BLKÖ:Toldy, Stephan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Toldy, Ladislaus
Band: 46 (1882), ab Seite: 24. (Quelle)
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Toldy, Stephan (ungarischer Dichter und Schriftsteller, geb. zu Pesth im Jahre 1843, gest. ebenda am 7., nach Anderen 8. December 1879). Ein Sohn des berühmten Literarhistorikers Franz Toldy [siehe den Vorigen], erhielt er unter dessen Leitung und an Lehranstalten seiner Vaterstadt die wissenschaftliche Ausbildung und versuchte sich, erst 17 Jahre alt, bereits mit schriftstellerischen Arbeiten. Schon zu Beginn der Sechziger-Jahre trat er als Journalist auf und erregte durch die Eigenart seiner Artikel die allgemeine Aufmerksamkeit. Im Jahre 1863 begann er mit der Herausgabe des dramatischen Sammelwerkes „Nemzeti szinház“, d. i. Nationaltheater (Pesth, Heckenast), das, als Manuscript gedruckt, auch zur Förderung des ungarischen Theaters beitrug. Diese Sammlung in sechs Heften enthielt im ersten: „Paul Béldi“, Original-Tragödie in fünf Acten. Mit dem Teleki-Preise von 100 Ducaten gekrönt. Von Eduard Szigligeti; im zweiten: „A jó barátok“, d. i. Die guten Freunde. Komödie in vier Aufzügen. Aus dem Französischen des V. Sardou übersetzt von K. Szerdahelyi; [25] im dritten: „Fenn az ernő nincsen kas“, d. i. Außen hui und innen pfui. Original-Lustspiel in drei Aufzügen, mit dem Teleki-Preise gekrönt, von Ed. Szigligeti; im vierten: „A kisértés“, d. i. Die Versuchung. Komödie in fünf Aufzügen. Aus dem Französischen des Oct. Feuillet übersetzt von S. Radnotfay; im fünften: „A rendszeres férjek“, d. i. Die systematischen Ehemänner. Lustspiel in drei Aufzügen. Aus dem Französischen des A. Belot übersetzt von Ár. Berczik und Stephan Toldy; im sechsten: „Ádám és Éva“, d. i. Adam und Eva. Original-Lustspiel in einem Aufzuge von Árpád Berczik. „Chassé croisé“. Lustspiel in einem Aufzuge. Aus dem Französischen des Fournier und Meyer, übersetzt von Stephan Toldy. Im Jahre 1867 verband er sich mit Adolph Frankenburg [Bd. IV, S. 332] und August Pulszky, einem Sohne Franz Aurels [Bd. XXIV, S. 71], zur Herausgabe des liberalen Blattes „1848“, in welchem er vornehmlich dem Clerus, oder richtiger gesagt, dem Jesuitenthum, scharf und unerschrocken an den Leib rückte, wie denn überhaupt in der nächstfolgenden Zeit, in welcher er vorherrschend publicistisch wirkte, auch seine selbständig erschienenen Schriften, deren eine ausdrücklich „Von den Jesuiten“ betitelt ist, von dieser Tendenz getragen sind. Hierher gehören: „Betrachtungen über die kirchliche Reform“ (Leipzig 1868, Köhler); – „Pártjaink feladata a választások után“, d. i. Die Aufgabe der Parteien nach den Wahlen (Pesth 1869, Mor. Ráth, 8°.); – „A kath. egyházi Autonomia és veszélyei“, d. i. Die katholische Autonomie und ihre Gefahren (Pesth 1870, Heckenast, 8°.), und „Az egyházi reformról“ d. i. Von der kirchlichen Reform (Pesth 1870, Lauffer, 8°.), wovon in kurzer Zeit drei Auflagen und eine deutsche Uebersetzung von Lud. Hevesi unter dem Titel: „Ueber die Kirchenreform, mit besonderer Rücksicht auf das österreichische Concordat. Einem ultramontanen Geistlichen gewidmet“ (Pesth 1870, XI und 200 S., gr. 8°.) in zwei Auflagen erschien. Diese publicistische Thätigkeit war auch zunächst Veranlassung, daß er von Lonyay in der Eigenschaft eines Ministerialsecretärs ins Ministerium berufen wurde. Aber in den bureaukratischen Fesseln gefiel sich der junge, an Unabhängigkeit gewöhnte Politiker nicht lange, er legte seine Stelle nieder und kehrte zur Journalistik zurück, indem er zuletzt in Gemeinschaft mit Stephan Markus das liberale Organ „Nemzeti Hirlap“ redigirte. Aber auch sonst noch war er zu dieser Zeit literarisch thätig. Er übersetzte Graf Nicolaus Bethlen’s geschichtliche Memoiren aus dem Französischen und gab sie unter dem Titel: „Történeti emlékrajzai franciából forditotta“, zwei Theile in einem Bande (Pesth 1864, Eggenberger, 8°.) heraus; – ferner erschien von ihm: „A nőkről a nőknek“, d. i. Ueber die Frauen für die Frauen (Pesth 1864, Gust. Emich, 384 S., 8°.); – „Adél asztalára“, d. i. Auf Adelens Tisch. Novellen (Pesth 1869, Lauffer, 8°.); – „Öt év története“, d. i. Fünf Jahre Geschichte (Pesth 1872), worin er einen historisch-kritischen Rückblick auf das erste Lustrum der Deák’schen Regierung wirft. Ueberdies schrieb er noch viel für Journale, dann mehrere Novellen und Tendenzstücke, darunter „Livia“, ein feuriger Protest gegen den Ultramontanismus, „Cornelia“, welche zwei Stücke auch in deutscher Uebersetzung: „Livia. Schauspiel in drei Aufzügen. Cornelia. Schauspiel in vier Aufzügen. Aus dem Ungarischen übersetzt [26] von Alex. Rosen“ (Wien 1876, Rosner), erschienen sind, dann die Lustspiele: „Die neuen Menschen“ und „Die guten Patrioten“, in welch letzterem, das bei seiner Aufführung im ungarischen Nationaltheater im Jahre 1872 allgemeines Aufsehen erregte, er den Egoismus der Pseudopatrioten mit schneidender Satyre geißelt. Als dramatischer Dichter bildete sich Toldy leider nach französischen Mustern und verpflanzte das zweideutige Ehebruchsdrama auf die ungarische Bühne. Ueberhaupt war er seiner Anschauung und Geistesrichtung nach durchaus französisch. Aber mit seltener Leichtigkeit verstand er es, die Darstellungsweise der neueren französischen Schule mit ungarischer Originalität zu verschmelzen, und dies veranlaßt einen Kritiker zu dem Ausspruche: „daß viele seiner kleineren Novellen, Skizzen und Feuilletonartikel unbedingt die Bezeichnung „„graziös““ verdienen“. Dabei war er vielseitig, productiv, freisinnig, ein entschiedener Gegner des Ultramontanismus und Jesuitismus, gegen die er rücksichts- und schonungslos zu Felde zog, wie er denn auch in seinen dramatischen Arbeiten die ungesunden Erscheinungen der heutigen Gesellschaft energisch bekämpfte. Sein früher Tod, im Alter von 36 Jahren, ist im Interesse der ungarischen Literatur, die er gewiß mit mancher werthvollen und geläuterteren Arbeit bereichert hätte, zu beklagen.

Magazin für die Literatur des Auslandes (Leipzig, 4°.) 1872, S. 608–610; 1880, Nr. 21. – Allgemeine Zeitung (Augsburg. Cotta) 1879, Nr. 345, S. 5095. – Neue Freie Presse (Wien) 1879, Nr. 5489, Abendblatt, S. 1. – Hunfalvi (Paul). Literarische Berichte aus Ungarn (Pesth, gr. 8°.) Bd. IV (1880), 2. Heft. Von A. Dux.
Porträt. Unterschrift: „Stephan Toldy“. Holzschnitt von Rusz in der „Ungarischen Illustrirten Zeitung“ (Pesth. Fol) 1872, Nr. 16.