BLKÖ:Venus, Michael

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 50 (1884), ab Seite: 107. (Quelle)
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Venus, Michael (Director des k. k. Taubstummeninstitutes zu Wien, geb. in Prag 28. October 1774, gest. zu Wien 12. November 1850). Zur Zeit, als Michael zur Welt kam, war dessen Vater als Soldat in Prag stationirt, bald darauf aber übersiedelte derselbe nach Wien, wo er eine fixe Militäranstellung erhalten hatte. Der Sohn machte daselbst seine Studien, bildete sich zum Lehrer und Erzieher und begann, erst 17 Jahre alt, als Zeichnungsgehilfe an der Normalhauptschule bei St. Anna seine pädagogische Laufbahn. Der Dompropst und damalige Schulenoberaufseher Joseph Spendou [Band XXXVI, S. 135] erkannte bald in ihm die entschiedenen Anlagen und Fähigkeiten für das Lehrfach und wendete ihm sein Wohlwollen und seine fördernde Theilnahme zu. In Folge dessen beförderte er ihn auch im Jahre 1792 zum öffentlichen Lehrer an der neu errichteten Hauptschule am Bauernmarkte. Hier war es, wo dem jungen Venus zuerst das Unglück der Taubstummen Interesse für ihre Bildung und Erziehung einflößte und er mit der namenlosesten Geduld und Liebe ihrem Unterrichte sich zu widmen begann. Er übernahm nämlich neben seinen Obliegenheiten als öffentlicher Lehrer noch die Erziehung und den Wiederholungsunterricht der in der Privatverpflegung bei dem Director jener Hauptschule, May, befindlichen taubstummen Kinder aus vornehmen adeligen Familien und bildete sich so an der Seite May’s, der [108] im Jahre 1777 von Kaiser Joseph in Paris den Auftrag erhielt, sich bei Abbé de l’Epée die Methode des Taubstummenunterrichts eigen zu machen, zum praktischen Taubstummenlehrer heran. Im Jahre 1804 wurden Venus und Drack zu gemeinschaftlichen Vorstehern der Hauptschule am Bauernmarkt ernannt, von welcher May bereits 1792 in Folge seiner Berufung zum Director des Wiener k. k. Taubstummeninstitutes geschieden war. Die Umsicht und rastlose Thätigkeit, welche die zwei Genannten bei der Leitung der ihnen anvertrauten Schule entfalteten, verschaffte auch derselben alsbald einen ausgezeichneten Ruf, der sich noch, wie Schreiber dieses selbst erfuhr, bis in die Fünfziger-Jahre ungeschmälert erhalten hat. Um eben dieselbe Zeit trat Venus mit mehreren hervorragenden Gelehrten und Pädagogen in engere Verbindung, unter Anderen auch mit dem berühmten Phrenologen Franz Joseph Gall [Bd. V, S. 63], der damals Arzt des k. k. Taubstummeninstitutes war. Mit Gall vereint machte er nun häufige Beobachtungen und Untersuchungen an Vollsinnigen wie an Taubstummen, wodurch er sich bei der ihm eigenen scharfen Beobachtungsgabe ungewöhnliche medicinische und psychologische Kenntnisse erwarb, welche Dr. Gall in einem seiner stark besuchten Vorträge öffentlich anerkannte, indem er Venus als einen Pädagogen bezeichnete, der mit seltenem Scharfblicke die Seelenkräfte der Menschen erkenne und beurtheile. Als dann Michael Weinberger, damals Zeichenlehrer und Rechnungsführer im k. k. Taubstummeninstitute den Anstrengungen seines Berufes erlag, wurde Venus zunächst als dessen Supplent an die Anstalt berufen, dann aber, als Weinberger im Jahre 1809 starb, zu dessen Nachfolger im Amte ernannt. Hier beginnt nun ein neuer Abschnitt im Leben dieses verdienstvollen Pädagogen. Seine ganze Thätigkeit widmete er einer Menschenrasse, deren Leiden die Seelenkräfte eines denkenden Pädagogen in nicht gewöhnlicher Weise anspornen, und zwar um so mehr zum Denken anspornen, als manche damit verbundenen Erscheinungen ebenso räthselhaft als geheimnißvoll erscheinen. Für die Menge, die zum größeren Theile theilnahmslos daran vorbeigeht, gewinnt die Sache freilich nicht jene Bedeutung, welche sie für den Pädagogen hat und findet daher auch kaum eine entsprechende Würdigung. Ueberdies waren die Verhältnisse an der Anstalt, als Venus an dieselbe kam, nach keiner Seite hin günstig und befriedigend. Die intellectuellen Zustände ließen viel zu wünschen übrig, mit den financiellen Verhältnissen aber stand es so im Argen, daß er im Jahre 1811 bei wohlhabenden Freunden für die Anstalt Geld ohne Interessen aufnehmen mußte, um die nothwendigsten Nahrungsbedürfnisse für die Zöglinge ankaufen zu können. Allmälig nur besserten sich diese Zustände und erreichten später einen Standpunkt, welcher die Anstalt zu einem Musterinstitute ihres Gleichen erhob. 1820 starb Joseph May, und Venus wurde an dessen Stelle zum Director ernannt. Durch sein Methodenbuch über den Unterricht der Taubstummen hatte er dieser Wissenschaft den mächtigsten Vorschub geleistet. Nun ging es Schritt für Schritt in der Vervollkommnung des Taubstummenunterrichts, und Director Venus gebührte mit seinem im Jahre 1833 erschienenen Unterrichtsbuch für die Tonsprache der Taubstummen der wesentlichste Antheil daran. 59 Jahre hatte er auf pädagogischem Gebiete und [109] darunter über 40 allein im Taubstummeninstitute gewirkt, als er 1850 im Alter von 77 Jahren das Zeitliche segnete. Die Titel der von ihm durch den Druck veröffentlichten Schriften sind: „Namenlehre für Taubstumme“ (Wien 1810); – „Ueber den Werth milder Gaben und frommer Stiftungen für Taubstumme“ (ebd. 1815); – „Anleitung zum Rechnen für Taubstumme“ (ebd. 1818); – „Das k. k. Taubstummeninstitut in Wien, dessen Entstehung, Erweiterung und gegenwärtiger Zustand mit dem Grundrisse des Gebäudes und dem Handalphabete für Taubstumme“ (ebd. 1823); – „Methodenbuch oder Anleitung zum Unterrichte der Taubstummen. Mit 14 lithographirten Tafeln von einem ehemaligen taubstummen Zöglinge Ph. Krippel“ (Wien 1826, Gerold, 8°.). Zur Verfassung dieses Buches erhielt Venus bei seiner Anstellung als Director den Auftrag von der k. k. Studienfachcommission zugleich mit der Bewilligung, dasselbe als Leitfaden bei seinen Vorträgen anwenden zu dürfen. Ein nach dem Tode des verdienstvollen Directors erschienener Nachruf enthält folgende Charakteristik desselben: „Fern von jeder Effecthascherei, war sein Streben stets nur Wahrheit. Während einzelne Pädagogen die l’Epée’sche oder französische Schule als Hemmschuh des Fortschrittes betrachten und sich in Heinicke’s Ansichten überstürzten, zog er, die Geberdensprache als unentbehrliches Mittel der geistigen Bildung der Taubstummen festhaltend, aus beiden die Vortheile und hob so das Institut auf einen Standpunkt, auf den es als Muster einer in jeder Beziehung wohlorganisirten Anstalt so lange glänzte. Unter seiner Leitung kam jene segensreiche Vergrößerung derselben zu Stande, wodurch dreißig arme Taubstumme mehr aus ihrem verwilderten Zustande gerissen, erzogen, unterrichtet und zu selbständigen nützlichen Gliedern des Staates herangebildet werden konnten. Er war es, unter dem die öffentlichen die Verbreitung des Taubstummenunterrichtes bezweckenden Vorlesungen über die Methode desselben ins Leben traten. An ihn wendeten sich die Unterrichtsbehörden, wenn sie Rath über die Organisation der in den Provinzen entstandenen Taubstummenanstalten und Aufschluß über die verschiedensten im Gebiete des Taubstummenunterrichts erschienenen und ihnen zugesandten Werke bedurften. Unter seiner Leitung bildeten sich die meisten Vorsteher der allmälig ins Leben getretenen Schwesteranstalten in den Provinzen. Bis zum Abend vor seinem Tode hatte er für die Anstalt gewirkt und bis zu seinem letzten Hauche väterlich für dieselbe gesorgt. Der Tod zweier schon erwachsener, zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Kinder hatte ihm eine tiefe Wunde geschlagen. Aber wenn einst“, schließt sein Nachruf in der amtlichen „Wiener Zeitung“, „sein Name auf dem Steine seines Grabes längst verwittert sein wird, so wird Venus doch ewig unter den edlen Menschenfreunden unseres Jahrhunderts glänzen, wie am nächtlichen Himmel der Stern Venus. – Nach dem Tode des Vorigen übernahm dessen Sohn Alexander einstweilen provisorisch die Leitung des Institutes, bis er im October 1852 zum Director desselben ernannt wurde. Unter seiner Oberleitung ward die Methode vervollkommnet, das Gebäude den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechend umgebaut und erweitert. Seit 43 Jahren wirkt nun derselbe in der Anstalt, in welcher er unter der Leitung seines Vaters sich herangebildet.

Wiener Zeitung vom 25. Jänner 1851: „Nekrolog“. [Auch abgedruckt in der Schrift: [110] „Das kaiserl. königl. Taubstummen-Institut in Wien seit seiner Gründung bis zum gegenwärtigen (1854) Zeitpunkte ... Von Alexander Venus“ (Wien 1854, Braumüller, 8°·) S. 33–38. – (Ridler’s) Oesterreichisches Archiv (Wien, 4°.) 1831, S. 359, im Aufsatze über das „Taubstummen-Institut“.