ADB:Unzer, Ludwig August

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Unzer, Ludwig August“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 336–343, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Unzer,_Ludwig_August&oldid=3127646 (Version vom 21. September 2018, 22:20 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Unzer, Christoph
Nächster>>>
Uppendorf, Johannes
Band 39 (1895), S. 336–343 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Kein Wikipedia-Artikel
(Stand April 2018, suchen)
GND-Nummer 117311235
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|336|343|Unzer, Ludwig August|Eduard Jacobs|ADB:Unzer, Ludwig August}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117311235}}    

Unzer: Ludwig August U., Dichter und Kunstrichter, geboren zu Wernigerode am 22. November 1748, † zu Ilsenburg am 13. Januar 1774. Die überaus glücklichen Geistesanlagen dieses jung dahingeschiedenen Genies lassen sich in gleicher Weise aus der väterlichen wie aus der mütterlichen Abstammung herleiten. Sein Vater Johann Christoph U., seit 1742 Leibarzt Graf Christian Ernst’s zu Stolberg, war der Sproß einer bis ins 16. Jahrhundert im gelehrten, meist ärztlichen Stande zu verfolgenden Familie in Halle a. d. Saale. Zu L. August’s Zeit waren dessen Oheims, des berühmten Arztes Joh. Aug. (s. o. S. 331) Gattin Joh. Charlotte geb. Ziegler (S. 331) und sein älterer Bruder Joh. Christoph (S. 334) durch dichterische Begabung ausgezeichnet und der Vater selbst war auch nicht ohne eine poetische Ader und machte in freien Stunden seine Kinder mit den Lieblingsdichtern der Zeit, einem Gellert, der Karschin und dem zu Wernigerode in naher Beziehung stehenden Gleim bekannt. Seine Mutter Charlotte Eleonore war die Tochter Christiane Luisens, geborenen Gräfin zu Sayn-Wittgenstein, die nach dem im J. 1698 erfolgten Ableben ihres ersten Gemahls, des Grafen Joh. Anton zu Leiningen-Westerburg-Schadeck, vorzugsweise aus religiösen Gründen ihren Hofprediger Jakob Bierbrauer, einen begabten aber finstern und dabei sectirerischen Mann geheirathet hatte. Bierbrauer studirte nach dieser Verbindung in den Niederlanden Medicin, wurde aber, als Graf Christian Ernst zu Stolberg Christiane Luisens Tochter erster Ehe, Sophie Charlotte, als seine Gemahlin heimgeführt hatte, mit den Seinigen als Leibarzt nach der Grafschaft Wernigerode gezogen, wo der Graf ihnen in dem Leininger Hof zu Ilsenburg eine geräumige Wohnung baute und Bierbrauer zum Bergrath erhob. Seine ältere Tochter war L. August’s leibliche Mutter, die erst im J. 1730 einen Bürgerm. Joh. Wilhelm Schröder aus Bielefeld geheirathet hatte, nach dessen Ableben aber am 30. Mai 1743 dem Leibarzt und Hofrath Unzer die Hand reichte. Da sie schon am 27. Februar 1751 starb, so hatte L. Aug. sich ihrer Leitung nur in den Jahren zartester Kindheit zu erfreuen. Aber er fand den erwünschtesten Ersatz, als der Wittwer schon am 4. Januar des nächsten Jahres der Verstorbenen jüngere Schwester Sophie Charlotte als Gattin heimführte. Diese, seit 1736 Aebtissin zu Drübeck, war mit größter Sorgfalt in dem frommen Geiste ihrer Mutter erzogen. Diese fromme Gesinnung spricht sie auch in den Liedern aus, die sie als Glied des um den Grafen Henrich Ernst zu Stolberg sich sammelnden pietistischen Dichterkreises sang. Ihr Geist und Wesen war so geartet, daß man sie im gräflichen Hause als Zierde und Krone ihres Geschlechts bezeichnete und daß später die Gräfin ihren Besitz zu den Ursachen ihres besonderen Glücks zählte. Daß solche Eigenschaften auch dem Sohne offenbar wurden, ersehen wir daraus, daß dieser selbst zu einer Zeit, als sein Geist eine entgegengesetzte Richtung genommen hatte, gegen einen Gegenfüßler des mütterlichen Geistes erklärte, seine Mutter sei eine gute Frau, die er in vieler Hinsicht hochschätze. Leider dauerte die Harmonie mit dem Vaterhause und mit dem in seiner Vaterstadt und der dortigen Lateinschule, deren Mittel- und Oberclassen er von 1762–1767 besuchte, waltenden Geiste gar nicht lange. Auf der Schule bereits wurde sie gestört durch den Einfluß eines der jüngsten Lehrer, des Subconrectors Joh. Christian Meier (s. A. D. B. XXI, 202–204). Zwar entsprach der freiere persönliche Verkehr, den dieser mit den Schülern pflegte, die durch ihn geförderte Uebung im Anschauungsunterricht, im mündlichen Ausdruck, in den neueren Sprachen ganz der von dem tüchtigen Director Schütze (s. A. D. B. XXXIII, 143–145) durchgeführten Einrichtung der Schule, aber die Bevorzugung des in seinem Urtheil über die bestehenden Zustände und über die älteren Lehrer unvorsichtigen jüngeren Lehrers that der jugendlichen Pietät Eintrag. [337] Besonders aber wirkte die durch das Studium sectirerischer und neologischer Schriften durch Meier geweckte Zweifelsucht ansteckend auf die jugendlichen Gemüther der Schüler, und naturgemäß bei den gewecktesten am meisten. Aber von weit nachhaltigerem Einfluß wurde auf U. schon ums Jahr 1767 der französische Lector zu Ilfeld Jakob Mauvillon, ein im Sinne der französischen Encyklopädisten gebildeter Starkgeist. Zwar ist ein Besuch Ilfelds, wenigstens ein längerer, seitens Unzer’s nicht anzunehmen. Da aber sein älterer Bruder Johann Christoph, der von 1764 an Zögling der Ilfelder Schule war, durch Mauvillon’s Wesen ganz berauscht und ganz in die französirende Richtung hineingezogen wurde, so wirkte dies ansteckend auf den jüngeren Bruder, der den Lector bei dessen Besuche in dem elterlichen Hause kennen lernte. Vom Sommer 1768 bis Ostern 1771 war U. Student der Rechte in Halle a. S. Während wir von einer Pflege seines Fachstudiums auch nicht die geringste Nachricht erhalten haben, trieb er offenbar das Studium der schönen Litteratur um so eifriger. Dabei wurde er ausschweifend, sodaß seine Eltern ihn knapper halten mußten. Von früh an ein Freund geheimer Gesellschaften schloß er sich zuerst in Halle dem Amicistenbunde der ‚Unzertrennlichen‘ an, dessen Zwecke Sittlichkeit, Fleiß, gutes Betragen und gegenseitige Unterstützung waren, und wurde später ein begeisterter Freimaurer.

Nach Ablauf der akademischen Zeit versah er seit der zweiten Hälfte des Jahres 1771 bis zum Frühjahr 1772 eine Hofmeisterstelle zu Zorge, von wo er, litterarisch thätig, persönlich und besonders brieflich mit Göckingk in Ellrich, mit Lorenz Benzler und mit Clamor Schmidt in Halberstadt, den er bereits 1769 kennen gelernt hatte, in Verkehr stand und den mit dem nach Kassel versetzten Mauvillon fortsetzte. Die Anzeichen der Schwindsucht, an der eine Schwester 24-jährig starb und an der ein Oheim und sein Vater krankten, nöthigten ihn, dagegen den Selterbrunnen zu gebrauchen und in seine Vaterstadt zurückzukehren. Im Sommer versuchte er es dann nochmals mit einer Hofmeisterstelle im Hause des Regierungspräsidenten v. Cornberg in Halberstadt. Der dortige Aufenthalt war nur ein kurzer, aber für U. bedeutsam durch seinen Verkehr mit dem Gleim’schen Dichterkreise, allermeist mit dem Liebessänger Clamor Schmidt, dem Freunde und Pfleger eines Ariost und Petrarca. Spätere Gedanken und Wünsche wegen Uebernahme einer ähnlichen Stellung scheiterten an Unzer’s zunehmender Erkrankung. So mußte er denn seiner Vaterstadt, auf deren Bewohner der geniestolze Jüngling als auf unbedeutende ruhmlose Menschen, Heuchler und Thoren mit souveräner Verachtung herabsah, getreu bleiben. Seine gezwungene Muße füllte er mit poetischer und kritischer Arbeit und einem regen, mit Freunden wie Mauvillon, Rautenberg und Braunschweig, Clamor Schmidt, Benzler, Goldhagen, Reinhard und Diez gepflegten Briefwechsel aus. Zunächst litterarisch sind hierbei von der größten Bedeutung die mit Mauvillon gewechselten Briefe. Von der Umzingelung der ‚sanften Seelen‘ – seiner frommen Mutter und dem häuslichen Kreise – sich losreißend, verlangte ihn nach der ihm mehr zusagenden Kost starker Geister, wie er sie bei Mauvillon fand. Mit diesem seinem Freund und Meister schloß er ein feierliches Schutz- und Trutzbündniß gegen das ganze ‚ehrsame‘ deutsche Publicum und forderte ihn nicht lange vor seinem Tode nochmals auf, von neuem den Bund einer ewigen Feindschaft gegen Thorheit, Irrthum und Aberglauben zu schwören. Soweit dieser Briefwechsel aber geistlich-religiösen Inhalts war, erscheint derselbe nur für U. selbst von sichtbaren und verhängnißvollen Folgen: man überbot sich in der Freigeisterei: U. erklärte es für gut, gegen die Religion zu schreiben, er wollte eine Bibliothek oder Annalen der Freigeister herausgeben, worin alle Werke der [338] Freigeister sollten besprochen und an den christlichen Schriften, nicht nur der Franckianer (Pietisten) und Gözianer (Orthodoxen), sondern auch der Rationalisten, eines Spalding, Semler und Teller strenge Kritik geübt werden sollte – alles zum besten der ‚echten natürlichen Religion‘. Von allen bestehenden Religionen gefällt ihm die Zoroaster’s am besten; er will die Anbetung der Sonne rechtfertigen, der Philosoph aber darf keine Religion über sich dulden.

Solche Freigeisterei ebensosehr wie seine rücksichtslose Kritik verehrter und dem Unzer’schen Hause ehrwürdiger Erscheinungen wußten U. und Mauvillon so geheim zu halten, daß die Eltern Jahre lang Mauvillon für ihres Sohnes wahren Freund hielten und daß der Vater sogar mit demselben in Briefwechsel trat. Als endlich nach des letzteren am 6. März 1773 erfolgtem Tode die Mutter einen ziemlichen Einblick in des Sohnes Herzensstellung gewann, that sie alles, soviel sie durch Vorstellungen und Flehen vermochte, um den Sohn zum Christenglauben zurückzuführen. Wol ging diesem die Seelenangst der Mutter und der Seinigen nahe und er suchte sie durch fromme Wendungen, auch durch geistliche Gesänge, in denen er thunlichst eine biblisch-christliche Sprache anwandte, zu trösten, obwol dies bei einer so gegründeten Christin, wie die Mutter es war, wenig verfangen konnte. Ueberboten wurde schließlich der Mauvillon’sche Einfluß noch durch den seines Amicistenbruders Diez, der sich in seinen Anschauungen als noch unter den Naturalisten stehend bekannte. Während sich also U. mit Mauvillon und Rautenberg dahin beredete, daß der früher sterbende dem überlebenden – falls das möglich sei – erscheine und über den Zustand jenseits des Sterbens Auskunft geben oder doch das Fortbestehen der Seele nach dem Tode bezeugen sollte, wollte Diez davon überhaupt nichts wissen, er glaubte an gar nichts und leugnete Alles. Mit Diez feierte U. gegen Ende April oder anfangs Mai 1773 acht Tage philosophischer Erhebung und Begeisterung in Halberstadt. Und als Diez merkte, daß es mit dem Freunde zu Ende gehe, erscheint er am 19. December nochmals bei demselben in Wernigerode, um ihn in seiner Freidenkerei und in seinem Widerstande gegen das Christenthum zu bestärken. Diez und seine Gesinnungsgenossen wollten nämlich U. als Vorbild und Märtyrer der Freigeisterei sterben sehen. Es wurde daher ein ordentliches Spionirsystem eingerichtet, indem jugendliche Parteigenossen den zum Sterben gehenden beobachten und alle bemerkenswerthen Vorkommnisse sofort an Diez nach Magdeburg berichten mußten. Einer derselben, ein junger Mediciner, wußte auch bis zum Verscheiden Zugang zu Unzer’s Krankenzimmer zu erlangen. Als ihm seine Schmerzen zu groß wurden, suchte U. mit Hülfe seiner Gesinnungsgenossen den Rest seines Lebensfadens durch Selbstmord abzuschneiden, was Diez insgeheim auf lateinisch Mauvillon mittheilt. Dieser Versuch scheiterte dadurch, daß ein Genosse, dem das Gewissen schlug, davon Anzeige machte. Kurz vor dem Ableben fragte der ihn behandelnde Arzt den Kranken, ob er außer den leiblichen noch andere Schmerzen leide. Lächelnd verneinte er dies. Der Hofprediger Schmidt in Wernigerode, der ein halbes Jahrhundert lang der treue und geehrte geistliche Berather des gräflichen Hauses war, begab sich nach Ilsenburg an Unzer’s Sterbebett, versuchte durch ernsten christlichen Zuspruch und durch das Wort heiliger Schrift auf den Kranken einzuwirken, auch ihn auf den Genuß des heiligen Abendmahles vorzubereiten, aber er lehnte stolz und überlegen lächelnd alles ab: Schmidt solle nicht wie vor einem Kinde Bibelsprüche vor ihm auskramen; von der Falschheit des Christenthums sei er längst überzeugt; wolle er von der Religion philosophisch mit ihm reden, so wolle er ihn hören. ‚So ging der Priester von dannen‘, berichtet Diez. U. verschied bald darauf sanft, da die körperlichen Schmerzen überwunden waren, den Namen Mauvillon’s auf den Lippen, für den er erst kurz vorher eine Schuld von zwölf [339] Thalern bezahlt hatte, um den Freund nicht als Schuldner zu wissen. Unzer’s Tod wurde als ein Vorbild für Freigeister angesehen und gefeiert. Der freigeistige Graf v. Schmettau, dem Diez genauen Bericht gegeben hatte, erklärte, er wolle eines gleichen Todes sterben.

Es muß auffallend erscheinen, daß ein so negativer Geist, der, wie er in Versen seinem Freunde Reichard erklärte, nach seinem Tode den Ruhm haben wollte, daß er kein rechtschaffener Mann und Christ gewesen sei, doch ein lyrischer Dichter war. Aber hierbei ist an die Doppelnatur dieses zerrissenen Gemüths zu denken, das doch auch nicht immer, und in der extremsten Gestalt erst gegen das Ende seines Lebens, ein Christen- und Glaubensfeind war. Oeffentlich und vor der Nachwelt wollte er überhaupt nicht als Freigeist erscheinen. Als lyrischer Dichter war U. entschieden Erotiker. Er erklärt sich selbst für die voluptuarische Richtung, durch die man am leichtesten Lust genießen könne, ohne andern beschwerlich zu fallen. Er will aber nur eine solche Wollust, die sich mit Schamhaftigkeit darf sehen lassen und erklärt sich daher gegen die unzüchtige Poesie eines Ovid und Rost (Heinse). Er singt Wein, Küsse und bacchantisch schwärmende Mädchen, winterliche Liebesscherze auf weichem Sofa an holder Nymphen Busen. Wie weit die Gluth seiner Sinnlichkeit geht, zeigt sein Gedicht „Alcibiades an seine mimische Tänzerin“ (Leipz. Alman. d. Musen auf d. J. 1774, S. 29). Er erklärt ausdrücklich, daß die sinnlichen Bilder ihm als Schmerz- und Sorgenbrecher dienten: ,Scherzerfüllte Scenen Läßt die Muse um uns her entstehn, Wenn wir trostberaubet unter Thränen durch das Schattenthal des Lebens gehn‘ u. s. f. Auch die Schärfe seiner Epigramme erklärt sich uns in etwas anderer Weise durch seine Krankheit. Unzer’s Gedichte sind theils in einzelnen Sammlungen und Drucken: „Versuche in kleinen Gedichten“ (Halberst. 1772); „Vou–ti an Tsin–nas Grabe. Eine chinesische Nänie“ (Braunschw. 1772, wieder Gött. Musen-Alman. 1773, S. 57–66); „Naivetäten und Einfälle“ und „Neue Naivetäten und Einfälle“ (Gött. 1773); „Zehn geistliche Gesänge“ (Leipzig 1773), theils in Almanachs: im Leipziger Almanach der deutschen Musen 1773, 1774 und 1776, Göttinger Musen-Almanach von 1772 und 1774, seine schöne feurige „Sehnsucht nach Italien“ in Boie’s Deutschem Museum, 2. Bd., 1780, S. 551 ff. erschienen. Gegen 20–25 Gedichte, die er gern in einer Sammlung mit Göckingk und Clamor Schmidt herausgegeben hätte, hinterließ er ungedruckt. Vgl. auch Matthisson’s Lyr. Anthol. 6, S. 221–236.

Unzer’s Gedichte sind durch eine edle wohllautende Sprache und Tiefe der Empfindung ausgezeichnet und vielfach sind daraus Ariost und Petrarca, als seine gefeierten Vorbilder, deutlich zu erkennen. Da aber, wie der Leidende klagt, sein Wesen dahinwelkte und seiner Bemühungen Früchte vor der Reife dahinschwanden, ungepflückt, so war es ihm nicht vergönnt, größere poetische Werke zu schaffen. Aber seine eigentliche Bedeutung und unverkennbare litterar-historische Sendung war nicht die des schaffenden Dichters, sondern die des genialen Kunstrichters. Selbst den kleinen Sammlungen der Naivetäten schickte er verhältnißmäßig umfangreiche ästhetische Abhandlungen vorauf, und bei der chinesischen Nänie ging eine Schrift „Ueber die chinesischen Gärten“ (Lemgo 1773), worin die Natur als Vorbild der Gartenkunst erkannt wird, nebenher. Und an die lyrischen Dichtungen schloß sich als gesonderte Schrift seine „Nachricht von den ältesten erotischen Dichtern der Italiener“ (Hannover 1774) an.

Aber eine mehr oder weniger zusammenhängende Reihe von Schriften und Abhandlungen zur Kritik der deutschen Dichter und Dichtkunst begann er schon als Student mit der Schrift: „Ueber die schönen Geister und Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, vornehmlich unter den Deutschen“ (Lemgo 1770). Dieselbe [340] beginnt mit einer Aesthetik des Schönen und gibt dann eine vergleichende und beurtheilende Uebersicht der schönen deutschen Litteratur. Wenn sein Urtheil noch weniger gereift ist, Franzosen und Engländer noch mehr als später vor den Italienern zu ihrem Rechte kommen, auch Gellert viel besser wegkommt, als später, so entspricht das der frühern Abfassung der Schrift und einer von U. selbst bezeugten Geschmacksänderung. Aber seine epochemachende Hauptschrift ist der von ihm ausgegangene mit Mauvillon geführte Briefwechsel: „Ueber den Werth einiger Deutschen Dichter und über andere Gegenstände den Geschmack und die schöne Litteratur betreffend“ (Erstes Stück, 312 S., 1771, Frankfurt und Leipzig. Zweites Stück, 254 S., 1772, ebd.).

Dieser litterarische Gedankenaustausch knüpfte an ein ums Jahr 1768 zu Wernigerode in einer Laube mit Mauvillon geführtes Gespräch an, worin U. eine Rangordnung der deutschen Dichter nach dem Maßstabe des Genies vornahm und die Deutschen keineswegs reich an Dichtergrößen ersten Ranges erklärte, wobei Klopstock eigentlich eine Classe für sich bilde. Der großen deutschen Dichter seien so wenige, daß sie kaum die kleine Laube füllen würden. Mit Feuer wurde dieser Gedanke weitergeführt, als nach Gellert’s Tode dieser als Dichter so gefeiert wurde, daß Unzern dies im Vergleich zu andern Dichtern als durchaus ungerecht und als ein Beweis mangelnden Geschmacks und Kunstverständnisses erschien. Es wird daher die Frage nach Natur und Wesen eines wahren Dichters geprüft, dieses als das Genie, die Kraft zu schaffen und zu gestalten, erkannt und an diesem Maßstabe gemessen, Gellert’s Dichterkranz nach jeder Richtung: als Briefsteller, Roman- und komischer Dichter, Schäferspieldichter, als Verfasser geistlicher Gesänge, als Fabeldichter, Lehrdichter, sowie als Moralist und Kunstrichter völlig zerpflückt. Seine persönliche Frömmigkeit, seine Moral, seine geistlichen Gedichte werden zwar wenigstens von U. anerkannt, aber gerade seine geistlichen Lieder als Beweis seines mangelnden Genies hingestellt, und Gellert für einen mittelmäßigen Scribenten ohne einen Funken von Genie erklärt. Der Leipziger Sänger ist die Hauptzielscheibe dieser Angriffe, aber die Briefe enthalten gelegentlich auch eine ganze Reihe feiner kunstkritischer Bemerkungen, so über den Unterschied von Erzählung und Fabel; es wird das Unwesen der litterarischen Journale gegeißelt und neben Gellert werden auch verschiedene Dichter, wie Kästner, v. Haller, ein Young u. A. stark mitgenommen.

Die Schrift erregte innerhalb des litterarischen Deutschlands das größte Aufsehen. Fast allenthalben fand man es empörend, daß zwei junge Menschen sich herausnahmen, den herrschenden Geschmack des gesammten deutschen Publicums zu kritisiren, ihm seinen Liebling, wie U. selbst sagte, ‚seine Puppe‘ zu nehmen, die sie von würdiger Beschäftigung abhalte. Dennoch fehlte es dieser kühnen, verwegenen That gerade von competenter Stelle nicht an entschiedener Anerkennung hinsichtlich der Hauptsache. Die Lemgoische Bibliothek, Unzer’s und Mauvillon’s eigenes Organ, kommt hierbei natürlich nicht in Betracht. Merkwürdig ist aber die motivirte durch vier Nummern der ,Neuen Braunschw. Zeitung‘ vom 4., 6., 7. und 11. Februar 1772 laufende Anerkennung von seiten eines gediegenen Kritikers, in welchem wir J. F. W. Zachariae vermuthen. Es wird darin anerkannt, daß hier viele Worte zur rechten Zeit gesagt seien. Der Scharfsinn, die Belesenheit, der feine Geschmack am Schönen wird an dem Verfasser gerühmt und geschlossen: er hat in vielen, den meisten seiner Urtheile Recht! Selbst Schirach’s Magazin der deutschen Kritik, das auf U. sehr schlecht zu sprechen ist, kann ihm schließlich doch die Anerkennung nicht versagen, daß seine Schrift vieles Talent verrathe und daß man ihm dieses nur mit größter Ungerechtigkeit absprechen könne.

[341] Zu diesen Stimmen kommt nun aber das Urtheil in dem damaligen classischen Organ deutscher Litteratur im Jahrgange 1772 der Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Als Verfasser desselben hat Goethe sich selbst bekannt. Und wenn nun auch auf Grund gewisser brieflicher Andeutungen anzunehmen ist, daß die Sätze von Merck niedergeschrieben wurden, so hat man doch nicht nur an mehreren Stellen Goethe’schen Ausdruck und Redeweise erkannt, sondern nur Goethe, nicht Merck konnte sich, wie es in der Recension geschieht, als Hörer Gellert’scher Vorlesungen zu erkennen geben. Wie sich die Sache auch verhalten möge, die berufenste Stimme hinsichtlich der Beurtheilung des dichterischen Genius erkennt diese Recension als die ihrige an. Ihr Hauptinhalt ist folgender: Das Urtheil über Gellert ist zu hart, die Form des Angriffs wird bemängelt, die Ausdrücke könnten weniger heftig sein und es wird den kritischen Briefschreibern der Vorwurf der Ungezogenheit und Impertinenz gemacht. Im übrigen ist aber diese Recension eine entschieden anerkennende Schutzschrift für beide Stücke des Unzer’schen Briefwechsels: man habe denselben mit Unrecht dem Publicum aus den Händen raisonniren wollen. Die Verfasser sind zwar Bilderstürmer, die hinsichtlich des Geschmacks einen neuen Glauben predigen wollen, aber alle gegenwärtigen großen Dichter und Kunstrichter denken ebenso, aber aus Liebe zur Ruhe treten sie nicht offen mit ihrer Ueberzeugung hervor, sondern machen eine esoterische Lehre daraus. Man erkennt in diesen Briefen die denkenden Köpfe und Recensent empfiehlt die Erinnerung über die Journalisten gleich zu Anfang, die Bemerkungen über den Unterschied von Erzählung und Fabel, die Rettung Milton’s Kästner gegenüber, die Bemerkungen über das Lehrgedicht, über Wieland’s Verdienst in der Musarion, die Rangordnung Gellert’s mit Dusch und Utz, den Augenpunkt, woraus sie die Gellert’sche Moral betrachten und den ganzen Schluß zur Beherzigung. Er ist überzeugt, daß diese Production mit allen ihren sauren Theilen ein nützliches Ferment abgebe, um das erzeugen zu helfen, was wir dann deutschen Geschmack, deutsches Gefühl nennen würden. In gleichem Sinne heißt es bei der Beurtheilung des 2. Theils der Briefe, der Verfasser bleibe ein Kopf, der wahre Stärke habe. Vergleichen wir genau, so ist – vom Standpunkte des Frankfurter Recensenten betrachtet – bei der Behandlung Gellert’s nur Mauvillon entschieden ungerecht, U. ist nur hart und impertinent im Ausdruck, sonst erkennt er bei Gellert ebensoviel an, als Merck-Goethe.

Am reinsten – schon weil er hier ohne Mitarbeiter auftritt – lernen wir Unzer’s kunstrichterliche Urtheile und Anschauungen aus einer durch die Jahrgänge 2–4 der Lemgoischen Bibliothek sich ziehenden Abhandlung: „Vom Zustande des Geschmacks beim deutschen Publikum“ kennen. Wie wir sehen, geht die Frankfurter Recension davon aus, daß wir vorläufig noch nicht von einem deutschen Geschmack, deutschen Gefühl reden können, daß aber der Unzer’sche Briefwechsel dazu dienen könne, dieses zu erzeugen. Ganz denselben Standpunkt nimmt U. in dieser Abhandlung ein. Er sagt, erst seit fünfzig Jahren hätten bei uns die schönen Wissenschaften Liebhaber gefunden, Kenner gebe es im deutschen Publicum noch nicht fünfzig oder sechzig. Eine Nation muß sich bestreben, den Ruhm des Geschmacks zu erlangen, sie muß dann wenigstens 1. aus schönen Geistern oder Männern von Geschmack, 2. aus Kennern, die Kenntnisse besitzen und vergleichend beurtheilen können, und aus Richtern bestehen, die im Stande sind, jede Art von Schönheit auf bestimmte Begriffe zurückzubringen und ihren Endursachen nachzuforschen. Gründliche Richter sind erst ein paar unter uns aufgestiegen. Es gibt unter dem deutschen Publicum eine noch sehr unsichtbare rechtgläubige Gemeinde, die nur den Dichter nennt, welcher Genie zeigt. Als ein Volk von Geschmack können die Deutschen noch lange nicht bezeichnet werden. [342] Wir Deutschen können nicht wie die Engländer und Franzosen national empfinden, weil die Verfassung von Deutschland das unmöglich macht. Es ist aber auch viel vorzüglicher, das Gefühl des Schönen möglichst wenig einzuschränken. Die Deutschen sind mehr zur Kritik als zum Witz angelegt. Wir sollen aber Werke des Genies statt der Kenntnisse schaffen. Besonders fehlen den Deutschen noch große dramatische Werke, Romane und ein großer satirischer Schriftsteller. Er nährt aber die zuversichtliche Hoffnung, daß den Deutschen eine classische Litteraturperiode bevorsteht und gibt die Bedingungen an, unter denen sie sich entfalten werde: ‚Goldene Zeiten weissage ich, wenn wir fortfahren, wie wir wirklich angefangen haben, über jeden Dichter der Nation frei zu urtheilen, seine Schönheiten zu zergliedern und seine Schwächen aufzudecken, den Geschmack für alles Schöne und gegen alles Seichte empfindlich zu machen und ihn mit dem Mark der vortrefflichsten Werke aller Nationen zu nähren. Zum voraus wünsche ich unsern Enkeln Glück dazu.‘ Im engern Anschluß an diese Abhandlung vom Geschmack stehen zwei kleinere Aufsätze: „Kurze Betrachtungen über verschiedene Gegenstände“ im Hannoverischen Magazin, Jahrg. 1772, Sp. 253–256 und 1773, Sp. 381–384 und „Gedanken über die Mittelmäßigkeit im Denken“ im Jahrg. 1772 der Gelehrten Braunschw. Anzeigen, Sp. 325–336. Können wir U. in Uebereinstimmung mit der Recension in den Frankfurter Anzeigen als den eigentlichen kühnen Verkünder der Anschauungen und des Princips der Geniezeit bezeichnen, so feiern auch jene Aufsätze Talent und Genie mit hohen Worten: ‚Nicht umsonst‘, sagt U. darin, ‚kann man das Talent den Hebel der intellectuarischen Welt nennen‘. ‚Man kannte bisher nur starke, große und schöne Geister. Laßt uns noch den reichen Geist hinzuthun, welcher Welten von Ideen schafft und diese Welten umfaßt, ohne auf irgend eine Güte derselben Rücksicht zu nehmen. Die größten dichterischen Genies sind solche Geister gewesen.‘

Als U. mit Mauvillon durch den Briefwechsel über den Werth einiger deutschen Dichter jenen kühnen und verwegenen Wurf gethan hatte, wurde er zwar von der Kritik sehr stark mitgenommen, aber er plante nicht nur eine Fortsetzung dieses Unternehmens, sondern die ehrende Anerkennung, die jene That zwar nur durch einzelne aber sehr gewichtige Stimmen fand, veranlaßte ihn, jenen Briefen alsbald eine weit verwegenere Schrift folgen zu lassen, die er mit stolzen, übermüthigen Worten einleitet, worin er seine Absicht ausspricht, die litterarische Kritik im Sinne eines Bel Esprit, gewissermaßen wie Gebäck zum Nachtisch aus den Studirzimmern der Gelehrten in die große Welt einzuführen. Dieses Gebäck, das unter dem Titel: „Devisen auf Deutsche Gelehrte, Dichter und Künstler. Aus deutschen Dichtern gezogen“ (1772, 10 Bg.) auf den Markt der Oeffentlichkeit hinausgeschleudert wurde, enthält auf einseitig bedruckten Blättern nur Stimmen oder Urtheile über deutsche Künstler, Gelehrte und Dichter, von denen nicht zu leugnen ist, daß manche auf die betreffenden Personen sehr gut passen, während andere durch das Neckische überraschen. Dennoch war die gesammte Kritik mit gutem Grunde empört über eine so leichtfertige Behandlung eines sehr großen Theils der zeitgenössischen deutschen Dichter und Litteraten. Hatte ihn infolge der kritischen Briefe von verschiedenen Seiten ein scharfer Wind der Kritik angeweht, so erregten die Devisen einen wahren Sturm der Entrüstung. Zwar suchte U., der in so übermüthig herausfordernder Weise diese Sammlung in die Oeffentlichkeit gegeben hatte, die Urheberschaft sogar vor seinen nächsten Freunden zu leugnen und schob als Strohmann einen unauffindbaren ‚gewissen‘ Richers oder Richert in Ebeleben bei Sondershausen als angeblichen Verfasser vor, empfahl auch, als der einzige der dies that, die Devisen in mehreren Blättern. Aber sein Leugnen half ihm nicht. Zeitweise [343] waren selbst die treuesten und nachsichtigsten Freunde, ein Clamor Schmidt, Göckingh, Benzler gegen ihn verstimmt und das Bundesbuch des Halberstädter Dichterkreises, die ‚Büchse‘, brachte ein bitteres Epigramm auf U. und Mauvillon. der als Mitarbeiter an den Devisen galt.

Gegen das Ende seiner Tage trug U. sich noch mit verschiedenen litterarischen Plänen, um deren Ausführung er sich aufs äußerste mühte. So sollte erst schon 1772, dann ein Jahr darauf der erste Band eines ‚Magazins der Musen‘ erscheinen, aber es kam nicht dazu, auch bemühte er sich vergeblich, seinen Freund Göckingh zur Uebernahme dieses Magazins zu bestimmen. Er wollte auch über den Roman und einen Musterroman schreiben, doch blieb es bei dem Plane. Von seinen freigeistigen Schriften wurde ein Briefwechsel mit Diez sofort verboten. Seine zu Amsterdam bei Schröder gedruckten „Vermächtnisse für Zweifler“, nur zwei Druckbogen stark, erschienen in einer kleinen Auflage. Es ist uns aber nicht gelungen, ein Exemplar davon aufzutreiben.

Von gedruckten Quellen sind zu erwähnen: Zeitschrift d. Harzvereins 28 (1895), S. 117–252. – Mauvillons Briefwechsel. Deutschland 1801. – (Anna, Gräfin zu Stolb.-Wern.,) Briefe und Journale (von Gliedern des Hauses Stolb.-Wern.) als Handschr. gedruckt. Dresden 1882. – Klamer Schmidt, Leben und auserlesene Werke. 3 Bde. Tübingen 1827. – Herm. Uhde, H. A. O. Reichard’s Selbstbiographie. Stuttgart 1877. – Von Handbüchern seien nur erwähnt: Jördens, Lex. deutscher Dichter u. Prosaisten V, 128–138. – Matthisson, Lyr. Anthologie IX. 221–236. – Von handschriftlichen Quellen sind außer einzelnen Nachrichten in archivalischen und bibliothekarischen Sammlungen zu Wernigerode verschiedene Briefe im Benzlerschen Nachlaß und in der Gleimstiftung zu Halberstadt und Göckingh’s Briefe an Unzer sowie von diesem an jenen zu erwähnen.