslied“ („Weg von Lustgesang und Reigen“). – Die erste Gesammtausgabe seiner Werke erschien Zürich 1807–22 (s. Bd. v. Ittner’s Biographie; auch einzeln Zürich 1822): dann Zürich 1819 in 7 Bden. und Zürich 1825 in 4 Bden. –

Von französischer Bildung in jungen Jahren durchaus beeinflußt, strebte J. nach dem Muster des von ihm verehrten Hagedorn nach einer freieren Auffassung des Lebens, ohne jemals die Grazie zu verleugnen. Bald genug widerte ihn das gehaltlose Spielen mit „Götterchen und Amoretten“ (Wieland) an: er dankte es Gleim nicht, daß er durch dessen wiederholtes Lob als Nachahmer lediglich der französischen leichten Grazie galt; dieses Urtheil hing ihm lange noch an, als er es nicht mehr verdiente. Was J. im Alter von einem Dichter forderte, das findet sich im Wesentlichen in seinen Dichtungen durchgeführt. Im J. 1805 drückt er dem Freiherrn v. Meusebach, der ihm in liebender Verehrung Gedichte übersandt, seine Freude aus, daß er die ältesten deutschen Dichter und besonders Hagedorn studiert hat, empfiehlt dem Dichter, das darzustellen, was er selbst gesehen und empfunden; edle Einfalt, frisches und warmes Colorit, Zartgefühl ohne Spielerei, helfen zum Fortschreiten auf dem Wege der Natur. Der Wohllaut endlich scheint ihm in der Poesie ein ebenso unverletzliches Gesetz, wie in der Tonkunst zu sein, und für die Reinheit der Sprache eintretend, tadelt er seinen Freund Voß, daß er unser Deutsch mit einer Menge von Hellenismen überschwemmt und sich die verrenktesten Wortfügungen gestattet hat (s. Briefw. des Freih. v. Meusebach mit J. und W. Grimm, herausg. von C. Wendeler, 1880, S. V f.). – Der Sinn für unververkünstelte Einfachheit, sein inniges Naturgefühl zogen J. nach seiner ersten Periode zunächst zu Sterne hin, dann wirkte Goethe auf ihn. J. gehört zu denjenigen, die nicht mit Heftigkeit, aber mit gleichmäßig anhaltender Wärme für Natur und Wahrheit der Empfindungen, für eine vernünftige Lebensführung eintraten. Fehlten ihm auch [592] die ursprüngliche Kraft, die überzeugende Anschaulichkeit, die energische Leidenschaftlichkeit Goethe’s – es kommt dabei die angeborene Zartheit ebenso in Betracht, wie die ihn fast bis in die Mannesjahre beeinflussende französische Bildung – so erreicht er ihn doch oft in jener Anmuth und naiven Grazie, die dem größten deutschen Lyriker auch in den stürmischsten Epochen seines Lebens nie ganz fehlten. Das Großartige, Kühne, Gewaltige und Gewaltsame, Schneidigkeit und Derbheit liegen J. ferne: der stürmische Schwung der Ode, die Darstellung heftiger Leidenschaft, wie das Epigramm und die Satire. Mit sicherer Hand zu gestalten, vermag er nicht, feste Umrisse fehlen; daher sind seine Balladen und Romanzen in der „Iris“ so schwach, und mit Recht hat er sie in der Ausgabe seiner Werke fortgelassen. Auch ist der Kreis seiner Gedanken nicht groß, aber er weiß auch das Gewöhnliche und Naheliegende durch Phantasie und Gefühlswärme, wie durch sicheren Takt zum Dichterischen zu steigern und zu läutern. Sein treffliches „Spinnerlied“ („Arbeitet ihr Mädchen, bringt süßen Gewinn“) sei ein Beispiel unter vielen. Im Gelegenheitsgedicht im engeren Sinne ist er daher sehr glücklich. Seine Sprache ist überaus gefeilt, ungezwungen und wohllautend; ein Mißklang stört selten, fast nie findet sich ein Hiatus, wenn auch freilich unreine Reime. J. wird niemals trivial, weil seine Natur zu edel und vornehm ist, weil wahrhaft dichterische Wärme ihn bis ins Greisenalter beseelte; aber die idyllische und friedfertige Genügsamkeit, die sehr viele seiner Gedichte athmen, wird dem Leser von heute weniger zusagen, als dem Deutschen in den 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eine geschickte Auswahl seiner besten Lieder würde den einst überschätzten, dann mit Unrecht fast vergessenen Dichter zu Ehren bringen. Besonders in den feinen Gedichten aus der letzten Periode ist in ihm bei Betrachtung der irdischen Dinge trotz seiner gesunden Lebensanschauung immer die Sehnsucht lebendig nach dem Unvergänglichen; aber auch die religiösen Lieder sind frei von aller Plattheit. Die Gedichte „Vertrauen“ („Die Morgensterne priesen“), „Die Linde auf dem Kirchhofe“ („Die Du so bang“) sind bekannt genug, weniger das schöne Gedicht „Liebe“ und „Die Tempel“. –

K. v. Rotteck, Gedenkrede auf Jacobi, Freiburg 1814. – Jördens. – E. Martin, Ungedruckte Briefe von und an J. G. Jacobi, mit einem Abrisse seines Lebens, Straßburg 1874. Dazu über J. G. Jacobi von E. Martin und Wilhelm Scherer in Zeitschr. für Deutsches Alterthum, N. Folge VIII. S. 324–340. Goethe-Jahrbuch 1880, S. 190 f. und Zeitschr. für Deutsches Alterthum, N. Folge XII. 236 f. von D. Jacoby. – Pfeffel’s Briefe an Jacobi in „Alsatia“ von A. Stöber, 1875, Colmar.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jean-Baptiste Louis Gresset (1709–1777), französischer Dichter.
  2. Laurence Sterne (1713–1768), englischer Schriftsteller.