Bei Henriette Hanke

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Titel: Bei Henriette Hanke
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 792–794
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Bei Henriette Hanke.


Aeltere Leserinnen der Gartenlaube, wenn sie in stiller Stunde innerer Einkehr einen Rückblick thun auf hinter ihnen liegendes Glück und Leid, erinnern sich gewiß noch heute mit innig empfundenen Nachgenuß lebhaft des Vergnügens, das ihnen einst die Lectüre der Schriften Henriette Hanke’s geschaffen hat. Vom Ende der zwanziger Jahre an bis fast hinauf zum Ausgang der fünfziger war die Feder dieser liebenswürdigen Schriftstellerin unermüdlich thätig, und wohl auf keinem Familienlesetische haben, namentlich während der dreißiger und dem ersten Lustrum der vierziger Jahre, die Schriften Frau Hanke’s gefehlt. Selten aber hat auch eine Schriftstellerin mit dem Aufwand so einfacher und geringer Mittel es verstanden, alle Phasen des Frauenlebens, die Lust und das Leid, das Glück und das Mißgeschick in Häuslichkeit und Familie in dem Grade anziehend und anschaulich zu schildern, für ihre simple Fabel die Leserin einzunehmen und zu erwärmen, für ihre Figuren das lebendigste Interesse, das innigste Mitgefühl, die resoluteste Theilnahme an deren Wohl und Wehe wach zu rufen und zu fesseln, wie gerade Henriette Hanke. Daß ihren Schriften neben dem unbestreitbaren Werth in ihrer Art auch das Glück zur Seite stand, dagegen hat die würdige Frau selbst sich niemals verschlossen.

Wer mit seinen geistigen Productionen bei dem ebenso unberechenbaren wie wunderlichen, seltsamen und wankelmüthigen tausendköpfigen süßen Ungeheuer, das man Publicum nennt, Glück machen will, der muß eben Glück haben. Nun, Frau Henriette Hanke hatte das Glück, Glück zu haben!

Der Kreis, in welchem sich das Productionstalent dieser Schriftstellerin bewegte, seiner ganzen äußeren und inneren Wesenheit nach auch nur bewegen konnte, muß allerdings als ein eng beschränkter bezeichnet werden. Aber die engen Grenzen, die ihrem Talent gezogen waren, wurden von ihr frühzeitig weislich erkannt, und indem sie sich niemals darüber hinaus wagte, machte sie sich im Laufe ihrer Thätigkeit innerhalb ihres kleinen Gebietes als vollkommene Herrscherin sowohl gedanklich als auch in der Form vollgültig und allseitig anerkannt geltend, und unbedenklich möchte ich auch auf diese Henriette den Ausspruch Angelika Catalani’s anwenden, den die große Sängerin einst über das Talent Henriette Sontag’s von sich gab: „Ihr Genre ist nicht groß, aber sie ist groß in ihrem Genre!“[1]

Im Hochsommer des Jahres 1853 kam ich, ein fahrender [793] Gaukler, mit der in Schlesien wohlaccreditirten Schiemang’schen Schauspielertruppe auch nach Jauer, der Stadt der einst weltberühmten – heute freilich schon in’s Reich der Sage versunkenen – Bratwürste, männiglich auch bekannt als Blüchersche Fiedelbogenwichse aus Adolf (rectius: August Ludwig) Follen’s Lied: „An der Katzbach!“ (oder ist das Lied von Karl Follen? ich bin wirklich unsicher!) nicht minder oft genannt aber auch als Geburtsstadt und Wohnsitz Frau Henriette Hanke’s.

Nachdem wir unsere Pfosten geschlagen und etwa zwei Wochen gegaukelt hatten, schlug ich eines schönen Tages alle Bedenken, die mich, den Wanderkomödianten, bisher zurückgehalten der von mir in ihren Schriften längst hochverehrten, im edelsten Wortsinne frommen Frau Hanke einen Besuch abzustatten, bei Seite, setzte mich in meinen besten Visitenstaat und machte mich kurz resolvirt auf den Weg.

Frau „Pastor“ Hanke wohnte am Ring in dem Hause, das unsere Zeichnung getreu wiedergiebt, und welches einem Kaufmann gehörte, der zwar ebenfalls den Namen Hanke führte, mit ihr aber nur „schlesisch“ verwandt war, das will sagen: so etwa im fünfzigsten Gliede vielleicht! Angelangt in dem Hause und auf dem Flur des ersten Stocks, den Frau Hanke inne hatte, trat mir hier eine saubere ältliche Person entgegen, die, auf meine Anrede, sich als „Schleißerin“ der Frau „Pastor’n“ mir freundlichst präsentirte, nach Empfang meiner Karte, auf der natürlich auch der „Charakter“ nicht fehlte, mich ein wenig warten hieß und dann ging, mich zu melden.

„Se seind willkummen!“ hinterbrachte mir nach kurzer Frist die Jungfern Schleißern (Jettel, dünkt mir, hieß die brave Person) und hielt mir die Thür offen.

Das ziemlich große, von Sauberkeit strahlende Zimmer, in das ich eintrat, war „altfränkischen Hausraths voll“. Dort in der Nische des linken Fensters auf zierlichem nußbaumausgelegten Tisch mit geschweiften Füßen stand ein kleines portatives Schreibepult mit grünem Tuch überzogen, dessen kahle Stellen von seinem Vielgebrauchtwerden zeugten. Und viel gebraucht allerdings war und wurde das kleine Pult! Hatte doch an ihm Frau Henriette, wie sie selbst mir dann erzählte, alle ihre bisher erschienenen Erzählungen niedergeschrieben, arbeitete sie doch auch zur Stunde noch täglich daran!

Dieser kleine Schreibekasten und ein Bücherschrank, hinter dessen Glasthüren grünseidene Vorhänge die Schätze seines Innern profanen Augen verhüllten, waren die einzigen Gegenstände im Zimmer, die vielleicht andeuten konnten, daß man sich im Sanctuarium einer – obendrein vielgelesenen – Schriftstellerin befand. Nichts außerdem verrieth es. Von all’ jenem Apparat, mit dem sonst wohl Schriftstellerinnen ihr Arbeitszimmer anzufüllen lieben, um sich selbst zu illustriren, sich den Anstrich der Gelehrsamkeit oder den der Genialität zu geben, war hier keine Spur vorhanden. Wohl aber spiegelte das Zimmer in seiner Gesammtheit den Geist und den Charakter seiner Bewohnerin wieder: keuscheste Frauenwürde, Frische des Gedankens und der Empfindung, Klarheit, Heiterkeit und behagliche Ruhe des Geistes, Simplicität im schönsten Sinne neben herzlichster Lust an anmuthigem Sinnengenuß. Hier sehe ich im Geist manche liebenswürdige jüngere Leserin das schöne blond-, braun- oder schwarzgelockte Köpfchen bedenklich skeptisch schütteln, ein wenig ironisch fragend: „Das Alles las der Mann sofort aus der Einrichtung des Zimmers heraus?“ Ja, schöne Leserin, Deinem Zweifel zum Trotz las ich es heraus! In der äußern Umgebung eines Menschen, insofern ihre Gestaltung seine Wahl, liest man wie in einem offenen Buche. Sie charakterisirt uns sofort den ganzen Menschen, erschließt uns seine Persönlichkeit, die Richtung seines Geistes, seinen Geschmack und seine Passionen. Allerdings gehört zu dieser Kunst des Lesens eine gewisse Summe Erfahrung, Welt- und Menschenkenntniß, die man nicht auf den Schul- und Collegienbänken und aus Büchern erwirbt. Darum überkam mich denn auch in Frau Henriettens Arbeitszimmer sofort der anheimelnde, wohlthuende Hauch jener echten und reinen Häuslichkeit, die niemals verfehlt, auch auf den zerfahrensten Sinn ihren sanft bestrickenden und hinnehmenden Zauber auszuüben.

Eine offenstehende Flügelthür, deren zurückgeschlagene, in schön geschwungenen Falten schwer herabwallende Portière den Blick durchließ, verband das Arbeitszimmer mit einem zweiten Gemach, das ich später als Speisezimmer kennen lernte und das, in seiner Art gleich würdig und reizvoll heiter ausgestattet, wie das Sanctuarium, nicht minder den feinen und reinen Schönheitssinn der Hausfrau documentirte. Im Lehnstuhl in der rechten Fensternische saß die Schriftstellerin, in ihrer äußern Erscheinung auch das prächtige Urbild einer verehrungswürdigen Matrone repräsentirend. Sie trug ein aschgraues Seidenkleid von kleidsamem, den Jahren der Trägerin wohlanpassendem Schnitt, darüber, breitgesteckt, ein blüthenweißes Spitzentuch und auf dem silbern schimmernden Scheitel eine gleichermaßen blüthenweiße Spitzenhaube. Von Figur war sie eher klein als groß, ihre Formen waren zierlich, aber noch von gefälliger Fülle und angenehmer Rundung. Alle ihre Bewegungen geschahen mit jener eigenartigen Grazie, die ein unveräußerliches Erbtheil geistig vornehmer Frauen zu sein scheint. Die Gesichtszüge der Matrone sprachen eine verständliche Sprache, sie waren ebenso bedeutsam, wie das klug und heiter blickende Augenpaar und das seelenvolle Lächeln, das um den gefällig gewölbten Mund schwebte. Bei meinem Eintritt erhob sich die Matrone, trat mir mit unverstellter Herzlichkeit einen Schritt entgegen und reichte mir die Hand, die ich ehrerbietig zu küssen wagte, was sie gütig hinnahm.

„Wie hübsch von Ihnen, eine alte einsame Frau zu besuchen!“ redete sie mich mit herzgewinnender Freundlichkeit an und deutete mit graziöser Handbewegung auf den Sessel ihrem Sitz gegenüber. „Und zu diesem Besuch einer alten Frau haben Sie sich wahrlich geschmückt wie ein Bräutigam, der zur Braut geht,“ fuhr sie heiter scherzend fort.

Unser Gespräch war im vollen Fluß, ehe ich hatte dazu kommen können, von meiner wohleinstudirten Anrede auch nur eine Phrase anzubringen.

Wovon und worüber wir plauderten? Nun, liebenswürdigste Leserin, von allem Möglichen! Unsere Conversation war hin und herspringend, schlug viele Saiten an, Eines gab das Andere – sie war, wenn auch nichts weniger als das, was man so in specie und nicht selten mit etwelchem ironischen Beigeschmack „geistreich“ zu nennen pflegt, doch heiter, anregend, anziehend, animirt, lebhaft in Rede und Gegenrede. Die würdige Frau verstand ebenso trefflich zu hören, als sie zu sprechen wußte, sie verstand aber auch, den Gast unbefangen sprechen zu machen, indem sie, frei und vorurtheilslos in ihren Anschauungen und Urtheilen, nur den Menschen und nur diesen nahm, indem sie jede Persönlichkeit ganz so gelten ließ, wie sie einmal war.

Bald nach meinem ersten Besuch ließ mich die Frau Pastorin durch ihre getreue alte Jungfer Schleißern zu Tische laden. „Ock bluß uff neie Kartuffeln“ – wie Jettel gleich bei der Einladung bemerkte. Nun ja, wir speisten allerdings auch wunderschön aufgeborstene, herrlich schmeckende neue Kartoffeln mit nußkernsüßer frischer Kleebutter, aber unser kleines Diner war außerdem, wenn auch nicht besonders reichhaltig, doch in seinen Bestandtheilen, so einfach sie übrigens waren, so vorzüglich, daß seine einzelnen Schüsseln unbedenklich dem ausgesuchtesten Diner von der Stelle fort hätten eingereiht werden können. Ich verstand mich schon damals ein wenig auf solche Dinge; habe ich doch das erleuchtete Studium der Gastronomie auch unter den ihm äußerlich ungünstigsten Verhältnissen noch zu cultiviren gewußt!

Während der vierzehn Tage, die wir noch im Städtchen weilten, besuchte ich nunmehr fast täglich Frau Hanke. War ich damals auch nicht mehr jung, so war ich doch auch noch nicht alt, und manche hochfliegende Pläne, die heute längst in Nichts zerstäubt sind, manche Ideale, heute längst gestorben, trug ich damals noch neben unzähligen süßen und reizenden Thorheiten in gluthheißem, mächtig pulsendem Herzen, und ohne Rückhalt durfte ich der vortrefflichen Greisin mein ganzes Herz ausschütten, that es auch, sicher und gewiß bei ihr des innigsten Verständnisses, des regsten Mitempfindens für Alles. Nahm sie doch sogar lebhaftesten Antheil an meiner Menschendarstellungskunst, obschon sie selbst, weil sie aus Rücksicht für ihre Gesundheit Abends das Haus nicht mehr verließ, das Theater nicht besuchte, hörte sie doch auf’s Aufmerksamste zu, wenn ich den Inhalt eines neuen oder mindestens ihr noch unbekannten Stückes ihr referirte und ihr die Auffassung der Rolle, die ich etwa darin zu spielen hatte, darzulegen und zu zergliedern suchte. Wie manchen feinen Wink wußte sie mir zu geben, wie manches kluge Wort auch über die Kunst der Menschendarstellung hat sie zu mir gesprochen! Und mit welcher erquickenden Naivetät und Offenheit erzählte sie mir aus ihrem einfachen Leben!

[794] Dort drüben jenes Hans, das da auf der andern Seite des Ringes vor uns lag, war ihr Vaterhaus. Dort war sie als Henriette Arndt geboren. Ihr Vater war Kaufmann. Er oder die Mutter (oder gar Beide – mein Gedächtniß läßt mich hiebei im Stich!) starben früh und auf unsere Henriette, als die Aelteste der Geschwister, fiel die Pflege und die Erziehung der Jüngeren neben der Fortführung des Geschäftes, der Bedienung der Kunden in dem Laden. Mit dem zwanzigsten Jahre (wenn ich nicht irre) wurde sie die Gattin des Pastors Hanke, der, den vortrefflichen natürlichen, geistigen und gemüthlichen Fond der jungen Frau alsbald erkennend, es sich angelegen sein ließ, die Lücken in ihrer Bildung zu decken und auszufüllen, und gleichwie er in Henriette die treusorgsamste Hausfrau fand, ebenso fand er in ihr auch die lerneifrigste, erfolgversprechendste, dankbarste Schülerin. Wo Pastor Hanke Pfarrer war, habe ich vergessen, ich glaube aber, irgendwo im Hannöverschen wird es gewesen sein.

Eines Tages erschien auf dem Pfarrhof eine Verwandte des Gatten zu Besuch. Beim abendlichen traulichen Beisammensein lenkte sich das Gespräch, von jener Verwandten mit weiblich schlauer Geschicklichkeit darauf hingeleitet, auch auf Schriftstellerei, auf schreibende Frauen etc. – Unser Pastor zog gegen das mehr und mehr Mode werdende Schriftstellern der Frauen kräftig zu Felde und ließ besonders seinen Tadel laut werden gegen schriftstellernde Hausfrauen, die über ihr Schreiben Häuslichkeit, Gatten und Familie vernachlässigten und so keineswegs den Platz ausfüllten, auf den die Vorsehung sie gestellt. Trotz alledem rückte jene Verwandte dennoch mit dem Geständniß vor, daß sie das Manuskript einer Erzählung im Koffer berge und auf dessen Vorlesung „brenne“.

Verwundert schaute unsre Henriette die Verwandte an. War doch bei ihr bisher mit der Vorstellung einer Schriftstellerin immer der Gedanke des Außergewöhnlichen, ja sogar des Wundersamen verbunden gewesen, und nun saß mit einem Male in der simplen Frau dort, in der Verwandten ihres eignen Gatten, eine Schriftstellerin, wenn auch erst eine werden wollende, vor ihr. Auf ihre Bitte war denn auch der Pastor artig und liebenswürdig genug, die Vorlesung der Erzählung sich gefallen zu lassen, er ließ es aber nach Anhörung an neckendem Tadel und gutmüthigem Spott keineswegs fehlen. Für unsre Henriette indeß wurde der Besuch dieser schriftstellernden Verwandten zu einem bedeutsamen Wendepunkt. Unausgesetzt trug sie sich mit dem Gedanken, ebenfalls sich in einer Erzählung zu verfnchen. „Es kann doch am Ende so schwer nicht sein, eine kleine Geschichte zu erfinden und niederzuschreiben!“ sagte sie sich täglich, und Plan auf Plan drängte sich in ihrem Kopf. Dennoch mußte sie sich gestehen, als sie endlich an die Ausführung der lange herumgetragenen Idee ging, daß das Ding doch bedeutend schwieriger sei, als sie sich vorgestellt hatte. Nach langem Mühen und vielem Verwerfen kam schließlich eine Erzählung zu Stande, die sie in traulicher Stunde dem Gatten vorlegte. Und wo hatte die junge Hausfrau ihr Manuscript geschrieben? Nirgends anderswo als auf dem Vorrathsboden! Um vor jeder Ueberraschung durch ihren Gatten sicher zu sein, etablirte sie sich mit eben dem kleinen Schreibekasten, den die Leserin kennen gelernt hat, unter Vorräthen des Haushalts aller Art, und ihr Erstlingswerk wurde also buchstäblich zwischen Backpflaumen und Flachs zu Papier gebracht.

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Henriette Hanke’s Wohnhaus in Jauer.

Der gute Pastor machte zwar ein sehr verwundertes, sehr ernstes Gesicht bei Entgegennahme des nicht allzu umfangreichen Manuscripts, aber er nahm es doch mit in sein Studirzimmer und – er las es auch! Nachdem er es gelesen, küßte er eines Morgens mit herzlicher Rührung sein junges Weib und sagte nur: „Fahre getrost fort!“ Als Henriette nun aber die Möglichkeit einer Herausgabe anzudeuten wagte, verwies er sie freilich lächelnd auf das Horazische Nonumque prematur in annum – aber nur, um die Freude zu haben, nach Verlauf einiger Monate sein Frauchen mit dem gedruckten Buch zu überraschen.[2]

So gerieth unsre Henriette unter die Schriftstellerinnen.

Ob der Roman, der hauptsächlich zuerst sie in Ruf brachte und ihr den Weg zu den Herzen der deutschen Frauenwelt bahnte: „die Perlen“, noch bei Lebzeiten ihres Gatten erschien, ist mir aus ihrer Mittheilung nicht mehr genau erinnerlich. Täuscht mich aber mein Gedächtniß nicht, so ist’s mir, als hätte sie mir erzählt, daß ihr Gatte schon im vierten Jahr ihrer Ehe gestorben sei. Dessen besinne ich mich jedoch bestimmt, daß der ehrenwerthe Pastor Hanke mit seinem Tode sein Weib in keineswegs glänzender Vermögenslage zurückließ.

Nach Ablauf des üblichen Gnadenjahres siedelte die junge Wittwe wieder nach Jauer über. In ihrem Talent und dessen Ausübung suchte und fand sie den Trost für den herben Verlust, den sie erlitten, in ihrem Talent aber auch fand sie nunmehr die Quelle ihres Lebensunterhaltes, jetzt, wo sie alleinstehend, vermögenslos, auf sich selbst und nur auf sich selbst angewiesen war. Wie redlich sie gestrebt, wie fleißig und unermüdlich sie gearbeitet, und wie ihr so seltsam entdecktes Talent sie nicht im Stiche gelassen – ein seltener Erfolg ist Beweis dafür geworden. Die Ausgabe ihrer gesammelten Werke letzter Hand zeigt die stattliche Reihe von einhundertsechsundzwanzig Bänden.

Dankbar gegen den Himmel, der ihr das Talent gegeben, innig und aus voller Seele erkenntlich für das viele Gute, welches ihr Verleger Hahn in Hannover, jener um die deutsche Literatur so hochverdiente Mann, für sie gethan (die Hahn’sche Hofbuchhandlung zahlte der Frau Hanke bis an ihr Lebensende alljährlich eine ausreichende Rente),

  1. Der citirte Ausspruch Angelika Catalani’s lautet verbotenus: „Ihr Genre ist nicht das größeste, aber sie die Größte in ihrem Genre!“ – und die Catalani that ihn, wenn ich nicht sehr irre, im Jahre 1827 – in Berlin im Hause Herz Beer’s (des Vaters Michel’s und Giacomo’s), bei einem Diner, an dessen Tafelrunde außer ihr und der Sontag auch noch Sophie Müller, Alexander von Humboldt, August Wilhelm von Schlegel, Gans, Hegel, Varnhagen, Ludwig Robert und andere mehr und minder berühmte künstlerische und literarische Notabilitäten saßen. Die Catalani, derzeit freilich schon ein wenig „antiquirt“, aber noch immer „groß“, konnte damals, als sie jenen – besonders in der Version, wie ich ihn oben citirt, zum geflügelten Wort gewordenen – Ausspruch über die Sontag abgab, allerdings noch nicht wissen, daß diese, die bis jetzt nur in Opern wie „Italienerin in Algier“, „Cosa rara“, „Schnee“ und anderen desselben leichten Genres die Hörer entzückt hatte, kaum zwei oder vier Jahre später durch ihre Leistungen als „Semiramis“, „Desdemona“, „Donna Anna“ etc. beweisen würde, daß sie auch im größten Genre zu herrschen nicht blos berufen, sondern auch auserwählt sei.
  2. Wir erinnern uns, daß Anfang der vierziger Jahre diese Episode aus dem Leben der Schriftstellerin in anderer Weise dargestellt wurde. Henriette Hanke, zurückgeschreckt von der Antipathie ihres Mannes gegen alles Schriftstellern der Frauen, hatte das Manuscript allerdings heimlich auf dem Vorrathsboden geschrieben, aber nicht dem Gatten, sondern direct einem Verlagsbuchhändler vorgelegt, der dasselbe auch gegen ein sehr geringes Honorar zum Druck übernahm. Das Buch erschien selbstverständlich ohne den Namen der Verfasserin und nur mit der Bezeichuung „von einer Frau“. – Die Frau Pastorin empfing durch dritte Hand ihr Freiexemplar und legte dies unter Zittern und Bangen als das Erstlingsproduct einer Freundin dem gestrengen Gatten mit der Bitte vor, es zu lesen und ihr sein Urtheil darüber zu sagen. Verdrießlich wollte der Pastor das Gesuch ablehnen, aber Henriette bat so dringend und wußte im Interesse ihrer Freundin so viel Gründe aufzuführen, daß der Feind aller Frauenschriftstellerei endlich einwilligte und sich in sein Zimmer zurückzog. Mit welchen Gefühlen und bangen Zweifeln indeß die wahre Verfasserin an ihrem Arbeitstisch saß und auf das Erscheinen des Richters über Leben und Tod ihres ersten literarischen Kindes wartete, kann man sich denken. Endlich erschien er – mit freudestrahlenden Blicken. „Siehst Du, Henriette,“ rief er ihr entgegen, „wenn Du ein Buch wie dieses schreiben könntest, wie Deine Freundin, ich würde Dir mit Vergnügen die Erlaubniß zur Schriftstellerei geben. Das ist eine ganz vortreffliche Erzählung, die ich Dir und allen Frauen dringend anempfehle.“ Da stand die hocherröthende Frau still auf, legte ihren Arm um den Nacken des geliebten Gatten und unter Thränen glücklich lächelnd sagte sie: „Die Freundin heißt Henriette Hanke und ist Dein glückliches Weib.“ Der Gatte soll auch die heimliche Schriftstellerin nicht ausgezankt, aber herzig geküßt haben.
    D. Red.“