BLKÖ:Ander, Alois

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Anderloni, Faustin
Band: 1 (1856), ab Seite: 32. (Quelle)
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Ander, Alois[BN 1][BN 2] (Opernsänger, geb. zu Liebitiz in Böhmen 10. Aug. 1821, fälschlich nach den Angaben mehrerer Journale im Jahre 1826). Sohn eines armen Schullehrers erhielt A. von Alex. Arlt den ersten Gesangsunterricht. 1841 kam er nach Wien, wo seine Versuche, bei der kais. Oper aufgenommen zu werden, an der Schwäche seiner Stimme und an Intriguen scheiterten. Endlich erhielt er eine Stelle beim Magistrat, bei der er bis 1845 blieb. Capellmeister G. Barth ward der Erste auf A. aufmerksam und durch ein Zusammentreffen glücklicher Umstände gelang es A. endlich unter Balochino’s Direction am 25. October 1845 zum ersten Male als Stradella aufzutreten. Er gefiel. Auf einem Gastspiele in Dresden 1847 war A. nicht im Stande, Tichatscheks Stern zu verdunkeln. Im J. 1848 wuchs A.’s Repertoir, er sang in Martha, Lucia, im Tell und gefiel sehr. Die Brücke zur Berühmtheit half ihm erst Meyerbeer durch seinen „Prophet“ bauen, in welcher Oper A. die Titelrolle sang, worin er mit Roger in Paris unübertroffen dastand. Ander’s Stimme besaß, so lange sie nicht gebrochen war, einen eigenthümlichen Reiz; das Weiche, Elegische, zum Herzen Dringende in seinem Organe wirkte unbeschreiblich auf das Gemüth des Zuhörers. Die Kunst des Spiels, die ihm seine Freunde zuschreiben, erhebt sich nicht über das Maß des Gewöhnlichen. Uebrigens ist seine Zeit um und kehrt nicht wieder. Ander ward zum k. k. Kammersänger ernannt.

Hamburger Theater-Chronik 1850. – „Salon“ [33] (ein Prager Blatt von Hickel redigirt) 1850. Nr. 68. – Ander’s Porträt nach der Natur gez. und lith. von Dauthage (Paterno in Wien). – Als „Prophet“ lith. von Kaiser (J. T. Neumann in Wien). – Als „Edgar“ in der Oper: Lucia von Lamermoor, nach der Natur gez. u. lith. von Ebendems. (Paterno in Wien).

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Ander, Alois [s. d. Bd. I, S. 32], gestorben im böhmischen Bade Wartenberg 11. December 1864. Im Jahre 1853 traf Ander’s Gesundheit der erste Stoß: ein durch allzugroße Anstrengung und Aufregung hervorgerufener Blutsturz. Er und noch weniger seine Stimme konnten sich davon wieder ganz erholen. Allmälig kräftigte sich wohl letztere wieder und in der zweiten Hälfte der Fünfziger-Jahre erweckten seine Leistungen bei jenen, die ihn in seiner Blüthezeit nicht gehört, große Bewunderung. Besonders sein „Lohengrin“ in Wagner’s gleichnamiger Oper war eine Leistung, die in gewissem Sinne Ander’s „Propheten-Ruhm“ – jedoch nur in einer schönen Nachblüthe – wiederholte. Von da ab wurden leider die Unterbrechungen von Ander’s Thätigkeit häufiger und länger. Wenn früher die Zahl seiner Spielabende im Jahre auf 70 bis 80 sich erhob, so sang er in der Saison 1859/60 schon nur 37 Mal, 1861/62 40 Mal, 1863/64 41 Mal; aber noch immer war er so sehr Liebling des Publicums, daß der Wiener Witz ihm, als er bereits sehr leidend und mit der Stimme sehr heruntergekommen war, das glänzende Zeugniß ausstellte: „Der Ander ohne Stimme ist uns noch immer lieber, als die Andern mit Stimme“. In den letzten Jahren brachte A. an neuen Rollen: Tannhäuser, den Herzog in „Rigoletto“ (1860), Janko in den „Kindern der Haide“ (1861), Faust von Gounod (1862) und den Franz Balding in den „Rhein-Nixen“. Aber schon war sein Nervenleben so aufgeregt, daß ihn vor jedem Auftreten ein heftiges Fieber schüttelte. Ander’s letztes Auftreten fand am 19. September 1864 in Rossini’s Oper „Wilhelm Tell“ in der Rolle des Arnold Melchthal Statt. Es war dieß ein trauriges Theaterereigniß, welches lange den Gesprächsstoff in den Musikkreisen der Residenz bildete und dem unmittelbar die Transportirung des Sängers nach der Wasserheilanstalt Wartenberg in Böhmen folgte. Dort erwies sich sein Zustand bald als hoffnungslos, grauenhafte Nacht senkte sich auf sein Bewußtsein und nach mehrstündigen entsetzlichen Krämpfen, nachdem es kurz zuvor den Anschein hatte, als bessere sich sein Zustand, erlag er, erst 43 Jahre alt, seinen Leiden. Sehr treffend charakterisirt einer seiner Biographen den Künstler: „Eine ganze Reihe von Jahren war A. der bevorzugte Liebling des Wiener Publicums und namentlich der Damen, die für ihn schwärmten, wie sie es nicht mehr hätten thun können, wäre er auch [381] einer der schönsten Männer seiner Zeit gewesen. Das war er aber nicht im Entferntesten, seine Person sogar sehr unbedeutend und unscheinbar. Indeß auch hier wieder einmal war es der Geist, der sich den Körper baute. Man kann A. nicht besser charakterisiren als mit den zwei Worten: „poetischer Sänger“. Die Poesie gewann ihm Aller Herzen und wirkte wie mit Zaubermacht. Man konnte von A. mit Landry in der „Grille“ sagen: „Er war von Innen heraus schön“. Sein Tenor besaß keine hervorragende Stärke, dagegen einen in solchem Grade kaum dagewesenen Schmelz und schmachtenden Klang, dessen Weichheit jedes Hörers Gefühl überschlich und rührte. Wenn Fidelio sagte: „Nicht wahr, diese Stimme dringt zum Herzen?“ gehörte es in Wien zum guten Ton, seinem Florestan durch lauten Applaus an der Stelle eine schmeichelhafte Huldigung darzubringen. Seinem Stradella glaubte man, daß er die Banditen sich zu Sclaven, zu reuigen Sündern machen könne, und hinreißender, plastisch schöner ist nie Jemand auf der Bühne gestorben, als Ander’s Edgar in „Lucia“. Doch dieß fast allzufein organisirte, stets nervös erregte und überreizte Künstlernaturell mußte untergehen, als nicht mehr abzuleugnen war, daß die Blüthe der Stimme gebrochen sei. Mit fieberhafter Anstrengung wehrte er sich eine Zeitlang gegen den Verfall seines Organs. Wie er sich aber von der Unabwendbarkeit seines Verlustes überzeugt hatte, nahm er sich denselben so zu Gemüthe, daß ein psychisches Leiden die Folge war, welches bald auch den Körper zerstörte. Ander wurde von Sr. Majestät mit dem Titel eines Kammersängers ausgezeichnet, besaß von dem Großherzoge von Hessen-Darmstadt und von dem Könige von Hannover die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaften, von dem Könige von Schweden die Medaille: „Illis quorum meruere labores“; viele philharmonische Vereine und der Wiener Schriftstellerverein ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitgliede, und die Frauen von Stockholm, wo A. im Sommer 1857 gesungen, übersandten dem Sänger einen massiven silbernen Lorberkranz. Noch einer Fertigkeit Ander’s sei hier gedacht. A. übte mit besonderer Vorliebe die Landschaftsmalerei und die Wände seiner Zimmer hingen voll von seinen Oelgemälden, meist Landschaften welche, wie Hanslik schreibt, bei ziemlich incorrecter Zeichnung doch ein sehr glückliches Auge für Farbeneffecte verriethen. Von anderer Seite wird aber berichtet, daß dieß eine sehr kostspielige Liebhaberei Ander’s gewesen und seine Arbeiten völlig unbedeutend seien. Schließlich sei noch bemerkt, daß einer von Ander’s Biographen ihn nicht nur als Sänger, sondern überhaupt „als tüchtigen Musiker, Compositeur und Organisten“ bezeichnet.
    Nekrologe und biographische Skizzen. Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 109: „Alois Ander“. [Dieser von Eduard Hanslik geschriebene Nekrolog enthält Einzelnheiten von Belang, die der Nekrologist Ander’s Freunde und Schwager, E. Ranzoni, verdankt.] – Die Glocke (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 589: „Nachruf an Alois Ander“. Von einer Dame [die auf den Sänger Lenau’s wehmüthige Zeilen anwendet:

    Wenn der Liebe Brand verlodert,
    Tod, dann brich den Leib zusammen,
    Brich ihn schnell, nicht langsam wühle,
    Deinen Sänger laß entschweben,
    Dünge nicht das Feld im Leben
    Mit der Asche der Gefühle!

    Diese Bitte ward erfüllt]. – Der mährische Correspondent (Brünner polit. Blatt) 1864, Nr. 302 u. 303. – Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (Wien, 4°.) 1864, Nr. 51; 1865, Nr. 1. – Neue Zeit (Olmützer Journal) 1864, Nr. 291 u. 293. – Slavische Blätter, herausg. [382] von Abel Lukšič (Wien, 4°.) 1865, S. 27. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 345. – Blätter für Theater, Musik und Kunst. Von L. A. Zellner, 1864, Nr. 101. – Morgen-Post (Wiener politisches Blatt) 1864, Nr. 344. – Didaskalia (Frankfurter Unterhaltungsblatt, 4°.) 1864, Nr. 352 u. 353. – Wiener Lloyd (polit. Blatt) 1864, Nr. 344. – Ost-Deutsche Post (Wiener politisches Blatt) 1864, Nr. 449. – Wiener Zeitung 1864, Nr. 304, S. 917: „Aus dem Wiener Musikleben“. Von R(udolph) H(irsch). – Oesterreichischer Volks-und Wirthschafts-Kalender (Wien, gr. 8°.) Jahrg. 1866, in der von Herrn von Hoffinger zusammengestellten „Ehrenhalle“, unter den Dichtern und Künstlern. – Vorstadt-Zeitung (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1864, Nr. 263: „Ander’s letztes Auftreten in Wilhelm Tell“. – Ander’s Krankheit, Tod und Begräbniß. Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1864, Nr. 344 u. 349. – Bohemia (Prager Unterhaltungs- und politisches Blatt, 4°.) 1864, Nr. 302. – Der Botschafter (Wiener politisches Blatt) 1864, Nr. 349. – Schlesische Zeitung (Breslau) 1864, Nr. 597. – Blätter für Theater, Musik und Kunst. Von Zellner, 1864, Nr. 102. – Presse 1864, Nr. 349. – Die Glocke 1864, Nr. 590. – Neue freie Presse 1864, Nr. 109. – Ander’s Familie. Alois Ander hatte sich im Jahre 1857 zu Braunschweig mit der ehemaligen Solotänzerin Barbara Heißler vermält und hinterließ aus dieser Ehe einen dem Vater sprechend ähnlichen Knaben. – Alois Ander’s Vater Johann Anderle (denn Anderle ist Ander’s wahrer Name) starb im Juli 1865 zu Jamnitz in Mähren im Alter von 78 Jahren. Anderle war Lehrer an der dortigen Ortsschule und hatte seinen Sohn Alois wie seine übrigen Kinder in den Elementen der Musik unterrichtet. Außer Alois besaß er noch zwei Söhne: Ernst, gleichfalls Sänger und Compositeur, Adolph, der unter dem Namen Andriol auftrat und derzeit Opernsänger zu Regensburg ist, und eine Tochter Anna, die bis zu ihrer Verheirathung Sängerin war. [Fremden-Blatt 1865, Nr. 108 u. 213.] – Porträte. 1) Gezeichnet und lithograph. von Dauthage (Wien, Paterno, Halb-Fol.); – 2) von Ebendemselben, ein von dem ersten verschiedenes Bild; – 3) gez. und lithogr. von Kriehuber (Wien, Witzendorf, Halb-Fol.); – Costumebilder: 4) als Edgar in der Oper „Lucia“, gez. und lithogr. von E. Kaiser (Wien, Paterno, Halb-Fol.); – 5) als Prophet von Ebendemselben (ebd., Halb-Fol.); – 6) als Prophet, ohne Angabe des Zeichners (Wien, Lechner, Fol.). [Bd. 14, S. 380–382.]

  2. E Ander, Alois [Bd. I, S. 32; Bd. XIV, S. 380].
    Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, 4°.) 1870, S. 405, in Franz Wallner’s „Aus meinen Erinnerungen“. [Bd. 24, S. 373.]