BLKÖ:Thiennes, Jacob Graf de

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Thiergen, Adalbert
Band: 44 (1882), ab Seite: 226. (Quelle)
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Thiennes, Jacob Graf de (k. k. Oberst, Geburtsjahr unbekannt, gest. den Heldentod auf dem Schlachtfelds bei Hochkirch in der Nacht vom 13/14. October 1758). Jacob, oder wie er mit seinem vollen Namen heißt: Jacob Florent Franz Graf de Thiennes, Herr zu Rumbeke, ist ein Sohn Wauthier Theodor de Thienne’s Barons de Leydenburg aus dessen Ehe mit Marie Philippine Hubertine van der Gracht, Dame (i. e. Herrin) von Lierre. Der Vater, ein nachgeborener Sohn des Hauses Thiennes de Rumbeke, dessen Chef die Grafenwürde allein besaß, stand als Oberstlieutenant in französischen Diensten. Jacob, zuerst Edelknabe bei der Erzherzogin Marie Elisabeth, Schwester Kaiser Karls VI. und Regentin der Niederlande, kam später gleich als Capitän zum Regimente De Ligne-Dragoner, dessen Oberst er kurz vor der Schlacht bei Kolin wurde, in welcher er seinen Namen mit goldenen Lettern in die Annalen der Geschichte der kaiserlichen Armee zeichnete. Die Schlacht fand am 18. Juni 1757 statt. Der rechte österreichische Flügel war bedroht und mehrere Kürassier-Regimenter, zur Forcirung der feindlichen Quarrés verwendet, waren durch die heldenmüthige Ausdauer der preußischen Infanterie abgewiesen worden, als Oberst Graf de Thiennes vom Feldmarschall Grafen Daun die Erlaubniß sich erbat, mit seinem Dragoner-Regimente eine Attaque ausführen zu dürfen. Daun, welcher in die junge, unbärtige, durchaus neu assentirte Mannschaft kein Vertrauen setzte, lehnte das Anerbieten kurz ab, endlich jedoch nach wiederholten drängenden Bitten des Obersten gab er nach, konnte sich indeß nicht enthalten, seiner Gewährung die Worte beizufügen; „Maisvous ne ferez pas grande chose avec vos blancs becs“. Der Oberst unterließ es nicht, diese Aeußerung des Feldherrn seinen Leuten mitzutheilen, und setzte [227] hinzu: Wir wollen beweisen, daß man auch bartlos Tüchtiges leisten könne. Er commandirte zur Attaque. Mit seinen Officieren, welche meist den edelsten belgischen Geschlechtern angehörten, an der Spitze des Regiments, warf er sich mit kühner Bravour in die Massen der preußischen Infanterie. Die Attaque gelang vollkommen, und nun entschied sich auf der bisher bedrohten Seite die Wendung des Gefechts zu Gunsten der österreichischen Armee und trug nicht unwesentlich zur siegreichen Entscheidung der Schlacht bei. Wohl war der Verlust bedeutend, über fünfhundert Dragoner blieben auf dem Wahlplatze, darunter viele Officiere, meist niederländischer und lothringischer Herkunft; die Namen Ficquelmont und Aspremont waren unter ihnen. Bei einer Escadron fielen alle Officiere, und der schwer verwundete Corporal Pforzheim [Bd. XXII, S. 203), später Maria Theresien-Ritter und Oberst des Regiments, commandirte dieselbe mit solcher Auszeichnung, daß er noch auf dem Schlachtfelde zum Lieutenant befördert wurde. Zum Gedächtniß dieses blutigen Tages, welcher dem Regimente unsterblichen Ruhm gebracht, erhielt dasselbe von der Kaiserin Maria Theresia das Vorrecht: vom Obersten bis zum letzten Gemeinen keine Schnurrbärte zu tragen, an den Umstand der Jugend seiner damaligen Mannschaft erinnernd. Auch schenkte ihm die Kaiserin die vier Standarten von reichem Stoffe und mit ah. eigenhändiger Stickerei, auf welcher sich Scenen aus der Koliner Schlacht dargestellt befanden. Die erste Standarte zeigte die Kriegsgöttin, welche einen Rosenzweig hält, mit der Devise: „Qui s’y frotte, s’y pique“; die zweite: das forcirte preußische Quarré, mit der Devise: „Plus ils coûtent. plus ils sont précieux“; die dritte: eine preußische Batterie bei Neudorf unweit Kolin wird vom Regimente genommen, mit der Devise: „C’est en vain qu’ils la protègent“; die vierte: eine Attaque gegen die Garde du Corps, mit der Devise: „Ah que n’en a-t-il davantage“. Im nämlichen Jahre focht das Regiment noch in den Schlachten von Breslau und Leuthen; dann marschirte es aus Schlesien nach Böhmen, wo es im Winter 1758 bei Chrast in die Winterquartiere verlegt wurde. Im Juli 1759 zog es in das Lager von Olmütz, von da nach Sachsen, wo es in der Schlacht bei Stolpen mit Auszeichnung kämpfte. Als dann Feldmarschall Daun Anfangs October seine unangreifbare Stellung bei Stolpen zu verlassen sich genöthigt sah, überfiel er in der Nacht vom 13. auf den 14. October den König in dessen Lager bei Hochkirch und schlug ihn gänzlich aufs Haupt. Hier fand auch de Thiennes mit vielen Officieren und Dragonern den Heldentod. Seine Leiche wurde von seinen Leuten in eine eroberte preußische Fahne eingehüllt vom Schlachtfelde zurückgeführt. Dem Regimente aber ließ Feldmarschall Daun in dem über jene Schlacht erschienenen Armeebefehle die gerechte öffentliche Anerkennung zutheil werden. Verwundert dürfte der österreichische Officier fragen, wie es geschehen konnte, daß Oberst de Thiennes für seine herrliche Waffenthat bei Kolin nicht den Maria Theresien-Orden erhalten hat? Die Sache erklärt sich so: das Regiment, so außerordentlich tapfer es auch gewesen, hat doch nicht allein den Sieg entschieden, sondern die ganze Cavalleriedivision des Feldmarschall-Lieutenants Ludwig Grafen Starhemberg, zu welcher es gehörte; zur Sammlung und [228] Ralliirung derselben hat es wesentlich beigetragen, aber die Entscheidungsattaque wurde von allen vier Regimentern der Division vollführt. Der Divisionär Feldmarschall-Lieutenant Starhemberg erhielt das Ritterkreuz und nach einem stillschweigenden Uebereinkommen, das als Regulativ galt, sollten nicht zwei Individuen für dieselbe Waffenthat dieser Auszeichnung theilhaftig werden. Thiennes würde das das Kreuz wohl bei der nächsten Promotion erhalten haben, aber er erlebte dieselbe nicht mehr. Dagegen wurde dem Regimente durch oben angeführte Auszeichnung eine ganz außerordentliche Ehre zutheil. Mit Oberst de Thiennes, der nur eine Tochter hinterließ, ist die Familie de Thiennes im Mannesstamme erloschen.

Thürheim (Andreas Graf). Gedenkblätter aus der Kriegsgeschichte der k. k. österreichischen Armee (Wien und Teschen 1880, K. Prohaska, Lex.-8°.) Bd. II, S. 122 und 124.