BLKÖ:Wurmbrand-Stuppach, Ladislaus Gundakar Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 58 (1889), ab Seite: 309. (Quelle)
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Wurmbrand-Stuppach, Ladislaus Gundakar Graf (Staatsmann und Naturforscher, geb. in Wien 9. Mai 1838), von der österreichischen Linie. Erscheint auch mit dem Vornamen Gundakar allein. Ein Sohn des Grafen Ferdinand aus dessen erster Ehe mit Aloisia geborenen Gräfin Széchényi, verlebte er seine früheste Jugend im Hause seines Vaters, der damals Kammerherr bei Erzherzog Franz Karl war, und theilweise auch bei seinem Großvater, Grafen Széchényi. Im Jahre 1848 sollte er ins Gymnasium eintreten, wurde aber daran gehindert durch den Ausbruch der politischen Bewegung, welche die Uebersiedelung des Vaters nach Ischl zur Folge hatte. Dort blieb die Familie des Grafen Ferdinand, der mittlerweile zum Obersthofmeister des Erzherzogs Franz Karl ernannt worden war, während der Jahre 1849–1850 und kehrte dann nach Wien zurück. Der junge Graf bezog nun nicht das Gymnasium, sondern wurde von Fachlehrern, namentlich in den Naturwissenschaften unterrichtet. Schon mit 16 Jahren unternahm er, frühzeitig an Selbständigkeit gewöhnt, größere Reisen, und besonders anregend in künstlerischer Richtung wirkte sein längerer Aufenthalt in Paris. Der Gewohnheit der Söhne des hohen Adels folgend, trat er 1856 in die Armee ein, und zwar als Lieutenant bei Liechtenstein-Huszaren Nr. 9. Seine Gesundheit litt jedoch unter den Anforderungen, welche das Leben eines jungen Reiterofficiers stellte, derart, daß er 1858 sich genöthigt sah, im Oriente Erholung zu suchen. Er ging nach Aegypten, machte die Nilfahrt bis zum zweiten Katarakt [310] mit, ritt dann durch die Wüste nach Palästina, verweilte längere Zeit in Jerusalem, wo religiöse Stimmungen in seinem empfänglichen Gemüthe sich befestigten. Nun setzte er die Reise am linken Ufer des Jordan zum Libanon fort und begab sich schließlich über Beirut nach Constantinopel. In allen diesen Ländern fesselten ihn die Denkmale vergangenen Culturlebens und begründeten sein tiefgehendes Interesse für archäologische Studien. In Constantinopel erfuhr er von dem Ausbruche des Krieges Oesterreichs mit Italien und Frankreich, was ihn zur eiligsten Heimkehr bewog, um seiner Pflicht als Officier zu genügen. Der rasche Abschluß des Friedens von Villafranca (11. Juli 1859) benahm ihm jedoch die Gelegenheit, an der Vertheidigung des Vaterlandes thatkräftig mitzuwirken. Nicht ohne Verstimmung darüber verließ er zum zweiten Male die Armee, um sich 1860 zu seinem Vater nach Schloß Ankenstein bei Pettau in Steiermark zu begeben, wo er mit diesem und seiner Schwester Francisca bis 1864 lebte und sich mit Lust und Eifer der Erwerbung philosophischer Kenntnisse widmete. Die religiöse Schwärmerei, die durch den Aufenthalt im heiligen Lande angeregt worden war, leitete ihn damals zum Spiritismus, dessen Erscheinungen er mit besonderem Interesse verfolgte. Als er 1864 das Gut Ankenstein von seinem Vater übernommen hatte, der sich zuerst nach Gratz zurückzog und dann wieder zu Hofe ging, trat er mit Medien und Somnambulen in Verbindung, welche in Ankenstein wiederholt Experimente machten, die von dem Grafen in einer Reihe von Schriften besprochen wurden. Das Jahr 1866 unterbrach diese Beschäftigung. Graf Wurmbrand schloß sich in Verbindung mit anderen steirischen Cavalieren dem von Mensdorff gebildeten Alpenjägercorps an und zog mit demselben zum Schutze der von der preußischen Armee bedrohten Reichshauptstadt aus. Man gab dem Corps zuerst eine Stellung am Bisamberg, ließ es dann nach Oberösterreich marschiren, von wo eine Diversion nach Böhmen in den Rücken der preußischen Armee geplant war. Als sich dieselbe jedoch unausführbar erwies, gingen die Alpenjäger nach Südtirol, um gegen die Freischaaren Garibaldi’s zu kämpfen. Bei Anconzo führte der Graf die Vorhut, hatte Gelegenheit sich auszuzeichnen und erwarb sich durch seine Waffenthat das Verdienstkreuz. Nach dem Friedensschlusse kehrte er nach Ankenstein zurück und nahm seine unterbrochenen Studien wieder auf, die sich nach manchen unliebsamen Erfahrungen auf spiritistischem Gebiete auf die Naturwissenschaften concentrirten. Um seine Studien zu vertiefen ließ er sich an der Gratzer Hochschule als außerordentlicher Hörer einschreiben und betrieb Anatomie, Physik, Chemie und Geologie. Ganz besonders fesselte ihn nun die Anthropologie, zu deren Förderung er 1871 in Verbindung mit Hofrath Baron Rokitansky die Gründung der anthropologischen Gesellschaft in Wien durchführte. Zum Gegenstande seiner eigenen Forscherthätigkeit wählte er sich die Pfahlbauten der österreichischen Seen und erzielte durch die Entdeckung prähistorischer Ansiedlungen im Kammer- und Gmundenersee schöne Erfolge. Ueber diese Funde handeln zahlreiche in den ersten Bänden der Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft erschienene Publicationen, welchen sich die Abhandlungen und Vorträge: „Die Gleichzeitigkeit des Menschen mit dem Mammuth“ [M., Bd. III, S. 123 u. f.): – [311] „Ueber die Höhlenwohnungen in Löß bei Joslowitz“ [M., Bd. VIII, S. 128 u. f.]; – „Ueber die Methoden anthropologischer Forschung“ [M., Bd. X, S. 60 u. f.]; – „Die Elemente der Formgebung und ihrer Entwicklung“ [Bd. XII, S. 26 u. f.]; – „Die Hallstatt-Cultur“ [Bd. XV, S. 97] und Berichte über die anthropologischen Congresse, von welchen der Graf die in Bologna, Brüssel, Budapesth, Constanz besuchte, anschließen. Ueber die Höhlen und Grotten im Kalkgebirge bei Peggau schrieb er in den „Mittheilungen des naturwissenschaftlichen Vereines für Steiermark“ [Gratz 1871, Band II, S. 3]. Im Werke des verewigten Kronprinzen Rudolf „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“ befinden sich im Bande Oberösterreich die Abhandlungen des Grafen: „Die Pfahlbauten“, „Die Hallstätter Funde“, letztere gemeinschaftlich mit Jos. Szombathy; auch hat er für die Abtheilung Steiermark die Bearbeitung der vorgeschichtlichen Verhältnisse übernommen. Die umfassendsten und gründlichsten Untersuchungen legte er in seinem Hauptwerke: „Das Urnenfeld von Maria Rast“, mit 1 Plan und 5 Tafeln (Braunschweig 1879, Vieweg Sohn, 8°.) nieder. Die Wahl in den steirischen Landtag durch den Großgrundbesitz (1878) und in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrathes durch die Gratzer Handelskammer (1879) eröffnete dem Grafen ein neues Feld der Thätigkeit, zu welchem er sich jedoch schon durch die Theilnahme an den autonomen Körperschaften seines eigenen Wohnortes vorbereitet hatte. Im Landtage widmete er allen Richtungen der Landescultur die größte Aufmerksamkeit, gab die Anregung zu einer völligen Neugestaltung des Landesmuseums Joanneum, für die er insbesondere nach seiner Ernennung zum Landeshauptmann von Steiermark (3. September 1884) trotz vielfacher Hemmnisse mit Ausdauer und richtigem Verständnisse für die Bedürfnisse aller Zweige künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens eintrat. Ihm verdankt auch das Landhaus in Gratz, eine der bedeutendsten Schöpfungen italienischer Renaissance in Oesterreich, seine stylgerechte und geschmackvolle Wiederherstellung. Im Reichsrathe hat der Graf mit besonderer Energie die Forderung erhoben, daß die deutsche Sprache als Staatssprache erklärt werde, und in dieser Angelegenheit zwei Reden von hervorragender Bedeutung, am 4. December 1880 und am 25. Jänner 1884, gehalten. Die Darstellung der wirthschaftlichen Zustände in den Alpenländern, welche er in der Rede vom 14. Februar 1882 gegeben, und die Vertheidigung der modernen Volksschule in der Rede vom 29. März 1889 können auch zu den besten Leistungen österreichischer Parlamentsreden gezählt werden. Es ist schwierig, die politische Richtung des Grafen zu bezeichnen. Als Parteimann im modernen Sinne darf er nicht aufgefaßt werden. Er gehört im Allgemeinen der liberalen Richtung an, stellt wohl in manchen Fällen das Staatsinteresse über das nationale, hält sich aber weit entfernt von jenem starren Centralismus, an, dem die Regierungskunst der Deutschen gescheitert ist, und erweist sich als ein offener Gegner des Manchesterthums. In einem an seine Wähler gerichteten Schreiben sagt er unter Anderem: „Die von der ganzen liberalen Verfassungspartei anerkannten Principien nicht nur zu bekennen, sondern mit gemeinsamer Kraft und klarem Zielbewußtsein gegen alle zu [312] Sonderbestrebungen geneigten Parteien durchzuführen, muß heute, wo unklare politische Verhältnisse den Blick in die Zukunft erschweren, unsere Aufgabe sein.“ Der Graf hatte sich am 28. August 1871 mit Wilhelmine Freiin von Dickmann-Secherau vermält, die am 26. Februar 1885 starb; eine zweite Ehe schloß er am 8. Mai 1886 mit Therese verwitweten Gräfin Hoyos geborenen Gräfin Wenckheim. Nur aus erster Ehe [siehe die Stammtafel] sind drei Töchter und ein Sohn vorhanden.

Thürheim (Andreas Graf). Gedenkblätter aus der Kriegsgeschichte der k. k. österreichisch-ungarischen Armee (Wien und Teschen 1882, Prochaska, Lex. 8°.) Bd. II. S. 712. – Gratzer Extrablatt vom 26. Jänner 1889: „Biographie mit Bildniß“.