BLKÖ:Schwarzenberg, Johann Adolph Fürst (geb. 1799)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 33 (1877), ab Seite: 78. (Quelle)
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Schwarzenberg, Johann Adolph Fürst (Ritter des goldenen Vließes, geb. 22. Mai 1799). Der älteste Sohn des Fürsten Joseph Johann Nepomuk und der durch ihren Flammentod in Paris denkwürdig gewordenen Fürstin Pauline, ein Bruder des berühmten Ministers Felix und des noch lebenden Cardinals Friedrich. Der Fürst, der eine sorgfältige Erziehung genossen, widmete nicht, wie so viele seiner Vorfahren und seine mit ihm lebenden Vettern, seine Dienste dem Staate; in des Wortes vollster Bedeutung übernahm und führte er die Regierung seines eigenen, über zehn Quadratmeilen betragenden Gütercomplexes und wurde Landwirth im großartigsten Maßstabe, als welcher er aber auch als ein leuchtendes Muster, von Fachmännern anerkannt, und gewürdigt, dasteht. Die Aufgabe, einen so großartigen Gütercomplex persönlich zu verwalten und diese Verwaltung mustergiltig, zu führen, ist weder eine leichte, noch eine unwichtige. Es gehört eine besondere Begabung und bedarf eines eigenen Blickes, um einen so ausgedehnten Verwaltungsplan zu überschauen und das zu seiner Instandhaltung Nöthige zu besorgen und anzuordnen. „Wenn ein Landmann“, bemerkt ein erfahrener Landwirth, „nur zwei Felder auf den verschiedenen Seiten des Dorfes aus einander liegen hat, so klagt er schon, daß er nicht überall zugleich sein kann, und daß ihm hier ein Verlust zustößt, während er dort einen Vortheil gewinnt; was soll der Herr von neunundneunzig Gütern sagen, die er zu verwalten hat?“ – Für den Großbesitz ist ein Heer von Arbeitern, eine große Anzahl von Vorstehern, Verwaltern, Directoren [79] nothwendig, die der Herr mit Scharfblick wählen, nach einem großen, wohldurchdachten Principe gliedern und zu einem Ganzen verbinden muß, das in engster Verbindung mit ihm gleichsam nur die Vergrößerung der Verwaltungskraft des Herrn darstellt. Das Talent des Herrschens, der Verwaltung im großen Maßstabe ist ein den Schwarzenberg vorherrschend eigenthümliches. Ein genauer Blick in die Geschichte dieses Hauses überzeugt uns von dieser Thatsache. Schon die Ahnen des Fürsten haben es erkannt, daß Wissenschaft eine Macht, daß die Schule ein Segen sei und besaßen lange bevor der Staat Anstalten traf, dieses für die Entwicklung seiner wirthschaftlichen Verhältnisse gewichtige Bedürfniß zu befriedigen, eine Oekonomieschule zu Krumau, in welcher nur ihre eigenen Domänenverwalter herangebildet wurden. Aber diese in dieser Schule herangebildeten Oekonomen genügen nicht immer dem Herrn, der, wenn es gilt, mit der Zeit Schritt zu halten und im landwirthschaftlichen Gebiete mit dem großartigen Fortschritte der Gegenwart auf gleicher Höhe zu bleiben, alsdann hervorragende Talente erwirbt, wo er sie findet, und so die Lücken in der Gliederung der Verwaltungs-Intelligenzen auszufüllen bemüht ist. Der Fürst Johann Adolph hat sich frühzeitig und viel mit dem Studium der National-Oekonomie und Handelspolitik beschäftigt und längere Zeit in England sich aufgehalten, wo ihm die landwirtschaftlichen und industriellen Verhältnisse dieses Landes reichliche Gelegenheit boten, auf diesem Gebiete sich zu orientiren. Nach dem Tode seines Vaters, des Fürsten Joseph (gest. 19. December 1833), nahm er die Verwaltung der ausgebreiteten fürstlichen Besitzungen in die eigene Hand und setzte ein durchgreifendes Reformsystem in’s Werk. Dazu besitzt er das ausgebildete wirthschaftliche Regententalent, den großen Scharfblick in der Wahl seiner leitenden Mithelfer, und die Ausdauer, den Fortschritt der Zeit mit aufmerksamer, unermüdlicher und stets prüfender Sorgfalt zu verfolgen, wodurch er aber auch jene großartigen Erfolge erzielt, welche die Regie seiner Domänen zeigt. Ein weiterer Punct von großer Bedeutung ist die Art und Weise, sich die Anhänglichkeit und dem Geschäfte den Eifer der Verwaltungsglieder zu sichern. Diese liegt in der Behandlung und Versorgung derselben und wenn die fürstlich Schwarzenberg’schen Diener bei tüchtiger Leistung der Sorge für ihre Zukunft enthoben, diese ungetheilt dem Dienste widmen, so ist die väterliche, freundliche Weise, womit der Fürst seine Diener persönlich gewinnt, auch ein Moment, um die Resultate seiner Verwaltung zu erklären. Immer aber bleibt die landwirthschaftliche und forstwirtschaftliche Ausbildung des Fürsten selbst der Hauptfactor, um so große Wirkungen zu erzielen, wie dieß der Fall ist. Präsident der k. k. patriotisch-ökonomischen Landwirthschafts-Gesellschaft in Böhmen, hervorragendes wirkendes Mitglied der niederösterreichischen Landwirthschafts-Gesellschaft, steht Fürst Johann Adolph inmitten in dem reichen Kreise der Intelligenz und Experienz von Tausend strebsamen Land- und Forstwirthen, und während das Studium und die Erfahrungen auf den eigenen zahlreichen Domänen eine reiche Grundlage des Wissens bilden, führt der volle Strom der neuen Erfindungen und Entdeckungen täglich der geistigen Verarbeitung frisches Materiale zu. Als der Fürst an die Spitze der fortschreitenden Bewegung trat, fand er darin einen mächtigen Antrieb, daß [80] die Aufhebung der Unterthänigkeit eine durchgreifende Aenderung der Arbeiterverhältnisse nothwendig machte. Der Verlust an der Menge der Frohnarbeiter wurde durch die gesteigerte und nützlichere Leistung bezahlter Arbeiter für die Erfolge einer kräftigern Bewirthschaftung aufgewogen. Die Maschinen, früher bei dem Ueberfluß von Arbeitshänden vernachlässigt, wurden in den fundus instructus aufgenommen, die Ablösungssummen boten Capital gerade in dem Augenblicke, wo der Bruch mit dem Dreifeldersysteme und der ausgedehnten lauen Wirthschaft, das neue System des Fruchtwechsels in Verbindung mit Industrieanlagen und mit der Beschränkung der Wirtschaftskraft auf kleinere Strecken, Capital erheischte. Der Fürst, seit Jahren mitten in der landwirthschaftlichen Praxis stehend, hat die Bedeutung des Moments vollkommen begriffen, und indem er einerseits durch die Einführung der neuen Wirthschaftsart die Production seiner Güter erhöhte, verwerthete er dieselbe durch die Veredlung in den landwirthschaftlichen Nebengewerben besser und schuf mit dieser zweifachen Verwendung einen wohlfeilen Arbeiterstamm. Damit ging die Veredelung der Hausthier-Racen, zu welcher die Vorfahren, besonders Fürst Joseph Schwarzenberg durch die Einführung der spanischen edlen Schafe und der Rambouillet-Race den Grund gelegt hatte, gleichen Schritt, und wurde von dem Fürsten Johann Adolph besonders durch die Einführung edler Rinder-Racen sehr gehoben, um dadurch das Bewirthschaftungssystem auf seinen Gütern abzurunden und zu vervollständigen. Jede erprobte Neuerung wird in richtiger Würdigung auf diesen riesenhaften Besitzungen eingeführt und die Auszweigung der Wirthschaft in Spiritus-, Bier-, Champagner- und Zuckerfabrikation, die Aufnahme der Ziegeleien mit ihren verbesserten Producten, die Verbindung des Bergbaues von Graphit, Kohle u. dgl. ermöglicht nicht allein die gesteigerte Ausnützung der Domäne, sie gewährt auch noch den Vortheil, durch gleichmäßige Beschäftigung der Arbeiter während aller Jahresperioden diese mit festerem Verbande an die Domäne und unter günstigen Lohnbedingungen zu gewinnen und in den Nebengewerben die Compensation der schwankenden Handelsconjuncturen zu finden. So steht der Fürst auf einem Domänencomplex, der an Fläche manchen souveränen kleinen Staat übertrifft, einen riesigen Wirkungskreis mit seiner Intelligenz und Energie ganz ausfüllend, zugleich als Führer, Sorger und Herr von vielen Tausend Arbeitern und Dienern da, eine Thätigkeit entfaltend, die wohl im Glanz von jener auf dem Parket, im Ruhm von jener auf dem Schlachtfelde, aber nicht im Nutzen, den sie bereitet, und im Segen, den sie allenthalben bringt, übertroffen wird. Jedoch ist mit dem bisher Gesagten der Wirkungskreis des Fürsten lange noch nicht abgeschlossen. Als Präsident der böhmischen ökonomischen Gesellschaft widmet er sich den Interessen derselben mit aufopfernder Anstrengung, und steht dadurch an der Spitze der Fortschrittscolonne, deren Thätigkeit die Land- und Forstwirthschaft in Böhmen ihren hohen Flor verdankt; seine energische Betheiligung bei den Versammlungen der deutschen Land- und Forstwirthe dehnt seinen Wirkungskreis weit über die Grenzen seiner näheren Heimat aus und erhebt ihn in den Rang einer der ersten landwirtschaftlichen Autoritäten von Europa. Man kann ihn, wie einer seiner Biographen schreibt, in allen diesen Beziehungen „den Fürsten unter [81] den Land- und Forstwirthen und den ersten Land- und Forstwirth, unter den Fürsten“ nennen. In diesem seinem Lieblingsfache ist der Fürst auch schriftstellerisch thätig und einzelne landwirthschaftliche Blätter der Monarchie enthalten Beiträge aus der Feder des Fürsten. Längere Zeit versah der Fürst auch die Präsidentenstelle der k. k. Landwirthschaftsgesellschaft in Wien, führte im Jahre 1866 das Präsidium des Comités für die land- und forstwirthschaftliche Ausstellung im Prater, und der 48. Versammlung der deutschen Land- und Forstwirthe. Mehrere Jahre hindurch fungirte er als Präsident des Verwaltungsrathes der Creditanstalt, welche Stellung er aber später mit dem Präsidium der Kaiser Franz Josephs-Bahn vertauschte. Bisher ist die Wirksamkeit des Fürsten auf land- und volkswirthschaftlichem Gebiete nur mit den zur Herstellung eines verständlichen Bildes unerläßlichen Contouren gezeichnet worden. Was seine politische Thätigkeit betrifft, so ist zu erwähnen, daß er 1835 den Regierungsantritt des Kaisers Ferdinand, dem Berliner Hofe notifizirte, und 1838 nach London entsendet wurde, um der Krönung der Königin Victoria beizuwohnen. Am 29. April 1860 wurde er als lebenslängliches Mitglied in den verstärkten Reichsrath, am 18. April 1861 als erbliches Mitglied in das Herrenhaus berufen. Im verstärkten Reichsrathe sprach der Fürst in den wichtigsten Fragen, so über landwirthschaftliche Gewerbe, über Fructificirung der Waisen- und Kirchencapitalien, über Rübenzuckersteuer, über Biersteuer, über das Tabakmonopol, über Staatsgüter und die allgemeine Finanzlage, immer zur Sache, mit staatsmännischer Ruhe und den eindringlichen Gründen des erfahrenen Nationalökonomen. Mit kurzen aber treffenden Worten kennzeichnete er die Finanzlage des Staates, und ohne sich zu ereifern, sprach er die schwerwiegenden, unbeherzigt gebliebenen Worte: „Was die politische Verwaltung anbelangt, so wurden früher die Geschäfte solcher Dominien, welche jetzt in 6–7 Bezirke eingetheilt sind, namentlich das Recrutirungswesen, das Straßen- und Contributionswesen, der Contributions-Schüttkasten und das Assecuranzwesen von 5–6 Individuen verrichtet; jetzt sind vielleicht 30 oder noch mehr Individuen dafür bestellt, ob diese wohlfeiler sind, als die früheren sechs, dürfte, glaube ich, zu bezweifeln sein.“ In der denkwürdigen Debatte über die Organisation des Reichs, in welcher die Minorität, geführt von Hein und Maager, leider vergebens ein einiges Gesammt-Oesterreich anstrebte, stimmte auch der Fürst mit der Majorität, sprach aber die bezeichnenden Worte: „Die Rechte des Souveräns dürfen, was heute leider oft angestrebt werde, nicht geschmälert werden. Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich müssen Kaiser und Herr bleiben.“ Dem böhmischen Landtage gehörte der Fürst in den Jahren 1861–1867 als Vertreter des fideicommissarischen Großgrundbesitzes an. Am 4. Februar und 29. März 1867 wurde er wiedergewählt, nahm indeß, wie noch einige Cavaliere der conservativen Partei, bei der letzteren Wahl das Mandat nicht mehr an. Seit 1820 ist der Fürst Kämmerer, seit 1836 Ritter des goldenen Vließes, also außer den Mitgliedern des kaiserlichen Hauses zur Stunde das älteste lebende Mitglied dieses Ordens, seit 1838 geheimer Rath und seit 1854 Großkreuz des St. Stephans-Ordens. In letzter öffentlicher Thätigkeit fungirte der damals 74jährige Fürst, im Jahre 1873, [82] als Vice-Präsident der k. k. Weltausstellungs-Commission in Wien, und möchte diesem Umstande die glänzende Betheiligung der Landwirthe aller Länder an dieser Ausstellung, in welcher der Pavillon Schwarzenberg zu den ersten Sehenswürdigkeiten gehörte, zuzuschreiben sein. Der Fürst hat sich (am 23. Mai 1830) mit Eleonora Fürstin Liechtenstein (geb. 25. December 1812), einer Tochter des Maria Theresien-Ritters Moriz Fürsten Liechtenstein, vermält und ist seit 28. Juli 1873 Witwer. Aus dieser Ehe entstammen der Erbprinz Adolph Joseph (s. d. S. 35) und die Prinzessin Leopoldine (geb. 2. Nov. 1833), vermält (seit 23. Juni 1851) mit Ernst Graf Waldstein-Wartenberg.

Tagesbote aus Böhmen (Prager polit. Blatt) 1858, Nr. 160, im Feuilleton: „Böhmische Landwirthe“. Johann Adolph Fürst zu Schwarzenberg“. Von Dr. Fernand Stamm. – Guide- und Souvenir-Album der Wiener Weltausstellung 1873. Herausgegeben von Adolph Dillinger und August von Conraths (Wien 1873, br, 12°.), S. 186. Porträte. 1) Holzschnitt in der „Illustrirten Zeitung“, als Präsident der 18. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe in Prag. – 2) Holzschnitt im „Guide- und Souvenir-Album“ von Dillinger und Conraths. – 3) Auf dem Titelbilde die Schrift: Den Mitgliedern des Tabakcollegiums beim Schwarzenberg, zur freundlichen Erinnerung an die Versammlung am 4. Februar 1856 (kl. qu. Fol.).