BLKÖ:Hüttenbrenner, Anselm

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 9 (1863), ab Seite: 406. (Quelle)
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Hüttenbrenner, Anselm[BN 1][BN 2] (Tonsetzer, geb. zu Gratz 13. October 1794). Der Sohn eines geachteten Rechtsgelehrten, zeigte er in früher Jugend hervorragendes Talent für die Musik. Der Domorganist Matthäus Gell unterrichtete ihn im Clavierspiel, in welchem Anselm so schöne Fortschritte machte, daß der erst 8jährige Knabe 1802 im Redoutensaale zu Gratz ein Mozart’sches Concert geläufig und taktsicher vortrug. 1808 begann er das Studium des Generalbasses. Nach beendeten philosophischen Studien trat er 1811 in den Cisterzienser-Orden zu Rein, den er aber nach anderthalb Jahren wieder verließ. Sich nun ganz dem Studium der Musik widmend, begab er sich sofort nach Wien, wo ihm Salieri durch fünf Jahre unentgeltlichen Unterricht in der Composition ertheilte. Schon in jener Zeit erschienen von H. einige Variationen und ein Streichquartett im Stiche; 1819 componirte er auch die Oper: „Die französische Einquartierung“, welche jedoch wegen Mangelhaftigkeit des Libretto nicht zur Aufführung gelangen konnte. Nun kehrte H. nach Gratz zurück, wo er fleißig componirte und 1827 seine zweite Oper: „Die beiden Viceköniginen“, zur Aufführung brachte; sie fand beifällige Aufnahme. Auch beschäftigte sich H. um jene Zeit fleißig mit der musikalischen Kritik, und der „Sammler“, die Bäuerle’sche „Theaterzeitung“, die „Wiener Musik-“ und die „Leipziger musikalische Zeitung“ brachten seit 1819 aus seiner Feder viele Concert- und Opernkritiken, wie auch andere musikalische Aufsätze. Am 1. Juli 1824 wurde H. Director des Musikconservatoriums in Gratz und wendete als solcher den Gesang- und Instrumentalschulen desselben seine besondere Aufmerksamkeit zu. Auch gingen während der Zeit seiner Leitung aus dieser Anstalt mehrere ganz vorzüglich gebildete Gesangschülerinen hervor. Als H. in der Folge von der Leitung des Conservatoriums zurücktrat, lebte er ganz seiner Kunst und schrieb viel, aber wenig für den Druck. Und selbst dieß wurde ihm verleidet, seit die sogenannte „Zukunftsmusik“, deren entschiedener Gegner H. ist, sich immer mehr und mehr Bahn bricht. Seither lebt H. als Jäger und Landmann auf den Besitzungen seiner Söhne bei Gratz auf der Antritz. Hüttenbrenner’s Leben als das eines Musikers aus ganzer Seele geht in seinen Compositionen auf. Ein möglichst vollständiges Verzeichniß seiner sowohl gedruckten und ungedruckten Arbeiten wird im Folgenden zum ersten Male mitgetheilt: Opern: „Die französische Einquartierung. Komische Oper in 3 Acten. Text von Schütz“; die Ursache, warum diese Oper nicht gegeben wurde, ist bereits oben erwähnt; – „Die beiden Viceköniginen oder Armella. Komische Oper in 3 Acten. Text von Kollmann“, in Gratz unter Director Stöger’s Direction gegeben; – „Lenore. Oper in 3 Acten. Text von C. G. Ritter von Leitner“; in Gratz mehrere Male mit großem Beifalle gegeben. Diese Oper ist H.’s Hauptwerk. Bereits für das kais. Hofoperntheater in Wien unter Duport’s Leitung angenommen und eigens zu diesem Zwecke neu bearbeitetet, unterblieb die Aufführung in Folge des mittlerweile eingetretenen Directionswechels; – „Oedip auf Kolonos. Oper in 3 Acten. Text nach Sophokles“. – Messen: „Missa solennis in Es-dur“, – in „C-dur“, – in „G-dur“, – in „E-dur“, – in „F-moll“, – in „F“; – „Männerquartett-Messe in C-dur“. – Requiems: „Doppelchorige Seelenmesse in C-moll“, nach Salieri’s und Beethoven’s Tode aufgeführt in Gratz, nach Schubert’s Tode in der Augustiner Hofkirche in Wien; – [407] „Requiem in D-moll, aufgeführt in mehreren Kirchen zu Gratz, Admont und Radkersburg, – „Requiem in F-moll, dem Andenken des Herzogs von Reichstadt gewidmet“, aufgeführt in der Domkirche zu Gratz. – Symphonien: „Drei ältere und zwei neuere“ (letztere in A-moll und C). – Sonaten und andere Compositionen: „3 zweihändige Sonaten“, davon eine bei Ferstl in Gratz aufgelegt; – „3 vierhändige“; – „Variationen in E-dur“, aufgelegt in Wien bei Steiner und Comp.; – „1 Concertino“; – „1 Concert-Polonaise“; – „2 Elegien“; – „Violinquartett in E-dur“, aufgel. bei Steiner und Comp.; – ein zweites noch Manuscript; – „1 Quintett für Violine, 2 Violen, Cello und Violon“; – „Duo für Pianoforte und Violoncell“, aufgel. in Wien bei Steiner und Comp.; – „Tableaux musicales für das Pianoforte“, aufgel. in Wien bei Diabelli; – „Rondo pastoral a 4 mains“, aufgel. bei Sauer und Leidesdorf; – „Marche funebre“ als Beilage Nr. IV zur allgemeinen musikalischen Zeitung (in Leipzig), 1825, Nr. 42; – „2 Trauermärsche“, einer dem Andenken des Marschalls Radetzky, der andere dem des Generals Havelock geweiht, beide 4händig; – „Festcantate zur Feier der Enthüllung der Franzensstatue in Gratz“ (19. August 1841). Clavierauszug in Gratz bei Lampel.– Ouverturen, für großes Orchester componirt und zu vier Händen arrangirt: „Zum Trauerspiel „König Tordo“ von Leitner“; – zu Schiller’s „Jungfrau von Orleans“, „Don Carlos“, „Räuber“ und „Maria Stuart“; – „Patriotische Ouverture“; – „Concert-Ouverture in F-dur“; – „Ouverture zur eigenen Oper „Lenore“, zu 2 und 4 Händen in Wien gedruckt erschienen; – „Ouverture zur eigenen Oper „Oedip“; – „Ouverture in C“, für Orchester und 4händig in Wien aufgeführt (20. Mai 1832). – Lieder, Quartetten und andere Compositionen: „Der Seekönig. Gedicht von Frau Remekházy“, gedruckt in Wien; – „Die Blume“, gedruckt als Beilage zur Modezeitung; – „Die innere Welt“, in dem von Schilling herausgegebenen „Beethoven-Album“, 160 Gedichte von Hilarius (Freiherr von Rost); – „Nachruf an Beethoven. In Accorden am Pianoforte“ (1829); „Nachruf an Schubert, in Trauertönen am Pianoforte“ (1830), beide in Wien gedruckt; – „20 Geisterscenen und 24 Fugen für Pianoforte und auf 2 Hände“; – 40 Gedichte von C. G. Ritter von Leitner, Uhland, Bürger, Zusner u. A., mehrere 4stimmige Psalmen zur Aufführung im Wiener Judentempel, 300 Männerquartetten und Chöre, davon ein Vocalquartett mit Pianofortebegleitung: „Der Abend“, gedruckt bei Sauer und Leidesdorf; – ferner viele Divertissements, Elegien, Souvenirs, Rondo’s, Adagio’s, und Andante’s zu 4 Händen. Auch redigirte H. zwei Jahrgänge des bei Kaiser in Gratz erschienenen „Musikalischen Heller-Magazins“, in welchem viele seiner eigenen Beiträge enthalten sind, ferner setzte er vierhändig eine unvollendete Symphonie in H-moll von Schubert, die Bergknappen-Symphonie von Mozart, und mehrere Choräle von Sebastian Bach. Es ist, wie aus vorstehender Uebersicht erhellet, Anselm H. ein schöpferisches Talent von seltenem Reichthum und wenn H. nicht so durchgedrungen, wie er es nach Urtheilen von Kennern seiner Werke verdiente, so ist es vornehmlich dem Umstande zuzuschreiben, daß es ihm nicht gegönnt gewesen, die Werke seines Genius dort zur Aufführung zu bringen, wo ein großes kunstsinniges Publikum dem Künstler gleichsam die Weihe der Anerkennung verleiht. Viele große Talente gehen so an der [408] Oertlichkeit, an welche sie gebannt sind, zu Grunde. An Hüttenbrenner, den Schüler Salieri’s, den Freund Beethoven’s, in dessen Armen dieser musikalische Titane (26. März 1827, Nachmittag 5 Uhr) seine Seele aushauchte[1], Franz Schubert’s. Aßmayr’s, Gyrowetz u. A., muß die Zukunft zahlen, was die Vergangenheit verschuldete. Hüttenbrenner’s Genius ist in musikalischen Kreisen mannigfach gewürdigt worden. Während ihn die philharmonischen Gesellschaften in Krain, Kärnthen und Croatien, dann die Musikvereine in Gratz, Marburg und Ischl in ihren Kreis aufgenommen, hat ihn der deutsche Nationalverein für Musik und ihre Wissenschaft zu seinem Ehrenmitgliede ernannt. Ueber Anselm’s H. Familienverhältnisse siehe das Nähere in den Quellen.

Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden 1857, Schäfer, Lex. 8°.) Bd. II, S. 461. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, Lex. 8°.) S. 448. – Allgemeiner musikalischer Anzeiger (Wien, Tob. Haslinger, 8°.) 1. Jahrgang (1829). F. 127; 2. Jahrg. (1830), S. 10. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842. F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 175. – Theater-Zeitung, herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, 4°.) 1835, Nr. 151; – Dieselbe, 1837, Nr. 153. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 18345, 8°.) Bd. VI, Supplement. S. 489. – Der Aufmerksame (Gratzer Unterhaltungsblatt, 4°.) Jahrg. 1825, Nr. 74 [über H.’s Requiem in C-moll). – Hormayr’s Oesterreichisches Archiv für Geschichte u. s. w. (Wien, 4°.) 1825, Nr. 101 und 102, S. 630: „Das Todtenamt. Phantasie von C. G. v. L.“ [Dieses Phantasiespiel wurde durch ein Requiem Hüttenbrenner’s, am 16. Juni 1825 in der Kirche der barmherzigen Brüder zu Gratz aufgeführt, veranlaßt. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich den Ritter von Leitner für den Verfasser halte, wenigstens deutet die Chiffer (C. G. v L. auf ihn hin.] – Ueber Hüttenbrenner’s Familie. Anselm H. war mit einer Tochter des russischen Staatsrathes von Pichler verheirathet. Aus dieser Ehe leben drei Söhne und sechs Töchter. Von ersteren leben zwei Peter und Paul als pensionirte Hauptleute des Infanterie-Regiments König der Belgier in Gratz; der dritte ist kais. Beamter daselbst. Von den Töchtern sind zwei an Hauptleute der kais. Armee verheirathet, eine an den Regimentsarzt Lackner, die vierte an den Bankier Novak in Gratz, zwei sind noch unvermält. Von Anselm’s Geschwistern war Heinrich[WS 2] Professor der Rechte und belletristischer Schriftsteller, seiner Zeit ein fleißiger Mitarbeiter von Bäuerle’s „Theater-Zeitung“, eine Schwester war an den Major und Ritter des Maria Theresien-Ordens, Martin Teimer Freiherrn von Wiltau, eine zweite an den jüngst verstorbenen General-Major Andreas von Pichler verheirathet. Noch ein Bruder Anselm’s, Joseph, lebt in Wien als pensionirter Adjunct des Staatsministeriums und diesem verdankt Herausgeber dieses Lexikons mehrere Einzelheiten und das Verzeichniß von Anselm’s Compositionen in der obigen Skizze. – In französischen und englischen Werken wird Hüttenbrenner öfter Hutten Brenner genannt. Einem größeren musikalisch-kritischen Aufsatze, betitelt: „Mozart, Beethoven, Hüttenbrenner und Schubert“, entnehmen wir folgende musikalische Charakteristik Hüttenbrenner’s: „H. ist, heißt es darin, gelehrter Musiker, ist Meister im Contrapunkt und in der Instrumentation; aber er ist nicht nur ein ausgezeichneter Harmoniker, sondern auch ein von der wahren Weihe der Tonmuse beseelter Melodiker, ein Beherrscher der Cantilene. Zeugniß von seiner reichen Phantasie gibt insbesondere sein in Deutschland nun so seltenes Improvisationstalent auf dem Pianoforte und auf der Orgel“. – Als interessante Einzelheit sei hier bemerkt, daß, als am 7. März 1821.[WS 3] der Sänger Vogl zum ersten Male [409] Schubert’s berühmte Composition zum Erlkönig unter rauschendem Beifall, vortrug, es Anselm H. war, der die Pianobegleitung spielte. Schubert, H.’s Freund, der ihn gewöhnlich seine musikalische Stütze nannte, widmete ihm eine leider unvollendet gebliebene Symphonie, die sich in H.’s Besitz befindet und von diesem vierhändig für das Piano gesetzt ist.

  1. In einem an Herrn W. Thayer, Tonkünstler aus Boston, gerichteten Schreiben Hüttenbrenner’s, datirt: Hallerschloß bei Gratz 20. August 1860, welches Herausgeber dieses Lexikons einzusehen Gelegenheit hatte, befinden sich interessante Details über Beethoven’s Tod.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Hüttenbrenner, Anselm, Tondichter [s. d. Bd. IX, S. 406].
    Durch den in meinem Lexikon veröffentlichten ersten authentischen Lebensabriß dieses Tondichters wurde eine ausführlichere, meinen Artikel ergänzende Lebensskizze veranlaßt, welche in der (Gratzer) Tagespost 1863[WS 1], Nr. 173, 478 u. 179 unter dem Titel: „Ein steirischer Tondichter“ von einem Ungenannten erschienen ist. Meine und diese Lebensskizze ergänzen sich wechselseitig. [Bd. 11, S. 433.]
  2. E Hüttenbrenner, Anselm [Bd. IX, S. 406; Bd. XI, S. 433].
    Leitner (C. G. Ritter v.), Anselm Hüttenbrenner. Eine nekrologische Skizze. Für Freunde besonders nachgedruckt aus …. der Großer „Tagespost“ (Groß 1868, 12°., 28 S.). [Bd. 28, S. 355.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1683.
  2. Heinrich Hüttenbrenner (Wikisource) und Heinrich Hüttenbrenner (Wikipedia).
  3. Vorlage: 7. März 1827