ADB:Frommann, Georg Karl

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Frommann, Georg Karl“ von Nicht angegeben in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 179–184, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Frommann,_Georg_Karl&oldid=2907289 (Version vom 18. Juli 2018, 04:33 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Frölicher, Otto
Nächster>>>
Frommann, Carl
Band 49 (1904), S. 179–184 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Georg Karl Frommann in der Wikipedia
GND-Nummer 115373675
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|49|179|184|Frommann, Georg Karl|Nicht angegeben|ADB:Frommann, Georg Karl}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=115373675}}    

Frommann: Georg Karl F., verdienstvoller Germanist, geboren zu Coburg am 31. December 1814, † am 6. Januar 1887 als zweiter Director des Germanischen Museums zu Nürnberg. Er gehörte einem alten bürgerlichen, besonders in Thüringen verzweigten Geschlechte an, dessen Stammbaum er selbst mit liebevollem Eifer und nicht geringen Opfern erforscht und aufgezeichnet hat. – Nachdem er seine Vorbildung auf der lateinischen Rathsschule und dem Gymnasium Casimirianum seiner Vaterstadt erhalten hatte, bezog er im J. 1835 die Universität Heidelberg, um sich hier dem Studium der neueren Sprachen zu widmen. Neben diesem aber und der Aneignung einer weit umfassenden Bildung waren es vor allem die reichen Schätze der altdeutschen Litteratur auf der dortigen Bibliothek, was ihn ausgiebig beschäftigte; die Vorliebe für das Eindringen in die Sprache und das geistige Leben und Schaffen des deutschen Volkes, die er schon als Knabe durch das Sammeln volksthümlicher Ausdrücke bekundet, beherrschte von nun an sein weiteres Streben und schuf ihm ein Arbeitsfeld, dem er empfangend und gebend, lernend und lehrend mit Begeisterung sich widmete. Durch das fleißige Abschreiben von Handschriften mittelhochdeutscher Dichtungen, namentlich von Herbort’s von Fritzlar trojanischem Krieg und Thomasin’s von Zirkläre wälschem Gast, sammelte er Stoff zu späterer Verwerthung. Von den neueren deutschen Dichtern fesselte ihn damals besonders Klopstock, dessen Messias er sogar mehr als einmal las. Ostern 1836 siedelte F. mit seinem Lehrer und Gönner Gervinus nach Göttingen über, wo er in den Gebrüdern Grimm und in Benecke mächtige Förderer seines Strebens, in Jakob Grimm zumal einen wahrhaften und dauernden Freund fand. Auch jetzt setzte er die Sammlung handschriftlichen Materials zur künftigen Herausgabe altdeutscher Dichtungen fort, indem er während der Ferien u. a. die Bibliotheken zu Erbach im Odenwalde, zu Wallerstein, Wolfenbüttel, Straßburg besuchte. An letzterer schrieb er in vier Wochen (8. September bis 6. October 1836) das 50 000 Reimzeilen umfassende Gedicht Konrad’s von Würzburg, den trojanischen Krieg, ab, das bekanntlich später, im J. 1870, bei der Beschießung von Straßburg mit der Bibliothek ein Raub der Flammen wurde. Die jetzt erfolgte Herausgabe seines Herbort (lied von Troye, Quedlinburg und Leipzig 1837) trug F. von Seiten der Kritik die günstigste Beurtheilung, von Seiten der philosophischen [180] Facultät zu Heidelberg die Doctorwürde ein; und nun gedachte er auf J. Grimm’s Anregung, sich an dessen Seite in Göttingen zu habilitiren, als ihn die bekannte Vertreibung „der Göttinger Sieben“ von diesem schönen Plane wieder zurückrief. Er ging zunächst im J. 1838 nach Coburg, wo man ihn jetzt schon für ein neu zu errichtendes Progymnasium zu gewinnen versuchte. Noch zerschlugen sich diese Entwürfe, und F. konnte sich weiter seinen Lieblingsstudien widmen, u. a. auch als Mitarbeiter an dem in Aussicht genommenen deutschen Wörterbuche der Gebrüder Grimm. Doch „dem Rufe seines Herzens, lehrend sich mitzutheilen“, gehorsam, gab er daneben den Söhnen höherer Familien Privatunterricht, erklärte den Schülern der Oberclassen des Gymnasiums das Nibelungenlied und wirkte in Sonntagsschule, Gesellen- und Gewerbeverein erfolgreich mit an der Bildung des Handwerkerstandes. Im J. 1840 trat F. zur Durchforschung bedeutender Bibliotheken eine größere wissenschaftliche Reise an, die er meist zu Fuß zurücklegte. So besuchte er namentlich Würzburg und Wien, woselbst er ein halbes Jahr neben germanistischen Studien und dem Verkehr mit gelehrten Männern seine freie Zeit wiederum volksfreundlichen, gemeinnützigen Zwecken zuwendete, indem er z. B. an der berühmten Blindenanstalt unter Director Klein unterrichtete und einen kleinen Kreis von Handwerksgesellen zu würdiger Benützung ihrer Erholungsstunden anleitete. Auch auf der weiteren Reise nach Triest, Ancona, Rom, Neapel, Florenz, Genua, Mailand und Venedig wußte F. diese beiden Thätigkeiten des Sammelns und des Mittheilens zu verbinden; so dann besonderes auch in St. Gallen, wo er während eines vierteljährigen Aufenthaltes die reichhaltige Stiftsbibliothek ausbeutete und einen jetzt noch blühenden Gesellenverein gründete. Im Februar 1842 nach Hause zurückgekehrt, beabsichtigte er nun, eine seiner Reisefrüchte zum Zwecke der schon eingeleiteten Habilitation in Heidelberg zu veröffentlichen. Aber aufs neue ließ er sich durch das ungestüme Zureden seiner Landsleute und seinen allezeit dienstbereiten Sinn von dem schönen Ziele – und nun leider für immer – abwendig machen und zur Begründung einer Coburg noch mangelnden höheren Knabenbildungsanstalt bestimmen – einer schwierigen Aufgabe, die ihn große pecuniäre Opfer kostete und den begonnenen wissenschaftlichen Arbeiten nun gänzlich entzog, so daß er nur noch den ersten Theil, den altdeutschen, des für Gervinus zu dessen Litteraturgeschichte angelegten Lesebuches zu vollenden vermochte (Heidelberg und Leipzig 1845; der zweite Theil von L. Häußer 1846), während er das übrige werthvolle Material zuletzt anderen Händen zu überlassen sich entschloß. So übernahm Heinrich Rückert Thomasin’s „Welschen Gast“ (erschienen 1852), K. Bartsch den „Karl“ des Stricker (1857), F. Roth und dann A. v. Keller Konrad’s von Würzburg „Trojanischen Krieg“ (1858). – Nur durch die aufopfernde Beihülfe der treuen Lebensgefährtin Adelheid, der Tochter des Apothekers Brenner in Weißenburg a. S., die F. nach zehnjährigem Brautstand am 29. September 1842 heimgeführt, und die sich in der Sorge für das Glück ihrer Lieben nie genug thun konnte, vermochte er die immer größer werdende Last des bald noch durch ein Pensionat und ein Töchterinstitut zu erweiternden Unternehmens zu bewältigen, zumal er daneben auch auf seine liebgewordene Thätigkeit für die heimischen Volksbildungsanstalten nicht verzichten wollte.

Auch als endlich auf sein Betreiben im J. 1848 eine städtische Realschule ins Leben getreten und er selbst nach Aufgabe des eigenen Instituts als Lehrer für die neueren Sprachen an dieselbe berufen worden war, fand er keine Erleichterung; die Masse der Arbeit (wöchentlich 26 Lehrstunden mit 300 Correcturen!) wuchs vielmehr derart an, daß sich schon nachtheilige Wirkungen davon im Gesundheitszustand des geplagten Mannes fühlbar machten. Und [181] da weder die Stadt Abhülfe schaffte, noch J. Grimm’s Fürsprache beim Herzog von Coburg um Verleihung der Archivarstelle etwas fruchtete, so bestieg F., wenn auch schweren Herzens – nachdem er aus Anhänglichkeit und Liebe für seine Vaterstadt schon mehrere günstige Anerbietungen nach auswärts abgewiesen hatte –, den eben jetzt sich zeigenden schwanken Rettungskahn, der ihn mit den Seinen der treu geliebten Heimath für immer entführte: er ließ sich vom Freiherrn v. Aufseß für das damals im Aufkeimen begriffene Germanische Nationalmuseum in Nürnberg als Vorstand der Bibliothek und des Archivs gewinnen – eine Stellung, die an äußerem Ertrage höchst bescheiden, aber doch dem Streben und der geistigen Bedeutung Frommann’s mehr entsprechend war. – Eine dreifache Thätigkeit entfaltete er in diesem seinem zweiten Lebensabschnitt vom J. 1853 an; denn neben seinen amtlichen Geschäften, denen er mit allem Fleiß und Geschick oblag, konnte er jetzt auch wieder der Pflege des „selbstgeschaffenen Gärtchens, dem Studium der Muttersprache“, und zugleich dem Wirken für Volksbildung und andere gemeinnützige Zwecke sich hingeben. In seiner Stellung als Bibliothekar und anfangs auch als Archivar des Germanischen Museums, die ihn mit bedeutenden Meistern wie mit strebsamen Jüngern der Wissenschaft in persönliche Berührung oder schriftlichen Verkehr brachte, vertrat er neben dem in organisatorischer und finanzieller Beziehung hochverdienten Begründer und neben den Vorständen der Sammlungen vor allem die wissenschaftliche Seite der Anstalt und erwarb ihr auch durch sein gediegenes, stilles Wirken, mit dem er Rath und Auskunft Suchenden in selbstlosester Weise seine fast nie versagende Hülfe bot, ein hohes Ansehen in der gelehrten Welt. Männer wie Bartsch, Barack, Jakob und Johannes Falke, Johann Hr. Müller, Hugo Burkhardt u. v. a. haben damals in den Arbeitsräumen des Germanischen Museums ihre ruhmvolle Laufbahn begonnen. Auch in der Mitarbeit an dem von Aufseß herausgegebenen „Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit“ bewährte F. sein Urtheil, seine Gelehrsamkeit, seine selbst im kleinsten zuverlässige Gründlichkeit. Freilich warfen auch die mit der Weiterentwicklung der Anstalt verbundenen Schwierigkeiten und Mißhelligkeiten oft trübe Schatten auf seine sorgenvollen Pfade; und auch dann, als nach stürmischen Zeiten die kräftige Hand des genialen Essenwein das Steuerruder erfaßt hatte, waren dem pflichtgetreuen, friedfertigen Beamten, der mittlerweile (im J. 1865) zum zweiten Director ernannt worden war, unverdiente Kränkungen nicht erspart. Doch stützte ihn die treue Gesinnung vieler trefflicher Freunde, deren er schon von jeher eine große Zahl besaß – ich nenne noch besonders Consistorialpräsident Albert Faber, seinen intimsten Jugendfreund, Rud. v. Raumer, Franz Pfeiffer, Fr. Rückert, Maßmann, Schröer, A. v. Keller, Holland, H. Grimm, die in brieflichem Verkehr mit ihm standen und ab und zu ihn gerne in seinem Daheim besuchten –, und deren er auch in Nürnberg sofort wieder ein stattliches Gefolge sich erworben hatte. – Denn Frommann’s Thätigkeit beschränkte sich nicht auf seine Amts- und Studierstube, sondern auch in der neuen Heimath suchte er, wie gesagt, seine Zeit und Kraft für weitere Kreise nutzbar zu machen. So ertheilte er, seinem Trieb und Beruf zum Lehren folgend, 26 Jahre lang am Melanchthons-Gymnasium in anregender Weise den Unterricht im Mittelhochdeutschen, hielt bildende und fesselnde Vorträge im Lehrerverein wie in der Freimaurerloge, deren Ehrenmitglied er war, arbeitete als Angehöriger des evangelischen Schulvereins am evangelischen Schulblatt mit, lieferte belehrende Aufsätze in einzelne Tagesblätter, redigirte mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit die „Mittheilungen des Vereins für die Geschichte der Stadt Nürnberg“ und war rühriges Mitglied der Vorstandschaft des Blindenerziehungsinstituts – zu geschweigen [182] der vielen kleinen und oft wenig erquicklichen Arbeiten, welche er für so manchen, ohne Ansehen der Person und nur allzu willig und selbstlos, übernahm; zu geschweigen endlich des ausgedehnten Briefwechsels, in dem er allen mit Rath und Aufklärung zu Gebote stand. – Was nun Frommann’s rein sprachwissenschaftliche Thätigkeit betrifft, so concentrirte sich dieselbe vor allem auf drei Hauptwerke: auf die Herausgabe der „Zeitschrift für die deutschen Mundarten“, auf die Bearbeitung des „Bayerischen Wörterbuchs“ von Schmeller und auf die Revision der Luther’schen Bibelübersetzung. Die erstgenannte Arbeit, eine Fortsetzung der von J. A. Pangkofer im J. 1854 gegründeten Monatsschrift, entsprach so ganz seiner Herzensneigung; und es hätte dieses Unternehmen, das zum ersten Mal auch die weiteren Kreise der Nation zur Werthschätzung und zum Verständniß der deutschen Volkssprache und zur Mitarbeit an deren Studium anleitete, das von den Fachgenossen so freudig begrüßt ward, das auf das geschickteste angelegt war und eine solche Fülle reicher Belehrung bot, ein besseres Loos verdient, als nach den ersten sechs Bänden (1854–59, Ebner’sche Buchhandlung in Nürnberg), denen spät noch ein siebenter folgte (1877, Beck’sche Buchhandlung in Nördlingen), trotz gewichtiger Mahnrufe aus Mangel an Absatz wieder zu erlöschen. Doch hatte die hier gegebene Probe F. als die berufenste Kraft für die von der historischen Commission in München beschlossene neue Auflage von Schmeller’s „Bayerischem Wörterbuch“ (mit Benützung seiner handschriftlichen Nachträge) erwiesen – ein mühsames Werk, das ebensoviel Takt und Selbstbeschränkung als Scharfblick und Wissen erforderte. Im J. 1867 begann F. dasselbe; 1872 erschien der erste, 1877 der zweite Band unter Beifügung eines umfassenden Registers (München, Rud. Oldenbourg). Die dritte Arbeit, welche F. bis zu seinem Lebensende in Anspruch nahm, war die ihm von der evangelischen Kirchenconferenz im J. 1861 gestellte Aufgabe, den Text der Luther’schen Bibelübersetzung einerseits thunlichst genau auf die authentische, von Luther selbst endgültig bestimmte Gestalt zurückzuführen, andererseits mit schonender, taktvoller Hand von veralteten oder mißverständlichen Formen und Wendungen zu befreien, eine Aufgabe, die er nach den ausgedehntesten Vorstudien unter dem ihm empfohlenen Beirath R. v. Raumer’s und im Einverständniß mit der theologischen Revisionscommission mit gewohnter Akribie und congenialem Sprachgefühle löste. Im J. 1867 war der revidirte Probedruck des Neuen Testamentes, 1870 das Neue Testament der Probebibel, 1883 die ganze Probebibel vollendet. Dazu hatte F. in den „Vorschlägen zur Revision“ u. s. w. (1862, 2. Theil) die sprachlichen Grundsätze seines Verfahrens dargelegt. Aber so begeistert er sich der gewaltigen Arbeit hingegeben hatte, so sehr wurde ihm dieselbe nun verleidet durch die gerade von unberufener Seite am liebsten verübte, oberflächliche und kurzsichtige Bekrittelung seiner wohl erwogenen Vorschläge. In solcher Stimmung verwarf er dann leider auch die weiter an ihn gestellte Forderung einer unter Beiziehung anderer Gelehrter vorzunehmenden neuen Bearbeitung, die nun in der Folge ohne ihn zum Abschluß gebracht wurde. Ja, er ließ auch das von ihm gesammelte reichhaltige Material zu einer Grammatik der Luther’schen Bibelsprache ungenützt liegen. Seine Probebibel aber hat darum in den Augen der Kenner ihren Werth nicht verloren; sie bestimmte auch die theologische Facultät in Erlangen, F. die Doctorwürde zu verleihen (1883), wie denn überhaupt seine litterarische Thätigkeit auch mancherlei äußere Anerkennung, nach der er doch so wenig geizte, erfuhr: er wurde im J. 1869 mit dem preußischen Kronenorden III. Classe ausgezeichnet, wurde zum Ehrenmitglied verschiedener wissenschaftlicher Vereine des In- und Auslandes ernannt und einige Male durch die Anerbietung dieser und jener [183] ehrenvollen Stellung erfreut. Im J. 1876 war er auch mit seinem Freunde R. v. Raumer als Vertreter der bairischen Fachmänner zur orthographischens Commission nach Berlin berufen worden, wo er für die gemäßigte historische Richtung sprach. Denn außer und neben den größeren Leistungen war F. noch vielfach wissenschaftlich thätig. So gab er 1857 Grübel’s Gedichte in Nürnberger Mundart neu heraus (bei J. L. Schmid, dann Fr. Korn in Nürnberg; vorletzte Ausgabe 1833), in geregelter Schreibweise und mit grammatischem Abriß und Glossar versehen, und gleich darauf, ebenso ausgestattet, eine Auswahl aus J. W. Weikert’s Nürnberger Gedichten (im gleichen Verlag), von deren Erlös dem Dichter ein Epitaph gesetzt wurde. Auch in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften finden sich Beiträge von Frommann’s Hand, wie besonders in Pfeiffer’s „Germania“.

So verlief des reichbegabten Gelehrten Leben bis zu seinem Ende in stetiger Arbeit, die ihm ja zum Bedürfniß geworden war, bei der ihn sein reger Forschertrieb, aber auch sein ausgeprägtes Pflichtgefühl festhielt. Schon der frühe Morgen fand ihn an seinem Schreibtische, pünktlich lag er der Berufsarbeit ob; und verließ er abends etwa noch das Haus, so geschah es wieder, um zu lehren oder sich belehren zu lassen. Seine bescheidene Erholung suchte er am liebsten im Kreise der Seinen, die mit Liebe und Verehrung an dem treubesorgten Führer hingen: gerne wanderte er mit ihnen durch die Felder nach einem Nürnberg benachbarten stillen Dörfchen, wohin ihn auch etwa zum Besuch gekommene liebe Freunde begleiteten. Selten nur konnte er sich noch eine kleine Reise gestatten; denn Frommann’s fast übertriebene Bescheidenheit und Uneigennützigkeit, die allem Jagen nach Ehren und Gewinn so ferne standen, daß er der Gelegenheit zum öffentlichen Hervortreten und der Begegnung mit den Großen dieser Erde geflissentlich aus dem Wege ging, ließen ihn bei geringem Gehalte und einer mit sechs Kindern gesegneten Familie die Mittel zu Größerem nicht aufbringen. Trotzdem war seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit nie ernstlich gestört; seine stattliche und männlich schöne Erscheinung blieb ihm, auch als schon die weißen Haare sein mildes Antlitz umrahmten. Und dies hatte er nächst Gottes Güte in erster Linie der einfachen, mäßigen und geordneten Lebensführung zu danken, deren er sich von Jugend auf in jeder Hinsicht befleißigte, geleitet von seinem lauteren, maßvollen, edlen Sinn und von einer wunderbaren Anspruchslosigkeit und Bedürfnißlosigkeit unterstützt. Dieselben Eigenschaften aber, die ihn zu so strenger Selbstzucht anhielten, fanden dem Nächsten gegenüber in echter Menschlichkeit, aufrichtiger Güte, friedfertigem Wesen, opferwilliger Förderung des Guten und neidloser Anerkennung auch fremden Verdienstes ihren Ausdruck und gewannen ihm vieler Herzen. Besonders der aufstrebenden Jugend war er ein treuer und dankbar verehrter Berather; und auch darum ist es zu beklagen, daß F. sich nicht mehr entschließen mochte, seine Gaben in einer akademischen Wirksamkeit zu voller Verwerthung zu bringen. – Er war keine Kampfnatur und mied, wenn schon auch kraftvoller und ergreifender Sprache mächtig, rechthaberisches Gezänke und eigensüchtigen, rücksichtslosen Wettstreit, die seinen feinfühlenden Sinn verletzten; indeß, wahr, gewissenhaft, gerecht und sittlich streng, wie er selbst war, trat er auch männlich und offen der Falschheit, dem Unrecht und allem Gemeinen entgegen. – Richtschnur für seinen ganzen Wandel und Nahrung für sein tiefangelegtes Gemüth, wie es aus seinem Wesen und seinen Worten sprach, entnahm er aus der Religion; ein aufrichtiges, festes Bekenntniß zum Christenthume, fern von aufdringlichem, zelotischem und unduldsamem Gebaren, war sein Leben und Wirken. Der Besuch der Gottesdienste war ihm ein Bedürfniß; wie erbaute er sich auch im Schoße [184] der Familie durch den Gesang unserer alten, einfachen Choräle! Die Arbeit an dem Bibelwerke erschien ihm als ein heiliger Beruf. Sein Gottvertrauen verließ ihn in keiner Lage. Und so im Herrn und mit Freudigkeit beschloß er auch seine Pilgerfahrt: nach kurzer Krankheit hauchte er unter den Klängen des ihm besonders lieben Chorales: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“, seine Seele aus.

Zur Biographie: Dr. Wilh. Vogt, Ein Wort der Erinnerung, 1888, Nürnberg, Bieling-Dietz (Sonderabdruck aus den Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg; für die erste Lebensperiode nach Frommann’s eigenen, leider nicht fortgesetzten Aufzeichnungen). – Dr. Theod. Hampe, das Germanische Nationalmuseum, Festschrift etc., 1902 (besonders S. 31 ff.). – Zu den Werken: u. a. über Herbort in den Gelehrten Anzeigen vom 7. Mai 1838, Stück 73; in Gersdorf’s Repertorium 13. XVI. Heft 3, S. 251 ff.; Lachmann zu Iwein, neue Ausg. S. 527; – über die Zeitschrift für die deutschen Mundarten in Pfeiffer’s Germania, 14. Jahrg., S. 114 f.; in der Zeitschrift für die österr. Gymnasien, 1858, S. 645 f.; im Literar. Centralblatt 1858, 26. Juni, Nr. 26; – über die Schmeller-Ausgabe in Pfeiffer’s Germania, 14. Jahrg., S. 115, 247 f.; – über die Bibelrevision in Dr. Schröder’s Einleitung zur Probebibel, 1883; in den deutschen Zeit- und Streitfragen von v. Holtzendorff und Oncken, Heft 40.