ADB:Theodelinde

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Artikel „Theodelinde“ von Sigmund Ritter von Riezler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 687–689, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Theodelinde&oldid=- (Version vom 24. April 2019, 10:46 Uhr UTC)
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Theodelinde (Theodolinde, Theudelinde), Königin der Langobarden, Tochter des agilolfingischen Baiernherzogs Garibald und der Waldrade, einer Tochter des Langobardenkönigs Wacho, welche vordem mit König Theodebald von Auster und nach dessen Tode († 555) mit Chlotar I. vermählt war. Die Annahme, daß Th. nicht Garibald’s, sondern Theodebald’s Tochter war, ist schon aus chronologischen Gründen abzulehnen. (Vgl. auch Waitz in den Göttinger Gelehrten Nachrichten 1850, S. 342; 1869, S. 137) Theodelindes erste Verlobung mit dem Frankenkönig Childebert II. ward von dem Bräutigam auf den Rath seiner Mutter Brunehilde aufgelöst. Dann aber erkor die schöne Baiernprinzessin zur Gemahlin der Langobardenkönig Authari, der nach Gregor von Tours zuerst um die Hand der Schwester Childebert’s II. angehalten hatte. Authari’s junge Dynastie mußte durch den Bund mit Th., die mütterlicherseits der alten langobardischen Königsfamilie der Lethinger entstammte, an Ansehen gewinnen. Bei den Franken aber weckten diese Vorgänge Feindschaft mit Baiern wie Langobarden. Von Authari’s Brautwerbung um Th. liest man bei dem langobardischen Geschichtschreiber Paul eine sagenhafte Erzählung. Nachdem Garibald einer langobardischen Gesandtschaft bereits die Hand seiner Tochter für Authari zugesagt, habe dieser den Wunsch gehegt, selber unerkannt, seine Braut kennen zu lernen und sei in der Maske seines eigenen Gesandten und Brautwerbers mit wenigen Getreuen an den bairischen Hof gegangen. Dort wird ihm Theodelinde vorgeführt und er spricht zu Garibald: Da eure Tochter so schön ist, daß sie wohl verdient unsere Königin zu werden, möge sie mir einen Becher Wein kredenzen. Er trinkt, giebt den Becher zurück und streichelt verstohlen Th. liebkosend das Gesicht. Als Th. dies erröthend ihrer Kammerfrau erzählt, meint diese, der vermeinte Gesandte könne kein anderer sein als ihr Verlobter. Mit einem bairischen Ehrengeleite ziehen dann die Langobarden heim, an der bairisch-italienischen Grenze aber hebt sich Authari, so hoch er kann, im Sattel und schleudert seine Streitaxt wuchtig in einen Baum, indem er ausruft: Solche Hiebe führt Authari! Da erkennen auch die bairischen Herren, daß er der Langobardenkönig selber sei. Childebert aber sandte ein Heer gegen Garibald, der Th. mit reichen Schätzen unter dem Schutze seines zweiten Sohnes Gundwald nach Italien ziehen ließ, zunächst zum Herzoge Ewin von Trient, der bereits mit einer älteren Schwester Theodelindens vermählt war. Von dort ließ Th. dem verlobten, aber ihr bis dahin unbekannten Authari ihre Ankunft in Italien melden. Dieser eilte ihr mit glänzendem Gefolge entgegen, traf sie auf dem Sardisfeld oberhalb Verona und feierte die Hochzeit mit ihr (15. Mai 589), starb aber, während Franken und Byzantiner zugleich sein Reich bedrohten, schon im folgenden Jahre (5. September 590). Th. aber, die Enkelin des Langobardenkönigs Wacho, war unter den Langobarden schon so beliebt und angesehen, daß man ihr rieth, sich selbst aus den langobardischen Großen einen Gemahl – und hiemit den König zu wählen. Ihre Wahl fiel auf einen geborenen Thüringer, aber Verwandten Authari’s, den Herzog Ago oder Agilulf von Trient, dem ein zeichenkundiger Diener vordem aus einem Blitzstrahl geweissagt hatte, daß Th. einst noch sein Weib werden würde. In Lumello begegneten sich die beiden und [688] tranken aus einem Becher. Ehrfurchtsvoll wollte Agilulf der Königin die Hand küssen, sie aber sprach lächelnd: wer mich auf den Mund küssen darf, soll mir nicht die Hand küssen. Im Mai 591 drückte eine Volksversammlung in Mailand Theodelindens Wahl das Siegel auf.

Th. war offenbar unter den Langobarden eine überaus volksthümliche und hochgefeierte Fürstin. Ihre historische Bedeutung beruht auf ihrer erfolgreichen Thätigkeit zu Gunsten des Katholicismus, des Völkerfriedens und der langobardischen Cultur. Durch Religion und Kunst suchte sie der Rohheit des Langobardenvolkes entgegenzuwirken; auf Grundlage der kirchlichen Einheit und der römischen Cultur sollten Germanen und Römer zu einem neuen Volksthum verschmolzen werden. Die Könige Authari und Agilulf waren Arianer, der erstere hatte noch als Theodelindens Gemahl verboten, daß die langobardischen Kinder katholisch getauft würden. Dagegen lernen wir Th. durch die Correspondenz, welche Papst Gregor der Große mit ihr unterhielt, als eifrige Katholikin kennen. Zwar sprach der Papst 593 der Königin sein Bedauern aus, daß sie, von einigen Bischöfen mißleitet, die Gemeinschaft der katholischen Kirche verschmähe; aber dies bezog sich nur darauf, daß Th. an den drei Capiteln der Synode zu Chalcedon festhielt, welche die Kirchenversammlung von Constantinopel unter Justinian’s Einfluß verdammt hatte. Nichts deutet darauf, daß Th. je Arianerin war. Später trat auch bei ihrem zweiten Gemahl Agilulf, sehr wahrscheinlich unter dem Einflusse Theodelindens und vielleicht auch des Bischofs Constantin von Mailand, den Gregor der Königin angelegentlich empfohlen hatte, eine Sinnesänderung ein, wenn auch der König nie förmlich zur katholischen Kirche übergetreten zu sein scheint. 599 dankte der Papst Agilulf für den mit Rom geschlossenen Frieden und wünschte Th. Glück, daß sie dazu geholfen habe. Th. vermochte ihren zweiten Gemahl, der hohen Geistlichkeit einen Theil ihrer Güter zurückzugeben und ihren 603 im Palast zu Monza geborenen Sohn Adelwald wie schon vorher ihre Tochter Gundiperga katholisch taufen zu lassen. Gregor sprach ihr darüber seine hohe Freude aus und schickte Geschenke für den jungen Adelwald und dessen Schwester. Unter den Geschenken, mit denen er die Königin selbst bedachte, waren seine vier Bücher Heiligenleben. In Monza gründete Th. dem hl. Johann dem Täufer eine prachtvolle Kirche, die sie mit Grundbesitz wie goldenen und silbernen Kleinoden ausstattete. Noch heute zeigt man im Domschatz von Monza u. a. eine kostbare Evangelienhandschrift, die sich selbst als Weihgeschenk Theodelindens nennt, ein vielleicht von Th. gesticktes Corporale und eine goldenen Krone, die als Theodelindens Krone gilt. Auch einen Palast ließ Th. in Monza erbauen und darin Bilder aus der Geschichte der Langobarden malen. In Bergamo wird die Kirche der hl. Julia auf Theodelindens Gründung zurückgeführt. Nach Agilulf’s Tode (615) führte Theodelinde für ihren Sohn Adelwald zehn Jahre die vormundschaftliche Regierung, die durch weitere Fortschritte des Katholicismus, durch kirchliche Restaurationen und große kirchliche Schenkungen ausgezeichnet war. Adelwald’s Sturz scheint mit einer vorübergehend siegreichen arianischen Reaction zusammenzuhängen. Theodelindens Tod erfolgte wahrscheinlich am 22. Januar 628. Begraben ward sie in der Vincenzcapelle ihrer Johanniskirche in Monza. Die schon früher geknüpfte Verbindung zwischen den Nachbarstämmen der Baiern und Langobarden ward durch diese bairische Prinzessin auf dem langobardischen Throne zu einer engen und dauernden erhoben. Theodelindens Bruder Gundwald ward bei den Langobarden Herzog von Asti und mit Gundwald’s Sohne Aribert bestieg (653) eine bairische Dynastie den langobardischen Königsthron, auf dem sie sich, eine zehnjährige Unterbrechung abgerechnet, bis zum Jahre 712 erhielt. – In Rader’s Bavaria sancta et pia wird Th. aufgeführt, während bei Ferrarius, Catalogus Sanctorum Italiae (1613) ihr Name fehlt [689] und die Acta Sanct. Boll. unter dem 22. Januar sie unter den „Praetermissi“ nennen; eine Heiligsprechung scheint nie erfolgt zu sein. Von der Volksthümlichkeit der schönen Königin aber zeugt auch ihr Fortleben in der Heldensage. Nicht nur die anmuthigen sagenhaften Züge kommen hier in Betracht, mit denen ihr Leben bei dem Geschichtschreiber Paulus ausgeschmückt erscheint: Theodelindens Name ward auch willkürlich mit einer grotesken Sage verknüpft, die auf dem Boden merowingischer Ueberlieferungen erwachsen ist: am Strande wandelnd, wird die Königin von einem Meerungethüm überfallen und bezwungen; der Sohn, den sie später zur Welt bringt, trägt die Spuren seiner unmenschlichen Abkunft. Die uralte Sage ist überliefert in Boccaccio’s Decamerone III, 2, in dem Gedichte „Das Meerwunder“ im Heldenbuche Caspar’s von der Roen, sowie in einem Meisterliede und einem Spruchgedichte des Hans Sachs.

Pauli Historia Langobardorum, lib. III u. IV und dessen Uebersetzung von Otto Abel, 2, Aufl. von Jacobi. – Die Schreiben des Papstes Gregor I. verzeichnet bei Jaffé, Reg. pontific. – Neben Paulus, der für Theodelindens Geschichte das Werk des ältesten langobardischen Historikers Secundus von Trient (nach Hegel’s Vermuthung Theodelindens Beichtvater) benutzt hat, können die abweichenden Nachrichten im 34. Capitel der Fredegar’schen Chronik nicht bestehen. – Ueber den Kirchenschatz von Monza s. das Buch des Kanonikers Frisi, Memorie storichi di Monza et sua Corte (1794, bes. I, 92 f., III, 58 f.). – Von der neueren Litteratur siehe besonders Jul. Weise, Italien und die Langobardenherrscher von 568 bis 628, Halle 1887, S. 101 ff., 255 ff. – Carl Drescher, Hans Sachs und die Heldensage (Acta germanica II, 1891, S. 436 ff.: Die Sage von der Königin Theodelinde).