BLKÖ:Seibt, Karl Heinrich Ritter von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Seibt, Ignaz
Nächster>>>
Sejcek, Lorenz
Band: 33 (1877), ab Seite: 326. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Karl Heinrich Seibt in der Wikipedia
GND-Eintrag: 120530872, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Seibt, Karl Heinrich Ritter von|33|326|}}

Seibt, Karl Heinrich Ritter von (Schulmann und Schriftsteller, geb. zu Marienthal in der Oberlausitz 21. März 1735, gest. zu Prag 2. April 1806). Nachdem er die unteren Schulen und das Gymnasium in seiner Heimat beendet, besuchte er die Humanitäts-Classen bei den Piaristen zu Kosmanos in Böhmen, bezog dann behufs der philosophischen Studien die Hochschule in Prag, an welcher er auch das Studium der Rechte begann. Nach Beendigung seiner Studien begab er sich nach Leipzig, wo er an der dortigen Hochschule sich weiters den Wissenschaften widmete, nach fünfjährigem Aufenthalte daselbst, 1762, nach Prag zurückkehrte und im Jahre 1763 sich an die Kaiserin Maria Theresia mit der Bitte wendete, an der philosophischen Facultät der Prager Hochschule als außerordentlicher Professor der schönen Wissenschaften Vorträge eröffnen zu dürfen. Seine Bitte wurde von der Universitäts-Commission und dem philosophischen Studien-Directorate angelegentlich unterstützt und ihm noch im nämlichen Jahre mit Decret vom 19. November die außerordentliche Professur verliehen. Diese schönen Wissenschaften, aus denen S. Vorträge hielt, umfaßten die Moral, die Erziehungskunst, den deutschen Styl und die Geschichte mit ihren Hilfswissenschaften, über welche Studien S. seine Vorträge in vier Jahrgänge eintheilte. Tomek in seiner Geschichte der Prager Hochschule bemerkt: „Seibt’s Auftreten konnte in gewisser Hinsicht als eine neue Epoche in Böhmens Culturgeschichte angesehen werden“. Im Jahre 1766 erhielt S. das Amt eines deutschen Secretärs bei dem Prager erzbischöflichen Consistorium, nebst dem Lehramte der Kirchengeschichte in dem erzbischöflichen Seminarium. Als nach Aufhebung des Jesuitenordens Seibt das Präsidium der philosophischen Facultät übertragen wurde, gab er 1775 die beiden letztgenannten Aemter auf. Das Directorat versah er bis zu seiner im Jahre 1801 erfolgten ehrenvollen Versetzung in den Ruhestand. Seibt’s Wirksamkeit an der Prager Hochschule war eine in jeder Hinsicht erfolgreiche und um so bedeutsamer, als es ihm nicht an großen und einflußreichen Widersachern fehlte, die ihn bei den maßgebenden [327] Stellen und selbst bei der Kaiserin denuncirten und alle Mittel anwendeten, ihn zu verderben. An der Spitze seiner Gegner stand Graf Wieschnik in Prag und die Triebfeder seiner Verfolgung waren die zwei Exjesuiten Schönfeld und Herz und der damalige Bibliotheks-Custos Mende, welch’ letzterer, ein verdorbenes Subject, das später mit Selbstmord endete, Auszüge aus seinen Schriften machte, einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhange riß und in sophistischer Weise ihren Sinn verdrehte. Auch beschuldigte ihn Mende, daß er seinen Schülern verderbliche Schriften zur Lecture empfohlen habe, kurz, er brachte allerhand vor, um Seibt’s Verhalten in das nachtheiligste Licht zu stellen, was auch zur Folge hatte, daß ein Klage-Protokoll gegen S. aufgenommen wurde, dessen Folgen nur durch die Gerechtigkeit der großen Kaiserin abgewendet wurden. Johann Freiherr von Kotz, Seibt’s Freund, hatte diesen überredet, um dem durch die Jesuiten in die Andachtsbücher eingeschwärzten Zelotismus den Garaus zu machen, ein Gebetbuch zu schreiben, welcher heiklichen Aufgabe S. sich auch unterzog und sie mit dem glücklichsten Erfolge löste, denn noch heutzutage zählt Seibt’s Gebetbuch zu den besten und gesuchtesten Andachtsbüchern. Dieses Gebetbuch aber war der nächste Anlaß der gegen Seibt vorgebrachten Anklage, wobei mit einer absichtlichen und ungerechtfertigten Strenge verfahren wurde, indem man Seibt geradezu beschuldigte, gefährliche Lehren vorzutragen und durch ein Gebetbuch unter die Massen zu verbreiten. Kotz, die Gefahr, welche seinen Freund bedrohte, erkennend, eilte nun heimlich nach Wien und wußte es so einzuleiten, daß der Kaiserin ein Exemplar dieses so gefährlichen Andachtsbuches in die Hände kam, wobei sie zugleich von dem gegen Seibt eingeleiteten Untersuchungsverfahren in Kenntniß gesetzt wurde. Die Kaiserin las nun selbst Seibt’s Gebetbuch und war, selbst eine fromme Frau, über die Lecture desselben im hohen Grade erbaut und so zufriedengestellt, daß die Dinge einen ganz anderen Gang nahmen, als Seibt’s Feinde beabsichtigt hatten. Seibt wurde für unschuldig befunden und durch Kotz im Auftrage der Kaiserin, „damit er“, wie die Kaiserin sagte, „eine schlaflose Nacht weniger habe“, von diesem Ausgange der Untersuchung sofort benachrichtigt. Als Seibt dann nach Wien kam, um der Monarchin in Person seinen Dank für so viele Huld auszusprechen, ward ihm die gnädigste Aufnahme zu Theil. Und nach seiner Rückkehr überreichte Kotz im Namen der Kaiserin dem Freunde ein Schächtelchen, das einen kostbaren Diamantring und noch etwas Kostbareres enthielt, nämlich ein eigenhändiges Billet der Kaiserin des Inhalts: „Meinem lieben Seibt zum Andenken. Maria Theresia“. So lösten sich die dem edlen Manne hinterlistig gelegten Fallstricke in volle Huld und Gnade der Monarchin auf. Nun blieb er fürderhin unangefochten und konnte durch Wort und Schrift auf das Wohlthätigste wirken. Seibt’s Wirksamkeit ist auch in der That nicht gering anzuschlagen, vornehmlich hatte er sich während seines 23jährigen Wirkens als Professor der schönen Wissenschaften, welche er in deutscher Sprache vortrug, um die Verbreitung derselben in den gebildeten Classen des Volkes unbestreitbare Verdienste erworben. Seine schriftstellerische Thätigkeit umfaßt in chronologischer Folge nachstehende Arbeiten: „Von dem Einflusse der schönen Wissenschaften auf die Ausbildung des Verstandes. Eine Rede“ [328] (Prag 1764, 4°.), – „Von dem Nutzen der Moral in der Beredsamkeit“ (ebd. 1767, 4°.); – „Von dem Unterschiede des zierlichen, des Hof- und Curialstils. Eine Abhandlung“ (Wien 1768, 8°.); – „Schreiben an den unbekannten Uebersetzer der Abhandlung von Tugenden und Belohnungen“ (ebenda 1769, 8°.); – „Akademische Vorübungen aus den von ihm gehaltenen Vorlesungen über die deutsche Schreibart“ (ebd. 1771, 8°.); – „Von dem Einflusse der Erziehung Auf die Glückseligkeit des Staates. Eine Rede“ (Prag 1771, 4°.); – „Ueber die Vortheile eines empfindsamen Herzens. Eine Rede“ (Wien 1773, 8°.); – „Von den Hilfsmitteln einer guten deutschen Schreibart sammt einigen dahingehörigen Ausarbeitungen“ (Prag 1773, 8°.); – „Gabriele Montaldo. Ein Trauerspiel in einem Aufzuge“ (Dresden 1776, 8°.); – „Katholisches Lehr- und Gebetbuch“. Orig.-Ausgabe (Prag 1779, gr. 8°.), die zweite rechtmäßige Ausgabe erschien als „Neues katholisches Gebetbuch“ (ebd. 1783, 8°.), es ist das jenes Andachtsbuch, wovon oben in der Lebensskizze als der Ursache der gegen S. eingeleiteten Untersuchungen, aus welchen er siegreich hervorgegangen, Erwähnung geschah. Dasselbe erschien, die zahllosen unberechtigten Nachdrucke ungerechnet, mit veränderten Titeln, oft mit zahlreichen Kunstbeilagen ausgestattet, in neuer von verschiedenen besorgter Redaction, in mehr als zwanzig Auflagen, aus welchen die gesetzlichen von den unberechtigten Nachdrucken zu scheiden und festzustellen heute schon kaum mehr möglich sein dürfte; – „Katholisches Lehr- und Gebetbuch für die Jugend“ (Augsburg, 1791, 12°.) gleichfalls in vielen Auflagen und unberechtigten Nachdrucken; – „Akademische Blumenlese“ (Prag 1784, gr. 8°.); – „Klugheitslehre“, 2 Thle. (Prag 1799, gr. 8°.), dritte Auflage (ebd. 1824, 8°.). – Aber nicht blos um die Förderung der deutschen Sprache, wie oben bemerkt wurde, sondern um die Hebung des wissenschaftlichen Geistes in der Jugend überhaupt, etwas was unter den jesuitischen Lehrern nie vorhanden war, und welchen zu wecken, gar nicht in der Absicht derselben lag, besaß S. unbestreitbare Verdienste, in welche er sich mit August Meißner [Bd. XVII, S. 301] und dem Exjesuiten Ignaz Cornova [Bd. III, S. 8] theilte. Auch auf das Unterrichtswesen in Böhmen hatte er maßgebenden Einfluß, wie dieß aus den „Freundlichen Briefen an Herrn von S–t über den Entwurf zur Einrichtung der Gymnasien in den k. k. Erblanden nebst dem Entwurfe selbst“ (1776, 8°.) erhellet. Aus seiner Schule ging eine Menge talentvoller Männer hervor, welche in der Folge die einflußreichsten Aemter bekleideten und den von ihrem Lehrer empfangenen Grundsätzen, zum Wohle des großen Ganzen, im öffentlichen Leben Eingang verschafften. Im Jahre 1794 wurde S., der früher schon mit dem Titel eines k. k. Rathes ausgezeichnet worden war, in Würdigung seiner um das staatliche Erziehungswesen erworbenen Verdienste in den erbländischen österreichischen Ritterstand erhoben. Seine Versetzung in den Ruhestand überlebte S. fünf Jahre. Im Alter von 71 Jahren raffte ihn der Tod dahin.

Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 4. – (De Luca). Das gelehrte Oesterreich. Ein Versuch (Wien 1778, v. Trattnern, 8°.) I. Bds. 2. St., S. 137 [nach diesem geb. 1737]. – Neue Annalen der Literatur des österr. Kaiserthums (Wien, Doll. 4°.), I. Jahrg. (1817), 1. Bd. Intelligenz-Blatt Jänner, Sp. 28. – Dieselben 2. Bd. Intelligenz-Blatt November, Sp. 211 – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.), Jahrgang 1810, S. 392. – [329] Tomek (Wenzel Wladiwoy), Geschichte der Prager Universität (Prag 1849, Gottl. Haase Söhne, 8°.) S 334, 336, 337, 339. – Baur (Samuel), Allgemeines historisches-biographisch-literarisches Handwörterbuch aller merkwürdigen Personen, die im ersten Jahrzehend u. s. w. gestorben sind (Wien 1816) Bd. II, Sp. 472 [nach diesem geb. 23. März 1733]. – Neuer literarischer Anzeiger 1807, Nr. 11. – Neuer deutscher Merkur 1807, März, Nr. 175. – Prochaska (Faustin), De saecularibus liberalium artium in Bohemia et Moravia fatis commentarius (Pragae 1782, 8°.) p. 415..
Porträt. Rahmel p. 1773, Barsch sc., 1806 (4°.).