David und Salomo/17. Vortrag

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David und Salomo
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XVII.
1. Chron. 29, 1–8; 9–10; 11–21.


1.
 David hat in seinem Leben so viele Kriege geführt und so viele mächtige Werke vollbracht; wir lesen aber in keinem| solchen Fall, daß er die Obersten, Kriegsleute und Gewaltigen seines Reichs zusammengerufen habe. In allen andern Dingen genügt sein königlicher Befehl; allenfalls berieth er da mit seinen Nächsten, aber seine Stimme gab den Ausschlag. Aber damals als es sich darum handelte, die Lade nach Zion heraufzubringen, da mußte ganz Israel sich versammeln, da sahen wir den König werben um die Zustimmung seines Volks. Der König weiß wohl was er thun will, er will nicht erst durch Debatten ermitteln was geschehen soll; – denn damit kommt das Gute und Rechte in die Gewalt der Menschen, ihres Unverstands und ihrer Leidenschaft; – aber die Seelen will er gewinnen und die Herzen für seinen Plan stimmen und einmüthig machen zu dem, was sein Gott ihm in’s Herz gegeben.
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 Gerade so thut er hier, wo es sich auch um ein geistlich Werk handelt. Denn nicht Salomos Vorstellung, sondern der Tempelbau ist die Hauptsache, um die es sich hier handelt. Da ruft er denn – nicht die Priester, sondern diejenigen die wir nach heutigem Sprachgebrauch „Weltliche“ heißen würden – die Obersten, die Beamten, die Kriegsleute zusammen, damit sie sammt dem ganzen Volk einig werden mit ihrem König. Ihren Rath braucht er nicht; Gott selbst hat ihm alles gezeigt, sein kundiger Geist ist in der Schule des HErrn einsichtsvoll geworden; er braucht auch kaum ihre That, denn seine und seines Sohnes Stiftung reicht fast zum ganzen Werk. Aber es liegt ihm am freien Willen der Unterthanen, allein gehen will er nicht; wo er vorangeht als Prophet und König, will er getragen sein von der einmüthigen Zustimmung und den Gebeten seines Volks. Obgleich er selbst zum Bau das Meiste thut und gibt, will er doch das Ganze gelten lassen als ein Werk, das aus der Mitte des Volkes selber kommt. Er ermuntert sie zur Eintracht, sie| sollen mit einander vorgehen und den jungen König unterstützen. Das ist auch ein Reichstag und eine Thronrede, aber was für eine! Da steht der alte König frei auf seinen Füßen und redet zu allem Volk, und an seiner Rede ist nichts von Schwachheit zu finden, er blüht jugendlich auf in seinem hohen Alter, der Leib ist alt, aber der Geist ist jung und kräftig. Er steht da in aller Herrlichkeit wie eine untergehende Sonne, die ihre Strahlen über das ganze Land ergießt. Was für ein Landtag! Da bettelt man nicht um Stimmenmehrheit, da müßen alle Gemüther einig werden zu dem göttlichen Werk und stimmt auch alles Volk dem großen König bei und ist noch einmal fröhlich im Schein seiner untergehenden Sonne, die freilich auch ihre Flecken hat, aber nun noch einmal leuchtet in voller Abendpracht, ehe sie untergeht ins Meer der Ewigkeit und der ewigen Freude.


2.
 Wenn der alte König seinem Sohn Salomo sein großes Reich und Werk einfach hinterlassen hätte ohne alles Mahnen, könnte man ihn tadeln? Ist Salomo nicht Nathans Liebling, der ihn für Gott erzogen hat, ja ist er nicht auch Gottes Liebling? Warum wäre er sonst Jedidja geheißen? Wer ist gediehen wie Salomo? Und nicht blos wohlgerathen, sondern auch reif ist Salomo. Er ist ein Weiser, bewandert in allen Zweigen göttlichen und menschlichen Wissens, ein rechter Sohn Davids und Zögling des Propheten Nathan. David hätte ihn als reif behandeln und die väterlichen Ermahnungen sparen können. Aber er thut’s nicht. Man merkt zwar, welche Freude es dem Vater ist, daß der Sohn so gerathen ist, aber er weiß auch, daß mit der Jugend noch nicht alles gewonnen und das Ziel des ewigen Lebens noch nicht erreicht ist. Es kann einer die Jugend glücklich hinter sich gebracht| haben und den Versuchungen des Mannes unterliegen. Wo ist es gerathen von einem Menschen zu sagen: Der bedarf keiner Ermahnungen mehr? Darum vermahnt David seinen Sohn; er vermahnt ihn allein, wenn er vor ihm steht als Vater, er vermahnt ihn aber auch vor dem ganzen Volk mit aller Kraft und Liebe und zwar so, daß er ihm in die Tiefen der Seele greift. „Erkenne den Gott deines Vaters und diene Ihm mit ganzem Herzen und mit williger Seele.“ Man muß dem HErrn dienen nicht mit zwiegespaltnem Willen, sondern von ganzem Herzen, mit allen Kräften nach Einem Ziele streben und allewege nach Seinem Sinn fragen. Wenn ein Sohn begabt und gerathen ist wie Salomo, kann man ihm etwas Schöneres sagen? Dazu begründet David seine Ermahnung trefflich. Er sagt: „Der HErr erforscht alle Herzen und verstehet aller Gedanken Dichten.“ Es ist also nicht zu spaßen; getheiltes Herz darf vor Dem nicht sein, den keine Heuchelei täuscht, vor dem das Innere des Menschen ist wie ein aufgeschlagen Buch. Es ist das die Lehre eines Vaters, der seinen Sohn tief gründen will in der Erkenntniß, daß alles Thun des Menschen nur dann einen Werth hat und wohlgeräth, wenn es aus einem aufrichtigen, Gott ganz ergebenem Herzen kommt. „Wirst du Ihn suchen – sagt er – so wirst du Ihn finden, wirst du Ihn aber verlassen, so wird ER dich verwerfen ewiglich.“ Ernste Worte für Salomo! Der alte König hat tiefe Blicke in das Herz seines Sohnes gethan; er weiß was von des Menschen Willen abhängt. Verdienen und erringen kann der Mensch mit seinem Willen den Himmel nicht, aber verlieren kann er durch seinen Willen sein Heil und seiner Seelen Seligkeit. Was der alte König da seinem Sohne sagt, ist eine Weisung für uns alle, die wir keine Salomos, sondern arme Würmer sind, eine Weisung, daß auch wir, wenn wir| das Ziel einer ewigen Herrlichkeit erreichen wollen, von innen heraus anders werden müßen, und daß im Reich Gottes nur Gelingen haben kann was von Herzen geht. Ist das nicht der Fall, dann wird der HErr in deinen Händen alles zerbrechen, was du dir vorgenommen hast. Am Herzen baut sich alles, am Herzen zerbricht alles, und das Geheimniß von dem was ein Mensch in seinem Leben erfährt, ist was er in seinem Herzen trägt. Frage nach deinem Innern, prüfe deinen Zustand, thue Buße, bekehre dich zum HErrn und dann geh hin und baue Gottes Haus und Reich: dann wird der HErr mit dir sein und man wird’s an deinem Gelingen merken, daß du ein Gesegneter des HErrn bist.


3.
 Schöner und herrlicher als Davids äußeres Leben sind seine Psalmen. So hat kein Mensch sein Herz vor Gott und Menschen kund gethan wie David in seinen Psalmen. In einem derselben sagt er einmal: Du lässest mich wissen die heimliche Weisheit (Ps. 51, 8). Daran kann man denken bei der heutigen Lection. Das Verständniß der ganzen Bildnerei und Schilderei des alttestamentlichen Gottesdienstes ist auch ein Stück der heimlichen Weisheit, die Gott David gelehrt hat. Er hat ihm die ewigen Dinge gezeigt in zeitlichen Bildern. „Alles – sagt er zu seinem Sohn Salomo – ist mir beschrieben gegeben von der Hand des HErrn.“ David hat alles bereitet zum Tempelbau, die Risse und Pläne zum Ganzen und zu den einzelnen Theilen entworfen, aber er hat sich das nicht alles selber ausgedacht; sein Trost ist, daß ihm alles gegeben und durch Gesichte von Gott gezeigt ist. Es ist ihm das Haus gezeigt worden, wie lang und groß es werden soll, die Kammern, die Hallen, die Höfe ringsumher, jeder einzelne Theil des gewaltigen Baus;| wie die Cherubim über der Lade gestaltet sein sollen etc., und er gibt nun Salomo eine Zeichnung, nach der er alles herstellen lassen kann. Ja bis ins einzelnste gibt er seinem Sohn Gewicht, Form und Zahl aller Geräthe an. Das muß doch einen Sinn und Zweck haben. Was läge Gott an den Lichtschneuzen und Kreueln etc., wenn nicht alles auf etwas Ewiges deutete? Es kann nur abgeschattet sein in Gold, Silber, Seide etc., was der Himmel in verklärter Realität hat. Nicht dort, sondern hier ist das Bild; was wir hier sehen, ist nur eine geringe Andeutung von dem was droben ist. Der alte König, dem so die heimliche Gottesweisheit gezeigt und damit ein Blick in die Ewigkeit geschenkt ist, der kann freilich getrost in den Tod gehen als „von einer Kammer in die andre,“ und ruhig schlafen, bis Der kommt, der ihn auferweckt, und die Zeit anbricht, da ihm das Auge aufgeht für die Herrlichkeit, die er hier im Abbilde geschaut. Er kann auch seinen Sohn ermuntern und stärken, der es bedarf; denn je mehr Salomo die Größe des Werks erkennt, desto mehr zittert er vor der Aufgabe, die seiner wartet. Darum weist ihn David auf die Priester und Leviten hin (V. 21), die „willig und weise sind zu allem Geschäfte,“ so daß sie seinem Sohn beistehen können zum heiligen Werk; ja er weist ihn auf die Willigkeit der Obersten und des ganzen Volkes hin. Die Lection kehrt an ihrem Ende wieder in ihren Anfang zurück. Der König hat damit angefangen, daß er den Willen seiner Unterthanen wirbt zum Werk seines Sohnes; dann bewegt er den Willen seines Sohnes, daß er den Willen Gottes vollbringe, und am Ende weist er ihn hin auf die Willigkeit der Priester und des ganzen Volks, die bereit sind ihn zu unterstützen.
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 Da ist für uns alle viel zu lernen. Nicht jeder soll seinen Willen haben wollen, sondern Ein Wille soll die| ganze Schaar beherrschen, daß sie einmüthig sei zum guten Werk. Daß ihr einen Willen habt, sieht man alle Tage; aber daß jeder seinem Willen folgt, sieht man auch. Jeder verwechselt eignen Willen mit eigner Weisheit und meint, wenn es nach seinem Sinn geht, sei es am besten getroffen. Lernt aus dieser Lection Eintracht des Willens, daß der HErr euch nicht auseinander werfe in den Staub.
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