BLKÖ:Tomaschek, Johann Paul

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tomaschek, Karl
Band: 46 (1882), ab Seite: 47. (Quelle)
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Tomaschek, Johann Paul (königlich ungarischer Schulrath und čechischer Schriftsteller, geb. zu Jelšav-Teplic im Gömörer Comitate Ungarns am 30. Juni 1802). Der Vater lebte als Pastor zu Przelautsch in Böhmen, zuletzt als solcher zu Chyzno in Ungarn. Seine Erzählungen von den Begebenheiten und Geschicken des böhmischen Volkes, vornehmlich aber von Huß und den Hussiten, von Zizka und den beiden Prokop machten auf den empfänglichen und begeistert horchenden Sohn tiefen Eindruck und weckten in demselben die Liebe für die čechische Literatur. Den ersten Unterricht erhielt Johann Paul in seiner slavischen Vaterstadt Jelšav, das Untergymnasium besuchte er zu Sajó-Gömör und Rosenau, wo er die magyarische, das Obergymnasium zu Käsmark, wo er die deutsche Sprache erlernte. Auch wurde zu jener Zeit an den Mittelschulen noch in lateinischer Sprache gelehrt. In Käsmark beschäftigte er sich viel mit čechischer Literatur, verkehrte fleißig mit den Professoren Benedict (Blahoslav), Chalupa, Slavkowsky, welche dieselbe gleichfalls mit Eifer pflegten und dem jungen Tomaschek čechische Bücher liehen. Im Jahre 1821 besuchte [48] er die evangelisch-theologische Facultät in Wien, doch nicht in der Absicht, sich dem geistlichen oder Lehrstande zu widmen. Krankheit nöthigte ihn, schon nach einiger Zeit heimzukehren. Genesen nahm er vorerst eine Erzieherstelle in einer ungarischen adeligen Familie an, im Jahre 1825 aber begab er sich von Neuem nach Wien, wo er neben theologischen Studien mit großem Eifer auch philosophische und philologische betrieb. Er lernte daselbst die Professoren Hromadko [Bd. IX, S. 361], [[BLKÖ:Kopitar, Bartholomäus|Kopitar] [Bd. XII, S. 437] und J. Kollar [Bd. XII, S. 325] kennen und betheiligte sich auch an den literarischen Arbeiten des čechoslavischen Vereins, welcher sich zu jener Zeit an der evangelisch-theologischen Facultät gebildet hatte. Als er eben im dritten Jahre der theologischen Studien stand, gestattete die ungarische Regierung den protestantischen Studirenden wieder den seit 1814 untersagten Besuch ausländischer Universitäten. Tomaschek begab sich nun über Prag, wo er Čelakovsky [Bd. 11, S. 315], Jungmann [Bd. X, S. 319], Prešl [Bd. XXIII, S. 270] und Palacký [Bd. XXI, S. 179] kennen lernte, zunächst nach Halle, wo er ein Jahr theologische und philosophische Collegia hörte, dann nach Leipzig, Berlin, Jena, Weimar und Erlangen. Nach seiner Rückkehr ins Vaterland erhielt er die Rectorstelle zu Mezö-Bér in der Békéser Gespanschaft. In diesem Jahre gab er zum Besten der Jelšaver Abgebrannten die „Paměti Jelšovské a Muránske“, d. i. Denkwürdigkeiten von Jelšav und Murány, heraus. Im Jahre 1833 kam er als Professor der Philologie und Geschichte an das evangelische Gymnasium in Leutschau, und dort war es, wo er sich in das Studium Cicero’s vertiefte und mehrere Werke des großen Römers, namentlich einige Reden und Briefe desselben ins Čechische zu übersetzen begann. Bei der Erklärung der römischen Classiker regte er seine Schüler auch zu metrischen Uebersetzungen in der Muttersprache an, und die besseren Arbeiten derselben wurden in ein besonderes Denkbuch eingeschrieben. Professor Mich. Hlaváček, damals Dekan an der theologischen Facultät in Eperies, betrieb mit allem Eifer die čechische Sprache und wurde deshalb von den Magyaronen in aller möglichen Weise bedrängt und verfolgt. Tomaschek nahm sich des Collegen mit aller Wärme an und vertheidigte die gemeinschaftliche Angelegenheit in zahlreichen Journalartikeln, auch veröffentlichte er unter maskirten Namen verschiedene Flugschriften, welche die Sprachenfrage und was mit ihr zusammenhing, behandelten. So erschien: „Der Sprachenkampf in Ungarn“ unter dem Pseudonym Thomas Világosváry (1841) und in ungarischer Sprache eine zweite, deren Titel ich leider nicht auffand. Auch auf belletristischem Gebiete suchte er für seine Zwecke zu wirken. In der Schrift „Obchodníci, povídka z nových časů od Cinorodá Věrného“, d. i. Die Händler, eine Erzählung aus neuerer Zeit von Cinorod Vérné, wovon aber nur das erste Heft im Jahre 1846 bei Werthmüller in Leutschau erschien, suchte er zu zeigen, wie die Vereinigung und Wechselseitigkeit zwischen den Čechen, Slovaken und Südslaven am besten zu erreichen wäre. Havliček in seiner Zeitschrift „Česka včela“, d. i. Die čechische Biene, begrüßte diese Schrift, obgleich das dargebotene Fragment nur als Einleitung des Ganzen zu betrachten war, auf das freudigste. Die Wirren der Jahre 1848 und 1849 unterbrachen die Fortsetzung derselben. 1850 wurde Tomaschek zum Schulrath ernannt, und [49] unter seinen amtlichen Beschäftigungen hatte er nicht Muße genug, das Begonnene fortzusetzen, und vergaß endlich ganz sein Werk „Obchodníci“. Da mit einem Male mahnte ihn die čechische Dichterin Beatrix Nemec (Božena Němcova) [Bd. XX, S. 172] daran und verlangte die Fortsetzung. Aber Tomaschek, der über und über mit seinem Berufe als Schulrath zu thun hatte, war nicht im Stande, sich in seinen früheren Gedankengang zurückzufinden, und ließ seine Arbeit liegen. 1860 wurde er zur Statthalterei in Ofen versetzt, dort blieb er noch ein Jahr im Amte und trat dann 1861 in den Ruhestand über. Nun bei voller Muße machte er sich an die Vollendung der „Obchodníci“ welche er bald vollständig zu veröffentlichen gedachte. Ob es wirklich geschehen, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt, wenigstens in den Katalogen erscheint nur das erste Heft angegeben. Mit vollem Eifer ging Tomaschek nun auch an die Uebersetzung der Werke Cicero’s, von denen er bereits 125 Briefe und zehn wichtigere Reden vollendet hat. Außerdem liegt nahezu fertig vor: „De oratore“, welchem dann die Bücher „De officiis“ folgen sollten. Im 37. und 38. Hefte der von Dr. Ed. Gregr verlegten und von Ed. Novotny, Johann Kvičala, Dr. Franz Sohaj, P. Wenzel Zikmund und Ant. Otak. Zeithammer gemeinschaftlich redigirten „Biblioteka klasikův řeckých a římských“, d. i. Bibliothek der römischen und griechischen Classiker, sind bereits von Tomaschek’s Uebertragungen aus Cicero unter dem Titel: „M. Tullia Cicerona řeči vybrané“ die Rede für Roscius Amerinus und die Reden gegen Verres enthalten. Die übrigen sollen in den folgenden Heften erscheinen. Viele Artikel und kleinere Abhandlungen schrieb er für Journale und den von Kosicky herausgegebenen Kalender. Er war ein rühriger Slave und unter den Slovaken eines der Häupter jener Partei, welche die Verschmelzung der Slovaken und Čechen anstrebte. Daher hat er in seinen Schriften das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, so weit als thunlich alle Verschiedenheiten in der čechischen und slovakischen Sprache zu beseitigen und allmälig eine vollständige Einheit beider herzustellen, unbedingt kein geringer Plan und ein großer Schritt vorwärts zur Verwirklichung des bisher nur als Ideal betrachteten Panslavismus. Ob Tomaschek noch am Leben, ist mir nicht bekannt, doch würde er dann in dem hohen Alter von achtzig Jahren stehen. Johann Paul wie dessen Bruder Samuel [s. d. S. 56] erscheinen in slovakischen Werken nicht selten Tomášík, in čechischen Tomašek geschrieben.

Jungmann (Joseph). Historie literatury české, d. i. Geschichte der čechischen Literatur (Prag 1849, F. Říwnáč, schm. 4°.). Zweite von W. W. Tomek besorgte Auflage, S. 641. – Šembera (Alois Vojtěch), Dějiny řeči a literatury československé. Věk novější, d. i. Geschichte der čechoslavischen Sprache und Literatur. Neuere Zeit (Wien 1868, gr. 8°.) S. 299.