ADB:Wille, Eliza

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Artikel „Wille, Eliza“ von Adolf Frey in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 255–257, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wille,_Eliza&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 11:09 Uhr UTC)
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Wille: Eliza W. geb. Sloman wurde am 9. März 1809 zu Itzehoe geboren als ein Sproß des berühmten englisch-deutschen Kaufmannshauses Sloman in Hamburg. Ihr Vater, Robert Smiles Sloman († 1867), brachte seine Rhederei zu außerordentlicher Blüthe und bewährte sich als einen Patrioten und Wohlthäter großen Stils, der u. a. der deutschen Flotte trübseligen Angedenkens ein Schiff zur Verfügung stellte. Die Mutter, Gundalene Brarens, war die Tochter eines friesischen Grönlandfahrers. Eliza verlebte nach ihrem eigenen Ausspruch eine ungewöhnlich glückliche Jugend in dem durch vielseitige Bildungsinteressen und feine Geselligkeit ausgezeichneten Vaterhause, in welchem namentlich die Musik eine reiche Pflege fand. Unter den Reisen, die ihre Bildung und Anschauung bereicherten, war wol die nach Paris die wichtigste; sie gewann dort die Freundschaft Börne’s durch ihren poetischen Erstling „Der Sang des fremden Sängers“ (1835), eine Schöpfung, die, als eine Klage um Polen, damals auch Chopin zu einer, übrigens nicht aufgezeichneten, Improvisation begeisterte. 1845 heirathete Eliza den Journalisten François Wille und zog mit ihm, da Reaction und Dänenthum sich immer unangenehmer geltend machten, 1851 an den Zürchersee auf das schöne, bei Meilen gelegene Gut Mariafeld, das sie von dem Reichsregenten Simon erwarben. Da that sich nun eine Tafelrunde auf, die ein Stelldichein aller einheimischen und deutschen Berühmtheiten darstellte, welche sich während der nächsten Jahrzehnte in dem nahen Zürich länger oder kürzer aufhielten. Da war Herwegh, Liszt, Mommsen, der Physiologe Ludwig, Moleschott, Köchly, Rüstow, die drei Gottfriede Keller, Semper und Kinkel, die Gräfin Plater (Karoline Bauer) u. s. w. Richard Wagner, der die gastliche Stätte 1852 zuerst betrat, fand 1864, als er vor innern und noch mehr vor äußeren Nöthen keinen Ausweg mehr wußte, monatelang in Mariafeld die aufopferndste Gastfreundschaft; und hier war es, wo ihn der Ruf des Baiernkönigs fand und der glänzenden Stellung in München entgegenführte. [256] Eliza W. war eine liebenswürdige Wirthin, eine allzeit hülfsbereite Freundin, wie sie eine vortreffliche Mutter und Gattin war. Der Adel der Seele und ein ungewöhnlicher Geist fesselten die Gäste nicht minder als die stillen Tugenden der Hausfrau. Neben den fünfzehn Briefen, die Richard Wagner an seine Freundin richtete, gibt es für den Geist, der auf Mariafeld herrschte, kein schöneres Zeugniß, als die Zeilen, womit C. F. Meyer, der mit seiner Schwester von 1866 bis zu seiner Verheirathung 1875 der häufigste Gast im Hause war, dem Ehepaar Wille seinen „Hutten“ widmete. Diese Widmung gehört freilich dem Hausherrn mindestens so sehr, als der Frau des Hauses.

François W. (20. Januar 1811 bis 8. Januar 1896) war ein Mann von seltenem Geist und ausgeprägtester Individualität, der, wie Meyer, so manchen Andern magnetisch anzog. Er war der Sohn eines nach Hamburg ausgewanderten Neuenburgers und einer Hamburgerin. Er betrieb das Studium der Jurisprudenz und namentlich der Philologie, dem er als ein wilder, aber äußerst muthiger Student oblag, wie seine von Heine im Wintermärchen erwähnten Schmisse und die am Leib sichtbar gebliebenen zahlreichen Stich- und Schußwunden vollgültig bezeugten; deswegen weist auch Fritz Reuter in den Ollen Kamellen (VII. Theil) auf seinen unter den Freunden gangbaren Spitznamen le Balafré. Dieser Muth zog seinen Göttinger Corpsbruder Otto von Bismarck an, der Zeit seines Lebens Muth und Tapferkeit über Alles schätzte. In Hamburg, wo W. namentlich mit Heine und Wienbarg verkehrte, warf er sich auf die Journalistik und machte durch Geist und Schärfe seiner politischen Artikel und durch die Stärke seiner Ueberzeugung Aufsehen. Später griff er nur noch vorübergehend zur Feder, schrieb ein Buch über den Hamburger Mettlerkamp und hin und wieder eine Recension; er betheiligte sich in der Schweiz auch nur kurze Zeit, einmal in Gemeinschaft mit Gottfried Keller, am politischen Leben. Seine Bedeutung für die vielen Freunde lag in der Energie der Lebensführung, in der Kraft der Persönlichkeit, in der Schärfe des unabhängigen und anregenden Geistes, in den Tugenden des liebenswürdigen Wirthes. Nachhaltigen Eindruck machte er namentlich auf C. F. Meyer, den er als einen noch Namenlosen und in langsamer, stiller Entwicklung Begriffenen kennen lernte, so daß seine Einwirkung begreiflich war und nahe lag. C. F. Meyer beabsichtigte denn auch, den Lebenslauf seines merkwürdigen, vierzehn Jahre ältern Freundes zu schreiben.

Unähnlich ihrem Manne setzte Eliza W. ihre litterarische Thätigkeit niemals völlig aus, wiewol sie z. Th. nur noch nach großen Pausen etwas fertig stellte oder an die Oeffentlichkeit brachte. Nach dem schon erwähnten „Sang des fremden Sängers“ publicirte sie 1836 „Dichtungen“, die eine beträchtliche Formvollendung, aber im ganzen wenig Individualität zeigen. Uebrigens veranlaßte eine Recension dieses Buches, die Wille schrieb, ihre Bekanntschaft mit diesem. 1850 trat sie mit dem zweibändigen Roman „Felicitas“ hervor (Leipzig, Brockhaus), der offenbar z. Th. Spiegelungen und Confessionen eigenen Seelenlebens enthält; das Ganze leidet an Breite, an Phantastik und an einer gewissen weitgetriebenen Idealisirung, so daß die Figuren trotz reicher Einzelheiten und verschiedener Anläufe zur Realistik selten scharfe Conturen und keinen rechten Boden unter den Füßen haben. Viel höher steht der 1871 erschienene dreibändige Roman „Johannes Olaf“. Es ist ein Bildungsroman, hervorragend durch den psychologischen Ernst, den weiten Blick, den Adel der Gesinnung, den sehr substantiellen, persönlich gefärbten Gedankengehalt, durch den Reichthum an Handlung und da und dort durch die Energie der Charakteristik; er ist gelegentlich so poetisch, daß man sich unwillkürlich an G. Keller’s „grünen Heinrich“ [257] erinnert fühlt, der übrigens keinen Einfluß auf die Entstehung des Buches gehabt hat. Schade, daß den ungewöhnlichen geistigen Gehalt der Schöpfung gewisse künstlerische Mängel beeinträchtigen; die Composition ist stellenweise schwerfällig, die Handlung, namentlich in der Mitte, etwas schleppend, und besonders macht sich neben ganz vortrefflichen realistisch gehaltenen Partien eine beinah abenteuerliche Phantastik geltend, woraus sich denn eine gewisse Unausgeglichenheit der ganzen Handlung ergibt. Sehr ansprechend erzählt Eliza W. in dem 1878 veröffentlichten „Stillleben in bewegter Zeit“ Bekanntschaft, Verlöbniß und die ersten Ehejahre ihrer Eltern, wie sie auch das Milieu und den historischen Hintergrund anschaulich zeichnet und einige Erinnerungen ihrer Kindheit einflicht. Werthvoller würde die Gabe zweifelsohne sein, wenn die Verfasserin nicht die Form freier novellistischer Behandlung, sondern ausschließlich diejenige der culturhistorischen Schilderung und Berichterstattung gewählt hätte, die nun, der Natur des Stoffes entsprechend, doch überall den Gang der ausgeschmückten Erzählung wieder durchbricht, um ihre Rechte geltend zu machen. Im J. 1887 veröffentlichte Eliza W. die fünfzehn an sie gerichteten „Briefe R. Wagners“ in der „Rundschau“ und begleitete dieselben mit Erinnerungen und Erläuterungen. Diese letzte Gabe, die übrigens in mehrere Sprachen übersetzt wurde und die François W. nach dem Tode seiner Frau (23. Decbr. 1893) in Buchform herausgab, zeigt die ungewöhnliche Geistesfrische der Hochbetagten und den Adel ihrer Empfindung, zugleich aber auch die Neigung, unliebsame Verhältnisse möglichst schonend nur anzudeuten, überhaupt das Reale ein wenig in der Idealität zu verflüchtigen.

Neben der beträchtlichen Kraft realistischer Deutlichkeit, die Eliza W. nicht selten auszeichnet, ist dieses Bedürfniß, das Wirkliche einigermaßen aufzulockern und zu verflüchtigen, auffallend und merkwürdig. Es entspringt drei Quellen: der Nachwirkung der romantischen Schule, einer gewissen Unsicherheit des Stilgefühls, die das weibliche Geschlecht selten völlig überwindet, und schließlich dem Idealismus, der mit einer gewissen Hoheit über das Alltägliche hinwegzukommen sucht. Es trägt mit daran die Schuld, daß man heutzutage, wo man in Wirklichkeitsfragen strenge Forderungen stellt und sich gegen die abweichenden Kunstübungen früherer Jahrzehnte leicht verhärtet, den bedeutenden Gehalt, die poetische Kraft und den Adel der Persönlichkeit, die sich in Eliza Wille’s „Johannes Olaf“ manifestiren, nicht genügend gewürdigt hat.

(Anonym) Nekrolog, Neue Zürcher Zeitung 8. I. 1894. – J. V. Widmann, i. d. Nation 23. II. 1895. – C. F. Meyer, Mein Erstling: Huttens letzte Tage. Deutsche Dichtung 1. I. 1891. – Adolf Frey, François Wille. Neue Zürcher Zeitung 12. I. 1896; id. Biographische Blätter II, Heft 6.