ADB:Agilulf

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Artikel „Agilulf, Langobardenkönig“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 706–709, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Agilulf&oldid=2486664 (Version vom 16. Dezember 2017, 22:01 Uhr UTC)
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Band 45 (1900), S. 706–709 (Quelle).
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Agilulf (auch Ago), Langobardenkönig, a. 590–615. Nach dem Tode König Authari’s (s. A. D. B. I, 697), a. 590, beließen die Langobarden seiner Wittwe, Theodelindis (XXXVII, 687), der Tochter des Bajuwarenherzogs Garibald (VIII, 372) Würde und Machtstellung ihrer Königin; die jedenfalls bedeutende Frau, die Freundin des großen Papstes Gregor, die wirksamste Verbreiterin des katholischen Bekenntnisses in dem arianischen Volk, sollte nach einem freilich sagenhaft gefärbten Bericht (des Paulus Diaconus) sogar durch die Wahl des Gatten zugleich die Königswahl vollziehen: doch erst „auf den Rath verständiger Männer“ wählte sie A., den Herzog von Turin: er war von der Schwertseite ein Thüring aus der Sippe der Anava, von der Spindelseite aber ein Verwandter seines Vorgängers, des gefeierten Königs Authari, was wohl das Bedenken gegen den Stammfremden aufwog. Anmuthig ist der sagenhafte Bericht des Paulus, wonach die Königin den Ahnungslosen zu sich beschied. (Ohne hinreichenden Grund behauptet Waitz, Verfassungsgeschichte III, 35, A. habe die Krone und die Hand Theodelindens mit Gewalt an sich gerissen: die andern Quellen, die origo gentis Langobardum und die Chronik des sogenannten Prosper, sagen das so wenig wie Paulus und in solchem Falle wäre jene Sagenbildung wohl nicht erfolgt.) Ja, sie eilte ihm bis Laumellum (Lomello) entgegen. Als er eingetroffen war, ließ sie nach wenigen Worten Wein bringen, trank zuerst und reichte dann den Becher A. Wie dieser den Pokal entgegennahm und ihr dann ehrerbietig die Hände küßte, sprach sie lächelnd und erröthend, der Mann dürfe ihr nicht die Hand küssen, der ihr seinen Kuß auf den Mund drücken solle. Darauf hieß sie ihn sich erheben und sie küssen und eröffnete ihm Alles von Hochzeit und Königthum. Unter großer Freude ward die Vermählung gefeiert und A. zum König erhoben, Anfang November 590; erst später aber, Mai 591, zu Mailand auf den Thron.

Um die Stellung, die verschiedenen Aufgaben eines Langobardenkönigs jener Tage und so auch Agilulf’s zu verstehen, muß man die damals in Italien mit einander ringenden Kräfte und Parteien überschauen. Eine solche Ueberschau ward gegeben unter dem Artikel Liutprand (s. A. D. B. XIX, 8–19), worauf hier verwiesen werden mag: in Ravenna vertrat der Exarch, in Rom der dux Romanus den byzantinischen Imperator: aber neben dem dux und oft an seiner Stelle leiteten die Päpste die Vertheidigung der heiligen Stadt gegen die Langobardenkönige zu Pavia, die jedoch außer den Byzantinern und dem Papst fast ununterbrochen ihre eigenen unbotmäßigen Herzoge, duces, zumal in den großen Grenzherzogthümern Benevent, Spoleto, Friaul und Trient zu bekämpfen und gegen den Bund jener drei Gruppen einen desto schwierigeren Stand hatten, als der heilige Vater die den Langobarden weit überlegene Macht der Franken oft mit Erfolg zu seinem und „Sanct Peter’s“ Schutz herbeirief: diese Gruppirung der Parteien muß man im Auge behalten, auch König Agilulf’s Handlungen richtig zu würdigen. Zunächst suchte er Friede mit den Franken, die vermöge eines Bündnißvertrages mit Byzanz gegen Authari a. 590 einen Einfall in Oberitalien unternommen und aus den eroberten tridentinischen Burgen zahlreiche Gefangene fortgeführt hatten: Bischof Agnellus von Trient und Evin, dem Herzog dieser Grenzmark, dem Schwager der Königin (Gemahl ihrer Schwester), gelang es, den Frieden abzuschließen (a. 591) und viele jener Gefangenen, die zum Theil die Frankenkönigin (und Regentin) Brunichildis (siehe A. D. B. III, 442) mit eigenem Gelde losgekauft hatte, zurückzuführen. Von dieser Seite her gesichert, wandte sich der König gegen drei seiner treulosen Herzoge: Mimulf, den Herzog „der Insel des heiligen Julian“ (d. h. San Giulio im Lago d’Orta, westlich vom Lago Maggiore) ließ er hinrichten, weil er sich vor kurzem verrätherisch den Franken angeschlossen hatte. Darauf bezwang er [707] den Herzog Gaidulf von Bergamo (angeblich einen Gesippen Authari’s) in dieser festen Stadt, begnadigte ihn, bekämpfte den abermals Empörten auf der Insel Commacina, wobei er einen noch von den Römern hier geborgenen Schatz erbeutete, nahm den nach Bergamo zurück Geflohenen hier wieder gefangen und begnadigte ihn zum zweiten Mal. Darauf belagerte und bezwang er auch den empörten Herzog Ulfari von Treviso. Einstweilen hatten die beiden Herzoge von Benevent und Spoleto selbständig Kämpfe und Verhandlungen geführt, theils mit dem Exarchen zu Ravenna und den andern Byzantinern in Neapel und Unteritalien, theils aber mit dem großen Papst Gregor, der in Vertheidigung der heiligen Stadt mit geistlichen, geistigen und weltlichen Mitteln eine bewunderungswürdig unermüdliche und mannichfaltige Thätigkeit entfaltete: er erbat unablässig Hülfe von Byzanz, er flickte die alten, vielfach morschen Mauern Aurelian’s und Belisar’s, er ertheilte den kaiserlichen Befehlshabern im offenen Felde – in Tuscien – Rathschläge (a. 591), schickte Geld, Soldaten, Anführer in die von den Langobarden bedrängten Castelle (Nepi a. 591), er warnte die von ihnen bedrohten Städte (Velletri) vor den geplanten Ueberfällen, er rief den Beistand der Merovingen an, suchte aber auch den Arianer A. durch seine eifrig katholische Königin zum Frieden zu stimmen. Dem Geistgewaltigen war es gelungen, Herzog Ariulf von Spoleto, der Rom belagerte, in einer Unterredung – obwohl er Heide war – zum Abzug zu bewegen (a. 592), aber Romanus, der Exarch zu Ravenna, in diesen Frieden nicht eingeschlossen, griff nun die Langobarden an und gewann durch Verrath des langobardischen Herzogs Maurisio Perugia und andere Städte bis gegen Rom hin (Herbst a. 592), im folgenden Jahr auch noch Sutri, Bomarzo, Orte, Todi, Amelia und Luceoli. Nun (a. 593) zog A. mit starker Macht auf Perugia, nahm Maurisio gefangen und ließ ihn hinrichten; dann wandte er sich, durch den Vertrag Ariulf’s nicht gebunden, gegen Rom (Sommer a. 593). Gregor erschrak so heftig bei der Nachricht, daß er die Erklärung des Ezechiel vor Bestürzung abbrach. Doch gelang es ihm abermals, die hart bedrängte Stadt zu retten: gegen eine Jahresschatzung von 500 Pfund Goldes hob A. die Belagerung auf: Seuchen in seinem Lager drängten hiezu, noch mehr aber die Empörung von drei seiner Herzoge in seinem Rücken, Langrulf’s von Verona, Warnegauz’ in Agilulf’s eigner Hauptstadt Pavia und des unverbesserlichen Gaidulf’s von Bergamo: er brachte sie alle drei in seine Gewalt und ließ sie – ersprießlichermaßen! – hinrichten. Das einzig Richtige wäre gewesen, alle heimfallenden Herzogthümer – und schon der selten unterbrochene Hochverrath sorgte für häufigen Heimfall! – nicht wieder als solche zu verleihen, sondern ihre Gebiete verkleinert in unmittelbare Verwaltung durch königliche Gastalden (Amtmänner) zu nehmen: allein es scheint, auch die kräftigsten Herrscher konnten das gegen den Adel nicht durchzwingen: dieser wartete gierig auf erledigte Herzogthümer und auf den guten Willen dieser zweitmächtigsten Sippen gegen die Herzogsgeschlechter war die Krone offenbar angewiesen. So setzte A. denn auch in den durch den Tod erledigten Ducatus Trient und Benevent neue Herzoge ein, in Trient einen Katholiken. Später (a. 599) gelang es Theudelinde, unter Vermittlung des Erzbischofs Constantin von Mailand A. zum Abschluß festen Friedens mit dem Papst und den Römern zu bewegen: bald darauf schloß er auch Waffenstillstand auf drei Jahre mit dem Exarchen Kallinikos zu Ravenna: aber die Herzoge von Spoleto und Benevent traten dem nur bedingt bei: man sieht, diese Fürsten üben für ihre Gebiete die Vertretungshoheit selbständig, der König kann nicht für das ganze Reich Friede schließen. Alsbald erhoben sich wieder zwei andere Herzoge: Gaidoald von Trient und Gisulf von Friaul gegen A., dem nach der Losreißung jener vier großen Ducatus nur Pavia, Mailand und Tuscien geblieben [708] waren: eine Zeit lang (a. 599 oder 600–602) behaupteten sich jene beiden: allein ihre Gebiete lagen doch dem Machtsitz des Königs so nahe, daß a. 602 ihre Unterwerfung erfolgte: er begnadigte sie. Als verderblich sollte sich das Verhalten Agilulf’s gegenüber den Avaren herausstellen: gewiß weniger die Erinnerung an alte Bündnisse gegen die Gepiden (a. 568, s. den Artikel Alboin A. D. B. I, 223) als die gegenwärtige gemeinsame Bedrohung durch die Byzantiner bewog den König zur Annäherung an den „Chacan“ (Ober-Chan) des wilden mongolischen Raubvolkes: er schickte ihm sogar – thörigerweise! – Schiffsbaumeister behufs Herstellung einer Kriegsflotte, mit der der Chagan allerdings bald darauf ein thrakisches Eiland abnahm, allein später verwandten jene Horden die durch langobardische Hülfe gebauten Schiffe zu furchtbaren Raub- und Verheerungsfahrten gerade gegen die Langobarden, die doch durch solche Schiffsbaumeister vor allem für sich selbst eine Kriegsflotte hätten bauen sollen, ohne welche Ravenna, Rom und Neapel nicht zu bezwingen waren: sie haben es nie gethan! Nicht einmal den Tiber haben sie zu sperren verstanden, Rom die Zufuhr und den höchst gefährlichen Gesandten der Päpste den Seeweg zu den Franken aus der zu Land eingeschlossenen Stadt abzuschneiden. Doch muß der Herzog von Benevent wenigstens einige Fahrzeuge gerüstet haben, als er a. 602 Sicilien bedrohte.

Der Waffenstillstand von a. 599 ging a. 601 zu Ende: sofort eröffnete der Exarch Kallinikos wieder die Feindseligkeiten, überrumpelte Parma und führte den Herzog Godiskalk mit dessen Gattin, einer Tochter Agilulf’s aus früherer Ehe, gefangen fort nach Ravenna; der König aber erstürmte mit Feuer und Schwert Padua, und schleifte die Mauern (a. 601): beides ist lehrreich und beweist die auch sonst vielfach erkennbare geringe Zahl der langobardischen Einwanderer, die in 33 Jahren jene ihrer Hauptstadt so nahe gelegene Veste nicht hatten bezwingen können und auch jetzt nicht zu besetzen vermochten; die gefangenen Byzantiner entließ A. nach Ravenna, eine damals häufige, schwer begreifliche Maßregel. Vermöge jenes Bündnisses heerten gleichzeitig langobardische Schaaren mit Avaren und diesen befreundeten Slaven in dem byzantinischen Istrien, während A. den Kaiserlichen die Burg Montelise (mons silicis) in Venetien entriß (a. 602). Im folgenden Jahr (Juli a. 603) zog er nach Ablauf einer kurzen mit Smaragdus, dem neuen Exarchen, vereinbarten Waffenruhe von Mailand aus gegen Cremona, eroberte, unterstützt von (slavischen) Hülfstruppen des Chagans die Stadt (21. August) und zerstörte sie bis auf den Grund, statt sie zu behaupten: darauf durchbrach er mit seinen Sturmböcken die festen Mauern von Mantua, zog am 13. September in die Stadt und entließ abermals die gefangenen Besatzung nach Ravenna, so die Hauptmacht des Feindes verstärkend.

Die damalige Kriegführung in Italien gewährt in der Rohheit ihres Verfahrens gar manche seltsame Erscheinung: so brennen die Kaiserlichen selbst ihre Stadt Brexillus nieder als sie nach dem Fall der Veste Bulturnia (Valdoria) den Rückzug antreten. A. folgte ihnen zwar auf dem Fuß, überschritt den Po und zog auf Ravenna: statt nun aber endlich Ernst zu machen, bewilligte er Smaragdus den erbetenen Waffenstillstand von September a. 603 bis 1. April a. 605, wofür dann der gefangene Eidam, die Tochter und deren erbeutete Habe herausgegeben ward: nach Parma zurückgekehrt starb sie doch alsbald in schwerer Niederkunft. Bald darauf schied auch aus dem Leben der große Papst Gregor (begraben am 12. März a. 604). Er und Theodelinde hatten A. zu eifriger Ergebenheit an die Kirche gewonnen: in diesem Sinne übte er auch die Kirchenhoheit der Krone: als der Patriarch von Alt-Aquileja, Severus, starb (a. 607?), ertheilte der König (mit Herzog Gisulf von Friaul) [709] die Genehmigung der Wahl des Abtes Johannes zum Nachfolger. Zu A. wanderte denn auch vertrauensvoll – zumal wohl wegen der Königin, aus Bregenz Sanct Columba (Urgesch. III, S. 586), de leidenschaftliche katholische Eiferer und gründete (a. 613) zu Bobbio in Ligurien das Kloster, das ein hervorragender Sitz und Pflegeort der Bildung werden sollte. A. näherte sich nun den alten Feinden der Langobarden, den eifrig katholischen Merovingen und sicherte seinem Sohne im voraus die Krone, dem bei dem Thronwechsel häufigen Thronkrieg vorbeugend: im Juli a. 605 ließe er den kaum dreijährigen Knaben (geboren Ende a. 602 zu Monza) zu seinem Nachfolger wählen, setzte ihn im Circus zu Mailand in Gegenwart der Gesandten des Frankenkönigs Theudibert II. (a. 596–612) auf den Thron und verlobte ihn mit der Tochter dieses Merovingen unter Errichtung eines „ewigen Friedens“ zwischen Langobarden und Franken (Urgesch. III, 567).

Genau mit Ablauf der Waffenruhe – am 1. April 605 – begann der kriegerische König wieder den Angriff auf die Byzantiner und entriß ihnen Bagnorea und Orvieto (Balneus regis und urbs vetus), bewilligte jedoch abermals dem Exarchen Smaragdus, der sich nur vertheidigend verhielt – so Argenta und Ferraria befestigte – gegen Zahlung von 12000 solidi Waffenstillstand auf Ein Jahr und nach dessen Ablauf auf drei Jahre (bis November a. 609). Vor Ablauf dieser Frist noch ward abermalige Verlängerung der Waffenruhe auf ein Jahr vereinbart und zwar durch Vertrag mit dem Kaiser (Phokas) selbst, zu welchem A. seinen Notarius Stabilicianus nach Byzanz geschickt hatte, der mit reichen Geschenken zurückkehrte: auch des Phokas Nachfolger Heraklius (seit 5. October 610) erneuerte den Waffenstillstand durch seinen Exarchen Smaragdus und dessen Nachfolger Johannes Lemigius Thrax zuerst bis a. 611, dann bis a. 612. Denn Byzantiner und Langobarden beschäftigten jetzt viel dringendere Aufgaben als Gefechte an Po und Tiber: jene wurden durch die Perser in Asien bedrängt und A. sollte nun erfahren, welch üble Bundesgenossen jene Avaren und von diesen abhängigen Slaven waren, mit denen er in Istrien gemeinsame Sache gemacht, denen er Kriegsschiffe hatte bauen helfen. Im J. 611 fiel der Chagan in das langobardische Istrien ein (während seine slavische Meute auf das kaiserliche losgelassen ward), und furchtbare Greuel verbreiteten nun diese mongolischen Horden über jene Landschaft, dann über ganz Venetien und Friaul: der wackere Sohn Warnefrid’s, Paulus Diaconus, dem Friaul entstammend und von Herzen zugethan, schildert eingehend jene Schrecknisse, die auch seine eigenen Sippe auf das Schwerste trafen: Herzog Gisulf ward nach heldenhaftem Kampfe mit fast allen seinen Kriegern von der Uebermacht vernichtet: wir erfahren nicht, wie es dem König gelang, die Unholde wieder auszuschaffen, wir erfahren nach a. 611 von ihm nur noch, daß er 615 oder 616 zu Mailand starb. Sein zwölfjähriger Knabe Adaloald trug die Krone unter Regentschaft Theodelindens zehn Jahre: da er in Wahnsinn verfiel, ward er a. 625 entsetzt; zu seinem Nachfolger ward gewählt Ariovald a. 625–637.

Quellen und Litteratur: s. unter Aistulf, Alboin, Authari, Desiderius, Liutprand und Theodelinde.