Der Erzieher des Berliner Witzes

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Textdaten
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Autor: J. W.
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Titel: Der Erzieher des Berliner Witzes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 117-119
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Erzieher des Berliner Witzes.
Die Gartenlaube (1865) b 117.jpg

Adolf Glaßbrenner.

Der geistvolle Karl Rosenkranz sagt in dem 1854 bei Brockhaus in Leipzig erschienenen Werkcken: „Aus einem Tagebuch“ sehr richtig:

„Es giebt Schriftsteller, die wir nicht zu den Klassikern rechnen und welche doch auf ihrem Gebiet classisch sind. Sie können auch einen Umfang der Wirksamkeit erreichen, der dem eines Klassikers gar nichts nachgiebt. Zu diesen Autoren rechne ich Adolf Glaßbrenner. Was hat die leichte, witzige, quecksilberne Feder dieses Mannes nicht schon hervorgebracht! Er ist der Schöpfer der sogenannten Guckkästnerliteratur, welche dem Berliner Jargon ein so großes Publicum in allen Ständen durch ganz Deutschland erschaffen hat. Er ist der Schöpfer zugleich der demokratischen Anschauungsweise des Berliner Bürgers, der aber in den anderen Städten der Monarchie seine Stammgenossen hat. Erfreulich ist es, zu sehen, wenn ein solcher Mann Beweise einer höheren Auffassung, eines idealern Talents giebt. Das hat Glaßbrenner soeben durch seinen ,Neuen Reinecke Fuchs’, ein episches Gedicht in sehr gewandter Sprache, eine Satire auf den Jesuitismus, gethan.“

Seitdem hat dieses Epos die vierte Auflage erlebt, ebenso wie seine Gedichte; die „verkehrte Welt“ erscheint sogar in der fünften. Ein Dichter mit so glücklichen Erfolgen dürfte wohl das Interesse unserer Leser in Anspruch nehmen und diesen darum eine kurze Lebensskizze nicht unerwünscht kommen. Sie ist bald gegeben.

Adolf Glaßbrenner wurde am 27. März 1816 zu Berlin geboren. Sein Vater war ein Würtemberger, seine Mutter eine Berlinerin. Ohne Zweifel ist diese Abstammung auf den Geist des Sohnes nicht ohne Einfluß geblieben. Der Berliner Mutterwitz erscheint darin auf höchst eigenthümliche Weise mit der schwäbischen Gemüthlichkeit gepaart, und gerade diese Paarung hat es Adolf Glaßbrenner möglich gemacht, sich aus der Berliner Guckkästnerliteratur heraus zu einem Poeten emporzuschwingen, der als einer der populärsten der Neuzeit gelten muß. Seine Lieder und Epen schlagen häufig genug einen Ton an, wie er nur derjenigen Muse zu Gebote steht, die so zu sagen die Muttermilch der echten Rationalität gesogen und mit dem wirklichen Volksliede sich in der innigsten Vertrautheit, in einer Art Seelenbund befindet. Sie trifft mit einem wunderbaren Geschick dessen eigenste Wendungen, dessen lachendste Drolligkeit und rührendste Stimmung. Nicht mit Unrecht hat man Adolf Glaßbrenner ein Stück deutschen Beranger’s genannt. Ihm stehen, wie diesem, eine virtuose Meisterschaft der [118] Form, der nationale Impuls, der politische Sarkasmus und die schlagende Pointe zur Verfügung. Wäre Deutschland uniformer und, wie Frankreich in Paris, in irgend einer Hauptstadt centralisirt, Glaßbrenner’s Wirkung würde der des französischen Dichters nichts nachgeben. Er würde ebenso der allgemeine Liebling der Nation, ihr Ruhm und ihr Abgott sein. Hat er doch in seiner Begabung wie in seinem ganzen Wesen alles Zeug dazu. Laßt in Wien, in München, Stuttgart, Köln, Leipzig und Hambnrg dieselben Zeitströmungen stattfinden, wie in Berlin, dieselben Ansichten und Meinungen herrschen, dieselben Sympathien und Antipathien, und augenblicklich wird unser Dichter der unbestrittene Günstling der großen Masse sein.

Seine Individualität ist ganz danach angelegt und dafür gestaltet worden. Geburt, Erziehung, Bildung – Alles hat Adolf Glaßbrenner zum Manne des Volks gemacht.

Seine Eltern waren kleine Bürgersleute, Inhaber einer Schmuckfederfabrik, die sich in der Leipziger Strafte im sogenannten „Fliegenden Roß“, dem jetzigen Hotel de Prusse, befand. Hier verlebte unser Schriftsteller seine ersten Lebensjahre unter einer zahlreichen Geschwisterschaar. Man rühmt ihn als einen muntern, aufgeweckten Knaben, der sich mit Franzosen wie Russen, die damals abwechselnd Berlin besetzten, wohl zu vertragen wußte. Unberührt von den großen Ereignissen der Geschichte, deren verhängnißvolle Bedeutung das Kind natürlich noch nicht zu fassen vermochte, fesselte und beschäftigte ihn nur das fremde und Außergewöhnliche, das sich in rascher Folge seinen Blicken zeigte und wohl nicht wenig dazu beitrug, seine Entwickelung zu fördern. Lustig und voll Uebermuth, den Schelm im Nacken, konnte er doch zugleich auch ernst und fromm der Gewohnheit des Hauses folgen. In der Schule, in der er neben Karl Gutzkow saß, machte er Epigramme auf seine Lehrer sowohl, wie auf seine Mitschüler; daneben vermochte der kleine blonde Pausback aber auch daheim ganz gravitätisch auf einen Stuhl zu steigen und „Predigten zu halten“.

Theologie studiren zu dürfen, war denn auch später der sehnlichste Wunsch seines Herzens. Wäre ihm derselbe in Erfüllung gegangen, so säße unser Poet vielleicht als behäbiger Pastor in irgend einer Pfarre, um die Muse im Lande der Mark waten zu lassen. Die Bilder aus dem Berliner Volksleben aber hätte er dann wohl nicht geschrieben, denn um diese zu verfassen, war doch wohl nöthig, daß seine Familie, durch beengende Verhältnisse gedrängt, ihn für den Kaufmannsstand bestimmte. Hinter dem Ladentische irgend eines Band- oder Zeuggeschäfts hat Adolf Glaßbrenner seine eigentlichen Jünglingsjahre verschmachten müssen. In den karg gemessenen Mußestunden schuf er seine ersten poetischen Versuche, von denen schon 1827 einige in Berliner Blättern erschienen. Zwanzig Jahr alt, fühlte er sich literarisch bereits so weit flügge geworden, daß er Gott Mercur Valet zu sagen und wohlgemuth in den Dienst der Belletristik zu treten unternehmen durfte. Seine launigen Verse, seine Einfälle und seine ganze muntere Schreibart gefiel dem Publicum und verschaffte ihm Anhang. Zweiundzwanzig Jahr alt, redigirte er das Sonntagsblatt „Don Quixote“, das er mit den später vom „Kladderadatsch“ adoptirten Worten ankündigte: „Dieses Blatt erscheint täglich mit Ausnahme der Wochentage“.

Es ist deswegen wichtig, weil es gewissermaßen den Berliner Witz zuerst zu Worte kommen ließ und in die Literatur einführte. Der Berliner Witz war bis dahin nur ein Gassenjunge gewesen, ein Element, das auf allen Brunnenschwengeln, Treppengeländern und Fenstersimsen saß, mit den Beinen schlenkerte und „schnodderige“ Redensarten machte, aber von Niemand recht beachtet wurde, ausgenommen von denen, welchen er seine Schabernacke spielte. Adolf Glaßbrenner erlöste ihn aus dieser etwas unbequemen Situation, um ihn in eine epochemachende Stellung zu bringen. Er wusch dem Burschen die Hände, kämmte ihm das Haar und ließ ihm die Hosen flicken. Soweit zugestutzt, nahm er ihn vor, um ihm begreiflich zu machen, was er eigentlich sei. Berliner Witz, du bist kein bloßer dummer Junge, sagte er ihm; du bist das Genie Berlins, der souveraine Geist der Bevölkerung. Wenn du deiner selbst bewußt wirst, so kannst tu es zu etwas bringen und so zu sagen ein Mann bei der Spritze werden. Du mußt dich nur gewöhnen, deine Blicke höher und über die sogenannten Kellerhälse der Häuser hinauszurichten. Du mußt dich um Gott und die ganze Welt, zuletzt auch ein wenig um Politik und Geschichte kümmern.

Der Berliner Witz ist nicht auf den Kopf gefallen und „roch,“ wie die Berliner Redensart sagt, „Lunte,“ wenn er auch schon keineswegs gleich soweit war, die ganze Tragweite der Glaßbrenner’schen guten Lehren inne zu werden. Er fing von da an, sich in Alles zu mischen, was in Berlin sich ereignete. Er setzte sich mit den Stammgästen der Kneipe zu der „kühlen Blonden“, schlich sich in’s Theater ein, kroch dem Prediger in den Aermel seines Talars, dem Staatsrath in’s Portefeuille, dem Humoristen in die Feder, dem jungen Mädchen in’s Wangengrübchen, ja, es gab eine Zeit, in der er sogar courfähig war und verstohlen unter den Stufen des Thrones hockte. In jener Epoche war Kaiser Nikolaus von Rußland ganz vernarrt in ihn und kam nie nach Berlin, ohne ihm Audienz zu geben. Wenn der Zaar zu St. Petersburg guter Laune war, pflegte er stundenlang von den Unterhaltungen zu plaudern, die er mit dem Berliner Witze gehabt.

Der Berliner Witz wurde selbstverständlich durch diese Erfolge noch weit übermüthiger, als er von Haus aus war. Hatte er doch sogar seinen Censor, den alten närrischen Dichter Langbein gewonnen, der ihn klätschelte und streichelte, oft dabei die verhängnißvolle Scheere vergessend, die drohend in seinen Händen blinkte.

Da der Schelm das wohl merkte und die Gunst seines Inquisitors sich in Glaßbrenner’s „Don Quixote“ so weitgreifend zu Nutze machte, daß dieser drei Mal wöchentlich zu erscheinen anfing, so ward sein Gebahren endlich der Regierung lästig und sie genöthigt, die Zeitschrift durch den damaligen Minister des Innern, von Brenn, verbieten zu lassen; das erste Verbot dieser Art, das Preußen erlebte, und um so eigenthümlicher, als man damals sich eben noch in der Zeit der Censur befand. Aber die Censur war ohnmächtig dem Berliner Witze gegenüber, das fühlte man nur zu wohl. Man sah ein, daß man dem politischen Ernste und der ganzen öffentlichen Meinung bis zu einem gewissen Grade den Daumen auf’s Auge drücken konnte, aber nicht jenem lächelnden Schalke, dessen Bosheiten aus jedem Satze kicherten, hinter jedem Gedankenstrich kauerten. Vor dem konnte man sich nicht anders sicher stellen, als daß man ihn unterdrückte. So unterdrückte man ihn denn – als Journal, aber er kam wieder in Heften.

1832 fing Adolf Glaßbrenner an unter dem Namen Brennglas jene Reihe kleiner Schriftchen erscheinen zu lassen, die unter dem Titel: „Berlin, wie es ist und – trinkt“ von so ungeheuerer Bedeutung wurden, daß in Deutschland beinahe keine größere Stadt ohne deren Nachahmung blieb. Man zählte gegen zweihundert derselben. Der Hauptwerth dieser Werkchen bestand darin, daß in ihnen gewissermaßen das Volk als solches eine Stimme bekam. Sie stellten im modernen Schauspiel der Zeit gewissermaßen die antike Institution des Chores her. Die Reden der Könige und staatlichen Hauptpersonen erhielten nicht nur ein Echo, sondern auch Erwiderungen. Es entstanden Strophen und Gegenstrophen. Die Nation ließ sich vernehmen, zunächst nur mit Einfällen, Späßen und Witzen, aber auch in diesen schon zeigte sich eine gewisse Macht, eine Art von Souverainetät, die im Jargon sich kund that. Der Berliner Jargon war eine Zeit lang die Modesprache in Deutschland, das herrschende Idiom, das sich in die Presse, in die Kunst, in die exclusivsten Kreise, ja, bis in den Umgangston der Monarchen erbob. Noch Friedrich Wilhelm der Vierte nahm es an, wenn er seinem Geist ein Fest bereiten wollte. Freilich hat dieser Monarch damals nicht geahnt, daß der Berliner Witz sich empören und Revolution machen könne. Er hatte den Berliner Witz für harmlos gehalten und demselben nichts Böses zugetraut, obschon ihn Oesterreich da längst eines Besseren hätte belehren dürfen. Oesterreich ließ durch den Bundestag für ganz Deutschland die „Bilder und Träume aus Wien“ verbieten, die Adolf Glaßbrenner als die Frucht eines siebenmonatlichen Aufenthaltes in der deutschen Kaiserstadt im Jahre 1835 bei Otto Wigand in Leipzig herausgab.

Sicher ist, daß der Berliner Witz das Seine zu dem gewaltigen Umschwunge unsers Jahrhunderts mitgeholfen, auch dann noch, als Adolf Glaßbrenner sich gewissermaßen davon losgesagt. Dieser hatte am 15. September 1840 die schöne, feingebildete und geistvolle Schauspielerin Adele Peroni geheirathet und war mit dieser in deren Engagement nach Neu-Strelitz [119] übergesiedelt. Dorthin aber mochte der Berliner Witz ihm nicht folgen. Die Musen konnten im Lande der Mark, aber der Berliner Witz nicht im Lande der Obotriten heimisch werden. So nahm dieser denn Abschied von seinem Adoptivvater und Erzieher, der jetzt an der Seite einer liebenswürdigen und eleganten Frau sich überdies einigermaßen anfing seines Umgangs ein wenig zu schämen. Mit seiner Liebe stieg in seinem Herzen die Erinnerung an sein poetisches Talent empor. Im kühlen Schatten der Wälder, am Ufer der Seen, beim Schlagen der Nachtigall schwor er seiner Adele sich einen Dichternamen zu machen, einen Schwur, den er redlich gehalten. Schon 1843 erschien in Bern unter dem Titel: „Verbotene Lieder eines norddeutschen Poeten“ ein Band Gedichte, der vieles Hübsche und Werthvolle enthielt, aber dem Autor nur wenig Ruf erwarb, da die Regierungen Deutschlands alle Literatur in Bann gethan hatten, die zu jener Zeit von der Schweiz her sich Eingang zu verschaffen suchte. Die Anerkennung, die Glaßbrenner zu erlangen wünschte, fand er erst durch seinen im Eingang unserer Besprechung bereits erwähnten „Neuen Reineke Fuchs“, der großes Aufsehen machte und von welchem trotz seines nicht sehr billigen Preises (ein Thaler zwanzig Silbergroschen) in wenigen Wochen mehr als viertausend Exemplare abgesetzt wurden. Die weitere Ausbreitung dieses Werkes wurde zum großen Nachtheile Glaßbrenner’s mehrere Jahre lang durch Verhältnisse verhindert, deren Besprechung zur Zeit noch nicht gerathen erscheint. Dennoch hat es, wie ebenflls bereits gemeldet, jetzt schon die vierte Auflage erreicht. „Dies Gedicht“ schreibt Rudolf Gottschall in seiner ‚Deutschen Nationalliteratur‘, „ist eben so reich an schlagendem Witze, wie an einer burlesken Naivetät, und einzelne Stellen athmen einen echt poetischen Duft.“

Mitten aus diesem poetischen Schaffen wurde Glaßbrenner durch die Revolution von 1848 gerissen. Als die Kunde von der Erhebung Berlins am 19. März 1848 nach Neu-Strelitz gelangte, konnten unsern Dichter weder die Bitten seiner Frau, noch die Vorstellungen seiner Freunde, am Wenigsten aber die umziehenden Gerüchte von Brand und Mord in Berlin zurückhalten, dahin zu eilen, wo er das Volk, ja seine eigenen beiden Brüder im Kampf für die Freiheit erwarten mußte. Wenige Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht fuhr er mit Extrapost nach seiner Vaterstadt ab.

Was er daselbst erlebt, schildert er unter dem Namen „Ernst Heiter“, den er vielfach gebraucht, in seinem „Komischen Volkskalender“ von 1850 in Briefen an seine Gattin. Als er nach Neu-Strelitz zurückkehrte, wo er im Volke hochbeliebt war, wurde er mit Dr. Daniel Sanders, mit dem er bei Hoffmann und Campe um jene Zeit etwa auch ein Heft „Xenien“ herausgab, der Mittelpunkt der Strelitzischen Volksvereine. Obschon er nun in diesen seinen ganzen Einfluß aufbot, die Bewegung von allen Gewaltäußerungen und abenteuerlichen Ideen fern zu halten, ward er doch sehr bald der Gegenstand des besonderen Hasses der Reaction. Sie ruhte nach ihrer Erstarkung auch nicht eher, als bis er des Landes verwiesen wurde und Mecklenburg-Strelitz verließ. Seine Gattin willigte, um ihm folgen zu können, gern darein, ihren lebenslänglichen Contract mit bedeutendem Verlust in eine Pension umgewandelt zu sehen. Der Forderung Glaßbrenner’s, eine gerichtliche Untersuchung gegen ihn einzuleiten, um die gänzliche Unwahrheit der angegebenen Gründe seiner Landesverweisung an’s Licht zu bringen, ward von Seiten der Mecklenburg-Strelitz’schen Regierung keine Folge geleistet. Sie hatte erreicht, was sie wünschte, und damit war es gut.

Unser Autor begab sich nun nach Hamburg, wo er von 1850 bis 1858 verblieb. Er schrieb hier „die verkehrte Welt“, die „komische Tausend und eine Nacht“, „Caspar, der Mensch“ und gründete, von angesehenen Männern unterstützt, die Zeitung „Ernst Heiter“, die sehr gut aufgenommen, aber schon nach ihrer neunten Nummer für Preußen verboten wurde und dadurch den Todesstoß versetzt erhielt.

Das gesellige Leben Glaßbrenner’s und seiner Frau war in der alten Hansestadt das angenehmste, das sich denken läßt. Die ersten Häuser standen dem geistvollen und liebenswürdigen Paare offen, und so oft es seine Schritte jetzt noch besuchsweise dahin zurücklenkt, wird es mit aufrichtiger Freude überall willkommen geheißen. Der gute Tact, die gefällige Anmuth, der feine Geist Frau Adelens sind dort ebenso allgemein geschätzt, wie der schlagende Witz und die unverwüstliche Laune des anerkannten und bewährten Schriftstellers. Man muß Adolf Glaßbrenner und seine Gattin in den gastlichen Häusern der Familien Helbert, Hellmrich, Ladé, Ropp und Anderer gesehen haben, um sich eine Vorstellung von dem lebendigen Reiz und der bezaubernden Frische ihres Umgangs machen zu können. Besonders im zuerst genannten Hause, in dem einst Heinrich Heine und M. E. Schleiden verkehrt und das zu jener Zeit durch Robert Heller, Rudolph Gottschall, Ole Bull und manche einnehmende und glänzende Erscheinung der Bühnenwelt illustrirt wurde, fühlten sich die oben Genannten vorzüglich wohl und behaglich. Mit wirklich dankbarer Freude erinnert sich noch Jeder, der an den Gesellschaftsabenden und Mittagsmahlzeiten des Herrn und der Frau Helbert Theil nahm, der stets angeregten, bewegten und geistsprudelnden Unterhaltung, die hier ganz besonders durch Glaßbrenner’s nie rastende Beredsamkeit im Zuge erhalten wurde. Seine witzigen Bemerkungen und Einfälle jagten eine die andern und nie gab es Verlegenheit um Gesprächsstoff. Politik, Theater, Kunst und tägliches Leben, alles schoß und quirlte bunt durcheinander, von Frau Helbert wie von Frau Glaßbrenner mit ebensoviel weiblicher Würde wie zartem Tact in den passenden Grenzen erhalten. Manch tiefes, manch scharfes Wort ist hier gefallen, ohne daß je die Harmonie der Geselligkeit irgendwie bedenklich wäre erschüttert worden. Die Grazie war es, die hier selbst die Entrüstung und den Sarkasmus leitete. Sogar in der munteren Ausgelassenheit dilettantischer Theateraufführungen, mitten im Rausch und Strudel übermüthiger Sylvesterscherze verleugnete sich nie der Hauch ber höchsten und feinsten Bildung.

Es sind schöne, beglückende Stunden gewesen, die man hier verlebte, und sie werden Allen unvergeßlich bleiben, die sie mitgenossen.

Im Jahre verließen Adolf Glaßbrenner und seine Gattin Hamburg, um in die Vaterstadt des Ersteren zurückzukehren. Seine Heimathsberechtigung war in Frage gekommen, und da er diese in der preußischen Capitale nicht völlig schwinden lassen wollte, in Hamburg überdies bezüglich dieser von Seiten der Polizei seltsamer Weise auf Schwierigkeiten stieß, so entschloß er sich zur Uebersiedelung in seine eigentlichste Heimath.

Was er hier nun fand, freilich, verletzte ihn zuerst in hohem Grade. Glaßbrenner erkannte seinen Zögling, den Berliner Witz, nicht wieder. Der arme Schelm hatte sich wunderlich verändert. Er war nicht mehr der muntere harmlose Junge von ehedem, der mit rothen Backen, frischen Augen und flinker Zunge, oft ohne Mütze und Stiefeln, durch die Straßen lief. Der Berliner Witz war zu Gelde gekommen und ging jetzt wohlgekleidet, die Hände in den Hosentaschen und den hohen Castorhut aus dem Kopfe, breitspurig unter den Linden spazieren. Er hatte sich einen gewissen Dividendenesprit angeeignet und machte gute Geschäfte in „höherem Blödsinn“. Er hielt sich zur hohen Finanz und besuchte die Börse. Wenn er Glaßbrenner zufällig begegnete, nickte er, mit den goldenen Uhrberloques spielend, herablassend mit dem Haupte.

Adolf Glaßbrenner, davon, wie von vielem Anderen, unangenehm berührt, hielt sich damals vom öffentlichen Leben fern, so gut es ging, verkehrte nur mit wenigen Freunden und warf sich, wie zur Ablenkung und Erheiterung seines Gemüths, auf Jugendschriften, von denen „Lachende Kinder“, „Sprechende Thiere“, sowie die früher erschienene „Insel Marzipan“ besondern Anklang fanden. Erst später trat er wieder in die journalistische Thätigkeit ein und zwar dadurch, daß er Redacteur der „Berliner Montag-Zeitung“ wurde, die er käuflich an sich brachte. In dieser begann er nun mit aller Kraft seiner Satire gegen die Blasirtheit und den Nihilismus zu kämpfen, die sich in Berlin zur Herrschaft aufgeschwungen. Noch in diesem Augenblick steht er gegen diese Elemente tapfer unter den Waffen. Wer ihn in einer erquicklichen Erholungsstunde sehen will, begebe sich um Mittag in die von E. Th. A. Hoffmann und Ludwig Devrient her berühmte Weinhandlung von Lutter und Wegener, wo man ihn lustig und aufgeräumt verkehren sehen kann.

Die soeben erschienene vierte Auflage seiner Gedichte findet durch ganz Deutschland hin die freudigste Aufnahme und kann in der That nur dazu dienen, diesen echten Volksdichter in noch immer weitern Kreisen bekannt und beliebt zu machen.

F. W.