ADB:Wickenburg, Matthias Graf von

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Artikel „Wickenburg, Matthias Constantin Capello Graf von“ von Franz Ilwof in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 320–325, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wickenburg,_Matthias_Graf_von&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 02:54 Uhr UTC)
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Wickenburg: Matthias Constantin Capello Graf v. W., Staatsmann, gehörte einer jener reichsständischen Adelsfamilien an, die bis zu Anfang unseres Jahrhunderts entweder aus Abneigung gegen Preußen oder wegen der beschränkten Verhältnisse in den deutschen Kleinstaaten ihre jüngeren Söhne in Oesterreich theils in der Beamtenlaufbahn, theils im Heere Dienst nehmen ließen. Er war der Sohn des kurpfälzischen Generals und Gesandten an den Höfen zu St. Petersburg und Wien, Anton Anselm Capello Grafen v. W. und der Lucie, Gräfin v. Halberg, am 16. Juli 1797 auf dem Rittergute Pesch bei Düsseldorf geboren. Frühzeitig mit seinem Vater nach Wien gekommen, besuchte er hier die öffentlichen Schulen und die Universität. Der junge Graf hatte sich rasch [321] in Oesterreich acclimatisirt und der Entschluß, seine Kräfte diesem Staate zu widmen, mag ihm leicht geworden sein; eine schöne Zukunft stand ihm bevor, seine Carriere war aber eine schnellere und glänzendere, als er gehofft haben mochte. Nach beendeten Studien trat er bei dem Kreisamte des Viertels Unter dem Manhartsberge zu Korneuburg ein, kam dann zur niederösterreichischen Regierung und bald zur allgemeinen Hofkammer nach Wien, wo er zum Hofconcipisten und Hofsecretär befördert wurde. 1823 ernannte ihn Kaiser Franz zum wirklichen Hofsecretär bei der vereinigten Hofkanzlei, 1824 zum niederösterreichischen Regierungsrath und 1825, er war erst 28 Jahre alt, zum Kreishauptmann des Viertels Ober dem Manhartsberge mit dem Sitze in Krems an der Donau. Schon bis dahin hatte er sich so trefflich bewährt, daß ihn der Kaiser mit einer außerordentlichen Mission betraute: im Mühlkreise in Oberösterreich war es zu bedenklichen Irrungen zwischen Unterthanen und Gutsherren gekommen und schwere Klagen waren von jenen gegen diese erhoben worden; W. wurde vom Kaiser dorthin zur Untersuchung dieser Mißverhältnisse gesendet, es gelang ihm, die Streitigkeiten zur allgemeinen Zufriedenheit beizulegen. Nach Krems zurückgekehrt verwaltete er in trefflicher Weise den ihm unterstehenden Kreis; auf seine Anregung hin und unter seiner Oberleitung wurden die sechs Meilen lange Straße von Waidhofen an der Thaya bis zur böhmischen Grenze und eine Straße über Eggenburg in Niederösterreich nach Znaim in Mähren erbaut, sowie andere ansehnliche amtliche Bauten (Brücken, öffentliche Anlagen u. a.) ausgeführt. Bei Feuersbrünsten und Wassersnöthen, welche dort, besonders wenn der Eisstoß auf der Donau Ueberschwemmungen veranlaßt, nicht selten und höchst gefährlich sind, trat er mit Hintansetzung von Gesundheit und Leben ein und traf die geeignetesten Anstalten zur Abwendung dieser Elementarereignisse und Heilung der dadurch veranlaßten Schäden. Seine ausgezeichnete unparteiische Geschäftsführung, sein Gerechtigkeitssinn, seine Humanität erwarben ihm die Achtung und Liebe aller Bewohner seines Kreises und tief bedauert wurde sein Scheiden, als ihn 1830 der Kaiser zum Vicepräsidenten des Guberniums für Steiermark nach Graz berief und ihn, da Graf Hartig, bis dahin Gouverneur dieser Provinz, als solcher der Lombardie nach Mailand abgegangen war, mit der Leitung der politischen Verwaltung der Steiermark betraute. Im Juli 1835 ernannte ihn Kaiser Ferdinand zum Gouverneur von Steiermark und wirklichen geheimen Rath, womit in Oesterreich der Titel Excellenz verbunden ist. Sein treffliches Walten in diesem Lande ist heute noch in Vieler Erinnerung. Wo es galt, Verbesserungen durchzuführen, für die Volkswohlfahrt zu wirken, trat er mit voller Kraft ein; die durch Feuer verheerte Stadt Judenburg wurde unter seiner Leitung wieder aufgebaut; Humanitätsanstalten wurden unter seiner Aegide in Graz und anderwärts ins Leben gerufen; in der Landeshauptstadt zwei Kettenbrücken über die Mur gebaut, dem Kaiser Franz ein Denkmal errichtet, Kaibauten entstanden, alte Straßen wurden regulirt, neue eröffnet, wovon eine jetzt noch den Namen Wickenburggasse trägt, viele Verschönerungen in Stadt und Umgebung ausgeführt u. v. a.

Graz und Judenburg verliehen ihm das Ehrenbürgerrecht.

Ein unschätzbares Verdienst hat sich W. durch die Gründung eines Kurortes in der östlichen Steiermark erworben. Die heilbringenden Quellen von Gleichenberg waren bis dahin wenig gekannt und kaum benützt. Die Gegend, abseits von den Hauptstraßen gelegen, war schwer zugänglich, die Brunnen waren nicht ordentlich gefaßt, Unterkunft für Gäste nahezu gar nicht vorhanden. Der tüchtige Arzt Dr. Ignaz Werle in Graz machte W. auf diese Heilquellen aufmerksam, der sie nun selbst besuchte und sogleich den Entschluß faßte, Mittel und Wege zu finden, sie allgemein nutzbar und zugänglich zu machen für das Wohl der [322] Leidenden sowol, als zum Vortheil der ganzen Gegend, ja selbst des Landes Steiermark. Seiner Initiative und Energie gelang es, unter Mitwirkung vieler Vaterlandsfreunde einen Actienverein zu Stande zu bringen, der sich den Ankauf der Quellen und eines großen Grundcomplexes rund um dieselben zum Zwecke setzte. Die Brunnen wurden zweckentsprechend gefaßt, die nothwendigen Bauten ausgeführt, 1836 war die Curanstalt der Hauptsache nach hergestellt und wurde bereits von Curgästen besucht. Von da an nahm Gleichenberg einen großartigen ungeahnten Aufschwung. Während vordem meist nur Wald den Boden deckte und wenige Ansiedelungen in dem abgelegenen Thale und auf den es umgrenzenden Hügeln standen, prangen sie jetzt im Schmucke herrlicher Wiesen, prächtiger Garten- und Rebenanlagen und mehr als fünfzig Villen und andere Gebäude sind zur Aufnahme der Curgäste entstanden. Im J. 1837 war es von 118 Gästen besucht, 1896 belief sich ihre Zahl auf nahezu 5000; in gleicher Weise ist der Versand des Wassers der vier Heilquellen gestiegen. An dem Südabhange der Gleichenberger Kogel auf durchaus hügeligem wellenförmigen Terrain breitet sich nun der Curort Gleichenberg aus, der seiner heilbringenden alkalisch-muriatischen Quellen wegen bereits nahe daran ist, sich einen Weltruf zu erringen. Das Thal ist gegen Westen, Norden und Osten vollkommen geschlossen, nur gegen Süden öffnet es sich, um der warmen, milden Luft Eintritt zu gestatten, daher ist die Vegetation eine ungemein reiche; üppige Weinberge, gut bestandene Obstgärten, saftige Wiesen, fruchtbare Felder wechseln mit dichten Laub- und Nadelholzwäldern und bilden eine Reihe der anmuthigsten Landschaftsbilder. Diesen Schönheiten der Natur hat sich die Kunst zugesellt, und die Häuser und Villen, aus denen der Curort besteht, nicht in geschlossenen Reihen hingestellt, sondern bald dort auf dem Kamme eines Hügels, da in einer grünen Waldesbucht oder auf einer duftigen Wiese erbaut und alles mit den herrlichsten Parkanlagen umgeben, die Spaziergänge in Hülle und Fülle darbieten und prächtige Ausblicke auf Thal und Berge gewähren. Zu all dem hat W. die Anregung gegeben, er muß daher als der Gründer des Curortes Gleichenberg betrachtet werden; mit vollem Rechte hat man die zwei reichsten Quellen mit seinem und seiner Gemahlin Namen Konstantins- und Emmaquelle bezeichnet und am 22. Mai 1887, dem fünfzigsten Jahrestage der Eröffnung der Curanstalt wurde dortselbst sein Standbild (überlebensgroß in Laaser Marmor ausgeführt, ein Werk des Wiener Bildhauers Schmidgruber) feierlichst enthüllt, welches die Bewohner Gleichenbergs aus Dankbarkeit errichten ließen, denn durch die Gründung des Curortes, in dem heute alljährlich tausende und abertausende Kranke, namentlich gegen Leiden der Athmungswerkzeuge Hülfe suchen, wurden den Bewohnern dortselbst und ringsum ungeahnte Quellen des Wohlstandes erschlossen. W. blieb an der Spitze des von ihm ins Leben gerufenen „Gleichenberger- und Johannisbrunnen-Actienvereins“, und jetzt leiten ihn sein Sohn Ottokar und sein Enkel Dr. Max Graf W.

Als im J. 1843 die 21. Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Graz stattfand, ein im vormärzlichen Metternich’schen Oesterreich bedeutsames Ereigniß, war es W., der neben Erzherzog Johann und dem damaligen Landeshauptmanne Ignaz Graf Attems den regsten Antheil an den Vorbereitungen hiezu nahm, sich an die Spitze der „permanenten Specialcommission“ stellte und zu dem Gelingen der Versammlung wesentlich beitrug.

So wirkte W. als Landesgouverneur in Steiermark in ausgezeichneter Weise bis zum Jahre 1848, dessen stürmische Bewegungen ihm verhängnißvoll werden sollten. Zwar war es ihm gelungen, durch Monate hindurch die Ruhe und Ordnung in der ihm anvertrauten Provinz leidlich aufrechtzuerhalten und groben Störungen und Gewaltthätigkeiten vorzubeugen, obwol er von der Centralregierung [323] in Wien mit ihren kurzlebigen Ministerien und ebenso wechselnden Regierungsgrundsätzen ohne jegliche Unterstützung blieb. Durch Anwerbung und Ausrüstung eines steiermärkischen Freiwilligenbataillons, welches auf den italienischen Kriegsschauplatz entsendet wurde und in Radetzky’s Heer tapfer und ruhmvoll kämpfte, machte sich W. um das Vaterland hoch verdient. Erst als es zur Zeit der Octoberrevolution in Wien auch in Graz zu stürmischen Bewegungen kam, war es ein Zugeständniß, welches ihm unter Androhung des Todes entrissen wurde, das seinen Sturz aus dem hohen Staatsamte, welches er bekleidete, veranlaßte. Wickenburg’s Entlassung war eine der ersten Thathandlungen des Ministeriums Fürst Felix Schwarzenberg, welches am 21. November 1848 ins Amt getreten war. Der hochconservative Historiker Helfert berichtet hierüber: W. „war ein Mann, dessen Loyalität außer Frage stand; er war ein liebenswürdiger und freigebiger Cavalier, ein wahrer Wohlthäter der Provinz, der er als Gouverneur vorstand, für deren Bestes und würdige Vertretung er die Kräfte seines eigenen Vermögens eingesetzt hatte. Auch würde W., wenn er nicht als Landescommandirenden einen General an seiner Seite gehabt hätte, dessen grundsätzliche Unthätigkeit in den Octobertagen an die Grenzen der Feigheit streifte, kaum in die Lage gekommen sein, sich, von den Fäusten und Stricken der Umsturzpartei bedroht, jenen Act abtrotzen zu lassen, wodurch er in amtlicher Weise und mit Aussendung von ihm unterfertigter Certificate den Landsturm für Wien aufbot. Allerdings nahm er, sobald er etwas Luft bekommen, seinen Befehl schnell wieder zurück; allein was geschehen, war nicht ungeschehen zu machen. Die Thatsache stand fest, daß ein kaiserlicher Statthalter dem Aufstande gegen kaiserliches Gebot und Heer sein Ansehen geliehen hatte. Graf W. wurde nach Olmütz vorgeladen, wohin er, sowie in das Hauptquartier des Fürsten Windischgrätz schon früher ausführliche Denkschriften zur Entschuldigung seines Benehmens gesandt hatte. Der Feldmarschall neigte zur Milde, schrieb an das Ministerium in begütigendem Sinne; in der Hauptstadt und im Lande Steiermark wurden unzweideutige Sympathien für den allgemein beliebten Gouverneur laut, doch das Ministerium kannte keine Schonung. Es war eine unglückselige Verwicklung, worin W. gerathen war, allein im öffentlichen Leben gibt es Lagen, wo Unglück gleich Schuld ist. Das Ministerium war der Sache der Ordnung und Gesetzlichkeit eine augenfällige Genugthuung schuldig; W. trat von seinem Posten ab“. – Das damals in Graz erscheinende ebenfalls streng conservative Journal „Der Herold“, dessen Redacteur zu den entschiedenen Gegnern Wickenburg’s gehörte, berichtet, daß in dem demokratischen Vereine der Beschluß gefaßt worden sei, den Gouverneur zur Aufbietung des Landsturmes durch Kanonenschüsse von dem Schloßberge und zur Ausstellung der oben erwähnten Certificate aufzufordern, im Falle der Weigerung aber ihn, wie Latour in Wien, zu erhängen, und wenn W. nach langer Zögerung endlich nachgab, „so that der Gouverneur, welcher sich ohne alle Stütze von irgend einer Seite her ganz allein von einem wilden und drohenden Haufen bewaffneter Mitglieder des demokratischen Vereins umringt und ganz in ihre Hände gegeben fand, was er nicht vermeiden konnte, weil es nicht nur die Klugheit, sondern die unabweisbare Nothwendigkeit gebot. Jeder Widerstand wäre geradezu vergebens gewesen und hätte neben dem Verlust seines Lebens die grenzenloseste Verwirrung und Anarchie herbeigeführt. Graf W. hat bei allen Gelegenheiten Beweise seines Muthes gegeben, der selbst den Tod nicht scheut und ihm kühn in das Auge zu blicken vermag, er würde, wie wir ihn kennen, gewiß auch dieses Mal sein Leben zum Opfer gebracht haben, wenn dadurch die Erhaltung der Ruhe und Ordnung verbürgt worden wäre. Aber Graf Wickenburg’s Verlust wäre nur die Losung zu den ärgsten Greueln und Gewaltthätigkeiten geworden, [324] zumal im hiesigen Zeughause damals gegen 20 000 Gewehre befindlich waren, die Tendenz sich für eine Erstürmung jenes Gebäudes aussprach und die Haltung der hiesigen Garnison bei einem allfälligen Zusammenstoße in bedenklichen Zweifel gezogen werden mußte, während der demokratische Verein in einem Theile der akademischen Legion, der Nationalgarde und in den Arbeiterclassen einen weiteren Haltpunkt suchte und gefunden zu haben glaubte“. –

Von Olmütz kehrte W. nach Graz zurück, um sein Amt dem Nachfolger zu übergeben und von Stadt und Land Abschied zu nehmen, wobei ihm von allen Seiten die glänzendsten Beweise der Liebe und Verehrung dargebracht wurden. „Mag die Pensionirung dieses Mannes, der achtzehn Jahre lang an der Spitze der Provinz gestanden, immerhin eine aus Staatsrücksichten gebotene Maßregel sein, so liegt darin kein Hinderniß, daß die Steiermark sich ihrem letzten Gouverneur noch immer zur Dankbarkeit, Hochachtung und Anhänglichkeit verpflichtet hält, worauf er sich durch sein langjähriges Wirken, durch seine bürgerfreundliche Gesinnung, durch seinen humanen Charakter ein unbestreitbares Recht erworben hat. ‚Dem Fürsten treu, dem Volke gut‘, so nannte ihn der Dichter und wir glauben, der Dichter hatte Recht“. (Gatti.) „Von Aussee bis zu den Gletschern von Sulzbach, von den Alpenhöhen des Hochlandes, das den stattlichen Grafen zu seinen Penaten zählt, bis zu den Rebengeländen der Wendengaue, deren Bewohner mit ihm manch herzliches Wort in ihrer Landessprache wechselten, ist nur ein Laut der Liebe und Verehrung für ihn“. (Laibacher Zeitung vom 12. December 1848.)

Zwei Jahre brachte W. auf Reisen zu, dann ließ er sich in Wien nieder. Nicht allzu lange hatte er auf eine Rehabilitirung im Staatsdienste zu warten. Nachdem er Ende der fünfziger Jahre zum Präsidenten des Verwaltungsrathes der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn war gewählt und bei Gelegenheit der feierlichen Eröffnung der Bahnstrecke Wien-Salzburg vom Kaiser durch Verleihung des Großkreuzes des Leopoldordens war ausgezeichnet worden, wurde er, vermuthlich mit Rücksicht auf die in jener Stelle gemachten Erfahrungen am 4. Februar 1861 zum Minister für Handel und Volkswirthschaft in das Ministerium Schmerling berufen und 1862 provisorisch auch mit der Leitung des Marineministeriums bekleidet. Da es seit 1859 kein Handelsministerium gegeben hatte, so oblag W. die schwierige Aufgabe, es ganz neu zu organisiren. Er legte dem Ministerrathe einen Organisationsplan für das wieder ins Leben zu rufende Ministerium vor, aus dem sich ergab, daß er nicht bloß dem Namen nach Minister sein wollte, sondern einen weiteren Wirkungskreis verlangte, als sein Vorgänger bis 1859 besessen, der viele Geschäfte, die in sein Ressort gehörten, dem Finanzministerium überlassen hatte. Längere Zeit schwankte die Entscheidung, bis allerhöchsten Orts doch im wesentlichen nach seinen Forderungen entschieden wurde und er dann in der That sein Amt antrat. Er war der erste Handelsminister im constitutionellen Oesterreich. In die Zeit seiner Amtswirksamkeit fällt vor allem der Erlaß der Verfassungsurkunde vom 21. Februar 1861, welche auch seine Unterschrift trägt, worauf er lebenslang stolz war; sodann die Creirung der Wiener Stadterweiterungscommission, deren Aufgabe es war, das alte mit Basteien umgebene Wien zu einer modernen Weltstadt umzugestalten, die ältere innere Stadt mit den Vorstädten zu einem großen Ganzen zu verschmelzen; W. wurde als Handelsminister zum Präsidenten dieser Commission ernannt und bekleidete diesen Ehrenposten bis zu seinem Tode. 1863 legte er dem Ministerrathe den Plan einer in den nächsten Jahren stattfindenden Weltausstellung in Wien vor, verfocht ihn mit größtem Eifer und erklärte, mit diesem Projecte stehen oder fallen zu wollen. „Woran dieses Project eigentlich scheiterte, konnte nie mit Bestimmtheit angegeben werden“. Alle anderen Minister [325] lehnten Wickenburg’s Plan ab und er legte am 20. October 1863 sein Portefeuille nieder. Wenn in den sechziger Jahren eine Weltausstellung in Wien zu Stande gekommen wäre, so würde die von 1873 nicht stattgefunden haben und das Andenken an diese nicht durch den unmittelbar nach ihrer Eröffnung erfolgten finanziellen „Krach“ durch Jahrzehnte getrübt worden sein.

Nach dem Rücktritt aus dem Cabinet wurde er als lebenslängliches Mitglied in das Herrenhaus berufen, wo er als Freund Schmerling’s stets ein treuer Anhänger der Verfassungspartei war; im Herrenhause griff er mehrfach bei wichtigen Angelegenheiten wirksam in die Debatte ein und war vielfach in Ausschüssen thätig; so wurde er als Mitglied in die reichsräthliche Staatsschulden-Controllscommission entsendet und von dieser zu ihrem Präsidenten gewählt. Als für 1867 eine Weltausstellung in Paris bevorstand, wurde er 1866 von der österreichischen Regierung zum Präsidenten der in Wien zur Beschickung dieser Ausstellung berufenen Centralcommission ernannt. Infolge des Krieges von 1866 nahmen die meisten und größten österreichischen Aussteller, welche sich bereits gemeldet hatten, ihre Zusagen zurück; auch die Regierung hatte den Muth verloren und sich schon ganz mit dem Gedanken vertraut gemacht, Oesterreich in Paris unvertreten zu lassen. Nur W. verlor den Muth nicht, griff rasch und energisch ein, unterhandelte persönlich mit den größten Industriellen, bewog sie ihre Absagen zurückzunehmen und die mittleren und kleineren folgten dann bald dem Beispiele der größeren. So führte er die Theilnahme Oesterreichs an der Ausstellung in Paris durch und das Zustandekommen der ausgezeichnet vertretenen österreichischen Abtheilung daselbst war nur ihm allein zu verdanken.

W. war auch Mitglied des Baucomités für das k. k. Hofopernhaus in Wien und leitete durch mehrere Jahre den „Verein zur Beförderung der bildenden Künste“. Für seine großen Verdienste um die Verschönerung der Stadt Wien wurde er vom Gemeinderathe zum Ehrenbürger der Reichshaupt- und Residenzstadt ernannt. Wegen seines heiteren lebenslustigen Charakters war er in den höheren Kreisen der Gesellschaft in Wien sehr beliebt und in seinen amtlichen Stellungen von seinen Beamten als humaner und liebenswürdiger Chef hochgeschätzt. – Er war seit dem 1. September 1829 mit Emma Gräfin d’Orsay vermählt; aus dieser Ehe stammen zwei Söhne, Ottokar und der hochbegabte Dichter Albrecht, und drei Töchter, Lucie, die frühzeitig verstorbene Gattin des Fürsten Emerich von Thurn und Taxis, Ida, Wittwe nach Graf Franz von Kesselstatt und Bianca, Wittwe nach Karl von Adamovich de Csepin.

Seit seinem Rücktritt aus dem Ministerium verlebte W. regelmäßig den Winter in Wien, den Sommer in seiner schloßähnlichen, herrlich gelegenen Villa zu Gleichenberg, wo er, nachdem er kurz vorher das 83. Jahr seines thatenreichen Lebens überschritten hatte, am 26. October 1880 von dieser Erde schied.

Wurzbach, Biogr. Lex. d. Kaiserth. Oesterr. LV, 228. – Helfert, Geschichte Oesterreichs v. Ausgange d. October-Aufstandes 1848 (Prag 1872) III, 402, 403 u. Anhang S. 146. – Gatti, Die Ereignisse d. Jahres 1848 in der Steiermark (Graz 1850), S. 250–288. – Dunder, Denkschrift über die Wiener October-Revolution (Wien 1849), S. 273 u. 340. – Allgem. Zeitung, Augsb. 1880, Nr. 303. – Illustr. Zeitung, Lpz. 1844, Nr. 62. – Presse (Wien) 1863, 2. Sept.; 1867, 25. Oct. – Tagespost (Graz) 1861, Nr. 82. – Die österr.-ungarische Monarchie in Wort u. Bild. Steiermark (Wien 1890), S. 56–58. – Gleichenberg 1837, 1887, Gedenkblatt z. Erinnerung an d. Enthüllung d. Wickenburg-Statue. Graz, Lithographie von Mathey, Druck von Leykam, o. J.