BLKÖ:Haynau, Julius Jacob Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 8 (1862), ab Seite: 154. (Quelle)
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Haynau, Julius Jacob Freiherr von[BN 1] (Feldzeugmeister, Großkreuz des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Cassel 14. October 1786, gest. zu Wien 14. März 1853). Sohn † Wilhelm’s IX., Landgrafen (später Churfürsten Wilhelm I.) von Hessen-Cassel, wurde mit der Apothekerstochter Rebecca Ritter, nach der morganatischen Ehe Frau von Lindenheim genannt, erzeugt. Die Söhne, deren vier, und zwei Töchter, erhielten den Namen nach dem Geburtsorte der Mutter, Haynau, einer Stadt in Niederschlesien, wo der nachmalige Churfürst als Erbprinz in preußischen Militärdiensten gestanden. Der Obige wurde zuerst in Cassel, dann in Hanau erzogen. 1793 entfernte der Vater den Knaben auf seine Bitten aus der Anstalt und brachte ihn zu dem Pfarrer Bernhardi zu Otterau, der sich des Knaben liebreich [155] annahm. Bernhard unterrichtete denselben in Geschichte, Geographie, Mathematik, der deutschen und lateinischen Sprache, worin er bald Fortschritte machte. Seine Gespielen waren einige Bauernbuben und sein Bruder Moriz, der gemeinschaftlich mit ihm in Otterau erzogen wurde. Zu Ostern 1800 wurde er confirmirt. Sein Wunsch, Soldat zu werden, entsprach der Neigung seines Vaters. Die beiden Brüder kamen nach Marburg. Sie wurden dort unter die Leitung eines Lehrers gestellt, der ihre Sitten und Studien zu überwachen hatte. Haynau war damals noch ganz in der Weise gekleidet, wie wir sie aus der Werther’schen Zeit kennen. Bekanntlich hielt der Landgraf viel auf einen schönen Zopf. Der junge H. hatte eine stark gepuderte Frisur mit Locken an den Schläfen, einen dicken Zopf, trug einen blauen Frack und Weste, weiße lederne Beinkleider und hohe Reiterstiefel. Seine Studien wurden jedoch schon 1801 unterbrochen. Nach der Sitte der Zeit kamen die jungen Edelleute sehr früh in’s Glied. Kaiser Franz verlieh dem Landgrafen für seinen Sohn eine Lieutenantscharge bei dem Infanterie-Regimente Brechainville. H. traf sein Regiment in Pisek. Er widmete sich mit Eifer seinen Berufspflichten und der Erlernung des Dienstes; er wurde bald ein tüchtiger Officier. Der erste Feldzug, den H. mitmachte, war jener von 1805, der mit der Katastrophe von Ulm und Austerlitz endigte. Er zeichnete sich durch Muth und Entschlossenheit aus, fiel jedoch bei Ulm in Gefangenschaft. Bei dem Transporte verschaffte ihm die Kenntniß der französischen Sprache ein Gespräch mit Napoleon, das tiefen Eindruck auf ihn machte. H. kam Anfangs nach Auxerre, dann nach Paris, und kehrte nach dem Frieden zu seinem Regiments zurück. Der Kaiser ernannte ihn, obwohl noch nicht 20 Jahre alt, zum Capitän-Lieutenant bei dem Regimente Argenteau. Noch vor Ausbruch des Krieges von 1809 wurde er Hauptmann. Er focht in den meisten Schlachten jenes blutigen Krieges, den Oesterreich allein gegen den französischen Coloß bestand. Er erhielt eine schwere Wunde in der Brust, an der er mehrere Jahre litt. In Folge der bedeutenden Armeereduction von 1810 kam er zum Regimente Vogelsang. 1812, als Oesterreich der großen Coalition von Preußen und Rußland beitrat und jener Krieg begann, dessen Tage voll Begeisterung, Glück und Sieg nimmer vergessen werden, wurde H. zum Major ernannt. Er führte ein Bataillon bei der sogenannten deutschen Legion in der italienischen Armee und nahm an vielen Gefechten des Feldzuges Theil. Sein Name wurde in mehreren Armeebefehlen mit Auszeichnung genannt. Nach dem ersten Pariser Frieden kam H. von Bologna nach Königgrätz in Böhmen. Im Feldzuge nach Napoleon’s Rückkehr von Elba war H.’s Bataillon der Rheinarmee und zwar dem Corps des Feldzeugmeister Graf Colloredo zugetheilt. Haynau’s Brigadier war General Scheiter, ein tapferer Soldat, aber heftigen Charakters. Bei dem Marsche gegen Besançon wurden mehrere Huszaren einer Patrouille in einem Dorfe grausam verstümmelt und getödtet. Scheiter gab den Befehl, den Ort zu umzingeln und anzuzünden. Haynau ging zu Scheiter, überlieferte zwei Männer, welche die Bevölkerung als die Schuldigen bezeichnete, und bat ihn, die Unschuldigen zu schonen. Scheiter drohte ihm mit dem Kriegsgerichte; aber H. beharrte auf seiner Weigerung, bis der General den Befehl zurücknahm. Bei dem Weitermarsche ließ H. 200 gefangene [156] Freischärler, von denen es nicht gewiß war, ob sie am Kampfe Theil genommen oder Flüchtlinge waren, entkommen, ungeachtet des scharfen Befehles, sie niederzuschießen. Er klagte sich selbst an und Scheiter nahm die Sache dießmal besser auf, als H. glaubte. Nach dem zweiten Pariser Frieden wurde H.’s Bataillon aufgelöst; er kam zum Regimente Reuß-Greitz Nr. 18, wurde aber gleich als erster Major zum Regimente Lusignan versetzt, das damals in Treviso in Garnison lag. Alsbald gerieth H. in mannigfaltige Conflicte mit seinen Vorgesetzten, namentlich mit dem alten tüchtigen Frimont [s. d. Bd. IV, S. 363]. Seine Oppositionslust machte sich in den Friedensjahren Luft. „Er war ein tüchtiger Vorgesetzter, aber ein schlimmer Untergebener; er war geschaffen zu befehlen, nicht zu gehorchen.“ Er schuf sich viele Feinde und schadete seiner Laufbahn. Zwei Männer durchschauten diese Fehler und erkannten seine Vorzüge, diese waren der Kaiser Franz und der Feldmarschall Graf Radetzky. Ihnen hat H. den Aufschwung seines Lebens zu danken. Die Herzensgüte, mit der der Kaiser 1828 im Lager von Traiskirchen mit ihm sprach, machte tiefen Eindruck auf ihn. „Tausend Leben,“ sagte er, „hätte ich in diesem Augenblicke für meinen Kaiser hingegeben.“ Aber er konnte sein Blut nicht umwandeln, und verfiel wieder in eine Reihe von Zerwürfnissen. Er war in Karlstadt, Venedig, Olmütz, Lemberg, Teschen, Mailand, Udine, am liebsten in Gratz, wo er sein Leben beschließen zu können wünschte. 1823 wurde er Oberstlieutenant im Fürst Wied-Runkel-Infanterie-Regimente Nr. 34, 1830 Oberst im Graf Nugent-Infanterie-Regimente Nr. 30, 1835 General-Major, 1844 Feldmarschall-Lieutenant, 1845 Inhaber des 57. Infanterie-Regiments. Seine Bestimmung führte ihn nach Temesvár. Während seines Aufenthaltes daselbst hatte bereits jene politische Parteibewegung begonnen, die dann die revolutionäre Bahn einschlug, und einen so blutigen Ausgang fand. Fieberkrank und mißmuthig verließ er mit Urlaub die Stadt, vor deren Mauern er anderthalb Jahre später an der Spitze der Armee die letzten Reste der Empörung niederschlug, und ging nach Gratz. Als nun in Italien die Empörung die Kriegsflammen anfachte, da litt es H. in der Ruhe zu Gratz nicht mehr. Er stellte sich als Oberst an die Spitze seines Regiments. Als ihn das Kriegsministerium zurückrief, war es Radetzky, der das Ministerium um die Uebersendung dieses Generals bat. Der Marschall vertraute seiner Energie und Tapferkeit den wichtigen Stützpunct Verona, um die ganze Thätigkeit dem Operationsplane zuwenden zu können. Haynau rechtfertigte das Vertrauen. Er trug durch die Entsendung der Brigade Perin wesentlich zum Siege von Custozza bei, er hielt Peschiera cernirt und brachte die Festung auf’s Aeußerste, er versprengte den Insurgentenhaufen, der aus der Valtelina hervorkam. Im Herbste 1848 übernahm H. das Commando über das Blocadecorps von Venedig, das trotz des Mailänder Waffenstillstandes in den Händen der Revolution geblieben war und von der sardinischen Flotte unterstützt wurde. Er verbreitete ungeachtet der passiven Rolle und elementaren Hindernisse überallhin Thätigkeit und Energie, sorgte für die kranken Soldaten und war Tag und Nacht mit den Vorbereitungen zum Angriffe Venedigs beschäftigt. Als dann im Frühlinge 1849 der italienische Feldzug begann, der so rasch durch das Gottesurtheil von Novara sein Ende nahm, [157] hielt H. mit starker Hand das Venetianische nieder, und deckte den Rücken der Armee. Im Ganzen war Oberitalien ruhig geblieben. Nur Brescia empörte sich, nahm die zügellosen Haufen aus Piemont und der Schweiz auf, ließ allen Gräueln und Excessen freien Lauf. H. kam durch das Gebirge in’s Castell von Brescia. Es unterwarf sich nicht; nach einem blutigen, aber entscheidenden Kampfe lag das zweimal treulose Brescia gedemüthigt zu Haynau’s Füßen. Von diesem Tage an war sein Name gefürchtet, wie die Kraft des Wetterstrahles. Nach diesem Intermezzo setzte H. die Belagerung Venedigs fort. Jedoch bald erhielt H. eine andere Bestimmung. Der Wille des Kaisers rief ihn auf den großen Kriegsschauplatz Ungarns. Durch seine Ernennung zum Feldzeugmeister und selbstständigen Oberfeldherrn (30. Mai 1849) sah H. sich an dem Ziele seiner Wünsche. Er konnte nun die Bewegungen und den Kampf großer Massen leiten und die Erwartungen rechtfertigen, die er beanspruchte und die man von ihm hegte. Als H. zur Armee kam, hatte dieselbe eine Defensivstellung an der Waag und Donau. Ein Theil war unter Jellačić nach Slawonien marschirt und deckte die südlichen Provinzen. H. zweifelte nicht an einem glücklichen Erfolge. Dazu führte ihn sein eigenes Selbstvertrauen, die Tapferkeit seiner Armee, die den General als den Vorboten ruhmreicher Ereignisse begrüßte und die Ueberschau über die ganze Lage der Dinge. Es haben alle ungarischen Revolutionen eine starke Familienähnlichkeit; nur in ihrem Untergange war die letzte von allen früheren verschieden. Im 16. und 17. Jahrhunderte haben die deutschen Fürsten, bayerische, sächsische, brandenburgische Truppen die ungarischen Schlachten mitgeschlagen; dießmal stand Rußland, der Bundesgenosse aus den großen Kriegen, in welchen die Freiheit Europa’s gegen Napoleon erkämpft wurde, für Oesterreich ein. Die Bekämpfung der ungarischen Revolution war eine Sache der Ordnung für Oesterreich und für Europa. In früheren Jahrhunderten schleppten sich die ungarischen Kriege durch Generationen hin; dießmal brach die feindliche Kraft in Einem Sommer zusammen, denn Mitte Mai hatte H. den Oberbefehl übernommen und am 9. August wurde der Sieg bei Temesvár erfochten; H. concentrirte zuerst seine Truppen am rechten Donauufer, begann die offensiven Operationen mit dem Sturme auf Raab (28. Juni), an dem der Kaiser in aller Tapferkeit und glänzendem Muthe wie bei Santa Lucia Theil nahm, es folgte die Schlacht bei Comorn (30. Juni), jene am Acser Walde (1. Juli), die Einnahme von Ofen-Pesth (19. Juli). In der Ueberzeugung, daß nach der Lage der Dinge die Trennung der beiden verbündeten Heere ohne Gefahr sei, daß die russische Armee die Vernichtung Görgey’s als ihr Hauptziel vor sich sah, hatte H. den Plan gefaßt, die organisirten Streitkräfte der Insurgenten im Süden, welche Jellačić bedrängten und Temesvár auf’s Aeußerste brachten, noch ehe sie zur Vollendung kamen, mit einem Schlage zu vernichten. Und so geschah es. Schönhals vindicirt dem Zuge Haynau’s alles Recht; er nennt ihn kühn, aber nicht tollkühn. Am 22. Juli verließ die Armee Pesth; am 5. August folgte die Schlacht bei Szöreg gegen Dembinski; es zeigten sich bereits die Symptome der Auflösung bei dem Rebellenheere. Am 9. August erfocht H. den Sieg bei Temesvár gegen Bem; der Rest der Empörung war niedergeschlagen, Temesvár befreit. Während der Schlacht [158] hatten Ueberraschung, bange Freude, Angst und Hoffnung die Herzen der Belagerten bewegt. Um 8 Uhr Abends hielt H. von einigen Schwadronen begleitet seinen Einzug in die Stadt. Fackelschein erhellte die Schutthaufen, die Volkshymne tönte ununterbrochen, übertäubt von zahllosen Vivats, Eljen, Zivios. Es war ein glanzvoller Abend in Haynau’s Leben. Es folgte die Uebergabe bei Vilagos, die Flucht der Rebellen aus dem Lande, nach dem sie das Palladium des ungarischen Königthumes, die heilige Krone, an der Grenze versenkt hatten. Das Gericht über treulose Officiere und Revolutionsführer zu Arad und die Capitulation von Comorn endigten diese jammervolle Katastrophe des Bürgerkrieges. Es galt nun im Lande die gestürzten Gewalten wieder aufzurichten, die Rechtspflege herzustellen, die socialen Verhältnisse in ihren Lebensgang zurückzubringen. Für das friedliche Geschäft des Bindens und Bauens schien H. nicht geeignet. Sein Nervensystem war durch physische und geistige Anstrengungen erschüttert; die Eigenthümlichkeit seines Charakters, die straffe Haltung seines Wesens brachen wieder hervor. Es folgte seine Enthebung von dem Posten als General-Gouverneur, bald darauf seine Pensionirung. Er nahm Abschied von dem Heere, in dem er 50 Jahre gedient hatte und zog sich nach Gratz in die Mitte der Seinigen zurück. Seinem lebhaften Geiste war jedoch die Ruhe des Privatlebens unbehaglich, er entschloß sich zu einer Reise durch Europa, die er bis nach Spanien ausdehnen wollte. In London fand jene alle Civilisation verhöhnende Mißhandlung in der Brauerei von Barclay und Perkins Statt, für deren Strafe der englische Minister kein Gesetz finden konnte. H. kehrte nach Oesterreich zurück. Die Gnade des Kaisers hatte ihm ein Geschenk von 400.000 fl. zugewendet. Von diesem Geschenke kaufte sich H. eine Besitzung an der Theiß im Szathmárer Comitate. Bei dem Aufenthalte daselbst 1850 überkam ihn das dort herrschende Fieber, von dem ihn die reinere Luft Steiermarks nicht ganz herzustellen vermochte. Er versuchte die Wassercur in Gräfenberg. Dort erreichte ihn, 1851, die Trauerbotschaft von dem Tode seiner Gemalin, mit der er 40 Jahre in glücklicher Ehe gelebt. Als er im Laufe des Winters zurückkehrte, war er gebrochen; nur mehr ein Schatten seiner früheren Kraft. Der Aufenthalt in Gratz hatte den Reiz für ihn verloren, es zog ihn wieder in die Ferne. Er ging nach Berlin, Brüssel, Paris, wo er alle Ehren genoß. Die alte Frische des Geistes, die volle Gesundheit fand er erst in Italien wieder, als er unter seinen alten Waffengefährten frohe Tage verlebte und in Florenz das milde Klima genoß. Aus der Ruhe, die er dort fand, wurde er durch die entsetzliche Nachricht von dem gegen Seine Majestät verübten Attentate aufgeschreckt. Es drängte Haynau, seinem Kaiser und Herrn seine unerschütterliche Anhänglichkeit und Treue an den Tag zu legen. Er reiste nach Wien, und sah den Kaiser an jenem segensreichen Tage, an welchem er zum ersten Male öffentlich erschien, um sich nach St. Stephan zu begeben und Gott zu danken. Der Monarch ging auf ihn zu und reichte ihm mit freundlichen Worten die Hand, über die sich H. tief und bis zu Thränen gerührt bog. Es erfüllte die Gnade des Kaisers seine Seele mit Enthusiasmus, Rührung, Kraft und Hoffnung. Er erwartete noch eine Privataudienz bei Sr. Majestät und gedachte nach Gratz zurückzukehren, als ihn in der Nacht des 14. März in Wien plötzlich der Tod überraschte. Ein Schlagfluß hatte [159] seinem Leben ein rasches Ende gemacht. Sein Leichnam wurde in Gratz beigesetzt; ein einfacher Leichenstein bezeichnet die Ruhestätte. Auf demselben aber würden die Worte, mit denen ihn Zedlitz noch bei seinem Leben gezeichnet hat, die passendste Inschrift bilden:

Ich bin von Holz, aus dem man Feldherrn schneidet,
Bin schnell entschlossen, kraftvoll im Vollbringen,
Und setze muthig Alles an’s Gelingen,
Weil Alles doch nur der Erfolg entscheidet.
Doch wie der Fuchs mit List die Eisen meidet.
So meid’ auch ich die feingelegten Schlingen,
Oder durchbreche sie mit kühnem Ringen,
Blücher – in weißem Waffenrock gekleidet! –

Haynau’s Leben ist von seinen Gegnern, den Stimmführern jener Völker, die in ihm den Sieger fürchteten, oder aber von Gefühlsmenschen beschrieben worden. Niemand von den Genannten bewahrte ihm gegenüber die objective Anschauung, welcher im Leben eines Soldaten die Strömungen des Gefühles von untergeordneter Art erscheinen müssen. Eines echten Soldaten politische Anschauung ist die fleckenlose Treue; sein Staatsrecht der bündige Gehorsam; die Lebenskraft seines Wesens der frische Muth. Der Gehalt seiner Studien wird von der Denkkraft allein bedingt, und drängt auf Ergebnisse, welche von der Lage der Dinge abhängen und principiell niemals der Masse verständlich sind. Haynau bewährte die Treue für seinen Kaiser in einer Zeit, als man den Verrath zur Tugend, die Felonie zum Patriotismus stempelte. Religiöser Fanatismus und Parteiwuth haben ihn zur „Hyäne von Brescia“ und zum „Blutrichter von Arad“ gemacht, die Zukunft wird ihn als einen unbeugsamen, seinem Kaiser in unverbrüchlicher Treue ergebenen General erscheinen lassen, der im Kriege kein Erbarmen kannte, in der Ueberzeugung, daß, wenn er statt der Sieger zu sein, der Besiegte gewesen wäre, ihm nicht mit besserem Maße gemessen worden wäre. Gegen die Blutgerichte, welche die Ungarn mit jenen hielten, die nicht mit ihnen gingen, verschwinden die Aussprüche des Kriegsrechtes, welche H. bestätigte, in Nichts. Haynau’s vielfältige Verdienste wurden von seinem Kaiser reichlich belohnt. Das Geschenk von 400.000 fl. verwendete er zum Ankaufe eines Gütercomplexes, den er letztwillig zur Gründung eines Fideicommisses bestimmte, dessen Durchführung aber in neuester Zeit durch die Wendung der Verhältnisse in Frage gestellt worden ist [siehe unten: V. Das Haynau-Fideicommiß]; ferner verlieh ihm der Kaiser das Commandeurkreuz des Leopold-Ordens, den Orden der eisernen Krone I. Classe, das Großkreuz des ungarischen St. Stephan-Ordens; auch wurde ihm schon in der 153. Promotion (am 29. Juli 1849) das Commandeurkreuz des Maria Theresien-Ordens zugleich mit dem Erzherzoge Albrecht und den Generalen Aspre, Jellačić, Puchner und Thurn verliehen; dieser Auszeichnung folgte aber in der 157. Promotion (26. März 1850) die Verleihung des Großkreuzes. Die Inhaberswürde des 57. Infanterie-Regiments, vor ihm Mihalievits, nach ihm Fürst Jablonowski und gegenwärtig Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, bekleidete er seit dem Jahre 1845. An ausländischen Orden erhielt H. neben zweien seines Geburtslandes, dessen ihm verwandter Fürst ihm das Ritterkreuz des eisernen Helm- und jenes des Militär-Verdienst-Ordens, und zwar beide bereits im Jahre 1815 verliehen hatte, das Militär-Großkreuz des kön. hannover’schen Guelphen-Ordens und die Brillant-Decoration des kais. russischen Andreas-Ordens. Aus seiner Ehe mit Therese [160] Weeber von Treuenfeld (gest. 21. October 1851) hinterließ H. nur eine Tochter, Clotilde, welche unvermält in Gratz lebt; von seinen übrigen Verwandten sei hier noch seiner Schwester gedacht, welche an den churhessischen Staatsminister a. D. Freiherrn von Haustein vermält ist, und in diesem Jahre (6. März 1861) zu Cassel mit ihrem Gemale die Feier der „diamantenen“ Hochzeit (nach 60jähriger Ehe) begangen hat [siehe Salzburger Zeitung 1861, Nr. 85].

I. Zur Biographie. Schönhals, Biographie des k. k. Feldzeugmeisters Julius Freiherrn von Haynau von einem seiner Waffengefährten (Gratz 1853, August Hesse, 2. Aufl. ebd., 8°.). [Eine gelungene Darstellung des schwer aufzufassenden Charakters Haynau’s. Schönhals hat schon in den „Erinnerungen eines Veteranen“ Haynau als einen unbequemen und schwer zu behandelnden Charakter dargestellt. Diese „Biographie“ bestätigt nun diese Ansicht durch eine Menge von Thatsachen. Die Zähigkeit und der Widerspruchsgeist aber, welcher sich bei Haynau gegen seine Vorgesetzten geltend machte, sprach sich gegen Untergebene und nach Außen nicht als Härte oder Grausamkeit aus, wie vielfältig geglaubt wurde, und hier durch Thatsachen völlig widerlegt wird, sondern als gefürchtete rücksichtslose Gerechtigkeit und Willensfestigkeit, wie sie als Cardinaltugenden eines Feldherrn erscheinen und bei den in Ungarn obwaltenden Verhältnissen gewiß nöthig waren. Die Feldherrnthätigkeit Haynau’s ist nur skizzirt. Schönhals findet in den Naturen Haynau’s und Blücher’s viel Aehnlichkeit und parallelisirt ihre Charakter. Das treffendste und dabei kürzeste möchte denn doch der alte Heldenmarschall Radetzky über Haynau gesagt haben, als er rief: „Haynau ist wie ein Rasirmesser, nach gemachtem Gebrauche muß man es in’s Futteral legen“, welcher geistreiche Ausspruch nach der Hand folgendermaßen: „Haynau ist wie ein Schwert, nach gemachtem Gebrauche muß man es in die Scheide stecken“, verballhornt wurde.] – Strack (Joseph), Die Generale der österreichischen Armee. Nach k. k. Feldacten und anderen gedruckten Quellen (Wien 1850, Jos. Keck und Sohn, kl. 8°.) S. 288. – Oesterr. Militär-Konversations-Lexikon, herausg. von J. Hirtenfeld (Wien 1850), Bd. III, S. 99. – Hirtenfeld (J.), Der Militär-Maria Theresien-Orden und seine Mitglieder (Wien 1857, Staatsdruckerei, 4°.) S. 1398, 1410, 1752, 1753. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1849, Nr. 197: „Haynau’s Lebensbild“. – Allgemeine Theaterzeitung, herausg. von Ad. Bäuerle (Wien, 4°.) 47. Jahrg. (1853), Nr. 61, S. 254: „Nekrolog“; Nr. 63: „Leichenfeier“. – Dieselbe 1850, Nr. 167, S. 666: „Haynau’s letzter Armee-Befehl“. [Leider führt Schönhals dieses Aktenstück und seine Erwiderung auf den Artikel in der „Oesterreichischen Reichszeitung“ vom 10. Juli 1850, welcher seine Enthebung erläutert, und welche beide hier abgedruckt stehen, nicht an. Sie sind beide bemerkenswerth.] – Der Freischütz (Hamburger polit. Blatt,. Fol.) 1853, Nr. 35: „Haynau“. [Daselbst heißt es: „Kein Geschichtschreiber künftiger Tage wird Haynau so wie Tilly rein brennen können. Seine Thaten liegen offen vor: Brescia und Arad sind Blutzeugen wider ihn. ... Als Soldat hat er große Verdienste und auch als Mensch war er, wie man rühmt, nicht ohne gute Eigenschaften; aber wie viel Menschliches hatte denn Haynau eigentlich an sich?“] – Europa, herausg. von Gustav Kühne (Leipzig, 4°.) 1853, Nr. 74, S. 589 [anläßlich der Schrift von Schönhals]. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Suppl. Bd. III, S. 1332. – Beilage zur Augsburger Postzeitung 1853, Nr. 243, S. 970. – BrockhausConversations-Lexikon (10. Aufl.) Bd. VII, S. 520. – Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon (Leipzig 1857, Brockhaus, gr. 8°.) Bd. I, S. 415. – Steger (Fr. Dr.), Ergänzungs-Conversations-Lexikon (Leipzig und Meißen 1850, Goedsche, gr. 8°.) Bd. V, S. 95. – Der österreichische Volksbote (Wien, bei Pichler), Kalender für 1855 (III. Jahrg.) S. 6. – Gallerie denkwürdiger Persönlichkeiten der Gegenwart. Nach Originalzeichnungen, Gemälden, Statuen und Medaillen (Leipzig, J. J. Weber, Fol.) Sp. 20. Tafel XXVI, Porträt. – Kertbeny (K. M.), Silhouetten und Reliquien (Wien und Prag 1861, Kober und Markg.) I. Serie, S. 225. [Kertbeny entwirft ein lebendiges Bild dieses soldatischen Originals, das wenig gekannt, ungekannt verlästert, und von Schönhals am richtigsten erfaßt und dargestellt [161] worden ist.] – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères, sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris, 1850 et s., 8°.) Tome XXIII, p. 664 [nach diesem gest. 24. März 1853, was irrig ist].
II. Wichtigere Actenstücke zur Geschichte seines Armee-Obercommando’s. Wiener Zeitung 1849, Nr. 130: „Seine Ernennung zum Armee-Obercommandanten“; – Dieselbe, Nr. 158: „Proclamation, datirt Raab 1. Juli“; – Dieselbe, Abendblatt, 1850, Nr. 63, 64, 66, 67: „Proclamation über die Assentirungsbefreiung jener Nationalgarden in Ungarn, welche bis zum 5. Jänner 1849 gefochten haben“. – Oesterreichischer Korrespondent 1849, Nr. 167: „Relation über die Schlacht von Komorn“. – Deutsche Zeitung aus Böhmen 1849, Nr. 115: „Proclamation an die Bewohner von Ofen-Pesth vom 19. und 20. Juli“. – La Presse (Pariser Journal, 13. Februar 1850): „Brief Klapka’s an Haynau wegen Assentirung der Honveds aus Komorn“. – Wiener Zeitung, Abendblatt, 1850, Nr. 92: „Ehrenbürgerrecht von Arad“; – Dieselbe 1850, Nr. 169: „Seine Pensionirung und sein Abschied von Ungarn“.
III. Ueber das Attentat auf Haynau in London. Wiener Zeitung 1850, Nr. 302. – Ostdeutsche Post 1850, Nr. 215, 216, 302. – Lloyd 1850, Nr. 3532. – Wanderer 1850, Nr. 598 [die genannten Blätter enthalten auch den aus diesem Anlasse entsprungenen Notenwechsel]. – Neue Münchener Zeitung 1850, Beilage zu Nr. 217 und zu Nr. 218: „Haynau’s Mißhandlung in London“ [diese Nummern enthalten nebst der Darstellung des Sachverhaltes auch die Stimmen der verschiedenen Londoner Blätter, als: „Daily News“, „Sun“, „Standard“, „Globe“, „Morning Post“, „Morning Chronicle“ und „Times“, über denselben]. – Haynau’s Mißhandlung in der Brauerei Barclay und Perkinns wurde in eine Posse: „Haynau at the Judge and Jury Society“, gebracht und in Londoner Tavernen der Bowstreet im Beisein vieler Zuschauer und unter stürmischem Beifalle abgespielt. – Auch der „Londoner Punch“ bemächtigte sich dieses Anlasses und brachte eine Reihe ordinärer englischer Witze vor, welche Lehmann’s „Magazin für die Literatur des Auslandes“ in einer der Nummern des Jahres 1850 unter dem Titel: „Magyaren-Geißel“ in der Uebersetzung mittheilt.
IV. Porträte. 1) Unterschrift: Julius Freiherr v. Haynau, k. k. Feldzeugmeister etc., daneben das Facsimile des Namens: Haynau. FZM. Heinrich Vogt del., Kriehuber lithogr. 1849 (Kunsthandlung von L. T. Neumann in Wien, Fol.) [Kniestück). – 2) Unterschrift: Freiherr von Haynau, k. k. Feldzeugmeister. Rybicka sc. Verlag von Gottl. Haase’s Söhne (Prag, 4°.). – 3) Avant la lettre, am untern Plattenrande steht (etwa drei Linien entfernt): Stahlstich von C. Mahlknecht, Wien, St. Ulrich, Pelikangasse, Nr. 23 (Wien, 32°.), treffliches Miniaturbild, Haynau im Mantel. – 4) Ohne Unterschrift. Am untern Plattenrande: Verlagseigenthum von J. Bermann in Wien, gestochen von Krepp (Wien, 64°.) [im Ring-Oval]. – 5) Holzschnitt mit der Unterschrift: F. Z. M. Baron v. Haynau, als Privatmann [mit der Jockeykappe, in einer Jacke, auf einem Stocke gestützt, einherschreitend; harte, ja grausame Züge, aus denen nichts Menschliches spricht]. – 6) Gezeichnet und lithogr. von Kaiser (Wien, Paterno, Fol.); – 7) nach Skalitzky lithogr. von Eybl (Wien, J. Bermann, kl. Fol.). – 8) Stahlstich von Hyrtl (Wien, Schaumburg, 8°.).
V. Das Haynau–Fideicommiß. Haynau hat in seinem zu Gratz am 7. Juni 1852 errichteten schriftlichen Testamente unter anderen Anordnungen auch die getroffen, daß aus dem von ihm zu Kis-Gécz und Kis-Szekeres im Szathmárer Comitate erworbenen Gütercomplexe ein Fideicommiß für seinen Neffen, den churhessischen General Gottfried Baron von Haynau, und dessen Nachkommen gestiftet werden solle, welches Fideicommiß im Falle des Aussterbens dieses Familienzweiges auf die Baron Gustav von Haynau’sche Seitenlinie und von dieser wieder auf die Baron Hanstein’sche Familie übergehen solle. Während der Lebensdauer seiner noch lebenden einzigen Tochter Clotilde von Haynau sei jedoch diese im Fruchtgenusse dieses Fideicommisses zu belassen. Die Ausfertigung dieser Stiftungsurkunde hat sich verzögert und erst in neuester Zeit (1861) wurde das Directorat Causarum regalium von der kön. ungarischen Statthalterei aufgefordert, sich über diese Fideicommißstiftung gutachtlich zu äußern. Das Gutachten fiel nun gegen die Gesetzmäßigkeit und Rechtmäßigkeit dieser Fideicommißstiftung aus. So stand im August 1861 die Sache [vergl.: Fremdenblatt 1861, Nr. 208; – Presse 1861, Juli, Nr. 183].
[162] VI. Das Haynau-Album. Dieses literarische Machwerk bildete in neuester Zeit (Jänner 1861) den Gegenstand lebhafter Erörterungen in den Pesther Journalen. Einige Pesther Bürger hatten nämlich im Jahre 1849 dem Baron Haynau ein prachtvolles Album gewidmet, in welchem ein Namensverzeichniß Derjenigen stand, die an dieser Huldigung theilgenommen haben sollen. Dieses Verzeichniß gab nun Veranlassung, mehrere geachtete Bürger Pesths zu verdächtigen und der Theilnahme an einer Ovation zu beschuldigen, die mit ihrem neuerlichen Auftreten nicht im besten Einklange steht. Die Erklärungen Vieler, von einer Unterzeichnung des Haynau-Albums nichts zu wissen, veranlaßte weitere Nachforschungen und aus einem Schreiben der Tochter, Clotilde, des Feldzeugmeisters H., datirt Gratz 25. December 1860, stellt es sich heraus, daß ein eigenhändig unterfertigtes alphabetisches Namensverzeichniß der Widmer gar nicht dem Album, welches H. überreicht worden, beiliege, sondern sich nur ein lithographirtes, und zwar nicht facsimilirter, sondern in der Schriftart der Widmung geschriebener Namen vorgefunden habe. Demnach war jenes Album von Niemanden unterzeichnet worden, sondern mußten die unter die Widmung geschriebenen Namen – um den Feldzeugmeister über seine Popularität im Lande hinter’s Licht zu führen – willkürlich in das Album eingetragen worden sein. [Presse 1861, Nr. 2, Morgenblatt].

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Haynau, Julius Jacob Freiherr von [Bd. VIII, S. 184].
    Grenzboten (Leipzig, gr. 8°.) 1865, Nr. 27, „Aus dem Leben des Generals Haynau“. – Neues Familien-Journal (Wien, 4°.) 1868, Nr. 1: „Haynau und Graf Karolyi“. – Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wien, Fol.) 1867, Nr. 240: „Radetzky und Haynau“. – Wanderer (Wiener polit. Blatt, Fol.) 1867, Nr. 291: „Haynau und – die Intelligenz“. [Bd. 28, S. 348.]