Debarim Rabba/Parasche 6

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Inhalt Parasche 6

Abschnitt 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Auslegung von Dtn 22,6 - 24,9

Dazwischen Halachot: Halacha 18 - Halacha 19

[75]
.סדר כי תצא
Parascha VI.
[1] Cap. XXII. V. 6. So du ein Vogelnest triffst auf dem Wege.
Halacha. Darf ein Kind, welches beschnitten geboren worden[76] ist, (am Sabbath) beschnitten werden? Die Weisen haben so gelehrt: Bei einem Kinde, welches beschnitten geboren worden ist, muss wenigstens ein Tropfen Bundesblut wegen des Bundes mit Abraham fliessen. Woher kannst du das lernen? Aus der Thora, wie es heisst Gen. 17, 13: „Beschnitten werde der Hausgeborne und der mit Geld Erkaufte.“ Oder: Mit המול ימול (d. i. weil das Wort zweimal steht) sind zwei Beschneidungen gemeint, nämlich Beschneidung und Reissen. R. Levi sagte: Weil es heisst המול ימול, so folgt daraus, dass der Beschneidende selbst beschnitten sein muss. R. Judan ben Pasi sagte: Was steht bei Zippora, Moses Weib? Damals sprach sie Blutbräutigam der Beschneidungen halber (Ex. 4, 26). Es heisst nicht למילה, sondern למילות, was zwei Beschneidungen andeuten soll, nämlich einerseits das Beschneiden und andererseits das Reissen. Und warum wird das Kind erst am achten Tage beschnitten? Weil Gott Erbarmen mit ihm hat, um mit ihm zu warten, bis es Kraft habe. Aber Gott erbarmt sich nicht nur des Menschen, sondern auch des Viehes. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Lev. 22, 27: „Vom achten Tage an und weiterhin ist es wohlgefällig zur Opfergabe.“ Und nicht nur das, sondern Gott hat gesagt das. V. 28: „Es selbst (das Alte) und sein Junges sollt ihr nicht an einem Tage schlachten.“ Und diese göttliche Barmherzigkeit erstreckt sich nicht nur über die Thiere, sondern auch über die Vögel. Woher lässt sich das beweisen? Weil es hier heisst: „So du ein Vogelnest triffst auf dem Wege.“ [2] Das steht auch geschrieben Prov. 5, 6: „Dass du den Lebenspfad nicht abwägest, ihre Pfade führen dich ab, ohne dass du es merkst.“ Was heisst das: „Dass du den Lebenspfad nicht abwägest?“ R. Abin bar Kahana sagte: Gott sprach: Du sollst nicht dasitzen und die Gebote der Thora abwägen, wie es heisst Jes. 40, 12: „Wäget mit der Wage Berge.“ Du sollst nicht sagen: Weil auf diese Vorschrift ein grösserer Lohn gesetzt ist, so will ich diese thun und da auf jene Vorschrift ein geringer Lohn gesetzt ist, so will ich sie nicht thun. Was hat Gott gethan? Er hat darum den Menschen nicht den Lohn eines jeden Gebotes offenbart, damit sie alle in frommer Unschuld geübt werden sollen. Woher lässt sich das beweisen? Weil es heisst Prov. 5, 6: „ihre Pfade führen dich ab, ohne dass du es merkst.“ Womit ist das zu vergleichen? Mit einem Könige, welcher Arbeiter miethete und sie in seinen Lustgarten führte, ohne ihnen zu offenbaren, was der Lohn des Gartens sein werde, damit Sie nicht dasjenige (diejenige Arbeit), was einen geringeren Lohn gewähre, bei Seite lassen und gehen und das arbeiten sollten, was einen grösseren Lohn in Aussicht stelle. Am Abend rief er einen jeden (Arbeiter) vor sich und fragte ihn: Unter welchem Baum warst du beschäftigt? Er antwortete: Unter diesem Baum. Der König sprach: Das ist ein Pfefferbaum, da erhältst du (eig. sein Lohn ist) ein Goldstück. Dann rief er einen andern und sprach zu ihm: Unter welchem Baum warst du beschäftigt? Er antwortete: Unter[77] jenem. Der König sprach: Das ist ein Kaperbaum, du bekommst (sein Lohn ist) ein halbes Goldstück. Da rief er einen dritten und sprach zu ihm: Unter welchem Baum hast du gearbeitet? Er antwortete: Unter jenem. Der König sprach: Das ist ein Olivenbaum, da bekommst du (sein Lohn ist) 200 Sus. Er antwortete: Warum hast du uns nicht den Baum wissen lassen, dessen Lohn so gross ist, damit wir unter ihm gearbeitet hätten? Wenn ich das gethan hätte, gab der König zur Antwort, was wäre dann aus meinem ganzen Garten geworden? Ebenso hat Gott den Lohn bei den Vorschriften nicht offenbart, nur bei zweien hat er es gethan, bei der wichtigsten (eig. bei der schweren unter den schweren) und bei der leichtesten (eig. bei der leichten unter den leichten). Die wichtigste (eig. die schwere unter den schweren) ist: Die Ehre gegen Vater und Mutter und der Lohn ist langes Leben, wie es heisst Ex. 20, 12: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebest“ und die leichteste (eig. die leichte unter den leichten) ist das Verhalten gegen ein Vogelnest (שׁילוח הקן) und was ist der Lohn davon? Langes Leben, wie es heisst Deut. 22, 7: „Du sollst die Mutter fliegen lassen“ u. s. w. Das wollen die Worte sagen: „Wenn du ein Vogelnest triffst auf dem Wege.“ [3] Das steht auch geschrieben Prov. 1, 9: „Ein anmuthiger Kranz sind sie für dein Haupt.“ Die Rabbinen (nicht לראשׁך, sondern לראשיותך lesend) sagen: Die Worte der Thora sind Anmuth für dein Greisenalter. Wie so? Zu dem unterrichteten Menschen (אדם בן תורה), wenn er alt wird, kommen alle und umgeben ihn und fragen ihn nach den Worten des Gesetzes. Oder was heisst: כי לוית תן? R. Pinchas bar Chama sagte: Ueberall wohin du gehst, begleite (מלוות) dich das Bewusstsein erfüllter Pflichten. Hast du ein neues Haus gebaut, so mache ein Geländer um dein Dach; hast du dir eine Thür daran gemacht, so begleite dich die Vorschrift, wie es heisst Deut. 6, 9: „Und schreibe sie an die Pfosten deines Hauses;“ hast du neue Kleider angezogen, so begleite dich die Vorschrift, wie es heisst das. 22, 11: „Du sollst nicht zweierlei Zeug anziehen;“ hast du dir das Haar scheeren lassen, so begleite dich die Vorschrift Lev. 19, 27: „Ihr sollt die Ecken eures Hauptes nicht rund abschneiden;“ hast du ein Feld und du gehst aus, es zu pflügen, so begleite dich die Vorschrift Deut. 22, 10: „Du sollst nicht pflügen mit Ochs und Esel zugleich;“ säest du, so begleite dich die Vorschrift das. V. 9: „Du sollst deinen Weinberg nicht mit Gemischtem (zweierlei Samen) besäen;“ erntest du, so begleite dich die Vorschrift das. 24, 19: „So du deine Ernte erntest auf deinem Felde, und vergissest eine Garbe auf dem Felde, so sollst du nicht umkehren, sie zu holen.“ Gott sprach: Selbst wenn du damit nicht beschäftigt wärest, sondern du wandelst auf dem Wege, so begleiten dich die Vorschriften. Woher lässt sich das beweisen? Weil es heisst: „So du ein Vogelnest auf dem Wege antriffst.“ [4] Oder Ben Asai sagt: Ein gutes Werk führt das andere mit sich und ebenso führt auch eine Uebertretung (Sünde)[78] eine Uebertretung mit sich.[1] Wie so? Oben heisst es c. XXI, 10ff.: „Wenn du in den Krieg ausziehst u. s. w. und siehst unter den Gefangenen ein Weib von schöner Gestalt, und hast Lust zu ihr und nimmst sie dir zum Weibe,“ da spricht Gott: Obgleich ich sie dir gestattet und dir befohlen habe: „und sie scheere ihr Haupt und beschneide ihre Nägel,“ damit sie nicht Gunst finde in deinen Augen und du sie entlässest. Thust du aber nicht so, was steht hernach geschrieben? V. 18: „So jemand einen unbändigen und widerspenstigen Sohn hat“ u. s. w. V. 22: „So auf jemand eine Sünde ist, des Todes würdig“ u. s. w. Da siehst du, dass eine Uebertretung die andere nach sich zieht. Aber auch ein gutes Werk führt das andere mit sich. Woher lässt sich das beweisen? Zuerst heisst es das. 22, 6: „So du ein Vogelnest triffst auf dem Wege“ u. s. w., dann heisst es V. 8: „So du ein neues Haus bauest, so mache ein Geländer um dein Dach“ u. s. w., ferner heisst es V. 9: „Du sollst deinen Weinberg nicht besäen mit Gemischtem (mit zweierlei Samen)“ u. s. w., ferner V. 10: „Du sollst nicht pflügen mit Ochs und Esel zusammen,“ endlich V. 12: „Quasten sollst du dir machen an den vier Enden deines Oberkleides.“ Da hast du ein Beispiel, wie ein gutes Werk das andere mit sich bringt.

[5] Oder: „So sollst du die Mutter fliegen lassen.“ R. Eleasar sagt: Das brauchte gar nicht gesagt (geboten) zu sein, allein Gott sprach: Weil es sich hier um die Verherrlichung der Welt und ihre Ordnung handelt, dass sie erhalten bleibe (so wirke du mit). Oder R. Chija sagt: Wenn schon für einen Vogel, der weder ein Verdienst der Väter, noch Bündnisse und Schwüre aufzuweisen hat, seine Jungen ihm als Sühne dienen, um wieviel mehr wird den Kindern (Nachkommen) Abrahams, Jizchaks und Jacobs das Verdienst der Väter, wenn einer von ihnen sich vergangen hat, einst zur Sühne gereichen.

[6] Oder: „So sollst du die Mutter fliegen lassen.“ R. Berachja sagt: Es giebt einen Dämon, welcher wie ein Pfeil schiesst und wie ein Vogel fliegt. Woher lässt sich das beweisen? Weil es heisst Ps. 91, 5: „Dass du dich nicht fürchtest vor dem Schrecken der Nacht und vor dem Pfeil, der des Tages flieget.“ Gott sprach: Wenn du die Vorschrift in Betreff des Vogelnestes gehalten hast, so rette ich dich von ihnen (diesen Arten von Gefahren).

Oder die eine Vorschrift verheisst als Lohn Reichthum, eine andere verheisst als Lohn Ehre, was ist denn aber der Lohn dieser Vorschrift? Wenn du keine Kinder hast, dass ich dir Kinder gebe, wie es heisst: „So sollst du die Mutter fliegen lassen,“ und welchen Lohn wirst du haben? Du wirst Kinder erhalten (nehmen). [7] Oder: „So sollst du die Mutter fliegen lassen.“ Die Rabbinen sagen: Warum steht zweimal das Wort שלח‎? Wenn dir die Vorschrift zum zweitenmale begegnet, so sollst du nicht sprechen: Ich habe[79] schon meine Schuldigkeit gethan, sondern so oft sie dir entgegentritt, musst du sie halten (ihr nachkommen). Oder: „So sollst du die Mutter fliegen lassen.“ Die Rabbinen sagen: Wenn du diese Vorschrift betreffs des Vogelnestes befolgt hast, so wirst du auch so glücklich sein, den hebräischen Knecht zu entlassen (d. i. seine Freiheit ihm wiederzugeben). Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Deut. 15. 13: „So du ihn frei lässen von dir, so sollst du ihn nicht leer entlassen.“

Oder: Was heisst das: „So sollst du die Mutter fliegen lassen“ (d. i. warum steht das Wort שלח‎ zweimal)? (Um anzudeuten,) wenn du diese Vorschrift ausgeübt hast, so beschleunigst du dadurch die Ankunft des Königs Messias, von dem auch das Wort שילוח geschrieben steht. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Jes. 32, 20: „Die ihr Rind und Esel frei lasset.“

Oder R. Tanchuma sagte: Wenn du diese Vorschrift hältst, so beschleunigst du die Ankunft des Propheten Elia, dessen Andenken zum Guten sei, von dem es heisst Mal. 3, 23: „Siehe, ich sende euch den Propheten Elia.“ Er wird kommen und euch trösten? Woher lässt sich das beweisen? Es heisst das. V. 24: „Er wendet das Herz der Väter zu den Kindern.“

[8] Cap. XXIV. V. 9. Gedenke, was der Ewige, dein Gott, an Mirjam gethan!

Halacha. Darf derjenige, der mit einem Aussatzmaal behaftet und der Priester ein Verwandter von ihm ist, sich von diesem besichtigen lassen? Die Weisen haben so gelehrt: Alle Aussatzmaale (Sünden) kann der Mensch sehen, nur nicht die Seinigen. R. Meïr sagt: Auch nicht die Aussatzmaale seiner Verwandten. Weshalb kommen solche Uebel? In Folge von Missgunst (eig. des bösen Auges). R. Jizchak sagt: Gewöhnlich, wenn ein Mensch zum andern sagt: Borge mir deine Axt, dass ich diesen Baum damit fälle, dieser aber antwortet ihm: Ich habe keine Axt, und zwar nur aus Missgunst, er aber sagt dann: Bei deinem Leben! borge mir dein Si?? und er hat eins, er spricht aber: Ich habe keins, aus Missgunst, so kommt dann zuerst der Aussatz über sein Haus. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Lev. 14, 37: „Und er besiehet das Aussatzmaal und siehe, es ist ein Aussatzmaal an den Wänden.“ Was thut man mit ihm? Alles, was im Innern seines Hauses ist, muss geräumt werden, wie es heisst das. V. 36: „Der Priester gebiete, dass man das Haus räume.“ Wenn er nun alles, was im Innern seines Hauses ist, herausbringt, seine Aexte und seine Siebe, so sprechen dann die Leute: Seht ihr die Missgunst (des Menschen), sie hat die Sachen gehabt und wollte sie nur nicht verleihen! Was ist nun Schuld an der Räumung des Hauses? Seine Missgunst.

Oder R. Chanina sagte: Alle Aussatzmaale kommen nur in Folge der Verleumdung. Die Rabbinen sagen: Du kannst es auch[80] daran erkennen, dass alle Aussatzmaale nur in Folge der Verleumdung kommen, siehe, Mirjam, die Fromme, weil sie übel über Mose, ihren Bruder, gesprochen hatte zog sie sich den Aussatz zu. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Deut. 24, 9: „Gedenke, was der Ewige, dein Gott, an Mirjam gethan.“ [9] Das sagt auch die Schrift Ps. 50, 20: „Du sitzest und redest gegen deinen Bruder, an deiner Mutter Soha (בבן אמך) deckst du Makel auf.“ R. Jochanan sagte: Wenn du deine Zunge gewöhnt hast, über deinen Bruder, wenn er auch nicht deiner Nation angehört, (übel) zu sprechen, so wirst du zuletzt auch an einem, der deiner Nation (בבן אומתך) angehört, Makel aufdecken.[2] R. Jehuda ben Levi sagte: Wenn du deine Zunge gewöhnt hast, über deinen Bruder, weil er von deinem Vater, aber nicht von deiner Mutter stammt, übel zu sprechen, so wirst du schliesslich auch an dem Sohne von deiner Mutter Makel aufdecken, denn jeder, der sich erfrecht (eig. sein Herz erhebt) über einen, der grösser als er ist, übel zu sprechen, bewirkt, dass ihn Aussatzmaale treffen. Wenn du das nicht glaubst, siehe, es dient die fromme Mirjam als Zeichen (warnendes Beispiel) für alle Verleumder. Das wollen die Worte sagen: „Gedenke, was der Ewige, dein Gott, an der Mirjam gethan hat.“ [10] Das sagt auch Koh. 5, 5: „Gestatte deinem Mund nicht, dass er dein Fleisch in Sünde bringe.“ Dieser Vers redet nach den Rabbinen von den Verleumdern. Wie so? „Gestatte deinem Munde nicht.“ Was heisst כן? Sobald der Mund verleumdet, so sündigt er gegen den Körper und zieht ihm zu, dass er geschlagen (bestraft) wird. Das wollen die Worte sagen: „Er bringt dein Fleisch in Sünde,“ denn der Mund versündigt sich am Fleische. Was heisst das: „Und sprich nicht vor dem Engel: es war ein Irrthum“ d. i. damit du nicht sagst: Siehe, ich verleumde, es weiss es ja niemand, da spricht Gott zu ihm: Wisse, dass ich einen Engel sende, der bei dir steht und alles aufschreibt, was du über deinen Nächsten sprichst. Woher lässt sich das beweisen? Aus Koh. 10, 20: „Auch in Gedanken fluche dem Könige nicht; auch in deinem Schlafgemach fluche dem Reichen nicht.“ Warum? „Denn der Vogel des Himmels trägt die Stimme fort.“ Was heisst das: „Und der Geflügelte verkündet das Wort?“ Das sind die Engel, von denen es heisst Jes. 6, 2: „Seraphe standen um ihn her, je sechs Flügel hatte einer.“ Koh. 5, 5: „Warum soll Gott über deine Stimme zürnen?“ d. i. über die Stimme, welche aus deinem Munde hervorgeht, „und verderben deiner Hände Werk?“ nämlich dass er jenen Mann mit Aussatzmaalen schlage. Und wenn du es nicht glaubst, siehe, Mirjam wurde, weil sie Mose, ihren Bruder, verleumdet hatte, geschlagen. Das wollen die Worte sagen: „Gedenke, was der Ewige, dein Gott, an Mirjam gethan,“ Er hat sie[81] deswegen also geschlagen (bestraft). [11] R. Jizchak sagte: Womit ist das zu vergleichen? Mit einer Otter, die am Scheidewege lag und die Vorübergehenden und Kommenden biss. Da kam der Wächter und setzte sich ihr gegenüber (um die Vorübergehenden zu warnen). Ein Schlangenbeschwörer (החבר) sah sie und sprach: Pflegt denn die Otter nicht zu beissen? Ich wundere mich darüber, dass er sich ihr anschliesst (naht). So sprach auch Mose, als Mirjam so übel gegen ihn geredet hatte: Ist denn diese Redseligkeit die Art und Weise der Weiber? Warum hat nicht auch der fromme Aaron sich so gegen mich ausgelassen? Mose sprach Num. 12, 1: „Redet Mirjam nur übel, vielleicht auch Aaron?“ Als Mose erfuhr, dass auch Aaron übel gegen ihn gesprochen hatte, fing er an zu rufen Ps. 41, 10; „Auch der Mann meines Friedens, auf den ich traute, der mein Brod isst, hebt gegen mich die Ferse.“ Was heisst: אישׁ שלומי der Mann meines Friedens? Das ist Aaron, der den Beruf hatte, Frieden über mich auszusprechen, wie es heisst Num. 6, 26: „er gebe dir Frieden.“ „Auf den ich vertraute“ d. i. in der Stunde, als er dem Todesengel wehrte, wie es heisst Num. 16, 50: „Und Aaron kam wieder zu Mose an die Thüre des Versammlungszeltes und der Plage ward gewehret.“ „Der mein Brot isst“ d. i. welcher die 24 Priestergaben von den Israeliten geniesst; und nach all diesem Vorzug hebt er wieder mich die Ferse, wie es heisst Num. 12, 1: „Und Mirjam und Aaron redeten wider Mose.“ R. Levi sagte: Vier Eigenschaften (Untugenden) giebt es an den Weibern, sie sind genusssüchtig, aufhorchend (klatschsüchtig), eifersüchtig und träge.[3] Sie sind genusssüchtig. Von wem lässt sich das beweisen? Von Eva, wie es heisst Gen. 3, 6: „Das Weib sah, dass der Baum gut zu essen war,“ aufhorchend (klatschsüchtig), wie es heisst das. 18, 10: „Sara horchte an der Thür des Zeltes,“ weil sie auf den Engel gehorcht hatte, eifersüchtig, wie es heisst das. 30, 1: „Rahel war eifersüchtig auf ihre Schwester,“ und träge, wie es heisst das. 18, 6: „Eilend hole drei Mass Semmelmehl.“ Die Rabbinen zählen noch zwei Eigenschaften hinzu, nämlich sie sind: aufwieglerisch, wie es heisst das. 16, 5: „Sara sprach: Unrecht gegen mich liegt auf dir!“ und geschwätzig, wie es hier heisst: „Mirjam redete gegen ihren Bruder übel.“

Oder: „Mirjam redete“ u. s. w. R. Josua von Sichnin sagte: Als Gott die Eva von Adam erschaffen wollte, dachte er darüber nach, aus welchem Theile er sie erschaffen sollte, wie es heisst Gen. 2, 22: „Und der Ewige Gott dachte nach (ויבן) über die Rippe.“ Gott sprach: Vom Auge mag ich sie nicht erschaffen, damit sie nicht stolz werde (eig. damit ihr Auge nicht hoch werde), und auch nicht vom Ohr, damit sie nicht aufhorchend werde, auch nicht vom Munde, damit sie nicht redselig werde, auch nicht von der Hand, damit sie nicht stehle, auch nicht vom Fusse, damit sie nicht eine[82] Strassenläuferin werde, wovon soll ich sie erschaffen? Von einem verborgenen Gliede an ihm, von der Hüfte, und trotz all dieser Vorsicht hat es nichts geholfen. Alles, was Gott beabsichtigt hatte, dass sie nicht haben sollte, findet sich selbst bei den besten. Gott sprach: Ich will sie nicht vom Auge erschaffen, damit ihr Auge nicht stolz werde, trotzdem heisst es von ihr Gen. 3, 6: „Das Weib sah;“ ich will sie nicht vom Ohre erschaffen, damit sie nicht aufhorchend werde, trotzdem heisst es Gen. 18, 10: „Sara horchte;“ ich will sie nicht von der Hand erschaffen, damit sie nicht stehle, trotzdem heisst es Gen. 31, 19: „Rahel stahl die Theraphim,“ ich will sie nicht vom Fusse erschaffen, damit sie nicht eine Strassenläuferin werde, trotzdem heisst es Gen. 30, 16: „Lea ging hinaus ihm entgegen,“ ich will sie nicht vom Munde erschaffen, damit sie nicht redselig werde, trotzdem heisst es von der frommen Mirjam: „Mirjam redete übel von ihrem Bruder.“ Siehe, was ihr widerfuhr! (Das wollen die Worte sagen:) „Gedenke, was der Ewige, dein Gott, der Mirjam gethan hat.“

[12] Oder: „Gedenke.“ Die Rabbinen sagen: Womit ist das zu vergleichen? Mit einem Könige, welcher aus dem Krieg (als Sieger) kam und es pries ihn die Matrone (Gemahlin). Der König sprach: Du sollst fortan die Oberste (eig. Mutter אום) in der Rathsversammlung (ἡ σύγκλητος sc. βουλή) genannt werden! Nach einiger Zeit fing sie an die Provision (die Einkünfte ἀννώνα) des Königs in Unordnung zu bringen (d. i. sie verleumdete ihn), da sagte der König: Da sie so verfuhr, so soll sie in das Bergwerk (μέταλλον) verbannt werden! So auch als Gott den Krieg am Meere (siegreich) geführt hatte, da sang Mirjam ihr „Loblied“ und wurde dieserhalb eine Prophetin genannt, wie es heisst Ex. 13, 20: „Und Mirjam, die Prophetin, nahm die Pauke,“ als sie aber gegen ihren Bruder üble Nachrede verbreitet hatte, da sprach Gott: Sie soll nun in’s Bergwerk verbannt werden, wie es heisst Num. 12, 15: „Mirjam wurde eingeschlossen.“

[13] Oder: „Gedenke.“ Als Mose sah, was seiner Schwester widerfahren war, fing er an zu schreien und mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele für sie zu beten s. das. V. 13: „O Gott, heile sie doch!“ Die Rabbinen sagen: Mose sprach: Herr der Welt! du hast mich schon zum Arzte gemacht, heilst du sie, siehe, so ist’s gut, wo nicht, so heile ich sie.

Oder was heisst: אל נא o Gott! R. Abba bar Kahana sagte: Womit ist das zu vergleichen? Mit dem Schüler eines Arztes, vor dem eine Unpässliche gebracht wurde, um sie zu besichtigen. Er brachte sie zu seinem Lehrer. Mein Herr! sagte der Schüler zu seinem Lehrer, du hast mir bereits die ganze Heilmethode (eig. die ganze Ordnung des Heilens, alle Arien von Heilmittel) gelehrt, willst du sie heilen, siehe, so ist’s gut, wo nicht, siehe, so heile ich sie. So sprach auch Mose: Herr der Welt! du hast mir bereits die ganze Ordnung (alle Arten) von Aussatzmaalen zu heilen gelehrt,[83] willst du sie (meine Schwester) heilen, siehe, so ist’s gut (schön), wo nicht, siehe, so heile ich sie. Oder Num. 12, 13: „Mose schrie zum Ewigen“ u. s. w. Gleich einem starken Menschen, der ein Halseisen trug, und es wurde ihm abgenommen, nach einiger Zeit sah er ein solches am Halse eines andern, da fing er an zu schreien. Was schreist du? wurde er gefragt. Ihr kennt (wisst) nicht, gab er zur Antwort, wie weh es thut, ich aber kenne (weiss), welch ein Schmerz es ist; weil das Halseisen an meinem Halse war, so weiss ich, welchen Schmerz es verursacht. So schrie auch Mose. Was schreist du? fragte ihn Gott. Herr der Welt! sprach er vor ihm, ich kenne das Leiden, in welchem sich meine Schwester befindet, denn ich denke an die Kette, in welcher meine Hand war. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Ex. 4, 6: „Siehe, seine Hand war aussätzig wie Schnee.“ Als Mose für sie betete, heilte sie Gott. Woher lässt sich das beweisen? Es heisst Num. 12, 15: „Das Volk brach nicht eher auf, als bis Mirjam wieder aufgenommen (geheilt) war.“ Darum seid dessen eingedenk, was der Mirjam wegen ihrer Verleumdung widerfahren ist. [14] Oder R. Asi sagt: Der Mensch, welcher verleumdet, leugnet zuletzt auch Gott, wie es heisst Ps. 12, 5: „Die da sprechen: Mit unserer Zunge siegen wir, unsere Lippen stehen uns bei, wer überwältigt uns?“ R. Simeon sagt: Wenn schon der frommen Mirjam, die nicht beabsichtigte zu verleumden, sondern nur wegen der Fortpflanzung (Kinderzeugung) redete, das widerfahren ist, und die Frevler, die mit Absicht ihre Nächsten verleumden, um ihnen ihr Leben abzuschneiden, um wieviel mehr wird Gott ihre Zunge abschneiden, wie es heisst Ps. 12, 4: „Der Ewige wird abschneiden alle Schmeichlerlippen.“ Gott sprach: In dieser Welt, weil Verleumder unter euch waren, habe ich meine Schechina euch entzogen, wie es heisst Ps. 57, 12: „Erhebe dich über den Himmel, Gott!“ aber einst werde ich den bösen Trieb aus euch reissen, wie es heisst Ezech. 36, 26: „Ich werde das steinerne Herz entfernen aus eurem Leibe“ d. i. dann werde ich meine Schechina wieder zu euch zurückkehren lassen, wie es heisst Joel 3, 1: „Und es geschieht hernachmals, da giesse ich aus meinen Geist über alles Fleisch“ u. s. w. Dadurch, dass ich meine Schechina wieder auf euch allen ruhen lasse, gelangt ihr zum Gesetz und ihr werdet in Frieden wohnen, wie es heisst Jes. 54, 13: „Alle deine Kinder werden Schüler des Ewigen sein und gross deiner Kinder Glück.“
  1. S. Pirke Abot 4, 2.
  2. Der Midr. fasst die Stelle so: Sitzest du und sprichst übel gegen deinen Bruder (einen Heiden), so wirst du zuletzt auch gegen deinen leiblichen Bruder Schimpf aufdecken.
  3. S. Midr. Beresch. r. Par. 45.
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