BLKÖ:Puchner, Anton Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 24 (1872), ab Seite: 49. (Quelle)
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Puchner, Anton Freiherr von (k. k. General der Cavallerie und Commandeur des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Schemnitz 11. November 1779, gest. zu Wien 28. December 1852). Sohn eines ungarischen Edelmanns, verbrachte er seine erste Jugend in Schemnitz unter der Führung seiner Mutter und im steten vertrautesten Umgange mit der Familie des dortigen ersten Bergarztes Dr. J. G. Hoffinger, dessen gastfreies Haus damals der Sammelpunct der vielen, aus allen Ländern zum Besuche der Schemnitzer Werke gekommenen Naturforscher und Montanisten war. Dieß, die herrliche Lage der Stadt und der Einfluß seines mit den Hoffinger’schen Söhnen gemeinschaftlichen Lehrers Wolny, der mit seinen Zöglingen tagelang botanische Streifungen hielt, weckte in dem Knaben frühe den lebendigsten Natursinn, der ihn sein ganzes Leben lang begleitete. 1799, damals 20 Jahre alt, kam er als Lieutenant zur ungarischen Nobelgarde nach Wien, 1801, nach Vollendung des Curses, zum 5. Chevauxlegers-Regiment Kinsky. Die Kriege seiner Zeit gaben dem jungen Officier bald Gelegenheit, sich hervorzuthun, so verhinderte er am 17. October 1805 in der Schlacht bei Nördlingen als Oberlieutenant durch Ueberfall des Klosters Kirchheim die Vereinigung eines französischen Corps. Im Jahre 1809 als Rittmeister bei dem Herzog Braunschweig-Oels zugetheilt, zeichnete er sich bei Nachod und dann in der Schlacht bei Znaim aus, wo er mit 190 Reitern dem Feinde erfolgreich in die Flanken fiel. In den glorreichen Tagen des September und October 1813 war er ununterbrochen und in hervorragender Weise thätig, so am 15. September bei Dippoldiswalde in einem Recognoszirungsgefechte; am 22. September überfiel er, dem Kosaken Ataman Platoff zugetheilt, Frauenstein; am 28. September erkämpfte er sich im Gefechte bei Altenburg und Zeitz durch seine Umsicht und Bravour das [50] Ritterkreuz des Theresien-Ordens; am 4. October kämpfte er mit General Lauriston bei Chemnitz; am 13. rettete er bei Geschwitz den verwundeten Fürsten Kutascheff; am 18. October endlich deckte er den Uebergang der Sachsen. Im Jahre 1814 wurde P. Major, zuerst bei der deutschen Legion, dann bei Lothringen-Kürassieren, kam alsdann unter Bianchi als Oberstlieutenant nach Neapel, wurde dort 1824 Oberst, kehrte 1827 nach Padua zurück, wurde 1832 General-Major und 1834 Commandant der österreichischen Truppen im Kirchenstaat zu Bologna. Auf diesem schwierigen militär-diplomatischen Posten erwarb sich P. die Achtung aller Parteien. Todesfälle in seiner Familie verleideten ihm jedoch den sonst liebgewordenen Aufenthalt in Italien und P. ging nach Aufhebung der Occupation, bei welcher er mit dem Commandeurkreuze des k. k. Leopold- und dem Großkreuze eines päpstlichen Ordens belohnt wurde, als Feldmarschall-Lieutenant und Hofkriegsrath nach Wien. Daselbst verweilte er in angestrengter Thätigkeit bis 1846, indem er in der Zwischenzeit, 1840, zum 2. Inhaber des Infanterie-Regiments Erzherzog Karl ernannt worden war; nun begab er sich als Gouverneur, mit der geheimen Rathswürde ausgezeichnet, nach Siebenbürgen. Die Verhältnisse dieses Landes, in dem bis zur neuesten Zeit der rumänische Großtheil der Bevölkerung politisch rechtlos war und der Uebermuth der Magyaren und Szekler auch auf die altprivilegirten Sachsen mehr und mehr drückte, erforderten die Wahl eines Mannes von seltener Thatkraft und Umsicht, und daß dieselbe auf Puchner fiel, gibt eben einen Beweis seiner Geschäftstüchtigkeit und des Vertrauens, das man an maßgebender Stelle in seine unermüdliche Hingebung für den Dienst des Kaisers setzte. Die aufregenden Landtagsverhandlungen und die aufreibende, nur mit Aufopferung der Nächte zu bewältigende sonstige Geschäftslast blieben nicht ohne Einfluß auf den Gesundheitszustand des damals 67jährigen Generals. Nichtsdestoweniger behielt er ein wachsames Auge auf alle Vorgänge und verhinderte seine treue Vorsicht und Klugheit im Jahre 1848 die Durchführung der schon beschlossenen Union Ungarns mit Siebenbürgen. Die Schwierigkeit seiner Stellung war aber groß; hatte er doch im Ganzen durch das insurgirte Ungarn von den übrigen Reichstheilen abgeschnitten, kaum ein Corps von 8000 Mann zur Verfügung. Mit solchen Kräften unter den obwaltenden Umständen konnte doch nicht thatkräftig eingeschritten, wohl aber Manches beseitigt werden, wo Gefahr drohte, oder rasches Einschreiten nöthig wurde Das Werk: „Der Winterfeldzug in Siebenbürgen 1848/1849“ (Leipzig, Kollmann) geht offenbar einseitig nur vom militärischen Standpuncte aus, daher die unter P. stehenden Truppenführer, welche durch politische Rücksichten nicht gehemmt waren, zuweilen auf dessen Kosten übermäßig belobt werden. Puchner’s Bravour und Tapferkeit wird zwar auch hier anerkannt, die Führung aber beschuldigt, nicht energisch genug gewesen zu sein. Nun aber befand sich P. in einer Doppelstellung als Civil- und Militär-Gouverneur und war in derselben verpflichtet, auch den Rücksichten des ersteren Amtes Rechnung zu tragen; durfte im Hinblicke auf die von Wien erhaltenen Befehle lange Zeit hindurch der ungarischen Regierung gar nicht entgegentreten; ferner ist nicht zu vergessen, daß seine wenig zahlreichen Truppen, die, als im äußersten Winkel der Monarchie [51] gelegen, immer am spätesten mit dem Nöthigen versehen wurden, schlecht ausgerüstet waren; endlich, baß in Siebenbürgen drei Völkerschaften im blutigen Kampfe gegen einander standen und der Gouverneur gleichzeitig bedacht sein mußte, sowohl der Regierung den Sieg zu verschaffen als die Gräuel des Bürgerkrieges zu mildern. Da Puchner’s Charakter nichts mit dem eines Alba oder Haynau gemein hatte, so kann sein umsichtiges Benehmen in dieser äußerst schwierigen Lage nicht genug hervorgehoben werden. P. hatte auf eigene Verantwortung hin alle Verbindung mit Ungarn abgebrochen, sobald er die Nachricht von den dortigen revolutionären Vorgängen erhalten hatte und sofort zu den Waffen gegriffen, um die aufständigen Szekler und Magyaren Siebenbürgens zu unterwerfen. In den zwei Schlachten bei Hermannstadt (21. Jänner 1849) und Salzburg (4. Februar 1849), in welcher 16 Geschütze erobert wurden, führte der halbgelähmte Greis seine Truppen gegen Bem zu glänzenden Siegen und würde er gewiß noch weitere Erfolge erzielt haben, wenn er selbst nicht immer kränker geworden wäre und wenn er einige Verstärkung hätte erlangen können. Dieß war aber nicht möglich und so konnten jene Siege nicht sogleich und energisch benützt werden, was zur Folge hatte, daß Bem ihm zuvorkam und das österreichische Corps, dem es indeß auch an Geld zu fehlen angefangen, in die Walachei hinausdrängte. Hier bot P. Alles auf, um seinen Truppen angemessene Verpflegung zu verschaffen; dann eilte er, von seinem Leiden kaum nothdürftig hergestellt, nach Wien, um sein Vorgehen zu rechtfertigen und die in der Walachei abgeschlossenen Verträge ratificiren zu lassen. Die Verleihung des Commandeurkreuzes des Theresien-Ordens und der Stelle eines 2. Garde-Capitäns, worauf bald die Ernennung zum Gouverneur von Venedig und der eiserne Kron-Orden I. Classe folgten, sind die lebhaftesten Beweise dafür, daß man an maßgebender Stelle P.’s Verdienste trotz des unglücklichen Ausganges des siebenbürgischen Feldzuges vollauf zu würdigen wußte. Er übernahm nun die neue Aufgabe in Venedig, dessen durch die Revolution veränderte Physiognomie ihm aber, wie er wiederholt erklärte, sehr zu Herzen ging; bald jedoch mußte er sich in Folge eingetretenen Schlaganfalles wieder und für immer zurückziehen. Eine Freundin seiner verstorbenen Tochter, Lucretia Gräfin von Salis-Zizers, reichte dem kranken Helden und Staatsmann – die erste Gattin hatte er schon in Italien im Jahre 1822 verloren, – die Hand, um sich ohne Verletzung conventioneller Gepflogenheit ganz seiner Pflege widmen zu können; sie erfüllte diese freiwillig übernommene Verpflichtung, bis zu seinem Ableben. Am 28. December 1852 machte ein neuer Schlaganfall dem thatenreichen Leben des als Mensch, Staatsmann und Krieger gleich ausgezeichneten Mannes ein Ende, und am Sylvesterabende wurde er der letzten Ruhe auf seinem Gute Bikál bei Fünfkirchen, dessen den Anforderungen heutiger Agrarwissenschaft entsprechende Hebung ihn in den letzten Jahren vielfach beschäftigt hatte, zugeführt. Einer seiner Biographen entwirft von P.’s äußerer Erscheinung und seinem Wesen folgende Charakteristik: der General war von hoher Gestalt, von offenem freiem Blicke, edler Haltung, feinem, aber entschiedenem Benehmen, scharfen Verstandes und voll Herzensgüte, die er zu zeigen vermeiden wollte, ohne daß es ihm stets gelungen wäre, im Gegentheile [52] wurde sie nur zu oft von Unwürdigen mißbraucht. Im Umgange war P. der treueste Freund, echter Repräsentant ritterlicher Höflichkeit, und gewandt in der Kunst, angenehm und doch inhaltreich zu erzählen. Den Reiz seines Gespräches erhöhte die Originalität vieler seiner Anschauungen und das obwohl stets maßvoll gehütete Feuer seines Geistes. Von Natur aus empfänglich für heitere Scherze und selbst nicht ohne humoristische Ader, neigte er sich in der zweiten Hälfte seines bewegten Lebens mehr zur Melancholie, da viele und schwere Verluste in seiner Familie Wunde auf Wunde in seinem weichen Herzen gerissen hatten. Anfangs der Vierziger-Jahre verlor er noch einen Sohn, Achilles, Rittmeister bei den Kürassieren, im 22. Lebensjahre, einen staatlichen Jüngling voll Kraft und Schönheit. So überlebte ihn nurmehr ein Sohn Hannibal. [Ueber diesen siehe den folgenden Artikel und über den Familienstand das Nähere in der Stammtafel und in den Quellen.]

Freiherrnstands-Diplom ddo. Wien 8. Mai 1833. [Der ungarische Freiherrnstand war schon mit Diplom ddo. Wien 19. Februar 1830 erfolgt]. – Militär-Zeitung, herausgegeben von Hirtenfeld (Wien, 4°.) 1861, Nr. 27: „Zum Winterfeldzug in Siebenbürgen 1848–1849“. – Hirtenfeld (J.), Der Militär-Maria Theresien-Orden und seine Mitglieder (Wien 1857, Staatsdruckerei, kl. 4°.) S. 1211, 1433, 1749, 1752. – Czetz (Johann), Bem’s Feldzug in Siebenbürgen in den Jahren 1848 und 1849 (Hamburg 1860, Hoffmann u. Campe, 8°.) S. 146 u. f., S. 178. – Oesterreichischer Soldatenfreund. Zeitschrift für militärische Interessen. Herausg. von J. Hirtenfeld und Dr. Meynert (Wien, 4°.) V. Jahrgang (1852), S. 653, u. 1853, Nr. 1. – Hirtenfeld (J.), Oesterreichischer Militär-Kalender (Wien, kl. 8°.) Jahrg. 1854, S. 123. – Strack, Oesterreichische Generale (Wien, 8°.) S. 204. – Steger (Fr. Dr.), Ergänzungsblätter zu allen Conversations-Lexiken (Leipzig und Meißen 1850 u. f., Oscar Fr. Goedsche, gr. 8°.) Bd. VIII, S. 636. – Handschriftliche Mittheilungen des Herrn J. Ritter von Hoffinger, dem ich hier für die freundliche Theilnahme, die er am Fortgange meines Werkes nimmt, vom Herzen danke. – Jelenkor. Politikai és társas élet Encyklopaediája, d. i. Die Gegenwart. Politische und Real-Encyklopädie (Pesth 1858, Heckenast, gr. 8°.) S. 83. – Magazin für die Literatur des Auslandes 1853, Nr. 8. – Springer (Anton), Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809 (Leipzig 1864 u. 1863, S. Hirzel, gr. 8°.) Bd. II, S. 641, 696, 697. – Porträte. 1) Lithographie von Kriehuber 1852 (Wien, in Halbfolio u. in gr. 4°.); – 2) in Stahlstich, in Miniaturformat, zur Einfassung in Hemdknöpfe bestimmt, wie damals die Helden jener Tage, Radetzky, Benedek u. A. von unbekannter Hand (Mahlknecht?) gestochen erschienen sind. – In das Radetzky-Album schrieb Freiherr v. Puchner Folgendes: „Nicht allein, wo der große Mann weilt, wirkt sein hoher Geist, er wirkt durch Beseelung über Land und Meer, so weit die Begeisterung reicht. – Des Gefeierten Heldensinn belebt, wer ihn erfaßt, über hunderte von Meilen von Custozza und Novara bis Hermannstadt und Salzburg durch den alleinigen Siegesgrund – der lebenopfernden Treue für den Kaiser.“