BLKÖ:Wähner, Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Waehner, Zacharias
Band: 52 (1885), ab Seite: 62. (Quelle)
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Wähner, Friedrich (Schriftsteller, geb. im letzten Decennium des vorigen Jahrhunderts, Geburtsort und Todesjahr unbekannt). Ueber die Lebensumstände dieses unsteten Sonderlings liegen wenige und auch nur widerstreitende Nachrichten vor. Was Franz Gräffer [Bd. V, S. 296] im „Sonntagsblatt“ und später in seinen „Kleinen Wiener Memoiren“ in seiner drastischen Weise über Wähner berichtet, wird vier Wochen später in demselben „Sonntagsblatt“ von dem dänischen Juden N. Fürst [Bd. V, S. 11] Wort für Wort, aber nur durch entgegengesetzte, gleichfalls unbewiesene Behauptungen widerlegt, worauf Gräffer einfach mit den Worten: „Antikritik. Ich habe vorstehende Reclamation gelesen“ erwidert, also ohne seinen Artikel zu widerrufen oder die einzelnen darin ausgesprochenen Behauptungen abzuschwächen. Nun, es ist bekannt: Gräffer übertrieb, aber er log nie. Der Kern seiner Mittheilungen, den er in seiner Eigenart verbrämt, bleibt immer wahr. Fürst aber als „einziger“ Mitarbeiter des von Wähner gegründeten „Janus“ ist ganz und gar nicht unbefangen. Eine verbitterte Natur, fühlte er sich, so achtbar als Mensch er war, doch gänzlich verkannt und nahm sich in erklärlicher Sympathie immer Desjenigen an, den er verkannt wähnte. ]Ich arbeitete 1848 mit ihm mehrere Monate in der Redaction der „Wiener Zeitung“ zusammen und ertrug nur mit Aufgebot aller Geduld und mit Rücksicht auf das Alter Fürst’s dessen unangenehmes bissiges, manchmal geradezu unerträgliches Wesen. Was also Gräffer über Wähner berichtet, kann in der Hauptsache stehen bleiben. Letzterer war, bevor er nach Wien kam, evangelischer Prediger in Dessau gewesen. Warum er diese Stadt verließ, ist nicht bekannt. Bei seinen tüchtigen Kenntnissen – er hatte, wie Gräffer schreibt, als Hellenist und Bibelkenner nichts viele seines Gleichen – und mit guten Empfehlungen, die er mitbrachte, fand er in Wien bald Beschäftigung. Er gab philologische Unterrichtsstunden, Doch sein nicht eben zu bescheidenes Auftreten und seine starke Vorliebe für Weingenuß [63] ließen ihn nicht gedeihen. Bald verlor er seine Schüler, und nun wurde er Journalist und debutirte in dem durch die John’schen Stiche und die Dichtungen Grillparzer’s, Zedlitz’s, Zach. Werner’s u. A. berühmt gewordenen Taschenbuche „Aglaja“, Jahrgang 1819, mit dem Aufsatze „Cornelia, die Mutter der Gracchen“. Im nämlichen Jahre noch gründete er die Zeitschrift „Janus“, welche bei Schaumburg in Wien (4°.) erschien, und so lange man nöthig hat, auf die Welt zu kommen, schreibt Gräffer, so lange brauchte der „Janus“, um zu Grabe zu gehen. Gegen die Aeußerung dieses Schriftstellers, daß der „Janus“ der Schauplatz der brutalsten Klopffechterei und ein feiles Organ der Animosität Anderer gewesen sei, erhebt sich Fürst ganz energisch und will im „Janus“ nur ein gegen alles Schlechte, Niedrige und Gemeine gerichtetes literarisches Blatt finden, in welchem die Kritik mit Geist und Schärfe gehandhabt wurde. Dem aber ist nicht ganz so, Ton und Haltung waren – wenn auch, wie Fürst behauptet, außer ihm Wähner alle Artikel selbst schrieb – doch derart, daß das Blatt nicht über dreiviertel Jahre sein Dasein fristen konnte. Es ist aber immerhin ein Merkzeichen für die literarischen Zustände in der Kaiserstadt im ersten Viertel unseres Jahrhunderts. Da Wähner nach Eingang seines Blattes in Wien nicht länger bleiben konnte, verließ er es und kam erst wieder auf Ansuchen Schickh’s, der ihn für seine „Wiener Zeitschrift“ verwenden wollte. Aber auch da war seines Bleibens nicht lange. Eine Recension über Madame Stich, welche in der Rolle der Julie in Shakespeare’s „Julie und Romeo“ auftrat, gab zwischen dem Redacteur und dem Referenten Anlaß zu Differenzen, welche erst mit dem Austritte des Letzteren behoben wurden. Welchen Styl aber Wähner schrieb, davon nur die einzeilige Probe. Er berichtete über Madame Stich: „Sie öffnete den Mund, und eine ionische Säulenhalle blinkte uns entgegen“. (Er wollte sagen: Madame Stich zeigte uns hübsche Zähne.) Dies Pröbchen dürfte genügen. In der Folge arbeitete er an dem von Lembert herausgegebenen „Telegraphen“ mit. In demselben tritt er schon manierlicher auf, und seine Artikel gehören zu dem Besten, was das Blatt brachte. Von anderen Arbeiten Wähner’s sind uns noch bekannt: einige in den „Jahrbüchern der Literatur“ erschienene Artikel, welche sich ebenso durch Gediegenheit wie Schärfe auszeichnen; im ersten Jahrgang der Zeitschrift „Hermes“ lieferte er über Hormayr’s Supplement zu Millot’s „Weltgeschichte“ (17. bis 19. Bd.) eine Besprechung, in welcher er nichts weniger denn glimpflich, aber nicht mit Unrecht mit dem berühmten Historiker verfährt. In der Halle’schen „Literatur-Zeitung“ griff er Grillparzer’s „Ahnfrau“ in einer Recension an, welche von Gräffer geradezu „brutal“ genannt wird. Auch lieferte er zum zweiten Bande des von Ign. Jeitteles herausgegebenen „Aesthetischen Lexikons“ als Anhang eine ausführliche Abhandlung, betitelt: „Zur Literatur der deutschen Aesthetik“, eine zwar mit Umsicht und Scharfblick geschriebene Kritik der in Deutschland erschienenen Aesthetiken, welche aber immerhin Manches zu wünschen übrig läßt und eben zeigt, daß der Verfasser sein Thema doch nicht ganz beherrscht. Eine selbstständig erschienene Arbeit Wähner’s ist uns nicht bekannt. Aus Allem, was über ihn vorliegt, ist zu entnehmen, daß er in [64] sehr dürftigen Verhältnissen gelebt habe und in solchen auch gestorben sei. Sein Tod muß nach 1836 fallen, weil ja erst in diesem Jahre Lembert seine Zeitschrift „Der Telegraph“ begründete. „Schade“, schreibt Gräffer, „um Wähner’s Wissen und Kraft. Sein Charakter war mammuthisch wie seine Person. Seine Tinte war Scheidewasser“.

Frankl (Ludw. Aug.). Sonntagsblätter (Wien, 8°.) II. Jahrg. (1843), S. 177: „Zur Charakteristik österreichischer Schriftsteller“. Von Franz Gräffer. – S. 202: „Reclamation“. Von N. Fürst.