BLKÖ:Hell, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Hell, Camillo
Band: 8 (1862), ab Seite: 257. (Quelle)
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Hell, Joseph (Bildschnitzer, geb. im Dorfe Vomp bei Schwaz in Tirol 23. August 1789, gest. auf dem Schlosse [258] Tirol 22. Mai 1832). War der Sohn unbemittelter Bauersleute. Im Jahre 1805 kaufte der Vater ein kleines Anwesen im Dorfe Völs bei Innsbruck, wohin er auch mit seiner Familie übersiedelte. In der Dorfschule erhielt Joseph einen unzulänglichen Unterricht, erlernte aber doch fertig lesen und incorrect schreiben. Sein Kunstschnitzersinn scheint durch den Anblick der sogenannten Weihnachtskrippen, die er hie und da in Kirchen und Privathäusern sah, wach gerufen worden zu sein, und er begann auch zuerst kleine Krippenfiguren zu schnitzen. Doch erlaubte ihm die Feldarbeit nicht, sich viel damit zu beschäftigen; er fing also immer wieder etwas an, warf es dann weg oder verbrannte es. Um aber etwas, was ihm besonders gefiel, nicht aus dem Gedächtnisse zu verlieren, zeichnete er es sich so gut er konnte auf, um später darnach zu schnitzen. So wurde er sein eigener Zeichnenlehrer. Aber sein Vater eiferte gegen diese Beschäftigung, die ihn, wie er sagte, der Feldarbeit entzog, und verweigerte ihm jedes Geld, damit er nicht Papier, Holz und Bleistift kaufen konnte. Hell schnitzte nun heimlich und erhielt für manche Kleinigkeit etliche Kreuzer. Aus dieser Zeit sollen noch hie und da gemeine Knotenstöcke mit von ihm geschnitzten Vögel- und anderen Thierköpfen im Besitze von Privaten sich vorfinden. Ganz mächtig erwachte aber der künstlerische Drang in ihm, als er die Colin’schen Marmortafeln von ganz erhabener Arbeit am Mausoleum des Kaisers Maximilian in der Hofkirche zu Innsbruck zum ersten Male sah. Alexander Colin, wie er selbst öfter sagte, war so ganz eigentlich sein Vorbild und sein Lehrer. Aber es blieb noch immer bei Kleinigkeiten; landschaftliche Darstellungen zogen ihn zumeist an und so schnitzte er Thiere in verschiedenen Stellungen und Wendungen, den Baumschlag in allerlei Formen und Gestalten. Erst im Jahre 1822 – Hell zählte damals schon 33 Jahre – gab ein glückliches Ereigniß Veranlassung, daß sich H. nun ausschließlich der Kunst widmete. Als im genannten Jahre Kaiser Franz I., Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm über Tirol zum Congresse nach Verona reisten, überreichte Hell den zwei letztgenannten Monarchen die fein im Kleinen geschnitzte Büste Andreas Hofer’s. Für dieses Kunstwerk wurde er ansehnlich belohnt. Jetzt legte auch der Vater dem Sohne nichts mehr in den Weg und H. wurde Bildschnitzer. Er arbeitete nun ohne Unterricht zu nehmen aus Birnbaumholz, dessen er sich gewöhnlich bediente, nach den Zeichnungen des Jacob Placidus Altmutter zwei Tafeln in ganz erhabener Arbeit. Die eine stellt ein „Tiroler Bauernschiessen“, die andere einen „Zillerthaler Bauerntanz“ vor. Nun beschloß er nach München zu gehen und sich dort durch Unterricht an der Akademie und Beschauen und Studiren der zahlreichen Kunstwerke, welche München besitzt, zu bilden. Das Ferdinandeum bewilligte ihm für zwei Jahre eine jährliche Unterstützung von 100 fl., so trat er am 22. Februar 1824 seine Reise nach München an. Dort fand er an Professor Seitel einen wohlwollenden Förderer seines Talentes. Auch gelang es ihm, eine der oberwähnten Tafeln dem Könige Max Joseph zu überreichen, der ihn dafür ansehnlich belohnte und auch später durch wiederholte Unterstützungen förderte. Die Schnitzerei kam aber in das kön. Elfenbeincabinet. Auf den Rath einiger Freunde der Antike versuchte sich [259] H. im Style derselben; dieß sagte ihm leichtbegreiflicher Weise wenig zu; er vollendete wohl einen „Apoll“ und einen „Merkur“, beides Statuetten aus Holz in schönen Verhältnissen und gut geschnitten, aber er kehrte wieder auf die ihm von der Natur angewiesene Bahn, in welcher er groß dasteht, zurück. 1825 begab er sich in seine Heimat zurück, wohin er ein herrliches Schnitzwerk für das Ferdinandeum, das ihn unterstützt hatte, mitbrachte; ein zweites fing er nun in Innsbruck zu arbeiten an, welches er vollendet auch dem Ferdinandeum abtrat. Um seinen Drang, sich in etwas Großem zu versuchen, zu unterstützen, schloß das Ferdinandeum mit ihm 1827 einen Vertrag, durch welchen es ihm 600 fl., theilweise zahlbar, zusicherte, dafür sollte er ihm das selbstgewählte Thema, den Einzug der Jungfrau von Orleans mit Karl VII. im Dome zu Rheims, schnitzen. Im Jahre 1828 erhielt er die Schloßwächterstelle im Schlosse Tirol mit jährlichen 200 fl., bald darauf verheirathete er sich; aber seit dieser Zeit nahm seine künstlerische Thätigkeit ab. Es trafen mehrere Umstände zusammen, die hindernd einwirkten: der Dienst bei einem kranken Schloßverwalter nahm ihn stark in Anspruch; sein Weib verfiel in eine schwere Krankheit; der zahlreiche Besuch von Fremden wirkte auch störend; er wurde mit Bestellungen von Arbeiten überhäuft und zersplitterte sich in Kleinigkeiten; die Wirthschaft seines Vaters gerieth auch sehr in Verfall und ihm drohte der Concurs; der Sohn suchte den Vater zu retten, erhielt auch von den drängenden Gläubigern Frist, aber als es galt, durch Holzschnitzereien die erhebliche Summe zu gewinnen, zeigte es sich, daß ihm Angst und Unruhe die Hand lähmten. Da faßte Hell mit einem Male den Gedanken, sich um jeden Preis das Geld zu verschaffen. Er wollte nach Wien zum Kronprinzen und zum Erzherzoge Johann gehen und sich dort Hilfe für seinen Vater erbitten. Ohne Jemand ein Wort zu sagen, verschwand er am 6. Februar 1832 vom Schlosse Tirol und irrte in Wäldern, dem Froste und allen Unbilden des Wetters preisgegeben, tagelang umher, wurde von bayerischen Gensd’armen aufgegriffen und krank nach Salzburg gebracht, wo er im Franziscanerkloster gute Pflege und Unterkunft fand und dann nach Tirol zurückkehrte. Aber seine Gesundheit war untergraben, nur noch einige Wochen fristete er sein durch Krankheit unheilbar angegriffenes Leben und starb, 43 Jahre alt, als ein Opfer seiner kindlichen Liebe. Er hatte sich also nicht, wie Adolph Pichler in den „Sonntagsblättern“ schreibt, einer von Wien ihm gegebenen wichtigen Bestellung wegen, sondern rein aus rührender Kindesliebe auf den Weg gemacht und so den Tod geholt. Außer seinen bereits genannten Werken sind noch anzuführen: „Der Triumpheinzug der Pfalzgrafen Genovefa. 1205“, eine Tafel von 1 Wiener Fuß 3 Zoll Höhe und 1 Fuß 6 Zoll Breite. Er hatte dieses herrliche Stück während seines Aufenthaltes in München (1824 und 1825) gearbeitet und es dem Ferdinandeum als Dankeszeichen für die ihm gewährte Unterstützung verehrt. Der Ausschuß belohnte ihn dafür mit einem angemessenen Geldgeschenke; außerdem hatte er in München Fischer’s „Anatomische Statue“ in Holz nachgebildet und für einen Wohlthäter einen „Genius mit dem Füllhorn“ geschnitzt. Eine andere größere, in seiner Heimat begonnene und vollendete Arbeit ist die „Ruine Gottesberg am Rhein mit dem sogenannten Hochkreuze“, [260] 1 W. Sch. 7 Z. hoch. 1 Sch. 4 Z. breit, ein Landschaftschnitzerei, welche Jeden, der sie sieht, mit wahrer Bewunderung für das Genie des Künstlers erfüllt. Während seines Aufenthaltes als Schloßwächter auf dem Schlosse Tirol vollendete er für einen Ungenannten eine „Darstellung des Märtyrertodes des h. Johann von Nepomuk“, welche Schnitzerei von dem Besteller dem Bischofe Tschiderer verehrt wurde; eine „Landschaft mit tirolischem Bauernhause“ für die Erzherzogin Maria Louise, Herzogin von Parma; außerdem einzelne Figuren und kleinere Stücke. Das Bild: „Der Einzug der Jungfrau von Orleans“ für das Ferdinandeum ist leider unvollendet geblieben, doch sind mehrere angefangene Stücke in den Besitz des Ferdinandeums nach Hell’s Tode, wie es bedungen war, gelangt. Es sind: das für das Werk vorbereitete große Tableau von Birnbaumholz, das aber, einige Zeichnungsstriche ausgenommen, noch unbearbeitet ist und nur die Größe des Bildwerkes andeutet; zwei ovale Medaillons, eines vorstellend den „König Chlodwig, wie er vor der Schlacht von Kölln 493 gelobt, sich taufen zu lassen“, das andere die „Taufe des Königs durch den h. Remigius im Jahre 496, im Momente als eine Taube das Oelfläschchen zur Salbung des Königs vom Himmel bringt“; ferner vier einzelne Figuren, die Jungfrau von Orleans mit der Fahne, König Karl VII. und zwei jugendliche Personen, alle vier zu Pferde, dann neun Baustücke für den Dom zu Rheims und seine Thürme. Einzelne dieser Stücke, die zuletzt alle in einen perspectivisch geschnitzten Hintergrund gefügt worden wären, sind mehr oder weniger vollendet, die letzte Hand fehlt jedoch an allen; ein paar sind nur im Rohen zugeschnitten. Niemand bisher hat sich an die Vollendung dieser Arbeit gewagt, die als Torso einer zu früh verdorrten Künstlerhand im Ferdinandeum zu Innsbruck aufbewahrt wird.

Neue Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg (Innsbruck 1835, Wagner, 8°.) S. 1–27: „Joseph Hell und seine Schnitzwerke.“ Von Heinrich v. Glausen. – Hormayr’s Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien 1826, 4°.) XVII. Jahrg. Nr. 74, 75. –Tirolisches Künstler-Lexikon (Innsbruck 1830, Felician Rauch, 8°.) S. 88 [gibt das J. 1792 als H.’s Geburtsjahr an]. – Staffler (Johann Jacob), Das deutsche Tirol und Vorarlberg topographisch mit geschichtlichen Bemerkungen (Innsbruck 1847, Felician Rauch, 8°.) Bd. I, S. 664 [nach diesem gestorben 22. März 1832]. – Nagler (G. K. Dr.), Neues allgemeines Künstler-Lexikon (München 1839, E. A. Fleischmann, gr. 8°.) Bd. VI, S. 74 [nach diesem geb. 1792]. – Oesterreich. National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. II, S. 543 [nach dieser geb. im Jahre 1792]. – Die Künstler aller Zeiten und Völker. Begonnen von Professor Fr. Müller, fortgesetzt von Dr. Karl Klunzinger (Stuttgart 1857, Ebner u. Seubert, gr. 8°.) Bd. II, S. 360. [Müller, Nagler, die österr. National-Encyklopädie und das Tirolische Künstler-Lexikon geben das Jahr 1792 irrig als Hell’s Geburtsjahr an.] – Frankl (Ludwig August), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) 1847, im Kunstblatt Nr. 14, S. 80: „Die Plastik unter den Bauern in Tirol“, von Adolph Pichler. – Sein Biograph Glausen charakterisirt treffend Hell’s Schnitzwerke: „Er ist in der Skulptur, was die Flammänder in der Malerei sind; er liebte die gemeine Natur, und Wahrheit in der Darstellung war sein höchster Zweck; bis zum Edlen und Erhabenen erhob er sich nie und er versuchte es auch nie sich dahin zu erschwingen, dabei ist seine Zeichnung vielfältig nicht richtig, die Figuren sind zu kurz und der Anatomiker wird in manchem Stücke unbefriedigt bleiben. Dagegen leben diese Geschöpfe, alles ist Bewegung und Feuer, Ausdruck ergreifend wahr, die Arbeit im höchsten Grade reinlich und vollendet, bis in das Kleinste alles mit Liebe gemacht, Anordnung und Gruppirung für das Kennerauge anziehend; man übersieht gerne einige Verstöße gegen die Regel, um die Aufmerksamkeit von dem vielen Vortrefflichen nicht abzuleiten. Wie zart zeigt sich [261] nicht des Künstlers Gefühl für die Landschaft! In dem widerstrebenden Stoff des Birnbaumholzes sind einige Stellen, besonders die entfernten Hochgebirge, wo die Luftperspective in der Natur einen leichten Schleier über die Gegenstände webt, so zart behandelt, daß ein Zeichner sie nicht milder tuschen könnte. Seine Ruinen scheinen wirklich vom Zahne der Zeit angenagt zu sein und durch Feuchtigkeit, Moder und das Peitschen tausendjähriger Stürme sind diese Gebäude verwittert. Im Baumschlage ist die Wahrheit erschöpft; diese Rinde ist jene des Zirbelnußbaumes; diese Aeste verrathen den Schwung der Buche; so greift die Eiche wuchernd um sich; alle diese Verwebungen und Auswüchse beweisen die vieljährige, mit Fleiß und Eifer fortgesetzte Beobachtung. Die Kühnheit, mit der er in seinen Baumpartien wühlt, die Massen durchgräbt und alles durchsichtig macht, die Nettigkeit der üppigen Vegetation seines Bodens, worauf eine Menge Pflanzen und Gewächse wuchern, wird immer die Bewunderung aller Kenner und Nichtkenner bleiben, die sich noch durch die Bemerkung steigern muß, daß er zu dem Allen bloß einen sehr dürftigen Apparat, ein Paar kleine Messer, gleich Federmessern, und wenige kleine Grabeisen seiner Meisterhand dienstbar machte.“ – Bemerkenswerth sind auch die Worte eines großen Künstlers, des berühmten Historienmalers Heß aus München, als er Hell’s Schnitzwerke im Ferdinandeum zu Innsbruck betrachtete. „Ich stehe,“ rief Heß aus, „wie aus den Wolken gefallen; alle meine bisher gesammelte Menschenkenntniß wird bei diesem Anblicke irre; so was unter solchen Umständen, hatte ich nie für möglich gehalten; da darf der erste Professor, der geschickteste Plastiker herkommen, und sich versuchen; vergebens tritt er mit diesem Künstler in die Schranken; in dieser Sphäre des Wirkungskreises bleibt jeder zurück.“ –