ADB:Winterhalter, Franz

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Artikel „Winterhalter, Franz“ von Hyacinth Holland in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 497–499, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Winterhalter,_Franz&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 13:12 Uhr UTC)
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Winterhalter: Franz W., Porträt- und Genremaler, geboren am 20. April 1805 zu Menzenschwand bei S. Blasien, einem der abgelegensten Dörfer des badischen Schwarzwalds, wo der Vater eine kleine Wirthschaft betrieb. Schon 1818 kam W. in die Verlagsanstalt des Kunsthändlers Herder zu Freiburg im Breisgau, um dort als Kupferstecher gebildet zu werden. Er galt alsbald unter den jungen Leuten als der weitaus begabteste, als ein Phänomen. Ein kleines Stipendium ermöglichte ihm sich 1823 an der Münchener Akademie unter Peter und Robert v. Langer weiter zu fördern. Hier befreundete er sich auch mit der frisch aufblühenden Technik der Lithographie, zeichnete für Ferdinand Piloty (1785–1844), Joseph Selb (1784–1832) Vieles in Kreidemanier meisterhaft auf Stein, insbesondere für den als Kunstfreund, Schriftsteller und Sammler wohlbekannten Domherrn Balthasar Speth z. B. den „Sturm“ nach Bakhuysen, eine „Madonna mit Heiligen“ von Caroto; für verschiedene Verleger: die „Geburt Christi und Anbetung der Könige“ nach Konrad Eberhard, „Christus als Kinderfreund“ und die „Predigt des Johannes“ nach Overbeck; die „Propheten und Sibyllen“ nach Michelangelo Buonarotti. Auch reproducirte W. eine Menge Porträts des damals hochgefeierten Josef v. Stieler in Lithographie, darunter das Bildniß des Kaisers Franz, der Königin Karoline, der Herzogin Auguste Amalie von Leuchtenberg, des Dichters Jean Paul Richter (nach Kreul) u. s. w. Um nicht auf eigene Thätigkeit zu verzichten machte der geniale Jüngling, unmittelbar nach dem Leben, viele Steinzeichnungen z. B. von dem berühmten Geiger Paganini, Bildhauer Ludwig Schwanthaler, Hofschauspieler Urban und der schönheitsberühmten Ballettänzerin Eckner-Horschelt, malte eine Menge Porträts, meist aus bürgerlichen Kreisen und errang eine Routine nicht allein der Technik sondern auch des feineren Umgangs, wodurch er sich in anziehendster Weise, trotz der zeitlebens bewahrten Einfachheit, hervorthat. „Die Kunst war (wie einer seiner Zeitgenossen hervorhebt) für ihn nicht nur da um Andere zu veredeln, sie verfeinerte ihn auch selber; er fühlte, ungleich vielen Anderen, ein [498] lebhaftes Bedürfniß zu ihr nicht nur in dem Verhältniß der Auster zur Perle zu stehen“. Im J. 1828 malte W. zu Karlsruhe die Bildnisse des Großherzogs Leopold (gestochen von L. Schuler), der Großherzogin Sophie und des Markgrafen Wilhelm von Baden (gestochen von Heföhl), der Grafin von Langenstein und viele andere Porträts, Idyllen und Genrestücke, welche ihm damals schon einen guten, Großes versprechenden Namen und den Titel eines großherzoglich badischen Hofmalers erwarben. Auch jetzt noch übte W. die Lithographie und lieferte schätzbare Blätter nach Robert (Die Sicilianerin mit ihrem Kinde), Mosbrugger (Der Improvisator, 1832), Schinz (Abschied der Braut) und Grevedon (Amalie). Einen neuen Aufschwung seiner Kunst brachte die um 1835 angetretene Reise nach Italien und Sicilien, wo ihn, gleichzeitig mit Leopold Robert, Weller, Kirner, Riedel und Anderen die Schönheit der Natur und des dortigen Lebens zu herrlichen Schöpfungen begeisterte. Mit diesem glücklichen Griff in das farbenprächtige Treiben gestaltete W. seine Halbfiguren und Gruppenbilder, welche in Oel und Aquarell ausgeführt, das echt künstlerische „Dolce far niente“ verherrlichten. Dazu gehören eine schlafende „Albanerin“, eine „Italienerin mit dem Korb“, die „Neapolitanische Fischerfamilie“ (1836), eine italienische „Mutter mit Kindern“, dann das durch Schönheit, Anmuth, Feinheit und geistvolle Eleganz gleich ansprechende „Decamerone“ (1837, gestochen 1840 von F. Girard), ein epochemachendes Bild, welches der Deputirte Paturle um die damals erstaunliche Summe von 10 000 Francs ankaufte (Kunstblatt 1837, S. 156); die dem Gesang eines Mannes lauschende „Neapolitanerin“ (London Stafford), zwei Kinderporträts (Kunstblatt 1835, S. 248, lithogr. von Noël), das Tamburin spielende „Mädchen von Ariccia“ (1838). Inzwischen hatte W. seinen Wohnsitz nach Paris verlegt, wo er, wie Heinrich Heine, ebenso enthusiastisch gepriesen als leidenschaftlich getadelt wurde (Kunstblatt 1838, S. 230); indem er mit seinen Genrebildern und Bildnissen – darunter jenes der Gräfin Tascher de la Pagerie, des Fürsten von Wagram mit seiner kleinen Tochter, des Grafen und der Gräfin Duchâtel mit deren Söhnchen – festen Fuß in der hohen Aristokratie faßte, errang W. auch in den Porträts des Königs Louis Philipp (gestochen von L. Noël), der Königin (gestochen von Lefevre 1840) und sämmtlicher Prinzen und Prinzessinnen, den ganzen Hof und die Umgebung des Bürgerkönigs. Von hier aus begann Winterhalter’s lange Reihe von Kunstreisen nach Belgien, England und Spanien, auf denen er, ein friedlicher Eroberer, als Fürstenmaler selbst ein Fürst unter den Künstlern und wie ein solcher überall ausgezeichnet und geehrt, die meisten gekrönten Häupter seiner Zeit der Nachwelt überlieferte. W. malte die Königin Isabella von Spanien (1852), den König (lithogr. von Noël) und die Königin von Belgien, die Königin Victoria von England und den Prinzen Albert, den Prinzen Eduard von Wales im Matrosencostüm (Stich von Cousins, Lithogr. von Noël), dann ein Familienbild auf der Terrasse des Windsorschlosses, auch begann W. die Studien zu dem großen Ceremonienbilde, auf welchem die Verleihung des Hosenbandordens an Louis Philipp dargestellt werden sollte (doch unterblieb durch die Ereignisse der folgenden Jahre die Ausführung dieses figurenreichen Werkes), die Kaiserin von Rußland (1857), den König Wilhelm und die Königin Augusta von Preußen im Ornat, den Kaiser und die Kaiserin von Oesterreich (1864), die Majestäten von Mexiko, den König und die Königin von Württemberg. Man rühmte seine Individualisirung, seine gelungene Auffassung und Farbe, die Eleganz seines Arrangement. Kein Wunder, daß sich bald in Paris ein Kreis von Schülern um den Vielgefeierten sammelte, darunter Albert Gräfle und Andere, wobei sein treuer Bruder Hermann W. in erster Reihe stand. Dieser schuf gleichfalls herrliche Porträts und lithographirte neben den eigenen [499] Arbeiten die Bilder seines Bruders, blieb diesem in unverbrüchlicher Treue ergeben und trat anspruchslos und bereitwillig hinter dessen Berühmtheit zurück, unbekümmert ob sein Antheil an vielen gefeierten Schöpfungen von der Nachwelt anerkannt werde. – Das zweite französische Kaiserreich brachte unsern Meister wieder nach Paris, er malte Kaiserin Eugenie und verlieh durch eine eigenthümliche Wendung ihrem ausgeprägt larmoyanten Antlitz einen überaus günstigen, wahrhaft Furore machenden Ausdruck. Ebenso glücklich malte er die Kaiserin mit allen ihren Ehrendamen, eine wahre Bravourfuge von fascinirender Frauenschönheit. Ein Bildnißmaler im großen historischen Stile eines Holbein oder van Dyck war W. allerdings nicht, aber ein Künstler, der nicht etwa nur durch seine hervorstechenden Eigenschaften, durch weltmännische Feinheit und Gewandtheit, sondern auch durch die schlichte Natürlichkeit seiner Auffassung, durch Geschmack und virtuose Beherrschung der in sein Bereich fallenden Darstellungsmittel den Ruf rechtfertigte, dessen er sich erfreute. Wenn ihm das Geschick versagte, ein Tizian oder Rembrandt zu werden, so wollte er auch nicht deren manieristischer Nachahmer sein. Er blieb, was er war, ein Kind seiner Zeit, so sehr er auch die Meister der Vergangenheit schätzte und so tief er in ihr Verständniß eingedrungen war. Zu Winterhalter’s weiterer Charakteristik gehört auch, daß ihm die Kunst treu blieb; er bewahrte den genialen Schwung und Zug seiner besten Zeit und schuf noch in seinen späteren Tagen zu Frankfurt, wo er am 8. Juli 1873 am Typhus starb, mit gleicher Kraft und Leichtigkeit. Obwol W. den Salonton vollständig beherrschte, kehrte er denselben im gewöhnlichen Umgang niemals unnöthig heraus und blieb einfach und natürlich, ein echter, freier, unabhängiger Mann, der zeitweilig gerne in seinem väterlichen Heim rastete, welches er freilich in ein gastliches Gelaß verwandelt hatte. Bei dem außerordentlichen Fleiße und der Leichtigkeit seines Arbeitens errang W., wie Ludwig Pietsch behauptet, das überraschende Vermögen von vier Millionen.

Vgl. Raczynski II, 458. – Nagler 1851. XXI, 546. – Fr. Pecht in Bd. 228 Allg. Ztg., 16. August 1873 und in Lützow’s Zeitschrift 1873, VIII, 835 ff. – Winterhalter’s Porträt (von F. Weiß) in: Ueber Land u. Meer, 1873. – Bruno Meyer in: Deutsche Warte 1874, VII, 62 ff. – Wurzbach 1877. XXXIV, 41.