BLKÖ:Da Ponte, Lorenz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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D’Antoni
Band: 3 (1858), ab Seite: 162. (Quelle)
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Da Ponte, Lorenz (Dichter des „Don Juan“ und Abenteurer, geb. zu Ceneda im Venetianischen 10. März 1749, gest. zu New-York 17. August 1838). Von israelitischen Eltern stammend, trat er später zur katholischen Religion über und kam in ein Seminar, in welchem er solche Fortschritte machte, daß er, 22 Jahre alt, zum Professor der Rhetorik ernannt wurde. Eine Abhandlung über den Satz: „Si le leggi civili sono utili o nocevoli alla società“, welche er nach Einigen verneinend behandelt, nach Andern seinen Schülern zur Bearbeitung gegeben hatte, veranlaßte seine Enthebung vom Amte. Die Sache wurde von den Behörden so hoch angeschlagen, daß man ihn für unfähig erklärte, je wieder in einem Collegium, auf einem Seminar oder einer Hochschule ein Amt zu bekleiden. Nun sich selbst überlassen, wurde Da Ponte wirklich gefährlich, begab sich nach Venedig zu Georg Pisani, der an der Spitze des kleineren Venetianer Adels Reformen in der Republik zu erzielen suchte. Der Ausgang war eine fehlgeschlagene Aufregung; statt Pisani, den man nicht zu fassen wagte, nahm man seinen Helfershelfer Da Ponte, der überdies durch ein anzügliches Sonett allgemeine Erbitterung erregt hatte. Da Ponte wurde unter anderem angeklagt: am Freitag Schinken gegessen und an mehreren Sonntagen die Kirche nicht besucht zu haben. Bei den damaligen Zuständen Venedigs gewannen diese Anklagen ein großes Gewicht und Da Ponte hielt es am rathsamsten, sich dem Urtheile durch die Flucht zu entziehen. Er floh nach Görz. Dies geschah zu Ende 1779. Dort erwarb er sich durch eine Ode auf den kurz zuvor abgeschlossenen Teschner Frieden, welche er dem Grafen Cobenzl, dem Vater des Ministers, gewidmet, und durch mehrere andere poetische Arbeiten die Gunst des reichen und begüterten Adels dieser Stadt. Die Verhaftung Pisani’s in Venedig benahm ihm jede Hoffnung zur Rückkehr in die Lagunenstadt; so bat er denn seinen nach Dresden [163] als Operndichter berufenen Freund Mazzola, ihm am dortigen Hofe eine Anstellung zu verschaffen. Diesen Umstand benützte ein heimlicher Feind Da Ponte’s, der ihn aus Görz entfernen wollte, indem er ihm einen unterschobenen Brief zukommen ließ, der ihn zur Uebernahme eines ehrenvollen Amtes nach Dresden berief. Da Ponte ging in die Falle, reiste nach Dresden, um dort den Betrug inne zu werden. Nach einigen Liebesabenteuern, die er glücklich überstanden, ging Da Ponte mit einem Empfehlungsbriefe von Mazzola an Salieri nach Wien. Auf Salieri’s Verwendung wurde er von Joseph II. zum Theaterdichter der italienischen Oper ernannt. Als Da Ponte dem Kaiser offen gestand, noch keinen Operntext geschrieben zu haben, entgegnete ihm der Kaiser: „desto besser, da werden wir eine jungfräuliche Muse haben.“ Die erste Oper Da Ponte’s, welche er für Salieri schrieb, hieß: „Der Reiche von einem Tage.“ Sie fiel durch, weil Salieri’s „kleine Abänderungen“, welche er am Texte vorzunehmen für nöthig fand, der Art ausfielen, daß nach vollendeter Umarbeitung von Da Ponte’s ursprünglichem Texte nicht mehr hundert Zeilen stehen geblieben waren. Zu diesem Mißgeschicke gesellte sich noch Casti’s Ankunft in Wien, der um jeden Preis Theaterdichter zu werden suchte und Da Ponte gerieth in großes Gedränge. Nur Joseph II. blieb D.’s einzige Stütze. Seine nächste für Martini’s Musik gedichtete Oper „Der gutmüthige Polterer“ gefiel und die Folge dieses günstigen Ausgangs war, daß ihn Wolfgang Mozart um einen Text ersuchte. Unter den ihm von D. vorgeschlagenen Texten wählte Mozart die „Hochzeit des Figaro“. Das Lustspiel gleichen Namens war eben in Wien verboten worden und es gab mannigfache Schwierigkeiten, um die Aufführung der Oper durchzusetzen. Die Mittheilungen darüber in D.’s Memoiren sind sehr ergötzlich. Die Oper feierte einen glänzenden Erfolg. Nun schrieb D. das Textbuch zu Mozarts „Don Juan“ und gleichzeitig für Salieri den „Axur, König von Ormus“ und für Martini den „Baum der Diana“. Der „Don Juan“ gefiel in Wien nicht. Nur der Kaiser sprach sich günstig aus und rief: „Die Oper ist köstlich, sie ist göttlich, vielleicht selbst besser noch als der Figaro, aber sie ist keine Speise für die Zähne meiner Wiener.“ Als D. diesen Ausspruch Josephs Mozart mittheilte, entgegnete dieser ruhig: „Man soll ihnen nur Zeit lassen sie zu kauen.“ Mozart hatte recht gehabt. Noch schrieb D. für Mozart die „Schule der Liebenden“ und hintertrieb die von dem Kaiser bereits beschlossene Aufhebung der italienischen Oper. Dafür hatte er mannigfache Anfeindungen zu erleiden und mußte, als Kaiser Joseph gestorben war, sogar Wien verlassen. D. flüchtete sich nach Triest. Als Leopold II. nach Triest kam, stellte sich ihm D. vor und Alles war eingeleitet, daß der Verfolgte zu seinem Rechte kommen sollte, als des Kaisers plötzlicher Tod alle Hoffnungen mit einem Male vernichtete. Mittlerweile hat D. sich mit der Tochter eines reichen englischen Kaufmanns vermält, verließ Wien und ging, von dem Entschlusse, Paris in jener fürchterlichen Epoche (1792) zu besuchen, durch Casanova abgebracht, nach London. Von London begab er sich nach Holland, um dort eine italienische Oper zu begründen. Alle fast bis zur Vollendung gediehenen Vorkehrungen wurden durch die Kriegsereignisse vereitelt. Nun folgte er einem Rufe nach London als Theaterdichter an einer italienischen Bühne. Dort gab er sich dazu her, dem Unternehmer in seinen Geldverlegenheiten Geld zu verschaffen, unterschrieb mehrere Wechsel und kam zuletzt selbst in’s Gefängniß. [164] Später gründete er eine Buchhandlung in London und wirkte für Verbreitung der italienischen Literatur, wofür der wahre Geschmack jedoch erst mit Ugo Foscolo’s Ankunft in London erwachte. Aber seine Vermögensverhältnisse verbesserten sich nicht; um dem Andrängen seiner Gläubiger zu entfliehen, ging er 1804 nach Amerika, wo er sich in New-York als italienischer Lehrer niederließ. Kümmerlich fristete D. daselbst sein Dasein [siehe in den Quellen die Stelle eines aus New-York 1838 geschriebenen Briefs]; nur Ein Sonnenstrahl fiel noch auf das Ende seiner Tage. Der berühmte Sänger Garcia war in New-York angekommen, Da Ponte, 80 und mehr Jahre alt, eilte in die Wohnung des Sängers, der den Weltruf hatte, den „Don Juan“ allein richtig aufgefaßt zu haben. Wie ein zerlumpter Bettler stand Lorenzo auf der Schwelle, aber mit stolzem Tone rief er: „Ich bin Lorenzo Da Ponte, Mozarts Freund und der Dichter des Don Juan.“ Garcia fiel dem Alten in stürmischer Begeisterung um den Hals und jubelte die berühmte Champagner-Arie aus Don Juan. Dann wurde die Aufführung der Oper verabredet. Das war Lorenzo Da Ponte’s letztes Glück. In seinem 80. Jahre noch schrieb er „Memorie di L. da Ponte da Ceneda“, 4 Bde. (New-York 1823–1827, 8°., neue Auflage 1829, 12°., mit Portr. 3 Bde.), welche deutsch u. d. Titel: „Memoiren von Lorenz da Ponte von Ceneda. Von ihm selbst in New-York herausgegeben“, 6 Bde. [das 814–819. Bdchn. des „Belletrist. Auslandes“ (Stuttgart, Frankh, 16°.)] erschienen sind. Wie er sich darin selbst schildert, muß man ihn jener Classe abenteuernder Gelehrten beizählen, deren glänzendstes und liederlichstes Exemplar Casanova ist.

Morelli di Schönfeld (Carlo), Osservazioni di G. D. Della Bona sopra alcuni passi dell’ Istoria della Contea di Gorizia (Görz 1856, Paternolli, 8°.) IV. Bd. S. 203 [nach diesem geboren 1749, Israelite von Geburt]. – Triester Zeitung 1856, Nr. 24, 25, 26: „Die Memoiren-Literatur.“ – L’Entreacte (Paris, kl. Fol.) 1838, Nr. 264: „L’auteur de Don Juan“ [ein von Da Ponte ein Paar Monate vor seinem Tobe an einen Freund in Paris geschriebener Brief, worin unter Anderem folgende Stelle erscheint: „sagen Sie ihnen, daß der Verfasser von 36 Dramen, der Hofpoet Josephs II., Salieri’s, Martini’s und Mozarts, nachdem er nach Amerika Sprache, Literatur und Musik Italiens gebracht, etwa an 3000 Zöglinge gehabt, 25,000 Bände von Meisterwerken dahin verpflanzt, öffentliche und Privat-Bibliotheken begründet, Lehrer gebildet und ihrem Collegium 300 Bände classischer Autoren geschenkt, nachdem er das Alter von 83 Jahren erreicht, verlassen, vernachlässigt, vergessen ist, als wenn man nie von ihm sprechen gehört, als wäre er ein den Galeeren entsprungener Verbrecher“]. – Steger, Ergänzungs-Conversations-Lexikon II. Bd. S. 618. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Auflage) XII. Bd. S. 268 unter: Ponte [nennt seinen Geburtsort irrig Cenoda statt Ceneda]. – Seine eigenen „Memoiren“ geben übrigens die meisten Aufschlüsse über sein Leben. –