Aus eigener Kraft (Wilhelmine von Hillern)/I

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Textdaten
Autor: W. v. Hillern geb. Birch
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Titel: Aus eigener Kraft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3–18, 21–22, 38–52
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[33]
Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.


1. Ein einziges Kind.

Die Sonne war nach langem Regen wieder aufgegangen und streute mit vollen Händen Silber und Gold über den Züricher See aus. Die tanzenden Wellen spielten damit, wie ein neckisches übermüthiges Mädchen mit seinem Geschmeide tändelt. Die feuchte Erde sog begierig die warmen Strahlen ein, die nassen Büsche und Gräser glitzerten und von den Bäumen sprühte der Thau. Um die himmelanstrebenden Gipfel der Alpen schwebten zerrissene Wolkenschleier. Ein weißes Haupt um’s andere kam heraus in duftiger Ferne. Alles war Licht und Glanz, kein Schatten zog an dem Gestirn des Tages vorüber, und dennoch war es nicht heiß, sondern kühl und wonnig auf der frischgewaschenen Erde. Die Blumen und Blätter, von denen der Regen jedes Stäubchen abgespült, athmeten stärkere Düfte aus; der feuchte Hauch, der durch die ganze Atmosphäre zog, schien den Brand der lichten Strahlen zu löschen. Wie Quecksilberperlen zitterten unzählige funkelnde Tropfen in dem weichen Rasen, der vom See zu den freundlichen Villen führte, die nachbarlich nebeneinander am Ufer lagen, von blühenden Kastanien umrauscht.

„Ah,“ sagte eine Kinderstimme mit tiefem Athemzuge, „das thut gut!“ Ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat unter die Thür der einen Villa und sog begierig die frische Morgenluft ein, die ihm so wohl that. Es war ein armes krankes Kind inmitten dieses Reichthums. Er trug einen breiten grünseidenen Augenschirm, unter dem er schüchtern hinausblinzelte in die schimmernde Pracht, und er konnte selbst unter seinem Schutze den glänzenden Anblick nicht ertragen, denn er bog geblendet den Kopf zur Seite und leistete stummen Verzicht auf das Anschauen von Gottes schöner Welt, – er hätte das schon längst gewöhnen müssen. Die rothen Augen zu Boden geheftet, schlich sich der Knabe unbeholfen in seinem langen wattirten Morgenrocke die Stufen vor dem Hause herab; der eine Fuß stampfte beim Gehen klirrend auf die Steine, er war in eine eiserne Maschine geschnallt, wie sie Kinder tragen müssen, die Anlage zur englischen Krankheit haben. So hatte er sich langsam heruntergeschleppt und setzte sich nun auf die unterste Stufe. Gewöhnt, nur immer zu Boden zu blicken, hatte er sich mit der Mutter Erde besonders vertraut gemacht und sah da, was vielleicht kein anderes Kind sieht. Das Leben des elenden Gewürms, das darauf umherkriecht, war ihm gar wichtig geworden; und sein Fuß zertrat gewiß nie ein Thierchen, über das Andere achtlos hinwegschritten. Er hatte gelernt zu beobachten, er hatte dadurch Sinn für das Kleinste und Unscheinbarste bekommen, er verstand früh eine Bedeutung darin.

So saß er, schaute seelenvergnügt der winzigen Welt zu, die sich vor ihm herumtummelte, und betrachtete grübelnd die günstigen und ungünstigen Veränderungen, die der Regen in derselben hervorgebracht. Unzählige neue Wahrnehmungen beschäftigten ihn. Wo hatten wohl die schönen Schmetterlinge gesteckt während des schlechten Wetters, die nun von Blume zu Blume flatterten, aber immer wieder aufflogen, wenn sie sich setzen wollten, weil die Kelche noch naß waren vom Regen und ihnen statt Süßigkeit Thränen boten? Das waren doch rechte Schelme, die Schmetterlinge! Die Blumen, die nicht von der Stelle konnten, hatten Regen und Sturm über sich ergehen lassen und waren nur noch duftiger und schöner danach geworden; die Schmetterlinge aber hatten sich im Trockenen geborgen und jetzt mochten sie nicht einmal ihren Freundinnen die letzten Spuren des Unwetters wegküssen. – Ein farbenschillerndes Pfauenauge setzte sich dicht vor dem Knaben auf die Erde, als habe es sich einen Flügel verstaucht und müsse nun ein wenig rasten. Der Kleine rührte sich nicht, um es nicht zu verscheuchen. Es saß eine Weile ganz still; dann hob und senkte es die Schwingen, wie um zu prüfen, ob sie wieder gingen, und auf und davon war es. In einiger Entfernung ließ es sich auf eine Blume nieder, die mehr als ihre Gefährtinnen im vollem Sonnenglanz lachte.

Der Knabe wandte sich ängstlich nach dem Hause, als fürchte er erwischt zu werden. Nach kurzem Lauschen hatte er sich überzeugt, daß Alles ruhig sei, und sich ein Herz fassend, stand er auf und humpelte dem Falter nach, – es war so verführerisch! Er wollte ihn nicht fangen. Wie hätte er daran denken können, einen Schmetterling zu haschen! Er wollte es nur betrachten, das wundervolle Thier. „Komm, komm, mein Thierchen!“ rief er lockend; aber der Unstäte flog weiter dem See zu auf die Terrasse, die von alten dichten Kastanien wie von einem Dache überschattet wurde und deren steinerne Balustrade tief unten der See bespülte. Schon von Weitem leuchtete die blaue Fluth durch die Lücken des alterthümlich ausgehauenen Geländers; das war herrlich für den kleinen Knaben, denn so sah er die Wellen wie eingerahmt, und das blendete ihn auch nicht, weil er dabei das Auge nicht zu erheben brauchte. Wieder drehte er den Kopf nach dem Hause um, aber nichts Bedenkliches zeigte sich, und so ward er immer muthiger und folgte seinem beflügelten Führer bis an den Rand der Terrasse. Hier mußte er nun freilich Halt machen, während der Falter lustig über das Geländer schwebte und sich mit ein paar schwirrenden Libellen im Schilfe um die Wette tummelte. „Der hat es gut!“ dachte der Knabe und schaute von dem leicht beschwingten Volke auf seinen [34] schwergepanzerten Fuß herab. Ach, er wollte ja nicht einmal fliegen, wenn er nur laufen konnte, laufen wie die Nachbarskinder, da wäre er schon ganz zufrieden gewesen, oder nur wenigstens sehen ohne Augenschmerzen, ja, nur sehen hätte er mögen wie die Anderen! Es wäre ihm beinahe eingefallen, daß er doch ein recht armer Knabe sei; aber da trug der frische Seewind von Zürich das Läuten der Dampfschiffglocke herüber, nun mußte das Schiff bald kommen und darüber vergaß er’s wieder.

Er setzte sich auf eine der eisernen Gartenbänke, die zum behaglichen Anschauen des reizenden Amphitheaters errichtet waren, denn das Stehen that ihm weh. – Und während er so auf den Dampfer wartete, ergoß sich ein anderes feierlicheres Geläute in sanften Schallwellen über den See. Es waren die Kirchenglocken von Zürich, von Rapperschwyl und allen den blühenden Ortschaften der Ufer. Rein und keusch wie die Zwinglianische Lehre selbst tönte der melodische Ruf zur Kirche durch die Sonntagsstille, und es war, als glätte sich der Wasserspiegel unter dem hohen Lied und der Morgenwind legte sich, die Vögel schwiegen. Wie ein Canon, von metallenen Kehlen gesungen, flossen die verschiedenen Glockenstimmen allmählich ineinander, erst eine, dann zwei, dann drei und so fort in mächtiger Steigerung anschwellend über die ganzen unabsehbaren Gestade hin. Wie das Tönen und Klingen von allen Thürmen nah und fern jetzt ineinander schmolz, so strömten nun aller Orten die Seelen der Andächtigen zusammen in einem Gefühl, ein Gedanke war’s, in dem sie sich Alle vereinten, ein Gedanke, der sich aussprach in der morgendlich lachenden Schöpfung ringsum, und den selbst das Kind in seiner ganzen Schöne empfand, das entsagungsreiche, von Krankheit gepeinigte Kind: der Gedanke Gottes.

Nach und nach ward das Geläute schwächer, eine Glocke nach der andern verstummte, traumhaft verhallend zog es sich mehr und mehr in die Ferne, bis endlich nur ein letztes Glöckchen in einzelnen Schlägen träumerisch nachklang, wie noch vom versiegenden Brunnen dann und wann ein Tropfen fällt.

Jetzt durchschnitt das Abfahrtszeichen von Zürich die melodieengeschwängerte Stille. Die Wellen wurden bewegter und schlugen schäumend und spritzend an das Gemäuer der Terrasse an. Das seltsame Stampfen und Rauschen der Maschine im Wasser erscholl, erst fern, dann näher und näher, bis das stolze Schiff maiestätisch durch die blaue Fluth dahergebraust kam, seinen schwarzen Dampf weit hinaus puffend, auf dem Verdeck lachende, geputzte, entzückte Menschen mit bunten Sonnenschirmen und hellen Hüten, die es hineintrug in den wonnigen sonnigen Tag, in die Wunder der Schweiz.

Dem Knaben schlug das Herz im Tacte mit der Maschine, er breitete sehnsüchtig die Arme aus: er wäre so gerne mitgezogen mit dem leicht vorbeijagenden Fahrzeug, wohin? das wußte er selbst nicht, nur in die duftige Ferne, wo er die letzten Glockentöne ersterben gehört, – dort, meinte er, müsse es am schönsten sein! Er eilte, so schnell er konnte, an das Geländer und bog sich hinaus, er horchte, wie die schäumenden Wellen hinter dem Schiff wild murmelnd zusammenschlugen, ähnlich wie die Menschen, wenn ein großes Ereigniß durch sie hingezogen, in ihrer Aufregung zusammenlaufen und sich darüber besprechen.

„Hurrah Fredy, paß auf, jetzt komm’ ich zu Dir!“ rief vom Nachbarsgarten eine laute Mädchenstimme herüber, und als der Kleine den Kopf wendete, sah er die Sprecherin zu seinem unbeschreiblichen Entsetzen auf der steinernen Einfassung stehen, welche die Terrassen der beiden Güter gemeinsam vom See trennte. Der Weg, den das tollkühne Mädchen einschlagen wollte, war höchstens zwei Hand breit, wie solche steinerne Brüstungen eben sind. Da stand es hoch aufgerichtet, ein schönes Kind von etwa acht Jahren, die Arme zum Balanciren ausgebreitet, und schickte sich an, seinen halsbrechenden Lauf zu beginnen. Der Wind riß an seinem flatternden Röckchen und wehte ihm die krausen dunkeln Haare von der Stirn. Die kräftige Gestalt hob sich prächtig ab von dem leuchtenden See, in den sie der leiseste Fehltritt hinausschleudern konnte.

Dem Knaben wurde übel und schwindelig, als er seine kleine Freundin so frei auf der schmalen Kante über dem Wasser stehen sah. „Aennchen, um Gotteswillen, thu’ das nicht!“ schrie er zitternd und rang in bitterer Angst die mageren Händchen.

„O Du Hasenfuß,“ lachte sie, „wenn ich in den See falle, schwimme ich wieder heim.“ Und leicht wie eine Libelle schwebte sie daher, setzte sicher einen Fuß vor den andern, streckte die Arme aus wie Flügel, bald rechts, bald links schwankend, aber doch immer das Gleichgewicht haltend. Der Knabe sah ihr athemlos zu, seine Stirn und Hände wurden ganz feucht, nun mußte sie noch um das Aprikosenspalier herum, welches bis zur Brüstung die beiden Gärten trennte. Die zwei Minuten, wenn sie so lange brauchte, dünkten ihn ewig, bis sie endlich bei ihm anlangte. Rasch griff er mit seinen schwachen Armen nach ihr, um sie zu halten, aber sie sprang mit einem Satz von der Brüstung herunter. „Etsch, da bin ich schon!“ jubelte sie in die Hände klatschend, „wie die sich da drüben den Kopf zerbrechen werden, auf welche Art ich aus dem Garten kam, denn zur Thür ging ich nicht hinaus und über das abscheuliche hohe Spalier kann ich ja nicht mehr herüber.“ Sie hielt inne und sah den Knaben an. „Aber, Fredy, ich glaube gar, Du weinst?“

„Ach Aennchen, ich habe mich so geängstigt.“

Aennchen war ein wenig betroffen. „Geh’, schäme Dich doch, so ’n großer Bub’ und weinen, wegen so ’was!“ Sie schüttelte ihn liebreich bei den Achseln. „Hör’ doch auf, Du kriegst wieder böse Augen, – Du siehst ja, ich bin nicht in’s Wasser gefallen, ich und in’s Wasser fallen, das wäre noch schöner!“

„Ach Aennchen, Du hast eine solche furchtbare Courage,“ klagte Fredy. „Dir geschieht gewiß noch einmal ein Unglück.“

Aennchen lachte, daß es kräftig vom See wiederhallte. „Du feiger Bub’, Du! Das kommt Dir nur so vor, weil Du weder turnen noch laufen kannst und immer im Zimmer sitzen mußt. Die Mutter sagt’s alle Tage, Du würdest einmal ein schöner Mann werden, wenn Du so fortmachtest.“

Der Knabe sah die unvorsichtige Spötterin unter seinem grünen Schirm mit einem seltsamen Blick an, eine tiefe stille Trauer lag darin, aber er sagte nichts.

Aennchen mochte fühlen, daß sie ihm weh gethan, denn sie nahm ihn gutmüthig bei der Hand. „Na komm, Fredeli, wir wollen spielen.“

„Was denn?“ fragte der Knabe, eine letzte Thräne aus den Augen wischend, die ihn wie Feuer brannte.

„Mutter und Kind. Ich bin die Mutter und Du bist das Kind.“

„Ach Aennchen, laß mich doch nur ein einziges Mal den Vater sein und sei Du die Tochter,“ bat Fredy, „ich bin doch fast fünf Jahre älter als Du!“

„Ja, aber ich bin um so viel größer und stärker als Du,“ erwiderte das Mädchen mit Ueberlegenheit, nahm den unbeholfenen Knaben in die Arme, drehte ihn um und um und drückte ihn behend auf die Bank nieder. „Siehst Du, ich zwinge Dich. Ich bin Deine Mutter, und Du mußt thun, wie ich will.“

„Nun so mach’, was Du Lust hast,“ sagte er sanft, „ich folge Dir ja doch immer. Wenn ich einmal groß bin und gesund, dann mußt Du mir folgen, denn dann werd’ ich Dir’s in Allem zuvorthun, Du wirst schon sehen.“

„Ja, das möchte ich einmal sehen!“ spottete Aennchen und drehte sich auf dem Absatz herum. Dann band sie einen Strick los, den sie wie einen Büßerstrang um den Leib geschlungen trug, und sprang in gewaltigen Sätzen darüber, immer schneller, daß sich das Seil zuletzt wie ein beweglicher Ring um sie herumschwang, durch den sie mit gleichen Füßen hindurchhüpfte. Kein Kind in ganz Zürich konnte so schön Seil springen, wie sie, das wußte sie recht gut, ja selbst ihre vier großen Brüder machten es ihr nicht nach.

Fredy schaute ihr stumm vor Verwunderung zu, wie sie so elastisch, einem Gummiball gleich, auf- und niederschnellte, so rasch, daß man glaubte, ihre Füße berührten den Boden nicht mehr, und daß ihre breite Brust kaum Athem fand, nur schnell genug nachzuzählen, wie oft sie ohne zu fehlen sprang. „einundfünfzig, zweiundfünfzig,“ zählte sie, Fredy’s Staunen auf die äußerste Höhe treibend. Da fing sich das Seil in ihren langen wallenden Haaren und setzte ihrem Uebermuth ein Ziel. „Nun, Fredy,“ sagte sie verschnaufend und ihre großen Augen blitzten ihn lustig an, „wirst Du mir das nachmachen, wenn Du groß bist?“

„Nein, das nicht, aber man braucht nicht Seil zu springen, um ein rechter Mann zu sein,“ sagte Fredy ernst.

„Ei was, wenn Du nicht kannst, was ich kann, dann hab’ ich auch keinen Respect vor Dir, verstehst Du? Ein rechter Junge muß Courage haben und Du hast keine, zu nichts, zu gar nichts! [35] Hast noch nicht einmal ein anderes Kind durchgeprügelt, noch nicht ein einzig Mal. Das ist ja eine Schande für einen Buben, da sind meine Brüder anders, die prügeln sich den ganzen Tag.“

„Ich will Niemanden schlagen, denn das ist eine Rohheit; wenn ich es wollte, könnte ich es auch.“

„Nein, Du könntest es nicht, Du wärst viel zu schwach dazu. Wer einen tüchtigen Zorn hat, der schlägt zu, wenn er kann – und Du wirst doch auch schon zornig gewesen sein.“

„Nein, niemals, warum sollte ich? Sie sind ja Alle so gut gegen mich, Niemand giebt mir ein böses Wort oder gar einen Schlag. Alles, was mir geschieht, ist ja nur zu meinem Besten, worüber sollte ich denn zornig sein?“

„Hm,“ meinte Aennchen mit einem eigenthümlichen Tone, „Du bist doch ein schrecklich guter Junge!“ Sie zog eine große flaumige Aprikose aus der Tasche und biß hinein, daß ihr der Saft heruntertropfte und Fredy das Wasser im Munde zusammenlief.

„Willst auch eine, Fredy?“ fragte sie und hielt ihm eine noch schönere hin. Sie war so schön, sie war wie von Sammt und hatte ein braunes gesprungenes Bäckchen.

Fredy kämpfte schwer: „Ich – ich darf nicht!“

„Warum denn nicht?“

„Ich darf nur gekochtes Obst essen, rohes hat mir die Mutter verboten.“

„Ach Gott,“ meinte Aennchen, „die Mutter verbietet Dir doch auch Alles!“ Und sie streifte Fredy, dessen Augen durstig an der köstlichen Frucht hingen, mit einem mitleidigen Blick. Sie steckte die Aprikose wieder in die Tasche, sie mochte nun auch nicht mehr essen, wenn Fredy zusehen mußte. „Aber jetzt wollen wir spielen,“ rief sie, „siehst Du, ich führe Dich zum Lehrer. Du sollst in die Schule kommen. Du bist gerade sechs Jahre alt und kannst noch nicht lesen und schreiben. Unterwegs fängst Du an zu heulen und willst nicht, dann laufen die Leute zusammen und wundern sich über den unartigen Balg. Ach, der Phylax, der kommt eben recht, der muß den Lehrer machen!“ Und sie sprang auf einen großen gelben Bernhardinerhund zu, der gemächlich des Weges dahertrottete, um nach seinem jungen Herrn zu sehen. „Phylax, herziger Phylax,“ schrie sie, „das ist herrlich, da geh’ her, setz’ Dich, so. Was schnupperst Du denn? Ach, er riecht mein Ankenweckli in der Tasche. Na, da hast Du’s!“ Und sie zerbrach das Wecklein in kleine Stücke und folterte das riesige Thier nach Kinderart durch Verabreichung wahrhaft homöopathischer Dosen.

Der Hund nahm geduldig mit der bärtigen Schnauze die winzigen Portionen aus den kleinen Fingern und forderte sie nur hie und da durch einen Handschlag mit seiner schweren Tatze zu größerer Eile auf. Endlich war das Frühstück beendigt. Phylax rieb sich an den spitzen Knieen Fredy’s ab und das schöne Spiel sollte nun beginnen. Phylax wurde überredet, seinen mächtigen Körper auf eine der Steinbänke hinaufzuzwängen, und stellte zum Ergötzen der Kinder mit vieler Würde den Lehrer vor. Fredy ließ sich sogar verleiten, trotz seiner Augenschmerzen dem Hund seinen grünen Schirm aufzusetzen, und die Kinder brachen bei dem drolligen Anblick in lauten Jubel aus.

Da, wie ein Donnerschlag für den armen Fredy, ließ sich plötzlich vom Hause her eine Stimme vernehmen: „Allmächtiger Gott, Alfred! Willst Du Dir denn den Tod holen in der Feuchtigkeit?“

Es war eine noch junge und schöne Frau, die diesen Schreckensruf ausgestoßen und mit einer ängstlichen Hast auf den Knaben zueilte, als könnten ihn die Wogen des See’s hinwegspülen, bevor sie ihn erreichte.

„Unvorsichtiges Kind, an diesem kühlen Morgen Dich am See herumzutreiben! Darf man Dich denn nie aus den Augen lassen? Wo ist Herr Feldheim?“

„Er ist auf seinem Zimmer, liebe Mutter,“ sagte Fredy sanft, nahm Phylax den Schirm ab und setzte ihn selbst wieder auf, „darf Aennchen nicht mit hereinkommen?“

„Ah, Aennchen, guten Tag!“ sprach die erregte Frau. „Es wird besser sein, Alfred ruht sich jetzt ein wenig aus, denn ich hörte schon von Weitem, wie wild Ihr wieder wart. Adieu, liebes Kind, Du kommst wohl ein ander Mal!“

Aennchen machte zu dieser Verabschiedung ein bitterböses Gesicht, aber Alfred gab ihr die Hand und flüsterte ihr zu: „Siehst Du, Aennchen, es thut mir recht weh, daß ich hinein muß an dem schönen Morgen, aber zornig bin ich deshalb doch nicht, sei Du’s auch nicht, liebes Aennchen. Es wird ja wohl bald so trocken und warm werden, daß ich auch wieder einmal hinaus darf.“

„Meinetwegen,“ maulte Aennchen, „laß Dich von Deiner Mama in Baumwolle einwickeln,“ und mit diesen schnippischen Worten trippelte sie, trotzig das Röckchen schwenkend, von dannen.

„Welch ein Umgang für Dich!“ seufzte die junge Frau und trat mit Alfred in das Haus. Eine kleine säulengetragene Vorhalle empfing sie, die von oben herab durch eine blaue Glaskuppel matt erleuchtet war. Zu beiden Seiten führten Thüren in die rechts und links gelegenen Wohngemächer. Dem Eingange gegenüber lag die breite steinerne Treppe, die in den oberen Stock führte. Gegen diese wandte sich die erregte Mutter zunächst, denn in demselben Augenblick stieg ein junger Mann von oben herab, den sie ungeduldig zu erwarten schien.

Er war eine seltsame ernste Erscheinung, die da niederstieg, als käme sie aus einer andern Höhe, denn die, welche Menschenhände erbauen können. Ein stolze Gestalt mit einer starren, fast militärischen Haltung und so breiten eckigen Schultern, daß es aussah, als trügen sie verborgene Epaulettes unter dem langen bescheidenen Priesterrock, der sie bekleidete. Er hatte zwar die Lider gesenkt, aber auf seiner hohen Stirn lag etwas Gebietendes und die dunkeln buschigen Brauen, die über der Nase zusammengewachsen waren, erschienen wie eine undurchdringliche Hecke, welche die stille Welt in seinem Kopfe nach außen abzäunte. Das war der Candidat Feldheim, Alfred’s Erzieher. Langsam, die Hand leicht über das vergoldete Treppengeländer nachziehend, kam er herab. Die sichtbare Ungeduld seiner Gebieterin brachte ihn nicht aus seinem gleichmäßigen Schritt.

„Herr Feldheim,“ rief ihm diese entgegen.

„Befehlen?“

„Herr Feldheim, soeben kehre ich aus der Kirche zurück und finde meinen Sohn allein, ohne jede Aufsicht; haben Sie gewußt, daß Alfred an dem feuchten Morgen im Garten war?“

„Ja!“

„Aber ich bitte Sie, wie konnten Sie das zugeben?“

„Ich war der Ansicht, daß die frische Morgenluft dem Kleinen wohlthun werde,“ erwiderte der Candidat ruhig.

Die Frau war durch diese Antwort ganz aus der Fassung gebracht. Sie hatte eine rasche Entgegnung auf der Zunge und ein strafender Blick sollte den trotzigen Sprecher treffen, glitt jedoch schon an dem Schild seiner hochgewölbten Brust ab, bevor er das eigentliche Ziel seiner Bestimmung, das Auge des Mannes, erreicht hatte. Es war ein wunderbares tiefes Auge, das da auf sie niedersah unter den schattigen Brauen hervor, solch ein Auge, das man immer fragen möchte: „Was denkst du?“ das kein Mensch ertragen kann, der auf dem Grunde seiner Seele etwas zu verbergen hat, denn auf wen es sich einmal richtet, den läßt es nicht mehr los, er muß ihm stumme Rede stehen, bis er ihm jedes Geheimniß seines Innern, wenn auch ohne Worte, gebeichtet hat. Ahnte die junge Frau etwas hiervon? Hatte sie etwas zu verbergen? Genug, sie ließ den strafenden Blick als eine ohnmächtige Waffe zur Erde gleiten, bevor sie den Muth fand, sie zu erproben. Auch das rasche Wort verwandelte sich in ein zögerndes: „Man sieht, daß Sie kein Mediciner sind.“

„Als ich Alfred’s Erziehung übernahm, wußte ich nicht, daß das unglückliche Kind eines solchen dringender bedurfte, als eines Lehrers. Seit ich mich jedoch hiervon überzeugte, war ich bestrebt, die fehlenden Kenntnisse nachzuholen, und hoffe jetzt so viel zu wissen, als nöthig ist, um die körperliche Entwickelung des Knaben mit gutem Gewissen leiten zu können. Steht dieses Selbstvertrauen im Widerspruch zu Ihren Ansichten, gnädige Frau, so bin ich gern bereit mein Amt in die Hände eines ‚Mediciners‘ niederzulegen.“

Eine heiße Röthe stieg auf in dem zarten Gesicht der jungen Frau. Sie schwieg einen Augenblick, denn sie mußte Athem schöpfen, ein jäher Schreck war über sie gekommen. Aber sie nahm sich zusammen und sagte leise: „Darüber wollen wir später sprechen, jetzt dürfen wir nicht mehr zögern, Alfred trockene Sachen anzuziehen, er hat sich gewiß feuchte Füße geholt.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Thür von Alfred’s Zimmer und trat, ihn nach sich ziehend, hinein. Der Candidat folgte. Es war ein großes dunkles Gemach, die Fenster waren tief verhangen mit schweren Gardinen und grünen Rouleaux, damit kein Lichtstrahl den kranken Augen des Kleinen weh thue, und eine erstickende Treibhaushitze drang den Eintretenden entgegen. Das Zimmer lag gegen Norden, [36] weil dies die durch Mauern und Nebengebäude geschützteste Seite des Hauses war, aber die fehlende Sonnenwärme wurde an jedem leidlich kühlen Tage durch Ofenhitze ersetzt, denn Fredy’s Mutter behauptete, er müsse eine stets gleichmäßige Temperatur von mindestens sechszehn bis achtzehn Grad Réaumur haben. Da es seither geregnet hatte, war natürlich gefeuert worden und auch heute hatte man noch nicht den Muth gehabt, damit aufzuhören. Der Morgen war doch noch nebelig gewesen.

„Alfred, süßes Kind, Du siehst blaß aus. Sage, fühlst Du Dich schon erkältet, ist Dir unwohl?“ fragte die Mutter mit banger Zärtlichkeit, während sie ihm die frischen Strümpfe am Kamine wärmte.

„Liebe Mutter, mir ist ganz wohl,“ versicherte er, dachte aber doch bei sich mit heimlicher Besorgniß darüber nach, was sein „Leichtsinn“ für Folgen haben könne. Versunken war der See, der unendliche, silberschimmernde, verschwunden das millionenfach wiedergestrahlte Sonnenlicht, das wilde liebliche Aennchen und alle Schmetterlinge und Libellen, die sich badeten in dem feuchten Aether, versunken Alles mit einem Schlage in den Abgrund seiner feuchten Strümpfe. Der Knabe saß in sich zusammengekauert am Kamin und starrte bleich und entgeistert in die matt glimmenden winterlichen Kohlen. „Armes Kind!“ hauchten die geschlossenen Lippen des Candidaten unwillkürlich vor sich hin.




2. Der Zweiaugengeist.

„Was ist Alfred? Fehlt Alfred etwas? Ist Alfred etwas geschehen?“

Diese ängstlichen Fragen ertönten hintereinander und drei ängstliche alte runzlige Gesichter erschienen hintereinander in der Thür. Das waren die drei Tanten, die unverheiratheten Schwestern von Alfred’s Vater. Alfred’s Mutter, die vor dem Knaben am Boden kniete, um die Maschine an seinem Beine zu lösen, blickte besorgt zu ihnen auf, eine Seite ihres zarten schönen Gesichts war vom Scheine des Kaminfeuers geröthet, sie sah aus wie die verkörperte Muttersorge, die zu den Parzen fleht, den Lebensfaden ihres Kindes nicht abzuschneiden.

„Er hat sich nasse Füße geholt. Glaubt Ihr, daß es ihm schaden wird?“ fragte sie.

Die drei Parzen schüttelten die Köpfe.

„Man muß ihm gleich einen warmen Thee geben,“ lautete der Chor.

„Was für einen?“

„Lindenblüthe! Flieder! Kirschenstielthee!“

Es entstand eine lange Berathung unter den Schwestern, fast ein Streit. Alfred erwartete still ergeben sein Schicksal. Der Candidat schaute regungslos auf die lächerliche Gesellschaft nieder.

Bella, die älteste der Schwestern, war eine sechs Schuh lange hagere Greisin von siebenundsechszig Jahren. Alles an ihr war schief, der Kopf, der graue dünne Scheitel, eine Schulter und eine Hüfte, sogar die Augen, denn sie schielte. Die Ellenbogen gingen ihr bis über die Hüften herab. Sie hatte eine seitwärts gebeugte Haltung, als wolle sie sich immer entschuldigen, daß sie so groß sei. Ihre Hände waren auch krumm von der Gicht, sie konnte nur noch stricken. Sie versorgte die ganze Familie und unendlich viele Freunde mit wollenen Leibchen, Röckchen und Binden, ohne sie wäre längst Alles, was sie liebte, an zu leichter Kleidung zu Grunde gegangen. Sie hatte zu ihren Gichtknoten auch noch Schwielen von den Stricknadeln an den Fingern, aber sie hörte doch nicht auf zu stricken. Nur wenn ihr die Hände gar zu wehe taten, machte sie Filet, und am Sonntag las sie in Zschokke’s Stunden der Andacht. Sie konnte nur alte Bücher lesen, die sie fast auswendig wußte, neue vermochten ihre schlechten Augen nicht mehr zu entziffern.

Wika, die zweite Schwester, war nur fünfundsechszig Jahre alt. Sie konnte noch besser sehen als Bella und war eine kleine untersetzte Figur mit braunen falschen Zöpfchen, die schneckenförmig an dem schwarzgefärbten Scheitel befestigt waren und sich nicht die geringste Mühe gaben, für echte gehalten zu werden. Sie war zweifellos die dominirende unter dem Kleeblatt. Ihre breite behäbige Figur, ihr energisches Auftreten und eine kleine heimliche Tabaksdose gaben ihr etwas frauenhaft Ueberlegenes. Auch war sie die einzige von den Dreien, welche eine oder gar zwei wirklich gute Partien ausgeschlagen, weil ihr der Freier nicht gefallen hatte. Seit der unerhörten That staunten die Schwestern sie an wie ein höheres Wesen. Sie war auch erhaben über eine mechanische Gewohnheitsbeschäftigung. Sie trieb Politik, las Zeitungen, kochte sehr gut, spielte vortrefflich Whist und wurde grob, wenn sie verlor. Sie hatte Humor und brachte alle Leute zum Lachen, aber sie lachte nicht selbst mit, denn sie litt am Asthma und mußte ihren Athem sparen.

Jetzt blinzelte sie mit ihren klugen kleinen Aeugelchen über ihre dicken Backen zu dem Candidaten hinüber, während sie spöttisch Kirschenstielthee anrieth. Sie wußte, daß er sich ärgerte, und das machte ihr Spaß, denn sie waren sich beide durchaus nicht grün. Sie behauptete immer, er habe es dick hinter den Ohren und sie sei die einzige im ganzen Haus, die den Menschen durchschaue.

Lilly, die jüngste Schwester, das „Nestheckchen“, war erst neunundfünfzig Jahre alt. Sie war der leichtsinnige Springinsfeld unter den Schwestern, den man keine Minute aus den Augen lassen konnte, sonst machte er dummes Zeug, erkältete sich, verlief sich oder verdarb sich den Magen. Sie war gutmüthiger als Wika und natürlicher als Bella, aber seltsamerweise, obgleich die jüngste von den Dreien, war sie doch die erste, die Spuren von Altersschwäche zeigte und im Alter wie in der Jugend rettungslos von den beiden anderen bevormundet wurde. Sie hatte fast immer eine Schmarre im Gesicht, weil sie sehr schusselig war und alle Augenblicke die Treppe hinunter fiel, was ihr viel Schelte zuzog. Aber es war doch ein herzensgutes, liebes Gesichtchen, das immer unter einer unbeschreiblichen verkehrten Haube hervorguckte, ein altes runzeliges Kindergesicht. Tante Lilly war die einzige, die unermüdlich mit Alfred Domino oder Schach spielte und sich freute, wenn der Junge sie matt machte. Tante Lilly konnte auch noch das „Steh nur auf, Du lust’ger Schweizerbub“ auf dem Clavier spielen und wenn sie gleich manchmal daneben griff, Alfred fand doch nichts, nicht einmal die Chopin’schen Phantasien seiner Mutter, so schön und so rührend wie Tante Lilly’s „lustigen Schweizerbub’“!

Dies waren die Schwägerinnen von Alfred’s jugendlicher mädchenhafter Mutter, die letzten Freiinnen von Salten-Hermersdorf, die jüngeren Schwestern von Alfred’s Vater – denn dieser war ein Greis von siebenzig Jahren.

Aus solcher Umgebung sollte die kümmerliche Blüthe des zarten Knaben ihre Nahrung ziehen. Dies schattenhaft verhängte dunstige Krankenzimmer mit den launischen, allem Leben absterbenden Pflegerinnen war der Hintergrund, auf dem die Kindheit des letzten Stammhalters eines ritterlichen Geschlechts trübselig hindämmerte.

[49] Es waltete ein böser Geist über diesem jungen Haupte und über dem Hause, das seine Heimath war – der böse, Jahrhunderte alte Geist des Familienstolzes, der Erzeuger der Erstgeburtsrechte, der Majorate, der Mannslehen und wie sie alle heißen, die grausamen Einrichtungen, welche Kinder desselben Blutes, Kinder, die unter demselben Herzen geruht, ausschließen von den Rechten an dem Besitz der Väter, damit dieser, nur von zwei auf zwei Augen vererbt, ungeschmälert den Glanz der Familie erhalte. Man könnte ihn den Zweiaugengeist nennen, diesen finstern Dämon, der immer mächtiger wird, je weniger Augen desselben Namens und Stammes ihn bannen, und am mächtigsten, wo ein Geschlecht bis auf zwei Augen eingeschrumpft ist. Da entfaltet er seine ganze Macht, da würfelt er blindlings alternde Männer und junge Frauen zusammen, damit noch in der elften Stunde eine Nachkommenschaft erzielt werde. Da vergiftet er die erste keimende Hoffnung im Mutterschoße mit der Befürchtung, daß es kein Stammhalter sei. Da sitzt er als erstickendes Angstgespenst am Bette des ersehnten Sprossen und ein greiser Vater beweint in dem sterbenden Sohne den Untergang eines erlauchten Geschlechtes, der für ihn gleichbedeutend ist mit dem Untergang eines Weltgestirns – und eine Schaar dürftig apanagirter Schwestern, Tanten, Cousinen sieht mit seinem Ende dem langsamen standesgemäßen Verhungern unter der Hofschleppe entgegen! Wer beschreibt alle die Gestalten in denen dieser boshafte Kobold seine Opfer ängstigt, peinigt, um alles Menschenglück betrügt? Und das Haus, das stille friedliche, das der liebliche Zürichersee umspülte, das früh und Abends angehaucht war vom Widerschein sonnengeküßter Firnen – es barg solch eine Familie, die dem Zweiaugengeist verfallen war.

Name und Güter der stolzen norddeutschen Freiherren von Salten-Hermersdorf standen nur noch auf den zwei thränenden, lichtscheuen Augen des kleinen Alfred! Aus jedem ätzenden Tropfen, der über die bleiche Wange des Kindes rann, aus jedem ungleichen Athemzug seiner schmalen Brust, jedem Hüsteln, jedem fiebernden Pulsschlag hatte der Zweiaugengeist ein Marterwerkzeug für die Umgebung des Knaben geschaffen, wie es grausamer kein Teufel ersinnen kann und alle die Hände von Mutter, Vater und Tanten, sie hatten auf der Welt nichts mehr zu thun, als sich schützend um das flackernde Lebenslicht in der gebrechlichen Hülle zu breiten. Die Erhaltung von Alfred’s stets bedrohtem Leben war die fixe Idee der ganzen Familie, die Achse geworden, um die sich deren Thun und Denken drehte. Um seiner Gesundheit willen hatte man die Heimath verlassen und den rauhen Norden mit der milden Seeluft Zürichs vertauscht. Um seinetwillen hatte man das theure Landhaus gemiethet, um seinetwillen jede gesellige Beziehung zur Heimath abgebrochen, damit man nur ihm allein leben konnte!

Seinen Tanten war der Erbe der Salten’schen Güter, was dem Kaufmann das schwanke Schiff ist, das seinen ganzen Wohlstand trägt, denn wenn Alfred starb, so fiel das Majorat nach dem Tode des Freiherrn an eine Seitenlinie von der die vermögenslosen Tanten keine Unterstützung zu hoffen hatten. Seine Mutter endlich suchte in ihm den Ersatz für jedes an der Seite des aufgezwungenen Gatten geopferte Jugendglück. Und ach, das Schiff schien leck zu sein, und der Ersatz für die Entsagungen seiner Mutter mußte mit immer neuen Opfern an Lebenskraft und Muth, an Nachtruhe und Tageszerstreuung erkauft werden.

Und das Kind, was mußte aus diesem werden bei solch einer Erziehung? Daran dachte, das wußte nur Einer! Nur Einer fühlte, daß noch etwas Höheres in dem Knaben zu hüten sei als das Leben, daß da ein Schatz an Geist und Seelenadel verborgen liege, den nicht die eigene Mutter zu würdigen verstünde und den zu heben ihm eine göttlich schöne Aufgabe dünkte – dieser Eine war der Candidat. Aber weil doch er allein es war, der das, was in Alfred lag, verstand, so wollte er auch, daß es ihm allein gehöre, er wollte es entwickeln, wollte der Welt ein Geschenk damit machen nach seinem Sinne, und er mußte dabei vorsichtig und heimlich zu Werke gehen, wie der Schatzgräber auf fremdem Boden, der weiß, daß ihm sein Fund entrissen würde, sobald er ihn gehoben. Er war sich ja bewußt, daß er den Schatz besser und segensreicher verwenden würde, als die, welche ihm denselben streitig machen könnten. Das war es auch, was die kluge Tante Wika instinctmäßig gegen den verschlossenen Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen einnahm. „Der Mensch ist ein Demagog,“ pflegte sie zu ihrem Bruder warnend zu sagen – und sie hatte nicht so unrecht! Er war der Einzige von Allen, der nicht unter dem Banne des Zweiaugengeistes stand, obgleich auch er völlig zu einem Opfer desselben erkoren gewesen wäre, denn er war gleichfalls ein „Letzter seines Stammes“ – eine hochadelige Familie erlosch mit ihm, wenn er kinderlos starb. Sein Vater, ein Herr von Feldheim, war im Kriege gefallen, ehe der Candidat das Licht der Welt erblickt, seine Mutter, eine mittellose Wittwe, erzog ihn zum Prediger. Die Macht des Zweiaugengeistes hatte er mit Ablegung eines einzigen Wörtchens abgeschüttelt, des [50] Wörtchens „von“, und mit ihm alle Vorurtheile, alle hemmenden Standesrücksichten. Er hörte auf Freiherr zu sein, um ein freier Herr zu werden, der sich nicht mühsam auf den dürren Pfaden einer Familientradition weiter schleppte, sondern sich seinen Weg selbst bahnte und sein Geschick selbst schuf aus dem vollen Leben der Gegenwart heraus.

Dieser Schritt jedoch hatte ihm anfangs das Vertrauen des Hauses Salten erworben, denn man hielt es für einen edeln Stolz, daß er den glorreichen Namen seiner Ahnen nicht als Hauslehrer compromittiren wollte, daß er einen Adel ablegte, den er nicht mehr mit dem erforderlichen Glanze zur Schau tragen konnte. Etwa in dem Sinne, wie ein Prinz incognito reist, wenn ihm die Mittel fehlen, seinen hohen Stand zu repräsentiren. Nur Tante Bella, die zartfühlende Seele, that es nicht anders, sie gab ihm fort und fort die Ehre, auf die er so selbstlosen Verzicht geleistet, sie nannte ihn unverdrossen Herr von Feldheim, und war überzeugt, daß sie ihm damit das Demüthigende seiner Stellung wesentlich erleichterte. Sie hüllte ihn in sein „von“ ein wie in ein moralisches wollenes Leibchen. Sie durfte ihm ja kein wirkliches stricken, der verwegene junge Mann war noch nicht reif genug, um einzusehen, wie dringend der Mensch der Wolle bedürfe, und das war es auch, was selbst Tante Bella nach und nach von ihm entfernte! Dennoch hielt sie immer noch einen rücksichtsvollen Ton gegen ihn ein, sie war es auch, die nach dem ersten Schreck auf den Einfall kam, den „Herrn von Feldheim“ zu fragen, für welche Art schweißtreibenden Thees er sich entscheide, worauf die schneidende barbarische Antwort erfolgte: „Für gar keine!“

„Das hättest Du Dir denken können,“ meinte Wika höhnisch, „der Herr Candidat ist immer anderer Meinung als wir.“

„Ich bin der Meinung, daß wir dem Knaben mit dem Thee das Mittagsessen verderben,“ erwiderte er ruhig, aber er wußte wohl, daß er tauben Ohren predigte.

Tante Lilly ward geschickt, für Lindenblüthenthee zu sorgen, und das Geklirr einiger zerschlagener Töpfe und Kannen verkündete alsbald, mit welchem Eifer sie sich der Sache annahm.

„Lieber Himmel, was stellt Lilly wieder an!“ riefen die Schwestern und eilten hinaus, um das unbedachte Kind zu schelten. Die Drei im Zimmer schwiegen, ein seltsamer Blick des Candidaten traf die junge Frau, ein Blick, der fragen zu wollen schien: „Wie lange hältst Du das noch aus?“

Da sie die befremdliche Eigenheit hatte, zu erröthen, wenn Jemand und besonders der Candidat sie scharf ansah, senkte sie auch jetzt wieder die langen goldenen Wimpern zur Erde. Alfred wurde müde vor Langeweile, er zog die Hand des Candidaten zu sich herab und lehnte seine Wange daran. Seine Mutter eilte herzu: „Willst Du Dich ein wenig auf meinen Schooß setzen, Alfred?“

„Nein,“ sagte er bestimmt.

„Wie, Alfred, Du weisest Deine Mutter zurück?“

Er faßte, ohne den Candidaten loszulassen, nach seiner Mutter Hand, sie kniete bei ihm nieder, er legte den Kopf auf ihre Schulter und seine Lippen küßten leise ihren weißen Schwanenhals, „Du süße Mutter,“ flüsterte er, „ich bin Dir doch gut, wenn ich mich auch nicht mehr auf Deinen Schooß setze.“

„Seltsames Kind, was fällt Dir nun auf einmal ein?“ sagte die junge Frau befremdet.

Da erscholl auf dem Hausflur die Stimme von Alfred’s Vater: „Wo ist meine Frau?“ Die Genannte erhob sich und ging langsam hinaus.

„Alfred,“ sagte der Candidat, „Du hast Deiner Mutter weh gethan.“

„Das thut mir leid, aber ich kann nicht anders, Herr Candidat.“

„Und weshalb nicht?“

Alfred schwieg eine Weile, dann flüsterte er leise und unter allmählich hervorquellenden Thränen: „Sehen Sie, Herr Feldheim, als neulich einmal meine Mutter weinte, wie sie so oft thut, da wollte der gute Vater sie trösten und auf seinen Schooß nehmen. Aber die Mutter fuhr auf und stieß den Vater zurück, als wäre das etwas Schreckliches gewesen – und sehen Sie, Herr Feldheim, ich weiß nicht, wie das ist, aber seitdem kann ich mich nicht mehr auf meiner Mutter Schooß setzen!“

Der Candidat war tief betroffen. Was sollte er dem Kinde sagen, welcher Finger war zart genug, um in dies verstimmte kostbare Saitenspiel wohlthätig einzugreifen? Er hatte einen neuen schmerzlichen Blick in des Knaben Seelenleben gethan, er war noch unfähig, etwas zu erwidern.

Alfred schaute unter seinem grünen Schirm voll und flehentlich zu dem Erzieher auf: „Herr Feldheim, können Sie mir nicht sagen, warum die Mutter den Vater nicht leiden kann? Sie ist gegen uns alle so gut und nur gegen den Vater nicht!“

„Mein Kind,“ sprach Feldheim und seine Stimme war bewegt, „frage das Deine Mutter selbst, sie allein hat das Recht, Dir darauf zu antworten.“

„O Herr Candidat, dazu hätte ich nicht den Muth, nein, gewiß nicht.“

„Und dennoch wäre es eines Engels Stimme, die aus Dir spräche, wenn Du es thätest,“ sagte der junge Mann mit gepreßter Brust. Alfred schaute ihn mit jenem unausweichlichen Forscherblick an, der denkenden Kindern eigen ist. Da legte der Candidat seine Hand auf des Knaben Haupt und fragte: „Mein Kind, seit wann trägst Du denn solche schwere Gedanken mit Dir herum? Das ist mir ganz neu an Dir!“

„Ich weiß es nicht, seit wann, es ist nur auf einmal so über mich gekommen, und ich wagte nie etwas davon zu sagen. Ich möchte immer weinen, wenn ich den Vater ansehe – –“ er schlang die Arme um die stämmigen Hüften des Candidaten und überließ sich seinen ausbrechenden Thränen.

„O Gott, mein Gott,“ dachte Feldheim, „wann wirst Du endlich den Himmel dieser geängstigten Seele entwölken?“ Und er bückte sich nieder in überströmendem Mitleid, hob die ganze schmächtige Gestalt des Knaben mit starken Armen empor und drückte sie an seine breite Brust. „Armes liebes Kind, dürfte ich Dich so hindurchtragen durch Dein ganzes gequältes Leben! Aber ich darf es nur eine Strecke weit, mögest Du Dir dann selbst weiter helfen können, denn das Beste, was wir sein können, werden wir doch nur aus eigener Kraft! Das ist mein Gebet für Dich!“

Der Knabe schmiegte sich innig an den starken Mann, der ihn so leicht emporhielt, als könne er ihn zu den Sternen hinaufheben. Solange er sich auf diesem mächtigen Arme wiegte, fühlte er sich so geborgen wie bei Gott.

„Ach, wenn ich einst solch ein Mann werden könnte wie Sie!“ seufzte er; „aber das kann ich nicht, dazu bin ich zu schwach und elend!“

„Mein Kind, nicht die Muskel – der Geist macht den Mann! Wir leben in einer Welt, wo eine andere Kraft herrscht als die des Leibes, wo auch der Krüppel sich seinen Platz unter Heroen erobern kann. Das Menschengeschlecht strebt immer mehr nach Vergeistigung, das Ewige in uns macht sein Recht geltend gegenüber dem Vergänglichen, es drängt dasselbe mehr und mehr zurück. Der Geist will sich immer unabhängiger vom Stoff zu machen suchen, er will nicht mit ihm untergehen. Blicke zurück, mein Kind, in die früheren Zeiten, wo rohe Gewalt der Hebel war, der Alles in Bewegung setzte, und Du wirst mit Staunen den Fortschritt erkennen, den das menschliche Geschlecht schon gemacht.“

„Und doch sagte Tante Bella, die Welt würde immer schlechter!“ meinte Alfred schüchtern.

„Das sagen alle alten Leute, welche sich in den beständigen Wechsel der Ideen nicht mehr finden können. Ein Mensch, der den Siebzigen nahe rückt, kann seine Zeit bereits überlebt haben und schon ein neues Lustrum kann ihm fremd und unverständlich sein! Wärst Du ein paar Jahrhunderte früher geboren, Du hättest bestenfalls Dein Loos in der Spinnstube zwischen Weibern und Mägden oder vielleicht in der Mönchskutte zu suchen gehabt. Irgend ein neidischer Nachbar oder Anverwandter hätte Dir, dem Schwächling, mit dem Schwert in der Hand Deinen Besitz entrissen, Du wärst, ein ohnmächtiges verachtetes Geschöpf, umhergeschleudert worden zwischen den räuberischen Fäusten Deiner ritterlichen Vetterschaft. Und jetzt, jetzt darfst Du Deines schwachen Körpers spotten, denn Du kannst Dich durch die Kraft Deines Geistes, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Industrie oder in der Politik, zu einer Macht erheben. Ist diese Welt, in welcher der Gedanke eine solche Herrschaft über die Materie ausübt, eine schlechtere geworden?“

„Nein, sicher nicht!“ rief Alfred und ein Strahl brach aus seinen Augen, als habe er eine göttliche Verkündigung empfangen. Er umschlang den Lehrer mit dankbarer Inbrunst. Der erstickende herzbeklemmende Einfluß des Zweiaugengeistes war gebrochen, so lange diese Beiden einander in den Armen hielten.

[51] Da kam aber Tante Bella mit dem Thee herein und jetzt umkreiste er wieder das müde Köpfchen seines Opfers, daß es war, als höre man seinen eulenartigen schweren Flügelschlag.

Der Candidat ging Bella entgegen und nahm mit einer an ihm ganz ungewohnten Dienstbeflissenheit die Tasse in Empfang. Ja, es war sogar, als spiele ein Lächeln um seine Lippen, als er sie zum Munde führte, um zu prüfen, „ob der Thee auch nicht zu heiß sei?“

Tante Bella war zu blind um zu sehen, daß er das widerliche, für Alfred so schädliche Gebräu mit einem Zuge austrank und dem Knaben nur noch wenige Tropfen überbrachte. Alfred selbst hatte es nicht gewahrt. Sein Lehrer wollte das Kind nicht zum Mitschuldigen des kleinen wohlgemeinten Betruges machen, durch den er es schon oft vor den schädlichen Einflüssen der Hausapotheke seiner Tanten bewahrt hatte. So schonte er zugleich den Magen und das Wahrheitsgefühl seines Zöglings.

„Aber Tante,“ sagte Alfred, „warum bekomme ich nur immer das Bischen Thee in der großen Bouillonschale?“

Der Candidat erschrak. Aber Tante Bella war entzückt, daß die Masse Thee dem lieben Kinde noch zu wenig dünkte. „Sehen Sie, Herr von Feldheim,“ rief sie, „der Knabe weiß, was ihm gut thut!“




3. Der Kastengeist.

Als Tante Bella eine Stunde später dem Vater seinen neugeretteten Sohn zuführte, fand sie den alten Herrn in tiefer Verstimmung und durchaus nicht zugänglich für die Geschichte ihres ausgezeichneten Heilverfahrens.

„Da lies diesen Brief und dann suche Adelheid zu finden; Gott weiß, wo sie wieder ist, wir wollen uns berathen, was etwa zu thun wäre.“

Er zog Alfred zu sich hin, während Tante Bella den Brief las, und streichelte mit seiner knochigen Hand des Kleinen Backe. Er war ein alter Herr, dem man noch jetzt die Spuren einstiger Schönheit ansah. Der weiße spärliche Backenbart deckte jedoch kaum die tiefen Höhlen, die sich rechts und links des Mundes gebildet hatten. Unter den dünnen weißen Augenbrauen blickten verblichene lebensmüde Augen hervor und die eingesunkenen Schläfe waren kaum von wenigen silbernen Locken bedeckt. – Es war ein Anblick, wie wenn in einer Winterlandschaft der Schnee die todte kahle Erde nicht ganz überzieht und einzelne Stellen offen läßt, deren trostlose Abgestorbenheit erst recht den Winter zeigt. Es giebt weiße Haare auf jugendfrischen Köpfen, die den Eindruck machen, als sei verfrühter Schnee auf eine noch herbstlich grüne Flur gefallen. Solch’ kräftigem Manneshaupte, meint man, müßten über kurz oder lang wieder dunkle Haare entsprießen, die Farbe sei nur auf einen Augenblick ausgeblieben. Aber dies gebeugte bleiche Haupt war das Bild versiechter Kraft, erloschenen Lebensfeuers; man konnte nichts Traurigeres sehen, als diesen Vater und diesen Sohn, von denen der Eine aussah, als sollte er eben in das Grab steigen, der Andere, als sei er demselben kaum entstiegen. Ein erlöschendes Licht und eines, das sich nicht recht entzünden kann, nebeneinander, geben eine trübselige Beleuchtung.

Tante Bella hatte sich mittlerweile auf einen der wurmstichigen eichenen Stühle gesetzt, welche vor mehr denn hundert Jahren in der Schloßcapelle der Salten gestanden und von dem Freihern, der sich die Zeit gern mit Holzsägerei vertrieb und dabei niemals, wo er nur konnte, sein Wappen anzubringen vergaß, ganz im Geiste ihrer Zeit gestickt worden waren. Sie versuchte den Brief, welcher ihren Bruder so verstimmt hatte, zu entziffern, aber es ging nicht, und sie mußte bitten, ihr denselben vorzulesen. Er lautete kurz und bündig:

 „Hochgeehrter Herr!“

„Nicht einmal ‚Ew. Hochwohlgeboren‘ schreiben diese Leute,“ bemerkte Bella.

„Ihre geehrte Frau Gemahlin hat diesen Morgen meine kleine Tochter in einer wenig freundlichen Weise nach Hause geschickt, und wir besorgen daher ernstlich, daß das wilde Kind sich irgend welche Ungehörigkeit habe zu Schulden kommen lassen. Meine Frau sowohl als ich bitten Sie dringend, uns dieselbe nicht zu verschweigen, damit wir in Stand gesetzt werden, sie zu rügen oder zu bestrafen, wie es sich gehört.

Mit aller Hochachtung zeichnet
 Hans Hösli-Pallender, Cantonsrath.“

Das war zu viel für die christliche Demuth der Tante Bella. Sie faltete die Hände: „Guter Gott, was muß man sich gefallen lassen in diesem republikanischen Lande! Das kommt davon, wenn man seine von Gott überlieferte Scholle verläßt und sich in ein neues Erdreich verpflanzt. Es ist schrecklich! Ich sah es gleich, diese Leute haben gar keine Ahnung, wer und was wir sind!“

Die Thür ging auf und Wika erschien auf der Schwelle: „Die Suppe ist angerichtet.“

„O liebe Schwester, wer kann jetzt essen!“ klagte Bella. „Lies diesen Brief und überzeuge Dich, wie Recht ich hatte, als ich Euch alle Arten von Unannehmlichkeiten im Verkehr mit Leuten, die so tief unter uns stehen, weissagte!“

Wika las, und ihre dicken Backen blähten sich auf vor Zorn, daß ihr kleines Näschen völlig dahinter verschwand. „Diese Seidenspinner, diese Seidenwürmer! Die haben’s nöthig, so unverschämt zu sein. Wenn man sich einmal erlaubt, ihren ungezogenen Balg, der trotz seiner zwei Gouvernanten keine Lebensart lernt, nach Hause zu schicken, da machen sie gleich ein Geschrei, als habe man eine Majestätsbeleidigung begangen!“

„Adelheid muß aber doch sehr scharf gegen die Kleine gewesen sein“ meinte der alte Herr kopfschüttelnd.

„Gegen wen soll ich scharf gewesen sein?“ fragte die Genannte eintretend.

„Gegen die kleine Hösli, der Vater beschwert sich deshalb.“

Frau Adelheid schüttelte ihr üppiges rothes Haar zurück, daß sich das blaue Band verschob, das hindurch gewunden war, und der Greis bewundernd auf sie niedersah wie auf eine schöne Jugenderinnerung. Sie zerknitterte das Billet, nachdem sie es gelesen, und lächelte. „Wie könnt Ihr Euch so aufregen um eine solche Bagatelle. Wer sind – was sind diese Leute, daß sie uns beleidigen können?“

„Beleidigen kann uns Jeder, der uns an Zurechnungsfähigkeit gleich steht,“ sprach der alte Herr verweisend. „Ich finde überdies nicht, daß sie uns beleidigen wollen, sondern daß sie von uns beleidigt sind. Was hast Du mit der Kleinen gehabt, Adelheid?“

„Nicht das Geringste. Ich habe ihr verwehrt, mit in das Haus zu kommen, weil ich Alfred ausruhen lassen wollte.“

„So wirst Du wohl so freundlich sein und nach Tisch hinübergehen, um Dich zu entschuldigen,“ sagte der Freiherr.

Nun erhob sich ein Sturm von Unwillen unter den Tanten, daß man dem Seidenraupengezücht auch noch nachlaufen solle. Aber der alte Mann erwiderte ruhig und bestimmt: „Ich werde nie dulden, daß Jemand, der meinen Namen trägt, sich irgend welcher Unhöflichkeit zeihen lasse. Sind wir vornehmer als Andere, so sollen wir auch Niemandem an Noblesse der Gesinnung nachstehen, und es ist ignoble, sich seines Ranges Anderen gegenüber zu überheben.“

„Ich wäre jedenfalls dafür, daß man bei dieser Gelegenheit den Umgang mit diesen Leuten gänzlich abbräche,“ lispelte Tante Bella mit ihrer frommen Stimme. „Was hat Alfred von solchem Verkehre? Er kann dabei nur verbauern; denn wie groß auch der Luxus ist, mit dem sie sich überfirnissen – die innere Rohheit bricht doch immer heraus.“

Alfred hatte bis jetzt bescheiden und still wie immer an dem Tische mit dem Schnitzgeräthe gestanden, Niemand hatte ihn beachtet. Jetzt plötzlich trat er vor Bella hin. Seine Brust arbeitete heftig, er zitterte am ganzen Leibe. „Tante, ich bitte Dich – Aennchen ist nicht plump und roh und ihre Eltern sind es auch nicht. – Ich – ich dulde das nicht! Wenn Du so von Hösli’s sprichst, kommst Du mir so böse vor, daß ich meine, ich könnte Dich nicht mehr leiden!“

„Alfred!“ sagte der Freiherr verwarnend. Dieser eine strenge Blick des Vaters brachte den Knaben zur Besinnung.

Er warf sich ihm an die Brust: „Vater, verzeih’ mir! Ach, ich kann es nicht begreifen und werde es nie begreifen, daß ein guter Mensch weniger werth sein soll als der andere, daß wir nicht Alle, die gleich liebenswerth sind, mit der gleichen Liebe umfassen sollen! Sieh, Vater, das dünkt mich so hart, daß ich es nicht ertragen kann. – Ich möchte alle Menschen, gegen die Ihr so hart seid, für Euch um Verzeihung bitten; mir ist, als müsse ich die Liebe an ihnen hereinbringen, die Ihr ihnen verweigert.“

Er barg das Haupt an seines Vaters Brust und schluchzte leise. Der alte Herr legte stolz die Hand auf seinen Kopf, – ein schöner Strahl der Freude brach aus seinen müden Augen: [52] „Das ist die echte Natur des Edelmanns, die sich des scheinbar oder wirklich Unterdrückten annimmt! Ich kann jetzt noch kein Verständniß von Dir fordern für die ewige unerbittliche Nothwendigkeit der Standesunterschiede, mein Sohn. Aber Du bist edel, auch wo Du unverständig bist, das ist mir die Hauptsache.“ Er trocknete Alfred die Augen und die schweißbedeckte Stirn und dieser küßte seinem Vater leidenschaftlich die Hand. Man ging in unbehaglicher Stimmung zu Tische.

Tante Wika ließ ihren Zorn während des Essens an dem Candidaten aus. Da sie aber merkte, daß ihre kleinen Pfeile an seiner ehernen Brust abprallten, machte sie sich über ihren weniger gerüsteten Bruder her. Der alte Herr konnte ihr nicht entschlüpfen, denn er war der zwingenden Gewohnheit unterworfen, nach dem Essen eine Partie Piquet zu spielen. So alt er war, hatte er doch bis jetzt männlich der Schwäche widerstanden, nach Tische zu schlafen. Seit dem Tode seiner ersten Frau, also seit ungefähr zwanzig Jahren, spielte er mit Tante Wika jeden Nachmittag Piquet. Sie war die einzige von ihren Schwestern, die sich um diese Stunde aus Angst vor einem „Schlagfluß“ wach erhielt, während Lilly schnarchte und Bella, das Strickzeug in der Hand kerzengerade auf einem steifen Sessel sitzend, nickte und außer sich gerieth, wenn man ihr nachsagte, sie habe geschlafen.

Diese stille Stunde, die Adelheid meist mit dem Lehrer und Alfred im Garten verträumte, benützte Wika, um ihren Bruder zu tyrannisiren. Sie wußte wohl, welch unzerreißbares Band solch ein gewohntes gemeinsames Spielchen ist, und sie profitirte davon. Beim Piquet wurde der Bruder gezaust, beim Piquet wurde auf seine Umgebung geschimpft, gegen die er stets zu nachsichtig war, beim Piquet mußte er alle kleinen Schulden der Schwestern bezahlen. Dieser regelmäßige allnachmittägliche Aerger war dem alten Herrn so zur andern Natur geworden, daß er ihn vermißt hätte, wäre er ihm einmal ausgeblieben.

Adelheid kleidete sich und Alfred zu dem Nachbarsbesuche an. Wika rüstete den Spieltisch und ein eigenthümliches Wackeln ihres zweiten Unterkinns d. h. ihres Kröpfchens zeigte schon an, daß sie, wie sie zu sagen pflegte, „geladen“ sei.

„Du verdirbst den Jungen in Grund und Boden, liebster Kunibert,“ fing sie an und gab Karten aus, wobei sie ihm wohlbedacht die besten in die Hand spielte, sie wickelte ihre bitteren Pillen in gute Karten ein und er bekam der letzteren heute ungewöhnlich viele, denn sie hatte ihm auch ungewöhnlich viele von den ersteren zugedacht. „Du kannst es glauben, das führt zu nichts. Der Bursche meint jetzt schon, es müsse alles nach seinem Kopfe gehen. Er weiß, daß eine Thräne von ihm das ganze Haus unter Wasser setzt; kein Wunder, daß er sich zuletzt einfach auf’s Heulen legt, wenn er was will.“

„Es ist das erstemal seit langer Zeit, daß ich Alfred weinen sah,“ erwiderte Salten „Alfred ist eine zu noble Natur, um die Schonung, die uns sein körperliches Leiden abzwingt, irgend wie zu seinem Vortheil auszubeuten. Eines so gemeinen Raffinements weiß ich Gottlob mein Blut unfähig.“

Dein Blut, ja“ – brummte Wika und klappte die abgehobenen Karten zusammen – „aber auch das Deiner Frau Gemahlin? Ist Alfred nicht eben so gut der Sohn seiner Mutter, wie der Deine?“

Der alte Herr spielte ein Blatt aus, so heftig, daß er die Knöchel seiner Hand dabei auf den Tisch schlug: „Laß meine Frau aus dem Spiel!“

„Ja, so sagst Du immer, wenn Du was nicht gerne hörst,“ beharrte Wika. „Und doch kann es nicht so fortgehen. Kannst, darfst Du Deinen Sohn, den Letzten unseres Hauses, bis in sein vierzehntes Jahr hinein so ohne alle Kenntniß unserer Rechte und Pflichten aufwachsen lassen?“

„Mein Gott,“ rief der Freiherr ungeduldig, „dazu ist es ja immer noch Zeit, wenn Alfred größer und kräftiger ist. Soll ich jetzt, wo wir noch alle Hände über das zarte Kind halten müssen, Auftritte herbeiführen, die möglicherweise Krankheit und Tod unseres Einzigen zur Folge haben könnten?“

„Schlimm genug, daß es jetzt schon der Auftritte bedarf, um den Jungen zu unserer Meinung zu bekehren! Das eben ist es, wovon ich rede, da liegt der Hase! Wodurch kommt der dreizehnjährige Bursche zu so bestimmten Ansichten? Durch Niemand anderen als den sauberen Herrn Candidaten. Aber Du bist rein blind, – Du siehst und merkst es nicht, wie Dir diese schwarzäugige Schlange den Sohn verführt und abwendig macht.“

Der Greis lächelte: „Sieh, Wika, Du bist sehr gescheidt und kannst viel! Aber mich irre machen an meines Kindes Herzen, das ich täglich, stündlich mit all seiner Inbrunst an dem meinen schlagen fühle – das kannst Du noch nicht! Gott sei Dank, meines Kindes bin ich sicher, und solange ich das weiß und fühle, solange mögt Ihr mir gegen seinen Erzieher sagen, was Ihr wollt, es wird Euch nichts nützen. Er ist ein wenig überspannt, aber er lehrt Alfred vor allem seine Eltern ehren und lieben, und das ist doch die Hauptsache.“

„Ei,“ höhnte Wika, „es ist wirklich anerkennungswerth, daß er den Jungen nicht gleich anhält, seine Eltern von Haus und Hof zu jagen, wie Schiller’s Lear.“

„Liebe Schwester, Lear ist von Shakespeare, – Du entschuldigst –“

„Schiller oder Shakespeare, diese Demokraten sind mir alle gleich!“ sagte Wika, gereizt über die Blöße, die sie sich gegeben.

„Aber, Wika – weder Schiller noch Shakespeare waren Demokraten, der letztere war ja von der Königin Elisabeth begünstigt und Schiller wurde sogar geadelt, sein Sarg steht mit dem Goethe’s in der großherzoglichen Gruft in Weimar!“

„Was kümmert mich das! er war doch ein Demokrat und es war eine erbärmliche Schwäche von Karl August, einen Menschen, der die Räuber geschrieben hat, in den Adelstand zu erheben. Diese Herren erliegen doch alle der Eitelkeit, sich populär zu machen. Mit hergelaufenen Poeten Verse machen, mit windigen Musikanten musiciren und den lieben Plebs dazu Beifall klatschen lassen, das sind so die neumodischen Beschäftigungen unserer Landesväter! Wer soll noch den Unterschied der Geburt aufrecht erhalten? Wir! wir allein haben es in der Hand, dem Chaos zu wehren, wir müßten eine undurchdringliche Phalanx bilden. Wir müßten uns der Hofämter und besonders des persönlichen Dienstes bei den höchsten Herrschaften bemächtigen, damit solche Kerle, solche Künstler und Freigeister gar nicht mehr herankommen könnten.“

„Das könnten wir, meine liebe Wika, wenn es uns gelänge, alle Gebiete des Wissens und Denkens allein zu beherrschen; doch dies kann nie geschehen, denn diese Gebiete sind vogelfrei. Die Zeiten, wo der Adel das Monopol der Bildung hatte, sind um; Schulen und Universitäten machen dieselbe zum Gemeingut. Es ist hart, auf altgeheiligte Vorrechte verzichten zu müssen; aber wir müssen nun einmal, so thun wir es wenigstens mit Würde und ohne Neid. Was wir haben, können wir verlieren, aber doch niemals, was wir sind!“

„Nein,“ schrie Wika, „wir müssen nicht; wer sagt denn, daß wir müssen? Ein solches Treiben heißt ja der Revolution Thür und Thor öffnen, die Anarchie bei sich zu Tische bitten,“ fuhr sie immer hitziger und kurzathmiger fort. „Jetzt ist der Augenblick da, wo der Adel den bergabrollenden Wagen aufhalten oder sich von ihm trennen muß. Wachsam und eifersüchtig haben wir unsere Stellung zu hüten und unsere Aufgabe zu wahren. Dem vergossenen Heldenblut unserer Ahnen sind wir es schuldig, daß wir nicht kampflos und flau eine Stellung hingeben, die sie uns mit den schwersten Opfern erkauft. Und wenn Du nicht ein alter stumpfer Mann wärst, so müßte Deinem Sohne das Alles schon längst in Fleisch und Blut gedrungen sein, er müßte toben wie ein junger Löwe gegen das Gezücht, das sich zu uns empordrängt, statt zu heulen, daß wir es nicht mit offenen Armen aufnehmen!“

„Der Knabe ist krank, Wika; seine vielen Leiden haben in ihm den männlichen Trotz gebrochen und sein Herz weich gemacht. Da ist nichts zu erzwingen.“

„Ja wohl, und wenn Du diese Herzerweichung so fortmachen lässest, so trinkt er Dir in zehn Jahren Bruderschaft mit Deinen Stallknechten und heirathet aus lauter Humanität ein Fabrikmädchen.“

„Mein Gott, was soll ich denn thun?“ rief der Freiherr, dem bei dieser Rede Wika’s der Angstschweiß ausbrach.

„Den Candidaten sollst Du fortjagen – was hilft alles Curiren, wenn Du die Ursache der Krankheit nicht entfernst!“

„Ich sage Dir aber, ich werde nicht auf ein bloßes Vorurtheil hin meinem Kinde das Herz brechen. Und das würde ich thun, wenn ich ihm den Lehrer nähme, der ihn seit fünf Jahren mit einer Liebe und Aufopferung pflegt, die einzig in ihrer Art ist und die ich dem Manne mit nichts genügend lohnen kann! Sieh, Schwester, ich habe Euch lieb und ich ertrage Eure Sonderbarkeiten und Launen, weil ich eben Euer Bruder bin. Einen Erzieher aber, dem es gelänge, Euch zu gefallen, würde ich sofort zum [54] Teufel jagen; solch einem Speichellecker würde ich nie die Erziehung des letzten Salten-Hermersdorff anvertrauen.“

Wika keuchte und pustete vor Zorn; sie hatte alle ihre guten Karten hingegeben, und nun mußte sie auch noch Grobheiten einstecken, statt auszutheilen; nun war sie doppelt abgetrumpft!

Wenn sie sich jetzt nicht Luft machte, so traf sie der Schlag, der Aerger mußte ihr eine Ader sprengen. Und sie hatte auch noch ihr Sonntagskleid an, dessen Taille enger war als alle anderen, während sie doch Sonntags noch ein Gericht mehr als in der Woche essen mußte.

„Ja, das kommt dabei heraus, wenn so alte Männer noch heirathen,“ zischte sie. „Dann kommen solche elende Krüppel auf die Welt, die der altersschwache Herr Papa nicht einmal erziehen kann und die dem Stande nur zur Unehre gereichen.“

„Mein Sohn wird uns keine Schande machen,“ sprach der Freiherr stolz und ein Anflug von Lebenswärme färbte sein welkes Gesicht, „er wird dem Stande nicht zur Unehre gereichen, wenn er auch nicht angethan ist, eine Regeneration des Adels in Deinem Sinne zu vollbringen. Du, Schwester, Du solltest mir meine späte Heirath am wenigsten vorwerfen, denn Du vor Allen hast mich dazu getrieben. Ich führte ein stilles friedliches Wittwerleben, als Ihr mit Bitten und Vorwürfen in mich drangt, mich wieder zu vermählen, damit die Güter nicht an die Salten-Steinegg fielen, die nichts für Euch gethan hätten, wenn Ihr mich überlebtet, und weiß Gott, der Herz und Nieren prüft, ich habe das Glück, in meinen alten Tagen noch ein schönes junges Weib und einen Sohn zu bekommen, theuer erkauft.“ Er hielt inne und preßte die Lippen zusammen, als wolle er die Bitterkeit, die darauf schwebte, noch im Entfliehen festhalten. Wika streifte ihn mit einem seltsamen Blick; sie hatte eine Bresche entdeckt, von deren Vorhandensein sie hisher keine Ahnung gehabt.

„Ich sage ja nicht, daß Du nicht mehr hättest heirathen sollen. Aber es war ein Unglück, daß Du bei der Wahl, die Du trafst, nicht auf uns hörtest; da hat Dir eben doch Dein altes Herz einen Streich gespielt. Du hättest ein bejahrteres reifes Mädchen mit Vermögen nehmen sollen, nicht diese goldlockige Schäferin von sechszehn Jahren, die noch Wunder meint, wie sie sich aufgeopfert.“

„Du kannst gut reden, wie ich es besser machen gesollt! Hatte ich noch viele Zeit mit der Wahl zu verlieren? Mußte ich nicht Gott danken, als er mir ein Wesen zuführte, so liebreizend und strahlend, daß ich hoffte, es werde meinen lichtlosen Abendhimmel noch einmal verklären?“

„Und wußtest doch, daß sie den alternden Mann nur nahm, um versorgt zu sein und ihres Vaters Schulden zu bezahlen. Wie kann man so verblendet sein, von solch einer Zwangsheirath Gutes zu hoffen!“

„Ich hatte kein schäferliches Glück erwartet oder verlangt. Ich hatte nur auf ruhige Freundlichkeit und Achtung seitens dieses sanften Wesens gerechnet. Hätte ich ahnen können, daß sie meinem väterlichen Wohlwollen, meiner bescheidenen Zärtlichkeit solchen Abscheu entgegensetzen würde!“ Er schwieg wiederum und sein Haupt sank tief herab, mechanisch schob er die Karten in der Hand zurecht und die alte Brust hob ein schwerer Seufzer.

Als die Schwester ihn so sitzen sah, den hoffnungs- und zukunftslosen Greis, da erweichte sich ihr Herz für ihn und ihre ganze Wuth warf sich auf die Schwägerin und deren Schützling, den Candidaten.

„Sie ist ein falsches Weib, diese schöne rothhaarige Adelheid, sie wird Dich noch zum Gespött machen.“

Der Freiherr hob den Kopf auf, er hielt den Athem in der Brust und die Karte in der Hand zurück, die er eben ausgeben wollte.

„Hast Du denn gar nichts gemerkt?“ fuhr Wika fort. „Hast Du denn nicht beobachtet, mit welchen Blicken der Candidat unter seinen buschigen Augenbrauen heraus Adelheid anschaut, und wie Adelheid sie sich nicht nur gefallen läßt – sondern erwidert? Kannst Du denn wirklich einen Augenblick im Zweifel sein, daß sich zwischen den zwei jungen leidenschaftlichen Menschen ein Scandal entwickelt, wenn wir sie so fort – –“

Wika blieb vor Schreck das Wort im Halse stecken, als sie ihren Bruder ansah. Er war aufgesprungen und hatte die Karten auf den Tisch geworfen, hoch aufgerichtet stand die zerfallene Gestalt vor ihr und aus den erloschenen Augen sprühte noch einmal der ritterliche Geist des Edelmanns auf sie nieder. „Wika!“ rief er und stemmte die eine seiner zitternden Hände auf den Tisch, die andere auf die Brust. „Wika, ich gebe Dir zu bedenken, daß Du hier Menschenleben auf Deiner Zungenspitze wiegst, denn wenn das wahr wäre, was Du glaubst, so könnte nur Blut den Schandfleck abwaschen. Deshalb hüte Deine Worte. Hast Du Beweise, so bringe sie mir, und ich werde die Ehre meines Hauses zu wahren wissen – aber noch ein Wort eines bloßen Verdachtes gegen mein Weib, das mir, wie es mich auch gequält, theuer ist, gegen den Mann, dem ich vor Allen die Wohlfahrt meines Kindes verdanke – noch ein Wort, Wika, und so wahr ich ein Salten bin, Du verlässest mein Haus für immer!“

Ohne eine Entgegnung abzuwarten, ging der alte Herr schwachen Schrittes aus dem Zimmer. Ein Augenblick völliger Rathlosigkeit kam über Wika, sie schaute auf die zerstreut hingeworfenen Karten nieder. Die dummen Königs- und Damengesichter stierten sie so schadenfroh an, wie sie dastand in ihrer Verlegenheit. Es war ihr so unerhört, daß sie einmal nicht das letzte Wort gehabt hatte, daß sie geradezu nicht wußte, was sie mit sich anfangen sollte, und sie brummte Alles halblaut vor sich hin, was sie dem Bruder noch hätte erwidern können, wenn er sie weiter angehört. Das war doch eine kleine Erleichterung. Sie sparte nicht mit Artigkeiten wie „Altersschwäche“, „Irrenhaus“, „verliebter alter Narr“ und dergleichen mehr, während sie die Karten zusammenraffte, und als Tante Lilly noch gar hereinguckte und verwundert fragte, zu wem sie spräche, fuhr sie mit einem donnerartigen „Laß mich in Ruhe!“ an dem zitternden Nestheckchen vorüber und watschelte nach ihres Bruders Zimmer. Sie wollte öffnen, die Thür war verschlossen; sie rief, keine Antwort, und doch hörte sie ihn drinnen mit schweren Schritten auf und nieder gehen.

„Es hat doch gewirkt,“ sagte sie beruhigt zu sich selbst.

[65]
4. Bei Hösli’s.

Es war heiß geworden im Laufe des Mittags. Man konnte ohne Bedenken Alfred zu dem Besuche bei den Nachbarn mitnehmen.

Adelheid war elegant gekleidet in einen blaßblauen Sommerstoff mit Sternchen, von glänzendem Stroh gestickt. Ein Hütchen derselben Farbe, inwendig mit einem Diadem von Strohsternchen geschmückt, bedeckte das weithin leuchtende Haar, dessen rother Schimmer die gelben Strohverzierungen matt und weißlich erscheinen ließ. Sie sah aus wie Aurora, die sich aus einer blauen Wolke erhebt und die Sterne ihres Glanzes beraubt. Sie freute sich des neuen Anzuges, sie freute sich ihrer Schönheit, diese Republikaner sollten sie anstaunen in ihrer vornehmen Pracht. Alfred sah sie bewunderungsvoll an, als er so neben ihr herhinkte, und alle Leute, die in die „Enge“ herauswanderten, um den herrlichen Sonntag bei Kaffee und Küchli am Strande zu feiern, blieben stehen und schauten der strahlenden Erscheinung nach, bis sie in das zunächst gelegene große eiserne Portal der Hösli’schen Besitzung verschwand.

Sie schritt durch eine weite grüne Anlage im englischen Styl zu dem Hause, wo ein Diener in schwarzem Frack und weißer Halsbinde bereit stand. Das Gesicht des Dieners contrastirte eigenthümlich zu der hellen Cravatte und Weste, denn es war schwarzbraun. Der Bediente war ein Neger. Adelheid fragte auf Englisch, ob Frau Hösli zu sprechen, und gab ihm ihre Karte. Er führte sie stumm durch das Vestibül nach der Seeseite des Hauses, in einen Empfangssalon, dessen Glasthür die Aussicht auf Garten und See freigab, und Adelheid konnte Frau Hösli beobachten, wie sie sich halb sitzend, halb liegend in einer zwischen schattigen Eichen angebrachten Hängematte wiegte und eine Cigarette rauchte. Herr Hösli saß auf einem niedrigen eisernen Gartenstuhl und blätterte in einer der großen Zeitungen, wie sie nur in auswärtigen Staaten gedruckt werden. Zwischen ihm und seiner Frau stand ein chinesisches Kaffeeservice.

Jetzt überbrachte der Neger die Karte und Frau Hösli las die inhaltsschweren Worte: „La baronne de Salten-Hermersdorff, née Comtesse de Eulenhorst.“ Herr Hösli verschwand mit seiner Zeitung. Frau Hösli erhob sich mit der gleichgültigsten Miene aus der Hängematte und ging auf das Haus zu. Adelheid hatte während ihres langsamen Einherschreitens volle Zeit, die eigenthümliche stumpfe Pracht des Salons, in dem sie sich befand, erneuter Prüfung zu unterwerfen. Es war ein halbrundes Zimmer mit Tapeten von dunkelbrauner Seide, durchwoben von kleinen goldenen Muscheln. Die tief niederhangenden Gardinen, sowie die runden Wanddivans waren von demselben Stoff. Wäre diese kostbare Tapete weiß oder roth oder blau, meinte Adelheid, welch einen fürstlichen Eindruck müßte die Einrichtung machen, während sie in dieser unscheinbaren Farbe eigentlich nach nichts aussah. Thüren und Lamperien waren braun polirt und mit Goldleisten besetzt, der Boden und Plafond bestanden aus der schönsten Mosaik von dunklem Holz. In der Mitte und in den Ecken des Plafonds war kostbares Schnitzwerk mit Arabesken von Gold angebracht. Ein Kronleuchter von matter Bronze mit Mohrenköpfen hing von der Decke nieder, und rechts und links von einem prachtvollen schwarzen Marmorkamin hielten zwei Mohren von Onyx und Alabaster vergoldete Kandelaber. Ueber dem Kamin war ein mächtiger Spiegel in die Wand eingelassen, der den See und die Berge gleichsam in das Zimmer hinein verlegte, da die breite Glasthür mit der Aussicht auf dieselben ihm gerade gegenüber lag. An dieser Mittelwand des Zimmers um den Spiegel herum hingen in Medaillonsrahmen von geschnitztem Holz und Bronze meisterhaft gemalte Oelbilder, sämmtlich Portraits berühmter Staatsmänner Amerika’s. Auch schweizerische Denker und Dichter fehlten nicht, und Alfred betrachtete mit Innigkeit, so oft er das Zimmer betrat, die Bilder Pestalozzi’s, dieses großen modernen Evangelisten der Liebe – Geßner’s, der mit der Feder zu malen und mit dem Pinsel zu dichten verstand, und Lavater’s, vor dessen Seherblick sich die geheime Harmonie zwischen Erscheinung und Wesen des Menschen offenbart hatte!

Viel, unendlich viel dachte der Knabe beim Anschauen dieser stummen Zeugen der Größe eines bescheidenen und in seiner Einfachheit so oft verkannten Volkes, während seine Mutter sich den Kopf zerbrach, was für ein Wappen sich die Hösli’s anmaßten. Ueber der Glasthür war nämlich ein kostbar gemaltes Fenster. Es zeigte in brennenden Farben ein Allianz-Wappen, Adelheid wußte nicht, daß es die vereinten Wappen Zürich’s und Brasiliens waren. Frau Hösli, die Tochter eines Kaufmanns aus Rio de Janeiro, hatte, obgleich sie sich ihrem Manne zu Liebe völlig in die schweizerische Art eingelebt, doch eine stolze und zähe Anhänglichkeit für ihr Vaterland bewahrt. Das Allianz-Wappen war eine Aufmerksamkeit ihres Gatten für sie gewesen.

Außer zwei eingelegten Tischchen von Ebenholz vor den Divans, hatte das Zimmer keinen Schmuck weiter, als eine große antike Vase [66] von schwarzem Marmor auf einem entsprechenden Piedestal, die den Mittelpunkt der Einrichtung bildete und einen Riesenstrauß der schönsten Blumen barg. Alfred näherte sich der Vase und sog neugierig den Duft der herrlichen Rosen ein.

„Stecke die Nase nicht so tief in das Bouquet,“ wehrte Adelheid und war im Begriff, ihm eine Vorlesung über die Schädlichkeit des Blumengeruchs zu halten, wurde jedoch durch den Eintritt der Frau Hösli unterbrochen.

Die Damen begrüßten sich gegenseitig, Frau Hösli durch ein leichtes Kopfnicken, Frau von Salten durch eine nach hinten gezogene Hofreverenz.

Frau Hösli sah keineswegs aus, wie man sich eine Millionärin denkt, was sie doch erwiesenermaßen war. Sie trug ein einfaches Kleid von roher Seide mit Fransen von gleicher Farbe. Es hing in weiten Falten an ihr nieder. Der Begriff Taille schien nicht für sie zu existiren, denn die lockere Jacke war nur um die Hüften mit einem Gürtel gehalten. Alles an ihr war bequem und verrieth einen gänzlichen Mangel an Eitelkeit und Großthuerei. Schmuck trug sie keinen. Ein schmaler weißer Kragen war mit einer geschnitzten Elfenbeinnadel zugesteckt und die Manschetten durch dazu passende Elfenbeinknöpfe geschlossen. Ihre Haare waren schlicht gescheitelt und hinten in einen Knoten gewunden. Ihre Gestalt von mittlerer Größe war etwas beleibt, doch nicht ohne eine gewisse nachlässige Grazie. Die Bewegungen ihres schlanken Kopfes und ihrer tadellosen schönen Hände zeigten Energie und eine jugendliche Elasticität, die es glaublich machte, daß die untersetzte Frau als eine gewandte Reiterin bekannt war und schwimmen konnte wie eine Amphibie. Es ging auch eine erquickliche Kühle von ihrem ganzen Wesen aus, als käme sie soeben aus frischem Wasser. Ihre Hautfarbe war rein und durchsichtig, ihre Augen hell und bläulichgrün, aber sie hatten keinen falschen Blick, wie gewöhnlich Augen von dieser Farbe, sie waren groß, ruhig, klar wie stille Seen, in deren Spiegel grüne Ufer und blauer Himmel ineinanderfließen. Es war etwas in ihr, was beständig an das reine, reinigende Element des Wassers gemahnte, als wäre nie ein Stäubchen dieser Erde an ihr haften geblieben, das nicht durch Fluthen von ihr abgespült worden. Dabei hatte sie aber nichts Schwankendes, Verschwimmendes mit dem Element gemein, das ihr so heimisch war; wie biegsam auch ihre weichen Glieder sein mochten, in sich selbst war sie haltvoll, fest, unverrückbar. Das lehrte ein einziger Blick auf sie und das fühlte Adelheid mit einer Art von Neid als etwas, das der geringeren Frau ein Uebergewicht über sie gab und sie demüthigte. An dieser Frau war alles so flecken- und makellos, Leib und Seele! Sie war so kalt, so unberührt von Allem, was an Adelheid’s Leben und Jugendblüthe zerrte und fraß – sie war reich, gesund und vorwurfsfrei, das war alles unverkennbar, die Glückliche! Und Adelheid, was war sie? Sie richtete sich mit Anstrengung in sich selbst auf: sie war vornehm!

„Wollen Sie Platz nehmen?“ Frau Hösli deutete auf einen der Divans. „Wie geht es Ihnen, Alfred?“ fragte sie den Knaben, der schüchtern ihre dargebotene Hand ergriff. „Setzen Sie sich zu uns.“

„Ist Aennchen nicht zu Hause?“ flüsterte Alfred verlegen.

„O ja, aber –“ Frau Hösli blickte auf Adelheid, „sie taugt wohl nicht zu Ihrer Spielgefährtin, lieber Alfred.“

„Gnädige Frau!“ sagte Adelheid mit Ueberwindung, sie konnte sie doch unmöglich Frau Hösli nennen! „Ich bin gekommen, um ein bedauerliches Mißverständniß aufzuklären von dem ich kaum weiß, wie es entstanden!“ Sie erklärte nun in sehr beredten Worten, daß Alfred’s Aussehen an diesem Morgen sie erschreckt und wie sie in diesem Schrecken Aennchen gebeten habe, ein andermal zu kommen, daß sie aber untröstlich wäre, wenn Alfred diesen charmanten Umgang einbüßen sollte. Sie schloß endlich mit der Bitte, Frau Hösli möge Alfred gestatten, seine liebe kleine Freundin aufzusuchen.

Frau Hösli hatte diese Entschuldigung mit großer Ruhe aufgenommen. „Es ist mir lieb,“ sagte sie einfach, „daß nicht irgend eine Unart Aennchens die Ursache war, um derentwillen Sie das Kind heimschickten. Und ich bitte, machen Sie es nur wieder so, wenn Aennchen Ihnen lästig wird. Ich gestehe gern, daß, wer immer das Glück hatte, so gesunde Kinder zu besitzen wie ich, sich kaum denken kann, welcher Schonung oft ein kränkliches Kind bedarf! Ich finde zwar, je mehr ein Kind seine Kräfte gebraucht, desto stärker wird es – doch das mag bei Alfred etwas Anders sein, und Sie werden das besser beurtheilen können als ich.“

„O glauben Sie mir,“ betheuerte Adelheid, „die Erhaltung dieses Kindes erfordert ein Studium, dem ich mein ganzes Leben widme.“

„Sie befehlen also, daß ich Aenny rufe?“ brach Frau Hösli ab, denn sie fand es entsetzlich, daß in Gegenwart Alfred’s so der Gefahr erwähnt wurde, in der sein Leben schwebte. Sie drückte dreimal am Knopf einer elektrischen Klingel. Der Neger erschien unter der braunen Portiere der Eingangsthür. „Frank,“ sprach sie auf Englisch „Mademoiselle Düchène soll Aenny bringen.“

Frank entfernte sich stumm. Er suchte Aenny im Garten auf, wo sie mit einer französischen und einer deutschen Erzieherin Reif spielte. Er richtete seinen Auftrag gewissenhaft aus, aber Aenny wollte nicht von Fräulein Düchène gebracht sein, sondern auf Frank’s Schultern reiten. Alles Reden half nichts, Frank, der liebe, der herzige Frank, mußte sie tragen. Sie war an ihm in die Höhe geklettert und arbeitete mit Händen und Füßen, um Frank in Bewegung zu setzen, bis er endlich in einen wilden Galopp verfiel. Denn es gab für den Schwarzen keinen andern Wlllen, als den Aenny’s. „Our child would so“, war seine Entschuldigung für jegliche Tollheit, die Aenny mit seiner Hülfe anstellte. Frank ließ das Leben für seine Herrschaft, aber „unserem Kinde“ einen Wunsch abzuschlagen, das ging über seine Kräfte, das durfte man nicht von ihm verlangen. So trabte er denn mit seinen einwärts gekehrten flachen Füßen durch den Garten, Aenny jauchzte und schrie und hielt sich in Frank’s krausen Locken fest, denn das ungestüme Pferd stieß fürchterlich. Die Gouvernanten eilten in Verzweiflung hinterdrein, und so kam der abenteuerliche Zug zum größten Entsetzen der Frau von Salten vor der Glasthür in Sicht. Der Schwarze hielt an, als er sah, daß er vom Zimmer aus bemerkt wurde, und lud die sich sträubende Aenny ab, seine Miene wurde plötzlich amtsmäßig ernst und seine Haltung so stramm, als hätte er einen Ladestock im Rücken. Dann schritt er mit dem seiner Race eigenen löwenartigen Anstand voraus und öffnete Aenny die Thür, um sie eintreten zu lassen.

„Guten Tag,“ sagte Aenny mit einem etwas schnippischen Knix zu Adelheid und ließ sich nur mit Widerstreben von ihr herbeiziehen. „Wozu küssen Sie mich, Sie können mich ja doch nicht leiden,“ sagte das schreckliche Kind und wischte sich den herablassenden Kuß, der ihm aufgezwungen, ungenirt wieder ab.

„Aenny!“ sagte Frau Hösli streng, „wenn Du so ungezogen bist, dann ist es nur in der Ordnung, daß Frau von Salten Dich nicht leiden kann.“

Da trat Alfred schüchtern wie immer auf Frau Hösli zu und sagte: „Bitte, verzeihen Sie Aennchen, es hat ja ganz Recht, wenn es aufrichtig ist. Sie werden es doch nicht strafen wollen, weil es nicht unwahr sein will?“

Auf diese einfachen Worte des Knaben ließ sich für den Augenblick freilich nichts erwidern, und Aennchen schnitt jede Erörterung einfach ab, indem sie ihre Aermchen um Alfred schlang und rief: „Du guter Alfred, Du braver Bub’, das ist schön von Dir, daß Du zu mir hältst. Du bist gar nicht so dumm, ich sagt’s ja immer. Nun komm nur, ich muß Dir was zeigen, meine Brüder bauen eine Festung hinten am Schänzli und heute Abend stürmen wir sie und werfen Raketen hinein und zuletzt wird sie mit Pulver in die Luft gesprengt, o das wird ein Tag!“

„Aber das ist ja lebensgefährlich!“ meinte Alfred erschrocken.

„Aha, läßt’s Dich schon wieder mit der Courage im Stich?“ lachte Aennchen, „na sei nur ruhig, es geht ja noch nicht los.“

„Aenny, schweig’ jetzt und führe Deinen Freund in den Garten,“ befahl Frau Hösli, und zu den Gouvernanten sprach sie mit unverkennbarer Betonung: „Ich hoffe, die Damen werden Aenny’s Betragen gegen den jungen Herrn streng überwachen.“

„Wir werden thun, was wir können!“ betheuerten diese und machten einen Versuch, Aennchen vorläufig bei der Hand zu nehmen.

Diese aber entwischte ihnen und war kaum draußen, als sie auch schon wieder umkehrte und auf Englisch hereinschrie: „Aber Mama, nicht wahr, Frank darf mitspielen, es ist ja heute Sonntag?“

„Wenn Frau von Salten nichts dagegen hat?“ sagte Frau Hösli.

„O durchaus nichts,“ betheuerte Adelheid, der Alles, was sie gesehen und gehört, den Angstschweiß auf die weiß getünchte Stirn trieb. Sie hatte ein Gefühl, als müsse sie ihr Kleid zusammennehmen, [67] es könnte ihr hier vom Leibe getreten oder zerrissen werden, und doch war sie nun mit Frau Hösli allein, der sie eine gewisse Haltung nicht absprechen konnte.

Aenny lief jubelnd in den Garten zurück, rief auf Englisch Frank herbei, wehrte sich auf Französisch gegen Fräulein Düchène, die es unternehmen wollte, ihr im Fluge den Kragen anzustecken, der ewig krumm saß, und stritt auf Deutsch mit Fräulein Körner, die nie das Spiel vorzuschlagen wußte, welches Aenny’s augenblicklicher Stimmung angemessen war. So trieb sich die Kleine gleichsam zwischen den Sprachen und Menschen zweier Welttheile herum, ohne eine Ahnung zu haben, welch’ eine Ueberlegenheit anderen Kindern gegenüber ihr das gab. Es verstand sich so von selber bei ihr. Sie dachte nicht, wie viel weiter ihr geistiger Horizont war, als der anderer Kinder, aber sie fühlte sich frei und beschwingt unter demselben, und ihre unbändige Lebenskraft fand eine mächtige Entwickelung in der ihr selbst unbewußten kosmopolitischen Anschauung, zu welcher sie erzogen wurde.

„Es wundert mich, daß Sie den Muth haben, Ihr Töchterchen so viel diesem Halbwilden zu überlassen,“ meinte Frau von Salten und sah mit Schrecken, wie der herbeigekommene Neger draußen ihren Sohn auf den Arm nahm. Aenny hatte beliebt, auf der Terrasse vor dem Hause das Reifenspiel fortzusetzen, und da der arme schwerfällige Knabe sich nicht so rasch hin und her bewegen konnte, als das Spiel erforderte, so hob Frank ihn auf seine Schulter und sprang so mit ihm den Reifen nach, daß Alfred sie bequem stechen und wieder werfen konnte. Das war ein unerhörtes Vergnügen für den Knaben. Er vergaß das Beschämende, was für ihn in seinem Alter darin lag, sich tragen lassen zu müssen, er war ja an seine Hülflosigkeit gewöhnt und die Neuheit eines solchen Spiels, die Annehmlichkeit der mühelos raschen Bewegung versetzte ihn in eine ganz ungewohnte Aufregung und Freude.

„O Herr Frank, wie gut Sie sind!“ rief er entzückt. „Werde ich Ihnen denn nicht zu schwer?“

Der athletische Mann blickte Alfred mit seinen guten großen Hundeaugen mitleidig an und sagte in seinem ergötzlichen Englisch-Deutsch: „Armes weißes Kind, – ist gerade, wie wenn kleiner Vogel fragt’, ob ist zu schwer für Baum.“

Aenny lachte über das bei Frank seltene Wagniß einer so langen Rede, auch Fräulein Düchène stimmte ein. Aber ein Blick ruhte ernst und gerührt auf seinem schwarzen Gesicht, während er die unbeholfenen Worte sprach, er kam aus den blauen seelenvollen Augen des Fräulein Körner.

Niemand hatte den Blick bemerkt, als drin im Zimmer die still beobachtende Frau Hösli, und sie lächelte heimlich vor sich hin.

Adelheid aber konnte die Vertraulichkeit zwischen dem Mohren und ihrem Sohne nicht länger mit ansehen. Sie erhob sich, um Alfred hereinzurufen. Frank setzte ihn erschrocken zur Erde, als er den unwilligen Ton hörte, mit dem die schöne Frau ihn anrief. Ein allgemeines „Ach“ erscholl, als sie erklärte, daß Alfred von dem wilden Spiel etwas ausruhen müsse. Schweigend wie immer gehorchte Alfred und setzte sich in eine Ecke des Zimmers, während Aennchen draußen weiterspielte. Aber der sicheren Beobachtung Frau Hösli’s entging es nicht, daß es in dem Knaben arbeitete und kochte, daß er einen ausbrechenden Unmuth niederkämpfte. Auch in ihr hatte sich eine tiefe Entrüstung über das engherzige Benehmen Adelheid’s geregt, und sie konnte nicht umhin, die unklare Stelle in dem Wesen der jungen Fräu unnachsichtig aufzudecken. Sie sah sie mit ihren wunderbaren Nixen-Augen durchdringend an und fragte: „Es war Ihnen wohl unangenehm, daß ich den Neger mitspielen ließ?“

„Nun, es ist doch immer etwas Unheimliches, sollte ich meinen, um einen Menschen, der dem Thiere noch so nahe ist.“

Frau Hösli schaute groß auf. „Wären nur manche Menschen dem Thiere noch so nah, wie unser Frank, es wäre mehr Treue und Wahrhaftigkeit in der Welt! Dieser Schwarze hat die Stärke eines Löwen, die Anhänglichkeit eines Hundes und gerade so viel Verstand, als nöthig ist, um ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein.“

„Sie finden also, daß diese Neger wirklich brauchbare Bedienten werden können?“ frug Adelheid ungläubig.

„Ich wünsche mir keinen besseren Diener und keinen besseren Freund als unseren Frank. Er ist mein Milchbruder, denn als ich geboren ward, starb meine Mutter und es blieb auf dem entlegenen Landhaus, das meine Eltern im Sommer bewohnten, nichts übrig, als mir eine Negerin, Frank’s Mutter, zur Amme zu geben. Mein Vater wollte sie nicht von ihrem Knaben trennen und so wuchsen wir mit einander auf. Frank ist ein lebendiges Beispiel, was aus einem Neger durch Erziehung zu machen ist.“

Adelheid schüttelte den Kopf: „Das wundert mich wirklich von Jemandem zu hören, der diese Halbmenschen doch wie Sie aus eigener Anschauung kennen muß.“

„Ob ich sie kenne, diese arme mißhandelte Race!“ sagte Frau Hösli warm. „Mein Vater hielt auf seinen Pflanzungen selbst Sclaven, aber er hielt sie wie seine Kinder und sie liebten ihn wie einen Vater. Mit Stolz darf ich es sagen, er war der Wohlthäter von Hunderten armer gequälter Geschöpfe. Arbeiten mußten sie, wer muß es nicht? Aber sie durften unter seinem Schutze Familien bilden und besaßen alle die Menschenrechte, zu deren Genuß ihr niedriger Zustand sie fähig machte. Er war ein Menschenfreund, wie es wenige giebt, und wären alle Sclavenhalter seiner Gesinnung, die Sclaverei wäre eine Einrichtung der Humanität, eine Wohlthat geworden! Aber leider sind sie es nicht und so bleibt nichts übrig, als die mißbrauchte Gewalt zu vernichten, den Unmündigen eine verfrühte Mündigkeit zu geben, um sie vor der Grausamkeit ihrer Peiniger zu retten.“

„Ich habe gehört, die Neger seien durchaus unbildsam und alle Mühe, die man sich mit ihnen gebe, sei weggeworfen,“ fiel Adelheid ein.

„Möglich, daß die schwarze Race das Höchste nicht erreichen kann. Aber, mein Gott, was würde denn aus der Welt, wenn Alle nach dem Höchsten streben müßten, wer würde sich noch zu der niederen Arbeit des Lebens hergeben, wenn Alle das Höchste erreichen könnten? Wenn es uns also auch nicht gelingt, diese unglücklichen Geschöpfe zu uns emporzuziehen, wenn wir sie nur so weit bringen, wie unser gemeines Volk jetzt ist – so werden wir wenigstens allmählich einen freien tüchtigen Bauern- und Handwerkerstand aus ihnen schaffen. Ist dies nicht schon der Mühe werth? Und wenn selbst wir und unsere spätesten Nachkommen es nicht mehr erleben – denn eine viele Jahrhunderte lange Versäumniß in der Entwickelung eines Volkes holt sich auch erst in Jahrhunderten nach – mich soll doch keine Minute reuen, die ich dem Mitgefühl und der Hoffnung für die Sache unterdrückter Mitmenschen geweiht.“

„Ach, Frau Hösli, Sie sprechen schön,“ rief jetzt plötzlich Alfred, der seine Aufregung nicht mehr zurückhalten konnte. Er athmete tief und seine Augen hafteten strahlend auf Frau Hösli. „Siehst Du, Mutter, siehst Du, so denke auch ich – alle Menschen lieb haben und allen das Beste zutrauen, wie schön ist das! Ach, Frau Hösli, Sie und Aennchen dürfen wohl lieb haben, wen Sie wollen, und Niemand wehrt es Ihnen?“ Die Gefragte sah den Knaben erstaunt an; Adelheid erröthete.

„Darfst Du denn das nicht auch?“ fragte sie mit einem halb verlegenen, halb verweisenden Blick.

„Nein, Mutter, das darf ich nicht! Ach, ich darf ja so vieles nicht, was Aennchen darf, aber das ist doch das Schlimmste, denn das ist etwas, wovon ich nicht lassen kann, und ich habe immer ein böses Gewissen, weil ich hierin nie gehorsam bin und eine ganze Menge von Leuten, die ich nicht lieb haben soll, heimlich doch lieb habe!“

„Alfred!“ rief die Mutter verwirrt und ängstlich, er könne noch mehr sagen, aber Alfred schmiegte sich an Frau Hösli, als suche er bei ihr Schutz, und fuhr fort:

„Und siehst Du, Mutter, Frau Hösli steht doch so hoch über den Negern, weit höher als wir über“ – er besann sich – „über allen denen, die Ihr nicht mögt, aber sie liebt die Neger doch, wie ihre Brüder, und der Mohr da draußen darf mit Aennchen spielen; als aber unser Christian, der doch ein Weißer war, mit mir spielen wollte, sagtet Ihr auf Französisch, ein Bedienter sei kein Spielcamerad für mich. Der arme Christian verstand ein wenig Französisch und es that ihm so weh, das zu hören, daß er aus dem Dienst ging.“

„Lieber Alfred,“ sagte Frau Hösli und legte dem Knaben ihre schöne weiße Hand auf die Schulter. „Ihre Mutter wird hierzu wohl Gründe gehabt haben, die Sie noch nicht beurtheilen können. Ein Kind hält manchmal Menschen für liebenswerth, die es nicht sind, und möchte sich an Jemanden anschließen, von dem es nur Schlechtes lernen könnte. Davor müssen die Eltern es behüten und deshalb muß es gehorchen, ohne zu fragen, ob die Eltern Recht oder Unrecht haben!“

[68] In diesem Augenblick erhob Aennchen draußen ein furchtbares Jubelgeschrei und Herr Hösli eilte mit einer Depesche in der Hand, von Aennchen und Frank gefolgt, durch den Garten. Die Art, wie Frank die Thür aufriß, um seinen Herrn eintreten zu lassen, verkündete den Anwesenden schon, daß dieser etwas Gutes bringe.

Herr Hösli war ein eleganter stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren. Er hatte einen dunkeln Backenbart und schwarze lebhafte Augen. Sein ganzes Wesen hatte etwas Ueberlegenes ohne eine Spur von Ueberhebung. Ein Grübchen im Kinn gab ihm etwas Humoristisches, Schalkhaftes, das den meisten Schweizern eigen ist. Das harte Idiom seines Vaterlandes, das kein Schweizer jemals ablegt, ließ ihn im ersten Augenblick spießbürgerlich erscheinen, aber nach wenigen Worten schon war der Mann von Welt unverkennbar.

„Verzeihen Sie, meine gnädige Frau,“ rief er und küßte Adelheid die Hand, „daß ich so hereinstürme, aber ich kann meiner lieben Frau diese Freude nicht einen Augenblick vorenthalten. Ellen, unser Heiri kommt morgen! Da hast Du das Telegramm!“

Frau Hösli saß mit gefalteten Händen da, sie konnte vor Freude kein Wort herausbringen als „Gott sei Lob und Dank!“ Sie warf einen Blick in das Telegramm, ihr Antlitz röthete sich, es war als wollten die grünen Seen ihrer Augen sich über die Wangen ergießen, so reich quollen die Freudenthränen hervor und das Blatt zitterte in ihrer Hand. Aber nur einen Augenblick ließ sie sich von der Bewegung übermannen, dann besann sie sich ihres Besuches und daß derselbe ihre Freude weder verstehen noch theilen könne. Sie steckte das Telegramm sorgfältig in die Tasche, das nichts enthielt als in englischer Sprache die wenigen Worte: „Vater, Mutter, ich komme! Ich grüße Euch, die Geschwister und Großeltern! Morgen Abend bin ich bei Euch! Henry.“ „Verzeihen Sie die Familienscene,“ sagte sie gefaßter zu Frau von Salten. „Die Freude war zu groß! Seit vier Jahren habe ich meinen Aeltesten nicht gesehen und wir erwarteten ihn erst in einigen Wochen, daher die Ueberraschung.“

„O, da muß ich ja sehr um Entschuldung bitten, daß ich eine solche Freude gestört,“ erwiderte Adelheid aufstehend.

„Sie werden sie erst stören, wenn Sie uns Ihrer Gegenwart berauben,“ sagte Herr Hösli artig.

Adelheid mußte zugeben, daß der Mann Manieren hatte, die denen echter Cavaliere zum Verwechseln glichen, aber sie war zu sehr im Innern entrüstet über die Verlegenheit, die Alfred ihr bereitet, um noch etwas Anderes zu beachten. Aenny hatte mittlerweile Alfred erzählt, ihr Bruder sei schon neunzehn Jahre alt und als sie nach Europa übergesiedelt, sei er noch zwei Jahre in Amerika geblieben und habe sich dann noch ebenso lange in England aufgehalten, um das Maschinenfach zu studiren. Aenny wußte das Alles ganz genau und sie war stolz darauf, Alfred die interessante Mittheilung machen zu können, daß ihr Bruder einen neuen Dampfkessel für die Fabrik mitbringe, der viel besser sei als der alte und einen völligen Umbau der Fabrik erfordere. Alfred, der in seinem Leben noch nie von solchen Dingen gehört hatte, hegte die größte Bewunderung für Aennchens umfassende Kenntnisse und hätte ihr gern noch zugehört, aber ein gebieterischer Ruf seiner Mutter machte auch diesem Vergnügen ein Ende.

„Mutter,“ bat Alfred, „ich möchte Herrn Frank noch Adieu sagen, weil er so gut gegen mich war, darf ich?“

„Dazu ist jetzt keine Zeit,“ erwiderte Adelheid streng. „Ich bitte, komm.“

Alfred fügte sich mehr aus dem Gefühle der Schicklichkeit als aus Angst vor der erzürnten Frau.

„Leben Sie wohl!“ sagte er zu Frau Hösli und küßte ihr mit einem Ausdrucke liebevoller Ehrfurcht die Hand. Wieder traf ihn ein Blick des Unwillens von seiner Mutter. Aber zugleich verneigte sie sich tief vor Frau Hösli, duldete, daß Herr Hösli nochmals ihre Finger an seine Lippen führte, und wünschte Beiden ein recht ungetrübtes Wiedersehen mit ihrem Herrn Sohne. Als sie das Zimmer verlassen wollte, wurde sie noch einmal aufgehalten, denn die frohe Kunde von der Rückkehr des Erstgeborenen hatte auch die Großeltern aufgestöbert und aus ihrer Wohnung im oberen Stockwerke heruntergelockt. Die Eltern Hösli’s waren Schweizer vom echten alten Schlage geblieben. Herr Hösli senior, Oberbürgermeister von Zürich, war ein Greis von nahezu achtzig Jahren, aber so frisch und rüstig wie ein angehender Sechziger. Seine dichten weißen Haare standen widerspenstig und kraus in die Höhe, sein scharfer adlerartiger Blick bekundete geistige Regsamkeit und Energie. Er glich seinem Sohne, nur war die Nase etwas mehr gebogen und er trug keinen Bart. Aber auch er hatte das charakteristische Grübchen im Kinn, das durch die herabhängenden Mundwinkel noch tiefer erschien und selbst dem hochbetagten Herrn noch einen schelmischen Zug gab, der ihm sehr gut stand. Er rauchte aus einem kleinen Porcellanpfeifchen einen herzlich schlechten Tabak, und selbst diesen mäßigen Genuß gönnte er sich nur Sonntags – die ganze Woche hindurch wäre es zu theuer gewesen. Er trug einen groben altmodischen Rock und eine Tuchweste, von der er den Leuten gern erzählte, daß sie aus dem Frack zugerichtet sei, in dem er vor fünfunddreißig Jahren sein Amt als Oberbürgermeister von Zürich angetreten habe. Aus der Rocktasche hing ein rothes baumwollenes Schnupftuch; Herr Hösli hatte sich noch nie den Luxus eines Foulards erlaubt, obgleich er der größte Seidenfabrikant Zürichs war, ehe er das Geschäft seinem Sohne übergeben.

Frau Hösli war das würdige Seitenstück ihres Gatten. Klein und mager, mit einem weißen, glatt anliegenden Häubchen und einer schwarzseidenen Schürze war sie das Bild einer einfachen Bürgersfrau, und bei aller Freundlichkeit und Mühe, die sie sich gab, gelang es ihr doch nicht, sich Adelheid verständlich zu machen, denn ihre Sprache war so ausschließliches „Züribieter“ Deutsch, daß es Adelheid vorkam, als spräche sie hebräisch. Es war schade, daß Adelheid sie nicht verstand, denn die Miene der alten Frau weissagte eine Menge guter wohlgemeinter Dinge, die in der undeutlichen rauhen Form wirkungslos an der verstimmten Adelheid abprallten und ihres Zwecks verfehlten, und nachdem auch der alte Herr Hösli seinerseits mit nicht besserem Erfolg versucht hatte, die Frau Baronin seines Respectes zu versichern, wobei er jedoch – leider! – vergaß, die Pfeife wegzulegen, gelangte Adelheid endlich in’s Freie.

Raschen Schrittes, als würde sie gejagt, eilte sie ihrem Hause zu, so daß Alfred kaum folgen konnte und hinterdrein hinkte.

„Eine schöne Frau,“ sagten Hösli Vater und Sohn zu einander, als sie den Rücken gewandt; „schade, daß sie so hochmüthig ist, man kann keine Nachbarschaft mit ihr halten.“

„Was sollen wir auch mit diesen vornehmen Müßiggängern?“ meinte Frau Hösli die jüngere; „wir haben ja kein gemeinsames Interesse. Diese deutschen Frauen verlieren sich in lauter Kleinlichem und haben für nichts Allgemeines Sinn. Man kann bei ihnen nichts lernen. Und nun gar diese Saltens! Was thun sie, wozu sind sie auf der Welt? Treiben sie irgend etwas Nützliches, eine Wissenschaft, ein Gewerbe, oder bekleiden sie ein Amt? Nichts gar nichts! Was sollen wir also mit diesen Leuten? Unthätige Menschen haben immer Langeweile und wollen von Anderen unterhalten sein; sollen wir unsere Zeit damit verderben, ihnen die ihrige zu vertreiben? Mich jammert nur der arme Alfred; um seinetwillen kann ich es nicht über mich gewinnen, den Verkehr mit ihnen abzubrechen. Der Kleine hätte ja gar keine Lebensfreude, wenn er nicht hie und da bei uns aufthaute, und es ist ein so liebes begabtes Kind.“

Sie ergriff den Arm ihres Mannes. „Aber nun genug von den Fremden! Wir wollen darauf denken, was für einen Empfang wir unserm Heiri bereiten, wenn er morgen das Elternhaus betritt.“

[81]
5. Vom Brode des Sinai.

Erregt und erhitzt wie Adelheid war, hatte sie alle Herrschaft über sich selbst verloren und zum ersten Mal, seit Alfred das Licht der Welt erblickt hatte, sah er seine Mutter in solcher Wuth gegen sich. Sie zog ihn durch die Hinterthür in das Haus, um Niemandem zu begegnen und führte ihn in sein Zimmer. Dort warf sie sich auf einen Stuhl und brach in Thränen des Unmuths aus.

„Mütterchen was hab’ ich Dir gethan?“ fragte Alfred erschrocken, „weinst Du um mich?“

„Das fragst Du noch?“ rief die schöne Frau. „Du hast mich hingestellt vor den fremden Leuten, als wäre ich eine Rabenmutter, als erzöge ich Dich zum Menschenfeind und gönnte Dir keinen Umgang. Für wie beschränkt und hochmüthig müssen mich diese Leute halten, wie tief hast Du mich gedemüthigt vor Menschen, denen es ein Vergnügen ist, an Höherstehenden eine Schwäche, einen Makel zu entdecken, der diese wenigstens moralisch unter sie stellt! Und das von meinem eigenen Kinde, dem ich jede Stunde meines Lebens, jeden Wunsch meines Herzens opfere, an dessen Pflege ich meine besten Kräfte setze, dessen Gebrechlichkeit mich tausend Mal mehr leiden läßt als andere Mütter, dessen krankhafte Stimmungen ich mit unerschöpflicher Geduld ertragen muß und das mir nicht einmal mit dem Einzigen lohnte, womit ein Kind lohnen kann, mit Gehorsam!“

Alfred stürzte vor der Mutter auf die Kniee und legte das Gesicht in ihren Schooß, soweit es der grüne Augenschirm gestattete. „O Mutter, ich habe keine Minute vergessen, was Du für mich thust, und es brennt mich wie Feuer auf der Seele, daß Du so viel Plage mit mir hast, aber Du denkst nur daran, was Du leidest durch meine Kränklichkeit und welche Geduld Du mit meinen Gebrechen haben mußt – o, denke auch an das, was ich leide und, und an die Geduld, die ich haben muß, und Du wirst mir verzeihen. Aber ich will ja alle Prüfungen und Entsagungen, die mir mein kranker Körper auferlegt, gerne tragen, ich will Hunger und Durst erleiden, ich will meine schwere Maschine am Beine herumschleppen, ich will Alles ertragen – nur Eines: warum Ihr diese Prüfungen noch erhöhen müßt, warum Ihr mir noch mehr versagen müßt, als mir schon versagt ist, das, Mutter, das kann ich nicht einsehen!“

„Was denn, was versagen wir Dir denn?“ rief Adelheid, die ihn durchaus nicht zu verstehen schien.

„Was, Mutter? Alles! Geradezu alles! Das Licht beschränkt Ihr mir durch den grünen Augenschirm, Gottes freie frische Luft durch beständigen Zimmerarrest, und nun wollt Ihr mir noch schmälern, was so frei, so unermeßlich ist wie die Luft, die uns umgiebt, und so schön, wie das Licht der Sonne – die Liebe, den Glauben an die Menschen. Ich weiß jetzt Alles, denn ich habe heute Nachmittag, während Du Dich anzogst, und ich Dich auf der Bank vor dem Salonfenster erwarten mußte, ein Gespräch von Tante Wika mit dem Vater angehört, das mir die ganze Abscheulichkeit Eurer Grundsätze zeigte. Eben als sie von Dir zu reden anfing, mußte ich weg, weil ich, mit Dir Hösli’s zu besuchen, gerufen wurde. Aber ich weiß es nun: wie mein Bein, so wollt Ihr auch mein Herz einschnüren und wollt meine Liebe tödten. O, wenn Ihr mir kein besseres Dasein gewähren könnt, so laßt mich lieber sterben.“ Er brach in ein lautes verzweiflungsvolles Schluchzen aus.

„Alfred, was ist Dir?“ fragte plötzlich die Stimme des Candidaten. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau, die Besorgniß um Alfred, dessen Schluchzen ich hörte, trieb mich herein.“

„Herr Feldheim – o mein – mein lieber Herr Feldheim!“ schrie Alfred auf und warf sich wie Schutz suchend an seine Brust.

„Herr Feldheim,“ rief Adelheid händeringend, „können Sie mir erklären, welche Veränderung mit meinem Sohne vorgegangen ist.“

„Wenn das Maß voll ist, läuft es eben über,“ sagte der Candidat finster und drückte Alfred’s Kopf zärtlich an sich. „Ich habe das längst kommen sehen. Der Knabe steht im vierzehnten Jahre und wie weit er auch körperlich zurückgeblieben – geistig ist er seinem Alter um so weiter vorausgeeilt, wie jedes kränkliche Kind, das zu beständigem Stillesitzen und Nachdenken verurtheilt und immer unter Erwachsenen ist; er mußte sich endlich der Unerträglichkeit seines Zustandes bewußt werden. Ich habe Sie mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Sie wollten mir nicht glauben.“

„Mein Gott – Sie fordern stets das Unmögliche für Alfred – und lehren ihn das Unmögliche fordern. Sie setzen ihm Abhärtungstheorieen und Freiheitsideen in den Kopf, die den Knaben zum Widerstand aufreizen. Nicht wir sind es, die ihm sein Leben unerträglich machen, sondern Sie, Sie, Herr Candidat, der Sie ihm eine der unsern entgegengesetzte Richtung geben, der Sie, selbst ein Abtrünniger, Ihre Freude daran finden, auch Andere abtrünnig zu machen und zwar nicht nur einer großen Idee – [82] sondern auch den leiblichen Eltern! Sehen Sie mich nicht so vorwurfsvoll an, der Vorwurf fällt auf Ihr Haupt zurück, auf Ihres allein!“

Der Candidat sah sie an, lange, tief, unaussprechlich traurig. Es nachtete in seinen dunkeln Augen, als ginge seine Lebenssonne unter. Still, unbeweglich stand er vor ihr, den Knaben im Arm, kein Athemzug hob seine Brust, er war ruhig, ruhig wie ein Fels, dessen schroffe Umrisse kahl und starr in die sternenlose Nacht hineinragen. – Eine lange Minute zog so über Alfred’s Haupt hin. Endlich öffneten sich die Lippen des Candidaten und er sprach mit leiser Stimme: „Ich will es nicht versuchen, mich zu vertheidigen. Noch weniger steht es mir zu, Sie den Schmerz ahnen zu lassen, den ich bei Ihren Worten empfunden habe. Beides betrifft nur mich und hat kein Recht auf Ihr Interesse. Wegen Ihres Sohnes aber erlaube ich mir zu bemerken: Es giebt einen adeligen Verband, einen unsichtbaren, dessen Mitglieder nur diejenigen werden können, welche die höchsten Eigenschaften des Geistes und Herzens besitzen und entfaltet haben – zur Aufnahme in diesen Verband wollte ich Ihren Sohn erziehen – nicht ihn dem Gemeinen nahe bringen. Ich bekenne gern, Ihre Freundlichkeit, Ihre Empfänglichkeit für so manches, was ich Ihnen mittheilen durfte, hat mich geblendet und mich hoffen lassen, daß ich Ihnen auf dem eingeschlagenen Wege Ihren Sohn zuführe, statt ihn Ihnen abwendig zu machen. Sie haben mich eines Besseren belehrt und gern würde ich sagen, ich gebe Ihnen Ihren Sohn zurück – wenn ein Mensch in den Jahren einer gewissen Zurechnungsfähigkeit gegeben und genommen werden könnte wie eine Sache, an der nichts verändert worden ist. Ich kann Alfred jetzt nicht mehr glauben machen, daß ich ihn Unwahres gelehrt, und wenn ich’s könnte, so thäte ich es nicht. Ich kann Ihren Sohn verlassen, aber ihn Ihnen wiedergeben, wie ich ihn empfing, und so, wie Sie ihn wollen – das steht nicht in meiner Macht.“

„Verlassen,“ schrie Alfred auf, „Sie mich verlassen? Was hab’ ich Ihnen gethan, Herr Candidat, daß Sie mich so schwer strafen wollen? O Mutter, wenn Du mich als Dein Kind liebst, wenn Du nicht willst, daß ich umkommen soll vor Heimweh, Herzeleid, so laß mir meinen Lehrer!“ Er riß sich von dem Candidaten los und fiel vor seiner Mutter auf die Kniee. Athemlos, fast erstickt von Angst stieß er diese Worte hervor und es lag eine unwiderstehliche Macht in seinem kindlichen Flehen. Des Candidaten Brust hob sich schwer, eine tiefe Bewegung schien sich seiner zu bemächtigen. Adelheid hatte lange stumm und starr dagestanden, jetzt schlug sie beide Hände vor das Gesicht und sie waren von Thränen naß, als Alfred sie herabzog und mit Küssen bedeckte. Sie trat einen Schritt dem Candidaten entgegen und streckte ihm die Hand hin: „Um dieses Kindes willen,“ begann sie, aber die Stimme versagte ihr.

Der Candidat hatte sie dennoch verstanden. Er nahm ihre dargebotene Rechte in die seine: „Um des Kindes willen!“ wiederholte er ernst.

Es war stille im Zimmer, man hörte nichts als Alfred’s leises Schluchzen, der noch immer seiner Mutter Kniee umfaßt hielt.

Sie hob ihn auf und drückte ihn an ihr Herz: „Gott möge mich erleuchten und mich immer würdiger machen, einen solchen Sohn zu erziehen. O mein Gott – ich fühle ja, wie wenig ich es noch bin,“ rief sie plötzlich wie zusammenbrechend unter der Last eines großen Schuldbewußtseins, und als fürchte sie sich, noch mehr zu sagen, eilte sie aus dem Zimmer.

„Was ist das?“ murmelte der Candidat unwillkürlich vor sich hin und sein dunkler Blick folgte der schönen Gestalt, bis sich die Thür hinter ihr schloß.

Nun waren die Beiden allein und tiefathmend warf sich Alfred an seines Lehrers Brust: „Ach, Herr Feldheim, lassen Sie mich ausruhen – so – so!“ Er schmiegte sich in Feldheim’s Arm und sah innig zu ihm auf: „Sehen Sie mich an, lieber Herr Feldheim! Was ist Ihnen? Sie haben etwas, es thut Ihnen etwas wehe! Sagen Sie, was ist’s? Ihr Herz hämmert lauter als sonst, ich kenne seinen Schlag.“ Alfred betrachtete ihn einige Augenblicke und fuhr dann fort: „Wissen Sie, Herr Feldheim,“ sagte er, „jetzt begreife ich auf einmal, was hier zu Hause immer so schwer auf mir liegt: es ist, daß ich Niemand von Euch Allen glücklich sehe. Sie glauben gar nicht, wie weh mir das thut! Ich meine ordentlich, es sei mir deshalb oft so eng und bang und meine Brust sei nur deshalb so schmal, weil sie zusammengeschnürt wird durch ein erstickendes Band von Angst und Sorge. Aennchen hat einmal so gelacht, daß ihr die Haften des Kleides sprangen; nun meine ich, das schreckliche Band müsse auch zerreißen, wenn ich einmal so recht aus vollem Halse lachen könnte, aber das wird wohl nie vorkommen!“

Der Candidat sah betroffen den Knaben an, der wie eine verdurstende Blume das Haupt hängen ließ. „Das ist ein schwerer Vorwurf, den Du uns Allen da machst, ohne es zu wissen, mein theures Kind! Und doch danke ich Gott, daß Du mich noch zu rechter Zeit an eine Pflicht mahnst, die ich nur zu lange versäumt. Wohl hast Du Recht.“

Alfred liebkoste seinen Lehrer und blickte wehmüthig auf den rothen Strahl, der die grüne Tapete erleuchtete: „Jetzt geht die Sonne unter. Gewiß haben wir heute Alpenglühen – wie schön muß das sein! Wenn nur mein Zimmer nach dem See zu läge, da könnt’ ich’s sehen – aber in die Vorderstube mag ich jetzt nicht, ich will den Tanten nicht begegnen. Wer jetzt hinaus dürfte an den Strand und hineinschauen in die Herrlichkeit und hören, wie die Wellen murmeln und sich zausen lassen vom Abendwind! Jetzt setzt sich Aennchen gewiß in einen Kahn und ihre Brüder rudern sie in den See hinaus, und dann geht der Mond auf und streut einen silbernen Weg über das Wasser und sie fahren darüber hin und her und singen ihre heiteren Lieder in den milden Glanz hinein. Sie sehen gewiß nicht all’ das Schöne, das da ist, vor lauter Lustigkeit. O, wenn ich dabei wäre, ich wollte stille sein, ganz stille und nur schauen und horchen. Was würde ich da wohl Alles hören und was Alles sehen!“ Er holte tief Athem und seine traurigen Augen starrten geisterhaft in die Dämmerung hinein.

Der Candidat hatte ihm schweigend zugehört, jetzt nahm er den Knaben in die Arme und sagte mit einer liebevollen Wehmuth: „Das, was Du da draußen sehen und hören würdest, mein Kind, trägst Du in Dir – die Poesie! Wer sie nicht im Busen hegt, der wird offenen Auges mitten durch die Schönheiten dieser Erde hindurchgehen und sie dennoch nicht sehen. Du aber, Du malst Dir in den engen Raum Deines Zimmers Berge und See – der zitternde Abendstrahl, der dort an der Wand spielt, weckt Dir das Entzücken eines Sonnenuntergangs. Wie aber, wenn draußen der Erde ein Dunst, ein Rauch entstiegen wäre? Er hätte Dir den Genuß, nach dem Du Dich sehnst, getrübt – den Sonnenuntergang, den Du in Deiner Phantasie erlebt, konnte er Dir nicht trüben, siehe, das ist der Ersatz, den Dir Gott gab für alle Entbehrungen, die er Dir auferlegt – das sind die Rosen, mit denen er Dir das Kreuz umwunden, das er Dich tragen läßt.“

„Ja, ja – o ja!“ rief Alfred begeistert und breitete die Arme aus, „ich verstehe, was Sie meinen, und ich will mein Kreuz tragen, soweit meine Kräfte reichen. Welch große Helden sind unter dem Kreuz erstanden, welche große Thaten unter ihm vollbracht worden, auch ich will unter dem Kreuze gehen! O Herr Feldheim, Sie haben mir die Geschichte der Kreuzritter gelehrt, die in alle Welt auszogen, das Christenthum mit dem Schwerte einzupflanzen, und wie dieser Orden allmählich einging und zusammenschmolz auf das kleine Häuflein der Johanniter, die sich damit begnügen, das, was ihre Vorfahren mit Schwert und Blut gepflanzt, friedlich zu pflegen und weiter zu bauen. Und wissen Sie, Herr Feldheim, als neulich unser Vetter, Graf Schorn, der Johanniter, von seiner Urlaubsreise in den Orient zurückkam und uns hier besuchte – Sie waren damals gerade auf dem Rigi – da faßte ich den Entschluß, auch ein Johanniter zu werden.“

„Und wie kam das?“ fragte Feldheim überrascht.

„Der Vetter hat so schön erzählt von allem Guten, was die Ritter thun, wie sie Kranke pflegen und Spitäler errichten, wie sie überall da sind, wo es gilt, einem Bedrängten beizustehen, und wie doch noch lange nicht genug Hände seien für all’ das Elend. Da dachte ich, ich könne doch vielleicht auch mit helfen, wenn ich groß bin, und Schöneres könne doch kein Mensch auf Erden thun, als Schmerzen und Noth lindern – ach, ich weiß ja, wie Schmerzen thun!“

Der Candidat schwieg erstaunt über diese Pläne Alfred’s, die ihm bisher ganz fremd geblieben waren. Dieser aber fuhr mit fieberhafter Redseligkeit fort, wie sie nervösen Kindern eigen ist, die einmal in’s Reden kommen: „Ich will Ihnen noch etwas erzählen, Herr Candidat, wollen Sie es hören?“

„Ja, mein Kind!“ Der Candidat legte seine Hand auf das [83] Haupt des Knaben, dessen Mienen etwas Seherhaftes angenommen hatten. Es dunkelte bereits und unwillkürlich zog es die Beiden dem letzten Abendschimmer nach an das Fenster. Dort setzten sie sich einander gegenüber und Alfred schaute verklärten Blickes hinaus in die dämmernde Nacht.

„Graf Schorn brachte mir auch ein Stück von dem Dattelbrod mit, das die Mönche am Sinai backen – o Herr Feldheim, ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich da gefühlt. Ich sah das stille Kloster an dem öden baumlosen sonnverbrannten Abhang und über ihm den steilen kahlen Gipfel in ewige Wolken gehüllt, als könne die Stätte, auf der das Feuer des Herrn gebrannt, nimmer aufhören zu rauchen. Ich sah in dem Kloster die Mönche, die stillen, darbenden, durstenden Mönche, die einsamen! Ich sah sie das Brod backen aus den Früchten, die sie mühsam dem dürren Boden abgewonnen, ich sah sie es austheilen mit milder Hand an die Armen und Elenden des schmachtenden Landes. Und dann sah ich sie mit den bloßen Füßen durch den glühenden Sand schreiten zu den sterbenden Opfern der furchtbaren Seuchen dieser Gegend, um ihnen den letzten Trost zu bringen, und, sehen Sie, Herr Candidat, da habe ich mich gefragt, was haben nun diese Menschen für ihr entsagungsvolles Dasein? was zieht sie dahin, den vergessenen armen Bewohnern dieses verödeten Landes den Segen des Christenthums zu bringen, und läßt sie sich anbauen an dem unwirthlichen Rücken des Sinai in der ewigen Stille, als wollten sie jetzt noch den Nachhall von Gottes Stimme hören über Tausende von Jahren hinaus? Und ich konnte mir auf alle diese Fragen nur antworten: ‚Die Liebe! Die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Sie ist ihr Antrieb und ihr Lohn! Welch eine Liebe muß das sein!‘“ Der Knabe faltete die Hände: „Und da, da kam es über mich wie ein unaussprechliches Glück, daß es solche Liebe gäbe in der Welt und daß ich sie in meinem Herzen nachempfinden kann. Und sehen Sie, Herr Candidat, in dem Augenblick versprach ich dem lieben Gott, Johanniter zu werden.“

Der Candidat breitete die Arme aus und zog Alfred an seine Brust: „Alfred, mein Alfred,“ rief er und preßte seine Lippen auf des Knaben Mund. „Das ist nicht die Frömmigkeit eines Kindes – das ist die Frömmigkeit eines Dichters! Sei getrost, schmerzgeprüftes Kind – Du wirst überwinden, Alles, Alles – Deine Leiden, Deine Feinde, Dich selbst!“




6. Eine Mahnung.

Es tagte bereits, als Adelheid in ihrem Zimmer noch am Schreibtisch saß und einen eben vollendeten Brief überlas, um nachträglich die Komma’s hineinzumachen, die sie in der Hast, mit der sie geschrieben, vergessen hatte.

Der Brief lautete:

 „Mein Egon!
Du wirst mir wieder zürnen und dennoch mit Unrecht. Ich habe heute einen letzten Versuch gemacht, den Candidaten zu entfernen, er ist gescheitert an dem Widerstande meines Sohnes. Ach verzeih’, verzeih’, daß ich Dir um seinetwillen einen Wunsch abschlage! Er gerieth so außer sich, als er von der Trennung von seinem Lehrer hörte, daß ich es nicht über das Herz bringen konnte, weiter in dieser Sache zu gehen. Dies unglückliche Kind hat ja so wenig vom Leben, soll ich ihm das Wenige, worin es sich glücklich fühlt, noch nehmen? Nein! Ich habe ohnehin nie genug gethan, um mich dieses Kindes würdig zu zeigen, das eine so große, so engelgleiche Seele in seinem Körper birgt! Ich habe meine Pflichten gegen den Knaben stets nur mit halbem Herzen erfüllt und mußte zu meinem Schrecken heute erkennen, daß er es empfunden und daß es ihn geschmerzt hat. Du weißt nicht, Egon, und meine Feder ist zu schwach, es Dir zu schildern, was es heißt, wenn ein Kindesauge sich vorwurfsvoll auf uns richtet und wir im Innersten fühlen, daß es Recht hat! O, solch’ ein Kind ist unser lebendig gewordenes Gewissen! Vor Keinem meiner Umgebung demüthige ich mich. Ich habe an Keinem von ihnen ein Unrecht begangen. Die Tanten ertrage ich mit übermenschlicher Geduld, meinem – o daß ich ihn so nennen muß – Gatten habe ich den einzigen Zweck erfüllt, um dessen willen er mich zur Frau nahm: ich gab ihm einen Sohn, und was ich Dir gebe, mein Herz, meine Liebe, raube ich ihm nicht, denn Du besaßest es vor ihm, und er wußte, daß es nie sein werden könne. Aber vor meinem Kinde schlage ich die Augen nieder, denn es hat ein heiliges Anrecht an meine ganze Liebe, meine ungetheilte Aufmerksamkeit – und Du, Du heiß ersehnter Mann, machst ihm dieses Anrecht streitig.

Es giebt Stunden, wo es über mich kommt wie eine Offenbarung, welch’ ein unermeßliches Glück mir in der Erziehung dieser wundervollen Kindesseele aufgehen könnte, aber das Mutterglück ist das einzige, das Keinem unverdient zu Theil werden kann, denn man kann es ja nur empfinden in der strengsten treusten Pflichterfüllung! Ich ahne dieses Glück, aber ich kann es nicht verdienen. Selbst während ich an Alfred’s Bette sitze, sind meine Gedanken bei Dir! Immer und immer wieder schweift mein Wünschen und Sehnen in namenloser verzehrender Qual über das Kind hinweg zu Dir, und wenn mich dann in solchen Stunden sein Blick trifft, und es so bekümmert fragt, warum ich immer traurig sei, nach einem Lächeln sucht, nach einem Lächeln der Mutter, und sich dann, wenn es ihm nicht geworden, geschlossenen Auges still und bleich in die Kissen zurücklegt – Egon, Egon, da wünschte ich oft, daß mich die Erde verschlänge! Da stürze ich vor dem Bette auf die Kniee und der Gedanke zerfleischt mich: wenn das Kind einmal so die Augen schlösse, um sie nie wieder aufzuthun, und ich hätte ihm das letzte Lächeln der Mutterliebe versagt, weil mir das Verlangen nach dem Kuß des Geliebten die Lippen zusammenpreßte! Dürfte ich mit dem Brand dieses Verlangens auf den Lippen den erkaltenden Mund der Leiche meines Kindes berühren?

Ach Egon, theurer, treuer, geduldiger Mann, der Du meiner harrst seit fünfzehn Jahren – vergieb, vergieb, daß ich es sage: in solchen Stunden da grolle ich Dir, daß Du je in mein Leben tratest mit Deiner unwiderstehlichen Liebesgewalt, daß Du mir eine Leidenschaft eingeflößt, die mir das einzige Glück, dessen ich mich ohne Vorwurf erfreuen könnte, werthlos macht. O mein Gott, nicht nur vor meinem Sohne muß ich erröthen, auch vor dem Manne, dem ich die Leitung seiner Erziehung anvertraut und der mich täglich beschämt durch eine Hingebung an den Knaben, die mir, der Mutter, besser anstünde als ihm, dem bezahlten Fremden! Ach, es sind furchtbare Augenblicke, Augenblicke, die meine ganze Jugendblüthe abstreifen, und Du solltest nichts verlangen, Egon, das diesen Zwiespalt noch auf’s Aeußerste treibt, es ist nicht wohlgethan! Denn so oft ich Alfred um Deinetwillen vernachlässige, liebe ich Dich weniger! So oft Dein Einfluß zwischen ihn und mich treten will, empfinde ich ihn als etwas Feindliches, als Etwas, das ich ausstoßen muß. Denn so eng verbunden ist doch nichts wie die Mutter mit dem Kinde. Und wenn Du und mein Kind mit einander in meinem Herzen ringen – da bleibt doch zuletzt das Kind Sieger, ob auch mein ganzes Herz in Stücke geht! Deshalb, Egon, fordere nicht mehr, daß ich den Mann entferne, der dem Knaben Das ersetzt, was ihm durch Dich an meiner Liebe abgebrochen wird, der es mir allein möglich macht, mich stunden- und tagelang ungestört dem Gedanken an Dich zu überlassen – was ich nimmer könnte, wenn ich Alfred nicht in so guten Händen wüßte! Wahrlich, Egon, Du handelst wider Dich selbst, wenn Du wider Feldheim handelst! Wüßte ich nur überhaupt, was Dich so eifersüchtig auf ihn werden ließ! Daß ich Dir, dem ich keinen Gedanken meiner Seele vorenthalte, meine Verehrung für den seltenen Mann aussprach, – sollte Dich nicht auf so unselige Gedanken gebracht haben! Hätte ich Etwas zu verbergen, so würde ich nicht mit so unbefangener Wärme von ihm reden. Laß dieses reine Bild in einer Seele, die ja ganz nur Dir gehört, unangefochten, – ich schwöre Dir“ – hier hielt Adelheid’s den Zeilen folgende Feder plötzlich inne – „Du hast keinen Grund, auf den Blick ernster Verehrung eifersüchtig zu sein, mit dem ich es betrachte, wie man ein Heiligenbild in der Kirche ansieht!“

Sie kam nicht über die Stelle weg, ihr Auge kehrte zu dem „ich schwöre Dir“ zurück und blieb darauf haften. Eine dunkle Blutwelle stieg ihr in das Gesicht, als habe sie sich auf einmal von Jemandem beobachtet gefunden; sie sah sich unwillkürlich um, aber sie war ganz allein. Sie hatte ohne Erröthen einen Brief geschrieben, in dem jede Zeile Ehebruch athmete; aber über den Gedanken eines Treubruchs an dem Geliebten erröthete sie. Es war ihrer verirrten und doch ursprünglich edeln Natur ein unbewußtes Bedürfniß, das widerrechtliche Verhältniß, in welchem sie stand, durch Treue zu adeln, sich vor der beleidigten Sittlichkeit durch die Macht einer großen unwiderstehlichen Leidenschaft zu entschuldigen. Sobald diese blinde, aus der ersten Jugend, wo sie [84] noch kein Unrecht war, in die Ehe herübergebrachte Leidenschaft so weit erkaltete, daß sie dem Gedanken an einen Andern Raum geben konnte, so wurde das Verhältniß, das durch jahrelanges Bestehen und tausend Schwüre ein unzerreißbares für sie geworden, einfach eine Gemeinheit. Instinctiv schauderte sie vor dieser kaum in die Form eines Gedankens gekleideten Ahnung zurück.

Nochmals überlas sie die Stelle; nein, sie konnte, sie durfte schwören; es war ein neckender Dämon der Nacht, der sie auch nur einen Augenblick daran zweifeln machte, und sie fügte im Gefühle des flüchtigen Unrechts, das sie an dem Geliebten begangen, eine Fluth erneuter Liebesbetheuerungen als Nachschrift hinzu. Aber sie schloß auch diese rasch ab; sie fand etwas Absichtliches, Gezwungenes darin; was brauchte sie eine Liebe erst zu betheuern, in der ja ihr ganzes Leben aufging? Sie hatte den Brief noch lange vor sich liegen und starrte sinnend darauf nieder. Ihr Haupt ruhte auf ihrer Hand und mechanisch entwirrte sie mit der andern die lockige Fülle ihres Haares. Endlich fiel blendend ein Strahl der Morgensonne durch die grauen Wolken auf das Papier; sie faltete es rasch zusammen; es war ihr unerträglich, diese Zeilen von dem Lichte der Sonne beschienen zu sehen. Sie siegelte und überschrieb den Brief: „Dem Grafen Egon von und zu Schorn, Ehrenritter des St. Johannisordens etc. etc. etc.“ Dann löschte sie das Licht, schloß den Brief ein und begann sich zu entkleiden, um sich noch ein paar Stunden auf ihr Bett zu legen. Sie trat dabei zufällig vor den Spiegel, und wie oft sie auch das schöne Bild, das ihr daraus entgegenschaute, schon gesehen, heute in ihrer Aufregung berührte es sie doppelt lebhaft.

Wie ein Strom geschmolzenen Goldes flossen ihre langen rothen Locken über ihre schneeigen Schultern nieder und blieben wie in eine schöne Form gegossen auf ihrer gewölbten Brust liegen. Sie hätte nie in ihrem Leben gelernt haben müssen, was die Schönheit eines Weibes ausmacht, um nicht von ihrem eigenen Anblicke entzückt zu sein. Und sie zog die ganze Fülle ihres Haares vom Hinterhaupte vor und wog seine Schwere in der Hand. Wie viele Millionen dieser weichen Fäden, kaum stärker als eine Faser ungesponnener Seide, gehörten dazu, um ein solches Gewicht zusammenzubringen? Um den Besitz dieser Haare würde eine Italienerin oder Französin jedes erdenkbare Opfer bringen, und was waren sie erst werth, da sie auf einem solchen Haupte wuchsen! Und diese großen und doch von den langen dichten Goldwimpern geheimnißvoll verschleierten Augen mit den üppigen leichtgeschwungenen Brauen, die in ihrer Fülle fast dunkel erschienen! Und die feine römische Linie des Profils! Sie drehte sich so weit seitwärts, als möglich war, um sich noch im Spiegel zu sehen; es genügte nicht, und sie nahm einen Handspiegel zu Hülfe, um sich damit im Profil zu betrachten. Warum sollte sie nicht, ganz allein, ganz unbelauscht, die eigene Schönheit bewundern, wie man wohl manchmal einen kostbaren Schmuck betrachtet, den zu tragen die Gelegenheit fehlt, und ihn dann wieder wegschließt, zufrieden in dem Bewußtsein, daß man ihn hätte, wenn je die Gelegenheit käme, wo man ihn brauchte. Wenn sie in einer Gemäldegallerie einem Bilde wie das, was sie im Spiegel sah, begegnet, so wäre sie stehen geblieben und hätte es staunend betrachtet, und nun sollte sie sich nicht doppelt dessen freuen, da es ihr eigenes Antlitz war? Und sie berauschte sich mehr und mehr im Gedanken an alle die Triumphe, die sie feiern konnte, wenn sie gewollt hätte. Wäre sie in Paris geboren, sie hätte nicht nöthig gehabt, einen alten verwitterten Mann zu heirathen, um ihren Vater vor dem pecuniären Untergange zu retten, sie hätte sicher eine große glänzende Partie gemacht, sie wäre der Mittelpunkt eines Kreises von Menschen geworden, die sich an ihrem Reize bewundernd gelabt hätten, sie wäre als die schönste Frau Frankreichs anerkannt worden! Welch ein kaiserlicher Titel, die schönste Frau eines Landes zu heißen!

Sie strich mit den zarten Fingern die Locken zurück und warf das Haupt nach hinten über, daß sich die weiße Stirn scharf auszeichnete. Ja, das war ein Kopf, bestimmt, ein Diadem zu tragen. Ach, sie besaß keins. Doch! Sie öffnete ihre Schatulle und zog ein diamantenes Halsband hervor, ein altes Familienerbe der Salten. Sie band es statt um den Hals – ein solcher Hals bedurfte keines Schmuckes, es wäre zu schade um jedes Grübchen, das er bedeckte – um den Kopf an Stelle eines Diadems. Die immer mächtiger vordringende Morgensonne, die sich hier noch nie anders als in flüssigen, schnell zerrinnenden Diamanten gespiegelt hatte, sah ihre Strahlen verwundert von dem unlöslichen Wasser dieser Steine abprallen und hundertfach zersplittert einen Regenbogenkranz um das stolze Haupt flechten, das sie nicht um ihren Glanz zu beneiden brauchte. – Wie schön war dieses Haupt in dem geheimnißvollen Durcheinanderweben von Gold- und Juwelenschimmer! Alles leuchtete und flimmerte in dem grellen Morgenscheine, die Brillanten, die Haare, die Augen, eine Glorie hüllte Adelheid ein. O, wenn sie wollte, sie konnte noch jetzt Alles bezaubern, die Freiin von Salten-Hermersdorff konnte noch jetzt eine Rolle an jedem Hofe der Welt spielen. Die Schönheit hatte doch auch ihr Recht, wozu war sie schön, wozu diese strahlende Herrlichkeit? Sie wollte – nein, sie wollte nicht genießen; es jammerte sie nur, daß die Fülle von beglückender Kraft, die in dieser Schönheit lag, ungenossen untergehen sollte. Das Kunstwerk des Menschen darf bewundert werden in öffentlicher Schaustellung und Tausende von Augen entzücken, – aber das Kunstwerk der Natur, das höchste aller Meisterwerke, das soll Einem allein gehören, und wenn dieser es absperren will von der Welt, so muß es ungesehen verwelken und Niemand darf sich dessen erfreuen. Solch ein todtes Bild von Leinwand oder Stein fühlt es nicht, welch Entzücken es bereitet; aber das Menschenbild, das die Natur geschaffen, das lebendige, warme, sich selbstbewußte, würde es fühlen und die Wonne mit genießen, die Andere bei seinem Anblicke empfinden. Ist denn das Sünde, ist es verwerflich?

So philosophirte die junge Frau in der Trunkenheit ihres eigenen Anschauens, und sie erschien sich immer mehr als eine Märtyrerin der Verhältnisse, und das Opfer, das sie brachte, indem sie solche Gaben auf den Altar ihrer häuslichen und Mutterpflicht niederlegte, erwuchs in diesem Augenblicke zu einer so unermeßlichen Größe, daß kein Mann und kein Kind es jemals zu lohnen im Stande wäre; ja, wer weiß, ob es ihr nur möglich gewesen wäre, es zu bringen, wenn nicht wenigstens Einer lebte, der sie zu würdigen verstand, Einer, für den sie noch schön sein durfte: Egon! Ja, an seiner Seite wäre sie eine bewunderte vielumworbene Frau geworden, denn er war ein Mann der großen Welt und nahm eine hervorragende Stellung ein, die sie mit ihm getheilt hätte. Sie würde seine herrlichen Reisen in den Orient mitgemacht, über die Grenzen Europas hinaus den Ruf ihrer Schönheit getragen haben, – o welch ein Leben wäre das gewesen! Warum mußte der geliebte Mann ein jüngerer Sohn und also vermögenslos sein, daß es den beiden armen Kindern versagt war, einander anzugehören, und Adelheid von ihrem Vater zu der unseligen Partie mit Salten gezwungen ward? Warum, warum sollte sie die Folgen dieses grausamen Geschickes immer fortschleppen in geduldiger Ergebung? Warum sollte sie nicht auch einmal in die Welt hinaus dürfen, in die Heimath, an den Hof zu ihrem Geliebten? War es denn ein Unrecht, wenn sie sich nach jahrelanger Abwesenheit bei den Ihren und in der Vaterstadt zeigte? Nein, sicher nicht! Sie wollte noch heute mit dem Freiherrn sprechen; Alfred war ja so wohl versorgt bei dem Candidaten. Welche Mutter würde nicht einmal ihr Kind verlassen, um die Heimath wiederzusehen? Hatte sie denn nur Pflichten, nicht auch Rechte? Und ihr Athem ging rasch und die Goldwellen ihrer Locken wogten auf ihrer jugendlich gehobenen Brust auf und nieder, die Diamanten funkelten und in den Blättern des Dümas’schen Romans neben ihrem Bette rauschte es, wie wenn winzige verführerische Kobolde daraus entstiegen, um in den Strahlenbüscheln, die das reizende Haupt umkränzten, ihren Carneval zu halten. Und das Herz des schönen Weibes pochte laut, als wäre der Versucher schon in der Nähe. Er war es auch, denn der größte und siegreichste Versucher einer schönen Frau ist ihr Spiegel, das Werkzeug, mit welchem Mephisto dem Faust die Wege ebnet!

Da plötzlich – was war das? Hatte es nicht geklopft? Alles Blut drängte sich ihr nach dem Kopfe, es war ja kaum fünf, – sie hatte sich getäuscht. Ihr eigenes Gewissen hatte ihr den Streich gespielt, sie so zu erschrecken! Aber nein, wieder klopfte es an die Thür, diesmal lauter, unverkennbar. Adelheid fuhr vom Spiegel zurück, als könne der da draußen durch die Thür sehen, daß sie vor dem Spiegel stand.

„Was ist?“ rief sie und ihre zitternden Hände bemühten sich, das Diadem aus den Locken zu wirren. Doch umsonst waren alle Anstrengungen der jungen Frau; Zacken und Steine hatten sich in das Haar verwickelt wie eine Klette.

[110] „Gnädige Frau,“ tönte die Stimme eines Dienstmädchens, „der Herr Candidat schickt mich, der junge Herr sind so krank, – ob Sie nicht aufstehen möchten?“

„Alfred, barmherziger Gott!“ rief Adelheid. „Ja, ich komme gleich, gleich!“

Wäre nur erst das verwünschte Diadem herunter gewesen; sollte es an ihr hängen bleiben und die Schande dieser Stunde verrathen? Wie eine ätzende Flüssigkeit hatte sich der Ruf, daß Alfred krank sei, über Silber, Gold und Steine ergossen und Alles geschwärzt, was eben noch so hell geglänzt. Erschrocken flüchteten sich die Dämonen des Dumas’schen Romans in ihre Blätter zurück; das Diadem ward mit sammt den Haaren herausgerissen, da es nicht gutwillig ging, und verächtlich, als sei es plötzlich zu Blei verwandelt, in sein Behältniß zurückgeschleudert. Der nächtige Traum mit seiner Farbenpracht war zerronnen, und aufgewacht war ein zärtliches, zuckendes Mutterherz. Kaum wissend, was sie that, wand Adelheid ihre Haare mit beiden Händen in einem dickem Strange um den Kopf und zog ein weißes Häubchen darüber. Ihren [111] Anblick im Spiegel vermied sie, wie wir das Antlitz eines Menschen vermeiden, vor dem wir uns schämen, und sie schämte sich vor sich selbst, sie mochte sich jetzt nicht in die Augen sehen.

Noch eine Secunde und sie war in ein schlichtes Morgenkleid gehüllt und eilte die Treppe hinunter in Alfred’s Zimmer. Da lag der Knabe im heftigsten Fieber mit verschleierten entzündeten Augen und brennenden Wangen, und der immer geduldige Wächter, der Candidat, stand an seinem Bette. „Mein Kind, mein Kind,“ schrie Adelheid, „was ist Dir?“

„Er hat die ganze Nacht schon Hals- und Kopfschmerzen gehabt und mich leider nicht geweckt,“ sagte der Candidat. „Als ich vorhin aufstand, fand ich ihn im Bette sitzend und kaum im Stande, mich um einen Tropfen Wasser zu bitten, so ausgetrocknet und verschwollen war ihm der Gaumen. Ich schaffte sogleich warmes Zuckerwasser herbei und seitdem kann er doch wieder sprechen. Dann schickte ich zum Doctor und zu Ihnen, gnädige Frau.“

„Mütterchen!“ stammelte Alfred aus seinem Fieber heraus und griff nach ihrer Hand.

„Kind, Herzenskind!“ rief Adelheid und drückte den Knaben an sich. „Warum hast Du denn so lange gezögert, Herrn Feldheim zu wecken, wenn Du doch schon die ganze Nacht Schmerzen hattest?“

„Weil ich wußte, daß er dann Dich wecken würde, wie Du es immer befohlen, und das wollte ich nicht,“ sprach Alfred mit schwerer Zunge. „Du bist gestern spät zu Bette gekommen; ich hörte Dich bis nach Mitternacht über meinem Zimmer auf und nieder gehen, und da wollte ich Dich ruhig ausschlafen lassen.“

Adelheid stand da wie vernichtet. Eine ganze endlose Nacht hatte das Kind seine Schmerzen überwunden, um den vermeintlichen Schlaf der Mutter nicht zu stören, und während ihr Kind in Fiebergluth Stunde um Stunde vergebens nach einem Tropfen Wasser lechzte, hatte sie an ihren Geliebten geschrieben, und als die Noth des armen Kindes auf’s Höchste stieg, sich Diamanten in das Haar gewunden, und während er den kindlichen Angstschrei nach der Mutter mit männlicher Willenskraft aus Schonung für sie unterdrückte, hatte sie den Entschluß gefaßt, ihn für Wochen oder Monde zu verlassen! Vielleicht hing des Knaben Leben von dieser stundenlangen Versäumniß ab, vielleicht kam die Hülfe schon zu spät – dann starb das Kind aus liebevoller Rücksicht für die Ruhe der Mutter, für die Ruhe, die sie Träumen der Sünde geopfert! Stumm, keines Wortes mächtig, sank sie vor dem Bette nieder und barg das Gesicht in Alfred’s Kissen, während es nur in ihrer Seele rang und flehte: „Nicht diese Strafe, Gott, nicht diese Strafe!“ Und sie war nicht mehr die schönste Frau und die Geliebte des glänzendsten Cavaliers; sie war nichts mehr als eine Mutter, eine geängstigte, zerknirschte Mutter, die in diesem Augenblicke mit dem Opfer all ihrer heißen Liebes- und Glückwünsche das Leben ihres Kindes von Gott erkaufen will.

Der Candidat stand schweigend wie immer dabei und rührte sich nicht, um sie nicht zu stören, denn er fühlte, daß etwas Großes in ihr vorging. Er sah, wie sie kämpfte und litt; er lauschte ihren tiefen Athemzügen; er sah, wie das rasch aufgewundene Haar sich löste und unter der leichten Hülle hervorquoll, und er kehrte den Blick ab und heftete ihn auf das Kind.

Endlich hob Adelheid, immer noch knieend, den Kopf und wandte sich gegen den Candidaten, daß es aussah, als kniete sie vor ihm.

„Herr Feldheim,“ sagte sie leise, „haben Sie mir verziehen, was ich gestern gesprochen?“

„Ich that es gestern schon!“ war die ruhige, fast kalte Antwort.

„Um des Kindes willen – aber nicht um meiner selbst willen. O Herr Feldheim, ich habe schwer gegen Sie gefehlt! In der Angst dieser Stunde fühle ich erst wie schwer, und um der Angst dieser Stunde willen bitte ich Sie, vergeben Sie mir ganz und voll und großmüthig, wie Sie sind!“

Sie nahm seine harte Hand in ihre weichen sammtenen Hände und Thränen glänzten in ihren Augen.

„Gnädige Frau, ich bitte Sie!“ – wehrte der starre Mann ab; es war, als ängstige ihn die Reue der leidenschaftlichen Frau. „Wie mögen Sie um dieser Geringfügigkeit willen ein solches Aufheben machen!“

Adelheid sah ihn erstaunt an; welch ein Ton war das? Ein heimlicher Schmerz durchzuckte sie, eitle Schamröthe überflog ihr Gesicht. Sie wandte sich wieder Alfred zu. „Mein Kind, mein Kind,“ sprach es in ihr, „was brauch’ ich mehr als Dich?“

Da berührte Jemand leise ihre Schulter. Erschrocken sah sie auf; es war ihr Gatte. Kalt erhob sie sich und machte ihm Platz, daß er sich zu Alfred setzen konnte.

„Was ist Dir, mein Sohn, ich höre, Du bist krank?“ fragte der alte Mann und legte seine schwere zitternde Hand auf des Knaben Stirn.

Alfred versuchte zu lächeln.

„O, es ist nichts Besonderes, mein lieber Vater, nicht der Rede werth. Aengstige Dich nicht, mein Herzensväterchen; ich würde es ja sagen, wenn es was Besonderes wäre, ganz gewiß.“

„Gott gebe es!“ sagte der Freiherr beruhigter. „Ich bin so erschrocken, als ich hörte, daß Deine Mutter schon auf ist! Ich finde aber doch, Du bist sehr heiß! Du glühst ja förmlich.“

„Der Herr Candidat hat mich so warm zugedeckt,“ beruhigte ihn Alfred. „Es wird wohl ein Schnupfenfieber werden, das ist Alles – gewiß! Geh’ nur wieder zu Bette, mein Väterchen, thu’s mir zu Liebe, sonst ängstigst Du mich, es ist ja erst fünf Uhr. Ich werde wohl ein paar Tage liegen bleiben müssen; Du weißt ja, ich liege gern im Bette. Da leistest Du mir wieder Gesellschaft und spielst Schach mit mir und erzählst mir aus Deinem Leben, nicht wahr? Besonders aus Deiner Kindheit, das höre ich am allerliebsten. Aber nun geh, lieber Vater; bitte, bitte, geh wieder zur Ruhe!“

„Ich will Dir’s zu Liebe thun, mein Junge,“ sagte der Freiherr, „ich thue Dir ja Alles zu Liebe! Aber nicht wahr, wenn es schlimmer würde, läßt Du mich rufen, liebe Adelheid?“ wandte er sich an seine Frau, die gesenkten Blickes neben ihm stand.

„Gewiß!“ sagte sie, und der Freiherr erhob sich von seinem Stuhle.

„Vater, einen Kuß!“ bat Alfred, und als der alte Herr sich zu ihm niederbeugte, fühlte das Kind, wie rasch und ängstlich sein Athem ging – und wieder lächelte es und nickte und winkte mit der Hand, bis der Vater das Zimmer verlassen, dann fiel es in die Kissen zurück, und es war als ergössen sich die Wogen des Fiebers, die der Knabe durch Willenskraft zurückgehalten, auf’s Neue über ihn. Er schloß die Augen, aber eine Thräne rann langsam unter den gesenkten Wimpern hervor.

„Alfred, Du weinst?“ fragte der Candidat.

„Es würde mir so leid für den Vater thun, wenn ich sterben müßte!“ stammelte er wie im Traume.

„Alfred,“ rief Adelheid, „was sind das für Gedanken!“

„Armer Vater!“ lallte er, als habe er nichts gehört.

„Kind, nur um den Vater klagst Du?“ sprach Adelheid mit sanftem Vorwurf, „und an die Mutter denkst Du nicht?“

„Mutter – Mutter!“ wiederholte Alfred mechanisch, aber er konnte keinen Gedanken mehr fortspinnen, er verfiel in eine Betäubung, die dem Schlummer glich.

Adelheid und der Candidat setzten sich leise nieder. Adelheid schaute starr vor sich hin. „Wohl dir, wohl dir,“ dachte sie, „daß du an deines Kindes Bette sitzest! Wie wäre es, wenn du in der Fremde, von einem rauschenden Feste kommend, die Nachricht von seiner plötzlichen Erkrankung erhieltest und müßtest noch Tag und Nacht in der Todesangst reisen, um zu ihm zu gelangen – und fändest es dann vielleicht – – o wohl dir, daß du an seinem Bette sitzest!“ wiederholte sie mit einem Blicke gen Himmel, den nur Gott sehen sollte. Aber auch der Candidat hatte ihn gesehen. Er war so schön, dieser Blick, so schön wie der einer Madonna, da sie über dem Leichnam des gekreuzigten Sohnes betet! Er sah, daß sie betete, und sein Herz that sich ihr auf im Namen der ewigen Barmherzigkeit!

Da sank ihr Auge wieder nieder und unwillkürlich streifte es das ihr zugewandte Gesicht des Candidaten und wieder verbreitete sich tiefe Röthe über ihre durchsichtige Stirn.

Keines sprach ein Wort, Alfred schien ja zu schlafen. Sie vermieden es einander anzusehen, und in diesem Vermeiden lag ein banges Etwas, das schwül und schwer auf ihnen lastete wie die Fieberhitze, die von dem Lager des Kranken ausströmte.

Da ward der Arzt hereingeführt und bei seinem lauten „Guten Morgen“ fuhr Alfred in die Höhe: „St, der Vater, leise [112] – der Vater hört’s“ – lallte er und verfiel dann wieder in Bewußtlosigkeit.

Der Arzt erklärte nach kurzer Beobachtung das Uebel für nichts anderes als eine heftig auftretende, aber gefahrlose Kinderkrankheit. Da legte Adelheid die Hand auf’s Herz: „Ich danke Dir, mein Gott, diesmal war es nur eine Mahnung, aber ich will sie beherzigen!“




7. Kaufleute.

Der Tag, der für die Familie Salten den Schrecken mit Alfred’s Erkrankung brachte, war auch für die Familie Hösli kein so heller Freudentag, wie sie es gehofft. Heiri, der erwartete Sohn, der Erstgeborene, dem die Herzen der Eltern und Großeltern in heißer Liebe entgegenschlugen, Heiri kam nicht ganz als Der zurück, als welchen man ihn erwartet hatte. Er war ein Mensch wie aus einem Stück Eichenholz geschnitten, so festgefügt, so durch und durch tüchtig, dabei der schönste eleganteste Jüngling, der je ein Mutterauge entzückt, und der talentvollste Kopf, der je den Stolz eines Vaters ausmachte, aber er war nicht mehr das, als was er erzogen worden: ein Schweizer. Wie konnte er es auch sein? Herr Hösli war vor einundzwanzig Jahren, als der alte Bürgermeister das Seidengeschäft noch selbst leitete, als schweizerischer Consul nach Brasilien geschickt worden und hatte sich da mit seiner Frau, der Tochter eines in Rio Janeiro etablirten Nordamerikaners, vermählt. Nach seiner Verheirathung vertauschte Hösli, der sich in Brasilien nicht eingewöhnen konnte, sein dortiges Consulat mit dem in New-York.

Heiri wurde, wie alle seine Geschwister, in New-York geboren, aber er als der Aelteste brachte gerade die entscheidendsten Entwickelungsjahre dort zu, denn Hösli behielt das New-Yorker Consulat, bis sein Vater ihm das Geschäft zu übergeben und sich zur Ruhe zu setzen wünschte. Da erst, vor etwa vier Jahren, legte er es nieder und kehrte in die Heimath zurück.

Heiri hatte von je eine Vorliebe für das Bau- und Maschinenfach gezeigt und mit so außerordentlichem Erfolg seine Studien in New-York begonnen, daß Herr Hösli es nicht für rathsam hielt, ihn wieder herauszureißen und mit in die Heimath zu nehmen. Alle Eltern müssen ja ihre Söhne in die Welt, auf Reisen schicken; was war natürlicher, als daß er seinen Heiri da ließ, wo er war und wo er in einem großen befreundeten Geschäftshaus untergebracht werden konnte, wie in Abrahams Schooß. Von dort sollte er dann nach zwei Jahren über England nach der Schweiz zu den Eltern zurückkehren. So kam es auch. Aber in England gefiel es dem jungen Geschäftsmann und Ingenieur so gut, und er hatte dort Gelegenheit so außerordentliche Dinge zu sehen und zu lernen, daß er immer neuen Urlaub von dem Vater zu erbitten wußte, und so war die beabsichtigte Rückkehr über England zu einem zweijährigen Aufenthalt angewachsen. Endlich hatte aber doch Herr Hösli einen Machtspruch gethan und Heiri gehorchte, aber nicht ohne geheimes Widerstreben. Zuvor jedoch hatte er seinen Vater noch zu dem Entschluß gebracht, einen seit Jahren gehegten Plan der Vergrößerung seiner Fabrik in Ausführung zu bringen. „Vater, gieb mir gleich einen großen Wirkungskreis, eine Beschäftigung, die mich nicht zu Athem kommen läßt, sonst thut’s mit mir kein gut in Euren kleinstädtischen und kleinkrämerischen Verhältnissen!“ hatte er seinem Vater geschrieben, und der Vater hatte ihn auf diese Aeußerung hin scharf zurechtgewiesen, aber doch eingewilligt, ihm nach bestandener Prüfung die Umgestaltung der Fabrik zu übertragen.

Herr Hösli ahnte nicht, daß diese eine Aeußerung der Schlüssel zu Heiri’s ganzem Wesen war. In Amerika geboren und erzogen, in England vollends ausgebildet, ward eine gewisse – nicht Großthuerei, dazu war er zu nobel – aber eine gewisse Großlebigkeit in dem Wesen des jungen Mannes entwickelt. Ihm war Amerika die Heimath, die Schweiz aber fremd, er liebte, wie die Jugend stets thut, das Gewaltige in allen Dimensionen, und die schweizer Verhältnisse mußten ihm, mit seinem amerikanischen Maßstabe gemessen, klein und lächerlich erscheinen. Er war mit einem Wort in seinem Benehmen, in allen seinen Anschauungen und Neigungen ein Amerikaner geworden, der in das einfache Schweizerhaus, das den Großeltern zu Liebe seine alt-ehrwürdigen Bräuche mit frommer Pietät einhielt, nicht mehr paßte. Denn einmal wieder im Vaterland, war Herr Hösli auch wieder ganz Schweizer geworden; sein Sohn aber wurde es schwerlich mehr! Nach wenigen Stunden froh bewegten Beisammenseins wußten das die Herren Hösli Vater und Großvater, und ein Schrecken bemächtigte sich der Beiden, als hätten sie in dem, der sich für ihren Sohn und Enkel ausgab, und den sie mit überströmender Zärtlichkeit im Schooß der Heimath aufnehmen wollten, plötzlich einen Fremden erkannt, der die Rolle des echten Sohnes nur spielte, sehr natürlich zwar, sehr liebenswürdig und warm, aber doch nur spielte. „Bei uns in New-York ist das anders“ – war sein drittes Wort bei Allem, was ihm nicht anstand. Die Großeltern, die er ja noch nicht gesehen hatte, behandelte er mit Liebe und Respect, aber mit einer Art von Mitleid. Daß sein Vater und seine Mutter sich so gründlich „eingeschweizert“ hatten, war ihm unbegreiflich und das „Züridütsch“ war eine scheußliche Sprache, die er nie lernen wollte.

Und die Herren Hösli Vater und Großvater sahen sich einander an schweren, umdüsterten Blicks, und das Auge des Alten schien zu sagen: „Siehst Du, es ist gekommen, wie ich es prophezeit – es thut kein gut, solch junges Blut vier Jahre lang in der Fremde zu lassen.“

Herr Hösli der Vater aber stand auf und ging schweigend hinaus. Der Abend dämmerte über dem See, und Herr Hösli trat mit seiner gepreßten Brust an die Balustrade und athmete die bange Sorge vom Herzen herunter in die weite, in die ätherreine Luft hinaus, die kein noch so schmerzlicher Seufzer aus Menschenbrust je beschweren konnte; denn hätte er’s gekonnt, schon längst wären Alle, die da lebten, Glückliche und Unglückliche, erdrückt worden von der ungeheuren Wucht solch einer schmerzverdichteten Atmosphäre!

Und während er so dastand und hinausschaute in die duftige Ferne und der See – der alte traute See – zu seinen Füßen murmelte, der ihn und seine Ahnen und Urahnen von Kindheit auf geschaukelt und getragen wie ein treuer Wärter, da kam auch neue Zuversicht über ihn. „Er wird sich wiederfinden!“ sprach er zu sich selbst und sandte liebend und hoffend den Blick in die Ferne nach den grau verschwimmenden Gebirgen mit ihren weißen Spitzen. Da haftete sein Auge wie trunken an einer Stelle. Was war das? Dort oben auf den höchsten Gipfeln erglühte plötzlich eine Zacke feurig roth. Dunkler und dunkler ward es, und als glimme in den Gletschern ein verborgener Brand, der nur sichtbar würde, nachdem das Tageslicht erloschen, so erleuchtete sich mit der sinkenden Nacht Firn um Firn, als sollten die alten Hüllen von Eis schmelzen an der inneren Gluth. Wie eine Braut, die von dem Kuß des Geliebten träumt, im Schlummer erröthet, so schimmerte purpurn die Erinnerung durch die kristallenen Stirnen der schlummernden Alpen, die flammende Erinnerung an den heißen Kuß des Tages und der dunkle Spiegel des Sees strahlte den rosigen Schein wieder, ruhig, traumversunken.

Das war das Nachglühen der Alpen, das von Millionen, die da kommen, um die Wunder der Schweiz zu schauen, oft nicht Einer gesehen, das kein Schweizer erblickt, ohne daß es ihn selbst auf die Kniee niederzieht.

Und Herr Hösli, der ernste trockene Geschäftsmann, stand wie in Zauber befangen, aus dem zähen stillen Schweizerherzen stiegen wohlthätig warm die Thränen auf.

„Vater, was ist das?“ tönte jetzt plötzlich die Stimme seines Sohnes hinter ihm, und der Mann wandte sich um, zog den Sohn in seinen Armen an das Ufer und deutete hinaus: „Sieh, mein Sohn, das ist Deine Heimath!“ Die sonst so sichere Stimme zitterte ihm, er konnte nicht mehr sagen – er brauchte auch nicht mehr zu sagen! –

[113] Wochen vergingen dem armen Alfred in Beschwerden aller Art und lähmten den Schwung seiner Seele auf’s Neue. Der unglückliche Knabe verfiel in eine an Stumpfheit grenzende Resignation. Die Krankheit, ein heftiges Scharlachfieber, hatte, nachdem sie gehoben, eine Augenentzündung zurückgelassen, so daß Alfred nun beständig mit verbundenen Augen gehen mußte. Der moralische Anlauf, den seine Mutter in der ersten Angst bei seiner Erkrankung genommen, wich während der endlos langsamen Reconvalescenz einer Erschlaffung, die bei solchen schwachen Naturen unausbleiblich ist, und in einer trüben Abspannung erlosch endlich die neuentfachte Mutterfreudigkeit. Wohl versuchte sie dieselbe durch eine verdoppelte, ja übertriebene Sorgfalt zu ersetzen, aber Alfred empfand es doch und erschreckte Adelheid eines Tages mit der einfachen Frage: „Nicht wahr, Mütterchen, Du hast’s satt, das immerwährende Krankenpflegen?“

Warum fiel so etwas dem Knaben nie bei seinem Vater, dem Candidaten oder Tante Lilly ein? Und seine Mutter that doch, was nur möglich war, wich nie von seinem Bette und seiner Seite, ja, sie erlaubte sogar, nachdem jede Ansteckungsgefahr vorüber, daß Aennchen ihn täglich besuchte, die trotz ihrer neun Jahre ein unbedingtes Uebergewicht über den phantastischen, allem wirklichen Leben fremden Knaben gewann, ihm alle möglichen Wunderdinge von der Welt da draußen erzählte und ihn dabei so lieb hatte, daß sie’s keinen Tag aushielt, ohne bei ihm zu sein. Und seit er auch noch die Binde um die Augen trug und sich gar nicht helfen konnte, hatte sie ihn doppelt gern, viel lieber als ihre Brüder, nun that er ihr auch noch so leid! Sie durfte ihn oft im Garten herumführen, das war eine Freude! Sie that es so behutsam, Schrittchen vor Schrittchen, und war gar nicht wild, sondern recht vorsichtig, daß er sich nicht stieß oder stolperte, und strengte sich so an mit Stillsein und Achtgeben, daß ihr ordentlich das kleine Herz dabei schlug.

Ein außerordentliches Ereigniß war es für ihn, als eines Tages Herr und Frau Hösli selbst kamen und den Eltern ihren Sohn Heiri brachten. Das Herz schlug ihm hörbar, als ihn Tante Lilly, die in Aennchens Abwesenheit seine treue Begleiterin war, in das Empfangszimmer holte und er sogleich Frau Hösli’s Stimme erkannte. Man nahm ihm die Binde ab und er sah nun in das helle klare Auge der Frau, die er mit dem ganzen Enthusiasmus einer warmen Kinderseele verehrte. Er konnte vor freudigem Schrecken kein Wort herausbringen. Sein Vater, der neben Frau Hösli saß, sah mit Staunen die Bewegung, die den Knaben ergriff, und faßte ihn in die Arme, als fürchte er, daß ihm in diesem Augenblicke das Herz seines Kindes abtrünnig werde. Doch Alfred schmiegte sich innig an den Vater, und als wolle er einen magnetischen Rapport zwischen den beiden geliebten Menschen herstellen, hielt er in der einen Hand die des Vaters, in der andern die der Frau Hösli, und es that ihm so wohl, daß die Beiden so gut und liebenswürdig mit einander waren, während seine Mutter zu seiner Verwunderung sich fast ausschließlich mit den Herren Hösli Vater und Sohn beschäftigte. Der Knabe konnte nicht ahnen, daß die strenge Aristokratin es, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, bei Männern weniger genau mit dem Standesunterschiede nahm als bei Frauen, namentlich wenn diese Männer so artig wie Herr Hösli Vater und so schön wie Herr Hösli Sohn waren! Und ein herrlicheres Bild blühender Jugend konnte es freilich nicht geben als den jungen Hösli. Wenn sich Apoll in einer muthwilligen Laune in die Kleidung eines eleganten Engländers gesteckt hätte, er würde ungefähr so ausgesehen haben wie Herr Heiri. Und dabei war der Jüngling so ruhig, selbstbewußt und doch von so angemessener bescheidener Haltung. Von dem Vater hatte er das scharfe Profil und die schwarzen Haare, von der Mutter die hellen meerestiefen Augen unter seinen dunkeln Wimpern und Brauen. Fürwahr, es war ein Anblick, der das Herz einer jungen gelangweilten Frau von Adelheid’s Temperament wohl erfreuen konnte. Aber nicht nur mit den Augen des Weibes, auch mit denen einer Mutter betrachtete Adelheid Herrn Heiri. „Wenn dir Gott einen solchen Sohn beschieden hätte,“ sprach es in ihr, „statt dieses armen Kranken, aus dem in seinem Leben nichts werden kann!“ Unwillkürlich stieg in Adelheid der Gedanke auf, daß sie um den Preis ihres Wappens gern mit Frau Hösli tauschen und gern ihren Adel für ein Glück, wie das dieser Frau, hingeben würde. Sie erschrak fast über einen solchen Gedanken; wenn Tante Wika oder Graf Egon eine Ahnung davon hätten!

Und in der That trat auch Wika soeben ein zum größten Schrecken Adelheid’s, die sich nun ganz anders benehmen mußte. Bella erschien nicht, denn sie verrichtete soeben ihre Zwölfuhrandacht. Wika aber hatte sich’s doch nicht versagen können, sich die „Geldsäcke“ wieder einmal anzusehen. Und sie begrüßte mit einem kurzen Kopfnicken die Gesellschaft, schaute mit ihren schlauen Aeuglein bald auf den jungen Hösli, bald auf Adelheid und flüsterte Lilly, die auch einmal etwas sagen wollte, ein zärtliches [114] „Schwatz’ doch nicht immerfort“ zu. Die arme Lilly flüchtete verschüchtert zu Alfred, wo ein- für allemal ihr Platz war, und verhielt sich ruhig, während Wika herablassend erzählte, wie ihre Herzogin – bei der sie einst Hofdame war – eine Vorliebe für Fabriken gehabt habe, und wie sie auf ihren Reisen überall mit der Hoheit die Fabriken habe besuchen müssen, was übrigens ihr – Wika – gar nicht lieb gewesen sei, weil der Geruch der vielen Arbeiter und das Getöse und der Rumor sie ganz nervös gemacht habe.

Herr Hösli erwiderte hierauf lächelnd: „schlimmer als in einem Lazareth, wo sich doch die Damen der Aristokratie wohlthätiger Zwecke halber auch oft aufhielten, werde der Geruch wohl nicht gewesen sein. Und an den Lärm gewöhne man sich wie der Officier an den Donner der Geschütze. Uebrigens sei eine Fabrik auch kein Aufenthalt für Damen, die sich nur mit dem schmücken sollten, was aus dem Schweiß und Brodem einer Fabrik hervorgehe.“

Wika hatte genug für heute und beschloß, sich mit „diesen Leuten“ nicht weiter einzulassen. Frau Hösli aber sagte unbefangen, es habe sie anfangs auch Ueberwindung gekostet, in die Fabrik zu gehen, denn das Getriebe der Maschinen habe ihr immer etwas unbeschreiblich Beängstigendes und sei ihr wie eine Ahnung, daß ihr einmal durch dieselben ein schreckliches Unglück widerfahren müsse. Aber sie habe es doch endlich gewöhnt und gehe öfter hin, um nach den armen Arbeitern und Arbeiterinnen zu sehen.

„War denn Ihr Herr Vater kein Fabrikant?“ fragte Wika spitzig.

„Nein,“ sagte Frau Hösli heiter, „er war ein Colonialwaarenhändler. Das Feuer, das unsere Producte zu Tage fördern mußte, war die Sonne und das Dach unserer Fabrik der blaue Himmel Brasiliens.“

„Das war wohl ein recht angenehmes Geschäft?“ meinte Wika gnädig.

„O, es kann nichts Schöneres geben, als der Erde so unmittelbar ihre Früchte abzugewinnen, die ersten Lebensbedürfnisse der Menschen zu beschaffen und auszusenden in andere Welttheile, wo die Natur spärlicher giebt und die Menschen begierig auf das warten, was wir ihnen von unserem Ueberfluß schicken. Ich mußte wenigstens bei jeder guten Ernte an die armen Leute in Europa denken, wie sie sich freuen werden, wenn Kaffee und Zucker wieder abschlagen und wie ihnen das gut gerathene Product schmecken wird. Ich hatte mehr Vergnügen daran, zu denken, wie die armen Leute in der kalten Stube sich an einer Tasse heißen Kaffee’s erlaben, als wie sich stolze Damen in der Seide spreizen, die mein lieber Mann gesponnen und vielleicht dabei voll Verachtung an den Fabrikanten denken, der aus ihrer Eitelkeit Nutzen zieht.“

„Das wird wohl keine vernünftige Frau thun,“ sagte Adelheid mit herablassender Verbindlichkeit.

„Ich weiß wohl,“ entgegnete Herr Hösli, „man denkt in Deutschland gering vom Kaufmannsstand, weil man den Gelderwerb immer noch mit einer gewissen Verschämtheit betreibt, während man doch auf den Geldbesitz sehr stolz ist. Seltsamer Widerspruch – als ob es eine Schande wäre, zu erwerben, was doch keine Schande ist, zu besitzen! Dem Handelsmann, der noch in Thätigkeit ist, kehrt man in gewissen Kreisen den Rücken, während der reiche Rentier, der sich, Gott weiß wie, ein Vermögen erschwindelt und den Dandy spielt, überall ein gerngesehener Gast ist. ‚Wovon lebt er?‘ – „Von seinen Renten“ – ah, das ist Bürgschaft genug! Ist nun solch ein Mann gar noch ein Ausländer – desto besser! Je weniger man von ihm weiß, desto interessanter ist er. Das putzt den Salon und giebt Gelegenheit mit Sprachkenntnissen zu glänzen. Wie manche vornehme deutsche Familie reist nur in die Schweiz, um auf den so beliebten ‚reichen Engländer‘ zu fahnden, denn wenn sich derselbe auch schließlich als irgend ein einfacher Epicier entpuppt, so deckt wenigstens die große Entfernung die Schande zu, daß man seine Tochter einem Kaufmann zur Frau gegeben. Für die deutsche Verwandt- und Bekanntschaft ist und bleibt er einfach ‚ein reicher Engländer‘! Habe ich nicht Recht, Herr Baron?“ frug Herr Hösli lachend.

„Vollkommen Recht!“ bestätigte der Freiherr.

„Das ist sehr schmeichelhaft für uns!“ bemerkte Wika und wackelte vor Zorn mit dem Kopfe.

„Present company is always excepted,“ sagte Herr Hösli mit einer artigen Verbeugung; „daß ich mir erlaubte, diese kleine Sonderbarkeit der Deutschen in Ihrer Gegenwart zu berühren, mag Ihnen beweisen,[WS 1] wohl wie sehr ich Sie sämmtlich von dieser Sinnesart ausnehme! Es läßt sich ja gar nicht leugnen, daß diese falsche Scham auf einem Zartgefühl beruht, welches die Deutschen vor allen anderen Nationen auszeichnet, auf einer Geringschätzung der materiellen Güter des Lebens. Aber diese Geringschätzung ist eben heutzutage doch nicht mehr am Platze, wo so gewissermaßen alle Menschen bis zu einem gewissen Grade Kaufleute sind.“

„Ah“ – machte Wika, „da wäre ich denn doch begierig!“

„Nun, meine Gnädige, was thut ein Kaufmann? Er läßt gewerbsmäßig für Geld Dinge, in deren Besitz er sich befindet, an Andere ab, nicht wahr?“

„Freilich!“

„Man kann aber auch andere Dinge als Waaren verkaufen und einen nominellen Werth in einen realen umsetzen. Alles, selbst das Höchste und Unschätzbarste, wird mit Geld bezahlt und das Letztere oft gerade am schlechtesten! Der Tagelöhner verkauft seiner Hände Kraft, der Dichter und Künstler die Schöpfung seines Talentes, der Advocat seinen Rath und seine Einsicht, der Richter sein Urtheil, der Gelehrte sein Wissen und der Officier sein Leben oder wenigstens seine geraden Glieder. Wer thut oder giebt etwas umsonst? Sogar der aufopferndste Diener der Menschheit, der Arzt, läßt sich das Menschenleben bezahlen, das er gerettet, auch das, welches er nicht gerettet; ja selbst der Geistliche, der geweihte Diener Gottes, tauscht das göttliche Wort für Geld aus und jeder Segensspruch am Altar oder am Sterbebette hat seine bestimmte Taxe. Wie, und wir Kaufleute sollen uns schämen, für den Fleiß und die Mühe, womit wir die Bedürfnisse der Gesellschaft herbeischaffen müssen, eben auch unsere Entschädigung, unseren Profit zu fordern?“

Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand. Herr Hösli wartete einen Augenblick auf Antwort, denn fuhr er ruhig fort: „Sie werden mir im Stillen entgegnen, daß für die Denker, Dichter, Beamten und so weiter das Geld nur Mittel zum Zweck, für den Kaufmann aber Zweck ist. Ich will es anheimgestellt sein lassen, wie viele Dichter um des Geldes willen schaffen, wie viele hochangesehene Geistliche und Beamte ihren Beruf nur als Broderwerb betrachten! Ich sage ganz ehrlich: Ja, wir Kaufleute wollen Geld machen und thun damit nichts anderes, als was in früheren Zeiten die größten Potentaten auf dem Wege der Alchymie versuchten, was heut zu Tage Jeder auf dem Wege vernünftiger Speculation versucht, der erkannt hat, daß Geld Macht und Freiheit in sich schließt! Wer Geld hat, ist unabhängig, ist Herr seiner selbst und seiner Zeit. Ich leugne nicht, daß ich mit Freuden arbeite, um mein Vermögen zu vergrößern, denn, da bei den Bürgerlichen alle Kinder gleich erbberechtigt sind, geht unser Besitz dereinst in vier Theile und ich muß ihn vervierfachen, wenn ich jedes Kind so reich wie uns selbst zurücklassen und meiner Familie auf lange hinaus eine freie unabhängige Stellung sichern will. Sie, Herr Baron, der Sie als Adliger so viel auf Familien-Ehre und Ansehen geben müssen, werden das am besten verstehen. Es ist nur der Unterschied zwischen uns, daß der Adel, um den Glanz der Familie zu erhalten, die jüngeren Nachkommen von der Erbschaft des Hauptvermögens ausschließt, daß wir aber für unsere jüngeren Kinder noch ein Vermögen zu dem bereits vorhandenen erwerben. So haben es die Hösli’s von Alters her gemacht und es existirt Gottlob Keiner mit Namen ‚Hösli‘ in der Schweiz, der nicht auf eigenen Füßen stünde, oder gar dem Glanz und der Ehre unserer Familie Eintrag thäte!“

„Das ist sehr ehrenwerth gedacht, Herr Hösli,“ erwiderte der Freiherr höflich, aber kalt. Er konnte in den, wenn auch boshaften, aber doch immerhin nicht unhöflichen Reden Wika’s keine genügende Veranlassung zu einer so ausführlichen Vertheidigung seines Standes seitens des Herrn Hösli finden. Lilly aber, das enfant terrible, „vor dem man sich doch nie genug in Acht nehmen konnte!“ plauderte, nachdem die Hösli fort waren, dem Freiherrn den Grund aus. Sie hatte mit Wika und Adelheid in der Küche gestanden, als das Mädchen die Karten Hösli’s brachte, und Adelheid hatte gesagt, sie müsse doch erst noch ein wenig Toilette machen. Darauf habe Wika gerufen: „Na, wegen dem Kaufmannsgesindel wirst Du doch keine Umstände machen?“ Da habe ihnen das Mädchen erschrocken abgewinkt, weil die [115] Betreffenden ganz nahe vor der Küchenthür gestanden seien und es gehört haben mußten. Nun war dem Freiherrn alles klar und seine edle Natur empörte sich gegen die Beleidigung, die den ehrenhaften Leuten in seinem Hause widerfahren war. Er stellte Wika scharf zur Rede. Das gab ein paar böse Tage in der Familie Salten! Am schlimmsten war die arme Lilly dran, die sich gar nicht mehr vor den Schwestern sehen lassen durfte, ohne gerupft zu werden wegen ihrer Klatscherei. Das Nachmittagspiket wurde eine gelinde Marter für den Freiherrn und der Candidat wußte kaum, wie er Alfred vor den widerlichen Eindrücken behüten sollte, die solch eine keifende zankende Umgebung auf ein Kindergemüth machen mußte.

Adelheid aber verlor in diesem Leben und Treiben vollends Geduld und Muth. „So hat kein Sterblicher sich je die Wonnen des Paradieses ausgemalt,“ schrieb sie an den Grafen Schorn, „wie ich mir die Wonne denke, im Frieden Deines Herzens auszuruhen von all’ dem ekelerregenden Gezänk meiner Umgebung und all’ der Sorge und Angst um mein dahinsiechendes Kind! O Gott, nur eine Freude, nur eine Stunde der Erholung, wenn ich nicht zusammenbrechen soll! Ich bin ja nur ein schwaches Weib, und was man mich ertragen läßt, wird endlich unerträglich! Wenn ich nicht den Candidaten hätte, der mich aufrecht hält“ – doch halt, was schrieb sie da? Wie konnte man sich so verschreiben! Sie radirte den „Candidaten“ sorgfältig aus und machte „Glauben“ daraus – das paßte auch, das hatte sie auch ursprünglich schreiben wollen! –




8. Hösli’s Fabrik.

Der Freiherr, stets bereit, ein Unrecht wieder gut zu machen, gab den Hösli’s sehr bald mit Adelheid ihren Besuch zurück, und die ruhigen Leute zeigten keinerlei Empfindlichkeit mehr. Herr Hösli hatte allerdings die Aeußerung Wika’s gehört und mit Bezug darauf gesprochen, was er seinem Stande schuldig zu sein glaubte; nun war aber auch genug geschehen und die ganze Sache viel zu gleichgültig, um noch weiter daran zu denken. Herr Hösli namentlich hatte seit Rückkehr seines Sohnes den Kopf voll von Plänen und Geschäften. Heiri hatte einen gewaltigen Dampfkessel neuester Construction aus England mitgebracht. Die Fabrik wurde nun in ungeheurem Maßstabe vergrößert. Der junge Mann war ein Genie in seinem Fache, er hatte die Prüfung über alle Erwartung gut bestanden, er kam als ein Ingenieur ersten Ranges und dabei als ein ausgelernter Kaufmann aus England zurück. Wie hätte einem Vater da nicht das Herz schwellen sollen vor Stolz? Wie sollten nicht alle die kleinen Kümmernisse um des Sohnes entfremdetes Wesen in den Hintergrund treten vor der grenzenlosen Freude über ein Kind so außerordentlicher Art?

Eine ganz neue Aera that sich in dem Leben der Familie auf. Bisher hatte sich Herr Hösli-Pallender mit dem bescheidenen Ruhme, ein streng rechtlicher und geschickter Kaufmann zu sein, begnügt; jetzt aber erfaßte den sonst so ruhigen Mann ein Ehrgeiz, den er nie gekannt: durch seinen Sohn sollte der Name Hösli nicht nur in der Schweiz, nein, in der ganzen industriellen Welt ein epochemachender werden. Das Geldinteresse, die geschäftliche Speculation des einfachen Handelshauses sollte sich plötzlich aufschwingen an der Hand eines schöpferischen Genius! Und dieser Genius war sein Fleisch und Blut, der Erbe seines Namens, der Zögling seiner Schule. „Der Hösli-Pallender hat die größte Fabrik und den tüchtigsten Sohn im Lande!“ so sollte es durch die ganze Schweiz wiederhallen. Kein König war glücklicher als Herr Hösli. Es war ein Ereigniß, welches ganz Zürich beschäftigte, daß der Hösli-Pallender nun doch baute, die halbe „Enge“ ankaufte, um aus den kleinen Häusern ein einziges Riesengebäude zu machen. Es war ein Gewühl und ein Leben in der „Enge“ am See, daß Alfred, der Alles still beobachtete, an den Ameisenhaufen erinnert wurde, den der neuliche Regen aufgerührt. Und er dachte, daß die Thätigkeit solch eines reichen mächtigen Mannes wie ein befruchtender Regen über das Land komme und eine Menge kleiner Geschöpfe aus ihrer stumpfen Gewöhnung aufstöbere und in neue Bewegung setze. Die Handwerker und Krämer, deren Häuser Hösli gekauft, zogen aus mit all ihrem Plunder. Es ward geklopft und gestäubt, Handwägelchen fuhren mit wurmstichigen Bettstellen und dreibeinigen Stühlen hin und her, Männer schleppten den kleineren Hausrath fort, Frauen rafften noch einen oder den andern vergessenen alten Trödelkram zusammen. Es war eine förmliche Auswanderung. Und kaum waren die Einwohner der betreffenden Häuser weggezogen, als auch schon mit dem Niederreißen begonnen wurde und Wolken von Staub sich herüberwälzten, daß die Büsche des hintern Gartenzaunes ganz grau aussahen.

Sommer und Herbst waren zu Ende, und mit Bewunderung sah die Familie Salten, sah ganz Zürich die Mauern des neuen Palastes, denn nur mit einem solchen war die Fabrik zu vergleichen, emporwachsen. Nicht nur aus Zürich, aus Basel und Luzern, aus allen umliegenden Cantonen waren Arbeiter aufgeboten, denn Heiri Hösli mit seinem raschen jugendlichen Blute und sein energischer Vater wollten auf amerikanische Art bauen, also schnell, wie in jenem merkwürdigen Lande, wo Eines das Andere vorwärts treibt, Alles geschieht!

Die alte Fabrik war nur ein Nebenflügel der neuen geworden, die sich jenem mit einem Mittel- und einem dem alten entsprechenden Seitengebäude symmetrisch anschloß. Der hohe prachtvolle Mittelbau trat etwas vor den andern nach der Straße zu vor bis an einen breiten Bach. Dieser sollte die große Turbine in Bewegung setzen, welche in wasserreichen Zeiten ihre Kräfte mit denen des Dampfes vereinen mußte. Hier war auch das Kesselhaus, von wo aus der Generator, der große Dampferzeugungskessel seine treibende Kraft nach allen Seiten der weitläufigen Maschinenräume gleichmäßig ausströmen konnte. Darüber befanden sich die Säle zur Aufbewahrung der fertigen Fabrikate, und unter dem Dache erstreckten sich die Speicher hin, wo Kisten, Kasten und all’ die hunderterlei Utensilien, welche in einem solchen Geschäft nur allein zur Verpackung und Versendung der Waare dienen, untergebracht werden. Unten lagen die Keller mit der Rohseide, gewaltige tiefe Gewölbe, in denen die Seide vollauf die Feuchtigkeit hatte, deren sie bedarf. Obgleich damals noch allgemein die Sitte herrschte, die Dampferzeugungsapparate in das Hauptgebäude zu verlegen, was später gesetzlich verboten wurde, hatten es doch die Hösli’s absichtlich vermieden, unmittelbar über dem Generator Arbeitersäle einzurichten, überhaupt viele Menschen in diesem Theile des Baues zu beschäftigen. Um so belebter und lauter sollte es in den Maschinenhäusern rechts und links werden. Da sollten die Transmissionen keuchen und die Spulen schnurren, die Webstühle klappern und die Winden sausen, und zwischen all’ dem unaufhörlichen Rasen und Tosen mit Gedankenschnelle sich drehender Maschinen hindurch sollten die Stimmen von fleißigen Menschen erschallen und tausend rührige Hände die Arbeit der Maschinen ergänzen und vollenden.

In dem eigentlichen Haupt- und Fabrikgebäude waren die Spinn-, Zwirn- und Webesäle, jeder zu zweihundert Arbeitern zugerichtet, die Ateliers für die Musterzeichner, die Bureaux und die Localitäten für Verpackung und Versendung der Waare. Aber auch die Hintergebäude waren vergrößert, in den ungeheueren Küchen für die Färberei sollten mehr als hundert Arbeiter beschäftigt werden, und endlich kam noch eine Schlosserei, Schreinerei und Schmiede dazu, denn das Steckenpferd des jungen Hösli war eine Maschinenfabrik, in welcher er alle bei der Seiden-Spinnerei und -Weberei erforderlichen Maschinen selbst anfertigen wollte, ein Gedanke, der dem Geschäft einen unberechenbaren Vortheil sicherte. Ein Unternehmen in solch großartigem Maßstabe mußte natürlich in die ganze Züricher Geschäftswelt einen neuen Umschwung bringen, und das Interesse für und wider war ein allgemeines. Neid und Mißgunst traf natürlich nur den Vater, den Besitzer, – aber die ungetheilte Bewunderung Aller sammelte sich auf dem Haupte des Sohnes, der dieses gewaltige Werk entworfen und ausgeführt hatte.

So standen die Hösli’s auf dem Zenith äußern und innern Glückes und bürgerlicher Größe, und wie mit Flammenzügen prägte sich der Alles beobachtenden Seele Alfred’s, der nun längst wieder genesen war, der grelle Contrast zwischen dem zwecklos und eintönig dahinschleichenden Leben der Seinen und der Hochfluth in dem thätigen weitverzweigten Dasein dieser stolzen Bürgerfamilie ein.

„Herr Candidat,“ sagte er einmal zu Feldheim, während sie mit einander am Fenster standen und dem Bau zusahen, „wenn ich je in meinem Leben gesund und gescheidt genug dazu würde, ich würde auch einen Beruf erwählen, ich würde ein Kaufmann oder ein Gelehrter. Nicht wahr?“

„Wenn Du Johanniter werden willst, mein Kind, kannst Du keinen Handel treiben, das verstößt gegen die Satzungen des Ordens!“ erwiderte lächelnd der Candidat.

[116] Alfred stutzte und schwieg einen Augenblick verlegen, dann fragte er: „Warum denn?“

„Weil sich für den Adel kein Beruf schickt, dessen alleiniger Zweck der Gelderwerb ist,“ erklärte Feldheim mit leiser Ironie. „Und was wolltest Du denn mit dem Gelde machen?“

„Ich würde Krankenhäuser errichten für arme Leute! Ich würde es machen wie Herr Hösli, der seinen Arbeitern noch kleine nette gesunde Wohnungen baut, und Alles lobt und segnet ihn dafür. Ist es denn auch eine Schande für einen Johanniter, etwas studirt zu haben? Wenn ich nun Arzt würde? Da könnte ich mir die Mittel verdienen, die ich brauche, um all’ meine Pläne auszuführen.“

„Mein Kind,“ sprach der Candidat, „Du wirst früher oder später erkennen, was ich meine, wenn ich Dir sage, Du brauchst nicht Johanniter zu werden, um die hohe Mission zu erfüllen, zu der Du berufen bist! Doch jeder Mensch muß seinen Jugendtraum haben. Der Deine ist das Ritterthum der Barmherzigkeit, das so ganz Deinem sanften liebeathmenden Wesen angemessen ist, und ich will Dich nicht daraus erwecken!“

„O nein, Herr Candidat,“ bat Alfred mit einem rührenden Blick, „lassen Sie mir diesen Traum, er ist so schön, so erhaben, wie ich ihn im Herzen trage!“

Der Candidat schwieg und betrachtete sinnend den Knaben. Nein, er wollte ihm nicht an den frommen Wahn rühren. War dieser Gedanke des Johanniterthums doch vor der Hand der einzige friedliche Ausgleich, der sich zwischen dem idealen Drang des Knaben und den Standesforderungen seiner Familie finden ließ. Hatte er doch auch den alten Herrn nie so zufrieden gesehen, als da ihm Alfred zum ersten Male seinen Vorsatz, Johanniter zu werden, mittheilte. Da unterbrach Alfred den Lehrer in seinem Nachdenken: „O Herr Feldheim, sehen Sie, jetzt kommt der Kessel!“ Der Candidat trat herzu.

Wenn man solch einem Bau lange zuzusehen Gelegenheit hat, so gewinnt man allmählich ein Interesse dafür, als ob man ihn selbst anfertigte, und jede neue Phase, in die das wachsende Werk tritt, begrüßt man wie ein Ereigniß. Es ist dies mit Allem so, dessen Entwickelung wir beobachten. Es ist die Freude am Werden oder am Werdensehen, die uns unwillkürlich zu Mittheilhabern an jedem vor unseren Augen entstehenden Werke macht, sei dies nun eine Schöpfung der Natur – eine Pflanze, ein Thier, ein Mensch – oder sei es ein Gebild von Menschenhand und Menschengeist.

„Nach dem Genuß, dem höchsten, den es giebt: selbst zu schaffen, kommt doch gleich unmittelbar der Genuß, schaffen zu sehen,“ sagte der Candidat und lehnte sich weit zum Fenster hinaus, um das angekündigte Ereigniß zu verfolgen.

Alfred war voll Spannung. Das war ja der Kessel, von dem ihm Aennchen einmal erzählte, Heiri habe ihn aus England mitgebracht, und er hatte auch noch neuerdings gehört, man lasse einen besondern Heizer aus England dazu kommen. Wie neugierig war er, um das Wunderding zu sehen, aus dem man so viel Wesens machte! Auf einem niedrigen breitspurigen Wagen, von sechs keuchenden Frachtpferden gezogen, schwankte der schwarze Koloß langsam und majestätisch daher, der größte Hochdruckkessel, der bis dahin noch in Zürich gesehen worden. Die Erde erbebte unter den Schlägen der überlasteten Räder, daß der Boden unter Alfred’s und seines Lehrers Füßen zitterte und die Scheiben leise klirrten. In unterbrochenen donnerartigen Stößen kam es grollend näher und näher, feierlich, ungeheuer, wie eine gefesselte Naturkraft, die in ihrem Schooße lauerndes Verderben birgt. So erschien es Alfred’s erregter banger Phantasie. Aber die Leute da unten betrachteten es anders. Die ganze „Enge“ wimmelte von Zuschauern, ein dichter Schwarm zog jauchzend vor und neben dem Wagen her. Es war, wie wenn die Kinder Israels das goldene Kalb umtanzten. Und doch war dies etwas anderes, denn das goldene Kalb war nichts als ein leerer Begriff, das eiserne Monstrum aber sollte der Wohlthäter vieler Hundert armer Arbeiter werden, die auf Beschäftigung in der neuen Fabrik warteten. Es war kein todtes starres Götzenbild, es war das riesenhafte eiserne Herz eines gigantischen eisernen Fabrikkörpers, ein Herz, das glühen, überströmen, springen konnte, wie ein ungestümes volles Menschenherz und das seine Gluth mächtig pulsirend durch metallene Adern trieb, und damit einen Organismus in Thätigkeit setzte, dessen Brüste, denen einer Isis gleich, Schaaren hungernder Wesen Nahrung boten. Wohl hatten sie Recht, die Massen, welche das Wunder umkreisten, von dem sie so viel hofften, sie brauchten nicht darüber, wie die Kinder Israels, ihres wahren Gottes zu vergessen, sie konnten ihn auch in dieser Schöpfung von Menschenhand erkennen, wenn sie es nur recht verstanden. War doch der Geist, der das gewaltige Werk ersonnen, auch ein Ausfluß des ewigen Geistes, der da waltet und wirkt im Kleinsten wie im Größten und die Menschheit lehrt, aus den rohen Kräften sich Waffen zu schmieden nicht nur im Kampfe um das Dasein, auch im Kampfe um die ewige Schönheit dieses Daseins.

Der Wagen hielt vor der breiten Brücke an, die über den Bach zum Eingang führte. Wie ein Feldherr mit seinem Adjutanten standen Herr Hösli und sein Sohn auf dem Gerüst, um das Abladen zu überwachen. Eine lautlose Stille trat jetzt ein, nur von den Commandorufen der Ingenieure unterbrochen, da die ungeheuren Winden und Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um den regungslosen Koloß von der Stelle zu bringen, als fühle Jeder die Verantwortlichkeit einer Operation, wo ein solches Herz in einen solchen Leib gesetzt wurde!

Es war vorüber, die dampfenden Pferde rasselten mit dem leeren Wagen von dannen. Die Höslis waren dem Kessel in das Innere des Baues gefolgt und die Menge zerstreute sich schwatzend und aufgeregt.

Alfred wischte sich den Schweiß von der Stirn: „Mir ist, als hätte ich mitgearbeitet,“ sagte er aufathmend und sah den Candidaten an, ob es ihm nicht auch so gehe. „Was habe ich für eine Angst ausgestanden!“

„Gott gebe seinen Segen!“ sprach Feldheim ernst. „Es ist ein großes Ding, wenn Feuer und Wasser so eng zusammengejocht sind! Gott gebe seinen Segen!“

[129]
9. Helione.

Herbst und Winter waren vorüber. Alfred hatte die traurige Eiszeit, während deren er immer im Zimmer bleiben und vom Fenster aus zuschauen mußte, wie Aenny mit den Anderen im Schnee spielte, ziemlich gut überstanden, und sein Vater, der des Knaben Wachsthum alljährlich auf einem an die Wand genagelten Brette bezeichnete, konnte diesmal den Strich zur großen Freude der Familie um einen Finger weiter hinaufrücken. Aber gegen Aennchen kam er freilich nicht auf. Alle Säume hatten dem Riesenmädchen heruntergelassen werden müssen. Sie hatte im März ihren zehnten Geburtstag gefeiert, und doch war sie so groß wie der vierzehnjährige Junge, und ihre Ausgelassenheit kannte keine Grenzen mehr. Nicht genug, daß sie täglich ein paar Stunden regelrecht turnte und ihren Turnlehrer durch ihre Kraft und Ausdauer in Staunen setzte. Da war kein Baum, auf den sie nicht kletterte, kein Graben, über den sie nicht sprang, kein ausgespanntes Wäscheseil, an das sie sich nicht hing und woran sie sich wie eine Glocke hin und her schwang. Alle Abschüssigkeiten, Unebenheiten, Vorsprünge, Ecken und Kanten dieser Welt, an denen sich andere Menschen ängstlich vorbeidrückten, schienen nur dazu da, daß Aenny die Kraft ihrer jungen Muskeln daran erprobe, ungefähr wie junge Hunde an Allem nagen, was hart ist, um dem Reiz der durchbrechenden Zähne zu genügen.

So wuchsen und gediehen die Kinder der Hösli’s. Auch die Fabrik war vollendet; sie glich mit ihren hohen Schornsteinen einer kleinen betriebsamen Stadt mit vielen Kirchthürmen und zwar einer reichen, denn nirgends traf das Auge innerhalb ihres Weichbildes auf Armuth und Elend. Herr Hösli war ein Fürst, der seine Unterthanen glücklich zu machen verstand. Gelingen und Glück zeigte sich rings um ihn her und erschien den Saltens wie eine Zauberei, weil sie die natürliche Ursache desselben nicht kannten, den Fleiß. Nur Einer von ihnen kannte und besaß ihn, es war Alfred. Er war sich im vergleichenden Hinblick auf Alles, was sich seiner jungen Seele in dem eigenen und dem Leben der Nachbarn bot, bewußt geworden, daß Arbeit der Hebel ist, der Alles in Bewegung setzt; er hatte erkannt, daß es heutzutage keine Bedeutung mehr giebt als die der Leistungsfähigkeit, und ein unbezwinglicher Lerneifer – die erste Erscheinungsform eines männlichen Strebens in dem zarten Knaben – bemächtigte sich seiner. Der Candidat hatte ihn nur immer zurückzuhalten, nicht anzufeuern, und selbst in seinen Freistunden gönnte er sich nur eine Erholung, wenn Aenny kam; blieb sie weg – was jetzt öfter geschah als früher, denn der sanfte „vernünftige“ Alfred genügte dem kleinen Kraftgenie nicht mehr –, dann benutzte er die Zeit, wo der Candidat ihn sich selbst überließ, um heimlich weiter zu lernen. Auch hierin wie sonst beim Spielen mußte Tante Lilly herhalten. Sie mußte ihn überhören oder ihm dictiren, wenn er etwas rasch abschreiben wollte, um es besser einzuprägen. So saßen sie an einem herrlichen Junimittage in der Freistunde zwischen Zwölf und Eins beieinander und Lilly überhörte ihn lateinische Vocabeln, ein Ueberhören, welches darin bestand, daß sie Alfred die deutschen Vocabeln und er die lateinische Uebersetzung sagte. Sie hatten zu solch ernsten Beschäftigungen einen Aufenthaltsort gewählt, wo sie stets allein waren, einen alten verwahrlosten Pavillon, am Ende des Gutes, den nie Jemand betrat, weil er hinter dem Hause lag und keinen Blick auf den See bot. Die arme Lilly kam nicht recht mit ihrer Obliegenheit zu Stande, denn es war dunkel in dem Pavillon, dessen von Ranken und Gestrüpp überwachsene Fenster keinen Sonnenstrahl hereinließen, und sie hatten die Thür des Pavillons zugeschlossen, angeblich um des ungestörten Lernens willen, in der That aber nur, weil es Beiden ein behagliches Gefühl war, vor den übrigen Tanten sicher zu sein.

„Alfred,“ sagte Lilly, als die Aufgabe pflichtschuldigst hergesagt war, „ich habe was Gutes, da sieh her!“ Sie zog eine große Schachtel mit Chocolade hervor. „Das darfst Du auch essen; komm, wir wollen’s uns schmecken lassen.“

Alfred drohte ihr lächelnd mit dem Finger: „Tante, Tante – Du vernaschest wieder Dein ganzes Taschengeld! Was würde Tante Bella sagen, wenn sie das wüßte? Da, hörst Du? Sie ruft schon, als ob sie’s gemerkt hätte, daß Du hier etwas Verbotenes treibst.“

Lilly fuhr erschrocken mit der Chocolade in die Tasche, Beide horchten. Es war in der That Bella, aber sie hatte diesmal nicht die zitternde Lilly, sondern Adelheid zu ihrem Opfer auserkoren.

„Adelheid,“ rief sie, „wo bist Du? Adelheid!“

Lilly und Alfred rührten sich nicht in ihrem Versteck und athmeten auf, als die Gefahr vorüber war und Bella’s Stimme in der Ferne verhallte.

Adelheid war eine Strecke über das Gut hinausgegangen, um zu sehen, wie weit der Candidat mit einer Zeichnung gediehen sei, die er auf ihren Wunsch zum nahen Geburtstage des Freiherrn anfertigte.

[130] Auf einer kleinen Landzunge, die ein paar uralte Kastanien beschatteten, hatte er sich niedergelassen und er war so vertieft in seine Arbeit, daß er Adelheid erst bemerkte, als sie schon hinter ihm stand. Er sprang so rasch auf, daß die Mappe, auf der er gezeichnet, ihren Inhalt in einer Menge loser Blätter umherstreute. Erschrocken bückte er sich darnach, aber bevor er sie zusammenraffen konnte, hatte Adelheid eine Zeichnung erblickt, die ihr eigenes sprechend ähnliches Portrait war. Sie entriß es dem Candidaten, ehe er es fassen konnte, und ein holdseliges Erglühen überflog sie, wie ein sechszehnjähriges Mädchen.

„O, Sie haben mich gezeichnet!“ rief sie, „wie unfreundlich, uns das Bild zu verbergen!“

„Es ist ja nur eine Studie, gnädige Frau,“ sagte der Candidat kalt.

„Was heißt das griechische Wort, das Sie darunter schrieben?“ fragte sie.

„Eine Phantasie – weiter nichts, gnädige Frau!“

„Herr Feldheim, warum sind Sie so fremd und zurückhaltend gegen mich geworden?“

Er schwieg.

„Herr Feldheim,“ rief Adelheid mit plötzlichem Entschluß und hob die kleine weichgeformte Hand auf, „diese meine rechte Hand gäbe ich darum, wenn Alles wieder zwischen uns werden könnte, wie es war, wenn wir die alte Unbefangenheit, die alte Herzlichkeit wiederfänden, die uns im Laufe der Zeit abhanden kam! Wüßte ich nur wenigstens, wer von uns Beiden die Schuld daran trägt – Sie oder ich?“

Feldheim schaute über sie weg und schwieg mit einem Ausdruck, als habe er so viel zu sagen, daß er nicht wüßte, wie er es in Worte kleiden solle.

Sie sah es und wartete geduldig auf Antwort, aber die Antwort war ganz im Gegensatz zu der erwarteten ein gezwungenes: „Sie beschämen mich, gnädige Frau!“

„Das heißt, Sie fühlen sich als den schuldigen Theil?“ frug Adelheid.

Jetzt fiel der Blick des Candidaten voll und ernst auf sie, und sie bereute die Lüge, sie demüthigte sich unter diesem Blick und wurde wahr.

„Nein, Herr Feldheim,“ sagte sie, „ich fühle, daß ich die Schuld trage, und doch, wenn Sie wüßten – wenn Sie in meiner Seele lesen könnten, Sie würden mir es nicht anrechnen, gewiß nicht!“

„Ich rechne Ihnen nichts an, gnädige Frau, als die Güte, welche Sie mir, seit ich in Ihrem Hause bin, erwiesen, denn diese ist das Beherrschende, das, was immer die Oberhand behielt in Ihrem Wesen.“

„Ich danke Ihnen für dieses Wort,“ sagte Adelheid, „haben Sie Geduld mit mir. Sie sind ja mein einziger Halt in diesem nichtigen Treiben, an Ihnen will ich mich aufrichten, denn Sie allein sind ohne Fehl unter uns Allen.“

„Gnädige Frau“ sagte der Candidat bewegt, „ich bin nichts als ein Mensch, der seine Pflichten liebt.“

„Und ist das nicht Alles, ist es nicht das Höchste? Liebte Jeder seine Pflichten, wer würde sie dann versäumen? Wo blieben dann Schuld und Reue in der Welt? Und welch traurige Pflichten sind es, die Sie lieben! Wahrlich, ich bewundere Sie! Wo ist die Freude, die Zerstreuung, die Erholung, die Sie sich gönnen, wo der Lohn den wir Ihnen bieten könnten, über den Sie nicht hoch erhaben wären? O Herr Feldheim, schelten Sie mich nicht eitel und zudringlich, wenn ich immer wieder versuche, Ihnen etwas sein zu können, trotz meiner Unvollkommenheit, wenn ich Sie bitte: erziehen Sie mich zu dem, was ich sein müßte, um Ihnen würdig zu danken, um Ihnen einen Schimmer von Glück in Ihr entsagungsvolles Dasein zu bringen.“

Der Candidat lauschte diesen Worten wie einer fernen Musik, die Strenge wich von seiner finstern Stirn und sein Auge ruhte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihr.

Sie lehnte sich an den Stamm einer mächtige Kastanie, die Strahlen der Mittagssonne fielen golden durch das Laubdach auf ihre rothen wilden Locken und durchschimmerten ihre glühenden Augen, mit denen sie zu dem Candidaten aufsah. Ein Tizian, ein Fleisch und Blut gewordener Tizian stand sie vor dem stillen Mann, dem Asceten, und der Hintergrund des Bildes war der blaue See und das schneeige Gebirge, der Vordergrund ein einsames lauschiges Kastanienwäldchen, durch dessen Dickicht kein Auge blickte, als das der kleinen Bachstelze, die auf dem Busche saß und neugierig das Köpfchen drehte. Weder das schöne üppige Weib, dessen unbestimmtes Verlangen gleich dem scheuen Vogel den verschlossenen Mann umflatterte, noch die kleine beobachtende Bachstelze hatten eine Ahnung von dem Sturm, der sich inmitten dieses friedlichen Stilllebens in der starren Brust Feldheim’s erhoben hatte. Hätten die Stürme in einer Menschenbrust nach außen Kraft, den See hätte er aufgewühlt und den Himmel verdüstert. Aber die Schmerzen und Kämpfe einer Seele kann auch nur eine verwandte Seele empfinden und Adelheid war zu weit ab von dem Verständniß des Lehrers, um zu fühlen, was in ihm vorging.

So stand er noch immer unbeweglich und, wie es schien, unbewegt vor ihr, und die Mittagshitze brütete heiße und immer heißere Gedanken in den Beiden aus – ein Schritt, eine Spanne vorwärts und er hatte sie erreicht – eine Hand brauchte er auszustrecken und der Tizian trat aus seinem Rahmen und sank an seine Brust! Und er hatte nie gekostet, was Erdenwonne sei, er hatte nie den nervigen Arm um ein Weib geschlungen, hatte nie die schwellende Kraft des jugendlichen Herzens in einem heißen Kusse ausgeströmt. Am Büchertisch hatte er seine Jugend vertrauert, Sorge und Kummer um eine alte Mutter, die er ernährte, waren die Genossen seiner schlaflosen Nächte und vorwärts eilend auf dem rauhen Pfad der Pflicht hatte er sich nicht Zeit gelassen, eine einzige Blume zu pflücken – nicht eine einzige armselige Blume! Und hier neigte sich ihm zum ersten Male des Lebens üppigste Blüthe zu – er fühlte, daß sie sich ihm zuneigte – und er mußte an ihr vorübergehen, wenn er nicht vor sich zum Dieb werden sollte. O, tausendmal leichter im Schweiß seines Angesichts Felsblöcke aus seinem Wege räumen als diese Rose, die sich ihm bot, zur Seite schieben!

Und sie sah den Kampf lodern in seinen Blicken, sah die verschlossenen Lippen zucken, sah die seltsame süße Feindseligkeit des mit seiner Liebe ringenden Mannes auf seiner Stirne drohen – und ihr Herz schwoll an in unnennbarer Sehnsucht. Alles, Alles war vergessen, der Gatte, der Geliebte – was waren sie Alle gegen diesen Mann in seiner makellosen unnahbaren Hoheit! Und sie lehnte das Haupt wie trunken an den Stamm und schlang ihren weichen Arm um die rauhe Rinde. „Herr Feldheim,“ sagte sie fast flehend und engelhaft schüchtern im Gefühl ihrer Unwiderstehlichkeit, „Herr Feldheim, nicht wahr, was Sie jetzt bewegt, ist nicht Haß gegen mich?“

„Ich Sie hassen!“ rief der Candidat erglühend. „Das konnten Sie nicht im Ernste glauben, und es wäre eine Beleidigung, wollte ich Sie erst des Gegentheils versichern! Sie sind das Märchen meines gedankennüchternen Lebens, ein Wesen so gottbegnadet, wie ich keines sah. Sie fragten mich vorhin, was das griechische Wort heiße, das ich unter Ihr Bild geschrieben. Nun denn, Sie machen mir Muth, es Ihnen zu sagen: es heißt Helione! Die Gelehrten behaupten, wir seien Alle nichts anderes als verwandeltes Sonnenlicht! Bei Ihnen aber hat sich die Wandlung nicht ganz vollzogen, Sie haben noch mehr von dem Urelement an sich als alle Anderen, Sie sind noch lauter Sonnenlicht. Es ist als durchschimmere es Ihren ganzen Körper, als strahle es glühend von Ihnen aus. Wer Ihnen eine Ader öffnete, dem strömte wohl statt Blut Sonnengold entgegen. O Helione, sonnengeborene Frau, kein Staubgeborener kann das Auge auf Sie heften ohne geblendet zu sein! Und dennoch –“

„Und dennoch?“ fragte Adelheid in höchster Spannung. „Weiter, weiter!“

„Und dennoch haben auch Sie Ihre Sonnenflecken, wie das mächtige Gestirn, aus dem Sie hervorgegangen sind! Vergeben Sie das kühne Wort, ich glaube aber, die Güte, welche Sie mir erweisen, nicht besser lohnen zu können, als durch Wahrheit. Eine Lüge wäre zu klein für Sie. Ja, gnädige Frau – es ist manches in Ihnen, was mir Ihr glänzendes Wesen verdunkelt. Es ist dies vor Allem der Mangel an Liebe, den ich an Ihnen nach einer gewissen Richtung wahrgenommen. Sie sind gegen uns Alle so gut, der Fremdeste sonnt sich in Ihrer belebenden Nähe, und nur Einer ist ausgeschlossen aus dem Strahlenkreis Ihres Herzens und darbt und friert im Winter seiner Jahre: Ihr Gatte!“

Adelheid zuckte zusammen.

„Gnädige Frau, Sie haben es in der Hand, mich zu strafen [131] für meine Worte. Ich aber kann nicht anders, Sie haben mir zum ersten Male die Lippen geöffnet, ich muß es aussprechen: ich glaube, Sie wären glücklicher, wenn Sie Ihre Pflichten mit mehr Liebe erfüllten. Daß Sie es nicht thun, ist es, was Sie und Ihre Umgebung elend macht! Seit Jahren sehe ich es blutenden Herzens mit an und auch ihr Sohn beginnt es in seinem Gerechtigkeitsgefühl zu ahnen, daß Ihr Gatte, der edle gütige Greis, Alles entbehrt, was solch altes Menschenherz an Zärtlichkeit bedarf. Umgeben von den launischen zänkischen Schwestern, in steter Sorge um sein Kind, hat er Niemanden, der ihm Freude geben könnte, als Sie. Sie sehen es, müssen es sehen – und haben kein Mitleid! Das, gnädige Frau, ist mir ein unlösbarer Widerspruch in Ihrem sonst so wahren Wesen. Ich weiß wohl, Sie können Herrn von Salten nicht als Gattin lieben – und er fordert das auch sicher nicht. Ein kleiner Theil des Wohlwollens, womit Sie mich und Andere beglücken, würde dem anspruchslosen Greis Wohlthat sein. – Nennen Sie mich nicht undankbar, daß ich Ihre Güte mit solch bitterer Wahrheit lohne, aber eben das Glück, was ich in Ihrer beseligenden Annäherung empfand, ließ mir den communistischen Spruch schwer auf die Seele fallen: ‚Keiner hat ein Recht auf Ueberfluß, so lange noch Einem das Nöthigste fehlt.‘ Ich würde an meinem edeln Herrn zum Räuber, wenn ich den Reichthum, den Sie mir bieten, hinnähme, während er, welcher das erste und heiligste Recht an Sie hat, das Nöthigste entbehrt. Ist es nicht meine Pflicht, Ihnen zuzurufen: ‚Geben Sie zuerst ihm, was ihm gehört, und mir – was übrig bleibt!‘?“

Er schöpfte Athem, als habe er die schwerste Arbeit vollbracht. Adelheid hatte die Stirn an den Baum gedrückt und schwieg. Der Candidat raffte Mappe und Zeichnungen zusammen und sagte leise: „Man wird uns zu Hause vermissen, gnädige Frau!“

Sie winkte ihm stumm mit der Hand sich zu entfernen, er schritt gesenkten Hauptes durch das Gebüsch. Wie eingewurzelt blieb er stehen, der Baron und Wika traten ihm entgegen. Auf der Stirn des alten Herrn malte sich eine matte Röthe der Scham und er streckte in unverkennbarer Bewegung dem Candidaten beide Hände hin, als wolle er damit eine große stumme Abbitte thun für eine Beleidigung, von der Feldheim erst durch die Abbitte eine Ahnung bekam.

Beide Männer standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber und hielten sich fest bei den Händen in warmem unausgesprochenem Entgegenkommen. Wika unterbrach die Pause: „Wir wollten Sie zum Essen holen, Herr Candidat, fanden Sie aber so im Gespräch vertieft, daß wir nicht zu stören wagten.“

„Kommen Sie, mein lieber Feldheim!“ sagte der Freiherr und legte im Weitergehen seinen Arm in den des Candidaten. Adelheid hatte sich indeß gesammelt und trat aus dem Dickicht hervor mit glühenden Wangen und gesenkten Wimpern.

„Na, Frau Schwägerin,“ höhnte Wika und wollte sich gleichfalls auf deren Arm stützen „Sie müssen vor der Hand doch noch mit der zänkischen Schwester vorlieb nehmen!“

Adelheid löste mit einer fast königlichen Geberde ihren Arm vom dem Wika’s: „Ich bitte, führe Dich an dem, welchen Du hierher geschleppt, um mich zu belauschen, Verrätherin! Ich habe nichts mehr mit Dir gemein, als den Namen, der mein Fluch geworden!“

„Sieh, sieh einmal,“ grinste Wika, die wieder ganz in ihrem Elemente war. „Die Frau Schwägerin sind ja gewaltig stolz geworden, seit Sie erfahren haben, daß Sie gar aus der Sonne abstammen! Freilich, freilich, solch schöne Complimente können wir anderen ‚Staubgeborenen‘ nicht machen. Ich werde aber Deinen Freunden schreiben, daß man die Briefe an Dich nicht mehr ‚Ihro Hochwohlgeboren‘ – sondern ‚Ihro Hochsonnengeboren‘ adressirt.“

„Wika,“ rief Adelheid außer sich, „bei Euch müßte ein Engel zum Teufel werden! Was ich auch je gefehlt haben mag, tausendfach ist es gebüßt in der Geduld, mit der ich Eure Bosheit ertrug. Hier aber, Wika, ist die Grenze dessen, was ich aushalten kann. Das, was Du in dieser Stunde gehört, laß aus dem Bereich Deiner Quälereien, das bringe nicht mit einem Worte mehr über Deine Lippen – oder ich thue endlich, was ich bisher stets verschmäht, ich suche Schutz gegen Dich bei meinem Gatten.“

Wika erschrak. Es war das erste Mal, daß Adelheid drohte, ihren Mann zu Hülfe zu rufen, und Wika wußte, daß der Freiherr nichts unerbittlicher verurtheilte als Bosheit. Sie schwieg und trippelte athemlos und blinzelnd neben Adelheid her, die so unbelästigt und ungeblendet in dem Brand der lachenden Sonne dahin schritt, als wäre sie wirklich von verwandtem Element.

Der Freiherr war mit Feldheim weit voraus. Er führte sich immer noch an dem jungen Mann und Beide sprachen ernst und angelegentlich miteinander. Sie traten in das Haus, ohne die Damen abzuwarten, und als diese endlich nachkamen, ging Adelheid sogleich auf ihr Zimmer und schloß sich ein. Sie zuckte zusammen, als sie an den Tisch trat, denn da lag ein Brief Egon’s an sie! Mit zitternder Hand erbrach sie ihn, die Photographie eines schönen Mannes fiel ihr daraus entgegen! Sein Bild in diesem Augenblick! Sie war tief erschüttert. Sie warf sich auf die Kniee und erhob wie vor einem Altar flehend die Hände: „Vergieb, vergieb, Egon!“ rief es in ihrer Seele. „An Dein Herz flüchte ich mich zurück – Du, Du nur bist die Liebe, die immer gleiche, die wahre! O Egon, mein Egon – vergieb, vergieb!“ Und sie brach in einen Strom heißer bitterer Reuethränen aus und küßte das Bild, und drückte es an ihren Busen, als wollte sie an dem Bilde gut machen, was sie an dem verbrochen, den es darstellte! –

„Nun?“ fragte im Corridor unten Bella die zornige, schwitzende Wika mit gespannter Erwartung.

„Nichts war’s,“ keuchte Wika, „wir haben sie zu früh aufgescheucht. Sie sind noch nicht so weit mit einander, wie wir es dachten. Hätten wir nur vierzehn Tage länger gewartet, da wäre die Frucht reifer gewesen!“

„Nun,“ meinte Bella mit gefalteten Händen, „so können wir uns wenigstens sagen, daß wir das Seelenheil dieser beiden jungen Verirrten gerettet haben, ohne sie zu vernichten. Sie sind jetzt gewarnt und werden –“

„Ach, geh’ mir mit Deinen Dummheiten,“ fuhr Wika sie an; „was kümmert mich der Adelheid ihr Seelenheil! Den Candidaten will ich aus dem Hause bringen, und nun sitzt er fester als je!“

„O Wika – er ist doch ein Diener Gottes – sei nicht so hart gegen ihn!“

„Ja, nimm ihn auch noch in Schutz! In meine Ohren hab’ ich’s hineingehört, wie er uns zänkische alte Jungfern genannt hat, die dem Alten das Leben verbittern; ein sauberer Diener Gottes das! Ich will’s ihm eintränken, wart nur!“

Da kam Adelheid aus ihrem Zimmer herunter, einen eingelegten Brief Egon’s an ihren Mann in der Hand. Eine gewaltsam unterdrückte Bewegung verrieth sich noch immer, und ihre Augen leuchteten fieberhaft unter den langen Wimpern hervor.

„Ich habe einen Brief von Vetter Schorn,“ warf sie mit gleichgültig sein sollender Miene hin, „er will uns mit meinem Neffen Victor in drei Wochen besuchen.“

„Egon? willkommen!“ rief der Freiherr, der soeben aus seinem Zimmer trat und die letzten Worte gehört hatte. „Ei, das ist ja sehr schön!“

„Du hast doch nichts dagegen, daß er meiner Schwester Sohn mitbringt?“ fragte Adelheid, als wäre dies die Hauptsache an dem Ereigniß.

„Wenn es Dich freut, meine Adelheid – so ist er mir tausendmal willkommen. Victor wird auch ein prächtiger Gefährte für unsern Alfred sein, die Knaben sind ja fast in einem Alter,“ rief der alte Herr und führte Adelheid in das Speisezimmer, wo Feldheim mit Alfred und Lilly wartete.

„Wie gut Du bist!“ flüsterte Adelheid und sah scheu von ihm zu dem Candidaten hinüber, dessen Auge fest und ruhig wie je auf sie gerichtet war. Sie neigte ihr flammendes Gesicht dem Gatten zu und noch einmal streifte ihr Blick den Candidaten.

„Meine Adelheid,“ sagte der Freiherr und zog ihren Kopf an seine Brust. „Mein Weib“ – er hielt inne und verbesserte sich leise, „mein Kind, mein schönes gutes Kind, lege Dich und alles, was Dich drückt, an dies alte Herz – und denke, es sei das Deines Vaters!“ Er wischte eine Thräne ab, die voll in seinen weißen Wimpern perlte, und trat zum Tisch. „Setzen Sie sich heute hierher neben mich, Herr Candidat,“ sagte er und drückte mit seiner blutlosen Hand die pulsirende Rechte des jungen Mannes.




[132]
10. Die Vettern.

Jetzt begann auch endlich einmal im Hause der Salten neues Leben.

Alles war wie verwandelt, Menschen und Gegenstände. Es war ein Putzen und Fegen und Ausbessern bis auf den Grund, denn Graf Schorn sollte den alten Glanz der Salten nicht vermissen, wenn er kam. Wika commandirte den ganzen Tag im Hause herum hinter den Mädchen d’rein, die von Seifenschaum trieften und Alles, was Farbe hielt, unter Wasser setzen mußten. Sogar der leichtsinnigen Lilly, die sonst nie abstäuben durfte, weil sie Alles zerbrach, wurden einige ungefährliche Gegenstände zur Reinigung anvertraut.

Der Freiherr dressirte den ganzen Tag einen neuen Bedienten, der nichts begriff, als daß er bei seinen Uebungen für jedes Glas Wasser, welches er credenzte, ohne es zu verschütten, einen Centime und für jede Platte, die er um den Tisch servirte, ohne Löffel oder Gabel herunter zu werfen, zwei Centimes bekommen sollte.

Bella endlich hatte sich die schwerste Aufgabe gestellt. Sie wollte noch bis zur Ankunft des Vetters einen ganzen Vorrath wollener Leibchen und Binden für das große Johanniterspital, zu dessen Vorstand Schorn gehörte, fertig machen, welchen dann der liebenswürdige Vetter in seinem Koffer oder auch in einem besonderen Koffer portofrei mitnehmen durfte. Wie würde sich der edle Mitbruder in Christo über diese holde Fürsorge und Theilnahme für die Bestrebungen seines hohen Ordens erbauen! Diese Freude mußte ihm um jeden Preis verschafft werden, und die gute Seele nahm sogar sechs arme Tagelöhnerskinder, welche den Vater oder die Mutter verloren hatten, auf ihr Zimmer; die mußten ihr den ganzen Tag stricken helfen, wofür sie ihnen in ihrer christlichen Güte und Barmherzigkeit das Essen gab und sie schöne Bibelsprüche auswendig lernen ließ. So sorgte sie doch auch zugleich für das Seelenheil ihrer kleinen Mitarbeiterinnen an dem wollenen Werke Christi – und wenn eines der Mädchen recht fleißig gewesen – o Freude! dann bekam es – sie kannte keine Grenzen, wenn sie einmal im Wohlthun war – dann bekam es gar eines der hübschen frommen Büchelchen, auf Fließpapier gedruckt, „zur Belehrung und Veredelung der christlichen Jugend“, mit deren Verbreitung ein religiöser Frauenverein die eifrige Bella betraut hatte.

Die kleinen Mädchen dachten wohl manchmal, solch ein warmes Kittelchen für den Winter wäre ihnen lieber! Sie wußten eben nicht, was für ein Unterschied zwischen den Armen eines Vereins, wo Gaben und Geber einregistrirt werden, und den Armen besteht, die ihre Almosen genießen, ohne daß Jemand etwas davon erfährt.

So hatte Jeder im Hause seinen Wirkungskreis, innerhalb dessen er den Empfang des geehrten Gastes vorbereitete, selbst der Candidat und Alfred trieben ihm zu Ehren eifrig die Geschichte der Johanniter, nur Adelheid kümmerte sich um nichts und ging herum wie in einen Traum verloren. In dem allgemeinen Trubel bemerkte es zum Glücke Niemand, nur die wachsamen Augen des Candidaten verfolgten sie unablässig, und gerade ihn vermied sie am ängstlichsten!

Endlich war der Tag der Ankunft Egon’s da. Der Freiherr freute sich auf den großen Vetter und Alfred auf den kleinen. Adelheid ließ sich den ganzen Morgen nicht sehen, „die gnädige Frau machten Toilette“, so oft nach ihr gefragt wurde. Der alte Herr fuhr mit Alfred und dem neuen Bedienten nach Zürich hinein, um die Gäste abzuholen. Die Tanten versammelten sich schon in großer Aufregung im Besuchzimmer, Bella strickte krampfhaft die letzte Binde von einem Dutzend fertig. Wika las noch schnell die Zeitung und Lilly flickte sich am Leibe einen langen Riß in ihrem einzigen Staatskleide zu, der wieder – sie begriff nicht wie – hineingekommen war. Adelheid zeigte sich noch immer nicht.

„Thue mir den Gefallen, Lilly,“ sagte Wika streng, „und wackle nicht immer mit den Zähnen, wenn der Graf da ist. Es ist eine unanständige Gewohnheit.“

„Ja, das ist wahr,“ bemerkte Bella, „besonders bei Tische! Man meint immer, sie fallen Dir einmal auf den Teller.“

Es war die Art der Schwestern, ungewohnte Ereignisse dadurch einzuweihen, daß sie Lilly im Voraus für jede von ihr zu erwartende Ungehörigkeit auszankten.

„Lieber Himmel, wie soll ich’s denn machen,“ warf Lilly schüchtern ein, „wenn mir das Gebiß locker ist und nicht mehr hält?“

„Nein“ schrie Wika, „es hält Dir schon, lüge nicht, aber Du spielst immer mit der Zunge daran herum, wenn Du Langeweile hast, und schiebst es hin und her.“

„Und dabei hast Du beständig den Mund offen wie ein kleines Kind. Man muß sich ja für Dich schämen!“ sagte Bella.

„Laßt mir neue Zähne machen, dann braucht Ihr Euch nicht zu schämen,“ sagte Lilly und verzog weinerlich das Gesicht.

„Trag Dein Geld zu Christus und nicht zum Zahnarzt!“ mahnte Bella streng.

„Zu Christus? Wo soll ich’s denn da hintragen?“ fragte das arme Kind mit einem Anflug sehr gewagten Trotzes.

„Weißt Du ’s nicht, dummes Ding? Gieb’s nur Bella, die hat seine directe Adresse!“ höhnte nun Wika ihrerseits die ältere Schwester. „Ueberdies findest Du in jedem Wohlthätigkeitsverein einen Briefkasten für unseren Herrn Jesus – aber es werden nur Geldbriefe und Werthsachen angenommen.“

„Ich will nur sehen, welche Strafe Gott noch für Dich aufgespart hat, Du giftgeschwollene Lästerin!“ flüsterte Bella und ihre Lippen wurden so fein und dünn wie zwei Messerschneiden, während Wika aus vollem Halse lachte und Lilly ganz heimlich einer kleinen harmlosen Schadenfreude genoß.

„Jetzt kommen sie,“ schrie Wika und deutete nach einem Kahn, der sich dem Ufer näherte. Man hatte von diesem Fenster aus den Blick auf den See frei.

„Schnell die Handschuhe an!“ befahl Bella, steckte ihr Strickzeug in die Tasche, daß es einen dicken Auswuchs an ihrer hagern Gestalt bildete, und zwängte ihre krummen dürren Finger in ein Paar großer Glacés, die sie unter dem Preise gekauft, weil sie Sporflecken hatten. „Lilly, Du ziehst Handschuhe an,“ befahl sie, „ohne Widerrede!“

Lilly fuhr ohne Widerrede in ihre schmutzigen Glacés und bemerkte leider zu spät, daß es ein brauner und ein grauer war.

„Jetzt bemühen sich die Gnädige endlich herunter,“ sagte Wika, die am Fenster Alles beobachtete. „Schön ist das Weib, schön wie die Sünde – das muß ihr der Neid lassen!“

„Ja wohl, schön wie die Sünde,“ betonte Bella mit bekümmerter Miene, „mögen die Engel des Herrn jeden schuldlosen Mann vor ihr bewahren.“

Adelheid schwebte mehr, als sie ging, den Weg über die Kastanienterrasse dem See zu. Sie war wirklich blendend anzusehen. Sie trug ein durchsichtiges weißes Kleid mit kleinen eingewirkten Margueritenblumen und grünen Blättern übersäet. Durch die wild aufgebauschten Locken hatte sie ein flatterndes hellgrünes Band geschlungen, das an der Seite nachlässig von einem Büschel wirklicher Marguerites zusammengehalten war. Was Natur und Kunst thun können, um ein Weib unwiderstehlich zu machen, das war bei Adelheid geschehen und selbst die Mumie Bella durchschauerte eine entsetzensvolle Ahnung von dem Eindruck, den dieser Reiz auf einen Mann mit jungen Sinnen machen müsse.

Den breiten weißen Strohhut trug Adelheid in der Hand; es wäre ja schade gewesen, wegen der paar Schritte die wundervolle Frisur zu verdecken. Ihre wallenden Haare leuchteten weit hin unter dem grünen Kastaniendach. „Helione,“ flüsterten ihr unhörbar zwei Lippen am einsamen Giebelfenster nach. „Helione,“ wiederholten es tausendfach die Lüfte, wo sie ging. „Helione,“ klang das Echo in ihr selbst.

Dort kam ihr Der entgegen, welchem sie Sonne war, und sie ging ihm auf in ihrer ganzen Strahlenpracht, daß er versengt war bei dem ersten Blick, versengt bis in’s Herz hinein. Sie war so prunkhaft und sieghaft in diesem Augenblicke – jede Kraft will sich ja bethätigen, und ihre Kraft war ihre Schönheit und heute machte sie sich wieder einmal geltend. Das Wunder ihrer Erscheinung wirkte auf sie selbst zurück. Sie fühlte den Druck der Luft als eine huldigende Liebkosung. Es war ihr, als umwogten sie die Wellenlinien der eigenen wundervollen Formen wie eine warme wonnige Fluth, in der sie sich schaukelte. So mußte Aphrodite empfunden haben, als sie sich aus dem Schaume des Meeres werden fühlte und ihr göttlicher Leib sie halb noch als Woge umfloß, ehe er sich verdichtete zu dem Urbild aller Körperschöne!

[145] Adelheid beflügelte, je näher sie den Landenden kam, wider Willen ihre Schritte. Sie liebte ihn, liebte ihn mit der ganzen Kraft, mit der sie sich selbst liebte, und mit dem ganzen heimlichen Trotz der Gekränktheit gegen Den, dessen Tugend stärker war als ihre Reize. Es giebt kein gefährlicheres Gift als die Zärtlichkeit, die das Weib dem Manne aus Trotz gegen einen Andern schenkt. Es ist ein Gift, das Beide zugleich vernichtet.

Adelheid hatte ihren Vetter erreicht; sie bot ihm das süße Gift mit der kleinen Hand, die sie ihm zum Kusse reichte, mit dem bräutlichen Blick, den sie ihm unter den Goldwimpern hervor entgegensandte.

Sie war auf die kleine Landungsbrücke hinausgetreten, ihre Locken wehten im Winde, an ihrer Hand sprang Egon aus dem Kahn, und vor ihr stand nun die edle ritterliche Gestalt mit dem eindringlichen aufsaugenden Blick, als wolle er sie in einem Anschauen ausschöpfen, die ganze unendliche Schönheit der Geliebten. Auch Egon war ein schöner Mann, ihr ebenbürtig an körperlichen Vorzügen. Sie war überrascht, als sie ihn wiedersah; sie glaubte ihn noch nie so herrlich gesehen zu haben. Kein Götterbild der Alten besaß bei dieser Reinheit der Linien die sanfte Gluth dieser braunen Sammtaugen, die Geschmeidigkeit und Kraft dieser schlanken Glieder. Er war ohne Gleichen in der zahllosen Gestaltenwelt der Künste und des Lebens. Wie hätte sie diesen Mann nicht lieben sollen? Konnte der Schönste nicht das Schönste fordern? Mußte sie sich ihm nicht liebend nahen, wie eine Welle in die andere fließt?

„Meine gnädigste Cousine!“ sagte er in sichtbarer Bewegung, „wie geht es Ihnen? Doch was brauche ich zu fragen –“ er senkte seine Blicke in die ihren, und unhörbar wie der Südwind, der an ihnen vorüberstrich, hauchte er ihr zu: „Engel meines Lebens, wie schön bist Du!“

Jetzt war auch der Neffe Adelheid’s ausgestiegen und stellte sich der „gnädigen Tante“ vor. Er war ein hübscher strammer Junge zwischen fünf- und sechszehn Jahren in knapper Cadetten-Uniform, der einzige Sohn von Adelheid’s verwittweter Schwester, der Gattin eines Vetters des Grafen Schorn.

Egon hatte sich von der Mutter des Knaben, dessen Vormund er war, um so eher erbitten lassen, ihn nach Zürich zu führen, als ihm dies einen willkommenen Vorwand gab, seine Cousine wieder aufzusuchen. Er mußte ihr doch einmal den Sohn ihrer Schwester bringen, damit sie ihn in seiner Uniform sah, das war klar; er war natürlich nur Victor’s wegen da.

„Nun, was sagst Du?“ lachte der Freiherr und klopfte den Jungen auf die Schulter. „Ist das nicht ein Prachtexemplar? Daran mußt Du Dir ein Beispiel nehmen, mein Alfred!“

„Ja, wenn ich das könnte, mein lieber Vater!“ sagte Alfred und sah traurig an seinem Vetter hinauf.

„Nun, nun, das wird schon werden,“ tröstete der alte Mann, der fühlte, daß er dem Knaben weh gethan.

Man schritt dem Hause zu. Egon gab Adelheid den Arm. „Welch ein Paar wären wir geworden!“ dachten Beide in einem Athemzug.

Der Freiherr ging nebenher und die Knaben folgten.

Vetter Victor maß Vetter Alfred mit einem Ausdrucke der Enttäuschung: „Warum hinkst denn Du?“

„Weil ich ein verkürztes Bein habe.“

„Wovon kommt denn das?“

„Ich hatte als Kind eine Entzündung des Kniegelenks, da ist mir das zurückgeblieben. Wir waren schon, ehe wir hierher zogen, in Kreuznach, aber es hat nichts genützt. Da ist wohl nicht mehr zu helfen.“

„Du sprichst ja wie ein Doctor,“ meinte der Cousin, und Alfred wurde darüber ganz verlegen. „Hm,“ machte Victor, „ich hatte mich so auf Dich gefreut – ich wußte nicht, daß Du hinkst!“

„Wenn Du es gewußt hättest – würdest Du Dich wohl nicht gefreut haben?“ wollte Alfred fragen, aber er besann sich und schwieg.

„Ja, was fängt man nun an?“ begann Victor wieder und betrachtete immer bedenklicher seinen schwerfälligen Begleiter. „Ich hatte geglaubt, ich könne mich hier einmal recht austollen – aber mit Dir ist ja nichts zu machen.“

„Da drüben unsre Nachbarn, denen unser Haus gehört, die haben zwei Söhne in Deinem Alter und ein kleines Mädchen, das aber so wild ist wie seine Brüder, mit denen kannst Du spielen,“ tröstete ihn Alfred schweren Herzens.

„Wer sind denn die Leute?“

„Er ist ein Seidenfabrikant.“

„Also Bürgerliche?“ fragte Victor gedehnt.

„Nun ja – sie heißen Hösli.“

„Hösli! Hösli! Nicht übel,“ lachte Victor. „Mit denen soll ich spielen?“

„Nun freilich! Willst Du nicht?“

Victor zuckte die Achseln. „Doch, doch; hier kommt am Ende [146] nichts darauf an, wo es Niemand sieht. Wie kann man aber nur Hösli heißen? Wenn ich mich zu Hause einmal verschnappte, daß ich mit Hösli’s gespielt! Gehen denn auch Deine Eltern mit den Leuten um?“

„Natürlich, weshalb sollten sie nicht?“

„Na höre, mit Bürgerlichen!“

Alfred blieb stehen und sah den Vetter mit einer eigenthümlichen Schärfe im Ausdruck an. „Sind Bürgerliche etwas Anderes als Adelige?“

Victor blieb auch stehen und war seinerseits ebenso erstaunt über Alfred’s Rede wie dieser über die seine. Das Wort blieb ihm buchstäblich vor Verwunderung im Halse stecken. Solch’ eine Frage war ihm nie in den Sinn gekommen. Die Knaben betrachteten sich gegenseitig in einer unbewußt aufkeimenden Feindseligkeit. Zum Glück ward der Streit beigelegt, ehe er entbrennen konnte; die Vorangehenden riefen den Knaben zu, sich zu beeilen.

„Sind die Leute reich?“ fragte Victor, von dem Hauptpunkte absehend, im Weitergehen.

„Ja.“

„Reicher als Ihr?“

„Gewiß!“

„Ach!“

„Seid Ihr denn nicht reich?“

Victor lachte: „Wir? Ja! Reich an Schulden! Vater hat Alles verputzt, die Mutter weiß oft nicht, wie sie bei Hof erscheinen soll, und wäscht sich Nachts heimlich die Handschuhe selber. Wenn mich der Fürst nicht erziehen ließe“ – er blies sich durch die Finger – „da könnte ich Holzhacker werden.“

„So nimmst Du Unterstützung von einem Fremden an?“ fragte Alfred mit steigender Geringschätzung.

„Nun, von einem Fürsten kann man sich doch etwas schenken lassen.“

Alfred richtete sich stolz auf: „Ich würde nicht von Almosen leben, gäbe es mir ein Fürst oder ein Bauer, lieber würde ich Holzhacker!“

„Du würdest ein schöner Holzhacker,“ lachte Victor, „Du kannst ja kein Beil schwingen!“

„Nun, wenn mir gar keine Wahl mehr bliebe, dann würde ich lieber sterben,“ sagte Alfred und tiefe Furchen legten sich um den bitter verzogenen Mund.

Victor sah ihn befremdet an: „Wie überspannt Du bist! Was uns der Fürst giebt, ist unter allen Umständen eine Ehre, denn er hat gesagt, er wolle ein so altes verdientes Geschlecht, wie das unsre, nicht verkommen lassen.“

„Das ist keine Ehre,“ sagte Alfred störrisch, „was uns ein Anderer giebt – das nur ist eine Ehre, was wir uns selbst erwerben.“

„Wer sagt denn das?“

„Nun, das ist doch so einfach wie ‚zweimal zwei ist vier‘.“ Sie waren am Hause angelangt.

„Alfred,“ rief ihm die Mutter zu, „wie erhitzt bist Du! was ist Dir, mein Kind?“

„Nichts, liebe Mutter!“ versicherte Alfred ungeduldig, es war ihm peinlich, so in Gegenwart der Fremden als Angstkind behandelt zu werden.

„Es ist die Freude über seinen neuen Gefährten!“ sagte sein Vater vergnügt, „Ihr seht Euch ja heute zum ersten Male. Als wir von M… nach der Schweiz zogen, war Dein Vater noch am Leben und garnisonirte in S… Nicht wahr, lieber Victor?“

„Zu dienen, ja!“ antwortete Victor, schlug die Fersen aneinander und machte Front gegen den Onkel, als erstatte er einem Vorgesetzten Rapport.

„Habt Ihr denn bereits recht gute Freundschaft mit einander geschlossen?“ fragte Egon.

„Zu dienen, ja, lieber Vetter!“ antwortete Victor mit militärischer Präcision.

Alfred schwieg. In diesem Augenblick erschien der Candidat auf der Treppe. Alle in der Vorhalle Versammelten wandten sich nach ihm um, er mußte die Stufen unter den Spießruthen der musternden Blicke der Gäste herabkommen. Er hatte die Augen niedergeschlagen, aber nicht aus Bescheidenheit, sondern nur aus vollkommenster Gleichgültigkeit, der es nicht der Mühe lohnt, die Anwesenden früher als nöthig zu betrachten.

In gespannter Erwartung harrte Egon des Nahenden. Rasch hatte er das Bild des düsteren Mannes in sich aufgenommen. Er sah die denkende Stirn mit den buschigen Brauen, die tiefliegenden verschleierten Augen und das reine Profil, die fest verschlossenen und doch so üppig geschweiften Lippen und das dichte blauschwarze Haar. Dieser Mann war gefährlich, wenn auch nicht eigentlich schön, denn dazu war er zu finster und zu eckig von Gestalt, aber er war mehr als schön: interessant und spröde! – das sah Egon auf den ersten Blick und er streifte prüfend Adelheid’s Mienen. Sie bemerkte es und erglühte. Der Candidat kam heran. „Herr Baron,“ sagte er zu dem Freiherrn, „Sie haben mich befohlen.“

„Mein lieber Herr Feldheim, ich konnte es nicht erwarten, bis ich zwei so auserlesene Männer mit einander bekannt gemacht! Herr Candidat Feldheim, Herr Graf von und zu Schorn.“

Feldheim verneigte sich zuvorkommend und tief, Egon grüßte leicht und obenhin. Der Candidat stutzte: hatte es der Graf überflüssig gefunden, seine Höflichkeit in gleicher Weise zu erwidern? Es war nur eine Form, aber sie entsprach in diesem Falle genau dem Maße des Inhalts und der Graf hatte Feldheim weniger Ehre zugemessen, als dieser ihm. Er überschaute den Grafen mit einem langen Blick von oben bis unten. Dieser ward nicht minder herausfordernd erwidert. Es stand kein guter Stern über dem Hause, als die fremden Gäste seine Schwelle betraten.

Adelheid befiel eine so bange Ahnung, daß sie darüber vergaß, was sogar Feldheim sah: wie schön sie der sorgenvolle Ernst kleidete, mit dem sie die beiden Männer beobachtete, während diese einige Höflichkeitsphrasen wechselten. Nur der Freiherr war in seiner biedern Weise gänzlich unbefangen. Er nahm Victor bei der Hand und stellte ihn Feldheim vor. Er hoffte, Victor werde Alfred, der so lange der Geschwister entbehrt, ein lieber brüderlicher Gefährte sein.

Feldheim sah Victor und dann Alfred an. Letzterer schüttelte leise das Haupt, Feldheim verstand ihn.

„Aber nun bitte ich Sie wirklich, meine Schwestern zu begrüßen, bester Graf,“ flüsterte Salten, „sonst müssen wir’s Alle entgelten!“

Egon war natürlich mit dem größten Vergnügen bereit und man trat bei den Tanten ein.

Egon, der gute, vortreffliche Cavalier, der immer wußte, was sich gehört, küßte nach der Reihe die schimmeligen Glacés Bella’s, die schmutzigen Lilly’s und die fetten handschuhlosen Grübchen Wika’s und alle mit dem gleichen „Empressement“! Er hatte ein gar zu wohlthuendes Wesen, der liebe Vetter. Bella führte ihn gleich zu einem Tisch, wo die wollene Bescheerung für die „barmherzigen Samariter“, mit rothen Bändchen gebunden, aufgethürmt lag.

Das freudige Erstaunen Egon’s über solchen Fleiß entsprach denn auch vollständig Bella’s Erwartungen.

„Lieber Gott, wenn man so alt wird und die Prüfungszeit, die uns von Gott gesteckt ist, länger dauert, als die Kräfte reichen, da kann man wenig mehr nützen,“ flüsterte Bella und verdrehte die Aeugelchen wie ein Papagei, den man unter den Flügeln kraut; „indessen Sie werden vorlieb nehmen, theuerster Graf und Mitarbeiter am Werke des Herrn – es ist nichts Kostbares, aber ich strickte mit dem Herzen!“

„Ja, und sechs Waisenkinder haben ihr dabei geholfen!“ fuhr Lilly arglos heraus.

Aber „au! was kneifst Du mich denn?“ schrie die kleine Unbedachte erschrocken auf und hielt sich das schlottrige Aermchen. Es war ein bedenklicher Moment für die doppelt blamirte Bella, ein noch bedenklicherer für das enfant terrible, welches seiner Strafe sicher war und vor lauter Angst ärger als je mit den Zähnen wackelte.

Gutmüthig wie immer machte der Freiherr der Verlegenheit ein Ende und bat Egon und Victor, sie auf ihre Zimmer führen zu dürfen. Noch einmal handküßte sich der galante Vetter der Reihe nach durch und diesmal kam auch selbstverständlich Adelheid daran, bei der er sich für eine Stunde verabschieden mußte. Als er seine Lippen auf Adelheid’s Fingerspitzen drückte, traf sein Auge das des Candidaten, der still beobachtend zur Seite stand. „Auf Wiedersehen!“ nickte er ihm herablassend zu und verließ das Zimmer.

Wenige Minuten später trat Adelheid mit dem Candidaten in die Vorhalle. Er wollte sein Zimmer aufsuchen, Adelheid ging in den Garten. Bevor sie sich trennten, blieb Adelheid stehen und [147] sah ihn an mit der ganzen Macht ihrer Anmuth: „Wollen Sie mir etwas zu Liebe thun, das Einzige, um was ich Sie bitte, seit wir uns kennen?“

Der Candidat schaute in ihr kindlich flehendes Auge und auf ihre halbgeöffneten purpurnen Lippen. „Alles, was ich kann!“ sagte er mit einem tiefen Athemzuge.

„O, dann seien Sie gütig und nachsichtig gegen meinen Vetter. Er ist mit mir aufgewachsen, ist mir theuer wie ein Bruder, und was Sie ihm thun, thun Sie mir!“

Sie war so schön, so wahr, wie sie das sagte – so durchsichtig.

Dem stillen Manne ging die Seele auf, und was nicht über die starren Lippen durfte, das suchte und fand seinen Weg durch das Auge und schimmerte darin in feuchtem Glanze. Er reichte ihr die Hand und sagte: „Ich verspreche es Ihnen, gnädige Frau, soweit es sich mit meiner Ehre verträgt!“ Und er wurde schön in seiner Milde und sah so groß und göttlich auf sie herab, daß es sie durchschauerte in ihre sündhafte lustberauschte Seele hinein.

Ein Geräusch schreckte sie auf, sie zitterte, als müsse sie umsinken: Egon trat aus seinem Zimmer.




11. Mißtöne.

Wika und Egon gingen vertraulich flüsternd im Garten auf und nieder, da trat der Candidat auf sie zu und fragte bescheiden, ob sie Alfred nicht gesehen hätten.

„Das könnten wir wohl eher Sie fragen,“ sagte Wika schnippisch. „Der Erzieher sollte doch wissen, wo sein Zögling ist, dazu sind Sie ja da!“

Feldheim schoß das Blut in’s Gesicht, er bezwang sich nicht mehr. „Gnädiges Fräulein,“ sagte er stolz, „ich bemerke seit einigen Tagen, daß es Ihre Absicht ist, mich zu beleidigen. Welchen Grund Sie auch dazu haben mögen, – ich versichere Ihnen, daß Ihre Bemühungen völlig vergeblich sind; Sie werden mich keinen Fußbreit von der Bahn abrücken, die meine Pflicht mir vorgezeichnet.“

Er lüftete den Hut und ging ruhigen Schrittes nach der andern Seite des Gutes, wo ein großer Obstgarten lag, den die Hösli’s und Saltens gemeinschaftlich benutzten. Dort fand er die Kinder. Er blieb stehen und beobachtete sie unbemerkt. Aenny und Victor schaukelten sich an den Zweigen eines großen Apfelbaumes; sie hatten gewettet, wer es am längsten aushielte, und Alfred saß auf einer Bank und sah nach der Uhr, wie lange sie hingen.

„Ich kann nicht mehr,“ schrie Victor.

„Ich auch nicht,“ schrie Aennchen, und Beide fielen von ihrer Höhe zur Erde.

„Da liegen wir wie die reifen Pflaumen,“ lachte Aenny und stand auf. „Nun, Alfred, wie lange ist’s?“

„Gerade elf Minuten.“

„Das ist nicht wahr, es muß länger sein,“ schrie Victor; „Du hast nicht aufgepaßt, oder Du betrügst uns um fünf Minuten.“

„Ich lüge nicht,“ fuhr jetzt Alfred auf; „das lasse ich mir nicht sagen.“

„So, Du läßt es Dir nicht sagen? Was willst Du denn machen, wenn ich es doch thue, Du Herr von Rührmichnichtan?“

„Victor,“ sprach Alfred an sich haltend, „so wie Du hat mich noch Niemand gekränkt, und ich thue doch, was ich Dir an den Augen absehe. Wenn meine Eltern wüßten, wie Du mich behandelst, – sie würden es gewiß nicht dulden.“

„Nun, so klatsch’ es ihnen doch!“ spottete Victor. „So ruf’ doch Deinen Herrn Lehrer zu Hülfe, daß er mich statt Deiner durchprügelt, – warum thust Du’s denn nicht?“

„Weil ich meinen Gastfreund nicht verrathe und weil ich mir nicht helfen lassen will, wo ich mir selbst nicht helfen kann.“

„Ach, sei still,“ sagte Victor, „Du bist ein falscher Duckmäuser.“

„Victor,“ schrie Alfred auf, „nimm das zurück oder –“

„Nein, ich nehm’s nicht zurück,“ lachte Victor, „und wenn Du’s nicht glaubst, so will ich Dir’s auf den Rücken schreiben.“

Da hielt sich Alfred nicht länger: „Es ist das erste Mal, daß ich Jemanden schlage, aber bei Dir lernt man Alles!“ Und ehe Victor es sich versah, hatte Alfred eine kleine Baumstütze aus der Erde gezogen und führte einen machtlosen Streich nach ihm. Mit einem Griffe hatte Victor den schwachen Händen den Stock entwunden und nach einem kurzen Ringen warf er Alfred zu Boden.

Feldheim hatte vortreten wollen, aber er besann sich anders. Alfred sollte seine Sache selbst ausfechten und seine Kräfte prüfen.

Er wehrte sich vergeblich, aber tapfer, kein Schrei entrang sich seinen Lippen, als der Gegner ihn bezwungen hatte und ihm einen Streich versetzte.

„Pfui, Victor,“ schrie jetzt Aennchen, „schlagen darfst Du ihn nicht, das leid’ ich nicht! Und auch nicht auf ihn knien, das thut ihm weh auf seiner schwachen Brust. Laß ab, sag’ ich, oder ich spiele nie mehr mit Dir!“ schrie sie und riß den wilden Jungen von Alfred weg. „Komm, Alfred, setz’ Dich auf die Bank und verschnauf’ ein wenig. Was läßt Du Dich auch mit dem großen Jungen ein, wenn Du seiner doch nicht Meister wirst!“

„Du hast Recht,“ sagte Alfred bitter. „Ein Schwächling wie ich muß sich Alles gefallen lassen.“

„Weißt Du was, Alfred,“ sagte Aennchen. „Geh’ lieber nach Hause, wir spielen jetzt gleich Krieg; wenn meine Brüder aus der Schule kommen, da kannst Du doch nicht mitmachen.“

„Wie Du willst, Aennchen; ich will Euch nicht geniren!“ Und Alfred ging.

Als er so gesenkten Hauptes dahinschritt, traf er auf den Candidaten, der scheinbar von ungefähr des Weges kam.

„Was ist Dir, Alfred, wo gehst Du hin?“ fragte dieser, als wisse er von nichts.

„Sie wollen Krieg spielen, und da tauge ich doch nicht dazu.“ Er erhob seine großen schwermüthigen Augen zu dem Candidaten. „Ich passe nicht zu den Kindern, ich bin ihnen nur im Wege. Mir ist nirgends wohl als bei Ihnen.“

Feldheim zog ihn an seine Brust und die Thränen perlten still aus des Kindes Augen darauf nieder. „Aennchen mag mich auch nicht mehr; Victor hat mich ganz bei ihr ausgestochen, weil er so stark und muthig ist. Ich muß mich immer vor ihm schämen,“ klagte Alfred leise, als sie weiter gingen.

Feldheim schmiegte die kleine zarte Gestalt des Knaben fest an sich. „Alfred,“ sagte er, „sei getrost. Ich habe Euch beobachtet, ohne daß Ihr’s ahntet, und Dein starker Vetter hat sich benommen wie ein ungezogener Bube, Du aber benahmst Dich wie ein Mann, das war der Unterschied zwischen Euch, und wenn sich Einer zu schämen hat, so ist er es, nicht Du!“

Alfred schüttelte traurig den Kopf. „Es muß anders mit mir werden, das ist mein fester Entschluß.“

Der Candidat that einen kurzen Athemzug. „Ich wollte, diese Fremden wären nie zu uns gekommen,“ murmelte er zwischen den Zähnen.

Wochen waren verstrichen, Partien gemacht und bei schlechtem Wetter Whist gespielt worden, dieser treffliche Ersatz für alle mangelnde geistige Unterhaltung. Aber es wollte sich kein rechtes Behagen zwischen den Gästen und ihren Wirthen einstellen. Egon hatte eingewilligt, Hösli’s zu besuchen, da ihm Victor erklärte, er langweile sich so mit dem unausstehlichen Alfred, daß er lieber heute als morgen abreise; dem Knaben mußte Unterhaltung geschafft werden selbst um den Preis einer gesellschaftlichen „Inconvenienz“, wie der Verkehr mit Hösli’s.

Man wurde auch zu dem großen Feste geladen, welches Herr Hösli der Eröffnung seiner neuen Fabrik und seinem Sohne zu Ehren am Jahrestage von dessen Rückkehr in’s Vaterhaus veranstaltete. Hier traf man endlich den Züricher Adel, aber er bestand auch nur aus Geschäftsleuten im Genre der Hösli, schöne stattliche Leute von tadellosen Manieren, aber – Seidenspinner, Baumwollwirker und dergleichen mehr!

Das Fest war gut in Scene gesetzt, aber es erlitt eine bedenkliche Störung durch einen Verstoß des jungen Hösli, der große Sensation erregte. Der ganze hohe Cantonsrath war bei dem Diner zugegen und hatte einen Toast auf den aus der Fremde zurückgekehrten Sohn des alten geehrten Hauses Hösli ausgebracht mit dem Wunsch, der ausgezeichnete junge Mann möge seinem Vaterland durch ein langes gesegnetes Leben zu „Ehr und Vorbild“ gereichen.

Es war ein feierlicher Moment, und Vater und Mutter hatten die Thränen in den Augen, und der Großvater legte die zitternde Rechte auf des Enkels Haupt und sagte leise: „Werd’ brav, Deine Eltern verdienen’s um Dich!“

[148] Aber Heiri blieb kalt, und als ihm später sein Vater zuwinkte, er solle sich bedanken und seinerseits den Cantonsrath leben lassen, da stand er auf, faßte mit Ungestüm sein Glas und mit begeistertem Blick nach zwei englischen Ingenieuren schauend, die auf der Durchreise Hösli’s Fabrik besichtigt hatten und von Heiri zu Tische gebeten waren, rief er kurz und bündig: „I drink to the genius of England and to her engineer’s!“ (Ich trinke dem Genie Englands und seinen Ingenieuren!)

Eine allgemeine Bewegung entstand. Die Engländer erhoben sich dankend, die Cantonsräthe schickten sich an zu gehen, Frau Hösli eilte bestürzt von einem zum andern und versuchte zu begütigen.

Es war eine unerhörte Beleidigung für die Züricher Behörden, die den jungen Mann in jeder Weise ausgezeichnet hatten, daß er sie nicht einmal eines Dankes würdigte. Er hatte allem Brauch und Herkommen in’s Gesicht geschlagen. Die Stimmung war gestört und das Fest verlief peinlich. Der Conflict, welcher seit der Rückkehr Heiri’s zwischen Vater und Sohn insgeheim bestanden hatte, war jetzt offenbar geworden. Wer Herrn Hösli näher kannte, wußte, welch’ schwere Prüfung das für den alten treuen Schweizer war.

„Du siehst, bester Alfred,“ sagte Egon später, als sich die Familie beim Thee zusammenfand, „daß es ein eigen Ding um die wahre Vornehmheit ist! Eine Tactlosigkeit wie die des jungen Höschens könnte kein wirklicher Aristokrat begehen. Und wenn sich diese Leute noch so glänzend überfirnissen, und wenn ihre Formen den unsern so ähnlich sind wie die falsche Perle der echten – ein leichter Anstoß, welcher der echten nichts anhaben kann, wird die nachgeahmte Form zerbrechen und der gemeine Inhalt kommt zu Tage. Die Politur des guten jungen Höschens hielt nicht einmal in der ersten besten Aufregung Stand und er wurde einfach grob. Die Selbstbeherrschung eines wahrhaft vornehmen Menschen wäre durch keine derartige Wallung erschüttert worden.“

Alfred schwieg betrübt, er konnte dem Onkel nicht Unrecht geben. Was Heiri gethan, war auch ihm als eine Rohheit erschienen.

„Es würde hier nur noch zu entscheiden bleiben, ob die Form oder die Wahrheit obenan zu stellen ist?“ wendete der Candidat ein. „Ich möchte der ersteren keine allzu große Wichtigkeit beilegen, sie ist eben nichts als eine Zierrath für den Theetisch. Die großen Fragen der Welt sind noch niemals mit Höflichkeit entschieden worden!“

„Sehr wohl,“ lächelte Egon. „Aber Alles zu seiner Zeit! Die feinsten und liebenswürdigsten Persönlichkeiten im Salon haben nichts desto weniger als Staatsmänner ganz Europa erzittern gemacht. Die Disciplin der Gesellschaft hat ihrer Mannheit keinen Eintrag gethan und ihre Rolle in der Geschichte war nicht minder bedeutend, wenn sie auch verstanden, dieselbe mit Grazie zu spielen. Mauerbrecher der Wahrheit, wie sie Ihrer jugendlichen Phantasie als Ideale vorschweben, gehören dahin, wo Mauern zu durchbrechen sind, nicht in den Salon, wo es sich nur darum handelt, die Schönheit der menschlichen Erscheinungsform zur vollen Entfaltung zu bringen.“

„Ich unterschätze diese Aufgabe, die sich die Aristokratie gestellt, keineswegs,“ sagte Feldheim gelassen. Es lag ihm um Alfred’s willen, dem die Rede des Oheims imponirte, daran, das letzte Wort zu behalten. „Ich weiß wohl, daß die Schönheit der Erscheinungsform der unmittelbarste Ausdruck des Adels der Menschennatur ist. Aber ich mache es der Aristokratie zum Vorwurf, daß sie sich, weil vorzugsweise im Besitz feiner Formen, auch im Alleinbesitz des Adels glaubt. Im äußerlich rohesten Plebejer kann dieser Adel verborgen liegen, ohne zur Entwickelung zu kommen, weil dem in Armuth und Niedrigkeit Geborenen die Mittel dazu versagt sind. Die Aristokratie hat einen langen Vorsprung in der Cultur der Menschheit, weil sie die zuerst besitzende, die zuerst von jedem Druck befreite Kaste war. Mit Sturmschritt ist die jüngere Generation ihr nachgerückt. Sie hätte mit der gleichen Schnelligkeit vor den Nachrückenden weiter eilen müssen, wenn sie nicht überholt sein wollte; denn um sich an der Spitze einer freien großartig entfalteten Nation zu behaupten, dazu gehört, daß der Einzelne den Pulsschlag des ganzen Volkes in sich fühle, daß der Drang, der Alle erfaßt, so mächtig in ihm sei, daß er ihn Allen voran treibt. So nur können die Anführer der heutigen Bewegung geartet sein. Aber wie kann der Adel eine Ahnung haben von der Kraft und Größe des Volkes, wenn er vor jeder Berührung mit ihm zurückschreckt und es nicht lachen, weinen, zürnen und lieben sieht? Wohl gab und giebt es Ausnahmen unter ihm: Männer wie Stein, Humboldt und Andere mehr waren auch Aristokraten, und sie haben es nicht ihrer unwürdig gefunden, der Sache des Fortschritts zu dienen. Dafür ernteten sie aber auch die abgöttische Verehrung der ganzen Nation.“

Der Freiherr war während dieser Rede mit Adelheid eingetreten. Die Tanten hatten sich in eine Fensternische verkrochen und die Köpfe zusammengesteckt wie die Hühner, wenn’s donnert.

„Wovon wurde gesprochen, wenn ich fragen darf?“ sagte der Freiherr.

Egon lächelte Adelheid zu, seine Lippen ahmten kaum merklich die Bewegung eines Kusses nach. Adelheid senkte erröthend die Wimper. „Herr Feldheim hielt uns einen Vortrag über die Nachtheile, die es für uns mit sich bringt, daß wir mit unseres Gleichen und nicht mit unseren Schustern und Schneidern verkehren,“ sagte Egon.

„Das hat Herr Feldheim sicher nicht gemeint,“ erwiderte der Freiherr ernst, „zwischen uns und unseren Handwerkern liegt noch ein großes Volk gebildeter Menschen. Ich bin ein alter Mann und verstehe die Ideen der neuen Zeit nicht mehr, aber ich kenne meinen jungen Freund genug, um ihn als Bürgen für dieselben anzunehmen. Bestrebungen, die sich mit so viel Ehrenhaftigkeit und Ritterlichkeit vertragen, wie ich sie an Herrn Feldheim gefunden, können keine schlechten sein!“

„Ich danke Ihnen, Herr Baron,“ sagte Feldheim und sein Auge haftete liebevoll auf dem alten Manne.

[161] Am andern Tage übten sich Egon, Victor und der Freiherr zum Zeitvertreib im Scheibenschießen. Adelheid hatte in einer übermütigen Laune – sie war jetzt oft so ausgelassen, wie man sie nie gesehen – ein Bild von sich hergegeben, welches als Ziel dienen sollte. Egon hatte protestirt; er meinte, die Hand würde ihm zittern bei dem Gedanken, solche Schönheit zu zerstören; aber Adelheid bestand darauf, sie wollte ihren Spaß haben. Das Bild, ein Kniestück, ward der Scheibe aufgeklebt, und statt des schwarzen Punktes wurde in der Herzgegend mit Tinte ein Herz gezeichnet. Aber keiner der Herren hatte es bis jetzt getroffen, zur großen Freude Adelheid’s. Da forderte der Freiherr den Candidaten, der mit Alfred und Aenny von fern stand, auf, sich zu betheiligen. Er trat heran.

„Haben Sie neben Ihren Unterrichtsstunden auch noch Zeit gehabt, derlei ritterliche Künste zu üben?“ fragte Egon in beleidigendem Tone.

„Man lernt auf den Universitäten ebenso gut seine Ehre zu vertheidigen wie in den Cadettenhäusern,“ war Feldheim’s ganze Antwort. Er stand während dieser Rede mit dem Rücken gegen die Scheibe, spannte den Hahn, drehte sich um und schoß, fast ohne zu zielen, dem Bilde das Herz aus.

Victor klatschte in die Hände. „Ein Meisterstück! Onkel Egon, das kannst Du nicht einmal!“

„Ein glücklicher Zufall!“ warf Egon hin.

Schweigend lud Feldheim noch einmal und wiederholte das Kunststück; die Kugel ging denselben Weg wie die vorige.

„Fabelhaft!“ schrie Victor.

„Aber sagen Sie mir,“ begann Egon mit verbissenem Grimm, „warum haben Sie Ihrem Schüler nichts von dieser Geschicklichkeit beigebracht? Dieser Unterricht paßte wohl besser für ihn als mancher andere. Alfred ist eine von den Persönlichkeiten, die Jeder ungestraft beleidigen zu können glaubt; da wäre es gerade am nöthigsten, daß er sich vertheidigen lernte.“

Der Candidat zuckte die Achseln. „Nicht jeder, der uns beleidigt, ist es werth, daß wir uns um seinetwillen einen Mord auf die Seele laden.“ Er legte die Pistole hin. „Ich habe etwas für den morgenden Unterricht vorzubereiten und will die Herren nicht weiter stören.“

Er ging nach dem Hause. Egon bebte vor Wuth und blickte auf Adelheid, die dem Dahinschreitenden träumerisch nachsah. Sie schrak zusammen, als sie bemerkte, daß Egon sie beobachtete.

„Dieser Mann kann Alles,“ rief der Freiherr bewunderungsvoll.

„So scheint es,“ sagte Egon mit scharfer Betonung nach Adelheid hinüber.

„Willst Du nicht schießen lernen?“ fragte Victor seinen Vetter. „Komm, ich will Dich’s lehren.“

„Ja, es wäre an der Zeit dazu,“ mahnte Egon; „so etwas muß früh geübt werden. Komm her, Alfred!“

Aber Alfred weigerte sich.

„Ich kann nicht, es knallt so und da erschrecke ich. Ganz gewiß – ich kann nicht!“

„Laßt ihn,“ sagte Adelheid, „seine Nerven sind zu solchen Dingen noch zu zart.“

Victor und Aenny brachen in lautes Lachen aus.

Alfred trat vor Scham und Zorn das Blut in’s Gesicht und eine Thräne in die Augen. Er wollte sich überwinden, er nahm die Pistole und ließ sich die Griffe zeigen. Aber als er losdrücken sollte, da ließ er die Pistole fallen. Sie war stärker als er; er vermochte es nicht über sich.

Wieder stimmten die Kinder ein schallendes Gelächter an. Egon schüttelte den Kopf „Was soll daraus werden!“

Alfred wünschte, daß ihn die Erde verschlänge.

Die Herren stellten das Schießen ein, und Adelheid ging mit ihnen nach dem Hause zu. Alfred hörte, daß sie über ihn sprachen.

„Du,“ sagte Aenny, „vor Dir hab’ ich gar keinen Respect mehr. Du kannst doch auch gar nichts. – Eins, zwei, drei! Wer mich hascht, der hat mich!“ Und sie flog wie ein Pfeil durch den Garten und Victor jagte hinter ihr her.

Alfred stand still da und sah ihnen nach. Phylax, der große Bernhardiner, ließ sich einen Augenblick verleiten, mitzumachen. Als er sich aber umschaute und sah, daß sein junger Herr stehen blieb, kehrte er zu ihm zurück und legte sich zu seinen Füßen.

Aenny setzte in tollen Sprüngen über Beete, Gräben und Hecken hinweg, ihre braunen Haare flatterten lustig im Winde und Victor erhaschte sie endlich daran wie an einem Zügel. Sie blieb stehen und warf sich jauchzend und lachend ihrem Verfolger in die Arme. „Du lieber Victor,“ schrie sie und gab ihm einen Kuß, daß es weithin schallte, „wir Zwei können laufen!“

Alfred sah das Alles mit an, neidlos, aber doch nicht ohne die geheime Sehnsucht, dem kleinen wilden Geschöpf auf seinen Bahnen folgen zu können. Ach, wie schön wäre das gewesen! [162] Mit ihr umherzuflattern, von Freude zu Freude mit ihr dahinzustürmen in wirbelndem Uebermuthe und sich daher sagen zu können: „Ich gehöre zu Dir und Du zu mir, und kein Anderer kann uns folgen in unserer seligen wilden Jagd!“ Welch ein mächtiges Drängen und Sehnen war es, das sich so plötzlich in dem Knaben regte, der sich bis dahin noch nie zu einer energischen Rebellion wider seine schwächliche Körperlichkeit aufgerafft hatte! Er wußte es selbst nicht; aber es war ihm, als könne die Zeit nicht mehr fern sein, wo er den Käfig, der ihn rings umgab, sprengen müsse.

Er bückte sich und streichelte den Hund, der so viel Zartgefühl hatte, nicht mitzumachen, was seinem Herrn versagt war. Das große Thier, das ganz genau wußte, wenn Alfred traurig war, leckte ihm die Hände und gab ihm die Pfote. Es war Alles, womit er ihm seine Theilnahme zeigen konnte, aber es war für Alfred genug. Die Beiden verstanden sich vollkommen. Victor und Aenny kamen zurück, der Hund knurrte Victor an, als er sich Alfred näherte.

„Wenn Du nur das Ungethüm in seinen Stall sperren wolltest!“ sagte Victor, „man ist ja seines Lebens nicht sicher.“

„Er knurrt Dich nur an, weil Du Dich vor ihm fürchtest,“ sagte Alfred, „und ihn gleich das erste Mal, als er auf Dich zukam, mit dem Säbel abwehrtest, das hat er sich gemerkt.“

„Ich mich fürchten vor solch’ elender Bestie?“ renommirte Victor, „nicht vor einem Bären, geschweige vor einem Hunde.“

„Nun, so geh’ doch hin und streichle ihn, wenn Du keine Angst hast!“

Victor näherte sich Phylax, er fletschte die Zähne gegen ihn. Victor wich zurück. Jetzt war’s an Alfred zu lachen; das ärgerte Victor und er that das Verkehrteste, er zog das Seitengewehr aus der Scheide und drohte dem Hunde. Da fuhr das Thier gereizt auf und sprang auf Victor ein. Dieser stieß einen Schrei des Schreckens aus. Alfred rief: „Phylax, laß ab!“ und augenblicklich gehorchte der Hund und kratzte Alfred zur Abbitte mit der mächtigen Tatze ein Loch in den Aermel.

Aenny lachte, und Victor war wüthend auf Alfred.

„Aenny, Sie sollen mit den jungen Herren zum Kaffee hinüberkommen!“ erscholl jetzt eine tiefe dröhnende Stimme auf Englisch.

„Ach Frank, lieber Frank! Bist Du da?“ schrie Aenny und schwang sich an dem Neger empor. „Nicht wahr, Du spielst heute mit uns, es ist ja Sonntag!“

„Wenn ich darf?“ sagte Frank und zeigte vor Vergnügen seine weißen Zähne. Die Beiden sprachen immer Englisch zusammen, und Victor, der es nicht verstand, ärgerte sich darüber.

„Du, Victor,“ rief Aenny, „heute wird’s hübsch, heute spielt Frank mit; Du glaubst nicht, was der für prächtige Sachen angeben kann!“

„Nun,“ sagte Victor mit verbissener Wuth, „da werde ich zu Hause bleiben. Wenn Du Deinen Bedienten zum Gefährten hast, brauchst Du mich nicht.“

Aenny sah Victor ganz erstaunt an. „Aber Victor, ich verstehe Dich gar nicht, was hast Du denn?“

„Ich unterstehe der junge Lord ganz gut!“ sagte Frank ernst in seinem gebrochenen Englisch-Deutsch. „Ich bin zu gemein für ihn. Ich werde nicht spielen mit Ihnen.“

Und er ging, ohne ein Wort weiter abzuwarten in seinem stolzen gleichmäßigen Schritt von dannen. Aenny schrie aus Leibeskräften und rannte hinter ihm drein. Auch Alfred wollte ihm folgen. Da kam Egon mit Adelheid und rief ihm zu, was geschehen sei. Alfred erzählte den Vorfall, und Egon zuckte die Achseln. „Ich kann Victor nicht Unrecht geben. Ein Diener ist kein Gesellschafter für die Kinder des Hauses, und nun gar noch ein Neger! Diese dem Thiere am nächsten stehende Race! Mich dünkt, jede feinfühlende Natur müsse sich entsetzen vor einem Anblick, der uns den Uebergang vom Menschen zum Affen in so empörender Weise zur Anschauung bringt. Wir müssen ja erröthen, Mensch zu sein, sobald wir solch’ ein Geschöpf auf eine Stufe mit uns stellen wollen!“

Alfred schwieg betroffen. Von dieser Seite hatte er es noch nie betrachtet. Es that ihm weh und doch konnte er nichts erwidern.

„Ueberhaupt, lieber Alfred, muß ich hören,“ begann Egon wieder, „daß Du noch keinen Begriff von den Rechten und Pflichten Deines Standes hast. Ich muß einmal mit Dir darüber sprechen.“

Egon legte Alfred’s Arm in den seinen und schritt langsam mit ihm im Garten auf und ab. Alfred hing mit Spannung an den Lippen des Onkels. Der schöne weitgereiste Weltmann, dessen Stirn die glühende Sonne des Orients im Dienste des Christenthums gebräunt, hatte einen mächtigen Nimbus für den phantasiereichen Knaben. Seine Rede war so melodisch fließend und so glänzend, so sanft und doch so voll Kraft und Eindringlichkeit! Wie sollte sie den Knaben nicht berauschen? Wie er ihm mit zauberischen Farben die Wunder des gelobten Landes ausgemalt, wo der menschgewordene Gott zuerst mit seinem Fuße die Erde berührt, so erweckte er jetzt dem Knaben das Gefühl für die Poesie des Adels von seiner Entstehung in den Zeiten der rohen Kraft an, wo er eisenklirrend, groß und fürchterlich über das niedere Gezücht herrschte, jede Stunde seines Daseins mit seinem Blute erkämpfen mußte und nebenbei in den Klöstern, geschützt von der Unantastbarkeit des heiligen Gewandes, die geistigen Schätze der Menschheit hütete, bis zu den Zeiten, wo er in seidenen Strümpfen und gepuderter Perrücke in amorettenverzierten Muschelgrotten Voltaire las und über Newton und Descartes disputirte.

Und immer war es der Adel, der in jeder Gestalt die Blüthe der Menschheit repräsentirte, der sich für die neuen Ideen in Kunst und Wissenschaft am lebhaftesten interessirte und ihren Schöpfern freundliche Asyle bot; der nebenbei jede Stunde bereit war, Gut und Blut für irgend eine große heilige Sache hinzugeben. Und dann kam die Zeit der französischen Revolution, die ihm zu allen seinen Kronen auch noch die des Märtyrerthums aufgedrückt. Er litt und stritt für das Recht der Gesalbten, und über den schönen edlen Häuptern, die unter der Guillotine fielen, grinsten die Fratzen der Jacobiner in ihrer cynischen Scheußlichkeit. Da war Egon nun auf dem Punkte, wohin er zielte. Da war nun das Volk, das der Herr Candidat so sehr liebte, in seiner ganzen Bestialität. Und gesträubten Haares hörte Alfred zum ersten Male in dieser Ausführlichkeit die gräuelvollen Details der Auflösung eines verfaulten Staatskörpers, natürlich ohne Erklärung der Ursachen und Wirkungen, außer Zusammenhang mit der unerbittlichen Consequenz der Geschichte, und sein reines Gefühl wandte sich mit natürlichem Ekel vor Gräueln ab, derengleichen die ganze Welt nicht aufzuweisen hatte. Und der Herr Candidat wollte, daß der Adel mit einem Stande, der solcher Entartungen fähig ist, gemeinschaftliche Sache mache?

Alfred mußte sich auf eine Bank setzen, ihm schwindelte.

„Und ist das heutige Volk ein anderes als das damalige,“ fuhr Egon fort, „wenn es jetzt auch in Frack und Cylinder einhergeht und die Manieren der Vornehmen geschickter nachäfft als früher? Sind einige fünfzig Jahre hinreichend gewesen, um das Jahrtausende alte gemeine Element in ein edles umzuwandeln? Dazu hätte ja ein Wunder gehört, und wo war dies Wunder? Ein solches Wunder hätte nicht unbemerkt vorübergehen können, aber Niemand weiß etwas davon! Hingegen schlug erst vor wenigen Jahren die glimmende Revolution auch bei uns von Neuem zur verheerenden Lohe auf. Ist es nun dem Adel zu verargen, wenn er sich mit unversöhnlichem Hasse von dem Volke und Allem absondert, was das Volk betrifft? Thut er nicht genug, wenn er ihm Spitäler erbaut, seine Kranken pflegt, seine Hungernden nährt? Wahrlich, mehr zu fordern wagt nur der Communismus. Der Communismus aber ist nichts anderes als eine Moral des Neides, der es nicht ertragen kann, die Vorzüge zu sehen, deren sich ein Stand vor dem andern erfreut!“

Egon hatte geendet. Adelheid glühte, seine Beredsamkeit hatte sie hingerissen, er war so schön in seinem heiligen Feuer. Alfred brach in Thränen aus. Der frische Seewind strich leise herüber und fächelte ihm die Stirn, und da innen in seiner Seele wimmelten kämpfende Fratzen wie scheußliches Gewürm durcheinander und schöne goldlockige Köpfe, wie der seiner Mutter, rollten abgehauen dazwischen durch. Er sprang auf und warf sich seiner Mutter an die Brust, alle Adern pochten ihm, er war außer sich.

„Sie haben ihn erschreckt, es war zu viel auf einmal!“ sagte Adelheid besorgt zu Egon. „Komm, mein Kind, ich führe Dich auf Dein Zimmer, damit Du ruhest.“

„Nein, laßt mich, laßt mich!“ schrie Alfred und stieß Mutter und Onkel von sich. „Das muß ich mit mir allein abmachen.“

Und er eilte fort, so schnell ihn sein lahmes Bein trug. Er ging nach dem Landungsplatz und warf sich in den Kahn, der dort angelegt war, und wie ein ungeduldiges Pferd an der Kette [163] riß und zerrte er. „Herr, mein Gott, was ist die Wahrheit, was soll ich glauben, wen soll ich lieben, wen hassen?“ rief es in ihm.

Und während er so dalag, sanft gewiegt von dem angebundenen Kahn, haftete sein Auge in der klaren Fluth, die über bunte Kiesel dem Ufer zuebbte. Allmählich wurde es ruhiger in der empörten Seele des Knaben und es kam eine stille Tröstung über ihn. Er legte sich auf den Rücken und blickte empor zu der blauen Kuppel, die sich über ihm wölbte und die ihm noch nie so schön, so herrlich erschienen war.

Er blickte zum ersten Male ohne Schirm zu ihr auf. Er war wegen des Schirms so von Victor verhöhnt worden, daß er ihn ablegte, kostete es was es wollte! Und zu seiner unbeschreiblichen Freude vertrugen es seine Augen und gewöhnten sich an das Licht und heute zum ersten Male sah er den Himmel ganz und groß wie er war. Diese Pracht hatte ihn umgeben, so lange er lebte, und er hatte geglaubt sie zu kennen und hatte doch nicht geahnt, wie viel er entbehrte! Und jetzt plötzlich sprang er auf und breitete entzückt die Arme aus: das Wunder – da war das Wunder! Das Licht, die Wahrheit, die Liebe, sie hatten seit Ewigkeit die Welt umschlossen wie der blaue Himmel, aber das Volk konnte sie nicht erkennen, denn es trug eine Binde vor den Augen, die Binde der Unwissenheit, der Thorheit. Und wenn es daran rückte und sie lüften wollte, dann schlug ihm die Tyrannei auf die Hände, bis es in wilder Empörung die Tyrannei und alles, was damit zusammenhing, niederschlug und die Binde von den Augen riß. Da strömte ihm das Licht der Wahrheit golden entgegen und die Liebe wölbte die blaue friedliche Kuppel über ihm, da erkannte es erst, welch göttlich schöner Tempel es war, den es in seiner Blindheit geschändet, sank nieder auf die Kniee und wusch mit Thränen das Blut ab, womit es ihn besudelt hatte. Und Friede war fortan mit ihm!

Und der Knabe sank in dem Kahn auf die Kniee und begrub das Gesicht in den Armen, als wolle er das Tageslicht absperren, um desto besser das Licht sehen zu können, das ihm die Seele durchleuchtete.




12. Schweizer.

Es war kein guter Stern, der seit Kurzem über den beiden Villen am See aufgegangen. Selbst der feste Boden eines langen arbeitsamen Lebens sonder Fehl und Irren, in dem das Glück der Hösli’s begründet lag, wurde erschüttert unter seinem feindlichen Strahl.

Seit Wiedereröffnung der Fabrik war kein frohes Lächeln mehr über Herrn Hösli’s Lippen gekommen. Damals hatte er den ersten Zusammenstoß mit seinem Sohne gehabt, und obgleich es sich dabei nur um eine Kleinigkeit handelte, war er für alles spätere Unheil maßgebend gewesen: Heiri hatte nämlich nebst anderen defecten Maschinen auch den Handwebestuhl ausrangiren und verkaufen wollen, auf dem der erste Vorfahr der Hösli’s Bänder für das Landvolk webte.

Dies war der Anfang der großartigen Hösli’schen Seidenindustrie gewesen und der einfache Webestuhl, auf dem der Aeltervater ihren Wohlstand mit seiner Hände Arbeit begründet, war von einer Generation auf die andere vererbt und heilig gehalten worden. Denn der Mensch hängt unzerreißbar fest an den Wurzeln seiner Ehre, wie weit sie auch in die graueste Vergangenheit hineinragen; er saugt aus ihnen geheimnißvolle Kräfte, wie das frische Blatt aus den hundertjährigen Wurzeln seines Stammes. Das bleibt sich gleich durch alle Stände beim Adel wie beim Bürgersmann; Art will nicht von Art lassen und es wäre noch zu entscheiden, wo diese Eigenthümlichkeit am zähesten haftet!

Herr Hösli jun. aber war das Kind einer Zeit und insbesondere eines Landes, wo so Viele sich ohne alle Familientradition lediglich aus dem Dunkel emporarbeiten und sich ihre eigene Ehre schaffen aus eigener Kraft, daß dieses fromme Kleben am Alten mehr und mehr als ein Vorurtheil betrachtet wird.

Ohne irgend etwas Schlimmes dabei zu denken, wollte er den alten wurmstichigen Webestuhl, der ihm zu nichts nütze schien, fortschaffen. Das gab schweren Verdruß mit Vater und Großvater, ein Wort gab das andere und hier stellte es sich zum ersten Male heraus, wie ganz anders der Ideenkreis des jungen Mannes war, als der, in dem sich sein Großvater und Vater bewegten. Seit der Zeit schwand die Hoffnung, den Sohn im Vaterhaus und Land heimisch zu machen, mehr und mehr. Wo einmal ein kaum merklicher Riß entstand, da drängt sich jede Kleinigkeit hinein und erweitert ihn.

Jedes Lächeln des Jünglings über irgend eine specifische Schweizerredensart war eine Beleidigung. Daß er keine Schwarzbrodsuppe und keine „Nükli“, ein Lieblingsessen der Schweizer, mochte, war ein boshafter Uebermuth; jede Gelegenheit, wo sich sein fremdes Wesen zeigte, steigerte die Spannung und der Vorfall bei dem Feste von neulich hatte endlich den Conflict auf die Spitze getrieben.

So stand es im Hause Hösli, während auch um das Haus Salten sich Wolke um Wolke zusammenballte. Nur unter den Kindern ging Alles seinen alten Gang. Aenny und ihre Brüder spielten nach wie vor mit Victor, und Alfred sah ihren lustigen Streichen von ferne zu. Er war und wurde immer mehr ausgeschlossen aus dem Kreise, auf den ihn doch seine Jugend angewiesen hatte, und das machte ihn mit jedem Tage um ein Jahr älter. Er hielt sich nur noch an den Candidaten. Seine Mutter hatte, seit Schorn anwesend war, so wenig Sinn für ihn; Tante Lilly bekam seit dessen Ankunft von den Schwestern so viel Scheltworte, daß sie ganz dumm davon wurde; nicht einmal Frank, mit dem er sonst manche halbe Stunde verplauderte, sah er mehr. Es war doch etwas von Schorn’s Rede über den Neger an Alfred hängen geblieben. Ja, ihm war, wie wenn er selbst an Herrn und Frau Hösli nicht mehr mit der früheren Ehrerbietung hinauf sehe; eine so unwiderstehliche Rednergabe hatte Egon, dem es in diesen Tagen sogar gelungen, den Freiherrn zu überzeugen, wie nothwendig es sei, daß er endlich wieder in die Heimath in den Verband seiner Standesgenossen zurückkehre, um seinem Sohne die Erziehung zu geben, deren ein Letzter von Salten bedürfe. Des Knaben Gesundheit schien ihm dazu hinlänglich gestärkt. „Was haben Sie davon, bester Cousin,“ hatte er gesagt, „wenn Sie der Erhaltung des Knaben alles opfern, was Ihr Stand verlangt, und Sie erziehen sich einen Abtrünnigen?“ Dazu kam noch, daß die Güter des Freiherrn unter fremder Verwaltung nicht so viel eintrugen, wie unter der eigenen; endlich hatte der Fürst, dessen Unterthan Salten war, sein langes Fortbleiben „höchst übel vermerkt“, was dem alten Herrn auch nicht gleichgültig war – kurz Egon brachte eine solche Wucht schlagender Gründe zusammen, wobei er heimlich einen triumphirenden Blick mit Adelheid wechselte, daß Salten sich endlich mit dem Gedanken einer Rückkehr zu beschäftigen begann.

Alfred sollte vorerst nichts erfahren; Adelheid fürchtete den Einfluß der Gemüthsbewegung auf seine Gesundheit und Egon fürchtete den seiner Thränen auf die weichen Herzen seiner Eltern. Aber man hatte die Unvorsichtigkeit begangen, nicht leise genug zu sprechen. Lilly, welche durch die harte Behandlung, die sie erfuhr, in letzter Zeit ganz störrisch geworden und auf allerhand neue Unarten gekommen war, hatte sich auch unter anderen das Horchen angewöhnt. Man sperrte sie, seit Egon da war, gar zu oft aus, und sie wollte doch auch wissen, was gesprochen wurde. So erlauschte sie denn das Geheimniß endlich, verhörte sich jedoch darin, daß sie für beschlossene Sache hielt, was noch im Bereich der Familienberathung schwebte, und sie ging sogleich, die wichtige Nachricht ihrem Verbündeten, Alfred, mitzutheilen.

Am selben Tage saß Herr Hösli in trüben Gedanken am Schreibetisch, da stürzte Aenny herein: „Du, Papa, das muß ich Dir sagen, die Buben Conrad und Martin waren wieder so unartig!“

„Laß mich, Aenny!“ sagte Herr Hösli verstimmt, „ich habe jetzt an Anderes zu denken.“

„Nein, Papa, Du mußt es hören. Denk’ nur, sie haben den Alfred und die kleine Tante Lilly mit der großen Gartenspritze vollgespritzt, daß sie ganz pudelnaß geworden sind!“

„Was?“ rief Herr Hösli. „Wie kamen sie zu solch einer Rohheit?“

„Wir spielten gerade beim Brunnen Haschens, und Alfred sah zu und stand bei Fräulein Körner, da kam die alte Tante hergelaufen und sagte ihm etwas, wir verstanden nicht, aber Fräulein Körner hat gehört, daß die Saltens von hier fortzögen. Da ist Alfred vor lauter Schreck umgefallen und war ganz von sich. Da haben die Buben gelacht und gesagt, sie wollten ihn schon wieder [164] zu sich bringen, und da haben sie den großen Schlauch auf ihn gerichtet, daß ein ganzer See um sie herum war. Der arme Alfred ist so erschrocken und über die Tante ging’s auch noch weg, daß ihr das Grüne von ihren Haubenbändern über das Gesicht lief.“

Herr Hösli ging mit raschen Schritten auf und nieder. „Ruf’ mir die Knaben her, schnell!“ befahl er und Aenny sah, daß seine Stimme nichts Gutes verhieß.

Sie schwenkte das Röckchen triumphirend hin und her, als sie die Brüder im Garten fand. „Ihr sollt zum Vater kommen!“

Die Knaben sahen sich erschrocken an; „’s ist nicht wahr, sie will uns nur bange machen,“ meinte Conrad.

„Nein, nein, ’s ist wahr, Ihr werdet schon sehen,“ sagte Aenny und schmatzte herausfordernd an einem Bonbon, das ihr Lilly aus der Tasche des nassen Kleides gegeben. „Heute giebt’s was, ui!“ sie machte eine äußerst beleidigende Pantomime mit der Hand, „Feigen, aber keine süßen!“

„Aenny,“ drohte Martin, „wenn Du uns wirklich beim Vater verklatscht hast, dann sieh zu, wie Dir’s geht. Diesmal kommst Du, weiß Gott, nicht ungestraft durch.“

„Haha,“ lachte Aenny, „so sagt Ihr immer,“ und das Bonbon splitterte und krachte unter ihren scharfen Zähnchen, daß es eine Freude war.

Die Knaben gingen in’s Haus und streckten vorsichtig den Kopf zu ihres Vaters Thür herein. „Ist’s wahr, daß Du uns gerufen?“

Der aufgeregte Mann winkte ihnen heftig hereinzukommen. „Ja, es ist wahr,“ sagte er, „und es wird schnell abgethan sein. Wenn man sich benimmt wie ungezogene Kinder, so verdient man auch die Strafe ungezogener Kinder.“ Er trat auf die Knaben zu und gab jedem einen scharfen Streich auf die Backe, daß sie hoch aufschwoll. Sie bissen die Zähne zusammen vor Schmerz, aber sie sagten nichts. „Jetzt hinaus!“ herrschte er sie an und sie schlichen still aus dem Zimmer. Diesmal, das schwuren sie sich zu, sollte aber eine ganz besondere Strafe für Aenny ausgedacht werden und wenn sie noch einmal so viel Ohrfeigen dafür bekämen – hier handelte es sich um’s Princip!

Herr Hösli war in der übelsten Stimmung wieder an seine Arbeit gegangen. Er hatte heute von innen und außen her Verdruß gehabt, denn seine ungeheure Geschäftsvergrößerung hatte natürlich die Concurrenz zu Gegenanstrengungen aufgeregt und deren erste war ihm heute bekannt geworden.

Da ging die Thür auf und Heiri trat brennenden Kopfes in großer Aufregung herein. „Vater, darf ich etwas mit Dir reden?“

„Du kommst mir zuvor, ich wollte Dich eben rufen lassen,“ sagte Herr Hösli.

„Nun, das ist gut, also willst Du mich hören?“

Herr Hösli zog die Stirne kraus. „Bei uns ist’s Brauch, daß die Kinder zuerst den Vater hören und dann sprechen.“

„Nun ja, Vater, ich bin aber doch kein kleiner Junge mehr! Meine Angelegenheit ist wichtig genug,“ sagte Heiri ungeduldig. Er konnte es nicht besser anfangen, um seinen Vater gegen sich aufzubringen.

„Du schweigst jetzt und hörst, was ich Dir zu sagen habe!“ herrschte er den Sohn an. Dieser biß die Lippen zusammen und warf sich in einen Stuhl.

„Du weißt, daß Altmurer-Zivy seine Preise herabgesetzt hat?“

„Nun freilich, was weiter?“ warf Heiri gleichgültig hin.

„Ich habe ihm gestern Vorschläge zu einem Cartel gemacht. Heute früh bekomme ich die Antwort: Er lehnt sie ab!“

Heiri strich sich den Bart. „Nun, so erklären wir ihm den Krieg!“ meinte er in leichtfertigem Tone.

„Wenn wir können – ja!“ sagte Hösli und sein Blick ruhte durchbohrend auf dem Sohne. „Träumst Du oder bist Du gedächtnisschwach geworden? Sind alle Zahlenverhältnisse unserer letzten Ausgaben und Einnahmen in Deinem Kopfe verwischt? Doch wozu rede ich! Die Sache ist einfach die: Altmurer-Zivy ist unser mächtigster Concurrent und nicht geschwächt durch außerordentliche Anstrengungen, wie wir es im Augenblick sind. Es muß etwas Ernstes geschehen. Die Nanni Altmurer ist jetzt heirathsfähig. Er hat mir schon einmal angedeutet, Du wärst eine Partie, zu der sich Jeder gratuliren könnte. Du bist im zwanzigsten Jahre, das ist bei uns in der Schweiz alt genug zum Heirathen. Du bewirbst Dich um die Nanni und das giebt eine Allianz zweier Häuser, wie keine prächtigere im Lande geschlossen worden ist.“ –

Heiri erbleichte. „Das ist allerdings gerade das Gegentheil von dem, um was ich Dich zu bitten kam!“

Herr Hösli stutzte. „So, ei! Nun, geh’ nur gleich mit der Sprache heraus, wie Du’s ja ohnehin gewöhnt bist. Aber kurz und bündig, Du weißt, ich liebe keine Umschweife.“

„Nun denn, kurz und bündig. Ich habe hier einen Brief von Stones. Sie rufen mich nach New-York zurück, sie wollen mich zum Compagnon für den Fall, daß Du mir jetzt schon mein Erbe auszahlen wolltest, oder wenn das nicht, zum Director der Maschinenfabrik mit fünftausend Dollars Gehalt und Antheil an der Einnahme. Der Brief ist sehr schmeichelhaft und ich will Dir auch nicht länger verschweigen, daß mein Herz mich zu Stones zieht und daß ich Hoffnung auf Stones’ jüngste Tochter habe.“

„So –!“ sagte Herr Hösli gedehnt. „Und da willst Du ganz zum Maschinenfach übergehen und das Seidengeschäft aufgeben?“

„Ja, Vater, Du weißt, daß ich nur zum Maschinenfach Neigung habe, und ich dächte, es wäre eine wahre Sünde, wenn ich meine Ausbildung in den technischen Fächern nur an die Construction von Webestühlen verschwenden sollte!“

„Und deshalb willst Du Dich für immer in New-York niederlassen und dem Elternhause den Rücken kehren? Ahnst Du nicht, was für eine Herzlosigkeit darin liegt?“

„Vater, ich glaube, uns Allen wird besser sein, wenn ich fort bin. Du bist mir von meiner Rückkehr an nur ein Zuchtmeister gewesen, meine Gewohnheiten waren Euch nicht recht und ich sollte als ein erwachsener Mensch noch erzogen werden wie ein Knabe! Das giebt keine Liebe. Ich bin gewöhnt, zu leben wie ein Gentleman, und hier soll ich fast leben wie ein Bauer. Ihr haltet mich für einen Verschwender, weil ich mir keine Entbehrungen auferlege, deren Nothwendigkeit ich nicht einsehe – und fordert mir von jedem Franc, den ich ausgebe, Rechnung ab! Denkst Du denn wirklich, Vater, ein Mensch, der in den fürstlichen Häusern der amerikanischen und englischen Geldaristokratie groß geworden, könne sich wohl fühlen in einem Elternhause, wo ihm die Gespenster aller Nationalfehler der Heimath, Krämergeist, Unkenntniß aller höheren Lebensbedingungen, Feindschaft gegen jeden das Dasein veredelnden Genuß und an Geiz grenzende Sparsamkeit, den Aufenthalt verbittern?“

Herr Hösli hatte ihm mit auf der Brust gekreuzten Armen zugehört. „Ich verstehe Dich vollkommen. Auch ich kenne das Leben und die Genußsucht der großen Städte Amerikas, ich war, ich dächte, lange genug dort. Du aber, Bursche, bist noch nicht lange genug hier, um über unser Leben und Treiben aburtheilen zu können! Wir sind ein Volk der Arbeit und wollen weiter nichts nach der Mühe des Tages, als unser Auge zu den Firnen unserer Berge zu erheben – das ist die Erholung, die uns Gott gegeben, das ersetzt uns alle Schöpfungen der Kunst, denn es ist eine Welt des Schönen. Strömen nicht alle Völker der bewohnten Erde herbei, um sie zu sehen? Holen sich hier nicht Kranke Genesung, Dichter und Maler ihre unsterblichen Schöpfungen? Können wir nicht mit dem Urbild zufrieden sein, wenn Könige ihre Paläste mit den Abbildern schmücken? Bedürfen wir noch mehr? Daß wir einfach leben, nichts aus Essen und Trinken und äußeren Luxus verwenden, ist nicht Geiz, wie Du meinst, sondern Verachtung des materiellen Genusses. Wir haben wenig Bedürfnisse; Bedürfnißlosigkeit ist aber die sicherste Grundlage des Wohlstandes und der Freiheit – sie ist ein Charakterzug der Schweizer, in unserer Enthaltsamkeit liegt unsere Kraft! Und jeder Einzelne hat die Pflicht, sie seinen Nachkommen anzuerziehen, so bleibt sie dem ganzen Volke erhalten. Sieh unsere Schulen, unsere Krankenhäuser, alle unsere öffentlichen Anstalten. Haben wir da geknausert? Was hat diese Prachtbauten der Barmherzigkeit und Gemeinnützigkeit erstehen lassen? Der Wohlstand und Patriotismus der Bevölkerung. Doch wozu rede ich so lange, Du wirst das Alles erkennen, wenn Du reifer und länger hier eingebürgert bist!“

„So willst Du mich nicht fortlassen, Vater?“

„Konntest Du das im Ernst einen Augenblick glauben? Du hast soeben gehört, daß Du die Altmurer heirathen sollst; Du [165] weißt, so lange Du lebst, daß Du das Seidengeschäft übernehmen sollst; denkst Du, ich werde alle meine wohlbedachten Projecte umstoßen lassen von der Laune eines herzlosen undankbaren Burschen, dem es einfällt, sich über seine Eltern zu erheben und sich zu gut für sein Vaterland zu halten? Mit welchem Recht forderst Du solche Opfer von mir, Du, der noch nichts, noch gar nichts für seinen Vater gethan?“

„Vater,“ sagte Heiri, „Du bist ungerecht. Ich bin nicht herzlos, nicht undankbar. Ich bin nur eine Natur, die Du nicht verstehen kannst, weil ich unter anderen Verhältnissen aufwuchs als Du. Ich bin noch unreif, die Zeit, wo ich Dir vergelten könnte, ist noch nicht da, aber sie kommt, darauf verlaß Dich, wenn Du nur noch Geduld haben und nicht ermüden wolltest mir Opfer zu bringen, wenn Du mir nur nicht andere Wege vorschreiben wolltest als die, auf welchen ich allein zur vollen Entwickelung gelangen kann.“

„Es giebt keine besseren Wege als die, auf denen Vater, Großvater und Urahn gewandelt und tüchtige Männer geworden sind. Alles Andere, mein Sohn, ist Phantasterei! Das, was durch zwei Jahrhunderte – und so alt ist unser Haus – sich als gut und zweckmäßig bewährt hat, daran müssen wir uns halten, nicht an das unbewährte Neue. So lange die Firma Hösli besteht, hat sie sich vom Aeltesten auf den ältesten Sohn vererbt, und wir sind groß und reich dabei geworden. Und so soll es bleiben in alle Zukunft. Glaube mir, Heiri, wer nicht festen und frommen Herzens am alten Brauch und Herkommen hängt und die Ueberlieferungen seiner Vorfahren ehrt, der ist eine vom Schaft gerissene Fahne, die sinn- und bedeutungslos im Winde flattert!“

„Vater,“ sagte Heiri, „wenn ich einen von den Saltens da drüben so sprechen hörte, würde ich es eher begreifen als von Dir. Ich habe kein Verständniß dafür. Wir jungen Leute haben nur eine Richtschnur, die uns unsern Weg vorschreibt, es ist die des Talents! Das Talent ist ein Factor, mit dem Ihr alten Leute nicht zu rechnen gewohnt seid, weil sich unter dem Zwange Eurer patriarchalischen Familientyrannei keine Individualität frei entfalten konnte. Ihr habt Euch einander von Generation zu Generation in ein und dieselbe Schablone geknetet. Ich bin der Erste, der diesem ertödtenden Zwange entkommen, dadurch, daß ich in Amerika aufwuchs; mein Talent ist zu selbstständiger Entfaltung gelangt wie mein Charakter; ich bin zu groß, um mich noch in Eure alte Schablone einzwängen zu lassen.“

„Bube,“ schrie Hösli, „sprich anders mit Deinem Vater, oder ich zeige Dir, daß ich nicht nur Dein Vater, sondern Dein Herr bin. Weh’ Dir, wenn Du erfahren müßtest, welche Mittel Dein Vater in Händen hat, einen ungerathenen Sohn ‚in die alte Schablone zu zwängen‘!“

[177] „Vater,“ rief Heiri empört, „mit solchen Drohungen schreckst Du mich nicht, ich bin ein Mann, kein Kind mehr. An Ketten legen und in den Keller sperren kannst Du mich nicht. Du kannst nichts als mich enterben. Auch dazu lache ich. Ich bin ein Mensch, der sich überall in der Welt sein Brod verdienen und sich ein Vermögen erwerben kann! Ich sollte meinen, ich hätte Dir’s beim Bau der Fabrik gezeigt, daß ich mehr verstehe, als Seide zu spinnen –“

„O, dieser verwünschte Bau!“ unterbrach ihn Hösli. „Mit eigenen Händen will ich ihn niederreißen, ehe ich dulde, daß mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut, sich auf ihm über seinen Vater erhebe!“

„Hör’ mich zu Ende, Vater! Ich wollte nichts anderes sagen, als daß Du mich nicht mit Gewalt zum Gehorsam zwingen kannst. Wenn Du mir nicht mehr als Vater gegenüber stehst, so messen wir uns Mann gegen Mann – und dann bin ich Dir gewachsen – bin ich doch von Deinem eigenen harten Schlage! Aber, Vater – eben das ist es ja auch wieder, was mich bändigt, daß wir so eins sind, daß ich bei aller Verschiedenheit der Meinungen mich doch so ganz als Dein Fleisch und Blut empfinde, als Deinen Sohn! O Gott im Himmel, Vater, nicht Deinen Zorn, nicht Deine Macht, nicht Dein Testament, – nur den Verlust Deiner Liebe fürcht’ ich, nur die Trennung Deines Herzens von dem meinen – denn, magst Du’s nun glauben oder nicht, Vater, ich liebe Dich!“

Herr Hösli stand mit unterschlagenen Armen inmitten des Zimmers, es war als ob sein kräftiger Körper wanke, als Heiri sich, im plötzlichen Ausbruch des Gefühls, an seine Brust warf. Aber er schwieg.

„Vater,“ fuhr Heiri leidenschaftlich fort, „es wird, es darf nicht so weit mit uns kommen! Du darfst mich nicht so schwer dafür strafen, daß ich wurde, wie ich bin, denn Du warst es ja, Du selbst, der mich ferne von Dir, in einem Lande aufwachsen ließ, dessen mächtigen Zauber auf ein junges Gemüth Du doch am besten selbst kanntest! Hättest Du mich als Knaben mit in die Heimath genommen, so wäre ich hier festgewachsen wie dort. Nun bin ich es aber dort, mit meinem ganzen Wesen, mit den zartesten Banden des Herzens – ist es meine Schuld?“

Herr Hösli schwieg noch immer, er schien einen Augenblick überwältigt. Nach langem Bedenken begann er: „Du hast Recht, ich darf Dich nicht strafen für meinen Fehler, und es war ein unverzeihlicher Fehler, Dich in Amerika zu lassen. Ich baute zu fest auf die Treue des Hösli’schen Blutes. Ich will das Aeußerste thun, will Dir einen Weg zur Versöhnung zeigen. Wir müssen beide etwas zu- und abgeben. Ich verzichte auf meinen Plan mit der jungen Altmurer. Gehe hin nach New-York und hole Dir das Mädchen hierher, das Du liebst. Ich will Dir hier ein eigenes Maschinengeschäft gründen, wie es Dein Herz ersehnt, mehr kann ich nicht thun – ich denke, Du wirst zufrieden mit mir sein!“

Er betrachtete mit liebevoller Spannung die Züge des Sohnes, aber Heiri senkte die Wimpern und schwieg.

„Nun?“ fragte Hösli in einem seltsamen Tone.

„Lieber Vater,“ sagte Heiri und kämpfte sichtbar mit einer qualvollen Verlegenheit, „Dein Anerbieten, – wie großmüthig es auch ist – ich kann es nicht annehmen – es kann mir nichts nützen!“

Herrn Hösli zuckte es bedrohlich über das Gesicht, er hielt den Athem an, um seine Mäßigung zu bewahren, bis er Heiri vollends gehört. „Nun? Weiter!“

„Ich muß Dir endlich gestehen, daß ich schon vor meiner Abreise nach London mit Mary’s Eltern gesprochen habe, da ich mir Deiner Einwilligung zu gewiß war, und sie erklärten sich meinem Wunsche geneigt, aber nur unter der Bedingung, daß ich nach drei Jahren wiederkehre, mich mit ihnen associire und mir das amerikanische Bürgerrecht erwerbe. Sie lieben ihr eigenes Kind zu sehr, um es nach Europa ziehen zu lassen. Nur auf dies Versprechen hin entschlossen sie sich, an eine Heirath Mary’s mit einem Ausländer zu denken.“

„Nun, so müssen sie eben von ihrer Bedingung abstehen!“ sagte Herr Hösli, immer noch gefaßt.

„O Vater, das wird nie geschehen – ich kenne diese stolzen Amerikaner, sie werden ihre Forderung niemals zurücknehmen, niemals ihr Kind in das Ausland geben!“

„Wie,“ rief Herr Hösli ausbrechend, „aber ich soll thun, was Jene nicht mögen? Ich soll ihnen den Sohn nachwerfen, den Aeltesten meines Hauses, für ein Mädchen, das nach göttlicher und menschlicher Satzung Vater und Mutter verlassen muß, um dem Manne zu folgen? Und solch ein schmachvolles Anerbieten wagst Du Deinem Vater zu machen, einem Hösli?! Habe ich weniger Ursache stolz zu sein, als diese Stones? Soll ich alle Hoffnungen und Entwürfe für die Zukunft, welche ich auf Dein [178] Haupt gebaut, zum Opfer bringen, während jene nicht einmal die Tochter, an der gar nichts hängt, als die Zärtlichkeit der Eltern, hergeben mögen? Wahrlich, diese Stones müssen Dir’s angethan haben, daß Du so vergessen konntest, was Du Deiner Ehre als Mann und als Schweizer schuldig bist! Nun höre, was ich Dir sage: Ich wollte thun, was irgend möglich, ich wollte Dir ganz gegen meinen Wunsch die Heirath mit einer Fremden gestatten, nun aber verbiete ich Dir jede weitere Verbindung mit dem Hause Stones ein- für allemal. Du bleibst hier und nimmst keine Andere zur Frau als eine Schweizerin. Ich will es hindern, da es noch Zeit ist, daß Du Dich und Deine Nationalität an jene Fremden verkaufst!“

„Vater, solche Strenge kannst Du nicht vor Gott verantworten! Auch Du hast nach Deiner Neigung gewählt, auch Du nahmst eine Amerikanerin zur Gattin und ich denke, Du warst glücklich mit meiner Mutter.“

„Ja, das war und bin ich. Aber ich habe sie zur Schweizerin gemacht, nicht sie mich zum Amerikaner, darin liegt der Unterschied!“

„Kann es Dir aber nicht gleichgültig sein, wo ich glücklich und reich werde, wenn ich es nur werde?“

„Nein, denn dann wäre ich nur ein Vater oder ein Speculant, aber kein Staatsbürger. Ich habe noch nicht verlernt, so alt ich bin, neben dem eigenen Vortheil auch den des Vaterlandes im Auge zu haben! Als ich nach Amerika ging, that ich es in seinem Dienst, um seine Interessen dort zu vertreten, und wie mir dies gelungen, das frage jeden Schweizer. Ich vergrößerte dort mein Vermögen und machte eine glänzende Partie, aber Alles, meine Reichthümer, mein Weib, meine Kinder, mit Ausnahme – leider – von Dir, und mein ganzes unverändertes Schweizerherz brachte ich zurück in die Heimath! Du aber –“ Herr Hösli streckte abwehrend die Arme gegen seinen Sohn aus, der ihn unterbrechen wollte, und fuhr in steigender Erregung fort: „Du aber, Du Abtrünniger, willst das Deine von hier mit fort nehmen, Dein Geld, Deine Fähigkeiten, Dein Herz, willst Alles, was Deinem kleinen Vaterlande so sehr zu gute käme, einem Staate anbieten, wo Du nicht mehr bist als ein Tropfen im Meere, willst Dich dort einbürgern und Deine Kinder als Amerikaner erziehen – und ich soll Dir mit warmer Hand Dein Erbe auszahlen, damit nur ja zwischen uns Alles abgethan und Du so schnell als möglich von uns los und ledig seist? Ein Hösli soll seinem Sohne die Mittel geben, damit er desertiren könne aus dem Vaterland? Nein! So wahr ein Gott lebt, der unsere Heimath sichtbar begnadigt hat, so wahr wir Schweizer seit Menschengedenken unsere Kraft, unser Gut und Blut zusammengehalten, wie kein anderes Volk der Erde, so wahr wirst Du nicht länger mein Sohn sein, als Du ein Schweizer bist!“

„Vater!“ schrie Heiri auf.

„Du weißt jetzt, wonach Du Dich zu richten hast – nun geh’ – geh’ an Deine Arbeit!“

Heiri zögerte, er wollte noch etwas sagen, aber ein Blick auf die ausgestreckte Hand, womit sein Vater nach der Thür deutete, belehrte ihn, daß hier keine Widerrede möglich. Mit glühenden Wangen und fiebernden Pulsen eilte er aus dem Zimmer an die Arbeit. Mechanisch gehorchte er dem Befehl und der mächtigen Gewohnheit. Er ging hinüber in die Fabrik.

Mittlerweile hatten die Brüder Martin und Conrad ihren Racheplan gegen Aenny ausgesponnen. Er war heimtückisch genug. Sie suchten Aenny auf und thaten, als sei ihnen beim Vater gar nichts geschehen und als seien sie ihr gar nicht böse. Dann schlugen sie ihr vor, auf dem Speicher der Fabrik Versteckens zu spielen, und Aenny, welche dies Spiel sehr liebte, war sogleich bereit. Sie gingen miteinander auf den großen Speicherraum des Mittelgebäudes über dem Kesselhause und tummelten sich eine Zeit lang umher. Wenn Eines sich versteckte, gingen die Andern hinaus und warteten auf der Treppe, bis der Ruf „Jetzt!“ erscholl. Als aber die Reihe an Aenny war und die Brüder hinaus mußten, schlossen sie die Speicherthür von außen zu und Aenny war gefangen auf unbestimmte Zeit.

Die Knaben steckten den Schlüssel in die Tasche und stahlen sich kichernd fort. Sie hörten noch, wie Aenny mehrmals „Jetzt!“ rief und freuten sich ihres Schreckens, wenn sie entdecken würde, daß sie allein auf dem großen Speicher eingeschlossen sei. Sie gingen zuvörderst hinunter in den Kesselraum. Sie schauten gerne in den feurigen Rachen des schnaubenden Ungethüms. Es war so schauerlich schön. Ihr Bruder Heiri war da. Aber, wie es schien, in einer fürchterlichen Laune. Er befand sich mit dem Wärter in heftigem Streit wegen einer Versäumniß in der Speisung des Kessels, die dieser nicht zugestehen wollte. Beide standen am Kopfende des Generators und untersuchten eine schweißende Stelle. Auf Heiri’s Stirn lag eine dickgeschwollene Ader und als er seine Brüder erblickte, fuhr er sie heftig an: „Macht, daß Ihr fortkommt, auf der Stelle!“

Die Knaben entfernten sich erschrocken über die ungewohnte Strenge des Bruders, und traten einen Spaziergang an, während dessen sie Aennchen da droben „brummen“ lassen wollten.




13. Frank.

Als Heiri das Zimmer seines Vaters verlassen, traf Herr Hösli eiligst Anstalten abzureisen. Er wollte nach der unweit gelegenen Stadt Baden, um mit einem dortigen intimen Geschäftsfreund die peinliche Lage der Dinge zu berathen.

Lilly und Alfred waren wieder trocken nach Hause zurückgekehrt und Frau Hösli, welche mit Besorgniß ihres Mannes Aufregung wahrnahm, bat, ihn im Schiff bis Zürich begleiten zu dürfen.

Er willigte ein, und da der Ruderknecht nicht so schnell zu finden war und Herr Hösli durchaus vor Abgang des nächsten Zuges Zürich erreichen wollte, übernahm Frank das Rudern und die Drei fuhren so schnell als möglich nach der Stadt.

Herr Hösli hatte auf der kurzen Fahrt nur Zeit, seiner Frau mit wenigen Worten zu erzählen, was zwischen ihm und seinem Sohne vorgefallen. Sie schüttelte traurig den Kopf: „Ich fürchte, Du warst zu streng; er ist in Amerika geboren, es ist das Vaterland seiner Mutter, kannst Du ihm ein Verbrechen daraus machen, daß ihn die Gewohnheit eines ganzen Lebens dahin zurückzieht? Ich will ihn nicht entschuldigen, daß er seinem Vater so störrisch entgegentritt. Aber es thut mir doch weh, meinen Sohn so schwer darunter leiden zu sehen, daß er die Heimath seiner Mutter liebt!“

Herr Hösli schwieg nachdenklich. Man legte an. Er stieg aus und küßte seine Frau. „Behüt’ Dich Gott!“ sagte er, „mach’, daß Du heimkommst, es liegt so schwer auf mir, als müsse es ein Gewitter geben.“

„Das sind die Sorgen, die auf Dir lasten, der Himmel ist rein!“ erwiderte Frau Hösli und winkte dem Gatten liebevoll.

Er wandte sich und schritt dem Bahnhof zu. Frau Hösli setzte sich wieder in das Schiff und Frank stieß ab. Sein Auge ruhte betrübt auf der Herrin, weil er ihren Kummer sah, und er wagte doch nichts zu sagen. Die Gondel flog rasch dahin von seinen kräftigen Ruderschlägen getrieben. Wie ein bewegliches Panorama drehten sich die grünen Ufer mit den stattlichen Bauten und weiterhin mit den duftigen Gebirgszügen um sie her. Frau Hösli heftete den Blick nach oben. Ja, der Himmel war rein, da trübte kein Wölkchen nah oder fern das azurne Blau. Je weiter die Stadt zurückblieb, desto stiller und einsamer wurde es auf dem See. Die Sonne brannte heiß herab, aber der frische Luftzug, den der dahinfliegende Kahn hervorbrachte, milderte die mittägliche Gluth. Kein Schiff zeigte sich weit und breit, kein Vogel schwirrte vorüber, keine Welle kräuselte sich, ein göttlicher Friede lag über der unabsehbaren Wasserfläche, es war, als sprächen Engel mit ihren Geistesstimmen von dem hochgespannten Firmament herab und die ganze Natur hielte den Athem an, um ihrer wonnevollen Botschaft zu lauschen. Da plötzlich ertönte ein Knall, als berste Erde und Himmel, daß die Lüfte schrieen und der Grund des Sees erzitterte, ein Getös, als zerschmetterten Titanenhände die Felsen der Gebirge ringsum und würfen die gewaltigsten Blöcke durcheinander. Und daher sauste ein schwerer unkenntlicher Gegenstand, etwas wie ein gewaltiges Wurfgeschoß hoch im Bogen über Frau Hösli weg und schlug dicht neben dem Schiff in’s Wasser, daß der Gischt haushoch emporspritzte. „Allmächtiger Gott – da ist der Kessel gesprungen!“ kreischte Frau Hösli und Frank’s schwarzes Gesicht starrte fahl vor Schrecken nach der Richtung, von wo ein fortdauerndes Krachen und Donnern zusammenstürzender Mauern, ein wildes Geheul von Menschenstimmen verkündete, daß etwas Gräßliches geschehen sei.

„Mein Sohn!“ schrie Frau Hösli auf, „mein Sohn – er war in der Fabrik, als wir fortfuhren – mein Sohn!“ schrie sie [179] in langgezogenen Tönen, daß es schneidend durch den weiten Raum schrillte, und streckte die Arme nach dem Ufer aus, daß das Fahrzeug schwankte.

„An’s Land, Frank,“ befahl sie, als könne der Befehl die Ruder beschwingen, „schneller, schneller – hier leg’ an – nicht erst an die Stufen. Halt nur, halt!“ Ehe noch das Boot anlegen konnte, sprang sie heraus, daß sie bis über die Brust in das schlammige Wasser versank, und watete den Strand hinauf. Sie ging nicht, sie flog. Sie sollte schon dort sein, warum war sie es nicht? Sie war ja noch gar nicht von der Stelle gekommen, da stand sie auf demselben Fleck, wo sie das Ufer erklommen und konnte nicht weiter, ihre Kleider waren so schwer, ihre Füße wie Blei – aber ihr Sohn, ihr Sohn lag da drüben unter dem Schutt – sie mußte vorwärts! – Es ging nicht, es dunkelte ihr vor den Augen, die Kräfte verließen sie, sie brach in die Kniee, sie hatte ein Gefühl, als sei sie nun klaftertief in die Erde eingerammelt wie ein Pfahl und Niemand könne sie mehr herausziehen.

„Mistreß, Mistreß!“ tönte ihr Frank’s Stimme in’s Ohr und sie kam wieder zur Besinnung. „Frank, guter Frank,“ flehte sie in ihrer Muttersprache, „heb’ mich auf, ich kann nicht weiter, führe mich, trage mich hin – nur schnell, nur hin, hilf, Frank, hilf mir vorwärts!“

Und Frank hob die schwere erlahmte Gestalt vom Boden auf und schleppte sie weiter, halb geführt und halb getragen durch den Garten dem Schreckensorte zu. „Ach Gott, die Frau!“ schrieen die Leute, als man sie kommen sah.

Da lag es vor ihr, das stolze Werk des Gatten und des Sohnes, ein Trümmerhaufen. Die ganze schöne Front war weggerissen, das Innere lag offen da, es war nichts mehr als ein hohler Raum und nur die Rück- und Seitenwände ragten geborsten mit leeren Fensterhöhlen in den blauen Himmel hinein. Wie ein gefälltes Ungeheuer lag der Rumpf des gesprungenen Kessels weit hinausgeschleudert am Rande der Straße, und eingehüllt in Wolken von Staub zwischen Schutt und Trümmern wühlten und gruben lärmende, jammernde Menschen herum, um herauszuschaffen, was darin begraben war. Aus dem Chaos ragte eine hohe dunkle Gestalt hervor, um die sich Alle schaarten, und ordnete an und griff zu wie Keiner. Es war der Candidat. Mit eigenen Händen hob er Bretter und Balken ab, die kaum zwei Mann von der Stelle brachten, und die geschlossenen Lippen öffneten sich nur zu einem knappen bestimmten Commandoruf, womit er die schreckliche Arbeit leitete, die hoffnungslose Arbeit, den eigentlichen Kern des Unglücks herauszuschälen, die Leiber der Erschlagenen.

„Mein Sohn!“ schrie Frau Hösli und brach sich an Frank’s Seite Bahn durch die dichtgedrängte Masse. „Mein Sohn?“ fragte sie nochmals und Jeder wußte, was sie meinte, aber die furchtbare Antwort war ihm erspart, denn in diesem Augenblick bildete sich ein dichter Knäuel auf dem Schutt und es war ein Bücken und Köpfezusammenstecken.

„Sie haben Einen gefunden,“ murmelte es schreckenbleich durch die Reihen.

„Wen?“

Es war, als wollte Keiner mit der Antwort den Jammer wecken, der nun gleich aus dem geheimnißvollen Knäuel hervorbrechen mußte.

„Lebt er?“ fragte es wieder aus tausend Kehlen zugleich und wieder wagte es Keiner zu antworten.

„Ach, die arme Frau, die arme Frau!“ hörte Frau Hösli es um sich her jammern; war sie damit gemeint?

Sie wußte nichts mehr, als daß sich ihr eine Hecke abwehrender Arme entgegenstreckte, die sie durchbrechen mußte, und „hilf mir, Frank,“ sagte sie noch und dann verstummte sie. Die Hecke hatte sich aufgethan, vier Männer trugen ihr einen verhüllten Körper entgegen.

„Ist er’s?“

„Er ist’s!“

„Die arme Frau, die arme Mutter!“ und ein lautes Schluchzen ging durch die Menge.

Frau Hösli aber weinte nicht. Sie lag still auf der zerschmetterten Brust ihres Sohnes, auf den Trümmern ihres stolzen Glücks und Keiner hörte ein Wort, einen Laut der Klage von ihr.

Aber das Maß dessen, was sie ertragen sollte, war noch nicht voll.

„Um Gotteswillen,“ erscholl plötzlich eine zarte Stimme, „hört denn Niemand in dem Lärm Aennchen schreien, sieht denn Niemand, wo Aennchen ist?“ Und Alfred hinkte athemlos, fliegenden Haares herbei und winkte und rief und stürzte taumelnd dem Candidaten in die Arme. „Aennchen – da oben – Hülfe!“

„Aennchen?“ zuckte es jetzt wie ein elektrischer Schlag durch das erstarrte Herz der unglücklichen Mutter, sie hatte ja noch mehr zu verlieren! – „Noch mehr – mein Gott, noch mehr?“ Sie schnellte empor und jede Muskel spannte sich an zur Hülfe für ihr Kind. Hülfe? wenn diese noch möglich war!

Und Alle blickten nach der Richtung, wo Alfred’s zitternde Hand hinwies – zur Niobe versteinert starrte Frau Hösli hinauf.

Da oben hing Aenny und hielt mit beiden Armen einen der geknickten Balken umklammert, deren Enden noch hie und da aus der Mauer hervorragte. Wie durch ein Wunder mußte es der Kleinen gelungen sein, beim Einsturz des Speichers denselben zu erfassen. Da hing sie, über ihr der blaue Himmel, der durch das Gebälk des abgehobenen Daches hereinschaute, unter ihr eine Tiefe von vier Stockwerken und rings um sie her nichts, als ein öder leerer Raum. Eine Bewegung, ein Nachlassen ihrer Kräfte und sie war verloren! –

Jetzt erst legte sich das dumpfe Brausen und Tosen so vieler aufgeregter Menschen, und man konnte nun hören, wie das Kind um Hülfe wimmerte.

„Leitern, Leitern herbei!“ schrie Frau Hösli und stürzte sich wie eine angeschossene Löwin durch die Gruppe hindurch nach der Stelle, über der das Kind hing.

„Leitern, Leitern!“ brüllte der Haufe durcheinander.

„Keine Leitern da!“ heulte, fluchte, wüthete es durch die wogende Masse, die von Zürich her immer mehr anzuschwellen begann.

„Die Feuerwehr ist ja aufgeboten, die bringt Leitern!“

„Und bis dahin kann mein Kind herabgestürzt sein!“ schrie Frau Hösli, „helft, Leute, helft; wer mir das Kind lebend da herunter bringt, soll fordern, was er will: wenn ich’s besitze, soll er’s haben!“ beschwor sie die zögernde rathlose Menge.

„Ja, wer soll da hinauf ohne Leiter? da ist gut versprechen,“ murrten die Burschen.

„Aber, mein Gott, es werden doch Leitern in der Fabrik gewesen sein?“ rief ein neuer Ankömmling, es war Egon.

„Ja, es sind schon welche da, aber sie sind zu kurz, wenn man sie auch zusammenbindet,“ sagten ein paar Männer, die alles, was in der Art vorhanden war, herbeischleppten. „Und wenn wir auch Leitern hätten, die lang genug wären –“ überlegten die Männer, „was hülf’ es? Das Kind ist zu weit nach der Mitte hin von der Wand aus kann man’s nicht erreichen und wer will auf dem schmalen Balken hinkriechen, der vielleicht kaum das Kind noch trägt, geschweige einen Erwachsenen?“

Was war zu machen? Wenn man die Leiter an den Balken selbst anlegte, so konnte er brechen, bevor der Helfer halb oben war, das Kind und der Mann wurden hinabgeschleudert und rettungslos zerschmettert. Wer konnte wissen, ob und wie fest die zerbröckelnde Mauer, in welcher der Kopf des Balkens steckte, diese noch hielt? Er hatte ohnehin schon eine bedenkliche Neigung nach abwärts.

Was war zu machen?

„Herr Gott, erleuchte uns!“ betete eine alte rührende Stimme. Es war die des Großvaters. Auch er wußte keinen Rath.

Ein neuer Jammerschrei unterbrach das angstvolle Schweigen. Aennchens Brüder hatten sich endlich von der Straße her durch das Gewühl durchgearbeitet. Die Knaben waren wie vom Strafgericht Gottes getroffen, denn sie wußten, daß sie Aennchens Mörder waren, wenn das Entsetzliche geschah. Bleich und still fielen sie neben ihrer Mutter nieder und verbargen das Antlitz in den Falten ihres Kleides.

„So will denn Keiner helfen, Keiner?“ schrie Alfred.

„Wir wollten ja gerne, wenn wir nur wüßten, wie?“ klagten die Leute.

Alfred war wie verwandelt. Seine Augen funkelten, seine Wangen glühten, sein ganzes Wesen flammte auf. „Seid Ihr Männer?“ schrie er und stampfte mit den Füßen. „Seid Ihr Männer? Wollt Ihr das Kind da oben hängen lassen? Wollt [180] Ihr’s herabstürzen sehen? Allmächtiger Gott, kann denn Keiner etwas thun? Onkel Egon, schaffe Rath, rette, rette, Du bist ein Johanniter, es ist Deine Pflicht, Du hast darauf geschworen; wer soll denn helfen, wenn Du es nicht thust?“

„Ich thue, was ich kann, hier kann ich nicht helfen,“ sagte Egon.

„Herr Feldheim, wo sind Sie?“ schrie Alfred und sah sich nach dem Candidaten um. Der war eben dabei, mit eigenen Händen einen zweiten Verschütteten herauszuschaffen. „Auch diese haben ein Recht auf unsere Hülfe,“ sagte er und bog sich zu dem Verunglückten nieder, der noch zu leben schien.

Alfred schlug sich mit den Fäusten vor die Stirn, indeß Thränen ohnmächtiger Wuth über seine Wangen strömten. „O, daß ich ein Krüppel sein muß, ein Krüppel! Wäre ich gesund und stark wie Ihr, mit Händen und Füßen an der geraden Wand arbeitete ich mich hinauf, dem Kinde zu helfen. Ach, ich kann’s ja nicht, kann’s nicht, ich elender erbärmlicher Schwächling!“

Und außer sich vor Verzweiflung warf sich der Knabe zur Erde, seine Glieder zuckten, seine Pulse jagten, er war wie ein Wahnsinniger.

„Hilf Gott, sie hält sich nicht mehr!“ schrie jetzt Frau Hösli auf. Aennchen hatte eine Bewegung gemacht, als wollte sie den Balken loslassen.

„Breitet Decken unter, Betten her!“ rief der Großvater; und ein Trupp rannte nach den Villen, um das Verlangte zu holen.

„Das dauerte zu lang – es ist zu weit bis nach den Häusern,“ schrie Alfred. „Ich weiß, im Keller hier unten liegt die rohe Seide. Schafft die herauf. Schnell, schnell!“

Er eilte Allen voran nach der Stelle, wo die Kellertreppe lag, aber sie war zusammengestürzt und die Seide in einer Tiefe von etwa fünfzehn Fuß nicht mehr zu erreichen.

„O mein Gott, Aennchen, nichts, gar nichts kann ich für Dich thun!“ fieberte Alfred. „Wir wollen sie auffangen, Leute, wenn sie stürzt, kommt hierher;“ er stellte sich neben Frau Hösli und ihre Söhne und breitete die schwachen Arme aus. „Kommt, stellt Euch nebeneinander hierher, so muß sie uns in die Arme fallen.“

Es lag eine Kraft in dem Befehl, den der Knabe gab, eine Kraft des Willens, daß Männer und Jünglinge ihm unwillkürlich Folge leisteten. Eine Gruppe bildete sich um die Knaben und Frau Hösli her, auf’s Gerathewohl das stürzende Kind zu fassen.

Frau Hösli konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr athmen. Es war ein Tosen und Donnern in ihren Ohren, als brächen Lawinen über sie herein, es waren die Schläge ihres eigenen Herzens. Ewigkeiten waren die Secunden, Ewigkeiten lagen zwischen dem Tode ihres Sohnes und jetzt! Es war eine dunkle, längst verklungene Erinnerung, daß man einst ihren Aeltesten todt aus den Trümmern gezogen. Zwischen dem Vorhin und dem Jetzt lag eine Kluft in ihrem Geist, die nichts ausfüllen konnte. Es gab für sie keine Vergangenheit, keine Zukunft mehr – nur noch eine Höhe und eine Tiefe, die ihr noch lebendes Kind zu durchmessen hatte, ehe es zerschmettert zu ihren Füßen lag! Und jeder Nerv in ihr drehte sich zu einem Strick, das Kind da oben festzubinden, und ihre Arme wuchsen immer länger und länger, bis sie hinaufreichten, das Kind zu fassen, und doch blieb Alles, wie es war, und wieder zogen Ewigkeiten über ihrem Haupte und sie wußte nichts mehr, als daß keine Rettung sei, keine Rettung!

Da plötzlich erhob sich ein unbeschreiblicher Tumult. „Herr Gott, der Mohr, der Mohr!“ kreischte es durch die Reihen und Alles drängte nach einer Richtung hin, wo etwas Unerhörtes geschehen mußte, denn die Menschen waren wie die Rasenden. Schreck und Freude zugleich hatte sie wie im Wirbelwind erfaßt. Weiber fielen auf die Kniee und beteten laut.

Da oben, schon in der Höhe eines Stockwerks, hing ein Mann an der nackten Mauer, das braune Gesicht und die athletische Gestalt war unverkennbar, es war Frank.

Die Mauer war in schräger Richtung von oben nach unten geborsten, der Riß neigte sich oben nach dem Balken zu, der Aennchen trug. Er war so weit, daß eine Hand und ein Arm sich allenfalls hindurchzwängen konnte, weiter oben waren streckenweise ganze Quader ausgebrochen und die Durchschnittskante der Mauer bildete einen schmalen schwindelnden Pfad zwischen zwei Abgründen diesseits und jenseits.

Mit der Behendigkeit und Geschmeidigkeit einer Katze klomm der Neger empor, nicht von Schritt zu Schritt, sondern von Hand zu Hand sich aufwärts windend. Schwankend hing der wuchtige Körper an den langen Armen, deren Muskeln sich gleich lebendigen Schlangen dehnten und zusammenzogen, und das den Negern eigene röchelnde Keuchen klang schaurig durch die Stille bei der furchtbaren Arbeit um Leben und Tod.

Still, grabesstill war es ringsumher geworden; ein Geräusch, ein Laut konnte ihn wecken und herabschleudern, den Nachtwandler, der am hellen Tage träumen mußte, einen Traum von Liebe und Treue, von Muth und Kraft, wie ihn noch Keiner geträumt von Allen, die da standen. Und wie wir mit geheimem Grauen alles Das anstaunen, was weit über die Grenzen unseres Denkens und Fühlens hinausreicht, so graute den weißen Menschen da unten in der Tiefe vor dem Schwarzen, dem Halbmenschen, der da oben über ihnen schwebte in schwindelnder Höhe ohne einen anderen Halt als die Spalte, in die er seine Hände einklemmte, und ohne einen Ruhepunkt als dann und wann die Höhlung eines ausgebrochenen Steins oder das Bruchstück eines vorstehenden Gebälks, worauf er knapp den Fuß setzen konnte.

Das arme beschränkte Gehirn reichte wohl nicht so weit, um sich der Gefahr völlig bewußt zu sein, in die es sich stürzte; es reichte wohl nicht weiter, als um in dem Mauerriß den Weg zu sehen, auf dem das Kind zu erreichen war, und es machte zur That, was es dachte, ohne weiter zu grübeln. Wie ein Hund seinem Herrn nachkriecht schwindelfrei an Abhängen hin, wo noch ein Fleck ist, auf den er treten kann – so kroch er einfach, der treue Thiermensch, den Spuren seiner kleinen geliebten Herrin nach, und die Träger der Civilisation da unten sahen zu, und der Herzschlag stockte ihnen und der Athem ging ihnen aus, sie mußten mit den Füßen den Boden stampfen, um sich zu überzeugen, daß er fest sei und nicht mit ihnen hin und her schwanke!

Und Frau Hösli, die Mutter, wer beschreibt, was sie fühlte! Die Frau, vor deren verglastem Blick sich das wunderbare Schauspiel aufthat, tödtete beinahe die Angst, die größte, bitterste, die Angst der Hoffnung – einer Hoffnung, die an einem Haare hing, einer Hoffnung, deren Scheitern sie nicht überleben würde! Und sie schaute und schaute von ihrem Kinde auf den Retter und von diesem auf ihr Kind; denn während sie nach dem einen blickte, konnte das andere herabstürzen. Ihre Augen waren nicht schnell genug, von einem zum andern zu fliegen, wie sie es gewollt. Ihr Herz war schneller, seine Schläge waren nicht mehr zu zählen, es that in diesen wenigen Minuten die Schläge vieler Jahre. Jetzt war Frank im dritten Stock angelangt und nun kam die offene Stelle in der Mauer. Auf einem vorspringenden Balken rastete er ein wenig und wischte sich das Blut von den Händen und den Schweiß von der Stirn. Dann wieder – auf! und weiter ging’s auf der tödtlichen Bahn dem Gipfel zu. Jetzt konnte er endlich mit Händen und Füßen klimmen, und rascher als bisher in mächtigem Anlauf kletterte er an der freistehenden geschrägten Kante der Mauer hinauf.

„Er ist oben,“ flüsterten die Menschen athemlos, „er ist oben,“ wiederholten die Lippen der Mutter, und ein Zittern überflog den erstarrten Körper, daß man ihre Zähne auf einander schlagen hörte.

Er ist oben! Aber was wird er nun beginnen? Es ist eine Strecke von drei, vier Fuß hinüber zu dem Kinde. Dicht bei dem Balken, wenig entfernt von der Stelle, wo Frank hängt, ist eine leere Fensterhöhle. Seine Arme können sie erreichen; er umfaßt das Mauerstück, das ihn von ihr trennt, und schwingt sich hinüber. Jetzt hat er festen Fuß gefaßt, er setzt sich rittlings auf das Gesims.

Was nun?

Auf den Balken hinauszutreten, der Aennchen trägt, wäre Wahnsinn!

Er macht einen Strick los, den er um den Arm gewickelt hat, an dessen Ende ist ein großer Stein. Niemand weiß, was er damit will. Er spricht mit Aennchen, aber man kann es nicht bis hinunter verstehen. Was will er mit dem Stricke?

Frau Hösli allein weiß es. Sie hat ja als Kind so oft zugesehen, wie sich der wilde Knabe mit den andern Negern im Werfen des Lasso übte. Eine Ahnung dämmert ihr auf. Frank hat den Strick gelöst, er läßt ihn mit dem Steine ein paarmal prüfend hin und her schwingen. Er ruft Aennchen zu, sich festzuhalten nur noch einen Augenblick, aber recht fest!

[182] Frau Hösli athmet nicht mehr, ihr Herzschlag setzt aus.

Frank wirft die Schleuder versuchsweise nach dem Kinde, sie ist zu kurz, er zieht sie zurück und wickelt noch ein Stück des Seils von seinem Arme ab. Er zielt nochmals, diesmal reicht es. Der Stein fliegt weit über Aennchen hinaus. Jetzt erhebt er sich auf dem schmalen Sims hoch auf seine Kniee, ein tiefer Athemzug lüftet seine breite Brust und findet da unten in der Tiefe ein hundertfaches Echo. Mit der Linken hält er sich an der Außenseite der Mauer und die mächtige Rechte holt aus. Zwei, drei Mal beschreibt der nervige Arm einen Kreis durch die Luft, der ganze Körper wird zur Muskel, das zielende Auge tritt weit aus seiner Höhle wie das des Raubthiers auf dem Sprunge und jetzt – ein gewaltiger Wurf – „halt Dich fest!“ Der Lasso ist geschleudert und in immer kleineren Kreisen wickelt sich der schwingende Stein fünf, sechs Mal um den Leib des Kindes, so lange der Strick reicht, daß das Kind ganz davon eingeschnürt ist.

„Halt Dich fest!“ ruft Frank noch einmal und zieht an, ob der Strick sicher ist für das, was er jetzt wagen will. Die Schlinge hält die Probe aus, sie ist unlöslich, er kann sich auf sie verlassen.

Einen Augenblick verschnauft er, dann stemmt er sich fest gegen die Mauer. „Laß los!“ befiehlt er, das Kind wagt nicht, ihm zu gehorchen, ein Ruck und er reißt es von dem Balken los, ein Schrei des Entsetzens: „Es fällt!“ aber nur, so weit der Strick es erlaubt, an dem es hängt, dessen anderes Ende Frank sich um den Arm gewunden. Der Ruck des abwärts wuchtenden Seils mit seiner Last war zu jäh. Frank verliert fast das Gleichgewicht. Die Menschen da unten drängen sich zusammen und fassen einander unwillkürlich bei den Händen, als wolle Einer den Andern halten für die da oben, die er nicht halten kann. Aber Frank hat den Prall parirt und bleibt fest. Er läßt sich wieder in eine sichere Lage nieder, wo er beide Hände frei hat, und windet das Seil vorsichtig zu sich auf. Jetzt faßt er das Kind am Arme und zieht es empor an seine Brust. Nun ist es geborgen!

Wie ein Donner aus der gespannten Gewitteratmosphäre brach jetzt die langgverhaltene Aufregung hervor und ein Jubel durchzitterte die Luft, der kein Ende nehmen wollte, ein Weinen und Lachen, Sichumarmen und Herzudrängen! War Aennchen doch in dieser qualvollen Stunde eines Jeden Kind geworden, hatte doch in der überstandenen Angst ein Jeder es gleichsam selbst geboren. Aber noch war nicht Alles vorüber. Noch mußte der Mohr ja mit dem Kinde herunterkommen aus seiner schwindelnden Höhe. Doch das war nur eine kleine Sorge, denn die Feuerwehr konnte nicht mehr lange ausbleiben, die brachte sicher Hülfe.

Und es vergingen auch nur noch wenige Minuten ungeduldiger Erwartung, während Frank ruhig da oben saß und das Kind, das von dem Schreck ohnmächtig geworden, tausend Mal herzte und küßte. Da rasselten endlich die schweren Wagen im Galopp einher und Alles stürzte ihnen entgegen. Man riß die ungeheueren Feuerleitern herab und drei derselben wurden neben einander angelegt. Zwei Feuerwehrmänner eilten hinauf, Frank beizustehen. Alles drängte sich herzu, die Leitern zu halten. Die Menge war so dicht eingekeilt, daß Frau Hösli ausgeschlossen blieb und von ferne stehen mußte.

Jetzt bestieg Frank mit Aennchen die letzte steile Bahn. Aber ihm rechts und links zur Seite stützten ihn die Feuerleute, daß er nicht strauchle, und es war auch nöthig, denn die übermenschliche Anstrengung machte sich geltend und den starken Mann überflog jetzt ein Zittern, daß die Leiter unter ihm schwankte, Näher und näher kam für die gemarterte Mutter die selige unglaubliche Gewißheit. Noch stand sie aufrecht und zählte die Stufen, die Frank zurückzulegen hatte: jetzt noch etwa zehn – jetzt nur noch drei – jetzt war er unten! Und als wollten sie ihn vor Freude zerreißen, fielen die fiebernden Menschen über ihn her. Er aber wehrte sie stumm von sich ab und schritt auf die Mutter zu, ihr das Kind zu bringen.

Sie taumelte ihm entgegen, aber sie konnte Aennchen nicht mehr in ihren Armen empfangen, das Maß ihrer Kraft war erschöpft, sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht. Lautlos stürzte sie Frank zu Füßen und drückte ihre Lippen auf seine blutende Hand.

[193]
14. Auf Trümmern.

O Majestät der Menschennatur! Im Höchsten wie im Niedrigsten kannst du deinen Purpur entfalten, denn er ist nicht von Sammet und Seide, dein Purpur ist die heiße Blutwelle, die ein mächtiges Gefühl, eine große That rascher nach Kopf und Herzen drängt!

Er ward nicht sichtbar, dieser Purpur auf der schwarzen Stirn des Negers, dennoch fühlten Alle die geheimnißvolle Nähe der Majestät in dem sonst so verachteten Menschen.

Und es war ihm einen Augenblick, da die erlöste Mutter zu seinen Füßen lag und die jauchzende Menge ihn umdrängte, als sei der Ehrentag für seine ganze Race angebrochen, als rauschten über ihm die Palmen seiner heißen Heimath und seine Brüder umringten ihn und sprächen: „Du bist unser König, denn Du hast uns die Freiheit erstritten mit Deinem Blute.“ Und aus seinen Augen brach ein Strahl so wunderbar, daß er sein ganzes Gesicht verklärte, und wer ihn jetzt sah, der fand ihn schön!

Am Boden bei Frau Hösli kniete ein unscheinbares stilles Wesen, das schaute aus blauen feuchten Augen zu ihm auf; es war ihm, als lächle ihn ein Stück seines heimathlichen Himmels aus diesem Blicke an, und die Brust ward ihm zu enge, es überkam ihn auf einmal wie Heimweh in all’ seiner Freude, wie ein unsägliches Heimweh, das nur der Tod stillen könne!

Jetzt regte sich Frau Hösli. Fräulein Körner nahm Frank das Kind ab und er half seine Herrin aufrichten und nach dem Hause führen. Der Traum war zerronnen, der kurze selige Traum von der Königskrönung, von den Brüdern, den Palmen und dem blauen Himmel der Heimath. Er war wieder nichts mehr als der einfache Diener, der nur seine Schuldigkeit that, wenn er das bischen Menschenrecht und Menschenglück, das ihm die Güte seiner Herrschaft gönnte, mit seinem Blut und Leben vergalt.

Das Haus war erreicht. Frau Hösli hatte immer noch nicht ihr volles Bewußtsein erlangt. Sie griff von Zeit zu Zeit nach Frank und dem Kinde, als wolle sie sich überzeugen, daß beide da seien, murmelte einige unverständliche Worte und sank, als sie ihr Lager erreicht, wie todt darauf nieder. Auch Aenny sprach wieder, aber verworren und fieberhaft. Fräulein Körner wollte sie zu Bette bringen, da schrie sie so verzweifelt nach Frank, er solle sie holen, sie halten, daß der Neger sie nehmen und in ihr Zimmer tragen mußte. Aber sie ließ ihn nicht mehr von sich weg. Kaum daß Fräulein Körner sie entkleiden konnte. Sowie sie ein paar Augenblicke lag, rief sie in Todesangst: „Ich falle, ich falle, Frank, Frank, komm, hilf mir!“

Frank fragte schüchtern Fräulein Körner und die eben erst eintretende Französin, ob er bleiben dürfe. Fräulein Duchèsne, welche stets vornehmer war als ihre Herrschaft, fand es nicht statthaft, Fräulein Körner aber erklärte energisch, sie wollte es bei Frau Hösli verantworten und Frank müsse bleiben, so lange es zur Beruhigung des Kindes nöthig sei.

Mit einem glückseligen Ausdruck setzte sich Frank an das kleine Bett und umchlang Aenny mit beiden Armen. Von dem Augenblick an ward sie ruhiger. Aber er durfte sich kaum bewegen, so fuhr sie aus ihrem Halbschlummer auf, rief erschrocken „Frank!“ und hielt seine Hand fest. Und mit einer Geduld, wie nur ein Mann von Frank’s Willenskraft sie hat, blieb der Mohr von diesem Augenblick an regungslos sitzen, wie aus Holz geschnitten. Kein Zureden half, sich wegzustehlen, als die Kleine wirklich fest schlief, sie hatte mit ihren Fingerchen immer noch Frank’s Rechte umschlossen und er wäre eher verschmachtet, als daß er sie dem Kinde entzogen hätte. Fräulein Duchèsne ging zum Abendbrod, denn nichts konnte sie dazu bringen, ihre gewohnte Eßstunde zu versäumen.

Fräulein Körner athmete auf, als sie hinaus war. Sie konnte den armen Frank nicht mehr so sitzen sehen. Noch immer triefte ihm der Schweiß seines mühevollen Werkes von der Stirn und die Wunden seiner Hände und Arme bluteten so, daß Aenny’s weißes Bettchen roth gefärbt ward. Fräulein Körner konnte nicht anders, ob schicklich oder nicht, ihr stilles Erbarmen war stärker als jedes Bedenken. Sie tauchte ein weiches Tuch in Wasser und wusch dem müden Manne, der keine Hand frei hatte, das Gesicht ab.

„Ah, wie das erquickt!“ sagte er dankbar und fast erschrocken über so viel Güte, „aber Sie werden mich nicht waschen weiß!“

„Das ist auch nicht nöthig, lieber Herr Frank! Es giebt Weiße mit schwarzen Herzen – und Schwarze mit weißen Herzen, das haben Sie uns heute gezeigt. – Bitten ziehen Sie nur einen Augenblick die Hand unter dem Kissen heraus – so!“ Sie wusch ihm das Blut aus und verband ihm die Wunden, so gut sie konnte, und machte mit liebevollem Eigensinn selbst die andere Hand aus der des Kindes los, um sie ebenfalls zu pflegen.

Frank ließ Alles mit sich geschehen, er war so verlegen und fühlte sich so unbeschreiblich geehrt, er wußte gar nicht, was er [194] sagen sollte. „Sie sind zu kindlich,“ brachte er endlich heraus, denn er meinte, „kindlich“ sei dasselbe wie kindly (gütig).

Fräulein Körner hatte ihm den Fehler schon früher corrigirt und wußte, was er meinte: „O,“ sagte sie, „ich thue nur, was Frau Hösli an meiner Statt auch thun würde, wenn sie könnte – ja, sie ließe sich’s gewiß nicht nehmen, wäre sie bei Besinnung, denn ach, lieber Herr Frank, was Sie für uns heute gethan haben, das ist etwas so Großes, so himmlisch Schönes! Aennchen ist nicht mein Kind, und doch könnte ich von nun an mein Leben für Sie lassen aus Dankbarkeit – wie muß es da erst der Mutter sein, der Sie das Kind gerettet!“

Frank hatte diesen Worten gelauscht wie im Traum, und als Fräulein Körner, von ihrer Bewegung überwältigt, schwieg – da wußte er sich gar nicht mehr zu fassen und zu lassen, er legte das Gesicht auf den Rand von Aenny’s Bettchen und fing an laut zu weinen und zu schluchzen, daß es den mächtigen Körper ordentlich auf und nieder warf.

Fräulein Körner erschrak und Aenny fuhr auf: „Frank, Frank, ich halte mich nicht mehr, Frank, wo bist Du?“

Da ward er sogleich still, schlang wieder seine Arme um das Kind und verwendete kein Auge mehr von ihm.

Es begann zu dunkeln. Fräulein Körner stahl sich leise hinaus und kam bald mit einem reichlichen Vesperbrod zurück. „Lieber Herr Frank, Sie müssen etwas essen! Sie sind ja auch nur ein Mensch und hatten nichts zu Mittag.“

Aber Frank schüttelte mit dem Kopfe und deutete auf Aennchen.

„Ei nun, da schaffe ich Rath. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, sagte mein seliger Vater immer.“ Und sie hielt ihm ein Glas schäumenden Bieres an die Lippen, daß er trinken mußte, ob er wollte oder nicht. Und er trank. So hat noch kein Mensch getrunken. Es fiel, was man sagt, wie Wasser auf einen heißen Stein. Seit der furchtbaren übermenschlichen Anstrengung bei der Hitze der erste Tropfen, der seinen vertrockneten Gaumen netzte. Fräulein Körner sah, wie er das kühle Naß einsog, in ihrem Leben hatte ihr nichts so wohl gethan, wie die Wohlthat, die sie dem durstenden Mann erwies. Sie neigte geschickt das Glas, daß er in vollen Zügen schlucken konnte ohne abzusetzen, bis kein Tropfen mehr drinn war.

„O thank you, thank you, Miss!“, sagte er mit einem tiefen Athemzug – „o, war das gut, Miß, war das gut!“

Fräulein Körner wischte sich die Augen – es war doch eigentlich gar kein so rührender und poetischer Moment, und doch waren sie ihr feucht geworden. „Kein Mensch auf Erden hat den Trunk, der ihn labte, besser verdient als Sie heute,“ sagte sie so recht aus ihrem vollen warmen Herzen heraus. Und dann schnitt sie Brod und Fleisch, das sie mitgebracht, steckte ihm die Bissen mit ihren schlanken Fingern in den Mund und sah vergnüglich zu, wie die glänzend weißen Zähne das knusperige Brod zermalmten.

„Dearest Miss, dearest Miss, was soll ich thun for Ihnen – for zu danken Ihnen, daß Sie sind so gut for mich?“

Fräulein Körner legte ihm die Hand auf die Schulter, während sie ihm das letzte Stück reichte, und schaute in seine schwarzen Augen, in diese wunderbar schönen traurigen, unergründlich tiefen Augen und sagte weich: „Sie lieber, guter Herr Frank, helfen Sie mir, unserer braven Herrschaft das Kind wieder aufbringen, ich fürchte, es wird von der Angst recht krank. Wir wollen’s nie verlassen, wir sind ja doch die Einzigen unter den Dienstboten, die es lieb hat. Nicht wahr?“

„Yes, o ja!“ rief Frank und diesmal zog er sogar seine Hand aus der Aenny’s, um die dargebotene Rechte des Fräulein Körner zu schütteln.

Die Beiden waren in dem Augenblick so glücklich, sie konnten sich gar nicht sagen wie sehr. Sie schüttelten und schüttelten sich immerfort die Hände und wäre Fräulein Duchèsne nicht eingetreten, sie hätten gar nicht mehr aufgehört.

„Monsieur est arrivé,“ sagte sie so ruhig, als sei Herr Hösli von einer Spazierfahrt zurückgekommen, und setzte sich an das Fenster möglichst weit von Frank weg.

„O lieber Gott, der arme, arme Herr!“ rief Fräulein Körner, „wie wird er’s tragen?“

Sie kannte die Schweizer nicht, sonst hätte sie’s gewußt!

Herr Hösli war sogleich nach Eintritt des Unglücks von demselben telegraphisch unterrichtet worden. – Der Candidat erwartete ihn mit dem Großvater an der Bahn.

„Lebt er noch?“ war das Einzige, was er schon aus dem Wagenfenster ihnen entgegen rief. Sie schwiegen – da schwieg auch er. Es war nichts weiter zu sagen. Er strauchelte, als er in die Droschke stieg, die Herren mußten ihn stützen. „Excusez,“ stammelte er nach Züricher Art, dann kam kein Wort mehr über seine Lippen. Von Aenny’s Todesgefahr und Rettung wußte er noch nichts. Sie wollten es ihm erst auf der Heimfahrt erzählen, aber sie brachten es nicht über sich. Beide fühlten gleichmäßig die heilige Unnahbarkeit solch eines stummen Schmerzes, sie wagten nicht mit einem Wort das Schweigen zu unterbrechen. Wo ein Sterbender liegt und wo ein großes Glück im Menschenherzen mit dem Tode ringt, da muß es still sein ringsumher und die theilnehmende Liebe verharrt in ehrfurchtsvoller Scheu.

So kamen sie an. Der Candidat entfernte rasch die laut weinende Dienerschaft, die sich herandrängte. Auf den Arm des Großvaters gestützt, schritt Herr Hösli durch die Hausflur. Er blieb stehen. „Wo ist meine Frau?“

„Auf ihrem Zimmer bewußtlos.“

„Und er?“

„Wir haben ihn einstweilen in seine Stube gelegt,“ sagte der Großvater. „Willst ihn sehen? Wart’ lieber noch ein wenig.“

„Ich muß zu ihm!“ sprach Hösli und der Großvater führte den Sohn zu der Leiche des Enkels. „Geh’, Großvater – geh’ lieber,“ stammelte Herr Hösli und der alte Herr ging hinaus zu dem Candidaten und beide warteten vor der Thür.

Als Herr Hösli allein war, schloß er zuvor alle Riegel zu. Dann schwankte er zu dem Bette und nahm die Hülle von der Leiche. Das schöne Antlitz war unversehrt, aber – – – Die draußen hörten einen schweren dumpfen Fall, sie wollten eintreten, doch es war geschlossen. Sie horchten, lange rührte sich nichts mehr. Es ward Nacht.

Da endlich vernahmen sie Geräusch und sahen einen Lichtstrahl durch die Spalte. Der Großvater rief hinein, ob Hösli nicht öffnen wolle, aber er antwortete wieder nicht. Der alte Mann ängstigte sich mehr und mehr, endlich ertrug er es nicht länger.

„Herr Candidat,“ sagte er, „wenn Sie auch nur wollte um’s Haus ummeschliche und am Fenster lohse, ob ihm öbbe nit guet isch!“

Der Candidat war gerne bereit, auch ihn beunruhigte das Schweigen Hösli’s. Er ging um das Haus und trat zu dem niedrigen Fenster des Erdgeschosses. Die Vorhänge waren herabgelassen, aber das Fenster geöffnet. Er konnte durch die Spalten sehen. Da saß Herr Hösli auf dem Bettrand und hatte den verstümmelten Körper des Sohnes wie ein Kind im Arm und wiegte und streichelte und küßte ihn und flüsterte zwischendurch immer dasselbe: „Mi Büebli, mi lieb’s Büebli!“

Und das klang so erstickt durch die Thränen und war so unbeschreiblich zärtlich, so herzzerreißend in der steten Wiederholung, als hoffe er, der Todte könne es doch endlich hören, wenn er nur nicht müde werde es ihm zuzurufen, und als finde der namenlose Schmerz keinen anderen Ausdruck, als den, mit welchem vor zwanzig Jahren der glückliche Vater den erstgeborenen Sohn in seinen Armen empfangen haben mochte. Alles, alles war vergessen, jeder Zwiespalt des Lebens verwischt und der hülflose Leichnam ward für das Herz des Vaters wieder jenes hülflose unschuldige Knäblein, das er einst in unnennbarer Liebe an seine Brust gedrückt. Damals hatte er das Kind zum ersten Schlummer in die trauliche Wiege gebettet, und nun sollte er’s in eine andere Wiege betten zum letzten, zum ewigen Schlaf. Ende und Anfang stießen aneinander, der Ring hatte sich geschlossen, aber ach! so früh – zu früh. Der Ring war zu eng, er schnürte das zuckende Vaterherz zusammen wie ein eiserner Reif, daß es zwischen dem Einst und Jetzt fast zermalmt ward.

„Mi Büebli, mi arm’s lieb’s Büebli,“ schluchzte der unglückliche Mann laut und lauter, und Feldheim eilte vom Fenster, das Herz wollte ihm brechen.

Am andern Morgen erst trat Herr Hösli aus dem Leichenzimmer. Er sprach nicht und weinte nicht, aber die ihn sahen, meinten, er sei über Nacht einen Kopf kleiner geworden, so gebeugt war die hohe Gestalt. Als er den Flur nach Frau Hösli’s Zimmer hinschritt, kam sie ihm, von den Großeltern geführt, entgegen und sank still an seine Brust. Sie hatte sich mit Mühe vom Bette aufgerafft, auch sie weinte und klagte nicht. Sie konnte nur nicht recht gehen, ihre Füße waren wie gelähmt und versagten ihr immer [195] noch den Dienst. Sie hielt den Gatten lange still umfangen. Die Großmutter war die Erste, die sprechen konnte und dem Sohn erzählte, wie viel unglücklicher sie noch hätten werden können, wenn der Mohr nicht gewesen wäre, und wie man Gott für das danken müsse, was er einem noch gelassen und so wunderbar gerettet habe! Die kleine alte Frau, eine Zwinglianerin von echtem Schrot und Korn, war aufrecht und stark in ihrem festen Glauben, daß „Alles wohlgethan, was der Herr thut,“ und ihre einfachen Worte waren wie eine beruhigende Arzenei. Was hat auch solch’ alte Mutter schon Alles verloren, wie hat sie sich geübt im Leiden, wie viel Schmerzen sind über ihr Herz hingegangen, bis sie ihr Kind groß gezogen! Und wie sie’s vom ersten Lallen an belehrt und in allem Guten unterwiesen, bis es über sie hinauswuchs und nichts mehr brauchte, als ihre Liebe, die der echte Mensch nie missen lernt, so bleibt auch noch für die spätesten Jahre übrig, was die Mutter und nur sie dem Kinde zu lehren vermag – die Geduld im Leiden! Es ist ein heiliger Augenblick, wo solch’ eine Mutter den eigenen Jammer um den des Kindes hinunterkämpft und ihm den letzten, den schwersten Unterricht giebt, den das Unglück zu tragen. Und Herr Hösli bückte sich zu der kleinen Mutter nieder und drückte sie an seine Brust. „Ja, Müetti,“ sagte er, „wir wollen’s aushalten.“ und die Beiden verbargen in liebender Schonung Eines vor dem Andern ihre Thränen.

Dann wandte er sich nach Aennchens Zimmer, aber Frau Hösli stand hülflos da und streckte ängstlich die Arme aus. „Ich bitte Euch, helft mir, ich kann ja nicht gehen!“

Herr Hösli sah sie erschrocken an. „Was ist das, Frau?“

„O, es ist eben von dem Schreck, es wird schon besser werden,“ sagte sie und lächelte. Es war ein trauriges Lächeln.

Die Männer stützten sie und sie schleppte sich mühsam bis zu Aennchen. Als sie eintraten, fanden sie Frank wieder bei dem Bette des Kindes. Er stand auf. „Komm’ her, Frank,“ rief Herr Hösli, noch bevor er das Bett erreicht. Frank ging ihm entgegen und Herr Hösli schloß den Neger in seine Arme. „O, das ist zu viel für mich!“ sagte Frank verwirrt und erschüttert. Fräulein Körner, die von ferne stand, sah mit leuchtenden Blicken zu. Frau Hösli überzeugte sich sorgenvoll, daß Aenny noch immer nicht bei Besinnung war. Der Arzt hatte erklärt, sie sei bei dem Herabstürzen an dem Seil mit dem Kopf gegen die Mauer angeprallt und habe eine leichte Gehirnerschütterung erlitten.

„Man muß Geduld haben,“ tröstete der Großvater. Frau Hösli nahm Frank’s Hände in die ihren. „Mein Frank, hat man denn auch für Dich gesorgt und Dich gepflegt nach Deiner schweren That? Ich konnte mich ja um nichts kümmern!“

Frank deutete auf Fräulein Körner und es war, als ob er unter seiner dunkeln Haut erröthete. „O, sie war so gut zu mir – „o, she is an angel!“

Bei Fräulein Körner sah man es besser, daß sie erröthete, als bei dem Mohren.

„Ich dachte, ich handelte im Sinne meiner Herrschaft.“

„Sie hatten Recht, liebe Ida.“ Frau Hösli küßte sie auf die Stirne. „Ich danke Ihnen dafür!“

„Habt Ihr den Lasso nicht aufgehoben, der unser Kind retten half?“ fragte Herr Hösli.

„O, mein Gott, daran dachte wohl Niemand,“ rief Frau Hösli, „wie schade!“

„Doch, hier ist er!“ Fräulein Körner holte ihn aus einem Kasten hervor. „Ich habe ihn Aenny abgenommen und aufbewahrt.“

„Frank,“ sagte Herr Hösli „dies ist ein Band, das Dich untrennbar mit uns verbindet. So fest diese Schlinge, die Deine Eisenfinger knüpften, den Stein hielt, den nur eine Faust wie die Deine schwingen konnte, so fest wollen wir Dich halten in Liebe und Dankbarkeit, Du seltener, treuer Mensch. Wenn wir Dich bisher nur als Diener behandelten, so vergieb uns, wir wußten nicht, wer Du bist. Jetzt wissen wir’s und wollen das Versäumte nachholen.“

Die Herrschaft hatte das Zimmer verlassen. Frank stand noch immer wie verzaubert an derselben Stelle. „A dream, it is a dream!“ murmelte er vor sich hin. Da legte sich etwas weich und warm auf seine gefalteten Hände. „Kein Traum, Herr Frank!“ sprach Ida Körner. „Nicht mehr als Sie verdienen! So hat mich in meinem Leben nichts gefreut, als die Worte, die Herr Hösli an Sie richtete. O, die glücklichen Leute, sie sind reich und können Ihnen danken, wie sie nur wollen, können Ihnen Alles geben, was Sie sich nur wünschen mögen! Ich würde Ihnen so gerne auch etwas geben, aber ich habe nichts – ich bin so arm.“

Frank hätte ihr gern allerlei erwidert, aber er wußte nicht, wie er es auf Deutsch sagen solle. Er streichelte ihr nur sanft die kleine weiße Hand, die immer noch in der seinen ruhte, und sie wunderte sich, wie weich und zart die schwarze Faust des Negers war, fast so weich wie eine Frauenhand. Und sie empfand die kindlich liebkosende Berührung des gewaltigen Mannes mit einem süßen Behagen; aber dann erschrak sie über dies Gefühl, ward befangen und entzog sich ihm rasch. Da schaute er sie so verschüchtert und so traurig an mit seinen großen Augen, daß es sie in tiefster Seele rührte. Noch eben hatte sie Alles für ihn thun wollen in dem überströmenden Gefühle ihrer Bewunderung, und jetzt konnte sie ihn kränken durch die geringste Unfreundlichkeit? Nein, das war zu kleinlich!

Und sie reichte ihm schon wieder die Hände und sah ihm in die Augen, in diese „unergründlich tiefe Nacht“, wie der Dichter singt. Und es war ihr, als ob das träumerische, geheimnißvolle Dunkel all ihr Denken einschläfere, daß sie nur noch ruhen möchte in seinem Schatten. – –

So verlebten die Beiden wehmüthig glückliche Tage an dem Bette des Kindes und wurden kaum jemals gestört, denn Fräulein Duchèsne, welche nur als eigentliche Institutrice im Hause war, betheiligte sich wenig an der Krankenpflege, und Eltern und Großeltern wurden durch die Sorgen und schmerzlichen Geschäfte des Begräbnisses fern gehalten.

Der schwere Augenblick war da, wo der irdische Rest eines stolzen jungen Daseins in dem elenden hölzernen Kasten der Erde übergeben werden sollte. Und die Theilnahme der ganzen Bevölkerung Zürichs suchte und fand ihren Ausdruck in einer Feier, wie keine schönere dort erlebt war.

Es war, als sei das Grab des jungen Mannes das Maß geworden, worin die Höslis die Liebe und Achtung messen konnten, die sie genossen.

Nicht zu zählen waren die Blumen die den Sarg bedeckten, und die ganze „Enge“ war schwarz von Menschen, die Kopf an Kopf gedrängt standen, den jungen Wanderer auf dem letzten Wege zu geleiten. Zunächst dem Hause warteten die achthundert Arbeiter der Hösli’schen Fabrik, die Hüte in der Hand, gesenkten Hauptes, und wem von ihnen sich je das Herz in Bitterkeit gegen sein Schicksal und in Neid gegen den reichen Herrn gewendet haben mochte, der war versöhnt, denn der reiche Herr hatte es ja auch nicht besser gehabt und gewollt als der ärmste Tagelöhner, er hatte sein Leben eingebüßt bei seiner Arbeit. Mehr konnte Keiner thun, und sie betrauerten ihn so aufrichtig wie Einen Ihresgleichen. Lautlos harrte die Menge im Garten und auf der Straße. Die sämmtlichen Gesangsvereine Zürichs hatten sich um die Thür im Halbkreise aufgestellt. Es war ein herrlicher Tag, die ganze Natur sandte dem Todten einen freundlichen Scheidegruß.

Endlich erschien der Sarg unter der Thür und aus fünfhundert Kehlen erscholl der Chor. „Rasch tritt der Tod den Menschen an!“ Und die gewaltige Todtenklage zog über den See hin, daß die Schiffer anhielten, zu lauschen, und schwang sich in den lichten Aether hinauf, daß die Sonne zu erbleichen schien, und ein herbstlicher Luftzug strich frostig über die entblößten Häupter hin.

Und Herr Hösli der Vater – fast brach er zusammen, als er so seinen eigenen stummen Schmerz in Tönen laut werden hörte. Aber er war so schön, dieser Schmerz, wie er so in mächtigen Klanggebilden himmelan stieg, er erschien ihm plötzlich wie eine Gottheit, die ihn, den einfachen Mann, gewürdigt hatte, in seiner Brust einzukehren, und wenn sein Herz gebrochen wäre unter der göttlichen Berührung, er hätte es in diesem Augenblick als eine Wohlthat empfunden. Eine Tröstung war über ihn gekommen, die wunderbare Tröstung, die in allem Schönen liegt!

Langsam und hoch schwankte der Sarg, von zwölf Jünglingen auf den Schultern getragen, wie ein schwarzer Schwan auf der dunkeln Fluth von Menschen daher. Zunächst folgten die Geistlichen, der Vater und Großvater, die beiden Söhne an der Hand, und zwischen ihnen Frank. Dann kamen die übrigen Verwandten und alle Züricher Behörden und Freunde, darunter auch der Freiherr und Egon mit den Knaben Alfred und Victor. Endlich [196] schlossen sich die Arbeiter an. Voraus zogen die Chöre mit ihren von Trauerflor umhüllten Fahnen. Es war ein Zug von der Länge einer halben Stunde. Als sie an der Fabrik vorbeikamen, wurde einen Augenblick Halt gemacht. Die Unglücksstätte war mit grünen Reisern und schwarzen wallenden Fahnen geschmückt, seitwärts lag noch immer der geborstene Kessel wie ein Kämpfer auf dem Schlachtfeld, der zugleich mit seinem Opfer den Tod gefunden.

Unter den Tannen und Fahnen hatte sich das städtische Orchester aufgestellt. Posaunenstöße empfingen den Sarg, daß es von den Bergen wiederhallte wie ein Echo des furchtbaren Schlachtgesanges, mit dem vor drei Tagen das empörte Element seine Bande sprengte. Aber es war nicht der Donner wilder Verwüstung, es war der alte Choral „Eine feste Burg ist unser Gott!“ Es klang fast wie ein Hohn, dies Lied, auf dem Schutthaufen, der eines braven Mannes Fleiß und Hoffnung begraben. Aber es war doch kein Hohn, denn wo die Erde wankt und Menschenwerk und Glück zusammenstürzt, da baut der Glaube auf den Trümmern weiter, und keine äußere Macht erschüttert seinen Grund!

Die letzten Töne waren verhallt. Die Musiker folgten der Leiche, Alles war vorüber. Es war still und einsam auf dem Schutt. Die schwarzen Fahnen rauschten leise im Winde und verscheuchten die Vögel, und mit leeren Augenhöhlen starrten die verödeten Mauern des Unglücksortes dem Trauerzuge nach.

Da wankte still und bleich eine Frauengestalt, von zwei Männern gestützt, herbei. Es war Frau Hösli, sie konnte noch immer nicht gehen. Sie ließ sich auf einen Stein nieder und die Männer gruben zu ihren Füßen mit Hacke und Schaufel nach, wo der Verunglückte gelegen hatte. Frau Hösli’s Augen durchforschten eifrig den Schutt. Die Mutter hielt Nachlese nach der Ernte des Todes, sie suchte die Ueberbleibsel des verlorenen Sohnes zusammen. Sie hatte keine Thränen bei dem furchtbaren Geschäft. Jetzt bückte sie sich und hob etwas auf, etwas wie eine blutige verstäubte Locke. Welch ein Fund war das für das verarmte Herz! Fast eine Stunde mochte sie so gesessen und manch’ schreckliches Kleinod gefunden haben. Da schlug es Vier. Sie ließ sich von den Männern aufheben. „Kommt, Leute,“ sagte sie ruhig, fast mechanisch; „es ist nun wohl Alles, was gefehlt hat, und Ihr müßt vespern.“

Sie ging.

Und wieder war es still und einsam auf dem schaurigen Platze, und wieder rauschte ein düsteres Heldenlied vom Kampf des Geistes mit der Materie durch die Trauerfahnen.




15. Um ein Haar.

Herr Heiri Hösli war in Wahrheit gestorben als Held. Die Aussagen des Heizers, der mit ihm zugleich ausgegraben worden, bewiesen glänzend, daß Heiri sich mit ihm noch flüchten gekonnt, wenn er nicht voll Todesverachtung versucht hätte, den Kessel und das Gebäude zu retten. Dieser Pflichttreue war er zum Opfer gefallen, wie schon Mancher, dessen Todesmuth unter stummen Splittern und Trümmern begraben keinen Homer seiner Thaten fand – auf dessen blutige Wahlstatt kein Schatten eines Lorbeerzweiges fiel.

Der Heizer, welcher sich sterbend glaubte, bekannte freimüthig, daß er sich einer Versäumniß in der Speisung des Kessels schuldig gemacht. „Die Turbine hatte in Folge der andauernden Trockenheit nicht mehr Wasser genug,“ gab der Mann zu Protokoll, „wir mußten deshalb die Spannung des Dampfes von vier auf sechs Atmosphären erhöhen. Ich war bei dem früheren Betriebe gewohnt, die Speisepumpe regelmäßig alle halbe Stunden in Gang zu setzen, durch die verstärkte Feuerung und den vermehrten Dampfverbrauch sank jedoch der Wasserstand im Kessel weit rascher, als ich glaubte. So wie ich den niedrigen Stand des Wassers wahrgenommen hatte, setzte ich schleunigst die Speisepumpe in Betrieb und verminderte die Feuerung unter dem Kessel, wobei ich durch die geöffnete Feuerungsthür sah, daß die oberen vom Feuer bestrichenen Kesselwandungen rothglühend geworden waren. Während dessen war Herr Heiri Hösli eingetreten. Er erkannte sogleich die Gefahr und da er schon ohnehin in großer Aufregung war, schalt er, daß wir Deutschen nichts verstünden, und beklagte bitter, daß ihm der Engländer, den er mitgebracht, unterwegs krank geworden sei. Der Zeiger des Manometers stieg außerordentlich rasch, die Gefahr hatte ihren Höhepunkt erreicht und ich sah, daß nichts übrig blieb, als zu flüchten, so schnell wie möglich. Ich hielt mich in der Nähe der Thür und beschwor unseren Herrn, mit mir zu gehen. Er aber wollte es mit Gewalt erzwingen. Er kannte keine Furcht und wollte den Kessel retten um jeden Preis. Er sprang dem Sicherheitsventile zu, um dasselbe zu entlasten. In diesem Augenblicke erfolgte ein Knall, es war mir, als schlüge sich mir der Kessel um den Kopf, und ich verlor das Bewußtsein.“

So lautete die Aussage des Heizers.

„Also doch Einer, der auch in diesem Beruf sein Leben hingab für seine Pflicht!“ sagte Alfred zu Egon, als die Zeitung das Protokoll veröffentlichte.

In Alfred’s Wesen war eine Veränderung vorgegangen. Seine schüchterne Sanftmuth war einer ernsten verschlossenen Haltung gewichen. Ein eigenthümliches trotziges Mißtrauen lag in seinem Wesen Egon gegenüber.

„Onkel Egon,“ sagte er, „Du hast Deine Mitmenschen verleumdet. Der Mohr, den Du ein Thier nanntest, hat Dich beschämt, Dich, den stolzen Johanniter, und der selige Herr Hösli hat uns bewiesen, daß die Industrie Raum genug für hochherzige ritterliche Gesinnung läßt! Was, Onkel Egon – was soll ich Dir nun noch glauben?“

„Es scheint fast, als wäre das Unglück nur geschehen,“ lächelte Egon, „um mich und meine Grundsätze bei meinem philosophischen Herrn Neffen zu discreditiren. Das wird sich Alles machen, wenn Du einmal, wie doch früher oder später geschehen muß, in eine große Stadt kommst und den Kreis Deiner Anschauungen erweiterst.“

„Onkel,“ rief Alfred und schüttelte seine blonden Locken, „wenn Du den Vater überredest, Mich hier fortzubringen, dann ist es ganz dasselbe, als ob Du mich in den See würfest. Mich ekelt es an, dahin zu gehen, wo alle Menschen so denken wie Du!“

„Alfred!“ rief seine Mutter, aber er hörte nicht, er hatte bereits das Zimmer verlassen. Adelheid war sprachlos vor Staunen. „Wie wird der Knabe?“ sagte sie.

„Wie Du ihn erzogen hast, meine Theure,“ lachte Wika und ging Alfred nach.

Adelheid und Egon waren allein.

„Der Bursche haßt mich aus Eifersucht,“ sagte Egon und drückte Adelheid’s Hand an die Lippen. „Er war es bisher gewöhnt, daß Du Dich um Niemand kümmertest als um ihn – nun kann er es nicht vertragen, Nebenperson zu sein. So machen es alle verwöhnten Kinder.“

Adelheid entzog Egon die Hand. „Sag’ mir das nicht immer; Du weißt, es thut mir weh; hättest Du wie ich seit fünfzehn Jahren Tag und Nacht um dies zarte Leben gebangt, liebtest Du ihn wie ich – Du würdest mir keinen Vorwurf aus meiner Schwäche für den Knaben machen, wenn überhaupt eine Schwäche genannt werden darf, was doch nur Liebe ist!“

„Adelheid!“ sagte Egon mit einem Ton, der ihr das Herz tief bewegte, „kannst Du mir zürnen, wenn ich ebenso, wie Dein Sohn auf mich, wiederum auf ihn eifersüchtig bin, wie überhaupt auf Alles, was Du liebst? Ich habe ja nichts als das Bewußtsein, daß ich in Deinem Herzen herrsche. Alle Anderen haben ein Recht auf Dich, erfreuen sich Deiner Nähe, ich allein, der Dich liebt wie Keiner, stehe ausgeschlossen und rechtlos da und geize nach jedem unbestimmten Zeichen einer Liebe, die Du so voll über Andere ausströmst. O meine – meine Adelheid!“

Er sah sie an so übermächtig, so unwiderstehlich, die sanften schwermüthigen Augen drangen ihr tief in die Seele, ein süßes Mitleid ergriff sie, ein Mitleid, das es ihr zur Pflicht machte, den treuen Mann zu entschädigen für so viele Entbehrungen! Und sie neigte ihm das anmuthige Haupt zu und begrub seine Wange in einem Bette weicher Locken. Ein leises „O!“ des Entzückens entrang sich seinen Lippen. Er drückte den reizenden Kopf fest an sich, seine Finger verstrickten sich in dem wirren dichten Goldgespinnst, das so fein wie Sommerfäden überall hängen blieb. Dies verrätherische Haar, es verwickelte sich, wie einst in dem Diadem, nun in Egon’s Ringen, ohne daß er es wußte. Da hörten sie Schritte und schraken auseinander, Egon konnte nur schwer seine Hand aus Adelheid’s Locken befreien, sie stieß einen leisen Schmerzenston aus. Die Thür ging auf, aber die Eintretenden konnten nichts gesehen haben, es war der Candidat und Alfred.

[209] Adelheid stand am Fenster und schaute hinaus. Der Graf lehnte nachlässig am Pfeiler. Kein menschliches Auge konnte ihm die leiseste Verlegenheit anmerken. „Nun, mein kleiner Hitzkopf,“ lächelte er Alfred gütig zu, „wollen wir uns wieder versöhnen?“

„Ich bitte Dich um Entschuldigung, lieber Onkel,“ sagte Alfred, dessen Augen verweint waren, „und auch Dich, beste Mutter, – ich war sehr ungezogen – verzeiht mir.“

„Nun, das ist schön, daß Du wieder zur Vernunft gekommen bist,“ erwiderte Egon und reichte Alfred die Hand.

„Ach, Onkel,“ sagte Alfred verwundert, aber völlig arglos, „sieh einmal, in Deinen Ringen hängt ja ein Büschel von Mama’s Haaren.“

Jetzt verließ selbst den geübten Weltmann die Fassung und er starrte in tödtlicher Verlegenheit auf die verrätherischen Fäden nieder. „Es werden meine eigenen Haare sein,“ sagte er unbedacht.

„O bewahre, so rothe Haare hat ja Niemand im ganzen Hause als die Mutter,“ beharrte Alfred und suchte sie aus den Ringen wegzuziehen.

„Laß doch!“ wehrte Egon unwillig, streifte die Ringe ganz ab und steckte sie in die Tasche.

Adelheid schaute verstohlen nach dem Candidaten hinüber. Der stand da, starr und bleich wie eine Leiche. Seine tiefliegenden verschleierten Augen waren weit aufgerissen und hafteten versteinernd auf den Beiden, kein Athemzug hob seine Brust, kein Zucken bewegte seine Glieder. Adelheid schauderte; Egon fühlte das Unheimliche in diesem Schweigen, er wagte nicht, den Candidaten anzusehen. Da trat der Freiherr ein und mit ihm die Schwestern. Feldheim griff wie in einem Taumel nach Alfred und raunte ihm noch gebieterisch zu: „Schweig’ von den Haaren!“ Seine Hände und Stirn bedeckte kalter Schweiß und er verließ das Zimmer. Adelheid winkte Egon, er verstand sie – es mußte sein, er mußte Feldheim folgen, „dieser Mensch war ja in seinen Entschlüssen unberechenbar“. Es gelang ihm kaum, das innere Beben zu verbergen, mit dem er der dahinschreitenden hohen Gestalt nachschlich. Jetzt ließ sich Feldheim wie zusammenbrechend auf eine Steinbank sinken. Egon trat zu ihm. Die Lippen zitterten ihm, als er ihn fragte, ob er sich unwohl fühle, da er so plötzlich und so bleich das Zimmer verlassen.

Der Candidat sprang bei Egon’s Anblick auf, als sei eine Schlange an ihm emporgekrochen. Lange stand er vor ihm und fand keine Worte. Um seinen stummen Mund lag eine furchtbare Beredtsamkeit. Endlich sagte er mit schneidender Schärfe: „Herr Graf, machen wir keine unnützen Worte. Ich weiß, was Sie von mir wollen und fürchten. Sie fürchten, daß ich Sie verrathe, und wollen mich davon abzuhalten suchen. Sparen Sie Ihre Mühe, ich schone – nicht Sie – sondern das greise Haupt, das mir theuer ist und dem ich jeden harten Schlag ersparen möchte. Wenn in ein Haus ein Dieb einbricht, so wird ein treuer Diener nicht gleich seinen alten gebrechlichen Herrn wecken, er wird ihn ruhig schlafen lassen und ihn erst dann zu Hülfe rufen, wenn es ihm nicht gelingt, den Dieb allein zu verjagen. Ich bin der Diener, Herr Graf, der keinen Eingriff in seines Herrn Besitz duldet. Ich frage nicht, wie groß oder klein dieser Eingriff sei, ich weiß nur, daß das Haar vom Haupte seiner Gemahlin in Ihrer Hand ein Diebstahl an Herrn von Salten ist,“ – es schüttelte ihn bei diesen Worten – „mögen Sie dazu gekommen sein, wie Sie wollen – Ihre Verlegenheit war Bürge Ihres Schuldbewußtseins. Und ich sage Ihnen, Herr Graf, Sie werden binnen drei Tagen ein Haus verlassen, in das Sie mit solch’ diebischer Absicht eingedrungen sind – oder wir kämpfen auf Leben und Tod. Wenn ich siege, dann kostet es Sie Ihr Leben; wenn ich falle, wird Herr von Salten den verschlossenen Brief erbrechen, den ich ihm zuvor übergebe, und den Grund unseres Duells daraus erfahren. Er wird die Ehre seiner Frau und sein Hausrecht besser zu wahren wissen, als ich es für ihn thun konnte.“

Egon wollte sprechen. Er schnitt ihm das Wort ab. „Genug – alles Weitere ist überflüssig. Sie haben drei Tage Bedenkzeit, wählen Sie!“

Er ging, ohne sich aufhalten zu lassen. Egon hätte ebenso gut den Glärnisch anrufen können, der soeben hinter Wolken verschwand, als diesen unerbittlichen Mann. Egon warf sich auf die Steinbank und überließ sich seinem Zorn. Was war zu thun? Nichts! Er konnte es nicht auf ein Duell ankommen lassen – es hätte ihn unter diesen Verhältnissen entweder sein Leben oder Stellung und Ehre vor der Welt gekostet, denn der Freiherr hätte den Candidaten, wenn er fiel, um jeden Preis gerächt – sollte er auch ihn tödten, sollte er zwiefachen Mord auf seine Seele laden? War die Genugthuung, die Beleidigung eines „frechen Untergebenen“ zu rächen, mit einem hoffnungsvollen jungen Leben nicht zu theuer bezahlt? Das Alles stürmte mit Für und Wider in leidenschaftlicher Erwägung durch Egon’s Gehirn. Er erkannte immer mehr die Nothwendigkeit sich in aller Stille dem Willen des furchtbaren Wächters zu fügen. Und das Alles um ein Haar! Es war zur [210] Schlinge geworden, mit der ihn der kluge Nebenbuhler geknebelt und welche er nicht mehr lösen konnte.

„Ja, meine Existenz hängt jetzt an einem Haare,“ murmelte er vor sich hin. „Aber welch’ ein Haar ist es auch!“ Und er holte die versteckten Ringe hervor und küßte die goldenen Fäden, die seine Fesseln geworden waren.




16. La Belle et la Bête.

Drüben bei Hösli’s war Alles wieder im alten Geleise. Man frühstückte, speiste, vesperte zur bestimmten Stunde, Jedes lag seinen Geschäften ob und mit der äußeren Disciplin stellte sich auch die innere wieder ein. Sobald wir einmal dahin gelangt sind, die Zeit einzutheilen, in der wir uns dem Schmerz überlassen, haben wir auch eine sichere Herrschaft über denselben erlangt. Niemand sah Frau Hösli weinen, Niemand hörte sie klagen; was sie durchgemacht und durchgekämpft hatte, das verrieth nur ihr plötzlich ergrautes Haar, und wer das einst so stattliche Paar jetzt sah, der erkannte es fast nicht mehr, die Hösli’s waren in wenig Tagen alte Leute geworden. Dazu kam für Frau Hösli eine neue Prüfung. Sie konnte noch immer nicht gehen, es stellte sich heraus, daß eine wirkliche Lähmung eingetreten war, und bei den Schrecken, die sie durchgemacht, war das kein Wunder. Aber auch das trug sie standhaft und geduldig. Bei einem jähen plötzlichen Unglücksschlag bricht der Mensch zusammen, aber es giebt eine stille Art von Unglück, die sich einschleicht wie ein ungebetener lästiger Gast, von dem man täglich hofft, er werde sich wieder entfernen, und bis man sich überzeugt, daß er nicht mehr zu vertreiben ist, ist man bereits an ihn gewöhnt. So war es mit Frau Hösli’s Uebel. Von Tag zu Tag hoffte sie, es werde wieder gut, und ohne daß sie es wußte, gewöhnte sie sich an ihre Unbehülflichkeit. So schleppte sie sich entweder am Stock oder am Arm eines der Ihren durch das Haus und Keiner sah sie, der ihre stille Geduld und den hohen festen Willen auf ihrer klaren Stirn nicht bewundert hätte. Ihre Kinder wurden fast schüchtern ihr gegenüber, so ehrfurchtgebietend erschien ihnen die Mutter plötzlich.

Aenny war wieder bei Besinnung, mußte aber noch liegen, und Frau Hösli, Frank und Ida Körner theilten sich in ihre Pflege. Frank besonders durfte nie von ihrem Bette, und er war es wohl zufrieden – auch Fräulein Körner!

Eine Woche nach Heiri’s Begräbniß, um dieselbe Stunde, wo sich der Conflict im Hause der Salten entwickelte, wurde Frank zu Herrn Hösli gerufen. Auch Fräulein Körner mußte mitkommen, Frau Hösli wollte so lange bei Aenny bleiben. Als Frank eintrat, fand er sämmtliche Dienstboten versammelt. Er wußte gar nicht, was das bedeuten sollte. Da richtete Herr Hösli der Großvater das Wort an ihn: „Lieber Frank,“ sagte er, „indem wir Schweizer der Meinung sind, daß das höchste Gut des Menschen die persönliche Freiheit innerhalb der Grenzen und des Schutzes der Gesetze sei, so haben wir – mein Sohn und ich – beschlossen, Ihnen, lieber Frank, zum Dank für das Leben unserer Aenny dieses kostbare Gut zu verschaffen. Sie waren zeither zwar wohl frei im Gegensatz zur Sclaverei Ihres Landes, aber nicht in dem höheren Sinne, wie wir es verstehen, denn Sie waren eben doch bei all’ Ihren Fähigkeiten ein Diener und Ihre Zeit gehörte uns für geringen Lohn. Das soll nun anders werden,“ – er überreichte Frank ein großes Schriftstück. „Hier, lieber Frank, ist die Urkunde, daß Sie Bürger von Zürich geworden sind. In Anerkennung Ihrer großen Aufopferung für unser Kind hat der Rath Ihnen mit dem Bürgerrecht ein Ehrengeschenk gemacht. Da nun aber jeder Bürger ein bestimmtes Vermögen und eine Erwerbsquelle nachweisen muß, so haben wir Drei, meine Tochter, mein Sohn und ich zusammen Ihnen ein Vermögen von sechsunddreißigtausend Franken verschrieben, womit Ihnen mein Sohn ein kleines Geschäft begründen helfen wird. Sie sind also von nun an Ihr eigener Herr, und der liebe Gott gebe dem Haus, das Sie sich errichten werden, seinen Segen!“

Frank hatte unter steigender Bewegung zugehört, anfangs war seine Freude grenzenlos; als aber der Großvater von dem eigenen Hause sprach, das er sich errichten werde, da begriff er plötzlich, daß nun seine Stellung zur Familie eine andere werden, daß er das Haus Hösli’s verlassen sollte. – Eine lange Pause entstand, Frank athmete laut und schwer, auf einmal stürzte er seinem Herrn zu Füßen und überschwemmte dessen Hände mit Thränen. „Sennor,“ schluchzte er in seiner Muttersprache, Herr Hösli verstand Spanisch und sprach es meistens mit Frank, „Sennor, schickt mich nicht fort. Ich habe Aenny nicht da oben heruntergeholt, um frei und reich zu werden, ich that’s, weil ich nichts auf der Welt so lieb hatte wie das Kind, und eher will ich verhungern, als unser Kind verlassen! Ihr habt mich doch bis jetzt brauchen können, ich habe ja alles gethan, was Ihr verlangtet, ich will noch viel, viel mehr thun. Ich will Euch dienen, umsonst, für das tägliche Brod, wenn ich nur bei Euch bleiben darf!“

Herr Hösli übersetzte gerührt seinem Vater Frank’s Worte und Ida Körner sagte leise: „Das hab’ ich von Frank nicht anders erwartet!“

„Wirklich? Mir scheint, Sie haben eine sehr hohe Meinung von ihm,“ sagte Herr Hösli gütig. „Nun wahrlich, er verdient sie auch! Steh’ auf, Frank,“ befahl er dem Mohren, „sei kein Kind. Wenn Du nicht fort von uns willst, so wird auch hierfür Rath geschafft. Wir wollen ja nichts als Dein Glück, und wenn Du’s nur bei uns finden kannst, desto besser, wir hätten Dich ohnehin schwer entbehrt.“

Jetzt kam die echte Freude über Frank und ihr Ausbruch war so leidenschaftlich, daß man sich hätte davor entsetzen können, aber die Anwesenden kannten ihn und waren’s schon gewöhnt.

„Geht wieder an die Arbeit, Kinder,“ sagte Herr Hösli endlich; „Ihr wißt nun, wie Ihr Herrn Frank künftig zu behandeln habt. Ihr könnt ihn auch immerhin Herr Inspector nennen, denn so etwas werden wir doch wohl aus ihm machen müssen.“ Herr Hösli lächelte – seit seines Sohnes Tod zum ersten Male!

Fräulein Körner kehrte bewegt zu Aenny zurück, während Frank noch bei den Herren Hösli blieb. Aenny schlief.

„Nun, wie war’s?“ fragte Frau Hösli freundlich.

„Ach, zu hübsch – ich wollte nur, Sie hätten diese Freude gesehen – beschreiben kann man das nicht!“

„Ich kann mir es schon denken – ich bin ja mit Frank aufgewachsen,“ sagte Frau Hösli, „ich gönnte es Ihnen, liebe Ida, daß Sie es mit erlebten.“ Frau Hösli’s Augen, die in letzter Zeit von Thränen getrübt waren, wie ein klarer Wasserspiegel von unterirdischen Quellen getrübt wird, ruhten trotzdem noch mit einem so hellen durchdringenden Blick auf Ida, daß das junge Mädchen verlegen und verwirrt zu Boden sah.

„Wenn ich nur eine Frau für unsern Frank wüßte,“ hub Frau Hösli an, „aber die wird schwer zu finden sein. Er ist zwar groß und schlank gewachsen und hat durchaus nicht das Carrikirte der gewöhnlichen Negerphysiognomie. Aber, ich weiß wohl, es gehört doch Muth und Aufopferungsfähigkeit für ein Mädchen dazu, sich an solch’ einen schwarzen Menschen zu ketten und die eigenen Kinder von einem Anhauch der fremden Race gefärbt zu sehen. Ich fürchte, mein armer Milchbruder wird in unserem kalten Lande einsam durch’s Leben gehen.“

Fräulein Körner schwieg eine Weile, aber sie brachte den Faden durchaus nicht in die Nadel, die sie einfädeln wollte, sie hatte heute keine sichere Hand!

Frau Hösli sah es und betrachtete liebevoll das blonde sinnige Mädchen mit den kräftigen Brauen über den schwimmenden blauen Augen.

Da trat Frank ein. Ida schrak so heftig zusammen, daß ihr die Nadel entfiel.

„Mistreß, Dank – o, viel tausend Dank!“ rief der Mohr und Aenny wachte über seine lauten Worte auf und fragte: „was hat Frank?“

„Ich will es Dir erzählen, wenn Du den armen Frank eine halbe Stunde in den Garten gehen und Luft schöpfen läßt. Seit zwölf Tagen ist er nicht von Deinem Bette gekommen, er sieht schon ganz schlecht aus.“

„Aber Mama, woran siehst Du denn das? Frank ist ja immer gleich schwarz,“ lachte Aenny.

„Ja, aber wenn ihm nicht wohl ist oder er Kummer hat, dann verliert sein Gesicht den dunkeln Glanz und er wird falb. Geh’, mein guter Frank, Ida soll Dich begleiten, sie braucht auch eine Erholung, geht mit einander, Ihr lieben treuen Wärter.“

Frank sah verlegen Fräulein Körner an.

„So kommen Sie, Herr Inspector,“ sagte Ida, und Frank lachte vergnügt wie ein Kind bei diesem Titel, der selbst auf das Gemüth des Mohren seinen Reiz nicht verfehlte.

[211] „Wo wollen wir gehen?“ fragte Frank schüchtern.

„Wo es ist, vielleicht ein wenig an’s Wasser.“

„Ich will rudern Sie hinaus in Schiff,“ sagte Frank und eilte, das Boot loszumachen.

Sie stiegen ein, Fräulein Körner setzte sich, Frank ruderte stehend. Er warf den Rock ab, um sich freier zu bewegen. Die weißen Hemdärmel, durch die seine schwarze Haut hindurch schimmerte, kleideten ihn gut. So hatte er ausgesehen, als er Aennchen rettete. Ida verfolgte bewundernd die Bewegungen der riesigen Gestalt, wie er den Griff der Ruderstange gegen Brust und Schulter stemmte, das Ende auf den Strand stieß und so mit einem Ruck das Schiffchen hinaustrieb in das hohe Wasser. Und wie er dann schnell das Ruder wieder anzog mit seinen langen weit ausgreifenden Armen und die Wellen zertheilte, die sich aufschäumend um das Fahrzeug drängten, und so sicher und groß auf den schwankenden Brettern stand, da mußte sie ihn wieder und wieder anschauen in seiner männlichen Herrlichkeit, in seiner dunkeln Pracht!

Ida Körner, ein stilles poetisches Gemüth, war in der schweren Noth des Broderwerbs nie dazu gelangt, ihre Gaben zu entwickeln, ja sich ihrer nur bewußt zu werden. Sie war die Waise eines Schullehrers und unterstützte die Mutter und vier jüngere Geschwister mit ihrem kleinen Erwerb. Sie machte keine Gedichte, aber die Poesie durchdrang ihr ganzes inneres Leben und ergoß sich über Alles, was ihr nahe kam.

„Miß!“ sagte Frank, „warum sind Sie so still?“

„Ich denke darüber nach, was Sie nun wohl für einen Beruf ergreifen werden,“ sagte sie fast verlegen, als seine Stimme sie aus ihren Träumen aufschreckte.

„Herr Hösli will, daß ich soll sein Verwalter bei diesem Gute. Aber ich muß lernen noch mehr Landwirthschaft, drüben auf die Schule. Dann ich kann wohnen in das kleine Haus von der Inspector, den Herr Hösli will schicken weg.“

„Sprechen Sie lieber Englisch, Herr Frank, das Deutsche wird Ihnen sauer. Seit wir so viel bei Aenny zusammen waren, verstehe ich Sie schon weit besser, und ich werde Ihnen Deutsch antworten.“

Frank ließ sich das nicht zweimal sagen und fuhr auf Englisch geläufiger fort: „Die Inspectors–Wohnung ist schön und groß – viel zu groß für mich, denn es könnte noch eine Frau darin wohnen – ich aber bekomme keine.“

„Und warum sollte ein braver edler Mann wie Sie keine Frau bekommen?“ fragte Ida erröthend.

„O ich bitte Sie – mit meinem schwarzen Gesicht – ein Neger!“ sagte Frank kopfschüttelnd.

„Nun, Sie haben ja schon so Vieles erfahren, was wohl keinem Ihrer Brüder zu Theil wurde, Sie machen in Allem eine Ausnahme, warum sollten Sie es nicht auch darin thun?“

„O ja, meine Brüder!“ sagte Frank, „es geht ihnen so schlecht und mir so gut. O mein armer Vater, was hat er gelitten!“

„Wer war Ihr Vater, wollen Sie mir das nicht erzählen?“ bat Ida theilnehmend.

„Es ist so traurig, ich muß immer weinen, wenn ich daran denke. – In Rio de Janeiro, der Vaterstadt unserer Frau, steht nahe am Hafen auf einer Anhöhe, von wo man den schönsten Blick über die Bay hat, eine Villa, so prächtig mit Säulen und Kuppeln geschmückt, als sei sie ein Palast des Meergottes, an den mein Volk glaubte, bevor wir Christen wurden. Alle Fremden bewundern dies Zauberschloß und neiden es dem, der es bewohnt. Dies Haus hat mein Vater erbaut. Er war ein so schöner und kluger Neger vom Stamme der Fulahs, daß man seinem Herrn oft ungeheure Summen für ihn bot; aber dieser gab ihn nicht her, er wußte wohl warum. Mein Vater hatte schon früh eine große Neigung und Begabung für das Baufach gezeigt, sein Herr hatte ihn darin ausbilden lassen und ihn zu seinem obersten Baumeister ernannt. Als nun mein Vater die Villa vollendet hatte, ganz Rio zusammenströmte, um diese Schöpfung eines Negers anzustaunen, und der Besitzer die lichten Marmorhallen, die hängenden Gärten, die weiten Gemächer durchschritt und von den hohen Balcons hinausschaute über die herrliche Bay, da glaubte mein Vater, der Augenblick sei gekommen, wo er seinen wohlverdienten Lohn fordern dürfe. Er bat den Herrn, ihm die Freiheit – nicht zu schenken – nur für die Ersparnisse seines Fleißes zu verkaufen. Ein Schlag in’s Gesicht war die Antwort. Meine Mutter, die in den Zimmern der Villa gearbeitet hatte, stand dabei. Sie trug mich damals unter ihrem Herzen; ich meine, ich müsse den Schlag, den mein Vater bekam, im Mutterleibe empfunden haben, denn ich spüre ihn heute noch, wenn ich daran denke.“

Frank hielt inne, so überwältigte ihn die Wuth. Er biß in das Holz der Ruderstange, daß es splitterte; die wilde Natur bäumte sich plötzlich in ihm auf bei der qualvollen Erinnerung, daß Ida fast erschrak. Aber ein einziges sanft vorwurfsvolles „Frank!“ brachte ihn wieder zur Besinnung, und er steuerte dem Ufer zu.

„Mein Vater wollte mit meiner Mutter auf einem englischen Dampfer entfliehen, ein Europäer wollte ihm dazu helfen, aber der grausame Herr entdeckte die Flucht und ließ ihn zur Strafe mit einem andern störrischen Neger zusammenkoppeln und Feldarbeit thun. Am folgenden Tage schnitt sich mein Vater den Hals ab!“

„Der arme unglückliche Mann!“ sagte Ida erschüttert.

„Er konnte es nicht ertragen, ein gemeiner Sclave zu bleiben.“ Frank hielt inne und kämpfte seine Aufregung hinunter, dann fuhr er fort: „Mister Pallender, der Vater unserer Frau, Gott segne ihn – er heißt in ganz Rio nur der ‚Sclavenvater‘, – hatte Mitleid mit meiner Muttter. Sie hatte in ihrem Jammer Verwünschungen gegen den unbarmherzigen Herrn ausgestoßen, und der ließ sie dafür peitschen, daß man sie straßenweit schreien hörte. – Da kaufte Herr Pallender sie dem niederträchtigen Schinder um den zehnfachen Preis ab. Ein paar Monate später kam ich zur Welt und gleich darauf Frau Hösli. O – bei Mister Pallender war der Himmel und unsere Frau war ein Engel darin. Ich und sie, wir waren immer bei einander. Ich hatte allen Unterricht mit dem kleinen Mädchen zusammen, und es saß mit mir auf meiner Mutter Schooß und hörte zu, wenn sie mir von meinem Vater erzählte. Und als meine Mutter starb, da war ich ein erwachsener Bursche und mußte ihr schwören, meine Milchschwester nie zu verlassen und ihr zu dienen und zu helfen, wo ich kann.“

Frank stieß an’s Land. Sie stiegen aus und schritten am Ufer hin.

„Sie haben den Schwur gehalten, bester Frank, und Ihre Mutter wird Sie dafür segnen noch aus dem Grabe,“ sprach Ida.

Er schaute sie traurig an. „Was ich bis jetzt gethan habe, das war leicht, Miß. Das Schwere kommt erst noch.“

„Wie so?“

„Bis jetzt habe ich Niemand so lieb gehabt als meine Herrschaft und Aenny; bei ihr zu sein, war mein einziges Glück! Aber jetzt habe ich noch Jemand lieb und möchte bei ihm sein immer – immer – noch lieber als bei der Herrschaft! Ach Miß, wenn Sie einmal fortgehen und ich muß hier bleiben, das wird viel schwerer für mich sein, als da ich zu Aenny hinaufgestiegen bin.“ Die breite Brust des Negers arbeitete heftig. Fräulein Körner überlief ein Schauer halb des Schreckens, halb der Freude. Vorurtheil und Liebe begannen den Entscheidungskampf in ihrem Herzen. Sie schwieg.

„O Miß, seien Sie nicht böse, daß ich so spreche; ich möchte ja nichts, als Ihnen dienen und für Sie arbeiten wie ein Sclave und nie wieder frei werden, nie!“

Ida ging gesenkten Hauptes neben ihm her. Er wartete auf eine Antwort von ihr.

„Sind Sie mir böse, Miß?“ fragte er ängstlich.

Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand; er faßte sie leidenschaftlich. „Ich weiß nicht, Miß, woher ich den Muth nehme, Ihnen das Alles zu sagen. Erinnern Sie sich, wie Fräulein Duchèsne dem Kinde neulich das französische Märchen vorlas? ‚La Belle et la Bête‘ hieß es. Sie übersetzten mir’s. Es war eine schöne Königstochter, die einen Bären liebte und gar nicht mehr von ihm lassen konnte, und endlich zeigte es sich, daß das Unthier ein verzauberter Prinz war. Das – ach, liebe Miß! – das hat mich so wunderbar ergriffen, und ich dachte, wenn ich doch der Bär wäre und Sie die Königstochter und wenn Sie mich trotz der rauhen schwarzen Hülle lieb haben könnten – ich meine, das müßte den Zauber brechen, der mich so häßlich macht, und ich müßte unter Ihren Liebkosungen auch ein schöner Prinz werden, der Sie belohnen könnte für Ihre Güte. Aber das sind eben nur Märchen und Träume. Das ist Alles unmöglich. Ich – ich bin ein alberner einfältiger Mensch!“

„Das sind Sie nicht, Frank – o, ich verstehe Sie, Ihre Worte haben einen tiefen Sinn. Wohl, wohl haben Sie Recht, [212] der wahren Liebe wird auch das Häßliche schön und in der abschreckenden Hülle kann eine fürstliche Seele wohnen, die erst in der Liebe zu Tage kommt. Diese Seele, diese große Seele, ich habe sie in Ihnen erkannt und – ich will es Ihnen nur sagen, Frank, ich glaube, den Zauber, der aus einem Bären einen schönen Prinzen machen kann, den trag’ ich im Herzen!“

Frank faltete die Hände und starrte sie an, wie sie so vor ihm stand und ihn anschaute mit einem so lieblichen thränenfeuchten Lächeln. Da war es ihm auf einmal, als senke sich das ganze blaue Firmament auf ihn herab, und er warf sich zur Erde nieder, als erdrücke ihn die himmlische Last.

Eine Weile lag er so still tiefathmend, als sei er unter Wolken begraben. Endlich hob er den Kopf und wagte es aufzublicken. Das Firmament stand noch da oben fest, was war es denn, das ihn so plötzlich niedergeworfen? Eine Freude war’s, eine Freude, zu groß, um ihrem ersten Andrange nicht zu erliegen: Fräulein Körner hatte eine Bewegung gemacht, als wollte sie ihm an die Brust sinken! Das war zuviel auf einmal – mehr als das arme bescheidene Herz erfassen konnte! War’s denn möglich? Konnte es denn sein? Da kniete Fräulein Körner bei ihm am Boden und umfaßte mit ihren kleinen Händen seinen struppigen Kopf und sah ihn an, als fände sie ein ganz besonderes Wohlgefallen an ihm, und stützte ihn, als er sich mühsam erhob. „Frank, lieber Frank,“ sagte sie unter Weinen und Lachen, „hab’ ich Dich erschreckt? Frank, lieber Frank, wirst Du mir wieder umfallen, wenn ich mich an Dein gutes Herz legen will?“ Und sie schlang ihre Arme um den Neger und schmiegte ihr blondes Köpfchen an seine warme Brust. Hatte doch auch sie, die arme Kleine, seit der zartesten Jugend kein liebendes Umfangen mehr gekannt, unter Fremden herumgestoßen, nichts gehabt, was sie ihr eigen nennen durfte, und dieser Mann, dieser starke edle Mann gehörte ihr mit Leib und Seele! Das war ein nie geahntes Glück und die erkältende falsche Scham über die dunkle Hülle des Geliebten schmolz dahin an dem Feuer dieser ersten Umarmung.

„O,“ stammelte Frank, nach Athem ringend, „ich soll Dich haben, Du wunderschönes weißes Kind? Weißt Du auch, was Du thust? Willst Du den häßlichen Neger zum Manne nehmen, der Dir nichts bieten kann als seine große, große Liebe? und fürchtest Du nicht, daß Dich die Leute auslachen, wenn Du mit mir auf der Straße gehst?“

„Nein, Frank, das fürcht’ ich nicht, denn sie bewundern Dich Alle um Deiner Heldenthat von neulich willen. O Frank, nicht mit Worten kann ich schildern, was ich empfand, als ich Dich da oben hängen sah zwischen Himmel und Erde, als Du vor unseren Augen Deine fast übernatürliche Körper- und Seelenkraft entfaltetest. Ich hätte Dir zu Füßen sinken mögen wie Frau Hösli, aber dazu hatte nur sie ein Recht und ich beneidete sie darum. Und Frank, als Du dann die zwölf Tage und Nächte mit mir an Aenny’s Bettchen saßest, das Kind so geschickt und geduldig pflegtest und ebenso weich und milde warst wie damals bei seiner Rettung kühn und gewaltig – da riß mich die Bewunderung für Dich hin bis ... bis zur Liebe. Frank, wenn ich einen Augenblick klein genug war, mich dieser Liebe zu schämen, so vergieb mir, ich mußte erst allmählich zu Dir und Deiner Größe heranwachsen.“ Sie küßte seine Hände und streichelte ihm die Wange. „O Du liebes schwarzes Gesicht, Du sollst Dich nicht mehr häßlich schelten. Für mich bist Du schön wie für Alle, die Deine schöne Seele kennen, und ich weiß mir keinen Anblick auf der Welt, der mein Herz so erfreut, als Dich, Du liebes schwarzes Gesicht!“ Sie zog den dunkeln Kopf zu sich herab und – was that sie? Frank hatte keinen Schwindel empfunden, da er den tödtlichen Pfad an der Mauer hinklomm, aber jetzt schwindelte ihm – Ida drückte einen langen innigen Kuß auf seine breiten Lippen. Er fiel vor ihr nieder und umfaßte ihre Kniee, dann sprang er auf, jauchzte seine Freude in einem grellen echten Negerschrei in alle Lüfte hinaus und hob das Mädchen wie einen Federball auf seine Schulter.

„Du sollst nie mehr gehen – ich will Dich immer tragen!“ So trug er sie durch den Garten und sang und rief in einem fort: „Sie ist mein – sie ist mein!“

„Frank, was machst Du, bist Du toll?“ fragte Herr Hösli zum Fenster heraus.

„O Herr, Herr,“ jubelte Frank, „Sie werden’s nicht glauben - „la Belle et la Bête ist wahr geworden!“

[238]
17. Im Bann der Schuld.

Im Laufe des Nachmittags trat Alfred, wie zum Ausgehen gerüstet, vor das Haus. Er sah sich halb ängstlich um und hinkte dann, so schnell er konnte, von dannen. An der Straße nach Zürich setzte er sich in eine Droschke. „Zum Director Zimmermann,“ sagte er dem Kutscher. Es war ein weiter Weg zu dem Genannten. Nach einer langen halben Stunde hielt der Wagen vor dem prachtvollen Gebäude der orthopädischen Anstalt Zürichs. Alfred hieß den Kutscher warten und stieg die breiten Treppen hinan bis zur Wohnung des Directors. Ein Diener ließ ihn ohne Weiteres eintreten, denn Alfred’s eingeschnalltes Bein war ihm Legitimation genug. Alfred befand sich allein in einem schönen hellen Gemach, dem Wartesalon des Directors und Professors der Chirurgie an der Züricher Hochschule, Doctor Zimmermann.

Die Wände waren mit den Bildern fast aller berühmten Aerzte Europa’s geschmückt. Auf Marmortischen lagen kostbare Albums, womit sich die armen ihres Schicksals harrenden Kranken die Zeit vertreiben konnten, bis der gefürchtete und doch ersehnte Mann erschien, von dessen Ausspruch Heil oder Unheil abhing. Alfred versuchte auch zu blättern und sich damit zu zerstreuen, bis er sich gestehen mußte, daß er nicht sah, was er sah, und nicht las, was er las! Sein Herz schlug ihm, daß es seine Weste hob. Es war aber auch so schrecklich still um ihn her und seine Gedanken waren so schrecklich laut. Er trat an’s Fenster und sah hinab. Es ging nach dem Garten. Da spazierten lauter Verwachsene hin und her, ein trostloser Anblick. Auch Fahrsessel und Tragkörbe mit verkrüppelten Gestalten darin fehlten nicht. Man hätte in diesem Hause den Glauben verlieren können, daß es noch Menschen mit geraden Gliedern gäbe. Alfred seufzte tief. Da öffnete sich die Thür und der berühmte Chirurg trat ein. Alfred kämpfte männlich seine bange Aufregung hinunter vor der imponirenden Persönlichkeit des Arztes.

„Wollen Sie hereinkommen!“ sagte dieser und führte den Knaben in sein Studirzimmer.

Alfred sah mit geheimem Schauder ein paar Gypsmodelle von verkrümmten Körpertheilen herumliegen, auch an sonstigen unheimlichen Attributen eines chirurgischen Studirzimmers fehlte es nicht.

„Setzen Sie sich,“ sagte der Doctor freundlich, und Alfred sank in die Kissen eines großen Lehnstuhls neben dem Schreibtisch. „Sie kommen wegen dieses Beins und so allein?“

„Ja, Herr Director,“ begann Alfred erst ängstlich, aber allmählich sicherer werdend. „Ich bin der Sohn des Barons von Salten draußen in der ‚Enge‘. Niemand weiß, daß ich zu Ihnen ging – ich that es auf meine eigene Hand. Meine Eltern sind sehr ängstlich, sie würde es nicht zugegeben haben, oder sich um mich beunruhigen, und das wollte ich ihnen ersparen.“

„Aller Ehren werth,“ meinte der Doctor.

„Unser Hausarzt,“ fuhr Alfred fort, „äußerte einmal, mir könne nur eine Operation helfen, als er aber den Schrecken meiner Eltern über dieses Wort sah, widersprach er sich und meinte, es werde sich vielleicht auch so machen, und ich sei noch zu schwächlich zu einem gewaltsamen Eingreifen. Seitdem habe ich kein Vertrauen mehr zu diesem Manne. Er spricht den Eltern nur nach dem Munde, das ist nicht rechtschaffen von einem Arzte. Sie verzärteln mich immer mehr, der Doctor, – die Mutter und die Tanten, so kann nichts Ordentliches aus mir werden, und ich bleibe meine Lebtage ein Krüppel an Leib und Seele! Ich habe aber in letzter Zeit gesehen, welch verächtliches Ding solch ein Schwächling, wie ich, ist. Ich mag nicht mehr länger so fortleben und will endlich wissen, ob mir zu helfen ist oder nicht. Sie, Herr Director, sind ein berühmter Mann, Sie brauchen Niemand nach Gefallen zu reden wie unser Hausarzt, Sie werden mich heilen oder, wenn das nicht sein kann, mir es ehrlich sagen!“

Der Arzt sah den Knaben, der am ganze Leibe zitterte, während er so sprach, mit Theilnahme an. „Hm,“ sagte er, „so zart und doch so energisch! Schwache Nerven und ein starker Wille, das verträgt sich schlecht. Na, wollen sehen, was zu machen ist.“ Er stand auf und löste die Maschine von Alfred’s Bein. „Liederliche Bandage! – Entkleiden Sie sich,“ befahl er.

Alfred that wie ihm geheißen. Der Professor untersuchte genau und gewissenhaft. Als er das Kniegelenk bog, trat Alfred vor Schmerz das Wasser in die Augen, aber er verbiß den Schrei. Der Arzt beobachtete ihn scharf dabei. Nach einer vollständigen Percussion und Auscultation aller Organe des Knaben that er endlich den Ausspruch: „Sie haben keinen organischen Fehler, der eine besonders verzärtelnde Erziehung bedingt, Ihr Instinct ist ganz richtig, wenn Sie sich nach einer freieren Lebensweise sehnen, Sie werden allmähliche Abhärtung ertragen. Das Leiden an Ihrem Bein ist eine falsche Anchylose, das heißt eine lockere Verwachsung der Gelenksflächen und Contractur der Beugesehnen.“

„Und ist da zu helfen?“

„Ja, aber allerdings nur durch eine der schmerzhaftesten Operationen, die es giebt.“

„O Herr Director, bitte, sagen Sie mir, welche – ich bitte Sie, betrachten Sie mich nicht als ein Kind, ich bin zu Allem entschlossen, was meinem unerträglichen Zustand ein Ende macht,“ rief Alfred leidenschaftlich.

„Nun denn, mein kleiner nervöser Held,“ lächelte der Arzt. „Ich sehe wohl, man kann mit Ihnen sprechen, wie mit einem Manne. Die Operation besteht in einer gewaltsamen Streckung des Beines, wodurch die verwachsenen und zusammengezogenen Sehnen künstlich zerrissen werden. Man legt Sie auf das Gesicht, schnallt Sie fest und – knack! breche ich Ihnen das verkrümmte Gelenk von innen nach außen gerade. Dann kommt das Bein in einen erstarrenden Verband, Sie müssen sechs Wochen liegen, aber wenn das überstanden ist – haben Sie zwei gleich lange Füße!“ – Der Professor hatte das Alles mit lachendem Munde gesagt, die beste Art, dem Patienten eine beängstigende Mittheilung zu machen. Alfred fühlte aber den furchtbaren Ernst wohl heraus. Seine Pulse stürmten. „Würde ich diese Operation aushalten?“ fragte er.

Der Arzt betrachtete ihn nochmals prüfend. „Sie fiebern schon bei dem bloßen Gedanken. Aber Sie sind eine von den feinen Naturen, die durch Willenskraft oft mehr aushalten als robuste Leute. Ich glaube, Sie werden es überstehen, eine Garantie läßt sich freilich in derartigen Fällen nicht leisten!“

„Herr Director,“ sagte Alfred mit Festigkeit, „ich will die Operation machen lassen, gleich morgen, wenn es Ihnen recht ist.“

„Potz Tausend,“ rief der Doctor, „das nenne ich rasch entschlossen. Wissen Sie aber auch, was Sie thun?“

„Ja, ich kam zum Aeußersten bereit hierher. Darf ich mich bei Ihnen in der Anstalt operiren lassen und auch die ganzen sechs Wochen der Heilung bei Ihnen zubringen?“

„Warum nicht?“

„Darf ich morgen kommen?“

„Ja denn, wenn Ihre Eltern nichts dagegen haben!“

Alfred erschrak. „Meine Eltern? Müssen es denn Die wissen?“

„Ei nun, das versteht sich – denken Sie, junger Herr, ich werde eine solche Cur ohne Einwilligung der Angehörigen an einem Unmündigen machen? Das wäre noch schöner!“

Alfred sank entgeistert in den Sessel zurück. „Dann werde ich niemals geheilt werden,“ sagte er leise, „Meine Eltern geben es [239] nicht zu, das weiß ich. Herr Director, haben Sie Mitleid und erlauben Sie mir, daß ich heimlich komme. Wenn es vorbei ist, lassen wir dann den Meinigen sagen, wo ich bin, und sie werden es Ihnen und mir danken, daß wir das Nothwendige thaten, ohne ihnen die schwere Verantwortung und Angst vorher aufzubürden.“

Der Director rieb sich die Hände. „Ein ganzer Junge – bei Gott – ein ganzer Junge! Hätten wir lauter solche Patienten, – das Schneiden und Sägen wäre ein Vergnügen. Aber es geht nicht, Freundchen, auf mein Wort! Ohne die Erlaubniß des Herrn Papa darf ich kein Härchen auf diesem Eisenkopf krümmen. Sela! Auf Wiedersehen morgen, aber nur mit elterlichem Erlaubnißschein! Bst, nicht gemurrt – Sie stehen doch auf festen Füßen, wenn auch der eine ein bischen kürzer ist als der andere. Adieu!“ Er hatte Alfred zur Thür hinausgeschoben, und dieser stand wieder in dem jetzt mit Wartenden angefüllten Vorzimmer. Die neugierigen Blicke der Leidensgefährten folterten ihn, und er hinkte so schnell wie möglich fort.

Er warf sich wieder in die Droschke und fuhr nach Hause. Die verschiedensten Pläne durchkreuzten seinen brennenden Kopf. Sollte er seine beiden Eltern fragen oder nur den Vater? Mit dem Vater allein hoffte er besser fertig zu werden als mit der Mutter. Jedenfalls wollte er es nur ihm sagen, vor Allem aber den Rath seines besten Freundes, des Candidaten, einholen. Er ließ den Wagen an der „Enge“ halten, um nicht durch das Geräusch des Wagens die Familie auf seine Rückkehr aufmerksam zu machen. Er wollte und konnte in dieser Aufregung Niemanden sehen. Als er durch den Garten hinter dem Hause schlich, hörte er zu seinem großen Schrecken die Stimme seines Vetters, der ihn rief.

„Alfred, Alfred! Wo hat sich die Milbe nur wieder verkrochen?“ schrie Victor immer näher kommend.

Alfred wollte seinem Vetter in dieser Stimmung um keinen Preis begegnen, er mußte sich verbergen. Dort der vergessene abgelegene Pavillon – dort hinein flüchtete er sich. Die von dichtem Gestrüpp überwucherten Fester hatten keine Scheibe, und statt ihrer waren Vorhänge von Segeltuch da, um gegen die Zugluft zu schützen. Er verbarg sich zwischen einem solchen Vorhange und dem Fenster. Victor eilte achtlos an dem dunkeln Gebüsch vorbei, das ringsum den Pavillon einschloß. Alfred wollte aufathmen und seinen Schlupfwinkel verlassen, da näherten sich wieder Stimmen. Es war ihm, als käme Victor zurück; dann schien es ihm wieder die Stimme seiner Mutter und Egon’s zu sein. Nun suchten ihn auch diese Beiden, das war das Aergste. Egon am wenigsten durfte wissen, was er vorhatte, und was würden sie sagen, wenn sie seine erhitzten Wangen, seine innere Bewegung sähen? Was sollte er antworten, wenn sie ihn nach der Ursache fragten? Seine Angst wuchs von Secunde zu Secunde; sie kamen näher, diesmal wirklich auf den Pavillon zu – er drückte sich klopfenden Herzens hinter die Vorhänge; vielleicht warfen sie nur einen flüchtigen Blick herein und gingen wieder, wenn sie ihn nicht fanden.

Die Thür ward geöffnet, Adelheid und Egon erschienen in derselben, sie schienen ihn gar nicht zu suchen, es war ein Spiel seiner durch den ersten Schritt, den er sich ohne Wissen der Eltern erlaubt, sehr beunruhigten Phantasie gewesen. Aber was wollten sie sonst hier, wenn sie nicht ihm nachforschten? Was hatten sie für Heimlichkeiten mit einander?

„O Liebster,“ sagte Adelheid, als zögerte sie, die Schwelle zu überschreiten, „es ist nicht recht, daß ich Dir hierher folge, und doch – seit Du mir sagtest, daß Du fort mußt, möchte ich alle Süßigkeit meines Gefühls für Dich zusammendrängen in diese letzten Stunden und Dir meine ganze Liebe zeigen, wie man wohl auch seinen Garten plündert, wenn der Geliebte scheidet, und ihm zum Abschied noch den schönsten Strauß mit auf den Weg giebt, ob auch keine einzige Blume dann den verödeten Garten mehr schmücke!“

„Engel meines Lebens,“ rief Egon, „das erste Wort, die erste That, die mir zeigt, daß Du mich liebst! O komm, komm an meine Brust, süßes, Tod und Leben bringendes Weib! Laß mich sie einmal ausathmen, die ganze Fülle dieses treuen Herzens und dann – sterben! Adelheid!“ flehte er nochmals dringender – sie aber wehrte seine ungestüme Umarmung ab.

„Nicht eher, als bis Du mir sagst, warum Du so schnell fort willst.“

Willst?“ rief Egon – „o welch ein Hohn! als hinge das von meinem Willen ab! Erst küsse mich, Adelheid, dann will ich Dir Rede stehen. Deine Küsse sind die Rosen in dem Strauße, den Du mir bestimmt, – laß mich sie pflücken, so viel Du ihrer hast, und wären’s Tausende!“

Alfred lauschte dem Allen mit Entsetzen. Es schnürte ihm den Hals zu; eine ganz neue, unerklärliche Angst überkam den Knaben. Er wollte vortreten und hatte doch nicht den Muth dazu. Er wußte nicht, warum er sich jetzt weniger als vorher entschließen konnte, seiner Mutter gegenüber zu stehen. Er schämte sich – aber er konnte sich nicht Rechenschaft geben, für wen – für sich oder für seine Mutter? Jetzt erscholl ein Geräusch wie von einem langen leidenschaftlichen Kusse. Er hörte, fühlte, daß die Beiden sich umarmten! Dem Knaben sträubte sich das Haar, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Ein Widerwille; ein Abscheu, ein unerklärlicher Ekel bemächtigte sich seiner. „Jage sie auseinander!“ schrie es in ihm, „laß das Entsetzliche nicht geschehen!“ – er wollte hervortreten – wollte sich zwischen sie werfen; aber da thürmte sich unübersteiglich eine Mauer vor ihm auf und hielt ihn gefangen und jede Bewegung und jeden Laut. Es war die Scham, die ärgste, die unüberwindlichste, die eines Kindes für seine Mutter! Er konnte sterben in diesem Augenblicke vor Schmerz und Wuth; aber vor seine Mutter hintreten und ihr sagen: „Mutter, ich war Zeuge Deiner Schmach!“ das konnte er nicht! Ein Verworfener, ein Verfluchter war er sich, daß er das erlebt; wie konnte er mit dem Gedanken dieses Gräuels in der Seele noch einem reinen Menschen in’s Auge schauen? Er war kein Kind mehr von diesem Augenblicke an; aber was ihn zum Jüngling machte, es war nicht eine holde keimende Frühlingsahnung – es war das Entsetzen über ein Verbrechen, das im Sturmesaufruhr die Knospenhülle von seiner Seele streifte. Und heiße Thränen flossen endlich wie der quellende Saft aus der verletzten Blüthe über seine Wangen, Thränen um die verlorene Kindheit!

Er versuchte sich leise auf das Gesims zu schwingen, um so durch das Fenster zu entfliehen, aber er wagte den Sprung nicht, es war zu hoch für seine Unbeholfenheit und bei einer gewaltsamen Bewegung konnte sein gepanzerter Fuß an die Wand schlagen und ihn verrathen. Hülflos, rathlos kauerte er in seinem Versteck wie von einem Zauber gelähmt, gebannt. Er hielt sich die Ohren zu, schloß die Augen und mußte doch hören, was sie sprachen – und was er mit dem äußeren Auge nicht sah, das sah er mit dem inneren, denn die Hülle war ja von seiner Seele genommen, er war sehend geworden! Die Zähne schlugen ihm aneinander, daß er sich zu verrathen fürchtete, und kalter Schauer schüttelte ihn. Was war dagegen die Marter in den Banden und Riemen des Operationstisches, mit deren Schilderung ihn der Arzt abschrecken wollte? Sie erschien ihm leicht, ja Wohlthat gegen das, was er jetzt durchmachte, der Sohn im Bann der Schuld seiner Mutter!

„Egon,“ flüsterte Adelheid; es war ein süßes Flüstern, wie Egon es noch nie von ihr gehört. „Nun sprich, weshalb mußt Du so plötzlich fort? Darf ich es nicht wissen?“

„Nun denn ja! Der Candidat hat mir gedroht, wenn ich Zürich nicht binnen drei Tagen verlasse, müsse ich sterben oder ihn tödten. Da ich aber weder Deinen Schützling morden, noch selbst auf ein Leben verzichten will, das der Glanz Deiner Liebe verschönt, so beschloß ich, ihm zu willfahren!“

„Der furchtbare Mann!“ sagte Adelheid erschrocken, „er bleibt sich immer gleich.“

Egon beobachtete Adelheid, er sah, daß ihr das Benehmen des Candidaten mehr Bewunderung als Zorn einflößte, und die Eifersucht schlug wieder zur helle Lohe auf. „Adelheid,“ rief er, „ist das Alles, was Du mir auf diese Nachricht zu sagen hast? Adelheid, wenn es wahr wäre, wenn Du diesen Mann doch tiefer im Herzen trügst, als Du gestehst – heute noch müßte Einer von uns Beiden fallen!“

„Um Gotteswillen, Egon, wozu diese Drohungen? Darf ich denn nichts bewundern und verehren außer Dir? O Egon, ich liebe Feldheim, wie ich die Tugend liebe, von der ich abgefallen bin. Darfst Du eifersüchtig sein auf das Gefühl, das mich zu dem reinen Sinn der Unschuld hinzieht? Könntest Du einst vertrauend Deine Ehre in meine Hände legen, wenn Du mich so leicht getröstet sähest über so schwere Schuld? Du weißt nicht, Egon, was es für mich ist, dem fehlerlosen strengen Manne jetzt vielleicht verächtlich zu erscheinen. O Gott, Du weißt nicht, wie bitter es ist, verachtet zu sein!“

[240] „Adelheid, geliebte Adelheid, Thränen in diesen Augen, das ertrag’ ich nicht!“ Und er küßte ihr die heißen Tropfen von den Wimpern. „Komm, tröste Dich! Wie lange kann es denn noch dauern, so legt Dein Gatte sein müdes Haupt zur Ruhe, dann bist Du mein – und Deine Ehre ist gerettet! Adelheid, kann es denn etwas Heiligeres, Reineres geben, als eine Liebe, die, fast aus der Kindheit stammend, eine Trennung von fünfzehn Jahren überdauert? Sieh, meine Adelheid, dieser Gedanke wurde der Leitfaden meines ganzen Lebens, dieser Schmerz um Dich wurde der Grundzug meines Charakters. Meine Cameraden nannten mich einen Sonderling – um ihrem Spott und ihrer Verführung zu entgehen, wählte ich mir einen meiner Stimmung angemessenen Beruf – ich trat in den Johanniterorden ein und stellte ihm, da ich keine Mittel besaß, meine Person zur Verfügung. Man schickte mich in den Orient, ich scheute weder Mühe noch Gefahr mit Deinem Bilde im Herzen. In dem Brand der Wüstensonne reifte meine Liebe zu Dir. Im Dienst der höchsten und heiligsten Ideen läuterte sich meine Seele, um ein würdiges Gefäß des köstlichen Inhalts zu werden, den Du einst hineingießen würdest. Und als ich endlich zurückkehre, finde ich Dich so schön, so liebenswerth, wie Du nie warst – so schön, daß alle meine Träume von Dir als blasse Schemen verbleichen vor der bezaubernden Wirklichkeit.“

Adelheid war von seiner Leidenschaft wie in einen Gluthstrom getaucht, sie athmete tief auf, als drohten sie die heißen Wellen zu ersticken, sie vermochte nicht zu sprechen. Es dunkelte in der kleinen unter Bäumen versteckten Hütte, kein Strahl der Abendsonne drang durch das Dickicht. An der gewölbten Balkendecke summte ein Käfer und stieß prasselnd mit dem dicken Kopf gegen das Holz an. Sonst war es so still und einsam um die Beiden her, und mit den Schatten der Dämmerung wallten die betäubenden Düfte der Wachholderbüsche von draußen herein und durchzogen den engen Raum wie Weihrauch eines Liebesgottesdienstes. Da war es Adelheid plötzlich, als riefe eine Stimme „Helione!“ und eine geisterhafte Gestalt stand vor ihr und blickte sie traurig an, so unaussprechlich traurig! Es durchschauerte sie. Was wollte der finstere Gast in dieser Stunde? Was kümmerte es ihn, wenn sie einem Andern gab, was er verschmähte? Sie ließ sich zu Egon auf die Bank nieder. Aber der Schatten wich nicht, immer und immer ruhte Feldheim’s dunkeles Auge auf ihr, immer wieder mußte sie den Blick zu ihm erheben und ein Schmerz erfaßte sie, ein wunderbar süßer Schmerz um den stillen traurigen Schatten. Und sie riß sich los von Egon, sie eilte ein paar Schritte der warnenden Erscheinung entgegen. Sie wollte ihm zu Füßen sinken und ihn anflehen: „Rette mich, noch ist es Zeit – Alles, Alles will ich Dir hingeben, wenn Du Dich meiner erbarmen willst!“ Sie rang die Hände nach ihm empor, sie wollte sich an ihn anklammern, um nicht hinabgerissen zu werden von diesem Strudel ihres eigenen wallenden Blutes. Aber der finstere Mann machte eine abwehrende Bewegung gegen sie, wie damals, als sie sich ihm liebend und selbstvergessen genaht, es tönte ihr schneidend im Ohr: „Auch Sie haben Ihre Sonnenflecken!“ Und die Gestalt wandte sich verächtlich von ihr ab.

Ein warmer Athem streifte sie, zwei Arme legten sich mit leisem Druck um ihren schlanken Leib. „Was kämpft meine Adelheid?“ fragte Egon’s melodische Stimme. Da zerfloß die Erscheinung rascher und rascher in nichts, und ein brennender Schmerz war Alles, was in Adelheid’s Busen zurückblieb. Warum sollte sie dieses Herzeleid ertragen? Und sie warf sich dem Geliebten in die Arme und suchte Heilung für eine unheilbare Wunde, Betäubung für einen unerträglichen Schmerz.

Eine aufrichtige Dankbarkeit und Reue ergriff sie für den treuen Mann, dessen einziger Lebensinhalt sie war. Und dieses warme, immer gleiche Herz hatte sie verrathen wollen! Nachdem sie seine Jugend vergiftet hatte durch seine Vermählung mit Salten, war sie jetzt wieder nahe daran gewesen, ihn auch um die Hoffnung seiner ganzen Zukunft zu betrügen und sich einem kalten herzlosen Manne hinzugeben – der sie verschmähte! Unrecht und Irrthum, wohin sie sich wandte! Wo war der Weg, auf dem sie sich zurückfand zu der seligen Unschuld ihrer Jugend? Hier war er – nur hier an der treuen Brust ihres einstigen Geliebten. Er hatte ihr zur Seite gestanden von Kindheit an, bei ihm wollte sie ausharren – in ihm fand sie ihre Jugend wieder und, meinte sie – auch ihre Unschuld! Aber ach, mit Schrecken fühlte sie, daß sie ihn nicht mehr liebte! Und dennoch – seltsamer Widerspruch – weil sie dies fühlte, wollte sie ihm die verlorene Liebe durch doppelte Zärtlichkeit ersetzen!

„Egon,“ flüsterte sie, „was kann ich thun, um gut zu machen, was ich an Dir gefehlt? Wie kann ich Dir meine Reue, meine bittere Reue beweisen?“

„Versprich mir, daß Du Alles daran setzen willst, um bald nach M*** überzusiedeln, ich muß Dich in meiner Nähe haben, wenn mich die Leidenschaft für Dich nicht wahnsinnig machen soll!“

„Ich verspreche es Dir, sofern es nicht auf Kosten von Alfred’s Wohlergehen geschehen muß! Du weißt ja, wie furchtbar ihn der bloße Gedanke daran erschütterte.“

Egon warf sich vor ihr auf die Kniee: „Adelheid, denke nicht immer an das Kind! Wie könnte ich hoffen, daß wir je glücklich werden, wenn Du dem Knaben stets mich und unsere Interessen aufopferst? Bedenke, wie nothwendig es ist, daß er meinen Grundsätzen und Anschauungen allmählich näher gebracht werde, bedenke, daß ich einst sein Vater werde. Wir haben viel zu thun, wenn wir gut machen wollen, was Dein Mann und dieser den Brutus spielende Erzieher an dem Knaben verdorben! O, lerne nur endlich einmal lieben mit der echten Liebe, die Du nicht kennst, und Du wirst Dich stark zum Entschlusse fühlen. O Adelheid, wenn Du so warm wärst, wie Du schön bist, die Göttinnen würden Dich, die Götter mich beneiden: Du würdest, ein weiblicher Jupiter, mit dem Goldregen Deines Haares den armen Sterblichen überschütten, daß er in dem Uebermaß der Wonne vergehen müßte!“

Er legte den Kopf auf ihre Kniee, sie bog sich leise zu ihm herab und löste ihre Locken und Flechten auf, daß der goldene Regen in dichten Strömen über das Haupt des Glücklichen niederfluthete. Da gab es keine Worte mehr, ein süßes Verstummen ergriff sie. Plötzlich fuhr Adelheid zusammen: „Was ist das? Was regte sich dort?“

Egon sprang auf wie aus einem Traume und eilte zum Fenster, wo sich der herabgelassene Vorhang stark bewegte. Er riß ihn auf und sah hinaus. Es raschelte etwas in dem Gestrüpp, aber er konnte nichts erkennen. „Es wird eine Katze gewesen sein,“ beruhigte er das erschrockene Weib. – –

Der Freiherr saß allein bei seiner Zeitung am offenen Fenster, er konnte nicht mehr lesen, es war zu dunkel. Er ließ die Zeitung auf seine Kniee sinken und stützte den Ellenbogen auf das Gesims und das matte Haupt in die Hand. Er schaute dem mächtigen Zuge der Abendwolken nach, deren feurige Säume sich von Zeit zu Zeit aufleuchtend und wieder verschwindend in dem See spiegelten. Wo zogen sie hin? Die Schiffe und Kähne auf der Fluth steuerten langsam heimwärts, auch dem alten Manne war es plötzlich, als sollte er bald – heimwärts steuern. Eine Thräne schlich ihm über die vertrocknete Wange. Es war ihm wie ein nahes Abschiednehmen, und der Abschied wurde ihm schwer, er hatte noch so Vieles, wovon sich das Herz ungern losriß. „Der Tod ist nichts als ein Augenblick, der vorübergeht,“ sagt Pestalozzi. Der Freiherr wischte sich die Thräne von der Wange und sah still ergeben dem Verglühen des Abendhimmels zu. Friede ruhte auf seinem greisen Haupte, Friede mit sich und Gott. –

Da schleppte sich eine schwankende Gestalt durch den Garten her; war das Alfred? Er trat in’s Haus und kam in’s Zimmer. Der Freiherr wandte sich erschrocken nach ihm um. Seine Hände waren geschunden von dem Sturz, als er endlich doch in der höchsten Angst mit dem lahmen Fuß zum Fenster hinausgesprungen; seine Kleider waren zerrissen von dem Gestrüpp, durch das er sich gewunden. Sein Gesicht war aschfahl, voll tiefer Furchen und Ringe um die Augen, seine Lippen bläulich wie eines Sterbenden. Mit schlotternden Knieen ging er auf den Vater zu. „Vater, mein armer, lieber Vater!“ schrie er auf und warf sich mit dem Ausdruck liebender Verzweiflung an des Freiherrn Brust, als sei diesem ein großes Unglück geschehen – oder ein großes Unrecht!

[241]
18. Der Freiherr.

„Adelheid! Wo ist sie nur? Adelheid, komm schnell, Alfred ist krank!“ So tönte wieder der entsetzliche Ruf in einem verhängnißvollen Augenblick an Adelheid’s Ohr und schreckte sie, wie damals von dem Spiegel, von dem Geliebten auf – aber diesmal um vieles schuldiger, denn der lebendige Spiegel – und im Grunde war Egon ihrem Herzen nichts anderes mehr – war nicht kalt und theilnahmlos geblieben. Wie ein Brennspiegel die Lichtstrahlen, so hatte er die Strahlen ihrer Schönheit in sich gesammelt und so glühend zurückgeworfen, daß sie selbst davon versengt ward. Wieder wand sie wie damals die Haare auf und band den Strohhut darüber tief in’s Gesicht. Die Thür des Pavillons knarrte und ächzte, als sie öffnete, ein Nachtfalter schlug ihr aufgescheucht in’s Gesicht. Es fröstelte sie, als sie unter dem dunkeln Himmel dahinhuschte der Richtung nach, von wo ihr die Stimme zurief – es war auf einmal so kalt geworden. Sie stieß, ehe sie sich’s versah, auf Bella, die ihrer langen Beine wegen von Wika immer als Läufer benutzt wurde, wenn Jemand im Garten zu suchen war.

„Was ist denn schon wieder?“ fragte Adelheid ungeduldig, fast heftig.

„Er hat sich den ganzen Nachmittag herumgetrieben, kein Mensch weiß, wo. Und jetzt hängt er halb bewußtlos an seines Vaters Halse und gebehrdet sich, wie wenn der Böse in ihm wäre.“

Adelheid eilte schweigend neben Bella her. Der Frost schüttelte sie, sie war mehr verdrossen und unwillig über die Störung als erschrocken. Sie hatte in der letzten Zeit weniger Sorge um Alfred gehabt, sie dachte nicht, daß es etwas Besonderes sei.

„Wie leicht Du angezogen bist in dieser Abendluft!“ tadelte Bella, „das dünne Kleid!“ Und sie warf ihrer Schwägerin den gestrickten Reserveschaal, den sie stets außer dem umgebundenen für vorkommende Fälle bei sich trug, über die Schultern. Wenn Bella’s Angehörige bedacht hätten, wie unzählige Male sie ihnen schon das Leben gerettet, sie hätten sie ganz anders auf den Händen getragen! So aber mußte sie sich begnügen mit dem Bewußtsein, daß längst Alle unter dem Boden lägen, wenn sie nicht wäre.

Adelheid wäre gern noch auf ihr Zimmer gegangen, um sich die Haare zu ordnen, aber da – sie brach fast in die Kniee – trat ihr im Corridor Feldheim entgegen.

„Soeben wollte auch ich Sie suchen, gnädige Frau!“ sagte er und öffnete weit die Thür von Alfred’s Zimmer.

Sie mußte eintreten.

Der Freiherr saß auf dem Sopha, Alfred hing in convulsivischem Schluchzen an seinem Halse. Er hatte auf Niemanden gehört, hatte sich nicht zu Bette bringen lassen, und doch schlugen ihm die Zähne an einander und alle Glieder bebten wie in Krämpfen.

„Aber Alfred, was hast Du nur?“ rief Adelheid und bog sich über die Beiden.

Da fuhr Alfred auf wie ein angeschossenes Wild. „Du?!“ schrie er, daß es Allen durch Mark und Bein drang. „Du?!“ Und er floh von ihr zurück, wie vor etwas Gräßlichem. „Weg von mir – rühr’ mich nicht an! Du sollst mich nie wieder anrühren, mich nie wieder –“ er hielt inne, denn nochmals ward die Thür aufgerissen und Egon trat ein, hinter ihm Victor. Wie ein Rasender bäumte sich Alfred auf bei Egon’s Annäherung – „der auch, der auch! Vater, laß ihn mir nicht zu nahe kommen! Vater, schick’ ihn fort!“

„Großer Gott!“ schrie Adelheid auf „mein Sohn ist wahnsinnig!“

Die Dienstboten drängten sich, von dem Auftritt herbeigezogen, unter die Thür. Niemand beachtete sie. Aber der Candidat trieb sie fort, auch Victor und die Tanten gelang ihm zu entfernen, er ahnte etwas von furchtbaren Enthüllungen.

„Alfred,“ jammerte Adelheid, „Alfred – kennst Du uns denn nicht mehr?“

„Ja doch, ich kenne Euch – aber ich verabscheue Dich, Mutter, und Dich, Onkel Egon, und wenn ich erwachsen wäre, dann wollte ich Dir schon zeigen, wie sehr!“

Der Knabe hatte sich wieder an seinen Vater festgeklammert und es war, wie Bella sagte, als sei ein Dämon über ihn gekommen, oder als sei er selbst zum Dämon umgewandelt.

Adelheid fing plötzlich an zu begreifen, wie um Gnade flehend stürzte sie vor dem Sohne auf die Kniee und wollte ihn umschlingen und an sich ziehen, da stieß er mit dem Fuß nach ihr.

„Bube,“ schrie Egon, Alles vergessend, „das Deiner Mutter? – und Du Salten, leidest das?“

„Willst Du rechten mit einem Irrsinnigen?“ jammerte der Freiherr.

„Ich bin nicht irrsinnig, Vater, ich weiß, was ich thue!“ schrie Alfred und die Wuth riß alle Dämme in dem sonst so stillen Geschöpf nieder und das Gift, womit seine Kindlichkeit gemordet [242] worden war, ergoß sich unaufhaltsam über die Schuldigen. „Mutter,“ schrie er, „Du sollst nicht mehr meine Mutter sein, Du sollst nicht mehr beim Vater bleiben – bei diesem guten lieben Vater. Mutter, geh, geh – ich kann Dich nicht mehr lieb haben, ich kann Dich nicht mehr sehen –“

„Alfred,“ rief Egon, „schweig, oder –“

„Nein, ich schweige nicht – Du hast mir nicht zu befehlen, noch zu verbieten, das kommt nur meinem Vater zu – und Gott sei Dank, noch habe ich meinen Vater, meinen guten, eigenen Vater! Und das sage ich Dir, Onkel Egon, ehe ich Dich an seiner Statt annähme, eher erwürgte ich Dich!“

Ein erstickter Schrei entrang sich dem Knaben, Egon hielt ihm mit Gewalt den Mund zu, er mußte dem Sinnlosen jedes weitere Wort abschneiden, hier handelte es sich einfach um seine ganze Existenz. Aber auf’s Aeußerste gebracht, sprang der überreizte Knabe an Egon hinauf und umklammerte mit beiden Händen so fest dessen Kehle, daß ihm fast die Luft ausblieb. Die Wuth, das Fieber gaben dem Kranken übernatürliche Kräfte, er war nicht abzuschütteln, nicht loszureißen, bis er selbst, wie die Biene, wenn sie gestochen hat, halb todt zu Boden fiel.

Eine lautlose Stille trat jetzt ein. Da war nichts mehr zu reden.

Feldheim legte Alfred auf das Bett. Der Freiherr stand bleich und still dabei. Sein schönes Greisenantlitz leuchtete geisterhaft im Schimmer des Mondes, der das Gemach erhellte. Sein Auge ruhte auf seiner Frau, die wie vernichtet zu seinen Füßen lag. Da regte sich Alfred wieder und rief leise nach seinem Vater. Der alte Herr winkte Egon, Adelheid aufzuheben. „Ich bitte, verlaßt mein Kind!“ sagte er mit einer milden, aber königlichen Würde.

Dieses „Mein Kind“ traf Adelheid tief in’s Herz. Aber sie wagte keine Einsprache. Egon hob Adelheid auf. Als er sie bis zur Thür gebracht, riß sie sich los und kehrte noch einmal zu ihrem Gatten zurück. „Vergieb!“ rief sie in Verzweiflung.

Er schob sie sanft von sich: „Schone das Kind, es bedarf der Ruhe! Ich werde Dir heute Nacht schreiben.“ Er winkte nochmals mit der zitternden Hand, sie verließ schluchzend das Zimmer.

Als sich die Thür hinter Adelheid und Egon geschlossen, streckte der alte Mann die Arme aus. „Feldheim!“ Er wankte. Der Candidat stützte ihn, sich selbst kaum mehr haltend. „O Feldheim!“ sagte der Freiherr und aus den alten Augen brachen Thränen. Es schnitt Feldheim in’s Herz, denn er wußte, daß diese Thränen nichts mehr trocknen werde! So standen sie stumm an einander gelehnt, der alte und der junge Mann mit den gleichen Empfindungen, Beide hatten Schiffbruch gelitten, der eine so nahe dem Hafen der ewigen Ruhe, in die er eingehen sollte, der andere auf hoher See.

„Vater,“ sagte Alfred, „nicht wahr, Du und ich und Herr Feldheim, wir bleiben von nun an allein beisammen? Herr Candidat, schließen Sie die Thür ab, daß die Mutter – daß Niemand mehr hereinkommt.“

„Mein Sohn,“ begann der Freiherr und setzte sich zu Alfred. „Sag’ mir, was hast Du heute erlebt, das Dich so gegen Deine Mutter aufbrachte? Ich muß das wissen, denn es hängt viel davon ab!“

„Vater – das kann ich Dir nicht sagen!“

„Warum nicht?“

„Weil – weil – ach, frage mich nicht!“

„Doch, mein Sohn – ich muß Dich fragen – Du mußt antworten – Du weißt nicht, um was es sich handelt. Gieb mir klaren Bescheid. Wo sahst Du Deine Mutter zuletzt?“

„Im Pavillon.“

„Und Onkel Egon?“

Der Knabe warf sich mit dem Gesicht nach der Wand: „Auch dort!“

„Fragen Sie weiter,“ sagte der Freiherr zu Feldheim, „ich – kann nicht mehr!“

Feldheim hielt sich mit beiden Händen am Fußende des Bettes. Er mußte sich erst sammeln, dann frug er: „Wie kamst Du in den Pavillon?“

„Ich hatte mich dort versteckt, weil ich sie kommen hörte und nicht mit ihnen reden wollte.“

„Und da hörtest Du Alles mit an?“

„Ja!“

Die Bettpfosten ächzten unter dem Druck des schweren Mannes, so klammerte er sich daran fest. „Was sprachen sie?“

Alfred schwieg.

„Sprachen sie von Liebe?“

„Ja!“

„Und von – von einer späteren Vereinigung?“

„Ja – wenn der Vater todt sei. – O Vater – stirb nicht – o lieber, lieber Vater, verlaß mich nicht.“ Und auf’s Neue brach der wilde Schmerz in dem Kinde hervor um den greisen verrathenen Vater.

„Und – was – geschah dann? – gingen sie fort, nachdem sie das gesprochen?“ fragte der Candidat mit schwerer Zunge.

„Nein, sie blieben, ich sprang dann zum Fenster hinaus – o – laßt mich – ich sage nichts mehr!“

Alfred drückte das Gesicht in die Kissen und schwieg. Der Freiherr stand auf.

„Ich weiß genug!“ sprach er.

Feldheim bog sich über den Bettrand, immer tiefer, der Freiherr sah ihm befremdet zu und faßte ihn an der Schulter – da stürzte er zusammen, er war besinnungslos.

„Armer Mann!“ sagte der Greis und half dem Taumelnden auf. Sie verstanden sich einander.

Alfred fragte erschrocken, was es gebe.

Feldheim setzte sich still neben ihn, er hatte rasch die jahrelang geübte Selbstbeherrschung wiedergefunden.

Der Freiherr ließ ihn sich erholen, dann winkte er ihn zu sich in einige Entfernung von dem Bett. „Herr von Feldheim,“ sagte er leise und feierlich, er hatte ihn noch nie so genannt: „Herr von Feldheim – ich ersuche Sie, mein Secundant zu sein.“ Feldheim verneigte sich, aber es schnürte ihm den Hals zu, er brachte kein Wort heraus. „Ich bitte Sie, heute Nacht noch dem Grafen meine Forderung zu bringen, morgen früh muß das Duell stattfinden. Bleiben Sie einstweilen bei Alfred, bis er schläft, dann kommen Sie zu mir. Ich gehe einstweilen, denn ich habe noch viel zu thun, um bis morgen mein Haus zu bestellen.“ Er näherte sich dem Bett, Alfred lag mit geschlossenen Augen, er war eingeschlafen. Salten kämpfte einen Augenblick mit sich, ob er ihn wecken sollte zum Abschied – vielleicht zum letzten. Nein, der Kranke brauchte so nöthig die Ruhe – er brachte es nicht über’s Herz ihn zu stören – lange, lange hing sein Auge liebend und segnend an dem Kinde, dann schlich er leise vorüber, der Thür zu.

Da erwachte Alfred. „Vater,“ rief er ängstlich, „so willst Du fort von mir? Ohne einen Kuß zur Gutenacht?“

„Ich wollte Dich nicht wecken und wollte auch zur Ruhe gehen. Mein Kind, mein liebes Kind, daß Gott der Herr Dich segne und behüte“ – er konnte nicht weiter sprechen, er legte die Hand auf des Knaben Haupt und betete still. „Versuche nun fortzuschlafen – mir zu Liebe, nicht wahr?“ bat der Freiherr gefaßter.

„Ja, ich verspreche es Dir!“

„Nun denn – gute Nacht, mein Sohn!“

Alfred erhob sich im Bett auf seine Kniee, um den Vater besser umfangen zu können. „Vater, weinst Du?“

„Nein, ich bin nur müde. Schlaf wohl!“

„Vater, ich weiß nicht, warum mir auf einmal so weh wird,“ sagte Alfred und schlang seine Arme fest und fester um den Greis. „Vater, ich hab’ Dich so lieb! Bleib’ bei mir!“

„Wenn ich könnte“ – seufzte der Freiherr tief auf. „Ich kann ja nicht! Sei mein braves Kind – und gönne Deinem alten Vater die Ruhe –!“

„O ja, ich gönne sie Dir!“ sagte Alfred sich bezwingend. „Gute Nacht, lieber Vater!“

„Gute Nacht, Du treues Kind!“ und die verschlungenen Arme lösten sich und Herz riß sich vom Herzen.

Die Thür hatte sich hinter dem Freiherrn geschlossen, und Alfred lag in seinem Bett und weinte still. Der Candidat stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ein Sturm hatte sich erhoben und strich sausend und wehklagend über den See her um das Haus. Und wie jede äußere unbestimmte Erscheinung so leicht mit unserer Seelenstimmung zusammenfließt, so war es Alfred in diesem trüben Augenblicke, als sängen die verworrenen Stimmen des Windes einen Choral, und er klang wie die Melodie des besten Liedes, das ihn seine Mutter gelehrt: „Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß [243] scheiden!“ Er mußte das Lied in Gedanken mitsingen immer und immerfort, und er begrub den Kopf in die Kissen, damit der Candidat ihn nicht weinen höre. Aber allmählich sang er sich doch unter Thränen und Schluchzen mit dem traurigen Wiegenliede ein, und es war ihm im Entschlummern, als kehre sein Schutzengel aus zartester Kindheit zu ihm zurück, neige sich mitleidig über ihn und wehe ihm mit sanftem Flügel Trost zu.

Der Candidat stand über ihn gebeugt und betrachtete ihn; er lächelte im Schlafe, die erschöpfte Natur machte ihr Recht geltend. Feldheim ging sachte zum Freiherrn hinein, dessen Zimmer an das Alfred’s stieß. Er lehnte vorsichtig die Thür an, um den Knaben hören zu können, wenn er erwachte.

„Schläft er?“ fragte Salten.

„Ja, Herr Baron.“

Der Freiherr saß an seinem Schreibtisch. Vor ihm lag ein begonnener Entwurf zu einem Testament. Seine Wangen färbte eine ungewohnte Röthe. Seine erloschenen Augen blitzten in einem neuerwachten Feuer. „Geben Sie mir die Hand,“ sagte er zu Feldheim, „setzen Sie sich! Wie viel Uhr mag es sein?“

„Bald zehn Uhr!“

„So wollen wir nicht zögern, dem Grafen die Anforderung zuzustellen, bevor er zu Bett geht.“ Er stand auf und holte aus einem Schrank ein Holzkästchen hervor – er hatte selbst sein Wappen mit der siebenkugeligen Krone darauf geschnitzt, es war ein wahres Kunstwerk. Er öffnete es und nahm ein paar Pistolen heraus. „Das sind die, mit denen wir neulich nach der Scheibe schossen,“ sagte er. „Wer hätte das gedacht!“

„Herr Baron,“ begann Feldheim, „ich komme mit einer Bitte.“

„Sprechen Sie!“

„Herr Baron, ich bitte Sie, überlassen Sie den Grafen meiner Rache!“

Salten richtete einen fragenden Blick auf ihn. „Können Sie das im Ernst von mir verlangen?“

„Ich weiß wohl, ich habe dazu kein Recht, ich bin kein Verwandter Ihres Hauses, kein Gleichgestellter, ich bin nichts als ein Diener; wie kann ich mir anmaßen, Ihnen vorgreifen und ein Verbrechen, das an Ihnen begangen worden, züchtigen zu wollen?“

„So meinte ich es nicht, Feldheim. Ich habe Sie nie als Diener betrachtet, und hätte ich es je, die Treue und Ehrenhaftigkeit, die Sie uns bewährten, hätte Sie uns längst zu einem Ebenbürtigen gemacht. Sie haben ein Recht, diese Bitte an mich zu stellen, und zwar ein doppeltes, denn eine Verirrung, der wir selbst widerstanden, dürfen wir doppelt streng am Andern rächen – und ich weiß, Sie haben gekämpft und gelitten wie ein Held, während ein gewissenloser Bube das stahl, worauf Sie so schwer, so schmerzlich verzichteten.“

Der Candidat verbarg das Antlitz in den Händen, um nicht laut aufzuschreien.

Der Freiherr legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich bin ein alter einfacher Mann, ich habe mich nie in Ihr Vertrauen gedrängt, aber ich sah wohl, was in Ihnen vorging, und ich segne die Bosheit meiner Schwester, die mich zum Zeugen jenes Gesprächs zwischen Ihnen und meiner Frau machte – es ist das schönste Andenken, welches ich aus dieser Welt in das Jenseits nehmen konnte. Aber Angesichts des Todes habe ich auch ein Recht, mit Ihnen zu reden wie ein Sterbender mit dem andern, denn auch Sie, armer Mann, sind todeswund, das fühl’ ich wohl.“

„O Herr von Salten, – meine ganze Mannheit schmilzt dahin!“ rief Feldheim auf’s Tiefste erschüttert.

„Schämen Sie sich dessen nicht, das Eisen, mit dem Sie mich rächen werden, ist nicht weniger hart, weil es schmelzen mußte, bevor es zur Waffe wurde.“

Der Candidat hob den Kopf und sah dem Freiherrn voll in’s Auge – „Ah – jetzt verstehe ich Sie!“

„Ich glaube, daß ich fallen werde, denn meine Hand ist unsicher und mein Blick getrübt. Wer schützt dann mein Weib und mein Kind vor dem Elenden – wenn nicht Ihre unfehlbare Kugel? Dies, mein junger Freund, ist das Ehrenamt, welches ich für Sie aufgehoben habe.“

„Und muß es denn sein, daß Sie erst zum Opfer fallen? Muß erst Ihr armer Sohn den Vater verlieren, die einzige Stütze, bevor der Frevel seine Strafe findet? Lassen Sie mich an Ihre Stelle treten, theurer edler Herr! Nicht aus blutgieriger Eifersucht, die ihre Beute keinem Andern gönnt – aus Liebe für Sie und Ihr verlassenes Kind bitte ich sie darum. O Gott, ich halte aus, was ein Mann aushalten kann, aber die Waffe des Schurken auf Ihr greises wehrloses Haupt gerichtet zu sehen, das – nein – das ertrüge ich nicht!“

„Feldheim,“ rief der Freiherr, „ich vergebe Ihrer Liebe zu mir und Alfred dieses Wort – aber ich hoffe, Sie werden bei kälterer Ueberlegung einsehen, was Sie mir zumuthen, und mir abbitten, daß Sie es gethan! Glauben Sie, weil ich ein Greis bin, ich sei deshalb kein Mann mehr? Bin ich so altersschwach, daß mein Gefühl für die Schande abgestumpft wäre, daß ich nicht mehr wüßte, was ich meinem Namen schuldig bin? Nein, der soll nicht leben, der einem Salten nachsagen könnte, er sei als ein Feigling in’s Grab gestiegen und habe das Rächeramt für seine beleidigte Ehre einem Andern überlassen. Wahrlich! Wer mich so liebt, daß er sein Leben für mich gäbe – kann mich nicht im Ernste so verächtlich sehen wollen!“

Feldheim ergriff des Freiherrn Hand und ehe dieser es wehren konnte, hatte er sie an die Lippen gedrückt. „Sie haben mich tief beschämt, vergeben Sie mir!“

„Nun denn, Feldheim, so frage ich Sie nochmals, wollen Sie mir helfen, meine Pflicht zu thun?“

„Ja, ich will es, aber es ist fürchterlich!“ sagte Feldheim.

„Das ist es nicht, mein Freund. Wie lange hätte ich denn noch zu leben gehabt? was opfere ich? Vielleicht ein paar Jahre trüben Hindämmerns, langsamen Verlöschens, das ist Alles! Ich habe es diesen Abend gefühlt, daß ich bald heimgehe. Wohl dachte ich, daß es in Frieden sein werde – indessen wie viele meiner edeln Vorfahren sind auch nicht auf weichem Pfühl entschlafen! Mag eine Zeit des Friedens anbrechen, wo andere Begriffe herrschen und lindere Mittel, als Pulver und Blei, unlösbare Conflicte schlichten – ich sterbe treu den Begriffen meiner Zeit – und sehen Sie, – so sterbe ich wenigstens im Frieden mit mir selbst!“

Ruhig und klar schaute der Freiherr den jungen Freund an, der sich mit aller Kraft zusammennehmen mußte, um nicht hinter dieser einfachen Größe zurückzubleiben.

„Gehen Sie nun zu dem Grafen, lieber Feldheim, und bewahren Sie Fassung und Mäßigung. Bedenken Sie, daß ich Ihnen einen Eingriff in dieser Sache nie verzeihen würde!“

„Verlassen Sie sich auf mich. Welche Vorschläge habe ich dem Grafen zu machen?“

„Ich dächte, auf fünf Schritt Barrière!“

Feldheim erschrak. „So nahe?“

Der Freiherr trat mit gehobenem Haupte auf Feldheim zu. „Bedenken Sie, mein Lieber, daß ich entweder sterben oder tödten will – einen Mittelweg giebt es da nicht!“

„Sie haben Recht!“ sagte Feldheim und sein Gesicht bedeckte Leichenblässe, als er sich zu gehen wandte. „Ort und Stunde?“

„Um fünf Uhr in dem Kastanienwäldchen der Landzunge, wo ich Sie mit Adelheid traf. Ach Feldheim, hätte sie Ihnen ihr Herz geschenkt, wie ich es damals fürchtete, Alles wäre besser, denn ein Weib, das Sie liebt, wäre nicht so tief gesunken!“

Feldheim preßte die Hände auf das Herz, es wollte ihm zerspringen. „Ich danke Ihnen für dies Wort – ich will es Ihnen lohnen – an Ihrem Kinde mit Allem, was ich kann!“

Als er das Zimmer verlassen, kehrte der Freiherr zu dem Tische zurück und schrieb an dem Testament weiter: „Ich ernenne den Candidaten der Theologie etc. Constantin Freiherrn von Feldheim-Sternau, genannt Feldheim, zum alleinigen Vormund meines Sohnes Alfred, sowie zum Vollstrecker dieses meines letzten Willens“ etc.

Als das Testament vollendet und versiegelt war, horchte er an der Thür, ob Alfred noch ruhig sei; er schlief fest. „Gott sei Dank,“ sagte der Freiherr und setzte sich wieder zum Schreiben nieder.

„Armes Kind!“ schrieb er. „Wie ein treuloser Wächter verläßt Dich Dein Vater im Schlaf, und wenn Du erwachst, findest Du ihn vielleicht nicht mehr. Und dennoch darfst Du ihm vergeben, denn er geht, den schlechten Mann zu züchtigen, der Dir das Beste stahl, was Du hattest, Deine Mutter! Armes Kind, Du wirst mit der Mutter auch den Vater verlieren, das ist viel auf einmal und ich weiß nicht, ob ich die Kraft hätte, Dir das anzuthun in diesem Augenblick, wenn ich Dich nicht in den [244] Händen eines Mannes wüßte, der Dir den Vater reich ersetzen wird, dem ich Dich vermache und empfehle an Kindesstatt – es ist Dein Lehrer Feldheim. An seinem starken Herzen wirst Du Trost finden für den ersten großen Schmerz, der über Dich kommt, armer Verlassener! Lebe, mein Sohn, lebe einem Namen zur Ehre, den Dein Vater heute mit seinem Blute reinwäscht, um ihn Dir so makellos zu vererben, wie er ihm selbst überliefert wurde. Feiere mein Andenken nicht mit Thränen, sondern mit Thaten. Wohl wirst und sollst Du weinen bei dem schrecklichen Erwachen, aber um der Qual willen, die mich erfaßt, wenn ich an Deinen Schmerz denke, bitte ich Dich, mäßige ihn, und ich weiß, Deine Liebe für mich wird Dir diese Bitte heiligen und aus Liebe für mich wirst Du stark sein!

Sei auch nicht hart gegen Deine Mutter. Wenn Du erwachsen bist und die Schwäche und Gebrechlichkeit des weiblichen Herzens kennen lernst, dann dürfte Dich jede Lieblosigkeit gegen sie reuen. Sie hat Dich mit ihrem Herzblut genährt, Du darfst sie nicht richten. Ist sie doch schwer genug gestraft, wenn sie das Auge zu Dir erheben muß! Lerne von Deinem sterbenden Vater, wie göttlich es ist, zu verzeihen! Steh’ ihr bei, denn die Reue wird über sie kommen und sie wird nichts haben als Dich.

Leb’ wohl und sei getrost! Wie Du jetzt im Schlummer Deinen Vater verlierst, so wirst Du ihn einst im Schlummer wiederfinden, im Todesschlummer! Das ist meine feste Zuversicht.

Noch einmal will ich an Dein Bett treten, noch einmal Deine lieben Züge mir einprägen!“ – –

„Ich habe einen stummen letzten Abschied von Dir genommen. Wenn Du mir grollst im ersten bittern Weh, daß ich Dich so verlassen konnte, so denke an den Schmerz eines Vaters, der weiß, daß er zum letzten Mal an seines Kindes Bett steht, denke, was es mich kostete, zu schweigen und Dich nicht zu wecken mit meinem Jammer – und Deine Thränen werden milder fließen, Du wirst versöhnt sein.

Lebe wohl, mein Sohn! Der Segen Deines Vaters geleitet Dich für und für.“

Der alte Herr faltete das Blatt zusammen und überschrieb es: „An meinen Sohn, den letzten Freiherrn von Salten-Hermersdorff.“ Er neigte das Haupt darauf nieder und verharrte lange so.

Da trat der Candidat ein. Salten richtete sich rasch auf. „Alles in Ordnung?“

„Ja! Der Graf hat sich zu jeder Art von Satisfaction bereit erklärt. Punkt fünf wird er auf dem Platze sein. Ich war auch bei dem Arzte!“

„Das ist gut. Wen bestellten Sie?“

„Ich wählte den besten Chirurgen, den Professor Zimmermann. Er wird kommen.“ Den Candidaten rüttelten Fieberschauer, aber seine Haltung hatte wieder die alte Starrheit gewonnen.

„Haben Sie ihm Namen genannt?“ fragte Salten.

„Nein, ich theilte ihm nur mit, daß er früh viereinhalb Uhr an einen Ort abgeholt werde, wo man seiner dringend bedürfe.“

„Ich danke Ihnen, Feldheim,“ sagte der Freiherr. „Hier lege ich mein Testament in Ihre Hände, Sie sind sein Vollstrecker.“

Feldheim verbeugte sich, ohne ein Wort hervorzubringen.

„Hier ist ein Brief an Alfred, den Sie ihm aber nicht eher übergeben, als bis ihm mein Tod nicht mehr zu verbergen ist. Ich hoffe, dies läßt sich so lange bewerkstelligen, bis Alfred sich von den furchtbaren Aufregungen des heutigen Tages erholen konnte, es wird sonst zu viel für ihn. Wenn ich falle, so bitte ich Sie daher, mich nicht in mein Zimmer bringen zu lassen, sonst würde er es hören. Man soll mich hinausschaffen in das Zimmer Adelheid’s, und sie mag sich eines hier unten nehmen. So ist es ihm wohl am sichersten zu verbergen. Nicht wahr, Sie besorgen das?“

„Verlassen Sie sich darauf.“

Die Stimme des Candidaten klang heiser vor innerer Bewegung.

Salten hörte es und reichte ihm tröstend die Hand. „Muth, junger Freund, der Tod ist ein Augenblick, der vorübergeht!“

[257]
19. Entscheidung.

Ein trüber Morgen dämmerte herauf. Der Freiherr sah es nicht. Er saß noch über einen Brief an Adelheid gebeugt und schrieb. Die Lichter waren tief heruntergebrannt, die Flammen erfaßten das darum gewickelte Papier und bildeten düstere rothe Fackeln, der Freiherr bemerkte es nicht. Da zersprang eine der gläsernen Leuchter-Manchetten von der Hitze, der leise Knall schreckte den alten Mann auf. „Es ist Zeit!“ sagte er zu sich selbst, siegelte den Brief an dem verlöschenden Lichte und öffnete das Fenster, um den Kerzenrauch hinauszulassen. Noch einmal wollte er sich an dem Anblick der herrlichen Natur erquicken, die ihm so lange eine geliebte Heimath war. Aber er sah nichts. Es war als habe sich der ganze See aus seinem Bette gehoben und fluthe nun ufer- und schrankenlos zwischen Erde und Himmel, solch ein Meer von feuchtem Nebel erfüllte den Raum. Es benahm dem Greise fast den Athem und seine weißen Haare wurden naß, als er sich hinausbog, aber es kümmerte ihn nicht, er fürchtete keine Erkältung mehr. Mit stiller Wehmuth harrte er der Sonne. Sollte er es nicht mehr grüßen dürfen, das göttliche Gestirn, das ihm ein langes Leben hindurch treulich geleuchtet? Es war so! Die Erde gönnte ihm keinen Abschiedsgruß, als zürne sie ihm unter Thränen, daß er sie verlasse. Kein Lichtstrahl, kein freundliches Ufer, keine ferne Schneespitze zeigte sich dem suchenden Auge in dem undurchdringlichen Wallen und Wogen der grauverdichteten Luft.

Da öffnete sich langsam die Thür, der Candidat trat ein. „Sie habe befohlen, daß ich Sie wecke – wenn –“

„Ist es Zeit?“ fragte der Freiherr.

„Ja – aber Sie haben nicht ausgeruht?“

„Nein – aber ich kann ja noch lange ausruhen, wenn es vorbei ist –“ Er schwieg, aber der Ton, in dem er das Wort gesagt, prägte sich dem Candidaten ein für immer.

„Hier nehmen Sie das Pistolenkästchen. So! Ich will doch einen wärmeren Rock anziehen, sonst friere ich und dann zittert mir die Hand beim Zielen. So –! Nun noch den Hut. Und – hier nehmen Sie diese Degen, die Barrière zu stecken; ich trug sie mit Ehren vom Beginn meiner Laufbahn an, sie sollen mir auch am Ende derselben den letzten Dienst erweisen. Habe ich nichts vergessen?“ Er sah sich im Zimmer um. „Ich denke, nun ist Alles in Ordnung. Ach, da – diesen Brief übergeben Sie meiner Frau, wenn Alles vorbei ist. So, jetzt weiß ich nichts mehr – mein Haus ist bestellt.“

Aber er zögerte doch einen Augenblick. „Waren Sie noch bei Alfred?“

„Ja, er schläft.“

„Wenn er aber erwacht, während Sie fort sind?“

„Ich sagte dem Diener, ich ginge in den Garten wegen heftiger Kopfschmerzen. Das wird er ihm berichten. Wollen Sie ihn noch einmal sehen?“

Der Freiherr kämpfte mit sich selbst. „Nein,“ sagte er dumpf. „Ich habe Abschied genommen! Kommen Sie!“

Einen letzten Blick warf er nach der Thür seines Sohnes; dann sprach er mit gefalteten Händen: „In Gottes Namen!“ und schritt aufrecht und sicher dem Ausgange zu. Bleich wie eine Leiche folgte ihm der Candidat mit den Waffen. Als sie aus dem Hause traten, sagte der alte Herr: „Schade, daß die Sonne nicht scheint, ich hätte sie so gern noch einmal gesehen!“

Weiter sprachen die Beiden nichts auf dem ganzen Wege. Es war so frostig und traurig um sie her, als sei an diesem Tage mit einem Male alle Herrlichkeit der Welt erloschen und versunken, und wer in diesem Augenblick aus ihr schied, der that es mit dem Gefühle des Zuschauers, der ein schönes Schauspiel leichter verläßt, während der Vorhang heruntergelassen ist.

Sie waren am Platze.

Egon, sein Secundant, der junge Hausarzt Salten’s und der Professor Zimmermann waren schon da. Die Herren begrüßten sich und legten die Hüte ab. Feldheim stellte den Professor dem Freiherrn vor, die Beiden schüttelten sich die Hände.

„Mein Gott,“ sprach Zimmermann, „ein so betagter Herr und sich noch duelliren!“

„Mein werther Herr Professor,“ erwiderte der Freiherr würdevoll, „ich habe in den letzten sechszehn Jahren meines Lebens mehrfach gehandelt, wie es meinem Alter nicht angemessen war; hatte ich dazu den Muth, so muß ich ihn auch den Folgen meiner Handlungsweise gegenüber haben, das ist eine unerbittliche Consequenz.“

Der Arzt verstand ihn natürlich nicht. „Ich gestehe Ihnen,“ fuhr er fort, „daß ich die Sache hintertrieben hätte, wenn ich geahnt, was da im Werke sei. Aber ich erfuhr ja vorhin erst Ihren Namen.“ Er wandte sich an Egon. „Herr Graf, ist es wirklich möglich, daß ein so junger Herr wie Sie einem so hochbetagten Manne auf Leben und Tod gegenübersteht? Erlaubt es Ihnen der Respect vor dem Alter, der doch jedem Menschen angeboren ist, Hand an solch ein ehrwürdiges Haupt zu legen?“

[258] Egon sah schweigend zu Boden. Er dachte nur daran, daß dieser ehrwürdige Greis ihm die Geliebte stahl, und der Haß kochte neu in ihm auf.

„Und Sie, Herr Baron,“ fuhr Zimmermann lebhaft fort, „wollen Sie den Ihrigen das anthun? Ihre Kinder halten gewiß alle Hände über Sie und geizen ängstlich mit den paar Jahren, die Ihnen noch zugemessen sind, und Sie, – ei – ei, Herr Baron, das ist nicht recht gehandelt. Weiß Gott, mich jammert Ihr Enkel, der liebe feinbesaitete Junge; was würde der sagen, wenn ihm sein Großpapa so hinterrücks wegstürbe?!“

„Ich verstehe Sie nicht – wen meinen Sie?“ fragte der Freiherr überrascht.

„Ach, ja so, Sie werden’s nicht wissen! Denken Sie, Ihr Enkel war gestern bei mir wegen seines verkürzten Beines und wollte sich heimlich von mir operiren lassen, um die Seinen nicht zu ängstigen. Das ist ein seltenes Kind, hören Sie! Und wenn ich Großvater eines solchen Knaben wäre, ich würde nicht eher sterben wollen, als nöthig ist!“

„Der Knabe, von dem Sie zu sprechen scheinen, ist nicht mein Enkel, sondern mein Sohn, lieber Herr!“ sagte der Freiherr erschüttert.

Der Gelehrte starrte den Greis erstaunt und verlegen an. Ein rasches Begreifen überflog plötzlich sein geistvolles Gesicht und unwillkürlich schweifte sein Auge vom Freiherrn zu Egon und von diesem zum Freiherrn.

Der Freiherr aber sagte leise und gelassen zu Feldheim: „Das Urtheil eines Unbefangenen! Meine Herren,“ wandte er sich zu den Uebrigen, „es ist Zeit!“

Todtenstill war es auf dem engen Platz, der Nebel rieselte durch das dichte Laubdach der Kastanien herab, die Blätter hingen naß und schwer an den Zweigen. Eine Bachstelze flog erschreckt zur Seite auf, als beim Spannen der Hahn knackte. Leise gurgelnd schlugen die Wellen des Sees unter der leichten Nebeldecke an das Ufer. Noch einmal suchte das müde Auge des Freiherrn die Ferne, aber es gab für ihn keine Ferne und keine Zukunft mehr, nur noch den engen Fleck Erde, auf dem er stand – und den bangen Augenblick vor dem Schuß.

Der Greis bewegte die Lippen, er betete: „Herr, mein Gott, stärke mich, auf daß ich mit Ehren bestehe oder falle. Herr, mein Gott, sei mir gnädig und vergieb mir, wenn ich irre, dieweil ich glaubte, recht zu thun. Amen!“

Der Candidat trat auf ihn zu und reichte ihm die Pistole. Er nahm sie, Feldheim bemerkte, daß ihm die Hand zitterte, aber Feldheim selbst bebte am ganzen Körper. Das Haar klebte ihm von der Feuchtigkeit in der Stirn, sein Blick war irre und unstät, er sah aus wie ein Schwerkranker.

Der Freiherr legte ihm sanft die Hand auf die Schulter: „Fassung, mein Freund!“

Die Herren waren bereit. Der Candidat begann die Schritte abzuzählen und stieß bei jedem fünften Schritt einen Degen in die Erde, daß der elastische Stahl noch lange nachzitterte, die Barrière war abgemessen. An derselben Stelle, wo Adelheid’s üppige Tiziangestalt vor Feldheim am Baume gelehnt, stand der Freiherr.

Egon trat auf ihn zu und sprach leise und bewegt: „Vergeben Sie mir, ob ich stehe oder falle!“

Der Freiherr aber sagte mit fester Stimme: „In dieser Sache darf nur Gott verzeihen. Sein Urtheil entscheide zwischen uns.“

Egon biß sich auf die Lippen und stellte sich auf seinen Posten, dem Freiherrn gegenüber.

Eine lange Pause entstand. Feldheim gab das Zeichen, die Herren richteten sich. Salten hob das erbleichende Gesicht hoch auf und der ausgestreckte Arm zielte gerade nach dem Kopf des Grafen, aber er schoß nicht, er avancirte, Egon desgleichen. Egon hatte offenbar die Absicht gehabt, dem Freiherrn den ersten Schuß zu lassen und sich nur zu vertheidigen. Jetzt sah er mit innerem Grauen, daß Salten ihm nach dem Leben trachte, und dieses Gefühl mit seinen geheimen Schrecken gab nun auch seiner Waffe eine bestimmtere Richtung. Jetzt erst waren sie Feinde auf Leben und Tod!

Feldheim hing athemlos an den Bewegungen der Beiden. Schritt für Schritt rückten die Feinde gegeneinander vor, die gespannten Blicke auf einander gerichtet. Der Raum zwischen ihren tödtlichen Waffen wurde immer kleiner. Keiner durfte stillstehen, that er es, so mußte er schießen. Aber der Schuß fiel nicht und der Fuß rückte unaufhaltsam dem letzten tödtlichen Ziele näher. Drei – vier Schritte waren gethan – noch nicht genug! Feldheim sah mit Entsetzen, daß die Hand des Freiherrn die sichere Richtung verlor, – noch ein Schritt – der Freiherr setzte den Fuß auf die Barrière – die Schüsse krachten zu gleicher Zeit, eine Wolke von Pulverdampf verdichtete den Nebel.

„Ich wußt’ es ja!“ schrie Feldheim und sprang auf den Platz. Egon stand da wie vernichtet, der Freiherr – lag. Rothe Tropfen flossen ihm aus der Seite und sickerten in den feuchten Boden. Ohne ein Wort, ohne einen Laut neigte er sein Haupt zur Erde. Da brach plötzlich ein wärmender Sonnenstrahl, wonach er sich gesehnt, durch den Nebel und küßte die edle erbleichende Stirn – zu spät, er fühlte und sah es nicht mehr, das brechende Auge war ausdruckslos in’s Leere gerichtet, die Uhr lief langsam ab. Stoßweise immer kürzer werdende Athemzüge hoben noch mechanisch die Brust, die Aerzte nickten sich in traurigem Einverständniß zu, während sie die Wunde untersuchten.

„Er hat’s nicht anders gewollt,“ sagte Egon, als fühle er das Bedürfniß, sich zu rechtfertigen. Feldheim aber warf sich in wildem Schmerz neben den Freiherrn zur Erde und brach in Thränen aus wie ein Kind.

„Kommen Sie,“ sagten die Aerzte, „wir müssen ihn vor allen Dingen nach Hause schaffen, helfen Sie uns.“

Sie trugen den Sterbenden in die Droschke des Arztes. Sie thaten während der langsamen Fahrt alles, was zu thun war. Aber die Kugel war unter dem rechten Arm eingedrungen und durch die Lunge gegangen. Noch bevor das Haus erreicht war, hatte der Greis ausgeathmet und sie hoben eine Leiche aus dem Wagen.

„Still, – nur still,“ gebot der Candidat, „leise auftreten, daß Alfred nichts hört.“

Im Hause war Alles ruhig, es war halb sechs Uhr und die Leute hatten noch nicht ihr Tagewerk begonnen. So stieg der kleine traurige Zug unbemerkt die Treppe hinan bis zu Adelheid’s Zimmer. Der Candidat, der voranging und keinen Arm frei hatte, pochte mit dem Ellbogen an. Es war ein seltsames unheimliches Pochen. Adelheid hatte die ganze Nacht gewacht und geweint und war endlich gegen Morgen angekleidet in einen unruhigen Schlummer gesunken. Da dröhnte das dumpfe Klopfen an ihr Ohr und sie fuhr erschrocken auf. „Was ist’s?“ rief sie und ging nach der Thür.

„Gnädige Frau,“ rief der Candidat, „öffnen Sie so schnell als möglich – Ihr Gemahl –“

Er vollendete nicht. Adelheid drehte mit fliegenden Händen den Schlüssel um – ihr Mann kam zu ihr, nun konnte noch Alles gut werden, sie wollte sich ihm zu Füßen werfen, ihn um Verzeihung bitten, denn sie sehnte sich danach, das schwergekränkte Herz des Gatten zu versöhnen.

Die Thür war offen. Sie trugen ihn schweigend herein. Adelheid fuhr zurück und taumelte mit einem Schrei an die Wand. So kam ihr Gatte zu ihr?!

„Allmächtiger – was ist da geschehen?“

Die Herren legten die Leiche auf das Bett.

„Herr Graf Schorn hat Ihren Gemahl im Duell getödtet!“ sagte der Candidat mit grausamer Klarheit und Kürze.

„Jesus, erbarme Dich meiner!“ kreischte das unglückliche Weib und brach in die Kniee; „das hab’ ich nicht gewollt, das nicht!“

Der Candidat winkte den Herren, sie zogen sich mit ihm zurück und ließen Adelheid bei der Leiche allein: „Gott, mein Gott,“ wimmerte sie in ihrer Todesnoth, „nicht auf mich komme dieses Blut, nicht auf mich! Salten, höre mich, sieh mich an! sage, daß Du mir verzeihst. Ich will ja gut machen, was ich gefehlt, will Dich ja glücklich machen für den Rest Deiner Tage! Ist denn Gott so grausam? Soll ich denn nicht nachholen dürfen, was ich versäumt, soll ich nicht sühnen dürfen, was ich verbrochen, muß ich die Reue durch mein ganzes Leben schleppen ohne Erlösung? Weh’ mir! Dein Mund kann sich nicht mehr aufthun, das Wort der Vergebung zu sprechen – ach, und kein anderer kann es für Dich. Ich bin verdammt auf ewig! O Salten, Gatte, Vater meines Kindes – gütiger, beklagenswerther Mann, jetzt, wo ich abbezahlen will all die Liebe, die ich Dir so lange schuldig bin, jetzt gehst Du dahin und lässest mich zurück mit der [259] großen, nie zu tilgenden Schuld!“ Sie warf das thränenüberströmte Gesicht auf die kalte Leichenhand und küßte sie wieder und wieder und wartete auf eine Antwort, als müßte der Todte noch einmal die Lippen öffnen, um sich ihrer Reue zu erbarmen. Aber er sprach nicht. Still lag er da, so schrecklich still! Auf seiner Stirn die Majestät des Todes, um seine Lippen das erstarrte Lächeln, mit dem er gestorben, der letzte Dienst, den die Muskel vielleicht der entfliehenden Seele gethan.

Ihr graute, und dennoch war es so schön, so erhaben anzuschauen, das greise, geduldige Haupt, das sich um ihretwillen im Tode geneigt. Und sie faltete die Hände und betete aus ihrer tiefsten zerknirschten Seele heraus!

Da hörte sie plötzlich einen wiegenden Schritt die Treppe heraufkommen, sie kannte diesen Schritt. Mit Entsetzen sprang sie auf, flog nach der Thür und verriegelte sie, als drohe ihr von draußen eine Gefahr, dann wankte sie wieder zu der Leiche zurück und barg das Gesicht in den Falten des Betttuchs. Es klopfte. Adelheid rührte sich nicht. Es wurde versucht zu öffnen, vergebens.

„Adelheid,“ rief Egon, „bist Du nicht da?“

Keine Antwort.

„Adelheid, hörst Du mich nicht? Wach’ auf, ich komme, Abschied zu nehmen!“

Alles blieb stumm.

„Ist es denn möglich, daß Du mich so fortlässest? Ich gehe, Adelheid; willst Du mir kein Lebewohl gönnen?“

Er wartete einige Minuten.

„Adelheid,“ rief er, „wenn Du mich jetzt von Deiner Schwelle weisest, weisen kannst, dann sind wir getrennt auf ewig!“

Auch diese Drohung nützte nichts, Adelheid war wie an die Leiche gekettet, ihr war als müßte der Todte ihre Buße sehen, sie heftete den Blick auf ihn und wankte nicht.

„Adelheid,“ rief Egon, „hier liege ich auf den Knieen und netze mit Thränen Deine Schwelle, überliefere mich nicht der Verzweiflung; wenn ich von hinnen muß, ohne Dich noch einmal zu umarmen, so werde ich wahnsinnig.“

Da sprang Adelheid empor und öffnete die Thür. Egon lag auf den Knieen, das schöne bleiche Weib, von den wallenden Locken wie von einer Glorie umgeben, erschien ihm wie ein überirdisches Wesen.

„Egon,“ sagte sie mit wahrer Hoheit, „wenn Du glauben kannst, ich vermöchte Dir Angesichts dieser Leiche noch die Hand zu reichen, dann bist Du nicht werth, daß ich Dich je geliebt. Geh’ und rette Dich, unsere Wege sind von heute an getrennt,“ – sie zeigte nach der Leiche. „Hier diese Leiche versperrt mir auf ewig den Pfad an Deiner Seite, ich kann nicht über sie hinwegschreiten, sie ist der Grenzstein, auf dem mit blutiger Schrift verzeichnet steht, daß ich irre ging, so lange ich mit Dir wandelte!“

Egon sprang auf und wollte Adelheid’s Hände ergreifen, doch sie entzog sie ihm.

„Ich ehre und schone Deinen Schmerz,“ sprach er, „ich könnte mich vertheidigen, könnte sagen, daß Du kein Recht hast, zu verdammen, wozu allein die Liebe zu Dir mich gebracht! Doch ich will die Schuld nicht feige von mir abwälzen. Das Eine schwöre ich Dir, ich werde kein Mittel unversucht lassen, Dein Herz mir wieder zu gewinnen; schlägt aber Alles fehl, so war das Gefühl, das Du mir weihtest, keine Liebe, so hast Du mein Lebensglück einer elenden Koketterie geopfert – und dann, Circe, hüte Dich vor der Rache eines zum Aeußersten getriebenen Mannes!“

Adelheid vehüllte mit Entsetzen vor dieser Anklage das Gesicht und lehnte halb ohnmächtig die Stirn an den Thürpfosten. Ehe sie es ahnte, hatte Egon sie umschlungen, mit wildem Ungestüm preßte er das sich sträubende Weib an die Brust und drückte einen brennenden Kuß auf ihren Hals. „Auf Wiedersehen, meine Adelheid!“ rief er und eilte die Treppe hinab. Als er in sein Zimmer trat, fand er Victor.

„Vetter,“ sagte dieser, „Du willst abreisen ohne mich?“

„Ja, mein Kind, in einer Stunde muß ich auf der Bahn sein, sonst komme ich nicht mehr fort. Du reisest mir morgen nach und bringst mein Gepäck mit. Ich kann heute nur eine Handtasche brauchen. Du wirst Alles besorgen, nicht wahr?“

„Onkel,“ sagte Victor, „was bedeutet denn die ganze Heimlichthuerei und das Gewinsel im Hause? Hast Du Dich mit Jemandem geschlagen?“

„Ja, Victor, ich hoffe, Du schweigst?“

„Auf Fähnrichsparole!“

„Ich hatte das Unglück, Herrn von Salten zu erschießen!“

„Herr Gott, Sapperment!“ schrie Victor aufrichtig erschrocken, „das nenn’ ich Pech!“ Er schüttelte den Kopf. „Der arme alte Herr! Wirklich, er thut mir leid! Aber weshalb gingt Ihr denn los? Etwa wegen der gnädigen –“

„Schweig’, Bursche!“ befahl Egon, sich in Hast zur Reise rüstend.

Victor legte die Hand an die Mütze. „Nichts für ungut, lieber Vetter!“ sagte er erschrocken und ging hinaus.

Egon war indessen mit seinen Vorbereitungen fertig geworden. Er athmete auf, als er die Schwelle überschritt. Es war noch früh, kaum sieben Uhr, er konnte unbehelligt abreisen. Als er unter die Hausthür trat, war es ihm doch, als müßte er dem Freiherrn noch Adieu sagen und ihm danken für seine Gastfreundschaft. Aber der Wirth, der ihn so lange beherbergt, lag da oben getödtet von der Hand des Gastes. Egon überlief ein heimlicher Schauer, doch er raffte sich auf: „Er hat’s ja nicht anders gewollt!“ beruhigte er sich wieder. Morgen hoffte er in M*** zu sein, und dann war die ganze furchtbare Katastrophe ein wüster Traum, der die Seele eine Zeit lang bedrückt, aber ohne Folgen vorübergeht.

Flüchtigen Fußes eilte er durch den Garten. Er wollte zu Land nach Zürich und wandte sich nach der Rückseite des Guts, der „Enge“ zu. Der dichte Nebel, dem die Sonne auf’s Neue gewichen war, begünstigte seine Flucht. Weit und breit war Alles menschenleer und verschleiert.

Da schien es ihm plötzlich, als fänden seine Schritte ein Echo, er hörte sie doppelt. Er stand still, das Echo dauerte fort, es verstärkte sich. Er sah sich um, aber das Auge blieb hinter dem Ohr zurück, es konnte den Nebel nicht durchdringen. Er ging rasch weiter. Aber die Schritte hinter ihm kamen immer näher, jetzt wußte er, daß man ihn verfolge. Er dachte daran, sich zu verbergen, doch er befand sich in einer schmalen Allee von Rosenbäumen, da gab es kein Versteck. Jetzt erkannte er auch den Verfolger, es war der Candidat. In wenigen Augenblicken hatte dieser ihn erreicht. „Halt!“ rief er und faßte den Grafen am Arm, „bleiben Sie!“

Egon blieb stehen wie eingewurzelt. Der Candidat war in diesem Augenblick sein verkörpertes Schicksal, ihm konnte er nicht entfliehen. Feldheim hielt die Pistolen des Freiherrn in der Hand, er war außer Athem von dem raschen Lauf, es schien als seien alle Dämme der Selbstbeherrschung niedergerissen und in vollen Strömen überfluthete ihn Wuth und Haß.

Er wollte Egon eine der Pistolen. aufdrängen und sprach mit zusammengebissenen Zähnen: „Vertheidigen Sie sich!“

„Was soll das?“ rief der Graf, die Waffe zurückweisend.

„Sie fragen? Konnten Sie glauben, ich ließe Sie ungestraft von dannen ziehen? ich ließe den Mord am Besten, Reinsten von uns Allen geschehen, ohne ihn zu rächen? Seit Wochen ertrug ich Unmenschliches mit unmenschlicher Geduld, Beleidigung häufte sich auf Beleidigung, Groll auf Groll und ich – schwieg! Ich habe ihn hinuntergewürgt den immer wachsenden Haß, lange – zu lange. Aber Alles hat seine Grenzen – jetzt ist meine Langmuth am Ende. Sie haben das Weib verführt, das ich anbetete; den Mann getödtet, der mir ein Vater war – Bube, niederträchtiger Bube, – der das Heiligste geschändet zum Zeitvertreib, – ich fordere Genugthuung im Namen des gemordeten, seines hülflosen Sohnes – und meiner eigenen Schmerzen!“

Egon erbleichte, er trat einen Schritt zurück vor der furchtbaren Erscheinung; solch einem Feind hatte er noch nie in’s Auge geblickt.

„Hören Sie mich“ – sprach er mit entfärbten Lippen, „ich will Ihnen jede Satisfaction geben, aber in redlichem Zweikampf, nicht jetzt, nicht hier ohne Secundanten, – ohne Arzt! Sich so nahe dem Hause und unter solchen Umständen zu schießen, hieße sich als Mörder den Gerichten überliefern, und die Lage des Ueberlebenden wäre noch schlimmer als der Tod! Haben Sie Einsicht. Meine Zukunft und Adelheid’s Ruf hängt daran, daß ich ohne Aufsehen fortkomme, Sie werden mich entfliehen lassen – wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, mich Ihnen in M*** zu stellen, sobald Sie mich aufsuchen!“

„Was?“ rief der Candidat. „Nur dem Greis gegenüber [260] hatten Sie Muth, Männern gegenüber sind Sie eine Memme, rufen nach Secundanten und Aerzten und wollen mich mit Versprechungen trösten? Ich soll an das Ehrenwort eines Menschen glauben, der gehandelt hat wie ein Ehrloser? Wahrlich, mein Herr Graf, Sie müssen nie gefühlt haben, was Wuth ist, um für solche Vorstellungen Erhörung zu hoffen, um zu glauben, ich könnte den unschuldigen Greis sterben gesehen haben von Ihrer Hand, ohne zum Tiger zu werden, der nicht Ruhe findet, als bis er sich in Ihrem Blute gesättigt hat!“ Er drückte ihm die Pistole in die Hand. „Vertheidigen Sie sich, sag’ ich – oder ich schieße Sie nieder wie einen Hund!“

„Nein und nochmals nein,“ rief Egon. „Genug des Verbrechens und des Blutes – thun Sie, was Sie wollen und dürfen, ich schieße nicht!“ Er schleuderte die Pistole weit von sich. „Hier, sinnloser Mann, ist meine Brust, ich bin wehrlos – nun zielen Sie, wenn Sie den Muth dazu haben!“

„Feigling!“ rief der Candidat und warf seine Pistole gleichfalls weg. „Nein, Sie sind es nicht werth, daß ich für Sie zum Mörder werde, nur beschimpfen will ich Sie, ehrlos will ich Sie machen für’s ganze Leben!“

Und er faßte mit eisernem Griff den Grafen um den Leib. Ein stummes Ringen entstand. Wie Krallen gruben sich die Finger des Candidaten in die Weichen des Grafen ein. Die schlanke Gestalt bog sich in der furchtbaren Umarmung wie geglühter Stahl zwischen Hammer und Amboß. Schwer fiel die Faust des Grafen auf den Angreifer nieder, aber sie prallte machtlos an dem harten Schädel ab und steigerte nur die Wuth des Getroffenen. Herüber und hinüber bogen sich die Kämpfenden, noch schwankte der Sieg. Da gelang es dem Grafen, in einer glücklichen Wendung ein Messer aus der Tasche zu ziehen, mit den Zähnen öffnete er es und stieß es dem Candidaten von oben herab in die Schulter, daß die Klinge zerbrach. Wie ein verwundeter Tiger im Schmerz die höchste Kraft entfaltet, hob Feldheim jetzt mit einem Ruck den Gegner vom Boden auf; dieser griff nach einem Halt und erfaßte einen Rosenbaum, der ihm zunächst stand, die Lunge war ihm zusammengepreßt, ein dumpfes Stöhnen entrang sich seinen Lippen, in der Angst des Erstickens klammerte er sich an den Stamm, um den verlorenen Boden unter den Füßen zu ersetzen. Da gab das junge Holz krachend nach, ein wuchtiger Fall und der Graf lag unter dem gebrochenen Wipfel, den seine Hand nicht lassen wollte, begraben. Der Candidat kniete auf seiner Brust, überströmt von Blut und den Rosenblättern, die das geknickte Bäumchen im Sturz über ihn ausgeschüttet. Er riß einen Zweig davon ab, einen zähen Dornenzweig, und mit dieser furchtbaren Ruthe hieb er drei Mal dem Grafen über das Gesicht, daß es durch die Luft sauste, und mit jedem Streich sprach er: „Dies dem Frauenverführer, dies dem Schänder des Hausrechts und dies dem Mörder seines Gastfreundes.“

Dann erhob er sich, faßte den Halbohnmächtigen beim Genick und riß ihn in die Höhe, dieser taumelte, er stützte ihn. Egon hatte ein blutiges Kreuz über das ganze Gesicht, er konnte nicht sprechen, ihm war übel, das Blut rieselte ihm von Stirn und Wangen herab. Er lehnte fast bewußtlos an der Schulter des Gegners. Einige Minuten vergingen, der Candidat wartete geduldig, bis jener sich erholt hatte, dann sprach er mit seiner alten Fassung: „So, Herr Graf, nun können Sie gehen, wir sind fertig mit einander!“

„Das werden Sie mir mit Ihrem Leben bezahlen!“ stöhnte der Graf.

Der Candidat zuckte verächtlich mit den Achseln und ließ ihn stehen.

Der Graf wischte sich das Blut ab. Er mußte fort um jeden Preis. Aber konnte er sich mit diesen Wunden zeigen? Er war entstellt für lange – vielleicht für immer, denn die Haut hing in Fetzen herab, das gab Narben. Und es waren keine Narben, die dem Johanniter zum Schmucke dienten, sie waren das Merkmal einer unauslöschlichen Schmach. – Ein Zittern überlief den Körper Egon’s, er fühlte ein Gericht Gottes in dem, was der Candidat ihm gethan! Wankenden Schrittes ging er weiter und schob mit dem Fuße den gefällten Wipfel zur Seite, der ihm den Weg versperrte. Er hatte ein Gefühl, als sei es sein eigener Stammbaum, dem er die Krone abgebrochen.

[287]
20. Die Losung.

Ein langer banger Tag war über das Haus der Salten hingezogen. Es war Feldheim gelungen, Alfred in Unwissenheit über den Tod seines Vaters zu erhalten; doch von Stunde zu Stunde wuchs seine Unruhe, und je länger er ausblieb, desto mißtrauischer wurde er selbst gegen seinen Lehrer. Er war auf dessen Wunsch zu Bett geblieben und hatte fest gehofft, daß sein Vater, der angeblich nach Zürich gefahren war, wiederkäme; doch als es Abend wurde und der Erwartete noch immer ausblieb, da bemächtigte sich seiner eine unsägliche Angst. Er schärfte sein Gehör und lauschte auf jedes Geräusch – und er vernahm gar seltsame Dinge. Immer war es ihm, als höre er über sich schluchzen, Thüren auf- und zumachen, gehen und kommen. Die Tanten waren auch den ganzen Tag nicht bei ihm gewesen – der Candidat hatte es ihm zwar damit erklärt, daß sie ihm zürnten wegen seines Benehmens gegen seine Mutter, aber es war doch Alles so sonderbar! – Die Letztere hatte drei Mal bei ihm Einlaß begehrt, er hatte es geweigert und ward dabei von Feldheim unterstützt. Jetzt wünschte er, daß seine Mutter käme, weil er hoffte, von ihr zu erfahren, was ihm Feldheim verschwieg. Immer dunkler ward es und immer lauter schlug Alfred’s Herz. Er hätte aufschreien mögen nach seinem Vater, aber er schwieg, denn er fühlte, daß nichts den Lehrer vermöchte, die bleichen Lippen zu öffnen.

Da ertönten schwere dumpfe Tritte im Hausgange. Der Knabe horchte. Feldheim ward unruhig und fing gegen seine Gewohnheit laut zu sprechen an; Alfred fühlte, daß er das Geräusch von draußen übertönen wollte, und lauschte um so schärfer. Man schien etwas zu bringen; es waren die gleichmäßigen schwerfälligen Schritte von Leuten, die zusammen einen Gegenstand trugen. Es mußte ein großer ungefügiger Gegenstand sein, denn sie stießen mehrmals damit an, er hörte es ganz deutlich. Was konnte denn das sein? Jetzt stiegen sie die Treppe hinauf damit – sie schleppten es in seiner Mutter Zimmer und setzten es hart auf den Boden nieder, daß die Decke zitterte. Und jetzt gab es wieder ein Hin- und Hergehen da oben und zwischendurch jenes seltsame Stöhnen und Schluchzen vieler gedämpfter Stimmen, das ihn den ganzen Tag verfolgte. Es war kein Zweifel, da oben geschah etwas Schreckliches!

Alfred ward seiner Angst nicht mehr Meister; ein Entschluß keimte in ihm. Er machte die Augen zu und stellte sich schlafend.

Da klopfte es an die Thür, die nach des Freiherrn Zimmer führte, Feldheim ging rasch nachzusehen, es war Adelheid. „Herr Feldheim,“ flüsterte sie, „der Sarg ist gekommen, ich habe die Leiche mit diesen meinen Händen hineinlegen helfen, ich habe gelitten und gebüßt, wie ein Mensch büßen kann – lassen Sie mich aber jetzt zu meinem Kinde!“

Feldheim schob sie sanft zurück und trat zu ihr hinaus, die Thür leise nach sich ziehend.

„Er schläft, gönnen Sie ihm die Ruhe, wenigstens heute noch.“

„Sie sind grausam!“ flüsterte Adelheid. „Sie allein haben Einfluß auf meinen Sohn, Sie allein können ihn mir wiedergeben und Sie thun es nicht – das ist nicht im Sinne des Todten gehandelt, denn die Zeilen, welche Sie mir von ihm übergaben, athmen Milde und Barmherzigkeit. O, er hat mich gekannt – er wußte, daß ich von nun an das beklagenswertheste Geschöpf sein werde, und ihn jammerte meine Reue – er konnte mir verzeihen – und Sie können es nicht – Sie –!“ Adelheid hielt inne und schlug sich mit der kleinen Hand vor die Stirn.

Feldheim schüttelte das Haupt und schwieg.

„Aber Sie sollen mir noch Gerechtigkeit widerfahren lassen – Sie sollen und werden!“ fuhr Adelheid immer leidenschaftlicher fort. „Sie haben kein Recht zu der mitleidigen Verachtung, mit der Sie so stolz auf mich niedersehen, denn Sie hätten mich retten können, wenn Sie gewollt – und Sie ließen mich fallen!“

Feldheim zuckte zusammen.

„Ja, hören Sie es nur, ich spreche mit Ihnen wie ein abgeschiedener Geist mit dem andern, Sie werden mir glauben, daß nach all’ dem Gräßlichen, was heute über mich hereinbrach, kein irdischer Wunsch mehr meine Seele belastet. Die Hand des Herrn hat mich erfaßt und abgestreift, was sündhaft an mir war. Ich habe mich selbst erkannt und habe all’ mein Thun verworfen. Eines nur, Eines war in mir, was ich nicht verwerfen kann – mögen Sie es nun glauben oder nicht – Eines, was wahr und heilig war, Eines, um dessen willen ich – wie stolz es auch klinge, Vergebung hoffe von Gott – die Liebe zu Ihnen!“

Feldheim trat einen Schritt zurück. Sie fuhr fort: „Daß ich mit dieser Liebe im Herzen irren konnte, das ist das Nichtswürdigste – ich weiß es wohl – und giebt mich doppelter Verachtung preis. Ich kann es nicht versuchen mich zu entschuldigen, Sie können es nicht verzeihen, und dennoch – Gott, der in mein Herz sah, in dies arme, schwache, liebebedürftige Herz – Gott weiß es, wie ich Sie geliebt!“

Sie stürzte vor ihm nieder und bog die erglühende Stirn zur Erde. Feldheim verhüllte das Gesicht.

„O, ich bin ein schwächlich Weib, ich fürchte den Schmerz, ich habe keinen Muth, keine Geduld ihn zu ertragen – und der Schmerz um Sie zerriß mein Herz – ich wollte ihn betäuben! – Ich bin ein eitles Weib – ich konnte es nicht ertragen verschmäht zu sein – ich wollte mich in’s Geheim an Ihnen rächen. Ich hoffte Sie vergessen zu können, ach! und was ich begann, war umsonst. Ich wollte Feuer mit Oel löschen – und verbrannte uns Alle!“

„Gnädige Frau, ich bitte Sie,“ rief Feldheim erschüttert, „wozu das Alles?“

„O, lassen Sie mich!“ flehte das schöne Weib. „Was will ich denn? Ich will ja nichts als Buße, nichts als Vergebung. Ihre Kniee will ich umklammern, Ihre Hände küssen, bis Sie mir verziehen haben, und dann sterben!“

Da bog sich Feldheim herab und hob die zuckende weiche Gestalt auf in seinen starken Armen und nahm sie an sein Herz. Es war ein unbeschreiblicher Augenblick, wo die Rinde um dieses große Mannesherz schmolz und die Wogen machtvoll dahin strömten. „Weib,“ flüsterte er; „unseliges Weib, solch eine Größe wohnt in Dir und dennoch konntest Du so klein sein! O, hätte ich Dich früher erkannt, Alles wäre besser. Denn auch ich, auch ich habe gefehlt!“ Sie sah ihn fragend an, er neigte seine Lippen ihrem Ohr und flüsterte ihr leise zu. Seine Rede quoll ihm aus der Seele, wie der Lavastrom in’s Thal hernieder fließt: „Ich habe gefehlt, denn ich habe Dich geliebt und begehrt und habe Dich von mir [288] gestoßen aus Feigheit, weil ich die Kraft nicht in mir fühlte Dir zu widerstehen, sobald Du mir nahe trätest. Ich war nicht stark, nur hart; die Stärke ist milde, die Schwäche verbirgt sich in der Härte wie im einem Panzer. Ich habe Dich beleidigt, wie nie ein Weib beleidigt ward, um Dich von mir zu verjagen und mir die Versuchung zu ersparen, der ich nicht gewachsen war! Du aber, Du verstandest mich nicht, und in die mir geöffneten Arme sank – ein Anderer! Hätte ich diese offenen Arme, statt sie von mir zu stoßen – nicht um meinen Hals geschlungen – aber liebevoll gehalten – wie man einem Kinde, das in’s Feuer greifen will, die Hände hält, keinem Andern, das weiß ich jetzt, hätten sie sich ferner aufgethan. Das war meine große Schuld.“

„O mein Gott!“ stöhnte Adelheid und netzte mit ihren Thränen die Brust, an der sie lehnte, und ihre Lippen drückten einen leisen Kuß darauf, kaum fühlbar und doch sengend bis in’s Herz hinein.

„Sieh,“ fuhr Feldheim fort, „jetzt bin ich wahr, denn keine Pflicht bindet mir mehr die Zunge – Du bist frei – und wenn der Verklärte auf uns niederblickt und Abgeschiedene noch weinen können, so wird er uns beweinen wie wir ihn, denn wir sind namenlos elend!“

„Namenlos!“ wiederholte Adelheid fast zusammenbrechend.

Er hielt sie aufrecht in seinen Armen. „Ja,“ sprach er, „ich habe nach Dir gedürstet mit allen Kräften meiner Mannesseele. Ich habe meine ganze Laufbahn zum Opfer gebracht, um in Deiner Nähe zu leben und Dein Kind zu erziehen, und ich forderte doch keinen andern Lohn als Deinen süßen Anblick! Nun sage, wer hat Dich mehr geliebt – er oder ich?“

Sie klammerte sich an ihn und vermochte nicht zu antworten.

„O Helione, Helione – Du bist herabgestürzt aus Deiner Höhe, ich aber will bei Dir aushalten und Dich aufrichten, arme Zerschmetterte, denn – warum soll ich es nicht sagen? – wir können uns einander nach Dem, was geschehen, nicht mehr angehören; ich aber kann nicht aufhören Dich zu lieben. Nie, nie wird ein anderes Weib an dieser Brust ruhen, die meine untergehende Sonne geküßt. Und nie werden diese Lippen mehr einen andern Mund berühren, die jetzt den ersten und letzten Kuß auf die Stirn drücken.“

Er bog sich zu ihr nieder, und ihr war, als müsse dieser Kuß auf ihrer Stirn wie eine Oriflamme emporlodern.

„Tödte mich!“ sagte sie mit bebender Stimme, „tödte mich! Wie kann ich leben nach dem Ende dieses Augenblicks?“

„O dürft’ ich Dich tödten und mich mit Dir!“ seufzte Feldheim auf, und sein nerviger Arm preßte die süße Gestalt mit der ganzen Macht seines Schmerzes an sich – der Athem verging ihr und sie glaubte – sie hoffte – zu ersticken. Regungslos, lautlos hielt sie aus in der tödtlichen Umarmung, denn solch ein Ende war ja Seligkeit.

Da ertönte ein Schrei von oben herab, ein Weheschrei, als hätte der Schmerz in den beiden stummen Herzen wider ihren Willen Gestalt gewonnen und irre nun losgelöst als Klageruf durch das stille Trauerhaus, und sie sahen sich entsetzt an: „Was war das?“

Noch einmal wiederholte sich der schreckliche Ton. „Das ist Alfred!“ Mit Gedankenschnelle flogen die Beiden die Treppe hinan, die Thür zu Adelheid’s Zimmer war offen – Alfred lag neben dem offenen Sarg am Boden. Die Schwestern standen rathlos dabei. Noch einen Schrei stieß er aus, als seine Mutter ihm nahte, in dem sich Abscheu und Schmerz vereinigten, dann streckte er sich und blieb mit erstarrten Gliedern liegen wie ein Todter.

„Das ist Ihr Werk, Herr Candidat,“ rief Wika „Sie haben den Knaben schlecht genug gehütet, wenn er Zeit fand, sich hier herauf zu schleichen!“

Feldheim hörte nicht auf diese Worte. Er bog sich nieder und hob das Kind mit zitternden Händen behutsam auf, als sei es von einem Thurm herabgestürzt und jedes Glied an ihm zerschlagen. Und es war ja auch zerschlagen, das Leben, das er so treu gepflegt; die Frucht jahrelanger Mühe und Geduld vielleicht mit Eins vernichtet! Still trug er den Knaben hinab und legte ihn in das noch warme Bett.

Adelheid war ihm schüchtern gefolgt. „Das ist meine Schuld,“ sagte sie.

„Nein, die meine!“ sprach Feldheim, und seine dunkeln Augen ruhten mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf Adelheid. Sie kniete bei dem Sohne nieder und rieb ihm Schläfen und Hände. Feldheim ließ sie gewähren und stand am Fußende des Lagers.

Alfred schlug die Augen auf und zuckte zusammen, als er seine Mutter sah. „O, warum weckt Ihr mich!“ schrie er. „Laß mich, Mutter, laß mich! O Vater, Vater, mein lieber Vater!“

„Alfred!“ flehte Adelheid, „Alfred, sei barmherzig gegen Deine Mutter! Feldheim, sprechen Sie für mich!“

Feldheim zog den Brief des Freiherrn an seinen Sohn aus der Brust. „Hier mag ein Höherer reden, lies das, mein Alfred, es ist Deines Vaters Abschiedswort.“

Lange Zeit verging, ehe der Knabe etwas Anderes zu thun vermochte als laut zu weinen und den Brief, auf dem des Vaters Hand geruht, zu herzen und zu küssen.

„Lesen Sie ihn mir vor,“ bat er endlich, „ich sehe nichts!“

Feldheim hatte Licht angezündet und las mit gebrochener Stimme und schwimmenden Augen das heilige Vermächtniß. Sohn und Mutter lauschten mit gefalteten Händen und ihre Herzen flossen über in dem warmen Hauch der Versöhnung, der dem Briefe entströmte.

Alfred hatte die Hand seines Lehrers gefaßt und die Stirn daran gelehnt; so lange er diese Hand hielt, war er geborgen in all seinem Jammer. „An seinem starken Herzen wirst Du Trost finden für den ersten großen Schmerz, der über Dich kommt, armer Verlassener.“ Ja, Alfred fühlte es in der tiefsten Seele, der Todte hatte Recht.

Feldheim las weiter; als er zu der Stelle kam: „Steh’ ihr bei, denn die Reue wird über sie kommen und sie wird nichts haben als Dich!“ da brach Adelheid zusammen. Sie hatte zu viel erlebt und gelitten, ihre Sinne schwanden.

„Adelheid!“ rief Feldheim Alles vergessend und kniete bei der bleichen Frau nieder, ihre sinkende Gestalt zu stützen. „Adelheid! Fassung, Muth!“ flehte er außer sich und strich ihr die Locken aus dem schönen todtenähnlichen Gesicht.

Da klopfte es an die Thür und gleichzeitig ward sie auch geöffnet. Ein Polizeibeamter trat mit zwei „Landjägern“ herein.

„Herr Candidat Feldheim?“

„Der bin ich!“

„Ich habe hier einen Verhaftsbefehl für Sie.“

„Für mich?“ fragte Feldheim betroffen und noch immer die leblose Adelheid in den Armen haltend. „Wessen klagt man mich an?“

„Graf Schorn ist auf seiner Flucht verhaftet worden. Er beschuldigt Sie der Urheberschaft eines Duells und eines Mordversuchs gegen ihn selbst.“

„Ich verstehe,“ sagte Feldheim mit seiner alten Fassung und Würde. „Ich bin bereit, Ihnen zu folgen!“ Er erhob sich und trug Adelheid sanft in das Nebenzimmer auf ein Sopha. „Grüß Deine Mutter von mir, wenn sie erwacht,“ sagte er zurückkehrend zu Alfred und küßte den Knaben. Dieser hatte dem ganzen Vorgange athemlos gelauscht. Jetzt brach sich das Entsetzen erst Bahn über die bleichen Lippen und er klammerte sich in Todesangst an den Lehrer.

„Herr Feldheim, Sie sind unschuldig, Sie haben keinen Mord begangen – lassen Sie sich nicht so fortschleppen wie einen Verbrecher …“

„Ich muß mich dem Gesetz fügen, mein Kind, fasse Dich und trage das Unabänderliche. Laß mich gehen, ehe Deine arme Mutter wieder zu sich kommt, und tröste sie – hörst Du, tröste sie, so gut Du kannst. Ich hoffe, bald wiederzukehren. Lebe wohl!“

„O, ist es denn möglich, daß ich das Alles überleben kann – erst den Vater verloren und nun auch Sie?“ schluchzte Alfred und rang die zitternden Hände. „Lieber Gott, lieber Gott, wie soll ich’s denn überstehen all das Elend, ich armes schwaches Ding, wenn ich auch Sie nicht mehr habe?“

„Du sollst und wirst es überstehen, denn Gott will, daß Du ein Mann werdest aus eigener Kraft – daran denke!“

Der Candidat hatte mit den Häschern das Zimmer verlassen. Alfred war jetzt ganz allein. Wie flüssiges Erz ergoß sich das Wort des Lehrers durch seine wunde Seele, wurde darin hart und stählte sie. Unaufhörlich tönte es in ihm nach wie eine Losung: „Aus eigener Kraft!“

[321]
21. Goldene Schlüssel.

Es waren furchtbare Wochen, die nun über das verödete Haus der Salten hinzogen, dessen geheime Schande durch den Proceß des Grafen und des Candidaten unbarmherzig an die Oeffentlichkeit gezogen wurde. Adelheid’s Ehre war vernichtet. Die Schwestern Bella und Wika sagten sich los von ihr und zogen sich mit dem kleinen Legat, das ihnen der Freiherr vermacht, auf die jetzt Alfred gehörigen Güter zurück. Nur Lilly, die gute Kleine, wollte sich nicht von Alfred trennen und theilte ihrer Schwägerin Unglück und Schmach.

Die Voruntersuchung gegen Egon und Feldheim war beendet. Die Anklagecommission hatte Beide vor das Schwurgericht verwiesen, Egon wegen Tödtung im Zweikampf, Feldheim wegen Beihülfe zu demselben und an Egon verübter Gewaltthätigkeit. Von der schweren Beschuldigung des Mordversuchs hatte sich Feldheim, dessen Wunde im Gefängniß rasch geheilt war, glänzend gereinigt. Daß er auch jener Vergehen von den Geschworenen nicht schuldig befunden würde, darüber war in Zürich nur eine Stimme.

Unvergleichlich schlimmer war Egon’s Lage. Die Züricher Gesetzgebung ahndet die Tödtung im Duell wie einen Todtschlag, und er erfuhr, daß ihn möglicherweise eine langjährige Zuchthausstrafe treffen könne. Er war dem Wahnsinn nahe. Ein Mensch, wie er, auf den Höhen der Gesellschaft geboren und erzogen, verurtheilt, wie ein gemeiner Verbrecher sein Leben unter dem Abschaume der Menschheit hinzuschleppen, – es war ein Gedanke, zu furchtbar für das arme schwache Gehirn des feigen, haltlosen Menschen, der nicht einmal den Muth hatte, sich die eigene Schuld zuzugestehen und das Ganze als eine unerbittliche Consequenz des Schicksals zu betrachten. Der Ruf seiner Fassungslosigkeit verbreitete sich durch ganz Zürich, und Doctor Schäfer erzählte Adelheid, daß man ernstlich für seine Gesundheit fürchte. Was sie dabei empfand, wußte Niemand. Aber am Abend desselben Tages, als es zu dunkeln begann, schlich sie sich ganz allein aus dem Hause und schlug den Weg nach Zürich ein. Sie ging nach einer der abgelegensten Gassen der Stadt. Vor einem hohen, fast überhängenden Giebelhause blieb sie stehen. Hier wohnte ein berühmter Juwelenhändler, der sogenannte Bernsteinjude, von dem sie oft gehört, und ein wurmstichiges Schild über einer niedrigen Thür trug die Inschrift: „Aaron Itzel, Niederlage von Bernsteinwaaren, An- und Verkauf von Pretiosen, Gold und Juwelen aller Art, Diamantschleiferei etc.“ Es war schon die Stunde, wo die Magazine geschlossen werden, und ein Lagerjunge hatte bereits die eisernen Stangen vor die Fensterladen gelegt, nur die Thür war noch offen. Adelheid trat rasch ein.

„Sie wünschen?“ fragte ein verdrossener, abgestandener Commis, der sich nach seinem Abendtrunk sehnte. „Wir sind eben am Schließen.“

„Das sehe ich!“ sagte Adelheid. „Ich habe mit dem Herrn des Geschäfts zu sprechen; wollen Sie ihn gefälligst rufen?“

Der Commis ging rückwärts, die Blicke wachsam auf Adelheid gerichtet, nach dem Bureau und rief hinein: „Herr Itzel, es ist noch ein Frauenzimmer da, das mit Ihnen sprechen will.“

Herr Itzel kam befremdet heraus und faßte die sonderbare Kundin, die keine andere Zeit zu ihren Einkäufen hatte wählen können als die des Zwielichts, scharf in’s Auge. Doch selbst durch den dichten schwarzen Crèpeschleier erkannte er sogleich die wegen ihrer Schönheit und ihrer rothen Haare in ganz Zürich berühmte Frau von Salten. Er war indessen discret genug, sich nichts merken zu lassen.

Adelheid betrachtete ihn mit stillem Entsetzen. Er war ein kleiner alter Mann von auffallend israelitischem Typus und stechenden schwarzen Augen, deren eines an einer Thränenfistel litt, denn es lief beständig. Eine scharfgebogene, von Tabak gebeizte Nase und krauses weißes Haar vollendeten das abschreckende Bild. Adelheid schlug das Herz, als er sie fragte: „Womit kann ich Se dienen?“

Sie wollte zum ersten Male in ihrem Leben nichts kaufen, – sie – Adelheid von Salten – wollte etwas verkaufen! Die Stimme versagte ihr, als sie leise begann: „Wollten Sie nicht die Güte haben, dem jungen Herrn Urlaub zu geben? Er scheint darauf zu warten.“

Herr Itzel war ein feiner Mann; er liebte die Kunden, welche mit ihm allein zu sein wünschten, am meisten und winkte sogleich dem abgestandenen Commis zu gehen. Als sie allein waren, zog Adelheid mit zitternden Händen ein Päckchen aus der Tasche. Sie enthüllte es und ein ledernes Schmucketui kam zum Vorschein.

„Herr Itzel,“ begann sie stockend, „ich habe da einen Schmuck, den ich zu veräußern wünsche, da ich gesonnen bin, die Trauer nie wieder abzulegen, und keines solchen mehr bedarf. Würden Sie geneigt sein, ihn mir abzukaufen?“

„Warum sollt’ ich nicht abkaufen die Waare von so ’ne feine [322] Dame? Schöne Leute – schöne Sachen! Wenn se mer werden machen ’nen Preis, wo kann bezahlen so ’n armer Jubelier wie ich?!“

„Ich überlasse es ganz Ihnen, den Preis zu bestimmen,“ sagte Adelheid und öffnete das Kästchen.

Herr Itzel that einen Blick hinein und schlug die Hände zusammen. „Soll mer Gott helfen! Wollen Se mer führen in de Versuchung, daß Se mich wollen bestimmen lassen ’n Preis? Wollen Se mer stellen auf die Probe, ob ich bin ein ehrlicher Mann?“

„Wenn ich das nicht überzeugt wäre, käme ich nicht zu Ihnen, mein Herr!“

Itzel blinzelte sie schlau an. „Wie heißt überzeugt? Se sind von ’n Juden nie überzeugt, daß er ist ’n ehrlicher Mann, wenn Se nicht wissen, daß ’n seine Ehrlichkeit bringt Gewinn. Nun gut, das können Se denken: aß ich nicht bin gewissenhaft auf ’n Centime, ruinir’ ich mer’s ganze Geschäft.“

Es war mittlerweile Nacht geworden in dem geschlossenen Laden. Herr Itzel zündete die Gasflammen an, nahm den Schmuck heraus, hielt ihn gegen das Licht und ließ die Steine spielen. Es war das Collier, welches Adelheid einst von ihrem Gatten als Brautgeschenk bekommen und bei ihrer Hochzeit getragen hatte. Und als sie es jetzt in dem vollen Lichte schimmern sah, da kam ihr plötzlich die Erinnerung an eine schwüle Sommernacht, wo sie hingerissen von fieberhaften Träumen des Glanzes und Glückes aus dem Halsband ein Diadem gemacht, ihre Schönheit damit zu krönen. Was war aus all’ diesen Träumen geworden? Was geblieben? Ein Wittwenschleier und ein Brandmal der Scham auf der Stirn. Und das Geschmeide, an dem jeder Stein der Krystallpalast eines kleinen verführerischen Kobolds war, der sie mit lüstern glänzenden Blicken daraus anfunkelte – das Geschmeide, das ihren Hals geschmückt, als sie vor dem Altar ihrem Gatten Treue schwur, es lag jetzt in den Händen eines Juden, um – o Gott, wie tief war sie gesunken! Heiße Thränen quollen ihr hervor. Noch einmal blitzte der Schmuck sie an wie mit lauter liebeflammenden Augen, noch einmal flimmerte und glitzerte er in seiner ganzen Pracht, die Lichtstrahlen schossen hin und her wie feurige Fäden, aus denen ihr die rastlosen Kobolde einen neuen Brautschleier weben wollten, – umsonst! Die verweinten Lider schlossen sich schmerzlich vor dem grellen Schein und Adelheid sank todesmüde auf einen Stuhl.

„Die Steinlich sind gut,“ sprach Itzel bedächtig. „Das Gold is auch gut. Was wollen Se haben dervor?“

„Ich weiß ja nicht, was der Schmuck werth ist! Taxiren Sie ihn gefälligst selbst.“

„Nu, sen wollen Se mer den Schmuck bis morgen anvertrauen, damit ich’n kann wägen und Ihnen genau sagen, was ich kann geben dervor?“

„Es kommt mir auf einige hundert Francs mehr oder weniger nicht an, mein Herr,“ bat Adelheid, „wenn wir nur heute noch einig werden könnten, würde ich gerne warten. Ich habe morgen eine große Zahlung zu machen, wozu ich das Geld brauche!“

Herr Itzel sah die Pein Adelheid’s: „Wie Se sind in der Aufregung! Wenn ich nu wär’ ’n Hallunk’, der sich das machte zu Nutzen? Wie? Ne, ne, sein Se ruhig, der Itzel is der Itzel! Wenn Se ’n Augenblick verziehen wollen, so werd’ ich jetzt gleich machen die Probe.“

Er ging zu einem Tischchen, wo allerhand feines Handwerkszeug lag, und fing an die Diamanten auszubrechen. Adelheid fuhr bei dem Geräusch zusammen, sie hatte ein Gefühl, als würden ihr nach der Reihe ihre eigenen Perlenzähne ausgebrochen.

Itzel war mit seiner Arbeit fertig. Er hatte die Steine gewogen, das Gold mit Scheidewasser geätzt und seine Berechnung gemacht. Endlich kam er an den Tisch zurück, die Diamanten wie gesammelte Thautropfen in der hohlen Hand. War es doch auch der Thau einer gebrochenen entblätterten Blüthe. Er schüttete die Brillanten vorsichtig in eine Schachtel und legte das geplünderte Collier dazu vor Adelheid hin. Es starrte sie mit den leeren Höhlen traurig glanzlos an, wie ein augenloses Gesicht. Sie schob es weg und sagte. „Das Gold gebe ich Ihnen drein, wenn Sie mir nur die Steine bezahlen wollen.“

Der Juwelier schnitt ein Gesicht, als sei ihm ein großer Schmerz widerfahren. „Ah, o,“ jammerte er, „’s geht mer dorch und dorch, seh’ ich so verschleudern das liebe Gut! Dreingeben! Giebt mer enen Werth von fünfzig Louisd’ors ‚drein‘? Müßt ich doch sein ’n Schuft, wenn ich’s nähm’ drein! Soll mer Gott helfen, was ’ne leichtsinnige Frau! Wenn Se nicht wären gekommen an den Rechten – wie hätten Se können werden betrogen!“

Adelheid zitterte vor Ungeduld. „Nun, so geben Sie mir, was Sie wollen!“ rief sie.

„Werd’ ich Se nicht geben, was ich will, werd’ ich Se geben, was recht ist. Daß ich will machen bei’s Geschäft en Profit von nicht bloß elende fünf Perzent, das können Se denken. Wenn ich muß hinlegen en ganzes Capital, weil Se’s wollen haben gleich in Baarem, denn will ich auch rausschlagen meine Zinsen –“

„Ich bitte Sie, fassen Sie sich kurz,“ rief Adelheid aufspringend, „oder ich gehe.“

Der Jude sandte einen Blick gen Himmel. „Was ene Frau, was ene Hitze! Macht mer so en Geschäft ab? Nu, wenn Se’s denn dorchaus wollen – will ich Se geben vor den Bettel in Bausch und Bogen fünfzehntausend Frank! Na, was sagen Se zu dem Gebot?“

„Ich bin zufrieden!“

Itzel betrachtete sie mitleidig überlegen. „Das glaub’ ich! Se wären auch zefrieden gewesen, wenn ich Se hätte geboten zehntausend Frank! Sehen Se, sehen Se, wie Se hätten können kommen um Ihr Geld! Kann ich Se doch nich geben fünfzehntausend, muß ich Se doch geben achtzehntausend Frank! Oder ich bin nich besser als Einer, der ’n Kinde de Ohrringe rausreißt!“ Er schöpfte tief Athem. „Ist kein Vergnügen, mit Einem zu handeln, der nichts versteht von’s Geschäft, das er will machen, und sich hinstellt wie ’n Opferlamm und immer nur spricht: ‚Geben Se, geben Se, was Se wollen, ich bin’s zefrieden!‘ Daß mer muß strampeln mit Händen und Füßen, wenn mer will bleiben en ehrlicher Mann! Da ist nichts abzuhandeln, da muß mer werden en Dieb oder zahlen, was die Geschichte werth ist!“

„Das müssen Sie ja immer, wenn Sie kein Dieb werden wollen,“ sagte Adelheid, unwillkürlich frappirt von der seltsamen Logik des Juden.

Er lächelte wehmüthig. „Kann mer doch machen seinen Schnitt, ohne daß es ist gestohlen. Wenn ich handel’ mit Einem, der mer ist gewachsen und der mich übervortheilt, wenn ich ihn nicht übervortheil’, so ist das ’n ehrlicher Kampf; und bin ich geblieben in dem Kampf Sieger und hab’ ihm abgeschwatzt de Waare for de Hälfte, was se werth is, – so lach’ ich mer in’s Fäustchen, daß ich bin gewesen so ’n geriebener Kerl. Wenn ich mer aber mach’ zu Nutzen die Unwissenheit von Einem, der nix versteht und mer – mit Erlaubniß zu sagen – traut, und ich nehm’ ihm ab sein’ Sach’ unter’m Preis, so bin ich kein geriebener – nur ’n schlechter Kerl. Da is nix zu holen; was wollen Se machen – wollen Se spielen Schach mit Einem, der nicht kennt die Figuren?“

So vor sich hin murmelnd ging der Alte verdrießlich, das Geld herbeizuschaffen. Unter der Thür blieb er stehen. „Was wollen Se haben, Gold, Silber, Pepier?“

„Papiergeld, womöglich preußisches, wenn ich bitten darf.“

„I, i!“ sagte er, „Frauenzimmer wollen sonst immer lieber Gold, weil’s schöner aussieht. Pepier –!“ wiederholte er nochmals und verschwand.

Adelheid schaute ihm mit einem ihr selbst unerklärlichen Gemisch von Widerwillen und Theilnahme nach. Er hatte die Thür aufgelassen und Adelheid hörte ihn an einem, wie es schien, metallenen Schranke wirthschaften und dabei in Einem fort mit sich selbst mauscheln. Endlich kam er wieder, und nun hatte sein Gesicht völlig den leidenden Ausdruck seiner Race. Es war, als krümme er sich unter der Peitsche des Henkers, während er Adelheid die Geldscheine hinzählte. Sie schienen mit Leim bestrichen zu sein; so langsam brachte er sie aus den Händen und so oft netzte er den Zeigefinger dabei, um nicht zwei miteinander zu erwischen. Endlich lag das schmutzige Häuflein gezählt vor ihr, und eine gelbliche Thräne aus dem kranken Auge des Juden fiel darauf. Ihr ekelte.

„Bitte, wickeln Sie es ein!“ bat sie.

Der Jude that, wie sie wünschte. „Schlecht Geschäft!“ wimmerte er. „Wenn mer müßten machen lauter solche, – mer könnten verhungern derbei!“

„Aber mein Gott, es stand Ihnen ja frei, den Preis zu bestimmen –“ sagte Adelheid erschreckt bei dem Gedanken, Jemanden zu benachtheiligen.

[323] „Gehen Se, gehen Se!“ stöhnte Itzel wie erschöpft von einer großen moralischen Anstrengung.

Adelheid konnte nichts thun, als seiner Weisung folgen und stumm das Zimmer verlassen.

Itzel legte hinter ihr die schweren Eisenstangen vor die Thür. Plötzlich ging der leidende Ausdruck seines runzeligen beweglichen Gesichts in einen pfiffigen Humor über, und er mauschelte vergnügt vor sich hin: „Pepiergeld – preußisches?! For wen wird se morgen zu machen haben die Zahlung? Die Saltens sind gewesen solide Leute, wo kämen auf einmal her de Schulden?“ Er rieb sich schadenroh die Hände. „Morgen wird’s geben offene Thüren in’s Gefängniß – und offene Mäuler im Rath! Glück auf’n Weg, Herr Graf! Geld genug kriegen Se mit, – aber die Steinlich sind’s werth – und die offenen Mäuler von den hohen Rath auch!“

Adelheid eilte mit dem Gelde, so schnell sie konnte, hinweg. Sie nahm eine Droschke und fuhr nach Hause. Sie ging unbemerkt auf ihr Zimmer und warf das Päckchen von sich, als sei es ein Scorpion, der sie in die Hand gebissen. Dann sank sie auf ihr Bett und brach in Thränen aus. – –

Die Morgensonne warf ihre Strahlen auf die kaum geschlossenen Lider Egon’s und zwang sie, sich zu öffnen. Aber er kehrte sich ab und verbarg das Gesicht stöhnend in den Armen, denn die grellen Strahlen zeichneten den Schatten der Eisengitter vor den Fenstern schwarz auf den Fußboden, und sein Anblick that ihm weher als die Sonne; der Schatten bildete ein Kreuz. Dies Kreuz verfolgte den Unglücklichen. So oft ein Sonnenblick oder ein Mondesschimmer in seine Zelle fiel, führte er ihm stets das verrathene geschändete Abzeichen seiner Würde mahnend vor die Seele. Es war bei ihm zu einer fixen Idee geworden, welche den Aerzten Grund zu den schon erwähnten Besorgnissen für ihn gab. Es war seltsam, welchen Eindruck das auf den Gefangenen machte, und der Gefängnißarzt hatte für nöthig befunden, den Verschluß des Fensters mit einem Brett anzuordnen. Aber dann hatte Egon zu ersticken gemeint und nach Luft gejammert. So blieb Alles wieder beim Alten.

Eine tiefe Stille umgab den einsamen Mann in der einsamen Zelle. Wäre es eine Klosterzelle gewesen, man hätte sie friedlich nennen können. Das kleine Fenster war offen und draußen zwitscherten die Sperlinge in der vorspringenden Dachrinne. Dann und wann glitt ein zweiter Schatten über das unbewegliche schwarze Kreuz am Boden hin, wenn ein Vogel am Gitter vorbeiflog. Egon setzte sich wieder auf und nun heftete er seine Augen mit einer Art von Verstocktheit auf den Schatten und sah zu, wie er sich mit jeder veränderten Stellung der Sonne verwandelte und immer kürzer und breiter ward, immer ähnlicher einem Johanniterkreuz. Der Gehülfe des Gefangenwärters brachte das Frühstück, er kannte schon die Art des Gefangenen, und er schüttelte ihn an der Schulter: „Essen Sie, bevor ’s kalt wird.“ Egon erhob sich mechanisch von dem Lager und gehorchte dem Befehl.

„Sie werden an meine gute Bedienung denken, wenn Sie erst im Zuchthaus sind. Morgen wird Ihr Proceß entschieden und dann kommen Sie gleich in die Strafanstalt,“ sagte der Gehülfe, ein roher verschmitzter Bursche, mit einer wahren Galgen-Physiognomie. „Ich wollte, ich wäre Kellner geworden statt Gefangenwärtersgehülfe. Die Kellner kriegen doch ein Trinkgeld, wenn die Fremden abreisen, aber von den Gästen in unserem Hôtel kriegt Niemand was.“

Egon gab ihm das Frühstück zurück und erwiderte nichts. Der Bursche verließ das Gemach, und er war wieder allein, allein mit seiner Angst und seinem Kreuz.

Eine Stunde mochte vergangen sein, da klirrte von Neuem der Schlüssel in der Thür. Egon nahm sich nicht die Mühe aufzublicken. Er wußte nicht, was die Uhr war, und glaubte, es sei schon der Bursche mit dem Mittagessen.

„Egon!“ tönte es von der Schwelle her, und es war, als habe ihn der Athem, mit dem das leise Wort gesprochen, niedergeworfen, wie der Windhauch eine Binse niederbeugt. „Ermanne Dich,“ sprach die Stimme wieder, „fasse Dich, wenn ich meinen Entschluß nicht bereuen soll!“

Egon hob unwillkürlich den Kopf, als wolle er sehen, ob es wirklich Adelheid sei, die so sprach. Er wollte ihre Kniee umfassen, sie trat einen Schritt zurück.

„Berühre mich nicht!“ sagte sie. „Wenn Du es wagst, eine Hand nach mir auszustrecken, verlasse ich Dich auf der Stelle!“

Egon erhob sich und starrte Adelheid sprachlos an. Sie erschraken Beide, als sie sich gegenseitig in das Gesicht sahen, solche Verheerungen hatte die Verzweiflung in ihrer Schönheit angerichtet, und Egon rief mit wahrer Reue: „Adelheid, was hab’ ich aus Dir gemacht!“

„Laß es gut sein,“ sagte sie mit der wunderbaren Todesruhe, die sie seit ihrem Eintritt beibehalten, „Du hattest nicht die Macht, mich so elend zu machen, wie ich bin. Beruhige Dich, was mich zerstörte, das warst nicht Du, das war meine eigene Schuld! Nicht Du hast meinen Gatten gemordet, ich hab’ es gethan, mit dem ersten Schritt über die Grenze der Pflicht! Du hattest eine Entschuldigung, denn Du hast mich wenigstens geliebt – ich aber habe keine, denn ich liebte Dich nicht einmal!“

„Adelheid!“ schrie Egon auf, „das ist ein Todesstoß!“

„Höre mich zu Ende,“ sprach sie weiter. „Ich habe in letzter Zeit wie aus einer andern Welt auf die Dinge herabsehen gelernt und da habe ich Mitleid für Dich bekommen, denn Du bist mein Opfer. Ich aber bin das Opfer meiner eigenen Fehler. Nicht Dich, selbst nicht die unnatürlichen Verhältnisse, in denen ich lebte, klage ich an, nur mich, mich allein, und sieh, seit ich dazu die Kraft fand, ist kein Groll gegen Dich mehr in meiner Seele.“

„O Gott, ich dachte nicht, daß ich noch elender werden könnte,“ rief Egon, „und dennoch war es möglich! Wozu kamst Du in meine Zelle, unseliges Weib, um mir das Einzige zu nehmen, was mir noch geblieben, den Glauben an Deine Liebe? Allmächtiger, halt’ ein mit Deinem Zorn; es ist zu viel! Einen Mord begangen, Ehre und Freiheit verloren, das ganze Dasein zerstört, und das Alles um ein Weib, das mich nicht einmal geliebt! O Teufel, schöner verführerischer Teufel! Du sollst Deiner Strafe nicht entgehen, Du sollst nimmer froh werden im Arm eines Anderen, denn der Fluch eines zu Grunde Gerichteten wird Dich verfolgen bis an Dein Ende!“

„O Egon, Dein Fluch ist machtlos!“ sprach Adelheid, „denn ich habe abgeschlossen mit dem Leben und fürchte nichts mehr, weil ich nichts mehr hoffe. Kann einem Vergifteten das Gift, einem Ertrunkenen das Wasser noch etwas anhaben? Willst Du verbrennen, was schon Asche ist? Armer Mann, Dein Fluch ist machtlos.“ Sie schwieg und ihr Auge ruhte mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf ihm.

Er schaute sie an, wieder und wieder, und der Anblick war so übermächtig, daß er die Hände faltete und wie im Traume sprach: „O Gott, das Weib ist so schön, ist es denn möglich, daß solch ein Gesicht lügen konnte?“ Er wankte zu seinem Lager und brach zusammen.

Sie trat ihm einen Schritt näher und sagte leise: „Willst Du hören, was ich Dir zu sagen kam?“

„Was willst Du mir noch sagen?“ fragte er. „Ist noch ein Stück meines Herzens übrig, das Du nicht zerfleischt hast? Ist noch Platz da für einen neuen Dolchstoß?“

„Ich bin nicht gekommen um Dich zu quälen,“ sprach Adelheid milde. „Ich habe mich an Deine Ordensbrüder, die Johanniter, gewandt und um Hülfe für Dich gebeten“ – sie hielt einen Augenblick inne, die Lüge wurde ihr schwer, aber sie war nothwendig – „der Orden hat mir sogleich eine Summe von achtzehntausend Francs geschickt, mit welcher Du das Gefängnißpersonal bestechen und Deine Flucht bewerkstelligen sollst.“ Egon sah sie ungläubig an. Sie drückte ihm das Päckchen mit dem Geld in die Hand und fuhr fort: „Dein heutiger Wächter ist begehrlicher als pflichttreu, denn er nahm, als ich ihn bat, uns ungestört zu lassen, ein Goldstück von mir an; halte Dich an diesen und es muß gelingen. Handle rasch. Hast Du erst die leichte Untersuchungshaft mit dem Zuchthaus vertauscht, dann ist es zu spät.“

„Adelheid,“ rief Egon wie betäubt, „das ist alles so plötzlich, so unbegreiflich! Kann ich solch ein Geschenk vom Orden annehmen?“

„Der Orden macht es Dir zur Pflicht, Dich zu befreien,“ fuhr Adelheid in tödtlicher Verlegenheit fort. „Der Orden erklärt, daß er diese Summe nicht um Deinetwillen sende, sondern um der Ehre der ganzen Gemeinschaft willen, die mit Deiner Verurtheilung zum Zuchthaus geschädigt werde. Sie wollen ein Mitglied ihrer Verbindung nicht so tief sinken sehen und befehlen Dir bei Deinem Eid des Gehorsams, daß Du entfliehst.“

[324] „Ah, daran erkenne ich den stolzen Geist der Johanniter!“ sprach Egon. „Um die Ehre des Ganzen, nicht um mich zu retten, bringen sie ein solches Opfer. Gut denn, in diesem Sinne werde ich es annehmen und ihnen die Schande ersparen, einen Zuchthäusler zum Bruder zu haben!“

Adelheid athmete tief auf und ein unwillkürliches „Gott sei Dank“ entschlüpfte ihr.

Er sah sie traurig an. „Adelheid, Du hast mich tief beschämt durch Deine Fürsorge. Aber Du nimmst mir in demselben Augenblick, wo Du mir die Freiheit giebst, das Einzige, was sie mir theuer machen würde, die Hoffnung auf Deine Liebe –! Es ist ein trauriges Geschenk, Adelheid, für das ich Dir nicht danken kann. Wie arm sendest Du mich in’s Leben, wie viel ärmer als vorher bleibe ich zurück, wenn der Fluchtversuch mißlingt! O Adelheid, konntest Du mich nicht retten, ohne mir, wie die Johanniter, zu sagen, daß Du es nicht aus Liebe thust?“

„Nein, das konnte ich nicht, Egon; Dich hierüber in einem Irrthum zu lassen, wäre eine Sünde gewesen!“

„Und weshalb, räthselhaftes Weib, weshalb thatest Du es überhaupt? Die Johanniter hatten doch einen Grund, den der Ordensehre – Du aber, die kein Mitleid kennt, aus welchem Grunde thatest Du ’s?“

„Weil ich es nicht ertragen kann, daß Du schwerer gestraft seist, als ich, die so schwer gefehlt wie Du. Ich glaube nicht, daß dies der Wille des gerechtesten aller Richter ist, und darum darf ich die Strafe von Dir abwenden, welche nur äußere Umstände über Dich verhängten. Die innere Strafe aber, die Gott selbst Dir auferlegt, darf und kann ich nicht lindern. Ich kann Dir die wiedergeschenkte Freiheit mit keiner Hoffnung, keiner Freude schmücken. Wir sind dem Zorn des Herrn verfallen; noch ein Glück für uns zu begehren, hieße uns gegen Gottes Willen auflehnen.“

Egon lächelte bitter. Sie fuhr fort: „Du denkst, es sei wohlfeil zu sagen ‚ich darf nicht‘, wenn man nicht will! Ich sage Dir aber, Egon, es giebt einen Mann, den ich liebe, und ich weiß jetzt, daß auch er mich liebt; es wäre mir ein Leichtes, die unterdrückte Gluth zur Flamme anzufachen, aber so durchdrungen bin ich von diesem ‚Ich darf nicht‘, daß ich nur bete: ‚Vater, führe mich nicht in Versuchung!‘ Und Dir, unglücklicher Mann, Dir schwöre ich bei allem, was heilig ist, ich werde ihm nicht angehören und wenn es mein Tod wird. Sieh’, das ist die einzige Sühne, die ich Dir, die ich meinem geopferten Gatten geben kann. Bist Du nun zufrieden?“

„Du bist ein Wunder, Adelheid, wie’s kein zweites giebt. Du quälst Andere wie ein Teufel und leidest selbst wie ein Engel. Ich muß Dir fluchen und die Thränen des Mitleids ertränken mir den Fluch auf den Lippen! Nein, ich rechte nicht mehr mit Dir, Du bist eines jener Geschöpfe, die untergehen müssen, weil sie auf der haarscharfen Grenze stehen zwischen Mensch, Gott und Dämon. Sie sind außerhalb des Gesetzes. Menschen, Gott und Teufel streiten sich um sie, bis die Natur die Ordnung wieder herstellt und die fragwürdige Schöpfung vernichtet! – Nein, ich rechte nicht mehr mit Dir!“

„Dies ist ein trauriges Wort,“ sagte Adelheid. „Aber ich fühle es, Du bist versöhnt. So laß mich scheiden. Was zwischen uns noch zu schlichten war, ist abgethan. Das Maß unserer Schmerzen ist nun gleich gemessen, wir sind quitt! Lebe wohl und handle rasch. Ich werde auf meinen Knieen für Dich beten, bis ich höre, daß Du gerettet bist.“

Sie klopfte an der verschlossenen Thür. Der Bursche öffnete von außen. „Adelheid!“ flehte Egon. Leise, wie sie gekommen, war sie entschwunden und Egon’s verzweifelter Ruf verhallte an den nackten Wänden. – – –

Am Morgen des folgenden Tages saß Alfred mit Tante Lilly in seinem Zimmer am Fenster. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich möchte nur wissen, was mit der Mutter ist. Sie kommt so lange nicht herunter.“

Lilly flüsterte wichtig: „Ich habe vorhin durch’s Schlüsselloch“ – sie hielt erschrocken inne, sie hatte sich schrecklich verschnappt, denn Alfred hatte ihr das Schlüssellochgucken und Horchen streng untersagt.

Aber der Knabe war wohl mit andern Gedanken beschäftigt und frug zerstreut: „Sahst Du sie?“

„Ja, sie lag auf den Knieen und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt.“

„Hm!“ Alfred schaute in offenbarer Spannung zum Fenster hinaus. Heute sollte Egon vor die Geschwornen kommen und seine Mutter lag auf den Knieen und betete! Das waren zwei in verhängnißvollen Zusammenhang tretende Gedanken. Da kam der Bediente, der als Zeuge vor dem Schwurgericht erscheinen sollte, plötzlich sehr erhitzt durch den Garten gerannt.

„Was ist das? da kommt ja Anton schon wieder!“ rief Alfred. „Anton, was ist geschehen?“

„Ach, denken Sie nur, junger Herr,“ schrie der Diener und brachte vor Laufen fast die Worte nicht heraus. „Es ist nichts mit dem Schwurgericht – der Herr Graf sind entwischt!“

Alfred stand da wie eine Bildsäule. Er war erblaßt bis in die Lippen hinein, seine Fäuste ballten sich krampfhaft, seine Augen flammten, es war als sträubten sich ihm die Haare, so ganz in Zorn verwandelt war der Knabe.

„Entkommen!“ stammelte er tonlos – „fort!“

„Ja,“ berichtete der Diener; „als man ihn heute früh zur Sitzung holen wollte, war er verschwunden und der Gehülfe des Gefängnißwärters mit ihm. Man hat Alles gethan, was nöthig ist zur Verfolgung, aber was wird es nützen? Sie haben wohl schon einen zu großen Vorsprung.“

„So soll er frei ausgehen, ungestraft, mein Vater soll nicht gerächt werden?“ tobte Alfred. „O, o – er ist entflohen und ich muß es mit ansehen und kann ihn nicht packen!“

„Alfred, wie böse Du bist, man fürchtet sich ja vor Dir!“ rief Lilly.

„Tante, wenn man erlebt, was ich erlebte, da müßte ein Lamm zum Tiger werden. Der Mörder, der mir meinen Vater erschoß, ist gerettet und ich bin nichts als ein kranker Bube, der ihm nicht nach kann, soll man da nicht rasen, Tante? Begreifst Du denn nicht, was das heißt? Mit Nägeln und Zähnen möcht’ ich ihn zerreißen, und die Schurken lassen ihn entlaufen!“

„Wen?“ fragte Adelheid, die eben in’s Zimmer trat.

„Ihn,“ schrie Alfred, am ganzen Leibe zitternd. „Er ist fort.“

„Wer – Egon?“ stammelte Adelheid und Thränen einer unbeschreiblichen Erleichterung stürzten ihr aus den Augen.

Da trat Alfred auf sie zu und faßte ihren Arm und sein Auge bohrte sich mit einem erschreckenden Ausdruck in das ihre. „Mutter, Du weinst vor Freude bei dieser Nachricht?“

Adelheid erbleichte, aber sie sprach mit Würde: „Ja, und Gott möge diese Thränen richten.“

Es waren wenige Worte und sie bewiesen nichts, aber sie ergriffen den Knaben in tiefster Seele und er schlang mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit seine Arme um die Mutter. „O liebe Mutter!“ rief er. „Ich will Dir nicht mehr weh thun! Wenn ich aber erwachsen bin und ich bekomme den Grafen jemals in meine Gewalt, dann sollst Du Dich nicht mehr über seine Rettung freuen – denn dann will ich mit ihm abrechnen, dann will ich ihn festhalten, daß er kein zweites Mal entkommen soll. Gott hat’s gehört und er wird mir helfen, meinen Schwur zu halten!“




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bewesen