ADB:Widmann, Christian Adolf Friedrich

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Artikel „Widmann, Christian Adolf Friedrich“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 352–354, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Widmann,_Christian_Adolf_Friedrich&oldid=3059667 (Version vom 18. Oktober 2018, 09:52 Uhr UTC)
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Widmann: Christian Adolf Friedrich W., Dichter und Politiker, wurde am 7. Mai 1818 zu Maichingen bei Stuttgart als Sohn eines Pfarrers geboren. Als sein Vater kaum ein Jahr nach seiner Geburt gestorben war, kam W. mit seiner Mutter Karoline geb. Knaus zuerst nach Leonberg, dann nach Stuttgart. Nach dem Wunsche hochgestellter Verwandten sollte W. Theolog werden; er richtete jedoch sein Augenmerk von vornherein auf das Studium der Staatswissenschaften und ließ sich, kaum achtzehn Jahre alt, im April 1837 in Tübingen als Student der Staatswissenschaften immatriculiren. In Berlin und Heidelberg setzte er seine Studien fort und brachte sie im J. 1841 zu einem vorläufigen Abschluß, indem er an letzterer Universität den Doctortitel erwarb. Er verkehrte damals viel mit den Anhängern Friedrich Rohmer’s und trat diesem bald selbst näher, da er sich für dessen Persönlichkeit und Lehre aufs höchste begeistert hatte. Er folgte daher Rohmer nach Zürich, wo er sich zu habilitiren gedachte, und lebte hier eine Zeit lang mit ihm zusammen. Rohmer hatte sich nach Zürich zurückgezogen, um seine erschütterte Gesundheit wieder herzustellen, hoffte aber gleichzeitig in der Schweiz die Brücke zu einer politischen Wirksamkeit zu finden. Er betheiligte sich an der Herausgabe des „Beobachters aus der östlichen Schweiz“ und zog auch W. zur Mitarbeit heran, der infolge dessen in die verschiedenen Preßprocesse Rohmer’s verwickelt wurde und selbst einen solchen gegen den Züricher Procurator Ulrich auszufechten hatte. W. galt in den damaligen Rohmer’schen Kreisen als vorzüglich befähigt, die Rohmer’sche Psychologie auf das Christenthum anzuwenden und die christliche Lehre dadurch in ein neues Licht zu setzen. „Am liebsten“, erzählt der Biograph Rohmer’s, „sprach er mit Friedrich Rohmer über die Natur Jesu und sammelte in Gemeinschaft mit Theodor (Rohmer) eine Anzahl Fritz’scher Aeußerungen über Christus und das Christenthum. Mit Mathilde (der Frau Friedrich Rohmer’s) las W. die Evangelien durch und empfing auch von ihr zuweilen sinnige Bemerkungen. In dem jugendlichen Bilde des schlanken, jungen Mannes erschien ein idealer Zug des Geistes, seine hohe Stirn hatte etwas Glänzendes, um den feinen Mund spielte ein heiteres, geistreiches Wesen. Er konnte sich wol begeistern für Großes und Edles, aber der Charakter war unsicher, und dem leichten Sinn fehlte ein kräftiger Zügel.“ Als Rohmer seine Frau unter dem Schutze Heinrich von Orelli’s nach Stuttgart sandte, da er für ihr Leben in Zürich fürchtete, schloß sich ihnen W. an. Auf der Reise dahin trafen sie mit Pauline B., der Braut Widmann’s, in Rippoldsau zusammen, und in wenigen Tagen gelang es Orelli, W. „der Braut aus dem Herzen zu reißen“, da Orelli bemerkt haben wollte, daß sich W. in Zürich zu sehr für Mathilde interessirt habe und daher seiner Braut nicht würdig sei. „W. aber versetzte er (Orelli) durch seine Behandlung in eine so weiche Stimmung, daß dieser zugab, er verdiene die Trennung, worauf Orelli ihm erklärte, daß er, obschon ein Sünder, doch nicht unrettbar verloren sei, sondern wieder geboten werden könne, und zwar durch ihn. Und er gewann damit eine solche Gewalt über Widmann’s Seele, daß dieser ihm fortan wie „sein Schatten“ folgte, „wie Thon in des Töpfers Hand“ an ihn sich hingab. Das alles war das Werk der wenigen Tage, welche die beiden auf der Reise nach Stuttgart in Rippoldsau mit Mathilde und Pauline zusammen verbrachten.“ Der Bruch, zu dem es bald darauf zwischen Orelli und Rohmer kam, führte auch den zwischen Rohmer und W. herbei, wobei übrigens auch Heinrich Schultheß, der Herausgeber des „Europäischen Geschichtskalenders“, [353] betheiligt war. W. hat später seine Stellung innerhalb des Rohmer’schen Kreises zum Gegenstand eines Romanes gemacht, der im J. 1850 in Berlin unter dem Titel: „Der Tannhäuser“ erschien und eine nach der Meinung von Schultheß nicht geglückte Selbstrechtfertigung Widmann’s enthält. Nachdem sich W. im Spätsommer 1842 von seinen Züricher Freunden getrennt hatte, ließ er sich in Freiburg im Breisgau nieder und schrieb hier sein ideenreiches Buch „Das Volk und die Parteien“ (Heilbronn 1843), das eine geistreiche Verarbeitung Rohmer’scher Gedanken enthält. Dieses Buch erregte Aufsehen. Der damalige eben ans Ruder gekommene preußische Minister des Innern, Graf Arnim-Boytzenburg und sein vortragender Rath, der Geheimrath Matthis, wurden auf W. aufmerksam. Durch die Vermittelung Geibel’s, der W. im J. 1844 kennen gelernt hatte und von ihm rühmte, „daß er zu den genialsten Naturen der Zeit gehöre und mit einer großartigen Anschauung aller Verhältnisse den feinsten und empfänglichsten Sinn verbinde“, erhielt W. einen Ruf nach Berlin, um „theils die politischen und socialen Erscheinungen der Litteratur in täglichem Ueberblick ins Auge zu fassen, theils die Maßregeln der Regierung zu erläutern und zu vertheidigen, soweit er es mit seinen öffentlich ausgesprochenen Grundsätzen thun könnte“. W. nahm die ihm angebotene Stellung an und entwickelte nun in den nächsten vier Jahren eine überaus lebhafte politische Thätigkeit in der Presse, er begegnete aber dabei vielerlei unvorhergesehenen Schwierigkeiten, da die Regierung sich nicht entschließen konnte, in der Presse zur Offensive überzugehen. Nebenbei fand er Zeit, sein politisches Glaubensbekenntniß in einer Reihe von Flugschriften offen auszusprechen. Als entschiedener, wenn auch nicht blinder Gegner des Radicalismus trat er auf Seiten des Königthums in der Schrift: „Das Königliche Wort Friedrich Wilhelms III.“ (1844); hierauf sprach er seine Meinung über die sociale und über die religiöse Frage in der Schrift: „Politische Betrachtungen“ aus und griff dann ebenso die Tendenzpolitik der obersten Kirchenbehörde, wie die katholische Propaganda an. Ersteres geschah in der Broschüre: „Politische Bedenken wider die evangelische Kirchenzeitung“ (Potsdam 1846), letzteres durch die Schrift: „Belgien, Rheinland und Adolf Bartels.“ Mit der socialistischen Bewegung beschäftigte er sich noch einmal in einem größeren Aufsatze: „Marx, Heintzen und Freiligrath.“ Durch die Entscheidung des 18. März 1848 sah sich W. genöthigt, seine Stellung im Ministerium aufzugeben. Er hatte mit seiner Feder die Einführung der Constitution bekämpft und war nicht gewillt, für eine constitutionelle Regierung weiter zu wirken. Er siedelte daher nach Jena über, um hier Vorlesungen über die Geschichte der socialen Bewegung und über die Elemente der Staatskunst zu halten. Auch in Jena entwickelte er als politischer Schriftsteller eine große Fruchtbarkeit. Von seinen an jenem Ort entstandenen Schriften seien hier nur angeführt: „Die Gesetze der socialen Bewegung“ (Jena 1851); „Frankreich, Rußland und die vereinte deutsche Großmacht“ (Jena 1854); „Deutschland eine Eidgenossenschaft“ (Jena 1859); „Ein Neujahrsgruß zu 1860 an Louis Napoleon von einem Deutschen“ (Jena 1860). Zur Erholung von dieser ihn nicht befriedigenden politischen Thätigkeit suchte W. seine Zuflucht in der Poesie, die seiner Begabung am meisten zusagte. So wurde er einer unserer besten neueren Erzähler, dessen Arbeiten mit Unrecht in Vergessenheit gerathen sind. Außer dem bereits erwähnten Roman: „Der Tannhäuser“ (Berlin 1850) und einem zweiten „Der Bruder aus Ungarn“ (Berlin 1852) schrieb er zwei Sammlungen von Novellen: „Am warmen Ofen“ (Berlin 1853) und „Für stille Abende“ (Berlin 1854), die wir als die Frucht seiner häufigen Streifzüge durch das Thüringerland anzusehen haben. Ferner versuchte er sich im Drama und hatte [354] das Glück, sowol seine „Nausikaa“ und seinen „Don Juan de Maranna“, als namentlich sein bürgerliches Drama: „Sarah Haßfurter“ auf der Bühne aufgeführt zu sehen. Im J. 1858 ließ er seine „Dramatischen Werke“ gesammelt in Leipzig erscheinen. Als ihm bald darauf, im J. 1860, seine Frau, eine Nichte des Professors August Neander, durch den Tod entrissen wurde, begab er sich auf Reisen, die ihn nach Italien, Spanien und an die Küsten von Nordafrika führten. Im J. 1865 ließ er sich wiederum in Berlin nieder, wo er sich zum zweiten Male verheirathete. Er widmete sich hier fast ausschließlich der Freimaurerei, der er sich bereits im J. 1844 angeschlossen hatte; unter anderem gab er die „Zirkelcorrespondenz unter den St. Joh. Logenmeistern der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (Berlin 1872–1874 und 1876) heraus und bereitete die Herausgabe der „Geschichte der freimaurerischen Systeme in England, Frankreich und Deutschland“ von C. C. F. W. Frhr. von Nettelbadt[WS 1] (Berlin 1879) vor. Auch bekleidete er vom Jahre 1866 ab die Würde eines Meisters vom Stuhl der St. Johannisloge zur Beständigkeit in Berlin. Er starb zu Berlin an einem Gehirnschlag am 26. Mai 1878.

Vgl. K. Goedeke, Emanuel Geibel, Stuttgart 1869. Bd. I, S. 274. – Die Gegenwart. Berlin 1879. Bd. XV, S. 358–359. – J. C. Bluntschli, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben. Nördlingen 1884. Bd. I, S. 261, 273, 276. – Friedrich Rohmer’s Leben. Entworfen von J. C. Bluntschli. Bearbeitet und ergänzt von R. Seyerlen. München 1892. Bd. I, S. 225, 257, 272, 281, 323, 328, 333, 336, 358, 363, 427. – C. Bröcker, Die Freimaurer-Logen Deutschlands von 1737 bis einschließlich 1893. Berlin 1894. S. 48, 49.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Richtig: Nettelbladt, siehe: Christian Karl Friedrich Wilhelm von Nettelbladt (1779–1843); deutscher Richter und Freimaurer.