ADB:Wizenmann, Thomas

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Artikel „Wizenmann, Thomas“ von Max Heinze in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 678–680, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wizenmann,_Thomas&oldid=- (Version vom 20. Mai 2019, 11:05 Uhr UTC)
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Wizenmann: Thomas W., besonders bekannt als Freund Friedr. Heinr. Jacobi’s, war geboren am 2. November 1759 zu Ludwigsburg als Sohn eines Tuchwirkers, der zu den Pietisten gehörte. Er besuchte die Lateinschule seiner Vaterstadt, wo er mit dem nur wenige Tage jüngeren Schiller zusammen Unterricht im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen genoß. 1775, noch nicht 16 Jahre alt, trat er in das Stift zu Tübingen, nach wohlbestandener Prüfung als Famulus ein, als welcher er nicht Theologie, wofür er schon früh von seinen Eltern bestimmt worden war, sondern nur Philosophie studiren durfte. Nach einigen Jahren erwirkte er seine Entlassung aus dieser Stellung und konnte sich nun, in der Stadt wohnend, der Theologie und Philosophie widmen. Seine Hauptlehrer waren in der ersteren Storr, in der letzteren Plouquet. Für christliche Erweckung war sein Gemüth zeitig und reich empfänglich, eine Richtung, die während seines Studiums durch persönlichen Umgang mit Pietisten, wie durch eifrige Beschäftigung mit den Werken Oetinger’s, Bengel’s, Foicker’s[WS 1] stark genährt wurde. Auch die Schriften Herder’s und Lavater’s lernte er bald kennen und wurde durch sie beeinflußt. Da er bei seinem Abgange von der Universität noch nicht zur theologischen Prüfung zugelassen wurde, fand er 1779 Aufnahme bei einem Pfarrer Hahn in Nordwertheim[WS 2], der ihm den Unterricht seiner Kinder anvertraute und ihn in seinen religiösen Neigungen weiter förderte. 1780 bestand er die theologische Prüfung nicht gerade glänzend und nahm in demselben Jahre ein Vicariat in Essingen an, welche Stellung er im J. 1783 mit einer Hauslehrerstelle in einer frommen Familie Siebel zu Barmen vertauschte. Auf der Reise dahin wurde er während eines kurzen Aufenthaltes in Düsseldorf von Friedrich Heinrich Jacobi eingeladen, der eine kleine Schrift Wizenmann’s: „Göttliche Entwicklung des Satans durch das Menschengeschlecht“ gelesen und ihn aus dieser schätzen gelernt hatte. Von Barmen aus besuchte W. öfter Jacobi, kam bald mit ihm in innigsten persönlichen und brieflichen Verkehr, wurde durch [679] ihn zu philosophischen Studien, auch zum Lesen Spinoza’s angeregt, freilich auch in Zweifel an die religiösen Wahrheiten, die ihn ohnedies schon oft heimsuchten, mehr und mehr gebracht. So schreibt er in den ersten Jahren seines Aufenthaltes in Barmen an seinen Freund Hausleutner: „Diesem Brief solltest du es wohl nicht ansehen, daß ich mehr als jemals mit Tod und Leben ringe, d. h. daß ich seit einiger Zeit sehr hypochondrisch und über die Unsterblichkeit und die Wahrheit der christlichen Religion in schweren Zweifeln gewesen bin. Dieses geht nun wieder besser, und ich hoffe nach Jahren mein Vaterland wieder zu sehen und dort das Lob Gottes und Jesu Christi von Herzen zu verkündigen, denn wahrlich – ein Christ oder ein Atheist! das wird sich erproben!“ Das waren Jacobi’sche Stimmungen. Wie es aber in diesem Briefe schon ausgesprochen ist: es trat bald größere Beruhigung wieder ein. Dagegen wurde W., dessen Gesundheit nie sehr kräftig gewesen war, im zweiten Jahre seines Barmener Aufenthalts ernstlich lungenleidend, sodaß er seine Thätigkeit als Hauslehrer aufgeben mußte. Im Mai 1786 fand er die liebevollste Aufnahme auf Jacobi’s Landsitz Pempelfort, ganz in der Nähe von Düsseldorf, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis in den Januar 1787 blieb, seinem Denken, seiner Gesundheit und seinen Freunden und seinen Freundinnen in schriftlichem und mündlichem Verkehr lebend. Den letzten Monat vor seinem Tode brachte er in dem Hause eines ihm wohlgesinnten Arztes Wedekind in Mühlheim a. Rhein zu. Hier starb er am 22. Februar 1787 und wurde auch hier beerdigt. Es trauerten um den in so jugendlichem Alter Geschiedenen Viele, die ihn wegen seines freien, offenen, wahren Wesens, wegen der Innigkeit seiner Gefühle, denen er u. A. auch in vielen, nach seinem Tode großentheils veröffentlichten Gedichten, einen schönen Ausdruck verliehen hatte, und wegen seines ernsten Ringens auf religiösem und philosophischem Gebiete hochachten und lieben gelernt hatten. W. zeigt in seinem Leben ein deutliches Bild des ernsten Glaubenskampfes eines Christen zur Zeit der vollen Aufklärung und zur Zeit der herrschenden Wolff’schen Philosophie. Als selbständige Schriften sind von ihm anonym erschienen die schon oben citirte über „die göttliche Entwicklung des Satans“ (Dessau, in der Buchhandlung der Gelehrten, 1792); „Die Resultate der Jacobi’schen und Mendelssohn’schen Philosophie, kritisch untersucht von einem freiwilligen Non quis? sed quid?“ (Leipz. 1786). Für den Verfasser dieser Schrift wurde vielfach Herder gehalten. W. äußert sich selbst über die Motive zu dieser Schrift dahin, daß die Bekanntschaft mit den Ansichten Jacobi’s, die vielfach mißverstanden würden, noch mehr aber der Stolz, womit Mendelssohn seine inconsequente philosophische Dogmatik anpreise, und die Zweideutigkeit, in der dieser bald der Philosophie und dem gesunden Menschenverstande in Bezug auf die Erkenntniß Gottes Alles zuschriebe, bald aber das Judenthum als die reine Quelle wahrer Gotteserkenntniß lobte, den Entschluß, die Resultate zu schreiben, bewirkt habe. Als ihren Zweck gibt er an: 1. Die Grundprincipien zweier Weltweisen zu entwickeln, nach Gründen zu werthen, und gegeneinander zu stellen; 2. ein philosophisches System durch das andere, den Deismus durch den Atheismus und diesen durch jenen als System zu vernichten und zu beweisen, daß keine Demonstration von dem Dasein oder Nichtdasein eines Gottes und von den Verhältnissen desselben zur Welt möglich sei; 3. den Begriff von Vernunft genau zu bestimmen und unmittelbar aus dieser Bestimmung die Vernunftmäßigkeit eines Glaubens an Offenbarung zu zeigen, sobald diese Offenbarung gültige historische Zeugnisse für sich habe. Nach seinem Tode erschien: „Die Geschichte Jesu nach dem Matthäus als Selbstbeweis ihrer Zuverlässigkeit betrachtet, nebst einem Vorbereitungsaufsatze über das Verhältniß der israelitischen Geschichte zur christlichen. Ein nachgelassenes Werk von Th. Wizenmann, mit einer Vorrede von Joh. Frdr. Kleuker“ (Leipzig 1789). Von seinen [680] mancherlei Aufsätzen, die im Christlichen Magazin, in Urania für Kopf und Herz, im deutschen Museum und anderwärts veröffentlicht sind, ist der erwähnenswertheste im deutschen Museum, 1787, „An den Herrn Professor Kant, von dem Verf. der Resultate Jacobi’scher und Mendelssohn’scher Philosophie“. Diese Arbeit Wizenmann’s ist seine reifste und bedeutendste, indem darin scharfsinnig Kant vorgehalten wird, daß die Befugniß, aus einem Bedürfniß auf die objective Realität desselben, d. h. auf das Dasein Gottes zu schließen, nicht zuzugeben sei. Kant nennt in der Kritik der praktischen Vernunst selbst den Verfasser des Aufsatzes einen feinen und hellen Kopf und bedauert seinen frühzeitigen Tod, meint freilich, anders als mit den Bedürfnissen aus Neigung verhalte es sich mit dem Vernunftbedürfniß, das aus einem objectiven Bestimmungsgrund des Willens, dem moralischen, jedes vernünftige Wesen verbindenden Gesetz entspringe.

Alex. Freiherr v. d. Goltz, Thom. Wizenmann, der Freund Friedr. Hnr. Jacobi’s. in Mittheilungen aus seinem Briefwechsel und handschriftlichen Nachlasse, wie nach Zeugnissen von Zeitgenossen, 2 Bde., Gotha 1859.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. gemeint: Fricker, Johann Ludwig
  2. gemeint: Kornwestheim