BLKÖ:Salieri, Anton

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Salieri (Familie)
Band: 28 (1874), ab Seite: 97. (Quelle)
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Salieri, Anton (k. k. Hofcapellmeister, geb. zu Legnano 19. August 1750, gest. zu Wien 7. Mai 1825). Der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Legnano, einer Festung im venetianischen Gebiete, erhielt Salieri, der in früher Jugend sin seltenes musikalisches Talent entfaltete, eine sorgfältige Erziehung. In seinem 11. Jahre begann neben dem Unterrichte im Lateinischen, unter Leitung seines älteren Bruders Franz, seine systematische Ausbildung im Gesange, Clavier- und Violinspiele, wobei er mit seiner ausgesprochenen Begabung der hinter seinem Talente weit zurückbleibenden Anleitung seines Bruders vorauseilte, zugleich aber die Strenge seines Vaters öfter, als es vielleicht nöthig schien, empfinden mußte. Im Alter von 16 Jahren verlor S. seine Eltern, fand aber in dem italienischen Edelmanne Giovanni Mocenigo einen wohlwollenden Gönner, der, des Jünglings reiche musikalische Begabung erkennend, denselben nach Venedig schickte, damit er dort unter der Anleitung des Vice-Capellmeisters der St. Marcuskirche, Descetti, seine musikalische Ausbildung fortsetzte. Nach dessen bald erfolgtem Tode wurde der Tenorist Pietro Pacini, n. A. Passini, des jungen S. Lehrer im Gesange und im Clavierspiele. Bereits um diese Zeit versuchte sich S. in der Composition kleinerer Stücke. Da geschah es, daß der k. k. Kammer-Componist [98] Gaßmann [Bd. V, S. 96] für einige Zeit sich in Venedig aufhielt, um Metastasio’s [Bd. XVIII, S. 1] „Achille in Sciro“ in Musik zu setzen. Mit diesem wurde S. bekannt und folgte demselben nach Wien, um daselbst dessen Unterricht in der Composition zu genießen. Gaßmann, der S.’s Talent bald erkannte, nahm gern einen so befähigten Schüler an und ließ es sich ernstlich angelegen sein, denselben in seiner künstlerischen Ausbildung mit den besten Kräften zu fördern. Seit dem 15. Juni 1766 bis zu Gaßmann’s Tode, durch volle acht Jahre, war S. sein Schüler und machte unter so trefflicher Anleitung glänzende Fortschritte im Contrapuncte. S., als er später angesehen und berühmt geworden, ehrte immerfort das Andenken des ihm unvergeßlichen Lehrers und unterstützte, so lange er lebte, die Verwandten desselben, wie er auch gleich demselben begabten Zöglingen gerne unentgeltlichen Unterricht ertheilte und sie durch Rath und That in ihrem Fortkommen förderte. Unter Gaßmann’s Anleitung setzte S. die schon früher begonnenen Compositionsversuche jetzt nach den Regeln des Contrapunctes fort. Sie bestanden in kleineren Gesangstücken, Liedern, Chören, auch eine Operette: „La Vessale“, befand sich darunter, und in verschiedenen Kirchensachen, als Cantaten, Gradualien, Offertorien, einem Salve Regina, einer Messa a la Capella u. s. w. Bald sollte sich ihm jedoch Gelegenheit zur Composition eines größeren Werkes darbieten, als nämlich sein Lehrer Gaßmann im Jahre 1770 nach Rom gereist war, um dort eine seiner Opern zur Aufführung zu bringen. In dieser Zeit hatte Ranieri di Calzabighi, der Verfasser des Libretto’s zu Gluck’s „Orpheus und Euridice“, in Gemeinschaft mit Boccherini das Libretto der Oper „Le Donne letterate“ geschrieben und Salieri veranlaßt, dazu die Musik zu componiren. S. machte sich sofort an die Lösung seiner Aufgabe, und noch in demselben Jahre kam die Oper zur Aufführung und gefiel sehr. Von diesem Erfolge ermuthigt, schrieb S. in kurzer Zeit sechs neue Opern, zwei Operetten und eben so viele Cantaten. [Das chronologische Verzeichniß von Salieri’s Opern und sonstigen größeren Tonstücken folgt auf S. 103]. So hatte sich denn die öffentliche Aufmerksamkeit bald auf den jungen Compositeur gerichtet, der auch in die Hofkreise eingeführt und durch seinen Lehrer dem Kaiser Joseph II. vorgestellt worden war, welcher an dem bescheidenen und dabei so gediegenen Componisten Gefallen fand. So geschah es denn, daß nach Gaßmann’s Tode S. im Jahre 1774 zum Kammer-Compositeur ernannt und ihm zugleich die Direction der italienischen Oper anvertraut wurde. In dieser Stellung wendete sich dem jungen Künstler Ritter von Gluck theilnehmend zu und unterstützte ihn mit Rath und That. Im Jahre 1778 unternahm S. eine längere Reise nach Italien, wo ihm Ehren und Auszeichnungen mannigfacher Art erwiesen und auch mehrere seiner Werke aufgeführt wurden. So schrieb er für Mailand zur Eröffnung des neuen Theaters Alla Scala die Oper: „Europa riconosciuta“, eine andere für das Theater Cannobiana, eine für Venedig und zwei für Rom. Nach seiner Rückkehr componirte er auf den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers Joseph II. sein erstes deutsches Werk: „Der Rauchfangkehrer“, das, zur Gründung eines deutschen Singspieles bestimmt, im Jahre 1781 mit großem Beifalle gegeben wurde. Das nächst größere, Epoche machende Werk war die [99] große Oper: „Les Danaides“, das, für ein Werk Gluck’s gehalten, 1782 in Paris 13 Mal hintereinander mit glänzendem Erfolge gegeben wurde, worauf Gluck selbst in einer öffentlichen Erklärung dem Publicum mittheilte, daß Salieri ganz allein die Oper componirt habe. Gluck hatte sich wohl längere Zeit bereits mit dem Gedanken, eine Oper dieses Namens zu componiren, getragen. Aber es fehlte dem Greise die Kraft zur Lösung dieser Aufgabe, und so theilte er denn seine Ideen betreffs dieses Werkes Salieri mit, der bald auf die Absichten seines Meisters mit vollem Verständnisse einging, so daß Gluck selbst es aussprach: „Der Ausländer Salieri lerne ihm allein seine Manier ab, welche kein Deutscher lernen wolle“. Sein nächstes größeres Werk, das seinen Ruhm noch steigerte, war die gleichfalls zuerst in Paris 1786 aufgeführte Oper „Tarare“, welche er später für die italienische und dann auch für die deutsche Bühne, für letztere unter dem Titel: „Axur, König von Ormus“, umgearbeitet hatte. Als der bisherige Hofcapellmeister Bonno starb, wurde Salieri im Jahre 1788 zum Nachfolger in dieser Stelle ernannt. Zwei Jahre später legte er wegen Geschäftsüberhäufung die Direction der italienischen Oper nieder und widmete sich nun mit ganzer Seele seinem Amte als Hofcapellmeister; die Direction der italienischen Oper aber übernahm sein Zögling Joseph Weigl. Im Jahre 1801 begab sich S. nach Triest, um daselbst seine eigens für die Eröffnung des Opernhauses geschriebene neue Oper: „Annibale in Capua“ zur Aufführung zu bringen. Bis ein Jahr vor seinem Tode blieb S. in seinem Amte thätig, im Jahre 1824 trat er mit Beibehaltung seines vollen Gehaltes in den Ruhestand über, den er aber nicht lange mehr genoß, denn schon im Mai 1825 raffte ihn der Tod im Alter von 75 Jahren dahin. Im Jahre 1775 hatte sich S. mit der Tochter eines wohlhabenden Wiener Bürgers, mit Therese Helfersdorfer – nicht, wie es in der „Wiener Musik-Zeitung“ steht, Holfersdorfer – vermält, aus welcher Ehe ein Sohn und sieben Töchter hervorgingen. S.’s künstlerische Thätigkeit fand mannigfache und verdiente Würdigung. Im Jahre 1816 wurde der damals 66jährige Künstlergreis mit der Civil-Ehrenmedaille sammt der Kette, welche Auszeichnung ihm die größte Freude bereitet hatte, vor dem versammelten Personale der kaiserlichen Hofcapelle geschmückt. Ueberdieß war S. Ritter der Ehrenlegion, nach einigen Quellen auch Ritter des Ordens der eisernen Krone, Ehrenmitglied der schwedischen Akademie der Musik und des Conservatoriums in Paris. Die Zahl seiner Compositionen für die Bühne, für die Kirche und den Concertsaal ist sehr groß. Sie umfaßt 44 Opern, und zwar 3 tragische, 3 tragikomische, 5 heroische, 5 heroisch-komische, 6 lyrische, 22 komische, von denen 3 unvollendet sind; ferner 16 Oratorien, Chöre und Cantaten, Variationen, Balletmusik, 1 Symphonie, 3 Te Deum, 1 Vesper, 40 Gradualien und Psalmen, 3 Messen und 1 Requiem, letzteres mit der Bestimmung, daß es zum ersten Male zu seiner Todtenfeier aufgeführt werde, was auch unter Joseph Eybler’s Direction bald nach S.’s Tode geschah. S. hat mehrere tüchtige Schüler, Sänger und Sängerinen herangebildet. Seine musikalischen Traditionen in der Musik fanden wohl in Joseph Weigl den begabtesten Interpreten; unter seinen Zöglingen sind besonders rühmlich hervorzuheben die Tochter seines Lehrers [100] Gaßmann, dann jene Wranitzky’s: Madame Seidler in Berlin und Kraus in Wien. Noch bleibt Einiges über Salieri den Compositeur und den Menschen zu sagen übrig. Als Compositeur war er vorzugsweise dramatischer Componist – nicht Opernfabrikant; viele seiner Werke gehören zu dem Besten, was jemals in der dramatischen Musik geleistet worden, mehrere derselben bleiben classische Vorbilder in diesem Kunstfache. Jedes seiner Werke, das größte wie das kleinste, trägt den Stempel des philosophischen – d. i. nach sicheren Grundsätzen folgerecht denkenden – Tonsetzers, der für jede Dichtung den ihr entsprechenden Styl zu wählen, jede Situation richtig zu erwägen, jeden Charakter scharf und fein zu zeichnen, jede Empfindung und ihre Abstufungen naturgemäß auszudrücken versteht. Während man nirgends durch eine falsche Auffassung unangenehm berührt wird, fühlt man sich hingegen oft von der schlagenden Wahrheit des Ausdrucks überrascht. Wie er im Pathetischen das tiefste Gefühl, die glühendste Leidenschaft zum Ausdrucke bringt, so reißt er uns im Heiteren und Komischen durch eine ganz eigene geistreiche Laune zum Lächeln und Frohsinn hin. Die stete Übereinstimmung der Melodie mit dem Inhalte der Verse, die durchaus genaue Beobachtung des Rhythmus und der Prosodie beweisen, daß Salieri nicht blos Tonsetzer, sondern daß er auch Dichter war, und in der That war er es auch, wie es die beträchtliche Anzahl gemüthlicher oder scherzhafter italienischer Strophen beweist, welche er bei vorkommenden Gelegenheiten mit Geist und Humor erfand und dann auch selbst in Musik setzte. Seine beiden Canons: „Gutta cavat lapidem“ und zu dem von ihm erfundenen Scherzdistichon: „O du schönes Greiner Hüttel, für dein Lob find’ ich kein Titel“, ersteres auf der Stiegenstufe componirt, als er die vier Treppen zu dem Maler Duvivier, der in der Singerstraße so hoch wohnte, erstieg und ihn ein ihn begleitender Freund warnte, seine Gesundheit zu schonen, letzteres im Salon der Gräfin Viczay auf die bei Baden befindliche Greinerhütte geschrieben, wovon ihm als Preis von der liebenswürdigen Comtesse Viczay ein Kuß zuerkannt wurde, sind treffende Belege seines gesunden musikalischen Humors. Mosel in Salieri’s Biographie gibt eine ausführliche Darstellung beider Vorfälle. Von seinen Melodien bemerkt ein trefflicher Musikkenner und Zeitgenosse Salieri’s, Herr von Rochlitz, daß sie das Gedicht mit einem leichten, durchsichtigen Kleide zu umgeben scheinen, es dadurch verschönern, wirksamer machen und den Eindruck der Declamation verstärken. Die größtentheils geschmackvolle, oft trefflich bezeichnende, immer aber einfache Instrumentalbegleitung diente ihm eben nur, die Melodie zu tragen, den Gesang im eigentlichsten Sinne zu begleiten und jenen Ausdruck, welcher in die Singstimme nicht gelegt werden konnte, zu ergänzen. Seine Ritornelle sind keine nichtssagenden, die Handlung aufhaltenden oder störenden Instrumental-Concerte; als Eingangsmusik bereiten sie auf dasjenige vor, was man vom Sänger hören wird; als Zwischenmusik aber unterstützen sie nicht nur die Action der singenden Person auf’s Trefflichste, sondern sie geben ihr das passende Spiel so deutlich an, daß man selbst blos im Lesen der Partitur sich die Bewegungen des Sängers lebhaft vorstellen kann. Mit der Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres hörte S. auf, für das Theater zu componiren, denn, sagte er selbst, dazu bedarf es [101] einer frischen, jugendlich blühenden Phantasie und einer raschen, lebendigen Empfindung, und er widmete sich fortan der Kirchencomposition. Nach dieser Richtung ist S., da er blos für seines Kaisers Hofcapelle geschrieben, außerhalb Wien nur wenig bekannt, obwohl er es nicht minder zu sein verdiente. Seine kirchlichen Werke lassen sich dem Geiste und der Schreibart nach wohl am nächsten mit denen Joseph Haydn’s aus dessen früherer Zeit vergleichen; doch sind sie ob der beschränkten Räumlichkeiten jener Capelle, welche nur eine schwache Besetzung gestatten, weniger reich instrumentirt; sie sind auch weniger kunstvoll, hinsichtlich auf Fuge und Contrapunct überhaupt ausgearbeitet; sie haben aber einen noch schöneren, dem Ausdrucke nach über das Ganze entscheidenderen Gesang, und diese Werke einer einfach edlen, frommen, milden, doch aber begeisterten Gattung zählen zu dem Trefflichsten, was die Musik in dieser Art besitzt. – Was Salieri den Menschen betrifft, so war er eine echte, durchaus edle Künstlernatur. Sein Leben, das Herr von Mosel in anmuthender Weise erzählt, enthält eine Menge köstlicher Züge, die uns ebenso ergötzen, als für den Meister einnehmen. Ungeachtet seiner großen und genialen Thätigkeit, die überdieß wenig zu kämpfen hatte, sondern der es vielmehr gegönnt war, sich auf geebneten Pfaden unter dem wärmenden Sonnenstrahle günstiger Umstände frühzeitig zu entwickeln, war er stets bescheiden und liebenswürdig, und im Umgange von einer Einfachheit und Liebenswürdigkeit, welche nie den Genius, der er war, ahnen ließen. Seine Urtheile über Musik waren kurz, aber wahr und zutreffend, mitunter sarkastisch witzig. Als ihm der Wiener Musikverleger S. A. Steiner eine Sonate von einem Musicus Namens Gebauer mit der Bitte vorlegte, er möchte sie nur durchsehen, da er von dem Compositeur überlaufen und gequält würde, sie stechen zu lassen, und er doch zuvor das Urtheil eines Kenners darüber einholen möchte, sah Salieri das Tonstück aufmerksam durch und schrieb dann darüber: „Geh Bauer!“ ohne ein Wort weiter zu sprechen. Als Bestätigung dieses richtigen Urtheils schrieb Beethoven, der einige Stunden später dasselbe Tonstück einsah, unter Salieri’s Worte einfach: „Vidi Beethoven“. Im Uebrigen war S., um Niemand zu verletzen oder zu entmuthigen, mit seinen Urtheilen ebenso vorsichtig als zurückhaltend, und stellte sie gern problematisch: „Ich glaube“ oder „nach meiner Meinung“ oder „wenn ich etwas zu sagen hätte“, mit solchen Worten pflegte er dann seine Ansichten und Urtheile einzuleiten; wenn er aber öffentlich, im Interesse der Kunst, zu einem Urtheile aufgefordert wurde, oder wenn er einen Schüler vor sich hatte, dem er zugethan war und um dessen künstlerische Entwickelung es sich handelte, dann sprach er sich ohne Umschweife, offen und entschieden, aber immer wieder so aus, daß er sich nicht als unfehlbar geberdete. Trotz seiner Liebenswürdigkeit im Umgange und der allgemeinen Achtung, der er sich und mit Recht erfreute, fehlte es auch ihm nicht an Neidern und bösen Zungen, welche, wenige Jahre vor seinem Tode, um das Jahr 1823 nichts Geringeres unter das Publicum brachten, als „Salieri habe Mozart aus Neid vergiftet und sei darüber wahnsinnig geworden“. Ueber die Absurdität dieser gemeinen Verleumdung ist es nicht nöthig, noch Worte zu verlieren. Was S.’s äußere Erscheinung betrifft, so war er von mehr [102] kleinem als großem Wuchse, weder fett noch mager, hatte bräunliche Gesichtsfarbe, lebhafte Augen, schwarzes Haar, war von cholerischem Temperamente, leicht aufbrausend, aber ebenso rasch volle Besonnenheit wieder gewinnend. Ordnungsliebend und nett in seiner äußeren Erscheinung, kleidete er sich immer, wie es eben Sitte war, aber auch stets in einer seinen Jahren angemessenen Weise. Lecture, Musik und einsame Spaziergänge, auf denen er seine musikalischen Ideen ausarbeitete, waren seine liebste Unterhaltung. Bekannt ist es von ihm, daß er drei Lieblingsbäume hatte, unter deren Schatten er besonders zu verweilen liebte und unter denen wohl manche seiner lieblichsten Melodien entstanden sein mochten. Einer dieser Bäume befand sich im Prater auf einem Donauarme und gewährte von seinem, mitten unter reicher Vegetation befindlichen Standpuncte eine herrliche Aussicht auf den Leopolds- und Kahlenberg; der zweite, im Augarten stehende, ringsum von Gebüsch umgebene, barg den unter ihm stehenden Künstler vor Aller Augen, während er ihm die Aussicht nach allen Baumgängen des schönen Parkes gestattete; der dritte, in der Brigittenau, gewährte ein imposantes Bild mit seiner Aussicht über Wald, Flur und den Donaufluß auf das imposante Wien und seine Vorstädte. Unter diesen drei Bäumen verlebte S., wie er es selbst gesteht, viele glückliche Stunden, und es war kein geringer Schmerz, den der tief empfindende Künstler und Freund der Natur zu erdulden hatte, als der schreckliche Orkan, der am 1. October 1807 in und um Wien so gräßliche Verwüstungen angerichtet, auch seine drei Bäume im vollen Sinne des Wortes vernichtet hatte; die ersten zwei hatte der Sturm entwurzelt, den dritten bis auf Mannshöhe entzwei gespalten. In seiner Lebensweise war S. sehr mäßig, er trank nur Wasser, Back- und Zuckerwerk liebte er sehr. Im Umgange war er ebenso fein als liebenswürdig, selbst eines sehr dankbaren Gemüthes, war ihm Undank das verhaßteste Laster; wohlthätig, spendete er gerne, so weit es seine Verhältnisse ihm gestatteten. Sein liebstes Gesprächsthema war die Kunst und vornehmlich seine Kunst, über welche er unerschöpflich war. Müßiggang war ihm verhaßt, Unglaube ein Greuel. Wenn er im Unrechte war und es erkannte, gestand er es auch ein, und selbst wenn er im Rechte war und der Streit nur nicht seine, sondern eines Dritten Ehre betraf, behielt er manchmal freiwillig den Schein des Unrechtes aus Liebe zum Frieden. Vor Unglück und Leiden hatte er Furcht, ertrug es aber, wenn es ihn traf, mit Fassung und fand in der Religion seine Zuflucht. Bescheidenes Lob machte ihm Vergnügen, übertriebenes quälte ihn. Er war ungemein empfindsam und gab sich leicht dem Eindrucke einer wehmüthigen Stimmung hin, die wohl zunächst in seinem vorzugsweise poetisch organisirten Gemüthe wurzeln mochte; so geschah es auch, daß ihn nicht selten Todesgedanken beschlichen, obgleich er das hohe Alter von 75 Jahren erreichte. Sonst war er im Verkehre munter und lebhaft; seine Gefälligkeit, seine frohe Laune, sein heiterer, nie beleidigender Witz machten ihn zum angenehmsten Gesellschafter. Im Kreise seiner Familie, wie im Tempel der Natur fand er sich am behaglichsten, und Mosel entwirft nach Salieri’s eigenen Aufzeichnungen ein rührendes Bild seines anmuthenden häuslichen Stilllebens. Von seinen Kindern, ein Sohn und sieben Töchter, wie dieß schon erwähnt worden, gingen ihm [103] der erstere und drei der letzteren noch bei Lebzeiten im Tode voran, so daß er keinen männlichen Erben seines Namens hinterließ. Bald nach seinem Tode hieß es, S. habe handschriftliche Papiere mit Nachrichten über sein inneres und äußeres Leben hinterlassen und dieselben einem seiner vertrauteren Freunde übergeben. Im Jahre 1865 meldeten aber Wiener Blätter (u. a. das Fremden-Blatt in Nr. 84), daß Eduard Rumpler, Beamter der Staatshauptcassen, der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien die eigenhändig geschriebene Autobiographie seines Großvaters, des Hofcapellmeisters und berühmten Componisten Anton Salieri, nebst mehreren interessanten Notizen aus dem Leben dieses seiner Zeit so einflußreichen Meisters, zum Geschenke gemacht habe, welche werthvolle Gabe zur Benützung für spätere Forscher im Vereinsarchive der Gesellschaft niedergelegt wurde.

I. Anton Salieri’s Compositionen. A. Opern. 1770. Le Donne letterate“. Wohl hatte S. schon früher unter Gaßmann’s unmittelbarer Leitung eine Operette: „Die Vestalin“ geschrieben, doch gilt obige Oper: Die gelehrten Frauen, als sein erstes Werk. – „L’ amore innocente“; eine Uebersetzung für deutsche Bühnen hat Stierle bearbeitet. – „Don Chisciotte“. – 1771. „L’Armida“, von dieser Oper hat Professor Cramer im Jahre 1784 einen Clavierauszug mit unterlegter deutscher Uebersetzung herausgegeben. – 1772. „La Fiera di Venezia“, in Uebersetzung unter dem Titel: Die Messe zu Venedig, auch auf deutschen Bühnen gegeben. – „Il barone di Rocca antica“. – „La secchia rapita“, übersetzt von Vulpius unter dem Titel: Das glückliche Abenteuer; auch auf deutschen Bühnen gegeben. – 1773. „La locandiera“. – 1774. „La calamità de’ Cori“. – 1775. „La finta Scerna“. – „Il Trionfo della Gloria e della Virtù“. – „La sconflitta di Bovea“. – 1776. „Delmita e Dalliso“. – 1778. „Europa riconosciuta“, für die Eröffnung des Scala-Theaters in Mailand geschrieben. – „La scuola de’ Gelosi“, in Uebersetzung von Einsiedel unter dem Titel: Die Schule der Eifersüchtigen, auch auf deutschen Bühnen gegeben. – 1779. „La partenza inaspettata“. – 1780. „Il Talismano“, in Uebersetzung von Knigge unter dem Titel: Der Talisman, auf deutschen Bühnen dargestellt; auch für das Clavier deutsch und italienisch (Wien und Berlin) gestochen. – „La Dama pastorella“. – 1781. „Der Rauchfangkehrer“, auf Wunsch des Kaisers Joseph II. zur Begründung eines deutschen Singspiels in Wien geschrieben. – „Die schöne Lügnerin“, gleich der vorigen in deutscher Sprache. – 1782. „La Semiramide“, für den Hof von München geschrieben. – „Les Danaides“, französisch für das Pariser Theater, eines der Hauptwerke Salieri’s, ganz im Geiste Gluck’s und unter dessen Einflusse componirt; im Jahre 1784 in Paris die Partitur gestochen. Die Oper erhielt sich lange auf dem Repertoir, kam noch in späten Jahren, 1817, von Spontini und Persuis mit neuen Balletstücken vermehrt, zur Aufführung und gefiel sehr. – 1783. „Il ricco d’un giorno“. – 1785. „La Grotta di Trofonio“, in Partitur gestochen in Wien und auch unter dem Titel: Die Grotte des Trophonius, auf deutschen Bühnen gegeben; Clavierauszug deutsch und italienisch (Offenbach, Darmstadt, Berlin). – 1786. „Prima la musica, poi le parole“. – „Les Horaces et Curiaces“, gleichfalls für Paris geschrieben. – „Le prince de Tarare“, nach dem Französischen des Beaumarchais, für das Pariser Theater; später, 1788, für die italienische und deutsche Bühne als „Axur, König von Ormus“ bearbeitet. Für das Clavier mit italienischem Texte zu Wien, für das Clavier mit deutschem Texte zu Bonn erschienen. „Tarare“ wurde bald eine Lieblingsoper der Pariser, und die Direction hatte dem Compositeur 13.000 Livres, dem Verleger für die Partitur 2000 Livres bezahlt. Auch Kaiser Joseph II. hörte diese Oper besonders gern, und als im Jahre 1790 Kaiser Leopold nach Wien kam und zum ersten Male das Theater besuchte, wurde ihm zu Ehren diese Oper gegeben. – 1788. „Cublai“. – „Il pastor fido“. – 1789. „L’avaro e il prodigo“. – 1790. „La ciffra“, auch in Uebersetzung auf deutschen Bühnen u. d. Tit.: Das Kästchen mit der Ziffer, aufgeführt und für das Clavier dreimal gestochen, in Wien, Offenbach und Berlin. – „Catilina“. – „Le couronnement de Tarare“, Ballet. –1792 „Il [104] mondo alla rovescia“, für Wien geschrieben. – 1795. „Eraclito е Democrito“, für Wien geschrieben und im Clavierauszuge gestochen. – „Palmira, regina di Persia“, auch in Uebersetzung auf deutschen Bühnen gegeben. Die Oper wurde in glänzender Ausstattung aufgeführt und sind von ihr viele Ausgaben veranstaltet worden: a) im Clavierauszuge von Neefe mit italienischem und deutschem Texte in Bonn; b) im Clavierauszuge von Zulehner in Mainz; c) für’s Clavier in Dresden bei Hilscher; d) ridotta in Quartetti a 2 V., A. e B. in Braunschweig; e) für 2 Flöten in Hamburg; f) die Ouverture für ganzes Orchester in Offenbach; g) dieselbe für’s Clavier in Wien. – 1796. „Il moro“. – 1798. „Falstaff ossia le tre burle“, in Wien im Clavierauszuge gestochen. – 1800.Angiolina ossia il matrimonio per susurro“, in Prag aufgeführt und daselbst im Clavierauszuge gestochen. – „Cеsare in Farmacusa“, in Wien aufgeführt und daselbst gestochen. – 1801. „Annibale In Capua“. – 1802. „La bella selvaggia“. – „Die Neger“, Salieri’s letzte Oper, für das Theater an der Wien geschrieben.
B. Kirchensachen. Davon sind bekannt das Oratorium: La Passione di Jesu Cristo nostro signore, welches sich seiner Zeit in Handschrift in der Westphahl’schen Niederlage zu Hamburg befand; – 1 Salve Regina; – 1 kleine Messe; – 5 andere Messen; – 1 Requiem; – 3 Tedeum; – 1 Vesper; – 40 Graduale, Motetten, Hymnen und Psalmen; – ein zweites Oratorium: „Le jugement dernier“, für Paris 1786 geschrieben – und das „Te Deum laudamus“ für die Kaiserkrönung zu Frankfurt a. M. im Jahre 1792.
C. Kammer-, Concertmusik und andere Compositionen. Hieher gehören viele Chöre, Arien, Balletstücke und Ouverturen, dann Concerte für verschiedene Instrumente, Serenaden[WS 1] und 2 Symphonien, 6 Violin-Quartette und 7 Cantaten. Im Stiche sind erschienen: „Il Genio degli Stati Veneti all’ Entrata delle truppe austriache con accomp. di Cembalo“ (Wien 1800, bei Artaria); – drei Gedichte aus Reißig’s Blümchen der Einsamkeit (Leipzig, bei Kühnel). Auch ist noch einer von Salieri verfaßten Scuola di Canto zu gedenken. Von den oberwähnten Cantaten schrieb S. die eine: „La riconoscenza“, anläßlich der 25jährigen Jubelfeier des von seinem Lehrer und Meister Gaßmann gegründeten Pensionsinstitutes, zu dessen 50jähriger Jubelfeier im Jahre 1821 er sein neues Oratorium: „La Betulia liberata“ zur Aufführung brachte.
II. Zur Biographie. Mosel (I. F. Edler v.), Ueber das Leben und die Werke des Anton Salieri, k. k. Hofcapellmeisters u. s. w. (Wien 1827, Wallishauser, 8°.). – Clement (Felix), Les musiciens ... (Paris 18.., gr. 8°.) p. 194. – Flora. Unterhaltungsblatt (München, 4°.) 1828, Nr. 133, S. 540: „Züge aus A. Salieri’s Leben“. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) V. Jahrg. (1846), Nr. 36: „Salieri’s Grabstein“ und „Salieri’s biographische Skizze“, von Dr. L. A. Frankl. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Köhler, Lex. 8°.) S. 742. – Gerber (Ernst Ludwig), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1792, J. G. I. Breitkopf, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 369. – Derselbe, Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, Lex. 8°.) Bd. IV, Sp. 7. – Hammonia (Unterhaltungsblatt, 4°.) 1827, Nr. 89 u. 90: „Aus Salieri’s Leben“ [nach diesem geboren 19. August 1750]. – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) XV. Jahrg. (1824), S. 458: „Salieri’s Dienstesenthebung“. – Jahrbücher der Literatur (Wien, gr. 8°.) 48. Bd. (1830). – Leipziger musikalische Zeitung (4°.) 1825, Nr. 24: Nekrolog; Nr. 48: „Kleiner Beitrag zu Salieri’s Biographie“, von Anselm Hüttenbrenner. – (De Luca) Das gelehrte Oesterreich. Ein Versuch (Wien 1778, v. Trattnern, 8°.) I. Bandes 2. Stück, S. 341. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilg. Bd. VI, S. 463. – Mittags-Blatt für gebildete Leser aus allen Ständen. Herausg. von Dr. Schütz (Hamburg, 4°.) 1827, Nr. 9, 11, 49, 50: „Züge aus A. Salieri’s Leben“. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Ilmenau, Bernh. Fr. Voigt, kl. 8°.) III. Jahrg. (1825), Bd. I, Nr. XXIX, S. 485, von Rochlitz. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortges. von Ed. Bernsdorf (Dresden 1857, Rob. Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 418. –Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien [105] 1835, 8°.) Bd. IV, S. 463 [nach dieser geb. 29. August 1750]. – Oesterreichischer Zuschauer, herausgeg. von Ebersberg (Wien, gr. 8°.) Jahrg. 1838, Bd. III, S. 1052 [nach diesem geb. am 29. August 1750, gest. 7. Mai 1825]. – Pappe (J. J. C.), Lesefrüchte u. s. w. (Hamburg, 8°.) 1827, Bd. 4, S. 33 u. 123: „Aus Ant. Salieri’s Leben“. – Realis. Curiositäten- und Memorabilien-Lexikon von Wien (gr. 8°.) Bd. II, S. 297. – Allgemeine Theater-Zeitung. Herausgegeben von Ad. Bäuerle (Wien, gr. 4°.) XVIII. Jahrg. (1825), Nr. 99: Nekrolog. – Wiener allgemeine Musik-Zeitung. Von Dr. Aug. Schmidt (4°.) VI. Jahrg. (1846), Nr. 107 u. 108: „Antonio Salieri“ [nach dieser geb. 19. August 1750, gest. 7. Mai 1825. Wie die Angaben seines Geburtsdatums wechseln, so heißt auch sein Geburtsort bald Legnano, Lignano, Legnago; ersteres ist das richtige]; – dieselbe 1847, Nr. 56 u. 57: „Grabschriften berühmter Personen“. – Wiener Zeitschrift für Kunst u. s. w. (8°.) 1825, Nr. 102: Nekrolog von Weidmann .
III. Porträte. Unterschrift: Antonio Salieri | Alla Signora Angelica Catalani | Vienna 16. Februar 1821. – D. D. D. Fr. Rehberg. Zu beiden Seiten des Brustbildes: Ant. Salieri nat. a Legnago 19. Aug. 1750. – Fr. Rehberg ad viv. del. Vienna 6. Febr. 1821.
IV. Salieri’s Grab. Salieri liegt auf dem Matzleinsdorfer Friedhofe in Wien begraben. Das ihm dort errichtete Denkmal war im Laufe zweier Jahrzehnde so verwittert und zerfallen, daß im Jahre 1846 ein Aufruf erging, dasselbe restauriren zu lassen. Demzufolge wurde der nach Errichtung des Gluck’schen Denkmale verbliebene Rest zunächst zur Restauration des Salieri’schen Grabsteins bestimmt und die fehlende Summe von den Angehörigen der in Wien lebenden Familie Salieri’s ergänzt. So wurde dann der 6 Schuh hohe, von den Elementen stark angegriffene Obelisk aus Sandstein neu abgeschliffen, auf der Vorderseite mit Leier, Kranz und Sonne in Gold verziert, die am Fuße des auf Felsen ruhenden Obeliskes befindliche Marmortafel mit der darauf angebrachten, von Joseph Weigel verfaßten Inschrift wurde beibehalten und derselben nur beigefügt: „erneuert 1846“. Der so restaurirte Grabstein wurde am 96. Geburtstage des verewigten Meisters, am 19. August 1846, in aller Stille gesetzt, welcher Feier nur Wenige, die davon Kenntniß hatten, beiwohnten. Die Schmidt’sche „Wiener allgemeine Musikzeitung“ brachte im Jahrg. 1846 zu Nr. 107 u. 108 als Beilage die Abbildung des Denkmals, und dieselbe in der Anmerkung des Artikels Antonio Salieri, wie die Frankl’schen „Sonntagsblätter“ 1846, Nr. 36, ausführlichere Mittheilungen über diese Restauration.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Serenaten.