Daniel Siebenstern

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Heinrich Seidel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Daniel Siebenstern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 279–282
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[279]
Daniel Siebenstern.
Eine wunderliche Geschichte von Heinrich Seidel.

Es war eine echte gerechte Sonnengluth. Wer es mit oder ohne Opfer hatte möglich machen können, war aus Berlin verschwunden und lag an fernen Quellen im kühlen Schatten und pumpte sich den Staub aus Brust und Herzen, oder schluckte fremden Staub und fremde Hitze und bildete sich ein, Sommerfrische zu genießen. Auf jeden Fall aber war er fort aus Berlin – und mein Verhängniß zwang mich zum Bleiben. Man könnte überhaupt viel angenehmer leben, wenn das „Verhängniß“ nicht wäre.

[280] Eines Abends schlenderte ich aufgelösten Geistes die Bellealliancestraße entlang, ohne Willen, ohne Vorsatz und ohne Lebenslust, das beklagenswerthe Opfer widriger Pflichten – da leuchteten mir durch das eiserne Gitter des Kirchhofes grüne Bäume und Sträucher so verlockend entgegen, daß ich kurz entschlossen eintrat, in der Hoffnung, dort ein wenig Kühlung zu finden. Dies schlug allerdings fehl, denn die allmächtige Sonne hatte auch in dem Schatten der Bäume brütende Schwüle verbreitet: allein es zog mich doch an, dieses Gräberfeld zu durchwandern; es entsprach meiner Stimmung und erleichterte meine Seele. Gebrochene Säulen, Kreuze und Steintafeln von allen Arten, dunkle, trübselige Cypressen und rankender Epheu, der alles umspinnt – wer kennt nicht den Charakter eines solchen Ortes! Ich ging umher und las die Inschriften. Welch eine Unsumme von Tugend lag hier, wie überall, begraben!

Mir gingen verschiedene ehrenwerthe Personen durch den Sinn, die auch einmal hierher kommen werden. Und sie, die im Leben der Haß ihrer Nebenmenschen, die Qual ihrer Verwandten waren, an denen nichts vollkommen war als ihre Laster, sie werden hier ruhen als unvergeßliche Väter, als geliebte Mütter, als musterhafte Bürger, und ein Verzeichniß ihrer Tugenden wird vorhanden sein in Stein oder Erz zur Bewunderung nachfolgender Geschlechter. Es ist ein lügenhaftes Geschäft, Grabsteine zu fabriciren.

Die Schwüle des eingeschlossenen Raumes machte mich noch müder, als ich schon war. Ich setzte mich auf eine alte gebrechliche Bank in der Nähe eines mit Epheu umsponnenen Grabhügels und versenkte meine Blicke in dieses dunkelgrüne Kraut des Vergessens.

Es waren wenig Menschen auf dem Kirchhof; in der Ferne saßen einige schwarzgekleidete Frauenzimmer an einem frischen Grabhügel, und die Leute des Kirchhofinspectors begossen geschäftsmäßig die ihrer Sorge anvertrauten Gräber. Das Geräusch der lebendigen Straße drang dumpf zu mir her; in der hohen Luft jagten sich die Thurmschwalben schrillend und schreiend, und wo die schräge Sonne das Gras noch durchglühte, zirpte kleines emsiges Gethier seinen Abendgesang. Es mochte wohl den Anschein haben, als säße ich dort in trübselige Gedanken über die Vergänglichkeit alles Irdischen versunken, allein ich will es nur gestehen: ich dachte an einen kühlen Keller und an Rheinwein in Eis.

In diesem Augenblicke hörte ich eine dünne fadenscheinige Stimme hinter mir sagen: „Sie sind wohl ein Verehrer von Chamisso, mein Herr?“

Ich hatte auf die leisen Schritte, welche sich mir näherten, nicht geachtet, jetzt wendete ich mich und sah einen kleinen, hageren, schwarzen Herrn hinter mir stehen, der den Blick von mir erläuternd auf das epheuberankte Grab wendete und zugleich mit der Spitze seines Stockes darauf hin zeigte. Ein merkwürdiger alter Herr mit einem gelblichen scharfen Antlitz, dem ein Paar ganz unvorbereitete, plötzliche schwarze Augen einen seltsam starren Ausdruck gaben.

„Allerdings, mein Herr,“ antwortete ich, „aber weshalb diese Frage?“

„Nun, das ist er ja,“ sagte der Alte fast unwillig, indem er mit seinem Stocke zweimal hastig auf das Grab hindeutete. Dann drückte er ihn zwischen die Kniee, zog eine goldene Dose hervor und nahm eilfertig mit zitternden Fingern eine Prise. Ich sah, daß dieser Stock als Knopf einen silbernen Todtenkopf trug, und kam auf die seltsame Idee, den Mann für einen Arzt zu halten, der in seinem Garten spazieren geht. Dies sprach ich aber nicht aus, sondern begab mich an das Grab, um es näher zu betrachten. Der Alte folgte mir und schob mit seinem Stock eifrig die Epheuranken fort, die den einfachen Stein überkrochen hatten.

„Dies ist er, und dies ist seine Frau,“ sagte er und deutete auf die beiden Inschriften, „ich habe ihn noch gekannt, das war ein Dichter auch dem Aussehen nach. Es sind hier noch mehr aus der Zeit, z. B. Devrient und Hoffmann. Soll ich Ihnen Hoffmann zeigen?“

Und ohne meine Zustimmung abzuwarten, steuerte er mit der Sicherheit eines Menschen, der sich ganz zu Hause fühlt, quer über den Kirchhof auf kleinen Richtsteigen zwischen den Gräbern, und ich folgte ihm, halb verwundert, halb neugierig, wie dies wohl ablaufen würde. Endlich stand er still und deutete auf eine flache Steintafel, welche aus einer ebenen von der Sonne gedorrten Grasfläche emporragte.

„Sie haben den Hügel einsinken lassen,“ sagte er, „und die Tafel ist schief geworden.“ Dann las er mit einer gewissen Andacht die Inschrift:

E. T. W. Hoffmann

geb. Königsberg den 24. Januar 1776

gest. Berlin den 25 Juni 1822

Kammergerichtsrath.

Ausgezeichnet

im Amte,

als Dichter,

als Tonkünstler,

als Maler.

Von seinen Freunden.“

Hinter jedem Absatze des letzten Theiles dieser Grabschrift machte er eine kleine Pause, um mir mit seinen schwarzen, starren Augen die Wirkung vom Gesichte zu lesen, die eine solche Vielseitigkeit auf mich ausüben müßte.

„Es ist genug für einen Menschen,“ sagte er dann, und sah mich wieder an, meine Bestätigung erwartend.

Nun bin ich zufällig ein Verehrer von Hoffmann und kenne seine sämtlichen Schriften ziemlich genau. Als der Alte dies aus meiner Antwort merkte, schien ich sein Herz gewonnen zu haben, denn es stellte sich heraus, daß Hoffmann sein Lieblingsschriftsteller war, und wir geriethen in ein begeistertes Gespräch, wie es wohl zu entstehen pflegt, wenn zwei fremde Menschen in gleichem Cultus sich begegnen. Merkwürdiger Weise schätzte aber der alte Herr diejenigen Stücke am höchsten, in welchen vom Dichter jedes erlaubte Maß überschritten war, wo er seiner Lust am Grauenhaften und Phantastischen den Zügel hat schießen lassen. Aber darin war er mit mir einig, daß von dem ganzen romantischen Zauberwald, der in jener Zeit wild und üppig emporschoß, sich außer Kleist und einigen kleinen Märchen von Tieck, Fouqué und Brentano nichts so lebenskräftig erwiesen hat, wie die Arbeiten unseres Dichters, ja daß er und Kleist als die beiden bedeutendsten Kräfte der romantischen Schule von damals zu bezeichnen sind. Denn nur das hat Werth, was Dauer hat. Die Gaukelbilder, welche Tieck einst in die Lüfte zauberte, hat der Wind längst verweht und nur noch der Literarhistoriker spürt ihren blassen Schatten nach.

Unter solchen Gesprächen wanderten wir in den Steigen des Kirchhofs und standen endlich still vor einer Grabcapelle, wie sie mannigfach sich an die Umfassungsmauer anlehnen. Es war eine Pause in unserer Unterredung eingetreten, und mir wurde die Absichtlichkeit auffällig, mit welcher der alte Herr gerade vor dieser Capelle Halt gemacht hatte. Zwischen zwei Säulen von dunkelrothem polirtem Granit, welche ein Giebel aus gleichem Stoffe krönte, lag der Eingang, verschlossen von einer schweren kunstreich mit Bronze beschlagenen Thür. Das Ganze machte einen sehr ernsten und feierlichen Eindruck. Der alte Herr grub einen Schlüssel aus seiner Tasche hervor und machte sich mit einer seltsamen hastigen Unruhe daran, diese Thür zu öffnen. Dann, ohne ein Wort zu sagen, drängte er mich förmlich hinein und schloß hinter uns wieder zu. Es war ganz dunkel und kühl, wo wir uns jetzt befanden; ein seltsamer Schauer überlief mich. Der Alte stieß eilig eine Thür vor uns auf, und das eigentliche Innere der Capelle, ein runder Kuppelraum von freundlicher Helle und Heiterkeit, nahm uns auf. Die Beleuchtung kam von oben durch matt geschliffene Scheiben, und die Wände waren aus polirtem Marmor von sanfter und heiterer Farbe hergestellt. Oben lief ein Fries herum aus Glasmosaik, dessen schöne Zeichnung und anmuthige Farbengebung mich sofort anzog. Es war eine Art Todtentanz, jedoch ohne den düsteren Charakter, der diesen Darstellungen sonst eigen zu sein pflegt.

In heiterem buntem Ranken- und Arabeskenwerk trieb allerlei Volk sein Wesen, tanzend, trinkend, lachend, musicirend, in das Studium alter Bücher versenkt oder schaffend in rüstiger Thätigkeit. Alle Beschäftigungen in Genuß und Arbeit waren vertreten und nur bei näherer Betrachtung sah man, daß sämmtliche Früchte und Blumen, in welche die Arabesken ausliefen, aus zierlichen kleinen Todtenköpfen, Stundengläsern, gekreuzten Knochen, Särgen und ähnlichen Emblemen des Todes bestanden, daß diese Dinge überall hineinnickten und rankten in das blühende Leben, daß die [281] Kinder fröhlich nach ihnen langten und die Liebenden sie sich zärtlich darboten. Das ganze Rankenwerk entsprang der Thür gegenüber aus dem grinsenden Munde eines mit Rosen bekränzten Todtenschädels und kehrte dahin auch wieder zurück.

Ich schwieg eine ganze Weile, in die Betrachtung dieses Kunstwerkes versenkt, und der Alte stand zur Seite und beobachtete mich freundlich.

„Ein heiterer freundlicher Raum, anders als alle dieser Art, die ich bis jetzt gesehen,“ sagte ich endlich.

„Nichtwahr,“ antwortete der Alte hastig, „ist es nicht ein anmuthender Gedanke, hier zu ruhen auf ewig im freundlichen Tageslicht oder im stillen Schein des Mondes, statt in den dumpfen moderigen Löchern, oder in finsteren unterdischen Gewölben?“

Mein Blick fiel auf eine goldene Inschrift, die an der Wand angebracht war:

Hier ruht

Daniel Siebenstern

geb. Berlin, den 24. Januar 1807

gest.          den                     ;   

der Tag und Ort des Todes war unausgefüllt.

„Für so alt hätten Sie mich wohl kaum gehalten?“ sagte er dann, „achtundsechszig Jahre. – Das macht das schwarze Haar; es conservirt.“

Mir kam plötzlich die Erleuchtung: dies war des Alten eigene Capelle.

„Sie selbst ...?“ fragte ich verwundert.

„Dies wird einmal meine Wohnung sein, wenn ich nicht mehr bin,“ antwortete er. – Lebhaft fuhr er dann fort: „Alles nach eigenen Angaben, düster von außen, freundlich nach innen. Es ist lange daran gebaut worden, und es war eine heitere Zeit für mich. Es fehlt mir etwas, seit dieses Häuschen fertig ist.“

Die Dämmerung war hereingebrochen. Wir wandten uns wieder zum Gehen. Der Kirchhof war bereits verschlossen, als wir an das Thor kamen; der Alte nahm einen Schlüssel hervor und öffnete die Pforte. „Ich bin hier zu Hause,“ sagte er. Als wir uns trennten, meinte er: „Also über Hoffmann sind wir im Allgemeinen einig? Ich habe alle Ausgaben seiner Bücher von ihm selbst illustrirt, Federzeichnungen und sonstige Seltsamkeiten, auch einige Musikalien; wenn Sie mich einmal besuchen wollen, so will ich Ihnen Alles gerne zeigen.“ Dann beschrieb er mir den Weg zu seinem am Kreuzberg gelegenen Häuschen und verabschiedete sich. – –

Kurze Zeit nachher führte mich ein Geschäft in die Gegend des Kreuzberges. Als ich nach Beendigung desselben noch ein wenig dort umherwanderte, fiel mir ein, daß der alte Herr hier seine Wohnung habe, und als ich meine Augen erhob, fielen sie auf eine alte eiserne Gitterthür, welche ein Messingschild trug mit der Inschrift: Daniel Siebenstern. Die Pforte war in einer Mauer angebracht, welche einen ziemlich verwilderten Garten umschloß, und durch das Gitter sah man hinter dichten Gebüsch ein Haus liegen. Ich zog kurz entschlossen die Glocke. Ein rostiger alter Drahtzug setzte sich nach einer Weile kreischend in Bewegung, und die Thür sprang auf. Ich ging den grasbewachsenen Steig entlang, um das Haus zu erreichen – da trat mir der Alte auf einem Seitenwege entgegen. Er sah mich eine Weile forschend an; plötzlich erkannte er mich und streckte mir die Hand entgegen.

„Ah, mein junger Freund, Sie halten Wort,“ sagte er, „ich glaubte nicht, daß Sie kommen würden. Sie werden nicht viel Schönes bei mir sehen; mein Haus ist alt und verfallen – warum sollte ein alter einsamer Mann eine Wohnung kostbar schmücken, die er so bald verlassen wird? – Mein Garten ist seinem eigenen Willen überlassen, wie Sie sehen.“ Und er bog vorsorglich einen Ast bei Seite, der mir den Weg versperrte.

Ich meinte, es sei eine Erfrischung in Berlin, nach all den wohl gezogenen Paradebeeten und mathematischen Kugelakazien und Pyramidenbäumen einmal ein wenig Natur zu sehen.

„Gewiß,“ meinte er, „aber die Cypresse ist doch ein schöner Baum?“

Ich theilte nun allerdings diese Ansicht nicht, allein er wartete auch meine Antwort gar nicht ab, sondern sprang auf ein anderes Thema über.

Es war ein trüber Sommernachmittag; nachdem wir eine Weile in dem Garten umherspaziert waren, fing es leise an zu tröpfeln, und er lud mich ein, in sein Haus zu treten. Ein alter, häßlicher Rococobau mit seltsam verschnörkelten Fensterkrönungen; allerlei Vasen- und Guirlandenwerk war daran angebracht. Ueber der Eingangsthür hielten zwei sehr aufgeregte Steinengel ein einfaches Wappenschild, welches sieben Sterne zeigte. Der Alte führte mich in sein Studirzimmer. Ein ziemlich großer Raum mit uralten Möbeln, deren eingelegte Arbeit durch das Dunkel der Jahre fast verschwunden war. An den Wänden zogen sich Bretter über Bretter hin, welche mit einer unglaublichen Menge von Gegenständen belastet waren. Ein großes Harmonium, das einen hellen Fensterplatz einnahm, fiel durch sein modernes Aussehen besonders auf. Als ich Platz genommen hatte, ging Herr Siebenstern an einen braunen Schrank und holte eilfertig und mit zitternden Händen eine Krystallflasche mit spanischem Wein und zwei alte venetianische Spitzgläser herbei. Nachdem er eingeschenkt hatte, kehrte er an den Schrank zurück und klapperte und kramte darin eine Weile, immer mit der hastigen Unruhe eines Menschen, der nicht daran gewöhnt ist, Gäste bei sich zu sehen. Er füllte dort einen silbernen Teller mit Smyrnafeigen, arabischen Datteln, Rosinen aus Malaga, eingezuckerten Früchten und echten Nürnberger Lebkuchen und lud mich freundlich dazu ein. Während ich mich mit diesen Dingen, die einen eigenthümlichen Duft der Fremde um sich verbreiteten, beschäftigte, war der ruhelose Alte in ein Nebenzimmer geschlüpft und kam nun mit den früher erwähnten Büchern und Zeichnungen von Hoffmann zurück. Aber auch dabei hatte er nicht lange Ausdauer. Der Regen draußen hatte nachgelassen; die Sonne glitt hinter den Wolken hervor und ließ draußen die regenblanken Blätter in funkelndem Lichte erglänzen, während sie inwendig in den dämmerigsten Ecken des großen Zimmers leuchtende Klarheit verbreitete. Dadurch wurden meine Augen auf den tausendfachen Inhalt der großen Wandbehälter gelenkt. Sie enthielten eine schöne Sammlung in Gräbern gefundener Alterthümer, und Herr Siebenstern war sofort bei der Hand, auf einer kleinen Leiter, so eilfertig, wie es sein Alter erlaubte, auf und nieder zu steigen und mir die besten Stücke vorzuzeigen. Diese Sammlung dehnte sich bis in sein Schlafzimmer aus, in welches er mich jetzt führte. Herr Daniel Siebenstern brachte seine Nächte in Gesellschaft vieler Graburnen, mannigfacher Schädel unserer Vorfahren und einer ägyptischen Mumie zu. Am Kopfende seines Bettes stand ein sauberes, schneeweißes, menschliches Skelet; es trug ein Licht in seiner Knochenhand. Der Alte bemerkte, daß meine Blicke darauf ruhten.

„Ich lese gern des Abends im Bette,“ sagte er, „da ist es sehr angenehm, wenn man die Beleuchtung hinter sich hat.“ Und er schob den Arm, der das Licht hielt, in die richtige Stellung. Es war offenbar, daß ihn durch sein einsames Leben und die lange Gewöhnung der Gedanke, daß dies doch am Ende eine etwas schauerliche Art von Leuchter sei, ganz abhanden gekommen war. Ich machte eine derartige Bemerkung.

„Es ist merkwürdig,“ meinte er, „viele Menschen haben am meisten Furcht vor dem, was todt ist, während doch einzig und allein Gefahr kommen kann von denen, die leben. Was hat der Tod Erschreckendes? ‚In Bereitschaft sein ist Alles‘, sagt Hamlet. Sie wissen, ich bin bereit, ja mehr noch, als sie denken. Kommen Sie!“

Und er stand schon in der Thür und winkte mir, ihm zu folgen. Er schritt vor mir her einen langen dämmerigen Gang hinunter. Am Ende desselben öffnete er eine Thür, daraus glanzvolle Helle hervorbrach, und bat mich einzutreten. Ein sonnniges Blumenzimmer nahm uns auf. Die Wände waren ganz mit Epheu und rankenden Schlinggewächsen überkleidet und ringsum war der Raum erfüllt mit den seltensten und schönsten Pflanzen, die ihre Blätter und schimmernden Kelche mit Behaglichkeit dem Scheine der Sonne darboten. In der Mitte des Raumes war ein Postament, besetzt mit den köstlichsten Blumen; daraus zeigte sich ein kostbarer Sarg, von mächtigen Wachslichtern in schöngearbeiteten Bronzeleuchtern umgeben. Der Alte nahm eine Gießkanne und begoß die Blumen. Während dieses Geschäftes sprach er in Absätzen, wie für sich, kaum als wisse er, daß ich zugegen sei: „Wenn ich sterbe, ist mein Name und Geschlecht ausgelöscht, wie die Funken laufen in einem verbrannten Stück Papier; zuletzt glimmt einer noch eine Weile, und dann [282] ist Alles aus. Von meiner Art, von meinem Wesen geht nichts über auf folgende Geschlechter; mein Blut verrinnt, wie der Quell der Oase versiecht im glühenden Sande der Wüste.“

Er schwieg einen Augenblick. „Es ist ein trauriges Gefühl,“ sagte er dann, „das Ende einer Reihe zu sein. Sie denken, ich hätte mich verheirathen können. Sie denken, daß ich einsam stehe, weil ich es selber so gewollt habe?“ Dabei zog er eine Rose von seltener Schönheit zu sich her und versenkte sich eine Weile in den Duft derselben. Dann ließ er sie zurückschnellen und fuhr fort: „Wenn die Liebe nicht gewesen wäre, verschmähte Liebe! Das hat mir die Seele verbittert und das hat mir den Muth genommen, bis es zu spät war. Und nun ist es vorbei und auf ewig dahin. Heirathen Sie, heirathen Sie, junger Mann, sobald Sie es vermögen, damit Ihr Blut nicht hinweggelöscht wird von dieser Erde! Dann werden Sie noch leben und wirken, wenn Alles, was von mir als Rest blieb mit jenem bunten Häuschen von Stein, das Sie kürzlich sahen, längst vertilgt ist und vernichtet.“

Ich vermochte nichts zu antworten – was sollte ich auch sagen? Er schien auch keine Antwort zu erwarten, sondern verrichtete seine Arbeit schweigend und ohne mich anzusehen.

Wir kehrten in das Studirzimmer zurück, und nach einer kleinen Weile verabschiedete ich mich. Als ich das kleine Gartenthor geschlossen hatte, tönten aus dem Hause die eindringlichen Klänge des Harmoniums zu mir her. Ich stand noch eine Weile und lauschte. Es war die Weise des alten Chorals: „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.“




Ich habe Daniel Siebenstern nicht wieder gesehen. Bald nach diesen Besuche verließ ich Berlin, und als ich bei meiner Rückkehr den Alten wieder aufsuchen wollte, war er gestorben.

Von seiner alten Haushälterin erfuhr ich die näheren Umstände seines Todes. Er war in eine schwere Fieberkrankheit gefallen, und die Alte hatte sich einen Krankenwärter zur Hülfe genommen. In der Nacht des Todes war nach einem starken Anfalle eine Ruhepause eingetreten und der Wärter war eingeschlafen. Als er plötzlich in jähem Schrecke aufwachte, war das Bett leer und der Kranke fort. Den Mann überfiel die Angst; er suchte und fand, daß die Thür nach dem Gange zu offen war. Er blickte hinaus und sah am Ende des Ganges einen hellen Lichtschein. Da er sich fürchtete, weckte er die Wirthschafterin, und sie gingen Beide in das Blumenzimmer. Dort brannten alle Lichter, und Herr Daniel Siebenstern lag in seinem Sarge und war todt.

Er hatte seiner Wirthschafterin ein Legat ausgesetzt, und sein ganzes Vermögen für eine Stiftung zur Ausstattung armer Brautpaare bestimmt.

Im Winter war er gestorben; es war Frühling, als ich dies erfuhr. An einem der nächsten Tage ließ ich mir die Capelle aufschließen und stattete dem Alten den letzten Besuch ab. Jetzt war der Tag des Todes ausgefüllt:

„Gestorben Berlin den 15. Januar 1876.“

Er hatte genaue Bestimmungen über sein Begräbniß getroffen. Seine Leiche war einbalsamirt worden. Blumen sollten nicht auf seinen Sarg gelegt werden, weil das die Luft dumpfig macht. Ich stand eine ganze Weile in dem stillen friedlichen Raume. Es war dort nichts als das große ewige Schweigen und das Licht der freundlichen Sonne. Von draußen kamen einzelne ferne Töne von spielenden Kindern, und auf einem Baumaste, der sich über die Kuppel hinstreckte, sang unermüdlich eine kleine Grasmücke.

So wird er nun liegen, wie er es sich gewünscht, im Scheine der Sonne oder im Lichte des Mondes einsam und friedlich, bis der große Sturmwind kommt, der auch ihn und sein kleines Haus hinwegkehrt.