ADB:Stöber, August

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Artikel „Stöber, August“ von Ernst Martin in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 267–270, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:St%C3%B6ber,_August&oldid=- (Version vom 24. April 2019, 12:24 Uhr UTC)
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Band 36 (1893), S. 267–270 (Quelle).
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Stöber: Daniel August Ehrenfried St., elsässischer Dichter und Forscher. Als der älteste Sohn von Ehrenfried St. (s. u.) 1808 zu Straßburg geboren, verlebte er seine Jugend unter dem Einfluß der poetischen und politischen Bestrebungen seines Vaters, welcher die gleichen Neigungen bei seinen Kindern begünstigte. In seine Studienzeit (1828–34) fiel die Julirevolution. August St. hatte schon als Schüler des protestantischen Gymnasiums eine Sammlung für die Kinder des freisinnigen Generals Foy veranstaltet; 1830 trat er mit seinem Bruder Adolf und mit ihrem gemeinsamen Lehrer Eduard Reuß, dem erst 1891 verstorbenen Theologen, in die Nationalgarde ein. Noch die Februarrevolution begrüßte er begeistert in einem „Briefe an den Vetter Lienhard von Gradaus dem Jüngeren“ (Straßburg 1848) und suchte durch ein Volksblatt „Der Freiheitsbaum“ die gleichen Ansichten zu verbreiten, wurde aber bald durch die weiteren Ereignisse von jeder politischen Thätigkeit abgewandt. Seine Universitätsstudien hatte er 1834 mit seiner Thèse „Essai sur la vie et les sermons de Geiler de Kaisersberg abgeschlossen, worauf er einige Jahre in Oberbronn als Hauslehrer zubrachte, gelegentlich auch als Prediger auftrat. 1838 übernahm er die Oberlehrerstelle an der Mädchenschule in Oberbronn, und erwarb sich hier wie später als Lehrer vollste Anerkennung. 1841 folgte er einer Berufung an das Collège zu Mülhausen, wo sein Bruder Adolf bereits als Geistlicher eine Anstellung gefunden hatte und wohin auch die Mutter und die anderen Geschwister übersiedelten. In der Familie Adolf’s fand August, welcher unverheirathet blieb, die Heimstätte seines Gemüthes. Ein Freundeskreis, welcher sich in der litterarischen Gesellschaft Concordia auch zu heiterer [268] Geselligkeit zusammenfand, und die Verbindung mit den Baseler Professoren, insbesondere mit Wilhelm Wackernagel, gewährten ihm auch die Befriedigung geistiger Bedürfnisse, die sonst in der „Kattunstadt“ Mülhausen schwer zu finden war. Die Bürgerschaft nahm für ihre Vereine seine dichterischen Gaben in Anspruch; die reichen Fabrikherren folgten seinen Anregungen zur Sammlerthätigkeit, welche zuletzt in dem ansehnlichen Museum der Industriellen Gesellschaft ihren Mittelpunkt fand. Als Vorstand dieses Museums und als Stadtbibliothekar war St. bis zu seinem Tode am 9. März 1884 thätig, nachdem er die mühevolle Lehrthätigkeit (er gab zeitweise 40 Stunden wöchentlich, z. Th. Privatstunden) 1873 mit dem Ruhestand vertauscht hatte. Seiner Schulstelle war er treu geblieben, auch als 1852 ein lockender Ruf an eine weit bessere in Basel ihm zugekommen war. Er sah seine Lebensaufgabe darin, das altelsässische Wesen, welches seit Napoleon’s III. Regierung doppelt schwer durch die französische Sprache und Sitte bedrängt war, zu erhalten und namentlich litterarisch festzustellen. Um nur seine Schriften dieser Art erscheinen zu sehn, gab er lieber dem Verleger seine Schulbücher, deren Absatz ja gesichert war, für ein geringeres Honorar. Gerne verband er sich mit Gleichgesinnten zu dichterischen und wissenschaftlichen Arbeiten, welche in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften erschienen: zumeist mit L. Schneegans, Mühl, Zetter, von denen besonders der letztgenannte, in Mülhausen als Geschäftsmann lebend, unter dem Dichternamen Otte mit ihm als Lyriker wetteiferte und ihn bei der Herausgabe des „Samstagsblattes“ 1856–66 unterstützte, ja dem Namen nach diese selbständig leitete; später schlossen sich jüngere, mehr auf dem historischen Felde thätige Heimathgenossen an St. an: Rudolf Reuß, X. Moßmann u. a. In Deutschland hatte St. die Häupter der schwäbischen Dichterschule durch einen Besuch bei Gustav Schwab 1836 kennen gelernt. 1846 traf er auf der Germanistenversammlung zu Frankfurt mit Uhland und den Brüdern Grimm zusammen; sein Briefwechsel, besonders mit Jakob Grimm, zeigt, wie nahe er sich diesem auch persönlich anschloß und wie er den Dank für dessen wissenschaftliche Belehrung durch zahlreiche Beiträge zum deutschen Wörterbuch abzutragen suchte. 1856 besuchte er Nürnberg als Mitglied des Gelehrtenausschusses für das Germanische Museum; auch dem Freien Hochstift zu Frankfurt gehörte er an. Dann führten ihm die Ereignisse von 1870 die meisten der deutschen Gelehrten zu, welche an seine historischen Arbeiten anknüpfend der Geschichte des elsässischen Geisteslebens ihr Augenmerk zuwandten: er kam ihnen freundlich entgegen, pflegte aber vor allem sorgsam die Beziehungen zu den alten Freunden im Lande. An seinem 70. Geburtstage ernannte ihn die philosophische Facultät in Straßburg zum Ehrendoctor; 1864 hatte er von der französischen Regierung die Palmen des officier de l’académie erhalten.

Die dichterischen Anfänge August Stöber’s sind von Hölty und Schiller, dann von Amadeus Hoffmann und Fouqué beeinflußt. Noch als Schüler ließ er mit seinem Bruder Adolf zusammen Gedichte drucken unter dem Titel: „Alsatisches Vergißmeinnicht“ (Straßburg 1825). Dann zog ihn die stammverwandte schwäbische Dichterschule in ihre Kreise: es sind hauptsächlich Romanzen nach diesem Vorbild, welche er wieder mit dem Bruder zusammen als „Alsabilder. Vaterländische Sagen und Geschichten“ (Straßburg 1836) herausgab und Gustav Schwab und dem Lehrer seiner Kinderzeit, dem Historiker Adam Walther Strobel gemeinsam widmete. Mit dieser erzählenden Dichtung verbindet sich die Lyrik des Gefühls in den „Gedichten“ (Straßburg 1842). In der 2. Auflage (Mülhausen 1867) ist auch ein größeres Gedicht in trochäischen Vierfüßlern eingereiht: „Weinblüthphantasien auf Hohkönigsburg“ (1845), worin die Weine der Heimath persönlich auftreten in ähnlich romantischer Auffassung [269] wie sie später in Roquette’s: Waldmeisters Brautfahrt so viel Beifall gefunden hat. Dem Heimathsgefühl gibt einen ebenso innigen Ausdruck die Sammlung „Drei-Aehren im Oberelsaß“ (1873, 2. Aufl. Straßb. 1877), welche diesen schönen Aussichtspunkt, den regelmäßigen Sommeraufenthalt des Dichters in seiner späteren Zeit, anmuthig schildert. Der reiche Humor Stöber’s entfaltet sich mehr in den dialektischen Gedichten, von denen die älteren, lyrischen, mehr die Straßburger Mundart, die späteren, umfangreicheren die von Mülhausen gebrauchen: so stellt „E Firobe im e Sunggauer Withshüs“ (Mülhausen 1865, in 2. Aufl. 1868 erschienen und mit Musikbegleitung mehrmals zur Aufführung gebracht) das Bauernleben in seiner Naivetät und Derbheit dar, während die solide und kluge Bürgerwelt der ehemaligen freien Stadt Mülhausen in der Erzählung mit Illustrationen „D’Geschicht vom Milhüser un Basler Sprichwort: d’r Fürsteberger v’rgesse“ höchst anschaulich geschildert wird. Hieran schließen sich auch zahlreiche Erzählungen in Prosa, durch welche St., abgesehen von einigen selbsterfundenen Stoffen, mit besonderer Vorliebe die guterzählten Novellen und Schwänke, wie sie das Elsaß im 16. Jahrhundert zahlreich hervorgebracht hat, wieder auffrischte. Er sammelte sie als „Erzählungen, Märchen, Humoresken, Phantasiebilder und kleinere Volksgeschichten“ (Mülhausen 1873), einzelne waren schon in seiner ältesten Zeitschrift „Erwinia“ 1838–39 erschienen. Damals war gegen das Bestreben Stöber’s, diese altelsässische Litteratur in deutscher Sprache fortzusetzen, L. Spach in seinem Album Alsacien heftig aufgetreten; darauf erwidernd hatte Eduard Reuß in seinem Aufsatz „Wir reden deutsch“ das scharf ausgesprochen, was St. in seiner milden Art stillschweigend übte. Mehr und mehr wandte sich St. der philologischen Arbeit zu, der Erneuerung elsässischer Ueberlieferung in Sage und Sitte, in Sprache und Litteratur, immer strebte er dabei durch eine allgemeinverständliche Darstellung die Heimathliebe in weiteren Kreisen zu wecken und zu nähren. Sein „Elsässisches Volksbüchlein“ (Straßb. 1842) sammelte, von den Wiegenliedchen beginnend, Sprüche und Reime der Kinder, der Bauern und Handwerker. Die Sammlung wurde von Anderen vielfach benutzt und nachgeahmt und erfuhr 1859 eine neue Auflage. Sie sollte ursprünglich ein Anhang sein zu Stöber’s „Oberrheinischem Sagenbuche“ (St. Gallen 1842), welches in der von ihm und Anderen herrührenden poetischen Form die Elsässer Sagen zusammenstellte und durch J. Klein noch eine illustrirende Beigabe erhielt. Den Deutschen Sagen der Brüder Grimm näherte sich mehr eine spätere Sammlung Stöber’s: „Die Sagen des Elsasses, zum ersten Male getreu nach der Volksüberlieferung, den Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen gesammelt und erläutert“ (St. Gallen 1852, 2., Titelauflage 1858; eine neue Ausgabe, von Kurt Mündel besorgt, hat zu Straßburg 1892 zu erscheinen begonnen). Mit dem Studium der Volksüberlieferungen verband sich naturgemäß das der Mundart. Schon 1846 ließ St. Proben aus einem elsässischen Idiotikon drucken und zeichnete seitdem sowol aus dem Volksmund wie aus älteren Schriftwerken die Alsatismen auf. Zur Vollendung des über die Kräfte eines Einzelnen hinausgehenden Unternehmens gelangte er nicht, wol aber sind seine zahlreichen Notizen von seinen Verwandten mit dankenswerther Bereitwilligkeit für ein Wörterbuch der elsässischen Mundarten zur Verfügung gestellt worden, welches der Unterzeichnete in Verbindung mit Dr. Hans Lienhart und mit Unterstützung der Landesbehörden in einigen Jahren fertig zu stellen hofft. St. selbst hat aus seinen Sammlungen mehrmals Erläuterungen zu elsässischen Schriftstellern gegeben, insbesondere zu Adam Maeder, „Die letzten Zeiten der ehemaligen eidgenössischen Republik Mülhausen“ (1876); er hat auch eine Reihe einzelner Erscheinungen in Frommann’s Zeitschrift „Die deutschen Mundarten“ behandelt. Noch mehr verdankt [270] die elsässische Litteraturgeschichte ihm zahlreiche Aufklärungen. Geiler’s „Emeis“ gab er auszugsweise zu Basel 1856 heraus unter dem Titel „Zur Geschichte des Volksaberglaubens im Elsaß zu Anfang des 16. Jahrhunderts“. Ueber „Jörg Wickram, Volksschriftsteller und Stifter der Meistersängerschule zu Colmar im 16. Jahrh.“ schrieb er 1866. Aus der neueren Litteraturgeschichte zog ihn besonders der blinde Dichter Pfeffel an, dessen „Epistel an die Nachwelt“ er mit Erläuterungen und ungedruckten Briefen versehen zu Colmar 1859 herausgab; über dessen Kriegsschule er in demselben Jahre einen französischen Bericht veröffentlichte; dessen Verdienste um Erziehung, Schule, Kirche u. s. w. er (Straßb. 1878) darstellte. Die Errichtung des Pfeffeldenkmals zu Colmar 1859 war von ihm angeregt, und das bei dieser Feier erscheinende „Pfeffel-Album“ auch von ihm unterstützt worden. Nicht weniger aber fesselte ihn Goethe und sein Straßburger Kreis. „Der Dichter Lenz und Friederike v. Sesenheim“ (Basel 1842), brachte zuerst über die tragische Geschichte des ersteren eingehende Nachrichten, welche theilweise ebenso wie die über den „Actuar Salzmann“ (Mülhausen 1855) und über „J. G. Roederer und seine Freunde“ (Colmar 1874), aus jetzt nicht mehr vorhandenen Urkunden geschöpft waren. Werthvoll durch persönliche Erinnerungen waren die biographischen Notizen über elsässische Freunde und Mitforscher, insbesondere über J. G. Stoffel (Straßb. 1881). Mit diesem zusammen hatte St. auch das antiquarische Gebiet durchforscht; seine Ergebnisse veröffentlichte er in der Schrift „Der Hünerhubel, ein gallisches Grab bei Rixheim“ (Mülh. 1859), womit er eine ähnliche Studie verband: „Der Weiler Ell, das gallorömische Hellelus“. So lieferte er auch eine Reihe von historisch-topographischen Darstellungen, wobei er als rüstiger Fußwanderer überall aus eigener Anschauung reden konnte. Diese Arbeiten waren zum Theil für sich erschienen, wie „Der Kochersberg im Unterelsaß“ (Mülh. 1857), zum Theil auch Sonderabdrücke aus seinen historischen Zeitschriften, denen mehrere der litterarhistorischen Schriften ebenfalls eingereiht waren. 1843–48 gab er zu Straßburg, später zu Basel „Elsässische Neujahrsblätter“ heraus, worin sich noch die mehr litterarischen Beiträge mit den historischen vermischten; diesen letzteren allein war der „Neujahrsstollen für 1850“ und weiterhin die „Alsatia“ gewidmet, welche mit dem Nebentitel „Jahrbuch (oder Beiträge) für elsässische Geschichte, Sage, Alterthumskunde, Sitte, Sprache und Kunst“ 1850–76 in 11 Bänden zu Mülhausen erschien und einen Abschluß fand durch die „Neue Alsatia … ausgewählt aus 50 Jahren litterarischer Thätigkeit“ (Mülh. 1885). Die Beilage hierzu, „Analytisches Verzeichniß der Schriften des Verfassers über das Elsaß 1834–84“ ist auch den „Recherches sur le droit d’asile de Mulhouse“ (Mulh. 1884) angefügt, womit die besonders in der Revue d’Alsace und im Bulletin du Musée historique de Mulhouse veröffentlichten französischen Schriften Stöber’s beschlossen wurden. Dieses Verzeichniß führt zwar noch manche der kleineren Arbeiten Stöber’s nicht an, gewährt aber die beste Uebersicht über seine ausgebreitete litterarische Thätigkeit, welche, wie er mit Recht bemerkt, von dem einen Gedanken durchdrungen ist, von der Erhaltung und Neubelebung des alteinheimischen, wir dürfen sagen, des deutschen Geisteslebens im Elsaß.

Vgl. E. Martin, Aug. Stöber, im Jahrbuch des Vogesenclubs I, Straßburg 1885. Den hier benutzten litterarischen Nachlaß theilt noch vollständiger mit: Henri Ehrismann, Auguste Stœber (Extrait du Bull. du Musée hist.), Mulhouse 1887. Danach und auf Grund persönlicher Beziehungen: R(athgeber) in der Beilage zur Allg. Zeitung, 18. und 20. October 1890, 6. und 7. Februar 1891.