ADB:Tuch, Friedrich

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Artikel „Tuch, Friedrich“ von Carl Gustav Adolf Siegfried in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 754–756, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tuch,_Friedrich&oldid=3424441 (Version vom 21. November 2018, 02:10 Uhr UTC)
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Tuch: Johann Christian Friedrich T. ward geboren am 17. December 1806 zu Quedlinburg. Für das Universitätsstudium auf dem Gymnasium zu Nordhausen vorbereitet, hatte er das Glück, dort jene strenge und methodische Schulung des Geistes zu erhalten, wie sie der hervorragende Lateiner, der damalige Rector Friedrich Karl Kraft (s. A. D. B. XVII, 8) seinen Schülern zu geben wußte. So brachte er, darin Hupfeld (s. A. D. B. XIII, 423) ähnlich, für das Studium der Theologie und der Orientalia, das er im J. 1825 zu Halle begann, eine seltene philologische Ausrüstung und Methode mit. Die lange und harte Schule der Entbehrung, die seiner wartete, vermochte weder seines Strebens Energie zu brechen noch den Trieb, der ihn zu den idealen Gütern des Lebens hinführte, in ihm zu ersticken. Die Studien, deren Frucht die gediegenen Leistungen waren, mit denen er plötzlich die gelehrte Welt überraschte, wurden buchstäblich bei Hunger und im Winter dazu bei Kälte gemacht. Trotzdem wählte er die akademische Laufbahn. Am 20. März 1830 habilitirte er sich bei der philosophischen Facultät zu Halle durch die Veröffentlichung und öffentliche Vertheidigung eines Abschnittes von Abulfeda’s Beschreibung von Mesopotamien. Daß hierzu Heinrich Ewald (s. A. D. B. VI, 438) Beisteuern aus einer Göttinger Handschrift geliefert hatte und T. sich auch sonst in sprachwissenschaftlicher Beziehung als Schüler Ewald’s bekannte, erleichterte ihm mindestens die Anfänge seiner Wirksamkeit neben Gesenius (s. A. D. B. IX, 89) nicht. In den folgenden Hungerjahren, in denen er als Litterat um das tägliche Brot [755] Lohnschreiberei betreiben mußte, glaubte man ihn als für die Wissenschaft verloren ansehen zu müssen, als er plötzlich im J. 1838 den Zeidgenossen in seinem Commentar über die Genesis ein Werk vorlegte, das durch die gediegene Fülle seines Inhalts und die plastische Vollendung seiner Form allgemeines Erstaunen erregte und unbestritten als die erste Leistung dieses Gebietes anerkannt wurde. Ja, was noch mehr besagen will, man darf dreist behaupten, daß, trotzdem mit der Zeit Manches in diesem Werke veraltete, gleichwol dasselbe diesen ersten Rang behauptet hat, bis Aug. Dillmann in den verschiedenen Auflagen seiner Neubearbeitung des Knobel’schen Commentars zur Genesis etwas für die fortgeschritteneren Bedürfnisse der Zeit Entsprechenderes schuf (vgl. auch Bleek-Kamphausen, Einl. in das A. T., 1870, S. 152; Diestel, Gesch. des A. T. in der christl. Kirche, 1869, S. 648). Noch in dem Erscheinungsjahre seines Buches erhielt T. von der preußischen Regierung Titel und Rang eines außerordentlichen Professors. Aber die Errettung aus der äußerlichen Noth brachte ihm erst 1841 die Berufung an die Universität Leipzig, wo er ordentlicher Professor der Theologie für A. T. und Orientalia wurde. – Die Genesis war rasch vergriffen. Aber, obwol der Verfasser unablässig die Studien zur Neubearbeitung fortsetzte, wie sein Handexemplar und die „Bemerkungen zur Genesis c. 14“ (Zeitschr. der deutschen morgenl. Ges. Bd. I [1847] S. 161–194) mit ihren topographischen und geschichtlichen Untersuchungen beweisen, konnte doch der gründliche Mann niemals zum Abschluß und zur Veröffentlichung sich entschließen. Erst nach seinem Tode erschien im J. 1871 eine zweite Auflage, die im wesentlichen A. Arnold besorgte. Da dieser aber ebenfalls vor Vollendung dieser Arbeit dahinstarb, so fügte A. Merx ein Nachwort hinzu, welches insonderheit den großen Fortschritt der Pentateuchkritik in der Periode von 1838–1871 in vortrefflicher Weise auf p. LXXVIII–CXXII zur Darstellung brachte. Der Text des Tuch’schen Commentars blieb im wesentlichen der alte. Arnold fügte nur aus Tuch’s Handexemplar die zahlreichen Randbemerkungen des Verstorbenen in [ ] ein, berichtigte Citate nach den inzwischen neu erschienenen Auflagen der angeführten Werke und setzte, wie dies später auch Merx that, in { } Berichtigungen aus neuerer Forschung und Angaben neuerer Litteratur hinzu. So ist das Buch auch für die Gegenwart immer noch eine Fundgrube werthvollen Materials für die Exegese der Genesis geblieben. In den litterärkritischen Partien ist es allerdings veraltet. Hier war T. der Hauptvertreter der sog. Ergänzungshypothese (vgl. H. Holzinger, Einleitung in den Hexateuch, 1893, Thl. 1, S. 57 f.).

Die Folgezeit brachte keine eigentlichen Bücher mehr. Nicht als ob T. in seinem wissenschaftlichen Streben nachgelassen hätte. Im Gegentheil. Immer tiefer wußte er zu graben, immer höher aber steigerte er auch seine Ansprüche an sich selbst, und der Entschluß, nur nach seinem Urtheil völlig Ausgereiftes zu geben, hat uns sicher um manche werthvolle Gabe gebracht. Zunächst nahm die neue größere Lehrthätigkeit seine Kraft in Anspruch. Wie ernst er es damit nahm, beweist der große Kreis seiner Schüler und die Huldigungen, welche ihm 1866 nach 25jähriger Lehrthätigkeit von diesen und von der Lausitzer Predigergesellschaft dargebracht wurden. Der Schwerpunkt seiner Studien fiel in der Leipziger Periode in die Gebiete der Paläographie und der geographia sacra. Der ersteren gehörte die gediegene Abhandlung: „Einundzwanzig sinaitische Inschriften. Versuch einer Erklärung“ an, welche in der Zeitschrift der deutschen morgenl. Gesellschaft Bd. III (1849) S. 127–215 abgedruckt ist, gleichzeitig auch in besonderem Abdruck im Buchhandel erschien. Der Verfasser griff hier (vgl. auch a. a. O. Bd. II [1848] S. 395–397, Bd. IV [1850] S. 122) die Arbeit E. F. F. Beer’s (s. A. D. B. II, 247) mit den damaligen wissenschaftlichen Mitteln auf das gründlichste wieder auf. Namentlich ergänzte [756] er Beer’s lediglich paläographische Untersuchung durch die sorgfältigste archäologische und geschichtliche Forschung über Verfasser und Zeit der Inschriften, über Heimath und Religion der ersteren, über Ursprung, Zweck und Zeitalter der letzteren. In der Einzelerklärung der facsimilirten und transcribirten Inschriften vereinigt sich paläographische und sprachliche Bildung in glücklichster Weise. Man kann wol behaupten, daß auch auf diesem Gebiete unter Tuch’s Nachfolgern nur Julius Euting in Straßburg (sinait. Inschriften, Berlin 1891) die Sache auf eine neue Basis gestellt hat. – Der lateinischen Epigraphik gehört die Untersuchung über die Hadriansinschrift am Haram zu Jerusalem an (Zeitschr. d. d. m. Ges. Bd. IV [1850] S. 253 u. 395). Aus dem Gebiete der geographia sacra im engeren und weiteren Sinne seien hier hervorgehoben: die „Commentationes geographicae de Nino urbe“, 1845 (vgl. auch Zeitschr. der d. m. Ges. Bd. II [1848] S. 366–369, die Erörterung der Frage, ob Mespila bei Xenophon das heutige Mossul bezeichne); die Abhandlung „Ueber die Reise des Sheikh Ibrahim al Khyari el Medini durch einen Theil Palästinas“ (1850), eine ebensolche „Ueber die Höhlen Maisaloth (Massadoth?) bei Arbela (1. Macc. 9, 2)“ (1853); ferner: „Die Himmelfahrt Jesu. Eine topographische Frage“ (1851); „Ueber die histor. Schriften des Fl. Josephus und jüd. Krieg IV, 8, 2“ (1859, 1860); endlich „Ueber Antonius Martyr, seine Zeit und seine Pilgerfahrt“ (1864). Ferner erörterte T. in der Zeitschr. d. d. m. Ges. Bd. III (1849) S. 348 eine Notiz des arabischen Geographen Qazwini über das Vorkommen von Perlen im Tiberiassee. – Die Notiz über das Manna (a. a. O. IV, 224) enthält jetzt allgemein Bekanntes und nur theilweise Richtiges. – Zu Balduin’s IV. Feldzug nach al-Biqâa (a. a. O. IV, 512–514) gibt T. eine eingehende topographische Erläuterung. – Beachtenswerth ist auch die a. a. O. V, 374–378 gegebene Kritik des von T. Tobler entworfenen Grundrisses von Jerusalem. – Einen Nachtrag zu seinen oben erwähnten Abulfedastudien lieferte T. in der Zeitschr. d. d. m. Ges. Bd. I (1847) S. 57–65, wo er Textemendationen besonders aus den syrischen Chronographen brachte. Zu der beabsichtigten Ausgabe des Abulfeda ist es nicht gekommen. Ueber eine bei Barhebraeus erwähnte Sonnenfinsterniß des Jahres 812 n. Chr. machte T. Mittheilungen a. a. O. Bd. V (1851) S. 508 f. Programme schrieb er über eine Leipziger Handschrift des syrischen Pentateuchs und über die Lautlehre des Aethiopischen. Das hohe Ansehen, dessen sich T. erfreute, zeigte sich sowol in dem Vertrauen, das ihm seine akademischen Collegen schenkten, die ihn zweimal hintereinander, 1856 und 1857, zum Rector der Universität erwählten, als auch in den Ehrungen, die ihm die Regierung durch Ernennung zum Kirchenrath und später zum Domherrn angedeihen ließ. Im J. 1867 traf ihn ein Schlaganfall, dessen Folgen er am 12. April desselben Jahres erlag.

Vgl. Winer, Hdb. der th. Lit. Bd. II, Sp. 808. – Unsere Zeit. Neue Folge. Jahrg. 3, Thl. II, S. 303–305. – Zeitschr. d. d. m. Ges. 24. Bd. Supplement Hft. I (1871) S. 35–37.