BLKÖ:Misliweczek, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Misliweczek, Lina
Band: 18 (1868), ab Seite: 362. (Quelle)
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Misliweczek, Joseph (Tonsetzer, geb. zu Prag 9. März 1737, gest. zu Rom 4. Februar 1781). Sein Vater Mathias war Müller und hatte zugleich die Oberaufsicht über die Wasserleitungen in Böhmen. Am 9. März 1737 wurden ihm in einer Stunde zwei Söhne, Joseph und Franz, geboren, deren Ersterer seinen Namen nachmals so berühmt gemacht hatte. Die Zwillinge, sich in Wuchs, Wesen, Gesichtszügen, Haltung zum verwechseln ähnlich, überdieß auch beide in gleicher Weise gekleidet, besuchten zusammen die Schulen, vollendeten in Prag die philosophischen Studien und erhielten auch zugleich Unterricht in der Musik. Nach vollendeten philosophischen Studien ließ sie der Vater, der beide seinem Handwerke bestimmte, die Müllnerei erlernen, schickte sie aber zu dem damaligen ständischen Professor der Mathematik, Ferdinand Schor, damit sie derselbe in der Hydraulik und auch in den anderen Theilen der Mathematik unterrichte. Schon damals legte Joseph eine besondere Geschicklichkeit an den Tag, er fertigte ein hydraulisches Modell, welches von der Müllerschaft als Meisterstück anerkannt und in Folge dessen Joseph in das Buch der Müllermeister in Prag eingetragen wurde. Jedoch fand sich Joseph wenig behaglich in seinem Geschäfte und trieb mit besonderer Vorliebe Musik, vor Allem die Violine, die er mit Meisterschaft spielte. Sobald sein Vater mit Tode abgegangen war, überließ Joseph seinem in der Geburt um eine Stunde älteren Bruder die Mühle und das ganze Geschäft, und widmete sich nun ausschließlich der Tonkunst. Zuerst nahm er bei Franz Johann Habermann [Bd. VI, S. 116], einem ganz tüchtigen Meister, Unterricht, aber Habermann’s gründliche Methode erschien dem jungen vorwärtsstrebenden Genius viel zu langsam, er wählte sich demnach einen anderen Lehrer, und seine Wahl fiel auf Segert, einen seiner Zeit berühmten Organisten, der an der Marienkirche am Teyn angestellt war. Bei Segert machte M. schnelle Fortschritte und versuchte sich damals bereits in der Composition. Ohne sich zu nennen, ließ er nach der Reihe sechs Symphonien, die er nach den Monaten Jänner, Februar, März u. s. w. benannte, öffentlich im Theater aufführen, und der Beifall, der diesen Arbeiten ward, war für ihn eine nicht geringe Ermuthigung. Vor der Hand schien ihm und seinem Talente Prag nichts mehr zu bieten, er beschloß also zu reisen, und Italien, das Land der Kunst, und vor Allem der Musik, war sein nächstes Reiseziel. Am 5. November 1763 verließ er Prag und begab sich zunächst nach Venedig. Dort verweilte er längere Zeit und nahm bei dem Capellmeister Pescetti, einer Musik-Notabilität Venedigs in jener Zeit, Unterricht im Recitativ; zu gleicher Zeit verlegte er sich mit allem Eifer auf das Studium der italienischen Sprache, wobei ihm die Kenntniß des Lateinischen mächtigen [363] Vorschub leistete. Von Venedig begab er sich nach Parma, und daselbst schrieb er die erste Oper. Es gelang ihm, sein Erstlingswerk zur Aufführung zu bringen, und der Erfolg war ein so günstiger, daß ihm der neapolitanische Gesandte den Vorschlag machte, mit ihm nach Neapel zu reisen, um dort zur Feier des Namenstages des Königs eine Oper zu schreiben. M. nahm den Antrag an und componirte zu dem angedeuteten Zwecke die Oper „Belleferonte“, deren Erfolg ein so über alle Maßen glänzender war, daß sich sein Ruf sofort über die italienische Halbinsel verbreitete. Der Hof, der Adel, eine große Anzahl von Musikern – man gibt die Zahl von zweihundert an – wohnten der Aufführung bei, und steigerten durch ihren Beifall, in dem sie sich auch nicht durch den Gedanken irreleiten ließen, daß sie ihn einem Barbaren zollten, wie der Italiener jeden nennt, der nicht seine Zunge spricht, den Triumpf des jungen Künstlers. M. zählte damals kaum 30 Jahre. Sein Ruhm war nun begründet. „Il Boemo“, wie man ihn in Italien nannte, wo sich Niemand mit der Aussprache seines wahren Namens die Zunge verrenken wollte, oder Venatorini, wie Misliweczek geschickt seinen čechischen Namen italienisirt hatte, war nun der Mann des Tages, jede Bühne wollte von ihm eine Oper für die Stagione; Turin, Mailand, Pavia, Neapel, Florenz, Rom machten sich seine Werke streitig. M. entwickelte demgemäß auch eine überraschende Fruchtbarkeit. Im Jahre 1769 schrieb er „Hypermenestra“ für Rom; im Jahre 1773 „Romulus“, dann „Ersile“ für Neapel, „Demetrius“ für Pavia, „Antigone“ für Turin; im Jahre 1774 „Artaserse“ für Neapel, „Attide“ für Padua; im Jahre 1775 zwei Opern für Neapel, „Ezio“ und „Demofonte“. So verbreitete sich denn sein Ruf bald auch über die Grenzen Italiens, und Caterina Gabrieli, genannt la Cuochetina, weil ihr Vater Koch eines Cardinals war, welche in Misliweczek’s Opern die herrlichsten Triumphe gefeiert, trug nicht wenig dazu bei, daß sein Name auch in der Fremde bekannt wurde. Joseph Maximilian[WS 1], Churfürst von Bayern, selbst ein großer Freund der Tonkunst, wünschte zunächst den Künstler an seinem Hofe zu empfangen. Im J. 1777 folgte M. diesem Rufe, und blieb bis zu des Churfürsten Tode, der leider schon im Jahre 1778[WS 2] erfolgte, an dessen Hof, worauf er denselben sofort verließ, um nach Neapel, das ihm sein liebster Aufenthalt war, wieder zurückzukehren. Nach seiner Rückkehr schrieb er zunächst für Rom die Oper „Olimpiade“, aus welcher das Lied: „Si cerca se dice l’amico dov’e“ zu jener Zeit die Runde über den Continent machte. Nicht lange war es M. vergönnt, in Neapel zu bleiben. Erzherzog Ferdinand berief ihn an seinen Hof nach Mailand, wo M. für denselben mehrere Opern schrieb. Aber bald kam der Wendepunct in M.’s Leben. Ebenso schnell, als sein Stern im Aufsteigen begriffen war, ebenso schnell begann er zu sinken, ohne sich je wieder zu erheben. Die Oper „Armida“, welche er für das Theater della Scala in Mailand geschrieben, hatte vollständig mißfallen, und selbst der bisher von dem Meister errungene Künstlerruf war nicht mächtig genug, den Sturz dieser Arbeit zu verhüten. Gleich nach der ersten Aufführung mußte die Oper bei Seite gelegt werden. Verstimmt über diesen Mißerfolg, verließ M. Mailand und begab sich nach Rom, wo er auch mit einer anderen Oper gescheitert war. Nun brach sein [364] Lebensmuth vollends zusammen. Er kränkelte und allgemach nahm sein Leiden einen tödtlichen Ausgang. Hier stimmen nun die Nachrichten über M. nicht überein. Nach Einigen waren diese Mißerfolge die nächsten, ja die Haupterfolge seines Siechthums gewesen, das ihn im Alter von erst 44 Jahren auf das Todtenbett warf. Nach Anderen hätten sich völlige Zerrüttung seiner Vermögensverhältnisse, ja drückende Armuth hinzugesellt, oder wären gar die eigentliche Ursache seines vorschnellen Endes gewesen. M. hat goldene Tage gehabt und mit seinen Werken reiche Ernten eingeheimst, aber, eine echte Künstlernatur, nie mit dem Erworbenen Haus zu halten verstanden. Weich von Gemüth, freigebig wie ein Fürst, habe er, berichtet man von ihm, die Musiker, welche seine Werke executirten, auf das Freigebigste beschenkt, selbst einen ausschweifenden Lebenswandel geführt und sich so materiell und physisch zu Grunde gerichtet. Wie viel an dem Allen wahr, erdichtet oder übertrieben ist, läßt sich so ohne Weiteres nicht bestimmen, denn eine quellenmäßige Bearbeitung seines gewiß ebenso inhaltreichen als thätigen Künstlerlebens ist noch gar nicht vorhanden, und könnte nur in Italien selbst mit Erfolg versucht werden. Auf einer Bodenkammer, heißt es, wäre er in Rom verlassen und auf elendem Strohlager gestorben. Anderen Nachrichten zu Folge hatte er aber nicht in Rom, sondern in München im Herzogsspitale sein vorschnelles Ende gefunden. Woher Gerber in seinem „Neuen historisch-biographischen Lexikon der Tonkünstler“ (Bd. III, Sp. 536) letztere Nachricht schöpfte, gibt er leider nicht an. Wie schon bemerkt worden, war M. als Compositeur ungemein fruchtbar, man will von 30 bis 40 Opern wissen, die er geschrieben. Von diesen sind außer den bereits genannten nur noch die Namen von dreien, „Farnace“, „Merope“ und „Tamerlan“, bekannt. Wo ihre Partituren sich befinden, die, Gott weiß wo in einem und dem andern Theater-Archive jener Städte Italiens, für welche er vorzugsweise schrieb, stecken, weiß Niemand. Nur im fürstlich Lobkowitz’schen Archive sollen einige seiner Partituren aufbewahrt sein. Aber M. hat nicht bloß Opern, sondern auch Kirchen-, Salonstücke und Compositionen leichterer Gattung in Menge geschrieben. So sind von seinen Oratorien zwei zu größerem Rufe gelangt, eine „Passio Jesu Christi“ und „La famiglia di Tobia“. Von seinen Messen fand Dlabacz zwei im Jahre 1786 auf dem Kirchenchor zu Raudnitz in Böhmen. Von seinen Symphonien waren nach Gerber im Jahre 1769 deren sechs im Drucke erschienen. Vielleicht waren es die im Eingange dieser Lebensskizze erwähnten, nach den Monatsnamen getauften, was aber denn doch zweifelhaft erscheint. Wohl aber erschienen von ihm „IV Trios p. Fl., Violon e Violonc.“, Op. 1, nach Gerber (l. c.), im Jahre 1796, was wohl ein Irrthum und vielleicht 1769 heißen mag, denn im Jahre 1796 war ja M. bereits 15 Jahre todt. Auch kamen im Jahre 1780 sechs Sonaten für zwei Violinen und ein Violoncelli in Offenbach im Stiche heraus. Sein letztes Werk, sechs Quartetten, ist bei Hummel in Amsterdam erschienen. M. war bereits todt, als sie aus der Presse kamen und der Verleger eine Anzahl Exemplare dem Zwillingsbruder des Verblichenen nach Prag geschickt hatte, der sie an Musikfreunde vertheilte. Ein reicher Engländer, Namens Barry, der seinen Unterricht genossen [365] und den Meister noch im Tode ehrte, ließ ihn auf seine Kosten begraben und ihm in der Kirche San Lorenzo in Lucirca nächst Rom ein marmornes Denkmal setzen. Ob dieses nicht im Wechsel von sieben Jahrzehnden zu Grunde gegangen oder sich noch erhalten habe, ist nicht bekannt. Ueber den künstlerischen Werth seiner Compositionen liegt wenig vor, in Deutschland waren seine Arbeiten im Ganzen minder gekannt; und die italienischen Urtheile sind nicht nach Deutschland gedrungen. Jedoch läßt die große Beliebtheit, welcher sich M. durch nahezu fünfzehn Jahre erfreute, auf eine bedeutende künstlerische Begabung und seine Fruchtbarkeit auf ein großes Compositionstalent schließen.

Pelzel (Franz Martin), Abbildungen böhmischer und mährischer Gelehrten und Künstler, nebst kurzen Nachrichten von ihrem Leben und Wirken (Prag 1773, Wolfgang Gerle, 8°.) Theil IV, S. 189. – Dlabacz (Gottfried Joh.), Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theile auch für Mähren und Schlesien (Prag 1815, G. Haase, 4°.) Bd. II, Sp. 364. – Bohemia (Prager polit. und Unterhaltungsblatt, 4°.) Jahrg. 1858, S. 509. – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) Jahrg. 1824, S. 264. – Wiener allgemeine Musik-Zeitung. Herausgegeben von Aug. Schmidt (Wien, 4°.; II. Jahrg. (1842), Nr. 30, unter den „Geschichtlichen Rückblicken“. – Neue Wiener Musik-Zeitung 1857, S. 134, gleichfalls unter den „Geschichtlichen Rückblicken“. – Oesterreichischer Zuschauer, redigirt von J. S. Ebersberg (Wien, 8°.) Jahrg. 1838, Bd. I, S. 300. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 690. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden 1856, R. Schäfer, Lex. 8°.) Bd. II, S. 1082 [unter Mysliweczek]. – Gerber (Ernst Ludwig), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1790, J. G. I. Breitkopf, gr. 8°.) Bd. I, Sp. 952. – Derselbe, Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, gr. 8°.) Bd. III, Sp. 535. – Dalibor. Časopis pro hudbu, divadlo a umění vůbec, d. i. Dalibor. Zeitschrift für Musik, Theater u. s. w. (Prag, 4°.) III. Jahrg. (1860), Nr. 13–16: „Joseph Mysliveczek“, von Dr. Franz Lad. Rieger; – dasselbe Blatt 1861, Nr. 5. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1850 et s., 8°.) Tome XXXVII, p. 97. – Porträte. 1) Unterschrift: Joseph Misliweczek. A. Niderhofer sc.; – 2) gest. von Balzer (8°.). –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche dazu Maximilian III. Joseph (ADB).
  2. Dieser starb am 30. Dezember 1777.