ADB:Zeißberg, Heinrich Ritter von

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Artikel „Zeißberg, Heinrich Ritter von“ von Franz Ilwof in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 411–414, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zei%C3%9Fberg,_Heinrich_Ritter_von&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 07:20 Uhr UTC)
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Zeißberg: Heinrich Ritter von Z., Historiker. Er wurde am 8. Juli 1839 zu Wien geboren, studirte daselbst an der Universität und im Institut für österreichische Geschichtsforschung unter Albert Jäger und Theodor v. Sickel und daneben classische Philologie bei Bonitz und Vahlen. 1862 wurde er zum Doctor der Philosophie promovirt. Schon von 1863 an erschienen seine ersten Abhandlungen: „Arno, erster Erzbischof von Salzburg (785–821)“ (in den Sitzungsberichten der k. Akademie der Wissenschaften in Wien, 1863, 48. Bd.), „Thomas Ebendorfer als Geschichtschreiber“ (in der Oesterreichischen Wochenschrift für Wissenschaft und Kunst, Beilage zur Wiener Zeitung 1864, III, 769 u. 810), „Oesterreichische Geschichte im Zeitalter der Babenberger“ (ebenda 1864, IV, 1441, 1473 u. 1510), „Die fränkischen Königsannalen und ihr Ursprung“ (ebenda 1865, V, 9), „Blüthe der nationalen Dynastien: Babenberger – Premysliden – Arpaden“ (in dem Sammelwerke: Oesterreichische Geschichte für das Volk III, Wien 1866).

[412] 1863 hatte er sich als Privatdocent für Geschichte an der Universität Wien habilitirt und wurde 1864 als Supplent für allgemeine und österreichische Geschichte an die damals noch deutsche Universität Lemberg gesendet, 1865 daselbst zum ordentlichen Professor ernannt und zugleich mit der Leitung des historischen Seminars betraut. Dort lernte er die polnische Sprache und begann in der Geschichte Polens zu arbeiten: „Die öffentliche Meinung im XI. Jahrhundert über Deutschlands Politik in Polen“ (in der Zeitschrift für österreichische Gymnasien 1867/68), „Ueber die Zusammenkunft des Kaisers Otto III. mit Herzog Boleslaw I. von Polen in Gnesen“ (ebenda), „Miseco I. [Miecyslaw], der erste christliche Beherrscher der Polen“ (ebenda 1867 und in den Abhandlungen der k. Akademie der Wissenschaften), „Die Kriege Kaiser Heinrich’s II. mit Herzog Boleslaw I. von Polen“ (Sitzungs-Berichte der k. Akademie der Wissenschaften, Wien 1868), „Vincentius Kadlubek, Bischof von Krakau (1208–1218, † 1223) und seine Chronik Polens. Zur Literaturgeschichte des XIII. Jahrhunderts“ (Archiv f. Kunde österreichischer Geschichtsquellen XLII), „Analekten zur Geschichte des XV. Jahrhunderts“ (Zeitschrift für österreichische Gymnasien 1870 und 1871), „Ueber eine Handschrift zur älteren Geschichte Preußens und Livlands“ (in der Altpreußischen Monatsschrift, Königsberg 1871). Diesem Gebiete gehört auch die von ihm als Festschrift zum vierhundertjährigen Jubiläum der Universität München veranstaltete Herausgabe: „Das älteste Matrikelbuch der Universität Krakau. Beschreibung und Auszüge. Festschrift zur vierhundertjährigen Feier der Ludwig-Maximilian-Universität in München“ (Innsbruck 1872) an. Einen cultur- und rechtsgeschichtlichen Stoff bespricht die Abhandlung „Hieb und Wurf als Rechtssymbole in der Sage“ (in Pfeiffer’s Germania XIII. Wien 1868).

Schon mit der Arbeit über Vincenz Kadlubek hatte Z. sich der polnischen Historiographie zugewendet; aus weiteren Forschungen und Studien darüber erwuchs ein umfassendes Werk: „Die polnische Geschichtschreibung des Mittelalters“, Leipzig 1873, welches von der Jablonowski’schen Gesellschaft in Leipzig preisgekrönt wurde. Z. beginnt in demselben mit der Geschichte der Einführung des Christenthums in Polen und mit der Passio Adalberti, geht auf den Mönch Gallus über, verzeichnet die Annales Cracovienses vetusti von 948–1122, behandelt den Vincenz Kadlubek, die litterarische Thätigkeit der Dominicaner und Franciscaner, den Chronisten des XIII. Jahrhunderts Godyslaw Baszko, die schlesischen Geschichtsquellen und zwar sowohl die geistliche als die weltliche Litteratur, ferner Hermann von Czarnkow und die Geschichtsquellen des XV. Jahrhunderts, den Matador der polnischen Geschichtsforschung Johannes Dlugosz und schließt mit den Vertretern des Humanismus in Polen: Gregor von Sanok und Callimachus. Es ist ein grundlegendes, auch von den polnischen Historikern warm anerkanntes Werk. Polens Geschichte bereicherte Z. noch durch folgende Arbeiten: „Johannis de Komorowo Tractatus cronice fratrum minorum observancie. A tempore Constanciensis coneilii et specialiter de provincia Polonie“ (Archiv für österreichische Geschichte 1873) und „Johannes Laski, Erzbischof von Gnesen (1510–1531) und sein Testament“ (Sitzungsberichte der k. Akademie der Wissenschaften, Wien 1874).

Nach siebenjähriger Wirksamkeit wurde Z. 1871 zum Professor der allgemeinen Geschichte an die Universität Innsbruck berufen. Sein Aufenthalt in Tirol gab ihm sogleich Veranlassung, auch in der interessanten Geschichte dieses Landes Forschungen anzustellen. Er veröffentlichte eine Untersuchung: „Zur Kritik der Vita Hartmanni“ (Archiv f. österreichische Geschichte, 56. Bd.), [413] in der er Neustift bei Brixen als Entstehungsort dieser Schrift nachweist, und edirte eine Aufzeichnung zur Gründungsgeschichte des Klosters Stams (Mittheilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, I. Bd.).

Schon nach drei Semestern wurde Z. 1872 nach Wien versetzt, um dort gleichzeitig als Lehrer der Geschichte bei dem Kronprinzen Rudolf zu wirken. Hier hielt er Vorlesungen an der Universität, leitete das historische Seminar, wirkte seit 1874 an dem Institut für österreichische Geschichtsforschung und konnte sich nun wieder seinem Lieblingsstudium, der Historiographie, zuwenden. Er bearbeitete vornehmlich nekrologische Quellen (Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 58 und 60), wovon die bedeutendste die Ausgabe des Lilienfelder Todtenbuches (Fontes rerum Austriacarum II, 41. Bd. 1879) ist, in welcher mit scharfsinniger Forschung die Fälschungen Hanthaler’s und deren Entstehung nachgewiesen werden.

Darstellungen, deren Abfassung in jene Zeit und in spätere Jahre fällt, sind die über den Erbfolgestreit von 1457–1458 im Lichte der habsburgischen Hausverträge (1879), über Rudolf von Habsburg und den österreichischen Staatsgedanken (1882), über das Rechtsverfahren Rudolfs von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen (1887), die Denkschrift zur Erinnerung an die zweite Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683 (Wien 1894), die Abhandlungen über Elisabeth von Arragonien, die Gemahlin Friedrichs des Schönen (1898, 1899) und zur Geschichte der Minderjährigkeit Herzog Albrechts V. (1899).

Intensiv beschäftigte ihn seit 1889 die ihm vom Kronprinzen Rudolf übertragene Redaction der geschichtlichen Theile des großen Werkes: „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, für welches er eine vortreffliche, auf streng wissenschaftlicher Grundlage ruhende und doch im besten Sinne populär gehaltene Uebersicht der Geschichte Oesterreichs verfaßte (1887), und nach Weilen’s Tode (1889) übernahm Z. die Redaction des ganzen Werkes. Im J. 1888 hielt er bei der Feier des vierzigjährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josefs I. eine schöne Festrede.

Im Auftrage der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien waren seit Jahren die Quellen zur Geschichte der Kaiserpolitik Oesterreichs von A. v. Vivenot herausgegeben worden. Nach dessen Tod übertrug die Akademie diese umfangreiche Arbeit Z., der sie übernahm, dabei von dem polemischen, preußenfeindlichen Grundgedanken seines Vorgängers abwich und die herauszugebenden Actenstücke lediglich vom Standpunkte des wissenschaftlichen Bedürfnisses auswählte. So erschienen drei Bände der „Quellen zur Geschichte der Politik Oesterreichs während der französischen Revolutionskriege von 1793 bis 1797“ (1882–1890), eine ungemein werthvolle Sammlung, welche zur richtigen Erkenntniß der Politik Oesterreichs in jenen Zeiten geführt hat.

Diese Studien, sowie eine akademische Rede (1883) über die Jugendzeit Erzherzog Karls, des Siegers von Aspern, veranlaßten dessen Söhne, die Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, Z. mit der Herausgabe des litterarischen Nachlasses ihres Vaters, sowie mit der Abfassung einer ausführlichen Biographie desselben zu betrauen. Infolgedessen wurden die militärischen Schriften Erzherzog Karls veröffentlicht, die Herausgabe der politischen Denkschriften wurde jedoch fallen gelassen. Von der Biographie Karls sind zwei Bände erschienen, welche das Leben des Erzherzogs in eingehendster Weise bis 1795 erzählen.

Nach dem Rücktritte Sickel’s von der Leitung des Instituts für öfterreichische Geschichtsforschung wurde Z. an die Spitze desselben gestellt, jedoch schon 1896 wurde er zum Director der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien ernannt. [414] Allseitig wurden Zeißberg’s wissenschaftliche Leistungen, welche sich durch seine und sorgfältige kritische Forschung und anziehende Darstellung auszeichnen, gebührend anerkannt; 1872 wurde er zum correspondirenden, 1882 zum wirklichen Mitgliede der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien ernannt, er war Mitglied der k. k. Centralcommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale; Vom Kaiser erhielt er den Titel eines Regierungsrathes und 1874 den Orden der Eisernen Krone III. Cl., infolge dessen er, den damaligen Statuten dieses Ordens gemäß, in den erbländischen Ritterstand erhoben wurde, und 1896 wurde er zum wirklichen Hofrath ernannt. In der Nacht vom 26. auf den 27. Mai 1899 machte in Wien ein Herzschlag seinem Leben voll Arbeit und reich an wissenschaftlichen Ergebnissen ein plötzliches Ende.

Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich LIX, 292–294. – Oswald Redlich in Bettelheim’s Biographischem Jahrbuch und Deutschem Nekrolog IV, 317–320. Berlin 1890. – Weitere Nekrologe in der Wiener Abendpost vom 27. Mai 1899, in der Neuen Freien Presse vom 27. Mai und 25. Juli 1899; in den Deutschen Geschichtsblättern (von Oswald Redlich), herausgegeben von Armin Tille, Gotha 1899, I, 28–31; in den Mittheilungen des Vereins für die Geschichte der Deutschen in Böhmen (1899) XXXVII, 105–109; in den Mittheilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung (1900) XXI, 206–208.