Aus dem Zeitalter der Polizei

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Wilhelm Goldbaum
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem Zeitalter der Polizei
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 446–448
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[446]
Aus dem Zeitalter der Polizei.
Schicksale eines Buches.


Der Mann, in dessen Schicksalsbuche ich flüchtig blättern will, ist vorzeitig grau geworden, aber seine Gestalt blieb aufrecht, wie ein Baumstamm, der sich nichts aus Wind und Wetter macht. Als er jung war und seine ersten Lieder sang, mögen die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen an ihm gehangen haben; nun er alt geworden, schauen respektvoll die Männer auf ihn. Ich spreche von Johannes Nordmann, dem Präsidenten des Wiener Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia“. Oder vielmehr nicht von ihm, sondern von einem seiner Bücher, welches vor Kurzem in dritter Auflage erschienen ist und eine wunderliche Jugendgeschichte hat. Es heißt: „Frühlingsnächte in Salamanca“ und ist eine Erzählung, aus dem lustigen Novellino des alten Italieners Masuccio herausgearbeitet, aber dem heiteren Glanze, der über die Darstellung ausgegossen ist, merkt man es nicht an, daß an der Wiege dieses Büchleins die Polizei gesessen hat. Ja wohl, die Polizei. Und zwar diejenige der tollsten Reaction, deren noch heute jeder betagte Wiener sich mit geheimem Grauen erinnert.

Die Völker lieben es, ihren Städten charakteristische Prädicate beizulegen. Namentlich wissen die Italiener stolze und klangvolle Beiworte für ihre großen städtischen Gemeinwesen zu finden. „La felice“, „la bella“, „la superba“. Auch wir Deutsche sprechen wohl gern von unseren großen Städten in bezeichnenden Eigenschaftswörtern. Das „kritische“ Berlin, das „reiche“ Leipzig, das „schöne“ Dresden, das „ehrwürdige“ Prag, das „gemüthliche“ Wien. Und just von Wien gilt das alte Prädicat nicht mehr; es hat seit Anno Windischgrätz und der Concordatsherrschaft aufgehört, das „gemüthliche“ zu sein. Die Lebenslust konnte ihm nicht vergällt und die Schönheit seiner Frauen nicht getilgt werden, aber die Naivetät ist ihm ausgetrieben worden; denn zehn volle Jahre clerical-feudaler Polizeiwirthschaft bringen es schon zuwege, daß, um mit Schiller zu reden, der Spiritus zum Teufel geht und das Phlegma bleibt. So ganz wörtlich braucht das Citat allerdings nicht genommen zu werden; was übrig blieb, langt eben schon noch für eine sehr große, sehr schöne, sehr bewegliche Stadt; nur eben die „Gemüthlichkeit“ ist dahin, und die Sünde, sie verscheucht zu haben, lastet neben vielen anderen auf den Schultern der Polizei in der bitterbösen Episode zwischen Windischgrätz und Schmerling.

Ein Bild von düsterster Färbung thut sich auf, wenn man in diese und die ihnen vorangegangenen Tage zurückdenkt. Metternich hat die Gewalt, und Sedlnitzky versieht ihm die Polizei. Dem Volke ist so sehr aller bürgerliche Muth abhanden gekommen, daß es vor Schreck erzittert, als Anastasius Grün das dreiste Verlangen äußert, frei sein zu wollen. Kuranda, der frisch von der Leber weg sprechen und schreiben will, muß hinaus in die Fremde, in’s Exil. Moritz Hartmann, Alfred Meißner, Eduard Mautner und auch Johannes Nordmann, welche singen wollen, wie der Vogel singt, müssen aus dem engen heimischen Vogelbauer entfliehen, um in Leipzig sich dürftige Nester zu gründen. Wien lacht über Nestroy’s Späße, aber das Lachen tönt wie dasjenige eines arglosen Kindes. Dann kommt das jähe Aufleuchten vom 13. März, ein kurzes enthusiastisches Ringen, das in den Laufgräben der „gemüthlichen“ Kaiserstadt blutig endet.

Und da es nun stille, todtenstille geworden ist, wie in einem großen Grabe, übernimmt der General und Freiherr von Kempen, eine mitleidslose Sergeantennatur, als Polizeiminister die Sorge für die öffentliche Sicherheit; ihm zur Seite als Stadthauptmann von Wien steht der Oberösterreicher Weiß von Starkenfels, ein Wütherich von Temperament, ein fanatischer Kirchengänger, eine Tilly-Gestalt, aus den Tagen des dreißigjährigen Krieges in unser Jahrhundert versetzt. Alexander Bach, der Renegat, schließt sich als Minister des Inneren würdig an. Graf Leo Thun, der finstere Concordatsgraf, leitet Cultus und Unterricht.

Das ist eine Festtagszeit für Gensd’armen, Jesuiten und Spitzel. Wer je eine Geschichte der Polizei schreiben wird, muß dieses Capitel mit besonderem Fleiße studiren; denn aus demselben ergiebt sich, warum schon das bloße Wort Polizei so gehässig, so abschreckend dem Volke in die Seele klingt. Es wird in der Welt wohl nie an Polizisten fehlen, aber nicht sie sind das Uebel. Nur wenn der Detective sich in die Kutte und der Jesuit sich in die Uniform steckt, dann Gnade Gott den Völkern! Vor den Polizisten nicht, vor den Polizeiseelen bewahre uns der Himmel.

Und mit diesen hatte Johannes Nordmann sein Lebtag viel sich abzukämpfen. Er ist glücklicher Weise ein starker Mann, und als er während der Concordatszeit einem Wiener Blatte Localplaudereien schrieb, that er es unter dem Zeichen des Dreschflegels. Daher ist es denn gekommen, daß er Kempen und Weiß von Starkenfels und Alexander Bach siegreich überdauerte, daß ihm die Liederquelle in seinem Herzen nicht versiechte, und daß sogar seine „Frühlingsnächte in Salamanca“ mit ihrem prächtigen Sternenschimmer wieder aufgingen, nachdem die Nacht der Reaction mit ihrer dichten, seelenlosen Finsterniß verrauscht war – verrauscht, aber vielleicht nicht auf Nimmerwiederkehr. Das Ideal ist unsterblich, aber auch sein Widerspiel ist es. Darum finde ich es so nützlich, in besseren Tagen sich überstandener Leiden zu erinnern. Wer weiß, wie bald sie wieder an unsere Thür klopfen!

Es war im Jahre 1852, als Nordmann, der sich emsig mit italienischer Literatur beschäftigt, der einen Roman „Carrara“ aus Paduas Vorzeit und ein gutes Buch über Dante’s Zeitalter geschrieben hatte, auch über die Geschichten des Masuccio gerieth. Das sind lustige, aber auch ein wenig unsaubere Stücke.

„Ich setzte einen künstlerischen Ehrgeiz darein,“ sagt Nordmann in seiner derben, ungeschminkten Art, „eine Geschichte aus den fünfzig Novellen herauszugreifen, die am schwersten rein zu kriegen schien.“ Und das war gleich die erste des „Novellino“. Unter der Hand wuchs ihm die Arbeit zu einem kleinen Romane an, und da er selber eine Revue „Der Salon“ herausgab, so war nichts natürliches, als daß er sein Opus, das vorerst den Titel „In Salamanca“ trug, in dieser Revue zu veröffentlichen begann. Aber er hatte ohne die Polizei gerechnet. Kaum war die erste Abtheilung erschienen, so ereilte ihn eine Vorladung, die ihn vor den „Preßrath“ Hauk citirte.

Die „spanische Geschichte“, so ward ihm eröffnet, wäre namentlich in clericalen Kreisen „übel vermerkt“ worden, sie sei nicht danach geartet, um in einem „christkatholischen Staate“ zugelassen zu werden. Nordmann, der kein Hasenfuß ist, wallte auf. Die nächste Stunde sah ihn, eine Audienz erwartend, im Vorzimmer des Generalgewaltigen, des Polizeiministers von Kempen. Mag er selbst den Verlauf dieser Audienz berichten:

„'Excellenz', wendete ich mich an den in Wien Verrufenen [447] und Gefürchteten, 'ich habe an Sie eine ästhetische Frage zu richten.'

'Da stehen Sie vor der unrechten Schmiede; ich bin Soldat und traue mir in solchen Dingen kein Urtheil zu.'

'Herr General, es handelt sich auch nicht so sehr um ein Urtheil, und ich möchte Sie in der eiteln Voraussetzung, daß Sie vielleicht einen flüchtigen Blick in meine Geschichte In Salamanca geworfen haben, nur fragen ob Ihnen diese Arbeit mißfallen hat.'

'Im Gegentheil, sie gefällt mir ganz außerordentlich, und ich freue mich auf die Fortsetzung.'

'Excellenz, die Fortsetzung werden Sie nicht lesen.'

'Warum nicht?'

'Weil Ihr Censuramt schon am Eingange über einen Stein des Anstoßes gestrauchelt ist und mir die weitere Veröffentlichung untersagt hat.'

'Welcher Dummkopf hat da wieder die plumpe Hand im Spiel?'“

War das der vielverlästerte Tyrann Kempen? Ei gewiß, nur hatte diesmal sein Verfahren einen ganz eigenthümlichen Grund. Kempen war den Clericalen spinnefeind. Hatte er zwischen diesen und den Liberalen zu wählen, so sah er die Letzteren als das kleinere Uebel an. Eines Tages wendete sich Cardinal Rauscher, weiland Fürst-Erzbischof von Wien, mit dem Ansinnen an ihn, durch die Polizei-Organe Tabellen über alle in „wilder Ehe“ lebenden Personen anfertigen zu lassen. Darauf gab Kempen bündig zur Antwort, er halte ein derartiges Begehren von kirchlicher Seite für unzulässig und werde seinerseits nie zu einer solchen Familien-Inquisition die Hand bieten. Der Cardinal habe übrigens ein leichtes Spiel, über jene Personen, bei denen ihm in seinem Sprengel eine Spionage zustehe, das Gewünschte in Erfahrung zu bringen, dürfe sich aber darüber nicht verwundern, wenn er finden sollte, daß fast eben so viele „wilde Ehen“ wie Pfarrämter vorhanden seien.

Bei Herrn von Kempen also war der Proceß Nordmann und seiner „spanischen Geschichte“ anscheinend gewonnen.

Aber dieser „Salon“, diese leidige Revue, war noch anderen Leuten ein Dorn im Auge, und deren Haß schrieb sich aus den Tagen her, da Nordmann die Erlaubniß zur Herausgabe seiner Zeitschrift förmlich erzwungen hatte. Das hatte nämlich folgende Bewandtniß. Nordmann war zum Minister Bach gegangen, der, als er im Jahre 1848 „dem Weltgeiste die Thüren angelweit öffnen“ gewollt hatte, ein Bekannter des Schriftstellers gewesen war.

„Sie wollen eine belletristisch-kritische Revue herausgeben?“ fragte Bach. „Ich finde ein solches Unternehmen unpraktisch, und Sie werden damit keine Geschäfte machen. Warum versuchen Sie es nicht lieber mit einer politischen Wochenschrift? Darüber ließe sich allenfalls sprechen.“

Der Minister hätte Nordmann gern für seine eigenen Dienste gewonnen, aber da dieser beharrlich that, als ob er den Wink nicht verstehe, so erklärte Bach schließlich:

„Mich soll es freuen, wenn Sie mit Ihrem Unternehmen durchdringen, und von mir wird die Sache rasch und anstandslos erledigt werden.“

Es geschah aber weder rasch noch anstandslos. Der Stadthauptmann Weiß von Starkenfels hatte auch ein Wort dazwischen zu reden und er that es dem Demokraten Nordmann gegenüber auf seine Weise. Nordmann bekam plötzlich von der Polizei die Mittheilung, daß er aus Wien ausgewiesen und in eine Kreisstadt zu interniren sei.

Nun wieder zu Bach, dem Minister.

„Excellenz, Ihre Verwendung für meine literarische Angelegenheit war nicht besonders wirksam. Anstatt die nachgesuchte Concession zu erhalten, soll ich aus Wien ausgewiesen und in einer kleinen Landstadt internirt werden. So lautet der drakonische Befehl des Herrn Weiß von Starkenfels, der mir aber nur mündlich durch einen Polizei-Commissär mitgetheilt wurde.“

„Hat man Ihnen keine Gründe dieser Maßregel angegeben?“

„Nein.“

„Ich sichere Ihnen schon vorwegs zu, daß Sie Wien nicht zu verlassen haben. Dennoch möchte ich Sie ersuchen, sich zu dem Stadthauptmann zu begeben und ihn um die Gründe Ihrer Ausweisung und Internirung zu befragen.“

In die Höhle des Raubthieres. Das war ein wirkliches Wagstück; denn vor Weiß von Starkenfels zitterte buchstäblich ganz Wien. Dieser Polizei-Pascha blickte finster und lauernd, sprach „wie ein Kettenhund“, handelte gewaltthätig.

Nordmann trat bei ihm ein.

„Was wollen Sie? Wie heißen Sie?“

„Ich heiße Nordmann. Es kann offenbar nur ein Versehen Ihrer Untergebenen sein, daß ich heute die polizeiliche Weisung erhielt, Wien zu verlassen.“

„Es ist kein Versehen; denn es geschah auf meinen Befehl.“

„Und was veranlaßte diesen Befehl?“

„Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben.“

„Doch, Herr Stadthauptmann. Ich habe mir diese Frage auf Anregung des Ministers des Inneren, von dem ich komme, erlaubt.“

„Sie werden doch nicht in Abrede stellen wollen, daß Sie eine politisch compromittirte Persönlichkeit sind? Als solche müssen Sie am besten wissen, wie Sie sich im Jahre 1848 und später vergangen haben. Was Sie damals im Café Sch. vor vielen Leuten ausgesprochen haben, das könnte Sie an's Messer bringen.“

„Ich bin bis zur Stunde niemals in dem genannten Café gewesen.“

„Und ich habe mich mit Ihnen in keine Discussionen einzulassen.“

Der Dialog ist knapp, wuchtig und grob, wie man sieht. Der Schriftsteller duckt sich vor dem Polizei-Pascha nicht. Im Gegentheil, dieser kommt schließlich so sehr in die Enge, daß er in seiner Verlegenheit an Nordmann plötzlich die Frage richtet:

„Wann sind Sie geboren?“

„Am 13. März 1820.“

„Sie freilich konnten keinen anderen Geburtstag als den 13. März haben.“

Dieses Dictum verdient unsterblich zu sein. Nordmann galt als Demokrat, und der 13. März war der Tag des Beginnes der Wiener Revolution. Ein Weiß von Starkenfels mochte wollen, daß dieses ominöse Datum überhaupt aus dem Kalender der Weltgeschichte gelöscht werde. Es geht nun allerdings auch über die Kräfte der Polizei, eine geschichtliche Thatsache ungeschehen zu machen, allein dem armen Nordmann gegenüber Sieger zu bleiben, schien für den Stadthauptmann keine Schwierigkeiten zu haben. Der Ausweisungsbefehl stand einstweilen aufrecht. Der Finanzminister Kraus sagte zu dem Poeten:

„Wenn Sie ein Jude wären, so würde ich mir die Verfolgungswuth des Stadthauptmanns gegen Sie erklären können. Er hat mir in seinem Fanatismus gegen die Juden schon die ganze Börse rebellisch und kopfscheu gemacht, und seine Uebergriffe gehen so weit, daß er bei den Firmen der ersten jüdischen Handelshäuser die Einsicht in die Geschäftsbücher beansprucht.“

Für ein Weilchen trat Bach glücklicher Weise dazwischen. Er befahl die Aufhebung des Ausweisungsbefehls und Weiß von Starkenfels mußte zähneknirschend gehorchen. Aber Bach unternahm eine Reise, und sofort war Weiß von Starkenfels mit der Ausweisung wieder da. Nur daß diesmal der gehetzte Autor seine letzte Kraft zusammennahm und geraden Weges an den Polizeiminister ging, das wendete die Lage. Nordmann begehrte nicht mehr und nicht weniger als eine regelrechte Untersuchung über sein Verbrechen. „Ich will nicht vogelfrei sein,“ sagte er zu Kempen. Sein Verlangen ward erfüllt, und wie vorauszusehen war, stellte sich trotz der genauesten Prüfung seiner Personalacten nichts heraus, was ihn compromittirt hätte.

Die Ausweisung unterblieb demnach, aber wie stand es um die Erlaubniß zur Herausgabe des „Salon“? Kempen hatte nichts gegen sie einzuwenden; Bach widerstrebte nicht. Das Censuramt zerrte hin und her, zögerte, verschleppte, aber schließlich mußte es sich fügen. Es hatte jedoch, wie man zu sagen pflegt, einen Zahn auf die neue Zeitschrift; es dürstete nach Rache an dem kecken Literaten, der sich erfrecht hatte, über die Häupter von Preß-, Hof- und Polizeiräthen hinweg bei den Ministern selbst sein Recht zu suchen. Bevor der „Salon“ erschien, hatte er bereits mächtige Feinde, und als er sich mit der Erzählung „In Salamanca“ producirte, gerieth der gesammte polizeiliche Preßapparat in feindselige Bewegung. Die Parole ging aus, es sei in dieser Geschichte eine Blasphemie gegen die herrschende Staatsreligion enthalten. Nichts destoweniger oder vielleicht gerade deshalb hielt Herr von Kempen seine schützende Hand über der lästigen Novelle; er sorgte dafür, daß ihr völliger Abdruck im „Salon“ nicht gewaltsam unterbrochen werde.

„Auch Patroclus ist gestorben und war mehr als Du!“ [448] Gegen Preß-, Hof- und Polizeiräthe kam Kempen siegreich auf; das Concordat war „ihm über“. Und eben, als die Geschichte „In Salamanca“ unter der Presse lag, um für die Buchform zurecht gemacht zu werden, war das Concordat zum Abschlusse gediehen. Die Polizei trug fortan die Kutte. Da erschien denn eines Tages das Verhängniß in Form einer Confiscation; die bereits fertigen Exemplare wurden beseitigt, die noch nicht vollendeten unter Siegel gelegt.

Und wieder setzte sich Nordmann zur Wehre. Aber diesmal bewilligte man ihm anstatt seines ganzen Rechtes nur einen Compromiß. Man löste die Amtssiegel und stellte ihm die ganze Auflage zur Verfügung, jedoch unter der Bedingung, daß die Geschichte unter einem anderen Titel und in einem ausländischen Verlage erscheine.

Das ist die Geschichte der „Frühlingsnächte in Salamanca“ von Johannes Nordmann.

Bücher haben ihre Schicksale, sagt ein altes Wort. Je nun, wenn in diesen Schicksalen nicht zugleich die Geschicke der Zeiten sich wiederspiegeln, so mag es zweifelhaft sein, ob es sich verlohne, sie zu registriren. Aber an diese „Frühlingsnächte in Salamanca“ knüpft sich ein ganzes Capitel aus der Geschichte der Polizei. Und deshalb hat Nordmann wohl daran gethan, in einem Vorberichte zu erzählen, wie es ihm mit dem Buche ergangen. Liest man sich dann in die Novelle hinein, so fragt man sich verwundert, was denn hier gegen den „christkatholischen Staat“ habe verstoßen können. Und man merkt kaum, daß man eigentlich eine alberne Frage aufgeworfen. Hätte Alban Stolz diese „Frühlingsnächte“ geschaffen, so wäre es auch der Wiener Polizei von Anno dazumal nicht eingefallen, ihn zu drangsaliren. Aber Nordmann hieß der Verbrecher, der nicht blos ein Demokrat, sondern auch an einem 13. März geboren war. Nicht sein Roman, er selbst sollte getroffen werden.

Leben wir nicht jetzt in idealen Zuständen? Es wäre undankbar, zu leugnen, daß in unseren Tagen selbst die Polizei liebenswürdiger, civilisirter geworden ist. Derselbe Johannes Nordmann, der unterdessen freilich ein Mann mit schlohweißem Barte wurde, dichtet ein großangelegtes Epos „Eine Römerfahrt“, in welchem der Kampf der Geister gegen das Papstthum gepriesen wird, ohne daß es einem Polizeirath einfallen darf, dasselbe mit seinem Amtsgrimme zu verfolgen. Das Concordat fordert keine Opfer mehr in Oesterreich; denn es hat längst aufgehört, zu bestehen. Weiß von Starkenfels lebt noch, wenn ich nicht irre; er würgt in seiner Linzer Dunkelheit den Groll über die Wandlung der Zeiten hinunter.

Nordmann gehört zu den populärsten Gestalten Wiens. Er hat nie seinen Nacken vor der Gewalt gebeugt, und stramm, knorrig, robust wie seine Gesinnung, ist auch seine Schreib- und Redeweise.

„Das Concordat,“ sagt er, „bei dessen Abschlusse Minister Bach die Hauptpathendienste verrichtete, was seinen Namen für alle Zeiten an die Colonna infamae nagelt, hat sich nach Kurzem als unbrauchbar für Oesterreich gezeigt und ist nachgerade beseitigt worden. Nun, mit dieser Beseitigung hat es freilich seine geweisten Wege; es hält noch manche Niete, an der ein Fetzen von diesem Nessushemde flattert, der als Reliquie von den Stierköpfigen hinter den Bergen und an den südöstlichen Reichsgrenzen, wo die Welt sozusagen mit Brettern vernagelt ist, inbrünstig verehrt wird.“

In diesen Worten steckt der ganze Mann, tapfer, deutsch und geradeaus wie er ist. Es lohnt sich, ihn kennen zu lernen.

Die Polizei freilich hat ihn stets gehaßt; sie thut es in ihrem Inneren vielleicht heute noch.

Wilhelm Goldbaum.