BLKÖ:Tartarotti, Hieronymus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tartarotti, Jacopo
Band: 43 (1881), ab Seite: 98. (Quelle)
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Tartarotti, Hieronymus (Geschichtsforscher, geb. zu Roveredo in Südtirol am 1. Jänner 1706, gest. ebenda 6. März 1761). Sein Vater Franz Anton war Rechtsgelehrter, die Mutter Camilla eine geborene Volani. Wie eine italienische Quelle (Giuseppe Telani) berichtet, soll Hieronymus, welcher die unteren Schulen und das Gymnasium in seiner Vaterstadt besuchte, eine so geringe Auffassungsgabe an den Tag gelegt haben, daß die Lehrer sein Talent bezweifelten. Deutsche Quellen dagegen bezeichnen einen unermüdeten kühnen Feuergeist, eine rastlose Wißbegierde, einen Drang Wahrheit zu finden, wo sie auch sei, und zu verkünden, wie sie auch laute, als die Charakterzüge des Knaben. Nach italienischen Quellen hätte er sich nach Padua begeben, nicht nur um Philosophie zu studiren, worin der berühmte Michael Lazzarini [Bd. XIV, S. 261, Nr. 2] nicht geringen Einfluß auf ihn geübt habe, sondern um sich auch der Theologie zu widmen, indem er anfangs die Absicht gehegt, Geistlicher zu werden, wovon er aber später wieder abgekommen sei. Nach deutschen Quellen betrieb er in Rom das Studium der Logik und gab daselbst ein. neues verbessertes Handbuch dieser Wissenschaft heraus, dessen Fassung eine so glückliche und in Fachkreisen so geschätzte war, daß er sich den ehrenvollen Beinamen: Tartarotti il logico erwarb. Bis authentische Nachweise über diese Momente seines Lebensganges vorliegen, muß es unentschieden bleiben, ob die deutschen oder die italienischen Quellen Recht haben. Fest steht, daß Tartarotti in seine Vaterstadt Roveredo zurückkehrte, und dort begann mit ihm und durch ihn eine neue Aera des Aufschwungs in den Studien und des guten Geschmacks, der bis dahin auf ziemlich tiefer Stufe sich befunden hatte. Zunächst veröffentlichte er in Toscana eine Abhandlung über die Lyrik, worin er die Ursachen des damaligen Verfalls der Dichtkunst nachwies und zugleich die Wege angab, auf welchen eine Rückkehr zur wahren Poesie möglich sei. Auch gegen die Dialektik, wie sie zu jener Zeit in Roveredo vorgetragen wurde, polemisirte er in mehreren geistvollen Artikeln, und nachdem er sie in der Nichtigkeit ihrer seichten Methode der Lächerlichkeit preisgegeben, trug er mit seinen Ansichten den Sieg davon. Durch dergleichen Arbeiten wuchs sein Ruf, sein Name wurde bald über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus bekannt, und er gewann sich viele literarische Freunde, deren er freilich später manchen wieder einbüßte, wie dies auf dem literarischen Kriegsschauplatz stets geschieht. Während eines kurzen Aufenthaltes in Verona lernte er Maffei kennen, mit welchem ihn bald engere literarische Interessen verbanden, die aber in der Folge auf demselben Wege, auf welchem [99] sie geknüpft wurden, sich lockerten. Nicht lange danach erhielt er von Innsbruck aus den Antrag, den Unterricht eines jungen Edelmanns in der Logik zu übernehmen, indeß sagte ihm diese Stelle bald so wenig zu, daß er sie niederlegte. Die Berufung auf einen Lehrstuhl in Turin lehnte er ab, nahm aber eine Einladung des Cardinals Passionei an, der ihm eine ehrenvolle Stelle in seinem Hause in Rom anbot. Während seines Aufenthaltes daselbst gab er seine „Osservazioni critiche intorno il Fontanini“ heraus, welche so wenig nach dem Geschmacke des Cardinals waren, daß er aus dessen Diensten trat, Rom verließ und sich vorderhand nach Verona begab. Daselbst kam ihm ein Antrag Marco Foscarini’s [Bd. IV, S. 299] zu, welcher das Amt eines Procurator di San Marco in Venedig versah. Er arbeitete nun daselbst gemeinschaftlich mit dem berühmten Venetianer Gelehrten, den er auch nach Turin begleitete, als derselbe in der Eigenschaft eines Gesandten der Republik dahin abging. Aber auch dieses Verhältniß löste sich in Folge einiger kritischen Arbeiten Tartarotti’s, welche die Eifersucht des Venetianers erweckt hatten. Er nahm seine Entlassung und kehrte nach Roveredo zurück, von nun ab jeden weiteren noch so ehrenvollen Antrag ablehnend, da er bei der Empfindlichkeit der Gelehrten, bei der Beschaffenheit seiner eigenen Gemüthsart und bei seiner Gewissenhaftigkeit, nur der Wahrheit die Ehre zu geben, ohnehin überzeugt war, daß kein solches Verhältniß von Dauer sei. Einige um jene Zeit stattgehabten Hexenprocesse lenkten Tartarotti’s Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand hin, dem er durch seine Schrift: „Dei congressi notturni delle Lammie“ zu Leibe ging. Da er indeß nur die Hexen, nicht aber auch die Zauberei und ihre Macht, und diese letzteren, wie es den Anschein hat, nur aus Rücksicht auf die Kirche nicht bekämpfte, so verwickelte er sich diesmal durch eigene Halbheit, eben mit Maffei, mit dem er zu Verona in freundschaftlichen Verkehr getreten, in eine literarische Fehde, in welcher er auch seine Anhänger hatte. Aber auf die „Apologia al Congresso notturno“, welche er gegen Maffei vom Stapel laufen ließ, blieb ihm dieser Gelehrte die Antwort nicht schuldig, und zuletzt ging derselbe, wie vorauszusehen war, aus dem Kampfe als Sieger hervor. Glücklicher war Tartarotti mit seinen Forschungen auf dem Gebiete der vaterländischen Kirchengeschichte, wofür er aber gleichfalls statt Dankes nur Verfolgungen und Anfeindungen erdulden mußte. Er hatte nämlich die Abhandlung: „De origine Ecclesiae Tridentinae et primis ejus Episcopis“ herausgegeben, in welcher er mehrere bis dahin als feststehende Thatsachen angesehene Punkte anfocht, so z. B. bestritt er: daß das Bisthum Trient schon von Hermagoras und Jovin, Schülern des h. Marcus, errichtet worden sei; wies er nach: daß der bischöfliche Sitz zu Seben in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts noch gar nicht existirt, daß die Kirche von Trient nicht unter den Patriarchen zu Aquileja, sondern bis zum Jahre 450 unter den Metropoliten von Mailand gestanden habe, und daß die reichen Vermächtnisse Theodors des Großen an die Tridentinische Kirche eine Fabel seien. Mit diesen kühnen, aber von der strengsten Kritik unterstützten Behauptungen zog er sich den unversöhnlichen Haß der Tridentiner zu, denn von der [100] gegnerischen Partei nahm man diese Angelegenheit so ernsthaft, daß das Domcapitel von Brixen. nachdem er auch diesem die beiden ältesten Bischöfe Cassian und Lucon ganz abgestritten und den dritten, Ingenuin, in ein sehr zweideutiges Licht gestellt hatte, dem damaligen Innsbrucker Universitätsarchivar Anton von Roschmann [Bd. XXVI, S. 346] die bisher eifersüchtig verweigerte Einsicht in die Archive des Capitels gestattete und ihn im ganzen Lande umherreisen ließ, um Behelfe zur Widerlegung der Angaben Tartarotti’s zu sammeln. Roschmann trat auch mit den Gegenschriften auf: „Vindiciae Romani Martyrologii“, „Conjecturae pro asserendo Episcopatu Sabionensi S. Cassiani Martyris Imolensis“ und „De Episcopatu Sabionensi S. Cassiani Martyris etc.“. Aber all seine daran gewendete Gelehrsamkeit reicht nicht aus, Tartarotti’s streng kritische Forschung zu entkräften. Noch größeres Aufsehen erregte unser Gelehrter, als er fünf Jahre später (1753) seine „Memorie antiche di Roveredo e de’ luoghi circonvicini“ herausgab, worin er mittelst eines Briefes an Muratori die Mängel und Gebrechen der von P. Boretti verfaßten „Geographischen Darstellung Italiens im Mittelalter“ ergänzte und berichtigte; ferner die in Roveredo und dem ganzen Lägerthal vorhandenen alten Inschriften und Monumente zu Tage förderte und das Verzeichniß der Podestas von Roveredo von 1417 bis 1592 bekannt machte. Die meiste Aufregung aber brachten die am Schlusse dieser Schrift befindlichen zwei Briefe hervor. In dem ersten bewies er auf das positivste, daß Bischof Adalbert, welchen die Trienter zum Märtyrer gestempelt und zu ihrem vorzüglichen Schutzpatron erhoben, statt dem rechtmäßigen Oberhaupte der Kirche, dem Papste Alexander III., dessen Gegenpapste angehangen, die Parteiwuth der Guelfen und Ghibellinen angefacht und die letzteren mit dem Schwerte vertheidigt habe, endlich aber in offener Fehde von Aldrigheto de Castel Barco, welcher die Rechte seines Geschlechtes gegen den vergrößerungssüchtigen Bischof wahrte, erschlagen worden sei. Im zweiten Briefe überführte er den berühmten Alterthumskenner Marchese Scipio Maffei, daß der handschriftliche Codex des Johann Diaconus keineswegs verloren, sondern noch wohlbehalten vorhanden, aber nichts weniger als eine bedeutende Bereicherung für die Geschichte sei. Mit diesen beiden Briefen, namentlich mit dem ersten, beschwor er einen förmlichen Sturm gegen sich herauf. Ein Libell um das andere, aber auch eines schlechter als das andere, erschien gegen Tartarotti, der auf alle diese Machwerke mit seiner „Apologia delle Memorie antiche di Roveredo“, einer ungemein schätzbaren Arbeit, antwortete. Von seinen übrigen Arbeiten seien noch genannt: „Dissertazione sopra la versione Rufiniana d’Eusebio di Cesarea“; – „Sul Vescorato Sabbionese di San Cassiano“; – „Sopra gli Scrittori da Andrea Dandolo lodati nella sua Cronaca“; – „Lettera sopra il Codice manuscritto di Giovanili Diacono“. So lange Tartarotti lebte, griffen ihn seine Gegner mir Schmähschriften an, worin sie plumpe Witze und offenkundige Verleumdungen gegen ihn vorbrachten. Kaum war er dahingeschieden, da brach die Meute – denn der Löwe war ja todt und regte keine Pranke mehr – gegen ihn los, man vergaß sich so weit, [101] ihm längere Zeit das Begräbniß in geweihter Erde zu verweigern, und seine „Lettera seconda di un Giornalista d’Italia ad un Giornalista oltromontano sopra il libro intitolato: Notizie storico-critiche intorno al B. M. Adelpreto, Vescovo di Trento“ wurde zu Trient sogar öffentlich verbrannt. Nach Jahren freilich, nachdem eine andere Generation aufgewachsen, welche vorurtheilslos die Dinge ansah und seine Arbeiten einer unbefangenen Kritik unterzog, kam auch der Roveredaner Gelehrte zu vollen Ehren, man errichtete ihm in dem großen Saale des Prätoriums eine Statue und widmete ihm in der Hauptkirche der Stadt eine ehrenvolle Inschrift. Erst lange Zeit nach seinem Tode kam aus seinem Nachlasse die unvollendete Schrift: „Illustrazione del monumento eretto dalla città di Trento al suo padrone Cajo Valerio Mariano“ zum Vorscheine, die dann der Archäolog Gius. Bartol. Stoffella Dalla Croce [Bd. XXXIX, S. 125] zum Abschluß brachte. Tartarotti war einer der eifrigsten Beförderer und Mitarbeiter der Accademia degli agiati zu Roveredo, welche für die Geschichte und die schönen Wissenschaften so Verdienstliches geleistet hat. Seinen Freund, den gelehrten Joh. Baptist Graser [Bd. V, S. 309] setzte er zum Erben seiner Handschriften ein. Seine Bibliothek vermachte er dem Hospital von Roveredo. Die Gemeinde brachte dieselbe dann käuflich an sich, um damit die städtische Bibliothek zu bereichern. Schließlich sei noch bemerkt, daß Tartarotti nicht nur ein scharfer Denker, ein gründlicher Kritiker und gelehrter Alterthumsforscher war, sondern auch in italienischer wie lateinischer Sprache dichtete. Seine Gedichte erschienen erst spät nach seinem Tode, von Cavaliere Clementino Vannetti gesammelt, im Jahre 1785 bei Marchesani in Roveredo und zeigen, wenn auch keinen großen Poeten, so doch einen feinen und denkenden Geist, der sich an classischen Mustern herangebildet.

Lorenzi (Costantino), De vita H. Tartarotti libri tres etc. (Roveredo 1805, 8°.). – Orazione funebre in morte di G. Tartarotti etc. (ibd. 1761, 4°.). – Raccolta di orazioni funebri alla memoria di G. Tartarotti (ib. 1762, 4°.). – Tipaldo (Emilio de), Biografia degli Italiani illustri nelle scienze, lettere ed arti del secolo XVIII e de’ contemporanei ec. ec. (Venezia 1834, tipografia di Alvisopoli, gr. 8°.) Vol. I, p. 464: Artikel von Giuseppe Telani.
Porträte. 1) C. Pfeiffer sc. (8°.). – 2) C. L. Vanetti del. 1738, C. dall’Acqua sc. (8°.) [befindet sich auch vor Vanetti’s Ausgabe der Gedichte Tartarotti’s].