BLKÖ:Wohlleben, Stephan Edler von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wohlmuth, Alois
Band: 57 (1889), ab Seite: 245. (Quelle)
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Wohlleben, Stephan Edler von (Bürgermeister von Wien, geb. in Wien 1751, gest.daselbst 30. Juli 1823). Als frühverwaister Knabe wurde er in der noch bestehenden Stiftung des Freiherrn Chaos von Richthausen (geb. 27. November 1604, gest. 23. Juli 1663), eines der denkwürdigsten Männer Oesterreichs und insbesondere Wiens unter Kaiser Leopold I. , erzogen. Nachdem er dort die übliche Ausbildung erlangt hatte, kam er auf das Gymnasium, beendete dasselbe und wendete sich dann dem Baufache zu. Mit den erforderlichen Kenntnissen darin ausgerüstet, trat er 1771 als Accessist in das Unterkammeramt des Wiener Magistrates ein, wo er sich durch seine außergewöhnlichen Leistungen bei der Verschönerung Wiens alsbald so bemerkbar machte, daß der damalige Bürgermeister Hörl [Bd. IX, S. 125] auf ihn aufmerksam wurde. Dies aber genügte, um dem jungen vielversprechenden Manne die Wege zu seiner Laufbahn zu ebnen. Im Jahre 1781, als man das Unterkammeramt regulirte, wurde er Adjunct des Unterkämmerers Valeri, 1784 nach Jubilirung desselben wirklicher Stadtunterkämmerer, und obwohl er nicht die rechtswissenschaftlichen Studien gemacht hatte, Magistratsrath. 1801 zum Stadtoberkämmerer befördert, ward er noch im nämlichen Jahre von Kaiser Franz in den Adelstand erhoben, und nach des Bürgermeisters Hörl Jubilirung 1804 zum Bürgermeister erwählt, erhielt er 1810 den Charakter eines Regierungsrathes. Am 21. October 1821 feierte er seine 50jährige Dienstzeit. Damit ist seine dienstliche Laufbahn erschöpft. Als er noch Magistratsrath war; stand er schon dem Bürgermeister bei allen Unternehmungen, welche aus dem Schoos der [246] Gemeinde hervorgingen, hilfreich zur Seite. Bei seiner, namentlich in den damaligen Tagen der herrschenden beamtlichen Bevormundung, welche der Entwickelung des Gemeinwesens stets störend entgegentrat, ungemein schwierigen Stellung kamen ihm aber manche trefflichen Eigenschaften, besonders eine fast staatsmännische Klugheit, zu Hilfe, die ihn befähigten, einen so großen Körper, wie die Commune der Reichshauptstadt, in schweren Zeiten und verwickelten Fällen mit Sicherheit und Erfolg zu leiten. Dabei war er ein treuer Patriot, dem Kaiser und der Regierung ergeben, was ihn vornehmlich in erster Zeit nicht hinderte, wenn es das Wohl der Gemeinde galt, offen und ehrlich seine Meinung auszusprechen, wenn diese auch im Widerspruche mit den Anordnungen der omnipotenten Bureaukratie stand. Schon bevor er Bürgermeister geworden, nahm er so bedeutenden Einfluß auf die Verwaltung der Gemeinde, daß er zu allen nur einigermaßen wichtigen Berathungen beigezogen wurde. In der Wiener Bürgerwehr bekleidete er anfangs die Stelle eines Majors; später als Bürgermeister die eines Obersten und führte als solcher 1805 die Reorganisirung dieses Corps durch. Er entwarf die Grundlinien zu dem von Erzherzog Karl ausgearbeiteten und bis 1848 in Kraft gebliebenen Statute für die Bürgercorps. Auch leitete er damals die Vertheidigungsanstalten der Stadt zum Schutze gegen die französischen Invasionen und trat nach dem Einzuge der Franzosen im Jahre 1805 in Verkehr mit den französischen Machthabern. Ein Gleiches that er 1809, wo er dem Kaiser Napoleon gegenüber eine so kluge und gewandte Haltung und auf die zu Ausbrüchen eines erklärlichen Hasses gegen die Franzosen geneigten Bürger solchen vermittelnden Einfluß zu üben wußte, daß Napoleon die auf die Stadt entfallenden Lasten möglichst milderte, das bürgerliche Zeughaus vollständig schonte und ihm selbst bei seiner Abreise in wohlwollendster Weise seine Anerkennung aussprach. In jenen Tagen war Wohlleben Zeuge einer für die Reichshauptstadt im hohen Grade demüthigenden Scene. Es hatten sich nämlich damals die Maires der bedeutendsten Städte Frankreichs, an der Spitze jene von Paris, in Wien eingefunden, um dem französischen Imperator ihre Bewunderung zu den großen Waffenerfolgen in Beglückwünschungsadressen auszusprechen. Diesen die Residenz tief demüthigenden Vorgang merkte sich der wackere Bürgermeister wohl, und zur rechten Zeit übte er Revanche. Obgleich er, wie oben angedeutet, um der Stadt Plackereien und Belastungen so viel als möglich zu ersparen,sich mit den oft unverschämten Machthabern auf möglichst guten Fuß zu stellen verstand, genoß er doch das vollste Vertrauen des zum Mißtrauen sehr geneigten Kaisers Franz I. Als nun nach der Völkerschlacht bei Leipzig die große Armee der Verbündeten gegen Paris marschirte, erinnerte er sich der vorerwähnten peinlichen Eindrücke, welche ihm die Anwesenheit der französischen Maires in Wien verursacht hatte, und so faßte er den Gedanken, an der Spitze einer Deputation in das Hauptquartier der Alliirten in Paris zu eilen, um denselben die Glückwünsche der Stadt Wien für die Befreiung Deutschlands auszudrücken. Der Beschluß war aber leichter gefaßt, als ausgeführt, und es ist fast tragikomisch zu lesen, was Wohlleben in seinen Aufzeichnungen erzählt, wie man ihm die Ausführung dieses an sich ja unschuldigen und bei dem vorangegangenen [247] Vorgang des Feindes ganz berechtigten Schrittes in aller nur denkbaren Weise erschwerte. Eine hervorragende Rolle spielte er in den Tagen des Wiener Congresses 1814 und 1815, in welchen er Alles aufbot, um die Würde der Residenz gegenüber den zahlreichen anwesenden Potentaten zur vollen Geltung zu bringen und denselben die Kaiserstadt so viel als möglich angenehm zu machen. Ein nicht geringes Verdienst Wohlleben’s besteht auch darin, daß er den Kaiser Franz zu bedeutenden Verschönerungen der Stadt Wien veranlaßte, wozu vor Allem die Auflassung derselben als Festung gehört, nachdem ohnehin die Franzosen die Mehrzahl der Festungswälle hatten sprengen lassen. Auf alle diese Lichtseiten im Wesen und Walten unseres Bürgermeisters tritt freilich auch einiger Schatten. So verstand er es nicht, den Theil der Geschäfte, welcher eine genaue Kenntniß der Gesetze erfordert, mit jenem Geschick und jener Gewandtheit zu behandeln, die in einem so großen und umfangreichen Gemeinwesen, wie es Wien darstellt, geradezu unerläßlich sind. Dadurch aber gab er der Regierung Anlaß, sich in Verhandlungen über die Gemeindeverwaltung einzumengen, die unter anderen Umständen durch diese selbst eine vollstandige Erledigung gefunden hätten. Darin ging er in späteren Jahren so weit, daß er dieser Einmengung von Seite der Regierung gar keinen Widerstand entgegensetzte, wodurch diese wieder verlockt wurde, sich in Alles und Jedes zu mischen, den Magistrat bei geringfügigen Vorfallen sozusagen unter Vormundschaft zu stellen, wodurch die Rechte und Interessen der Gemeinde beeinträchtigt und verletzt wurden. So stammt aus Wohlleben’s Zeit die langjährige Verhandlung über das Eigenthumsrecht der Glacis- und Basteigründe, eine Frage, deren Lösung zu Ende der Sechziger-Jahre der Gemeinde den Verlust von Millionen Gulden verursachte. Trotz alledem bleiben aber seine Verdienste um die Stadt Wien in einer schweren und geschichtlich höchst denkwürdigen Zeit unanfechtbar. Er wurde auch von den Wienern, die auf ihren Bürgermeister mit Recht stolz waren, hoch in Ehren gehalten, wozu auch sein höchst liebenswürdiger Verkehr mit den Bürgern nicht wenig beitrug. Dabei wußte er durch seine stattliche äußere Erscheinung zu imponiren. Wenn er hoch zu Roß durch die Vorstädte ritt, um die öffentlichen Anstalten zu besichtigen; so hatten die Wiener Bürger an ihrem Bürgermeister eine große Freude. Auch fehlte es dem verdienstvollen Manne nicht an äußeren Ehren: die Akademie der bildenden Künste in Wien ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitgliede, Seine Majestät der Kaiser verlieh ihm die goldene Ehrenmedaille, 1815 das silberne Civilehrenkreuz und schon das Jahr zuvor das Ritterkreuz des königlich ungarischen St. Stephansordens, eine Auszeichnung, die keinem städtischen Beamten vor und nach Wohlleben zutheil wurde.

Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 617 im Feuilleton: „Eine Wiener Episode aus dem Jahre 1806“. – Dieselbe, 1870, Nr. 2137 im Feuilleton: „Aufzeichnungen eines Wiener Bürgermeisters“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien, 8°.) Bd. VI, S. 172. – Gräffer (Franz). Francisceische Curiosa (Wien 1849, Klang, 8°.) S. 134 im Artikel: „Die Heimkehr und ihre Feier 1814“. – Weiß (Karl). Geschichte der öffentlichen Anstalten, Fonde und Stiftungen für die Armenversorgung in Wien (Wien 1867, gr. 8°.) S. 304. – Bürgerfeier am 30. October 1804 bei der Einsetzung... Stef. Edl. v. Wohlleben... in [248] die Würde eines Bürgermeisters der Stadt Wien (Wien 1894, Fol.).
Porträts. Lampi pinx., Benedetti sc. (Fol.). – 2) Unterschrift: „Stephan Edler von Wohlleben, | Ritter des Königl. St. Stephansordens ,| kai. kön. Rath, Bürgermeister und Obrister der Bürgermiliz der Haupt- und Residenzstadt Wien.“ Medaillonformat. Unter der Einfassung: Mansfeld sc. 1806 (8°.).