BLKÖ:Pitsch, Karl Franz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pitrof
Band: 22 (1870), ab Seite: 370. (Quelle)
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Pitsch, Karl Franz (Tonsetzer, geb. zu Patzdorf in Böhmen 5. Februar 1786, gest. zu Prag 12. Juni 1858). Sein Vater war Schullehrer in Patzdorf, der seinen Sohn frühzeitig in der Musik, besonders aber im Orgelspiele, unterrichtete. Im Alter von acht Jahren versuchte P. bereits zu componiren. Dann schickte der Vater seinen Sohn nach Glatz in Schlesien, damit er bei dem Organisten Otto den Contrapunct erlerne und sich im praktischen Orgel- und Clavierspiele vollkommen ausbilde. P. spielte bereits damals die Orgel so ausgezeichnet, daß die Bauern der Umgebung „den kleinen Orgel-Hexenmeister“, so nannte man den Knaben, allgemein bewunderten. Neben der Musik wurde aber auch der andere Unterricht nicht vernachlässigt, welchen er zuerst in einer Landschule, später in Prag erhielt, immer aber blieb Musik seine Lieblingsbeschäftigung, durch welche er sich auch seinen Lebensunterhalt erwarb, da dem Vater die Mittel fehlten, ihn zu unterstützen. Im Jahre 1815 trat er als Erzieher in der Familie des Ritter von Manner zu Bohdalitz in Mähren ein, in welcher Stellung er zehnthalb Jahre verblieb und sie nach Lösung seiner Aufgabe mit einer namhaften lebenslänglichen Pension verließ. In diese Zeit fällt sein Besuch in Wien, wo er mehrere musikalische Größen, unter diesen den Meister Simon Sechter, kennen lernte, mit dem er auch bis zu seinem Tode freundschaftlichen Verkehr unterhielt. Nachdem er im Jahre 1825 sein Erzieheramt niedergelegt, begab er sich nach Prag zurück, wo er sich vornehmlich mit Orgelspielen, Componiren und musikalischen Studien beschäftigte. Im Jahre 1832 nahm er die Stelle als Organist an der Pfarrkirche zu St. Nikolaus in Prag an und erlangte bald ebenso als trefflicher Orgelspieler, wie als wissenschaftlich gebildeter Contrapunctist einen ausgezeichneten Ruf, so daß, als der berühmte Compositeur und Chorregent Robert Führer den Posten des Leiters und ersten Lehrers an der Prager Orgelschule niederlegte, P. im J. 1840 auf diese Stelle berufen wurde. Durch 18 Jahre bis an seinen Tod versah P. dieses Amt und entfaltete eine in der Erinnerung aller Zeitgenossen einzig dastehende segensreiche pädagogische Wirksamkeit; unter seiner Leitung erfreute sich die Prager Orgelschule ihrer Blüthezeit; sie genoß entschiedene Anerkennung in ganz Deutschland und aus aller Herren Lander strömten die Schüler herbei, um sich von P. in der edlen Kunst des Orgelspiels heranbilden zu lassen. Seine namentlich in Rußland und Polen zerstreuten Schüler verkündeten weit und breit seinen Ruhm als eines tüchtigen Meisters echter Kirchenmusik. Später wurde P. als Organist an die Hofcapelle nach Wien berufen, aber seines vorgerückten Alters wegen lehnte er diese ehrenvolle Stelle ab. Wie P. ein Meister auf der Orgel, so war er auch ein ausgezeichneter Pianist, groß war seine Technik im Spiele, bewunderungswürdig die Gleichheit seiner Finger-Ausbildung. Er besaß eine gründliche Kenntniß der Componisten der älteren und neueren Zeit aller Nationen, die er mit Scharfsinn und feinem Gefühle beurtheilte. Er selbst war auch Componist und schrieb verschiedene Kirchenstücke, Präludien, Fugen u. dgl. m. für die Orgel. Nur ein verhältnißmäßig geringer Theil von seinen Arbeiten erschien im [371] Drucke. Einige Zeit redigirte er das bei Marco Berra in Prag erschienene Museum für Orgelspieler, ferner gab er Seeger’s bezifferte Bässe in zwei Notensystemen ausgesetzt und harmonisch zergliedert heraus. Sein letztes im Drucke erschienenes Werk ist Oesterreichs Volkshymne in sechs Contrapunctischen Veränderungen für die Orgel. Zu Anfang der Vierziger-Jahre beschäftigte er sich behufs einer Herausgabe mit der Umarbeitung mehrerer Vogler’schen Werke, ob sie erschienen sind, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Ungleich größer ist sein handschriftlicher Nachlaß, darunter eine Festmesse in D, ein großes Te Deum, ein Graduale ein begonnenes Vocal-Requiem, eine große Anzahl von anderen theils angefangenen, theils vollendeten Compositionen, die zumeist nur als Studien für seine Schüler dienten, aber von unläugbarem pädagogischen Werthe sind; überdieß theoretische Erörterungen aus dem Gebiete der Harmonik und Rhythmik, ästhetische Aufsätze, Kritiken, und erwähnenswerth ist auch noch die mannigfaltige interessante Correspondenz des Verblichenen. Eine von P. in deutscher und böhmischer Sprache verfaßte Harmonielehre, welche er bei Lebzeiten mehreren seiner Schüler gezeigt, über deren Vorhandensein also kein Zweifel obwaltet und die erst nach seinem Tode erscheinen sollte, hat sich im Nachlasse sonderbarer Weise nicht vorgefunden. Sehr spärlich sind seine Arbeiten in weltlicher Musik und darunter nur einige Lieder bemerkenswerth, von denen die Composition des Gedichts von Salis: „Das Grab“, wohl am bekanntesten ist. P.’s Verdienste wurden mannigfach gewürdigt: die musikalische Gesellschaft in Antwerpen, Maatschappy for Bevordering der Tonkunst ernannte ihn im J. 1845 zu ihrem Ehrenmitgliede, darauf das Mozarteum in Salzburg, endlich wurde auch Prag auf P. aufmerksam und er wurde daselbst Mitglied des dirigirenden Ausschusses am Prager Conservatorium für Musik, Ehrenmitglied des Vereines zur Beförderung der Tonkunst in Böhmen, der Sophien-Akademie, des Cäcilien-Vereins u. a. m. Im bürgerlichen Leben war P. ungemein bescheiden, human, im Umgange die Liebenswürdigkeit selbst; er besaß wissenschaftliche Bildung; war der italienischen, deutschen, griechischen und lateinischen Sprache und der letzteren in so vollkommener Weise mächtig, daß seine Kenntniß derselben von Fachmännern anerkannt wurde. Die čechische Sprache erlernte er erst im Jahre 1848, also in bereits vorgerücktem Alter von 62 Jahren. Die Čechen schreiben ihn Pič, die Deutschen, wie er sich selbst schrieb, Pitsch.

Neue Wiener Musik-Zeitung. Herausg. von F. Glöggl (4°.) VII. Jahrg. (1859), Nr. 30 u. 31: Nekrolog. – Wiener Zeitung 1858, S. 2330. – Prager Morgenpost 1858, Nr. 161. – Bohemia (Prager polit. und Unterhaltungsblatt, 4°.) Jahrg. 1858, Nr. 161 u. 163, in der Local- und Provinzial-Chronik. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden 1857, R. Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 195 [nach diesem gest. am 13. Juni 1858]. – Gaßner (F. S. Dr.); Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 688. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 266. – Skolník. Kalendař na 1859, d. i. Der Schulmann. Kalender auf 1859. Herausg. von J. Šrutek, VIII. Jahrg. S. 51. – Slovník naučný. Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Ladisl. Rieger (Prag 1859, Kober, Lex. 8°.) Bd. VI, S. 402. – Sein Geburtsort erscheint bald Botzdorf, Potzdorf und dann wieder Bernsdorf [372] geschrieben, der richtige Name desselben ist Patzdorf, eine bei Senftenberg gelegen Ortschaft; auch erscheint das Jahr 1789 als sein Geburtsjahr angegeben. – Porträt. Lithographie von Sir (Prag, Fol.), mit der Motto: „Der Tonkunst höchster Zweck walte stets in Veredlung des Herzens und des Geistes“.