BLKÖ:Hardegg-Glatz und im Machlande, Johann Heinrich Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 7 (1861), ab Seite: 355. (Quelle)
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Hardegg-Glatz und im Machlande, Johann Heinrich Graf (General der Cavallerie, Militär-Gestüts- und Remontirungs-Inspector, Ritter des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Wien 14. Mai 1778, gest. ebenda 11. Juni 1854). Der 11. Sohn des Grafen Johann Anton Conrad aus dessen Ehe mit Marie Augustine Gräfin von Wilczek und Bruder des Vorigen. Nach einer sorgfältigen, seinen Eintritt in den Militärstand vorbereitenden Erziehung begann der Graf am 1. September 1793 – kaum 16 Jahre alt – als Unterlieutenant im 5. Chevauxlegers-Regimente Kinsky seine militärische Laufbahn; im folgenden Jahre machte er den Feldzug gegen Frankreich mit und wurde am 1. October 1795 Oberlieutenant. Seine erste Waffenthat vollbrachte er bei Gießen am 16. September 1796, wo er die zwei in Unordnung gerathenen Grenadier-Bataillone Candini und Apfaltern gegen den dreifach überlegenen Feind mittelst einer Abtheilung Chevauxlegers losmachte und den bereits gefangenen General Schellenberg nebst vielen Grenadieren wieder befreite. Das für diese That laut Zeugniß aus dem Feldlager bei Rastatt am 24. September 1796 ihm zugesprochene Maria Theresienkreuz erhielt H. dieses Mal nicht; doch wurde er außer der Tour am 16. August 1797 zum Rittmeister ernannt. In den Jahren 1799 und 1805 focht H. in Italien, wurde am 4. Jänner 1806 Major, 1807 Oberstlieutenant im 3. Uhlanen-Regimente Erzherzog Karl; im Fahre 1809 focht er in Deutschland, und zwar mit Auszeichnung bei Landshut (16. April), wo er die feindliche Arrieregarde bis nach Altdorf verfolgte. Nach der Schlacht von Aspern, in der Relation des Feldmarschall-Lieutenants Klenau unter den Braven des Tages genannt, rückte H. zum Obersten vor (27. Mai 1809). Bei Wagram und in den Gefechten bei Hollabrunn und Schöngrabern (10. Juli) zeichnete sich H. neuerdings aus, indem er durch geschickte Benützung des Terrains, einerseits dem weit überlegenen Feinde das Vordringen streitig machte, andererseits mit sehr geringem Verluste den Punct erreichte, wo seine und die anderen Truppenabtheilungen gegen jeden feindlichen Angriff gesichert waren. Da vier Mitglieder des Maria Theresien-Ordens, der Feldzeugmeister Fürst Reuß, und die Feldmarschall-Lieutenants Freiherr Hiller , Vincent und Schustek ihm unaufgefordert aus Tyrnau vom 31. August 1809 das Tapferkeitszeugniß ausstellten, erhielt H. mit Armeebefehl vom 24. October das Ritterkreuz des Ordens. Im August 1810 trat H. mit Oberstens-Charakter aus der Armee; als aber im Jahre 1813 die Kämpfe von Neuem begannen, nahm er wieder Dienste und zwar als überzähliger Oberst im 3. Chevauxlegers-Regimente O’Reilly, bis er am 1. November d. J. wirklicher Oberst des 6. Dragoner-Regiments und am 26. December d. J. General-Major mit der Anstellung bei [356] der Hauptarmee wurde. An dem Entscheidungskampfe des Jahres 1815 Theil zu nehmen, obgleich bereits zur Armee designirt, wurde H. durch seine Anstellung als Remontirungs-Inspector, von welcher Stelle Feldmarschall-Lieutenant Bubna enthoben ward, verhindert. Mit Hardegg’s Antritt dieses Postens beginnt im österreichischen Militär-Gestütswesen eine neue Aera. Es ist nicht die Aufgabe dieses Lexikons, H.’s erfolgreiches Wirken in dieser Sphäre in seinen Einzelheiten darzustellen, aber die allgemeinsten Andeutungen dürfen auch hier nicht fehlen. Von dem Gesichtspuncte ausgehend, daß die Verbesserung und Verbreitung der Pferdezucht nicht nur als ein wesentliches Mittel zur Erhöhung des Nationalreichthums, sondern auch als unabweisliches Bedürfniß des Staates für die Pferdeergänzung des Kriegsheeres aus eigener Bezugsquelle anzusehen sei, begann H. seine Reformen und Verbesserungen. Erstens mußte dem Mangel gut verwendbarer Landbeschäler, der sich im Jahre 1813 schon sehr fühlbar und für die Zukunft besorgt machte, abgeholfen, und dann die Organisirung tüchtiger Militärgestüte (Stammzuchten) durchgeführt werden. Als H. seinen Posten antrat, gab es sieben kais. Militärgestüte, u. z. in Ungarn Mezöhegyes (Grundfläche 27.885 n. ö. Joch und 582 Zuchtstuten), Babolna (7115 Joch und 91 Zuchtstuten); in der Bukowina Radautz (anfänglich Grundfläche 29 □Meilen, nach 1848 186.941 Joch und 316 Zuchtstuten); in Böhmen Hawransko und Nemoschitz, ersteres 1816, letzteres 1830 aufgelassen und die Zuchtpferde nach Mezöhegyes eingetheilt; in Steiermark Piber (Grundfläche 1175 Joch und 46 Zuchtstuten); in Kärnthen anfangs Kolnitz, und als dieses 1816 dem Benedictinerstifte St. Paul zurückgegeben wurde, Ossiach (Grundfläche 3051 Joch und 54 Zuchtstuten), also in allen Militärgestüten 1089 Zuchtstuten; im Jahre 1854, in welchem Jahre Hardegg, der bis an seinen Tod sein Amt versah, starb, gab es in Mezöhegyes 915, in Babolna 182, in Radautz 572, in Ossiach 77, in Piber 68, und im neuerrichteten Gestüte Kisbér, zur Organisirung einer Stammzucht mit der besonderen Widmung für Ungarn schon 1844 projectirt, aber erst 1852 genehmigt, 64, im Ganzen 1878 Zuchtstuten; es hatte sich also die Zahl derselben seit 1815 um 789 Stück vermehrt. Zu den von H. theils angebahnten, theils durchgeführten Reformen im Gestütswesen zählen: Die specielle Auswahl der weiblichen und männlichen Zuchtthiere für eine ersprießliche Fortpflanzung; die Abschaffung der willkürlichen freien Rudelbelegung; höchsten Orts erwirkte Belohnungen der Gestütsmannschaft für jedes das Verhältniß von zwei Drittheilen der gedeckten Stuten übersteigende Füllen; die Norm zum Aufbau zweckmäßiger Stallungen; eine bessere Hufpflege; die Richtschnur für den thierärztlichen Wirkungskreis; die Zähmung der Gestütspferde im Füllenalter; die theilweise Verwendung der Zuchtstuten zum Arbeitsgebrauche; die Regelung des Futterausmaßes für jede Pferdegattung mit Bestimmung der Weidezeit; die Modalität der jährlichen Pferdeclassification mit Hinblick auf Tüchtigkeit für die differenten Bestimmungen; die Bezeichnung der Pferde mit dem Gestütsbrande: Deutlichkeit in Führung der Gestütsgrundbücher mit Aufzeichnung des Signalements, der Abstammung, Nachartung; des vorgeschrittenen Wachsthumes, der überstandenen Krankheiten, sowie etwaiger Bildungsmängel eines jeden einzelnen [357] Stückes. Die Absicht Hardegg’s, in Mezöhegyes, dem großartigsten Gestüte des europäischen Continents, ein Lehrinstitut für Pferdekunde zu begründen, dessen Gemeinnützigkeit nicht bestritten werden kann, scheiterte an finanziellen Bedenken. Aber den Umschwung im Wirthschaftsbetriebe auf den einzelnen Gestüten, dessen Durchführung in die Hände des Gestüts-Inspectors gelegt, und keiner hindernden Beeinflußung von Außen ausgesetzt war, diesen im großartigsten Maßstabe durchzuführen, war dem Feldmarschall-Lieutenant Hardegg vorbehalten. Mezöhegyes bietet das getreueste Bild seiner Leistungen. Im Jahre 1815 war Mezöhegyes eine unabsehbare Steppe (Puszta), ohne Saatfeld, ohne Baum, bewachsen mit Haidekraut, Ginster und Unkraut; gegenwärtig von stattlichen Alleen durchzogen, von mannigfaltigen und umfangreichen Baum- und Waldgruppen belegt, mit einer blühenden Bodencultur ausgestattet, gewährt es einen freundlichen, wohlthuenden Eindruck. Mit einer bewunderungswürdigen Beharrlichkeit verfolgte H. sein Ziel, alle Hindernisse besiegend, worunter der schwer zu bearbeitende Boden einen großen, aber altherkömmlicher Schlendrian und Böswilligkeit noch größere Factoren bilden. 1816 begann H. seine Reformen, und der von einem Pfluge vordem nie berührte Boden wurde im Umfange von 2431 Joch aufgebrochen, und schon in wenigen Jahren konnten 17.000 Metzen des ärarischen Roggens und Weizens an die ärarische Verpflegsanstalt veräußert werden. Diese seit 1825 in erfreulicher Weise sich wiederholenden und steigernden Erfolge erweckten den Neid und die Scheelsucht der benachbarten Gutsverwaltungen, welche das gehässige Gerücht verbreiteten, daß Graf Hardegg für ein Unternehmen Geld vergeude, das nie ein nachhaltiges Ergebniß verspreche. Als dieses Gerücht zu den Ohren des Monarchen gelangte, wurde der damalige Präsident der ungarischen Hofkammer beauftragt, der Sache „auf den Grund zu sehen und das Ergebniß der Prüfung war, daß nicht nur das böswillige Gerücht sich als Lüge darstellte, sondern Mezöhegyes als eine wahre Musteranstalt erklärt wurde. Außer einer Mahlmühle, Brotbäckerei, Oelpresse und Ziegelbrennerei, welche technischen Nebenanstalten den Hauptzweck der Pferdezucht nicht beeinträchtigen, war H.’s Augenmerk auf die Zucht der Thiere und eine dieselbe im hohen Maße fördernde Verbesserung und Entwickelung des Bodens gerichtet. H. hatte es zu einem jährlichen Durchschnittserträgniß von 70.000 Metzen Hafer, 16.000 Metzen Gerste, 20.000 Metzen Roggen und Weizen, 2000 Metzen Oelfrucht, 4.000 Metzen Mais, 140.000 Pfund Heu und 250.000 Pfund Futter- und Streustroh gebracht. Der Waldbau, der 1822 anhebt, gedieh in gleich erfreulicher Weise; in einer Ausdehnung von 1221 Joch ausgeführt, warf er während eines 23jährigen Zeitraumes bis 20.000 n. ö. Klafter Brenn- und Gerätheholz ab und ist der Holzbedarf für das ganze Institut mit 20jähriger Umtriebszeit sichergestellt. Diese Ergebnisse sprechen für sich selbst, insbesondere, wenn man bedenkt, daß noch im Jahre 1815 der größte Theil des Hafer- und Heubedarfes für die Pferde des Gestütes angekauft werden mußte. In analoger Weise wirkte Hardegg in den kleineren Gestüts-Territorien, brachte in den nöthigen Aufwand aller Verwaltungszweige der ihm untergeordneten ärarischen Anstalten sorgfältige Sparsamkeit, ordnete das Rechnungswesen, trennte die Verrechnungspflicht [358] der Gestüte von der Feldwirthschaft, brachte Einnahme und Ausgabe zu genauer Evidenz und setzte durch Anstellung kriegscommissariatischer Beamten die Local-Controle ein. In gleicher Weise, wie Graf Hardegg den Fortschritt der Stammzucht in den ärarischen Militärgestüten und ihre agricolen Verhältnisse organisirte, so suchte er auch die Landes-Pferdezucht durch die ärarische Beschälanstalt emporzubringen. Während im Jahre 1815 im Ganzen 1411 Landbeschäler ausgestellt waren, zählte im Jahre 1854 der Stand der Landbeschäler 1988 Stücke[1], welche mit beginnendem Frühjahre in die nach Verhältniß der Stutenzahl bestimmten Beschälbezirke vertheilt werden, um die dort vorhandenen zuchtfähigen Stuten ohne Entgelt zu decken. Dabei organisirte H. die länderweise Vertheilung der ärarischen Sprunghengste zur Fortpflanzung mit steter Rücksicht auf den verschiedenartigen Pferdeschlag und auf die Anzahl geeigneter Zuchtstuten; die Auswahl der Beschälstationen in Ansehung des Pferdezuchtbedürfnisses, der Lage und Verbindung (Communication) mit Sicherstellung der einzelnen Unterkünfte; die Dauer der Beschälzeit; die Untersuchung und Beurtheilung der für die Fortpflanzung geeigneten Landesstuten, wie auch die Art und Weise der vorzunehmenden Paarung; Disciplin und strenge Dienstordnung für das angestellte Personale, kraft welcher die bessere Pflege und längere Dienstfähigkeit der ärarischen Beschäler erreicht wurde; führte die Belehrung des bäuerlichen Züchters und dessen Aufmunterung durch öffentliche Vertheilung jährlicher Pferdeprämien ein; ferner die Führung der Beschälregister, Eruirung der erzeugten Füllen, Erstattung von Jahresberichten über den Erfolg und die Beschaffenheit der Landesbeschälung als nachweisbare Evidenz des Zustandes der länderweisen Pferdezucht. Die Pferdezucht im Kaiserstaate in ihrer gegenwärtigen Entwickelung nimmt unter den Zuchten des europäischen Festlandes eine der ersten Stellen ein; Oesterreich besitzt Pferde für den Reitdienst von der kleinsten bis zur größten Gattung, für das Gespann des leichten und schweren Fuhrwerkes. Die Gesammtmenge erhebt sich auf 3,305.000 Stück, so daß auf eine österreichische □Meile 285 Pferde entfallen. Hardegg arbeitete auch darauf hin, einerseits den Staatsschatz für dieses Bedürfniß zu schonen und doch andererseits Oesterreich vom Auslande unabhängig zu machen, so daß seit 1846 die Armee-Remontirung durchaus in der Monarchie selbstständig besorgt und selbst der Bedarf der leichten Pferde vom Inlande gedeckt wird. So wurde der Remontenbedarf im Jahre 1848 mit 21.000, im Jahre 1849 mit 30.000 und 1851 mit 11.000 Armeepferden in den österreichischen Kronländern ohne Beschwerniß und unabhängig vom Auslande und mit verhältnismäßig geringen Preisbestimmungen aufgebracht und dessen ungeachtet, nachdem der landwirthschaftliche Bedarf im Inlande reich gedeckt war, eine beträchtliche Pferdemenge über die Grenze nach Sachsen, Bayern, in die Schweiz, nach Frankreich und Süd-Italien ausgeführt. Auch erwirkte H. schon im Jahre 1816 die Verfügung, daß das Verladen des [359] schweren Artilleriegutes, wofür man früher mit Großfuhrleuten contrahirte, durch ärarisches Gespann (Militär-Fuhrwesen) besorgt wurde, auf welche Weise eine Mehrausgabe dem Militär-Aerar erspart und die rasche und pünctliche Vollführung der Armeeverfügungen erzielt wurde; er steuerte dem Monopolunwesen der Pferdelieferanten durch Einführung ambulanter Remonten-Assentirungscommissionen, bei Benützung der Märkte in den pferdereichen Gegenden der Kronländer, wo von dem bäuerlichen Pferdezüchter die Remonten ohne Vermittelung erkauft werden, und wirkte bei gleichzeitiger Veredlung der Zucht auch auf eine den Bodenverhältnissen entsprechende Vermehrung der Menge. Nach diesem Ueberblicke der Thätigkeit, welche H. in der Vervollkommnung des Gestütswesens im Kaiserstaate entwickelt, sind nur noch Einzelnheiten, welche seine dienstliche Laufbahn betreffen, anzuführen. Im Jahre 1819 wurde H die Direction des Wiener Neustädter Equitations-Institutes übertragen, welche er bis zu dessen Auflösung im Jahre 1823 führte. Schon im Jahre 1819 mit dem Commandeurkreuze des Leopold-Ordens ausgezeichnet, wurde er am 5. November 1826 Inhaber des 7. Kürassier-Regiments und rückte am 11. Februar 1828 zum Feldmarschall-Lieutenant vor; erhielt mit Hofdecret vom 9. Februar 1839 die geheime Rathswürde, welcher am 3. März 1843 die Ernennung zum Generalen der Cavallerie und etliche Monate vor seinem Hinscheiden, 20. April 1854, die Verleihung des Großkreuzes des Leopold-Ordens folgte. H. war 77 Jahre alt geworden, von denen er 57 dem Monarchen und dem Staate erfolgreich gedient. Er war unvermält geblieben. Seine Leiche, deren Einsegnung mehrere Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses beiwohnten, wurde in die Familiengruft nach Seefeld gebracht.

Oesterreich. Militär-Kalender, herausg. von Hirtenfeld (Wien, kl. 8°.) Jahrg. VI (1855), S. 117. – Oesterreich. Militär-Conversations-Lexikon von Hirtenfeld, Bd. III, S. 56. – Hirtenfeld, Der Militär-Maria Theresien-Orden und seine Mitglieder (Wien 1856, Staatsdruckerei, 4°.) S. 1051, 1747. – Porträt. Stahlstich (Gotha, Just. Perthes, 8°., auch im Gothaischen Almanach).

  1. Sie verteilten sie folgendermaßen: für Oesterreich ob und unter der Enns, Salzburg und Tirol 160; für Steiermark, Kärnthen, Krain, Küstenland und Friaul 303; für Böhmen 535; für Mähren und Schlesien 266; für Galizien und Krakau 299; für die Bukowina 65; für Oberungarn 120; für Niederungarn und Banat 50; für Siebenbürgen 156; für die croatisch-slavonische Militärgrenze 34 Stück.