Berliner Plaudereien (Die Gartenlaube 1863/29)

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Titel: Berliner Plaudereien
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[464] Berliner Plaudereien. Die Stadt der Intelligenz besitzt natürlich ein Heer von berühmten und unberühmten Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Wie billig gebührt den Damen bei der literarischen Musterung der Vortritt, den sie in der That nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihrer Talente und ihrer großen Fruchtbarkeit verdienen. In dieser Beziehung nimmt unstreitig Frau Professor Mundt, welche unter dem Namen Luise Mühlbach ein Liebling der deutschen Lesewelt war und wohl noch ist, die erste Stelle ein. Die bekannte Schriftstellerin ist am 2. Jan. 1816 in Neu-Brandenburg geboren, wo ihr Vater, der Hofrath Müller, die Stelle eines Oberbürgermeisters bekleidete. Der geistreiche Mann, welcher mit Hegel, Gans, Schleiermacher und Nicolovius vielfach verkehrte, mußte im Jahre 1830 längere Zeit wegen einer schweren Krankheit in Berlin verweilen. Hier empfing die damals vierzehnjährige Tochter, die ihn begleitete, in solcher Umgebung und im Umgang mit diesen Freunden ihres Vaters eine Fülle von geistigen Eindrücken und Anregungen. Noch mehr trug zu ihrer Entwickelung ihre nahe Beziehung zu einem der genialsten Aerzte der Residenz bei, ein Jugendroman, der Herz und Geist des begabten Mädchens in wunderbarer Weise reifte und wie alle Jugendromane endete. ihre Erlebnisse gaben ihr hinlänglichen Stoff zu ihrem ersten literarischen Werke, das im Jahre 1837 erschien. Andere Schöpfungen folgten nach, und zugleich trat sie in brieflichen Verkehr mit ihrem späteren Gatten, dem geistreichen Schriftsteller Dr. Mundt, der durch seine „Madonna“ und seine literarhistorischen Arbeiten das größte Aufsehen erregte. Nachdem Beide längere Zeit sich schriftlich unterhalten und geistig für einander interessirt hatten, entstand in ihnen der naheliegende Wunsch, sich auch persönlich kennen zu lernen. Dies geschah auch in Potsdam, und hier verliebten und verlobten sich die bereits im Geist Verbundenen.

Bald bildete das junge Ehepaar einen literarischen und geselligen Mittelpunkt für die sonst zerstreute Schriftstellerwelt Berlins. Vorzugsweise waren es die jungen Kräfte und die liberalen Elemente der dreißiger Jahre, welche sich um Mundt und seine Gattin sammelten. In ihrem Hause fand man eine Art von Salon und ein frisches Leben und Treiben, das einigermaßen an die Pariser Gesellschaft erinnerte. Hier wurde mit Geist politisirt, die wichtigsten Ereignisse des Tages und der Literatur besprochen, manche witzige und bedeutende Unterhaltung geführt. Zu den einheimischen Freunden kamen interessante Gäste aus allen Weltgegenden: bekannte Männer und liebenswürdige Frauen wie Varnhagen, Gutzkow, Holtei, der damals jugendlich frische Feodor Wehl, die reizende Therese von Bacheracht[WS 1] und manche weltberühmte Künstlerin bildeten einen auserwählten Kreis. Ernst und Scherz wechselten mit einander ab, und nach den tiefsten politischen Gesprächen wurden kleine Lustspiele und Sprüchwörter mit heiterster Laune und Unbefangenheit ausgeführt. Einen Glanzpunkt dieser Soiréen bildete die Darstellung von Tieck’s gestiefeltem Kater und ähnlichen dramatistrten Märchen der romantischen Schule, wobei ein wahrhaft übermüthiger Humor, stets durch weibliche Grazie beherrscht, entwickelt wurde.

Das Jahr 1848 mit seinen welterschütternden Begebenheiten sprengte auch diesen Kreis aus einander; Mundt vertauschte mit seiner Gattin, wenn auch nur auf kurze Zeit, Berlin mit Breslau, wohin er als Professor der Literatur an die dortige Universität berufen wurde. Bald jedoch kehrten Beide nach Berlin und zu ihren alten Frennden zurück, obgleich die politischen und socialen Verhältnisse die Physiognomie der Gesellschaft überhaupt und auch des Mundt’schen Kreises wesentlich verändert und umgestaltet hatten. Beide suchten und fanden jedoch hinlängliche Entschädigung in ihrer sich gegenseitig anregenden und unterstützenden literarischen Thätigkeit und in der Anerkennung, die sie in immer weiterem Umfange fanden. Mit glücklichem Griff bemächtigte sich die phantasievolle Frau der preußischen Geschichte und vor Allem der interessanten Erscheinung des großen Friedrich, wobei sie ihrem Vorbild Alexander Dumas in Benutzung historischer Thatsachen zu romantischen Zwecken mit eben so großem Geschick als Erfolg nacheiferte. Freilich oft auch mit den Fehlern des französischen Schriftstellers, mit seiner Willkür in Bezug auf geschichtliche Wahrheit, mit seiner Leichtfertigkeit und mit seiner Oberflächlichkeit.

Im täglichen Leben macht die berühmte Schriftstellerin den Eindruck einer geistreichen, liebenswürdigen Frau, welcher das Bewußtsein ihrer Stellung eine gewisse Sicherheit giebt. Ihre Unterhaltung ist immer lebhaft und anregend, zuweilen brillant und witzig; ihr Charakter vorherrschend gutmüthig, doch heftig leidenschaftlich und nicht ohne Anwandlung weiblicher Launenhaftigkeit, leicht der Rührung und Erschütterung zugänglich. Ihre Pflichten erfüllt sie nach allen Seiten mit bewunderungswürdiger Ausdauer und Energie; sie besitzt einen seltenen Fleiß, eine staunenswerthe Arbeitskraft, so daß sie täglich, wenn sie nicht durch Krankheit gehindert wird, im Durchschnitt einen Druckbogen schreibt und jährlich 8 bis 12 Romanbände liefert. Dabei vernachlässigt sie keineswegs ihre Familie und ihr Hauswesen; so lange ihr Gatte lebte, war sie ihm eine treue liebevolle Gattin, in seinen Leiden eine hingebende Krankenpflegerin, wie sie ihren Kindern, zwei heranwachsenden Töchtern, stets eine liebevolle Mutter ist. Sie versteht die Wirthschaft und die Küche gründlich, ist geübt in allen weiblichen Künsten und Handarbeiten und malt ganz reizende Blumenstücke auf Porzellan. – In ihrer äußeren Erscheinung entwickelt sie eine gewisse behagliche Fülle, eine epische Breite der untersetzten, kräftigen Gestalt. Ihr Gesicht und besonders Stirn und Auge verrathen Geist und Phantasie, während um die Lippen ein Zug von gewinnender Freundlichkeit und humoristischer Heiterkeit schwebt.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Therese von Bacherach