Der Raub in der Thierwelt II

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Autor: Karl und Adolph Müller
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Titel: Der Raub in der Thierwelt II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, 42, 43, S. 682-685, 697-699, 714-716
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[682]
Der Raub in der Thierwelt.


Charakterdarstellungen von Adolf und Karl Müller. Mit Originalzeichnungen von Adolf Müller.


II.


Vor einiger Zeit (vergl. Jahrgang 1886, S. 598 und 635) haben wir ein Gemälde der hervorragendsten Räuber unter den Säugethieren unserer Heimath vor den Augen unserer Leser entrollt. Wir räumen jetzt das Feld den geflügelten Räubern zur Entfaltung der Eigenthümlichkeiten ihres Raubwesens.

Hoch im Aether schwebt über Bergeshängen und Matten der stolze Steinadler. Ruhig zieht er seine Kreise, und es scheint, als wolle dieser Herrscher der Lüste majestätisch den ewigen Frieden der Erdenwelt diktiren. Aber sein Auge sucht nur in der Runde die Gegenstände seiner heißen Mordlust. Es ist wie ein Fernrohr, dieses Auge, welches die Objekte nahe rückt; zusammenziehbar und ausdehnungsfähig erscheint die Pupille und dieser Wechsel vollzieht sich blitzschnell nach Bedürfniß und Umständen. Die Wahrnehmungen werden alle seelisch verarbeitet. Die Beute, welche den Räuber mächtig anzieht zum Ueberfall in die Tiefe, die Nähe des Hirten, die Schwere des Raubes, welcher wie Bleigewicht an den Fängen hängen und den Vogel an den Boden bannen würde, die Gefährlichkeit des bewaffneten Mannes oder die Ohnmacht des Kindes – kurz, eine ganze Summe von Gedanken, Schlüssen und wechselnden Empfindungen drängt sich in der Seele des Adlers zusammen bei aller scheinbaren Ruhe und Gleichgültigkeit. Da tauchen Erinnerungen in seinem Kopfe auf an Thaten der Vortage, der Vormonate, der Vorjahre, und die Uebung im täglichen Ausspähen des weiten Plans in der Runde macht ihn zum Meister in der Kombination, zum Beherrscher seiner selbst, zum Strategen im Guerilla- und Franctireurkriege, den er jedoch entweder nur allein oder in Gemeinschaft des Ehegatten führt.

„Ich habe,“ sagt Girtanner, „den Steinadler und sein Weib oft ganze Alpengebiete so regelrecht absuchen sehen, daß ich in der That nicht begreifen könnte, wie diesen vier Adleraugen bei so überlegtem Vorgehen auch nur eine Feder hätte entgehen mögen. Von der Felsenkante in der Nähe des Horstes gleichzeitig abfliegend, senkt sich das Räuberpaar rasch in die Tiefe hinab, überfliegt die Thalmulde und zieht nun an dem unteren Theile der Gehänge des gegenüberliegenden Höhenzugs langsam in wagerechter Richtung dahin, der eine Gatte stets in einiger Entfernung vom andern, doch in gleicher Höhe, so daß, was dem ersten entgangen, dem nachfolgenden um so sicherer zu Gesicht und was etwa von jenem aufgescheucht, diesem um so bestimmter in die Krallen kommen muß. Auf diese Weise am Ende des Gebirges angelangt, erheben sich Beide, um hundert Meter und darüber aufzusteigen, ziehen in dieser Höhe in entgegengesetzter Richtung zurück, erheben sich sodann wieder und suchen so in weiten Zickzacklinien den ganzen Gebirgsstock aufs Sorgfältigste ab.“

Der Adler weiß auch zu warten und die Zeit zu benutzen; er versucht zu täuschen, gedeckt zu nahen, zu überraschen, jäh herniederzufahren. Charakteristisch bleibt bei seinen Raubthaten die furchtbare Gewalt seines Niedersausens, seines mit allem Kraftaufwande geführten Schlags beim Angriff.

Beim Anblick der Beute senkt sich der kreisende Räuber erst in Schraubenlinien hernieder; dann legt er die Schwingen dicht an und fährt wie ein sausender Pfeil schief zur Erde herab, seine beiden weit vorgestreckten geöffneten Fänge dem Thiere in den Leib schlagend. Um das Gleichgewicht zu erhalten, stützt er sich mit den ausgebreiteten Schwingen und dem Schwanz. Den bissigen, wehrhaften Thieren schlägt er den krampfhaft sich zusammenziehenden Fang um den Hals, um sie zu ersticken, oder deckt das Gesicht, zermalmt mit dem Schlage das Gebiß, während der andere Fang in die Brust oder die Weichtheile sich eingräbt.

Mit furchtbarem Andrang greift auch der Bart- oder Lämmergeier die Beute an. Mit rasenden Flügelschlägen drängt er das widerstrebende Opfer an den Rand des Abgrundes, sucht es zu betäuben, zu blenden, zu verwirren und über die Felswand hinabzustürzen, mit dem Schnabelhaken und den Fängen es fortzureißen zur entscheidenden Stelle, um dann im Siegesgefühl gemessen hinabzuschweben in die gähnende Tiefe.

Was will gegen solche Großartigkeit das niedere Gebahren des Schmutz- oder Aasgeiers sagen, dieses Vielfraßes, von dem wir [683] uns in raschem Vorübergehen abwenden wollen, um dem Falkengeschlechte wieder um so anziehendere Charakterzüge abzulauschen.

Führen wir einen seiner Repräsentanten aus der Nähe, den gewandten, gefährlichen Feind der Vogelwelt, den Wanderfalken, vor. Unfähig einen Vogel im Sitz zu schlagen, richtet er sein Augenmerk beständig auf den Flug der befiederten Wesen. Und diesen hat er gründlich studirt und weiß ihn weidlich auszunützen, zu durchkreuzen, zu verwirren, zu überbieten. Verliert er die Geduld beim Lauern und wollen die Kleinvögel nicht aus dem Laubwerk der Bäume über Blößen stiegen, so versucht er das Aufscheuchen durch Umflattern, oder er faßt den freisitzenden balzenden Staar ins Auge, streicht tief und gedeckt von hinten heran erhebt sich unmittelbar in seiner Nähe über ihn und schlägt ihn im Augenblick der Flucht mit vorgestrecktem Fang. Wie ein Marmorbild unbeweglich sitzt er auf dem Malstein, dem Grenzblock, dem Hügel oder dem Baumstrunck; kein Wesen ahnt, was in seiner Räuberseele vorgeht. Aber die Zeit versteht er nach der Uhr in seinem Kopfe auszurechnen.


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Lauernder Baumfalke.


Bald rückt der Meisenzug auf den Weidenbäumen am Flußufer herauf, schon verkünden die rüstigen Blaumeisen, die Vorzügler und Quartiermacher, die Ankunft der harmlos wandernden Gesellschaft. Dort ist die Baumreihe unterbrochen durch eine Blöße von 200 Schritt Länge. Der Falke kennt die ängstliche Verzagtheit des kleinen Völkchens, über das Freie hinaus zur jenseitigen Deckung zu eilen. Zögernd streben einige voran und kehren, von schlimmer Ahnung bestellen, in scharfer Wendung sogleich wieder um. Der Kopf des Räubers hat sich in spannender Fieberregung des heißblütigst Naturells gehoben, das Gefieder glättet sich, die Haltung wird eine vorgebeugte. eben eilt die kleine Schar über die Blöße. Entschluß und That werden eins in unmittelbarer Folge, mit gedecktem Anstrich ist der Schrecken plötzlich da mitten unter dem erschütterten, jedem Bergungsmittel zuflüchtenden Völkchen. Doch sogleich ist's wieder still, Alles wie todt, und eine geschlagene Meise im Fang, kehrt der Falke zurück hinter einen Hügel, mit der kleinen Beute kurzen Proceß machend.

Wieder sitzt der Lauernde auf seinem Beobachtungsstand. Da fällt in der Ferne ein Schuß. Wie es den Räuber durchbebt, wie das Auge Feuer sprüht! Rasch verändert er seinen Standort. Dicht an der Weidenallee des Flusses fußt er auf dem Pfosten einer Schleuse. Jetzt müssen sie jenseits daher gestrichen kommen, die Stockenten deren Gewohnheit er kennt, und die, vom Jäger aufgescheucht, an Lieblingsplätzen wieder einfallen wollen. Hinter den Weidenzweigen streicht er mit ihnen parallel bis zur Blöße; am letzten Baum hebt er sich über die Enten empor, um eine derselben in Hast zu schlagen; doch die Bedrohte macht in der Todesfurcht eine Schwenkung und stürzt sich ins Wasser, das hoch aufspritzt und den drängenden Falken netzt. Mit einem Federbündel des Rückentheils der Ente im abgleitenden Fang zieht der Ernüchterte ab.

Der flinkeste, rascheste und in der Ausführung von jähen Wendungen geschickteste Räuber ist der Baumfalk, der gerne in Gemeinschaft mit dem Ehegatten, so sogar selbst zur Herbstzeit im September, zu Zweien, den Raub ausführt, wiewohl es da habgierige Zänkereien absetzt, wodurch sogar das glückliche Entrinnen dem geraubten Vogel ermöglicht wird. Vor unserem Hühnerhunde stand eine Wachtel auf, die, von einem Baumfalken wahrgenommen, sich nach etwa 150 Schritte weitem Streichen plötzlich in einen Busch sacken ließ. Der Falk war bei ihrem einsacken mit seinen Fängen dicht an ihr hergestreift. Die Wachtel stand zum zweiten Male vor dem Hunde aus und wurde abermals von dem wieder aus weiter Ferne plötzlich erscheinenden Falken verfolgt. Ein Schlag mit dem Fang warf sie zur Erde, und nun schwebte forschend der Räuber über dem Stoppelacker, wo er die Beute aus den Augen verloren hatte. Wir verscheuchten ihn und ließen den Hund nochmals vorgehen. Als wir die Wachtel eben mit der Hand decken wollten, erhob sie sich und wurde nun mehrere hundert Schritte von uns entfernt die Beute des dahersausenden Falken, der mit staunenswerther Eile die Luft durchschnitt und die Wachtel mit kräftigem Schlag niederwarf, sie auf dem Boden unter den Fang nehmend. Durch unser Hinzueilen verscheucht, ließ er die Wachtel fallen. Kaum aber war die erwürgte aus den ohnlängst erst gemähten und mit jungem Nachwuchs spärlich bedeckten Klee-Acker niedergefallen , so erschien zu unserem Erstaunen ein Hühnerhabicht, der dicht neben dem Baumfalken herabrauschte und vor unseren Augen die Wachtel ganz verschlang.

Der vielseitige Ränder Hühnerhabicht verfolgt die Beute in die Fluchtstätte hinein, so weit er es vermag. Die Taube schlägt er nicht selten als eindringender Verfolger im Taubenschlage noch, indem er sie da blindwüthend überfällt, die Sperlinge, mögen sie auch wie todt ins Gebüsch sich niedersinken lasten, greift er mit dem Fang heraus. Wohl setzt auch er die volle Kraft und Geschicklichkeit beim ersten rauschenden Angriff ein, und zwar nicht selten so sah anstürmend, daß er im Dorngestrüpp sich selbst gefangen giebt oder an einem Gegenstande sich verletzt oder sogar tödtet. Das widerfährt auch seinem Vetter, dem kleineren Sperber, dessen Kühnheit und Verwegenheit ihn selbst auf Vögel in Käfigen vor und hinter den Fensterscheiben stoßen läßt. Wie mancher dieser frechem unbändigen Räuber ist schon in der Stube ergriffen worden, in welche er raubmörderisch nach einem Vogel seinen Stoß lenkte! Große List offenbaren Beide, Hühnerhabicht und Sperber, aus dem Plane ihrer Räubereien. Mit dick aufgeblasenem Gefieder sitzt der Habicht auf einem Baum oder einem Dach des Gehöftes anscheinend so ungefährlich und theilnahmlos, daß wir die Tauben ganz in seiner Nähe fußen und ruhen sahen. Wir staunten über die Zutraulichkeit und Harmlosigkeit der Tauben, die ihn doch sonst bei der entferntesten Annäherung mit Angst und Entsetzen fliehen. Es wollte uns auch nicht verständlich werden, warum der Räuber nicht zugriff. Da plötzlich schlägt er eine Taube, die ihm freilich so greifbar erschienen sein mußte, daß er diese Gelegenheit nicht vorübergehen ließ. Wir konnten nicht anders schließen, da wir öfters diese Beobachtung machten, daß die Sättigung durch reichliche Kröpfung und die behagliche Hingabe an das bei den Raubvögeln wichtige Geschäft der Verdauung und des Gewöllauswurfes Ursache des langen Zuwartens und der Zurückhaltung war. Bewunderungswerth ist auch bei diesem Räuber, wie beim Sperber, die regelmäßige Einkehr an gewissen Oertlichkeiten, welche oft in der Wiederholung auf die Minute zutrifft. Auf den Gehöften geht Alles seinen geregelten Tagesgang, und sehr bald prägt sich dem feinsinnigen Sperber jedes Merkmal in Ton und Erscheinung fest ein, welches Sperlinge, Finken, Goldammern und dergl. Vögel zu. gemeinschaftlichen Ausbeutung von Nahrungs- und Futterplätzen vereinigt. Eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit des Sperbers besteht in dem widerlich klingenden Gewimmer, wenn er einen größeren Vogel, eine Taube, einen Heher oder eine Dohle, geschlagen hat und mit ihm einem gedeckten Orte zustrebt. Auch haben wir dieses Wimmern beobachtet, wenn zwei Sperber vereinigt sind, von denen der eine einen Raub ausgeführt hat, und der andere, neidisch und lüstern geworden, in Tönen seine unangenehmen Empfindungen kund giebt.

Charakteristisch ist beim Hühnerhabicht die Hartnäckigkeit seiner Verfolgungen. Er läßt sich's nicht verdrießen, immer wiederzukehren, und wird nicht abgeschreckt durch Mißerfolge. Seine Beharrlichkeit führt ihn doch endlich zum Ziel und Sieg. Im [684] Winter muß er oft schwer ermattet schließlich abstehen vom Jagen nach dem Eichhorn, das er zuerst durch überraschenden Ueberfall zu schlagen sucht, dann geht er nach mißglücktem Versuch zur Hatze von Ast zu Ast über, wobei er mit ausgebreiteten Schwingen wie rasend auf die fliehende Beute stürzt und in Folge der geschickten Wendungen und Ausweichungen des Eichhorns so verzweifelt anstrengende Anfälle machen muß, daß die Erschöpfung


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Kampf eines rothen Milans um eine vom Wanderfalken geschlagene Wildente.


eintritt und der Jagd ein Ende macht. Gar manchmal kommt er jedoch auch hier zum Ziel.

Begegnen wir bei dem Sperber schon häufig dem eigenthümlichen Ritteln in mäßiger Höhe, um den Plan zu ergründen und zu überschauen, wobei die Stellung gleichsam ein Stehen in der Luft unter raschen Flügelschlägen ist, so wird uns dieser Anblick mehr noch von den Weihen geboten, am häufigsten von den kleineren Falken, wie dem Thurmfalken. Es strengt diese Unternehmung unzweifelhaft die Kräfte an, und darum sehen wir die Räuber öfters das Ritteln unterbrechen. Der Milan characterisirt seine Thaten durch seine Beobachtungen in kreisenden, schwebenden und rittelnden Flugbewegungen. Ueber den Teichen erforscht er mit weit- und tiefgehendem Blick den Stand der Karpfen, und gewöhnlich kehrt er zu seinen Beobachtungskreisen zu bestimmten Tageszeiten, besonders in der Frühe, wieder. Man staunt über manche seiner Ausführungen im Fischraub, über die Schärfe seiner Fänge, mit denen er dem schlüpfrigen Fisch unter der Wasserfläche in den Rücken schlägt und ihn heraushebt mit hochgehaltenen Schwingen.

Ganz anders geartet erscheint in seiner Bethätigung der Bussard, der nicht im Stande ist, den Vogel in der Luft zu ereilen und zu schlagen, wohl aber trotz seiner derben und plumpen Erscheinung durch den Sturz vom Rittelstande herab und durch [685] den von den Schwingen unterstützten Lauf und Sprung die Beute zu erhaschen. Oft schlägt er den Nager, indem er mit ihm einen großen Bündel Genist oder Moos packt. Halbe Tage lang sitzt er wie gebannt an einer Stelle, wo ihm ein verletztes Rebhuhn oder ein angeschossenes Häschen entronnen ist. Qualvoll für das Opfer ist sein langsames Morden, herzzerreißend der Schrei der Todesangst unter seinen deckenden ausgebreiteten Schwingen. Tapfer, aber erfolglos wehrt sich gegen ihn der Hamster, zuweilen mit Erfolg dagegen die Kreuzotter, die einen langen Kampf mit ihm besteht.


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Steinadler mit Beute.


Bussarde und Gabelweihen oder Milane gehören zu den sogenannten Schmarotzern unter den Tagraubvögeln, welche den edlen Falken den Raub abtrotzen. In der Nähe der Schauplätze der Großthaten der Edelfalken sitzen sie stunden- und tagelang auf der Lauer, und sobald jene in ihrer kühnen, gewandten Ausführung den Raub vollzogen haben, kommen die lästigen Dränger heran und folgen ihnen zu den Plätzen, wo sie kröpfen wollen. Mit unverschämtester Frechheit dringen die Gierigen auf sie ein wie Diebsgesindel und nöthigen die Falken, ihnen nicht „großmüthig“, wie falsche Beobachter und ungenügende Kenner der Thierseelen sich auszudrücken pflegen, sondern „widerwillig und gezwungen“, wie die richtige Bezeichnung nur sein kann, den Raub zu überlassen. Die Schmarotzer ziehen diesen Nutzen und Vortheil aus dem Unvermögen der edlen Falken, sich auf dem Boden zu vertheidigen. Wie letztere auf dem Boden nicht rauben können, so fehlt ihnen auch da die Wehrfähigkeit. Aber es kommt noch etwas Anderes hinzu. Je edler der Räuber ist, desto mehr haßt er das Aufsehen Erregende bei seinen Thaten, und wenn es Tumult und Aufruhr giebt, läßt er zuweilen schon sogleich nach der Ergreifung der Beute dieselbe wieder fallen. Schreiend haben wir sogar dem Hühnerhabicht in nächster Nähe das geschlagene junge Huhn abgejagt. Nichts haßt der edle Räuber mehr, als laute, auffallende Scenen, bei denen ihn das Gefühl der Unheimlichkeit und der Unsicherheit befällt. Denn wohlgemerkt! die Mordleidenschaft überragt um Vieles die Sättigungsgier; letztere tritt unter entgegenwirkenden Eindrücken weit eher zurück. Läßt doch der Edelfalk oft schon beim Ansichtigwerden der Schmarotzer die Beute sogleich fahren, während ihre Anwesenheit die Ausführung des Fangschlags nicht hindert.

[697] Bei den Nachtraubvögeln, den Eulen, sind die Fänge wie bei den Tagräubern auch die Wassen, die in erster Linie zum Fang und Mord dienen, so, sie erscheinen als solche zum Theil noch wirksamer. Dem ersten Schlag des furchtbaren Uhu erliegt die nicht allzu große Beute gewöhnlich gleich. Tief gräbt sich der sehnige, mit scharfen Bogennägeln versehene Fang in den Sitz des Lebens ein. Die Unternehmungen dieses unheimlichen Nachtthieres bestehen im Aufscheuchen der ruhenden Thierwelt durch weckende Flugzüge über Felder, Wiesen und Waldblößen oder in jähem Ueberfall. Der Jagd vermag dieser Unhold empfindlichen Schaden zuzufügen Dagegen erweisen sich die Eulenarten sonst


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Schleierkauz von Tagvögeln ausgezankt.


als wesentlich nützliche Vertilger schädlicher Nager. Ihre Gewölle zeugen von ihren Thaten, wenn sie auch zum Theil mehr als oberflächlich eingreifen in die Reihen der Insektivoren. Die Stärke der Eulen als Räuber liegt in dem unhörbaren Flug, dem die Nacht durchdringenden Auge, der außerordentlich wirksamen Fang- und Mordwaffe. Mit einem gewissen Grausen gedenken wir der sicher gezielten, augenblicklich tödtenden Fangschläge in die Käfige edler Sänger, so der Singdrosseln zur Nachtzeit, mit gründlichem Respekt der am offenen Fenster Abends von Schleiereulen ausgeführten Angriffe auf einen Mann, der ihre beiden Jungen in die Stube hereingenommen hatte. Mit jedem Schlage flogen Hautfetzen vom Kopfe und strömte das Blut herab. Das Verhältniß des Schleierkauzes zu den ihn umgebenden Kleinvögeln ist der Art, daß bei ihrem Erscheinen am Tage oft große Erregung in diesem befiederten Völkchen entsteht und die verschiedensten Vertreter der Sängerarten ihn umfliegen, Aengstlichkeit, Unwillen und Neugierde zugleich offenbarend. Wahrlich, ein interessantes Scenenbild für den aufmerksamen Beschauer!

Kehren wir zu Räubern des Tages zurück und verlassen wir die eigentlichen Raubvögel. Wir greifen uns als den Repräsentanten und das Urbild aller Raben den Kolkraben heraus, in welchem wir eine außerordentliche Schärfe der äußeren Sinne verbunden finden mit weitgehender Berechnung, Schlußbildung und Folgerung der Verstandesgabe. Der Mensch ist schon von weiter Ferne in seiner Gefährlichkeit oder Nichtgefährlichkeit von diesem Rabenkopf erkannt. Es ist, als ob er jede Bewegung in ihrer Bedeutung und Absicht verstehe, den Feind nach dem kleide Beurtheile, das er trägt, aus der Haltung seine Verdachtsgründe schöpfe. Die Küchlein der Hühner, Enten, Gänse und Truthühner auf Anger, Feld und Weide, wenn sie nur von einem Kinde gehütet werden, zieht er sofort in den Bereich seiner Raubpläne, und trotz der abwehrenden Versuche in Ton und Gebärde wagt er den frechen Diebstahl vor den Augen des geringgeschätzten Menschleins. Dem tapfer sich wehrenden und seine Jungen hinter sich vertheidigenden Mutterhasen versetzt er mit dem Schnabel, dieser derben, kraftvoll geführten Waffe, im Flugstoß betäubende Hiebe, die unter Umständen auch tödten und verloren ist dann die ganze Hasensippschaft, denn eins nach dem andern der Kleinen, deren Sitz sein vortreffliches Ortsgedächtniß genau sich gemerkt hat, trägt er zum nahen Walde oder zum einsamen Ort der Flur. Sein Horst zeugt durch die Reste der Vorräthe von der Vielseitigkeit und Fülle des Raubes. Alles durchforscht er , Bäume, Büsche, Flur, Trift, Wiesengrund, Fluß- und Teichufer. Was da stiegt und kriecht, kann er's bewältigen, wird unbarmherzig gemordet. Seine seelische Begabung führt ihn zu gemeinschaftlicher Ausführung von komplicirten Anschlägen mit einem Genossen, wobei die Rollen geschickt vertheilt sind.

An der Elster und dem Heher dürfen wir nicht vorübergehen; denn sie sind wahre Verwüster der Vogelbruten, erstere vorzugsweise in Fluren und Gärten, letzterer in Wäldern. Während die Elster hauptsächlich die ihr Sicherheit bietenden Morgenstunden [698] benutzt, um Bäume, Büsche und Boden nach Nestern und unbehilflichen Vögelchen zu durchsuchen, ist der Heher den ganzen Tag über auf dem Wege der Auskundschaftung. Wach und scharfsinnig sind beide in hohem Grade; sie merken auf die verrätherischen Anzeichen und wissen aus dem Gebahren und den Tönen elterlicher Besorgniß der Paare Schlüsse zu ziehen aus den Stand der Bruten. Und wie schlau weiß die Elster den Nachstellungen zu entgehen, die ihr Leben bedrohen! Wie dreist und verwegen benimmt sie sich dagegen im Bewußtsein ihrer Sicherheit bei Räubereien! Eine Glücksstunde führte uns einst zur Begegnung einer Elster mit einem Eichhorn, welches gleich ihr lüstern auf den Raub der Eier eines Restes bedacht war. Mit


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Eichhorn und Elster beim Nestraub sich begegnend.


wetterndem Geschrei empfing die Elster das Eichhorn und brachte dasselbe alsbald zum Zurückweichen, während sie von der Ausführung ihres geplanten Raubes nicht abließ und denselben rasch und derb ausführte. Steht ihr etwa der Heher im Rande nach? Spielend gleichsam mit sich selbst wie das unschuldige Kind, vor sich hinplaudernd und spottend über Andere mit nachgeahmten Tönen und Rufen durchwandert er Bäume und Büsche. Aber verborgen lauert der Mörder in ihm, und zur rechten Stunde wird der Heimtückische zum offen auftretenden Verderber des in Sorglosigkeit eingewiegten Vogellebens. Ja, wir können es als unbestreitbare Thatsache aussprechen, daß er die brütenden Kleinvögel unbehelligt läßt und an ihnen dicht vorübergeht und abwartet, bis die Jungen ausgekrochen sind. Im Augenblicken, wo die Eltern das Nest zur Herbeiholung von Futter oder zum Zwecke der Ausspannung verlassen haben, fällt dann der Mörder über die appetitlichen Nacktvögelchen her und verschlingt eins nach dem andern, der erfolglosen Angriffe der hinzukommenden Beschützer oft nicht achtend.

Auch die gemeine Krähe ist in den Kreis unserer Behandlung zu ziehen, weil man ihrem unbedingten Schutze selbst von berufener Seite aus vielfach das Wort geredet hat, obschon sie denselben keineswegs verdient. Außerdem aber gehört sie zu den hervorragend wachen und verstandesbegabten Räubern. Ihre Vielseitigkeit ist noch lange nicht bekannt genug. Namentlich tritt in ihrem Thun und Treiben ein großes Verständniß für die Interessen der Gemeinschaft hervor, welches sich durch die Geselligkeitsneigung zu so hoher Ausbildung gestaltet hat. Das Krähenvolk einer ganzen Gemarkung steht oft in engem Wechselverkehr. Und die Gemeinschaft wiederum giebt das Bewußtsein der Stärke und die Siegeszuversicht, so daß beim Angriff das Kühnste und Verwegenste von der wild schreienden und mit Stoß und Hieb herabfahrenden Sippschaft unternommen wird.

Es ist keine Uebertreibung des Erfolgs, wenn behauptet wird, daß selbst der Wolf unter dem Massenangriff solcher Dränger die nach dem Walde zu schleppende schwere Beute sacken lassen muß. Wo wird ein angeschossener Hase in der Flur von Krähen entdeckt, ohne daß diese Alarm geben, um im Gefühle der Unzulänglichkeit ihrer Fähigkeit, die Beute zu bewältigen, die Genossen aus der Ferne herbeizurufen? Dagegen sehen wir in anderen Lagen die Krähe allein oder wenigstens abseits von Gefährten hochaufgerichtet die niedere Krescenz durchschreiten, spähend nach erdständigen Vogelnestern, deren Inhalt sogleich geplündert wird, bestehe er in Eiern oder Jungen, oder nach einem Satz kleiner Häschen, die in alter Stille durch Schnabelhiebe getödtet und verzehrt werden, wenn die Hasenmutterliebe sich nicht zur Vertheidigung aufwirft, in welchem Falle sofort das Schreisignal ausgegeben und wie der Ton des Eisenbahnhornes von Station zu Station weiter befördert wird. Dort [699] lauert die lüsterne Krähe am seichten Ufer, um zu fischen oder zu krebsen, und man irrt, wenn man geringschätzig von ihrem Erfolg nach dieser Richtung hin denkt. Wie zutraulich sie gewöhnlich erscheint, bei der Verfolgung setzt sich alsbald nicht bloß in den bedrohten Krähen Mißtrauen fest, sondern auch in denen, welche die Vorgänge aus der Ferne mit angesehen haben oder denen dieselben von andern der Sippschaft erzählt worden sind. Die Noth macht erfinderisch. Das bewies eine Krähe, deren Weibchen heißbrütend auf dem Neste saß und vor dem anschleichenden Jäger nicht fliehen wollte. Das Männchen stieß jäh auf das Nest herab und trieb das Weibchen mit Gewalt zur Flucht. Dieser Vorgang stellt sich als ein wahrer Triumph der Thierseele in Bezug auf die Befähigung zu verstandesmäßigem Schließen dar, giebt uns aber auch zugleich den Schlüssel zur Würdigung des Scharfsinns und der Ueberlegung, mit welcher die Krähe in ihren Raubunternehmungen aufzutreten vermag.

[714] Wir kommen zu den Würgern, diesen Vögeln von merkwürdiger Doppelstellung, bei denen die Raubnatur mit dem Anspruch auf ihre Stellung als Sänger in schroffem Gegensatz steht. Doch wiegt bei der einen Art entschieden die eine, bei der anderen ebenso entschieden die entgegengesetzte Stellung vor. Unzweifelhaft ist der Raubwürger, unsere größeste Art, den Raubvögeln am meisten verwandt. Mit ihnen theilt er noch, abgesehen von der Schnabelbildung und dem vorwaltenden Gebrauch der Füße beim Zerlegen und Tragen der Beute, das Rauben in größerem Stil, die Beherrschung ausgedehnterer Flächen, sodann das Mitteln und den Raubanfall der Vögel im Fluge. Gewöhnlich sitzt er auf hoher Warte der Hecken und Bäume, nach allen Richtungen hin das Jagdterrain der Nähe überschauend. Hat er eine Maus, die er vorzugsweise gerne aufs Korn nimmt, entdeckt, so stürzt er sich eilend auf sie herab, mit ausgebreiteten Flügeln nach Genick und Kopf hastig auf einander folgende Schnabelhiebe richtend. Stößt er fehl oder entwischt sie ihm, so giebt er die Hoffnung auf baldige Wiederkehr derselben aus dem Zufluchtsort auf. Stellt er sich aber rittelnd über die Flur, so hat die Maus sich nur erst seinem Späherauge verrathen, und nun beginnt oft eine sehr anstrengende Arbeit für ihn. So lang er es vermag, hält er rittelnd aus, minutenlang; dann unterbricht er das Ritteln durch einen Bogenflug, um sich sogleich wieder festzustellen. Tritt Erschöpfung ein, so läßt er sich in der Nähe auf einer Erhöhung auf den Boden nieder, hochaufgerichtet den Kopf nach dem Aufenthalte des ausersehenen Opfers wendend. Nach einer Weile erhebt er sich wieder und setzt die Versuche fort, bis endlich der günstige Augenblick ihn zum Flugsturz veranlaßt. Goldammern und Sperlinge jagt und verfolgt er durch das Geäste der Bäume, um sie zur Flucht über freie Plätze zu nöthigen, wo er sie überfliegt und durch Sturzangriffe zu stoßen und zu verwirren sucht. Interessant ist es, wie er seine Anstrengungen verdoppelt, je näher der Flüchtling der rettenden Deckung kommt; da geht er zu einem förmlichen Purzeln über und verliert in der Hast selbst Halt und Sicherheit.

Im Winter bei Kälte und Schnee stößt er oft wochenlang täglich die Kleinvögel an Futterplätzen, wo sie entweder ermattet oder sorgenlos sich zusammenscharen. Und ob er nach und nach Dutzende im Laufe von Wochen raubt: die Genossen der zur Beute Gewordenen kommen nicht recht zur Erkenntniß seiner doch deutlich genug ausgesprochenen Feindschaft, sie erblicken in ihm nicht den Schrecken eines Raubvogels. Das kommt ihm denn natürlich sehr zu Statten, und er gehört zu denen, welche das Vertrauen zu jeder Zeit zu mißbrauchen bereit sind. Auch die Schwarzamsel, welche an Größe ihn etwas überragt, fällt er im Winter mörderisch an. Es ist wirklich ein kouragirter Räuber, dieser Würger, der sogar den staunenswerthen Erfolg zu erringen [715] weiß, dem Hühnerhabicht die Unternehmungen zu durchkreuzen und ihn angesichts der entsetzten Vögel buchstäblich in die Flucht zu schlagen.

Im Sommer legt sich der Raubwürger auf Auskundschaftung der Vogelnester, zumal zur Zeit, wo die Jungenpflege das Paar zur Verdoppelung seiner Austragungen bewegt. Es ist Würgerart, auf die Töne der Vögel zu lauschen und daraus den Stand des Restes und den Sitz der Jungen zu erkunden. Das thut auch der röthrückige Würger, den das Zirpen und Hungergeschrei der jungen Vögel zu ihren Schlupfwinkeln leitet. Wenn auch die Sättigung eingetreten ist, so hört beim Würger noch nicht die Mordlust auf. Er spießt die überflüssige Beute an Dornen an. Der Raub ist ihm Bedürfniß, der Mordsinn beherrscht ihn in hochgradiger Leidenschaft. Reizt ihn Beute, deren Aneignung durch Hindernisse oder entgegentretende Bedrohung seiner Sicherheit erschwert wird, dann kämpfen Vorsicht und Furcht mit Lüsternheit und Mordsinn, dann tritt dieser Seelenvorgang in dem charakteristischen Zeichen des wie ein Taktstäbchen hin- und hergeschwenkten gefächerten Schwanzes aus, und es bietet sich hier wieder eine schöne Gelegenheit zur Vertiefung thierpsychologischer Studien.

Lenken wir unsere Beobachtung auf unseren Storch, den gleichsam auch bei uns durch Schutz und Schonung, ja sogar durch die menschliche Hilfe zur Anlegung seines Horstes geheiligten Vogel. Betrachten wir nur seinen Schnabel, dessen Spießhiebe durch weites Ausholen des langen Halses sich so wirksam erweisen, und wir erkennen ihn sofort als einen gefährlichen Mordgesellen. Die Vögel der Flur zu ergreifen und hinunter zu werfen in den Schlund, ist ihm ein leichtes Spiel, die Maus, der Laubfrosch und die Eidechse verschwinden rasch unter würgender Bewegung. Vom jungen Häschen fliegen die Fetzen unter den Hieben, und von den zerlegten Theilen folgt einer dem andern in die hungergähnende Tiefe. Das Morden ist dem Storch eine Lust. Dieser Sinn lenkt seine Schritte in hochtrabender Gravität durch Wiese und Saatfeld, durch Sumpf und Moor. Ueberall späht scharf und gründlich das Auge umher, und mit der Entdeckung ist Stoß und Hieb so unmittelbar verbunden, daß an ein Entrinnen der Beute kaum zu denken ist. Wo sich's noch unter dem Rasen oder der Erdoberfläche sichtbar regt, da dringt wuchtig der Schnabel ein, zielbewußt und sicher gelenkt. Maulwurf und Feldmaus werden gar oft mit einem Bündel Rasen zum Horste getragen. Auf das Stoßen des Maulwurfs lauert der Räuber unbeweglich und schlagfertig, wie der Gärtner mit der Hacke. Auf überschwemmten Wiesen und an Gräben, welche Fische bergen, sehen wir ihn waten und mit Erfolg fischen. Freilich leistet der Reiher darin ungleich mehr, er ist ein unberechenbar schädigender Feind der Fischereien. Mit dem Tagesgrauen ist er da, auf seinem Zuge durch die Flussthäler an Stellen einfallend, wohin er sich am hohen Tage und beim Walten des Verkehrs nicht wagt. Seine Fertigkeit im Fischen ist bewundernswerth. Wer ihn mit dem Tubus in ungestörtem Treiben so oft wie wir beobachtet hat, der weiß die Tücke zu ermessen, mit der er überlistet, die Ausdauer, mit welcher er seinen Zweck erreicht, die Bosheit und Lüsternheit, mit der er seine Raubthaten ausführt. Aber doch bewahrt er bei aller Gewalt des inneren Dranges die nöthige Selbstüberwindung, um den rechten Zeitpunkt zum Zufahren abzuwarten und die Gunst des Augenblicks zu nützen. Da steht er am Ufer oder im Seichtwasser, regungslos den Blick geheftet auf den Wandel der Fische. Sie kommen heran zu seinen Ständern oder ziehen in erreichbarer Nähe an ihm vorüber, jedoch so, daß ihm der Eingriff noch nicht sicher genug dünkt. Er beherrscht sich noch, aber nun hat er sich mit einem Male ein Opfer ausersehen -: ein Spießwurf in das Wasser mit solch mitreißender Gewalt, daß der ganze Vogel bisweilen nach vorn überstürzt und der Flügelschlag hemmend eingreift - ein rasches Zurückziehen und Aufrichten der gestreckten Gestalt - ein Zurechtwerfen des erfaßten Fisches, daß dieser mit dem Kopf zuerst in den Schlund eintaucht - ein je nach der Größe der Beute mehr oder weniger anstrengendes nachdrucksvolles Würgen - und die Raubthat ist vollbracht.

Das bildsäulenartige Verharren in der angenommenen Stellung wendet der Reiher auch beim Herannahen ihm verdächtiger Erscheinungen an. Wer hätte nicht schon die Reiherfamilien in Sümpfen in solcher versteinerten Stellung gesehen? Dort ragt eine Statue hervor, da eine andere, drüben neben einander die dritte und vierte, als seien sie wie spitzzulaufende Grenzsteine von Menschenhand eingerammelt worden. Das sind unheimliche Gestalten, finstere, boshafte, widerwärtige Raubcharaktere, deren rauher Sägeton aus der Luft das Antipathische in der Seele des Hörers und Beschauers nur noch mehrt. Uebrigens müssen Jäger und Hunde beim Angreifen eines angeschossenen Reihers auf ihrer Hut sein, denn sie richten ihre Stöße heimtückisch boshaft nach den Augen.

Als Fischräuber tritt auch der Eisvogel auf den wir bereits in der „Gartenlaube“ gegen die Verfolgung verblendeter Vertreter und Berather von Fischereivereinen neben der anmuthigen Wasseramsel in Schutz genommen haben. Diesmal gilt es nur, diese Vögel in der eigentümlichen Art und Weise ihrer Raubunternehmungen zu kennzeichnen, und es bietet sich in ihren Seelenäußerungen bei denselben Anziehendes in reichem Maße dar.

Wir schleichen uns setzt in die Nähe eines alten Eisvogels, der schon manches Jahr hindurch die beliebten Lauerstände eingehalten hat, wo die Erfahrung ihn zum Meister als Stoßfischer ausbildete. Wir finden ihn auf der Lauer, auf überhängendem dürren Aste eines Weidenbaumes. Nicht starr und regungslos, wie wir es beim Reiher und anderen Großvögeln gesehen haben, die im Bewußtsein ihrer auffallenden Erscheinung so sehr aus sich selbst bedacht sein müssen, sitzt der Eisvogel da, sondern er weiß, daß er eine winzige Erscheinung in Manneshöhe über der Wasserfläche bildet und die Fische unter ihm seine kleinen Bewegungen nicht wahrnehmen oder gar beargwöhnen werden. Eine bewegliche Rolle übernimmt vorzüglich das kurze, geschmeidige, auf und nieder und im Affekt auch seitlich geschwungene Schwänzchen. Auch ein leichter Bückling zeugt von seinem Wohlbehagen oder auch von seiner Erregung beim Anblick einer herannahenden Fischgruppe. Mit schiefgehaltenem Kopf lugt der Vogel in die Tiefe. Einen seiner Wahl an Größe entsprechenden Fisch faßt er scharf aufs Korn, rückt vor und stößt im Sturz unter die Wasserfläche nach ihm. Hat er ihn erfaßt, und dies geschieht jedesmal von der Querseite, so führt ihn die Wirkung des Stoßes noch eine kleine Strecke fort, dann aber rudert er mit den kurzen Flügeln in leicht ansteigender Linie empor und taucht auf, sogleich dem verlassenen oder einem nahe befindlichen anderen Sitz zustiegend. Hier wendet er den Fisch schlinggerecht und würgt ihn kopfüber hinab, alsdann das Gefieder schüttelnd und in starrer Stellung einige Augenblicke verharrend, als bereite ihm die verschlungene Beute Schmerz oder Unbehagen, als sitze der Raub noch nicht an der rechten Stecke. Ja bisweilen, was aber doch nur als Seltenheit und Ausnahme vorkommt, würgt er den zur Bewältigung zu großen Fisch so, daß er denselben weder ganz hinabzuschlingen vermag, noch das Ausschleudern ihm gelingt und er in Folge dessen erstickt. Wie sehr es aber der Uebung im Fischen beim Eisvogel bedarf, das sehen wir an den häufigen Fehlstößen der eben erst selbständig gewordenen Jungen. Selbst die alten Meister stoßen vielfach hinter einander fehl und haben oft unter wenig günstigen Witterungsverhältnissen ihre große Noth, sich die erforderliche Fischnahrung anzueignen. Das Fischraubgebiet des Eisvogels erstreckt sich sehr weit, oft drei- und viermal weiter als das der Wasseramsel, welche paarweise auf zwei bis drei Kilometer Entfernung ihre Heimstätte beschränkt.

Wir haben den Leser in großen Schnellzügen an Vielem vorübergeführt, bei dem wir gerne verweilt und unsere Führerschaft mit aller Treue der Naturwahrheit ausgedehnt hätten. Aber wir dürfen annehmen, daß diese Charakterschilderungen genügen werden, um einen tieferen Einblick zu gestatten in die Vorgänge des Seelenlebens der Räuber der Thierwelt durch die Offenbarungen ausgeprägter Familien- und Arteigenthümlichkeiten. Wir erkennen auch hier überall das Vorwalten der wunderbaren Naturgaben, welche in unübersehbaren Zeiträumen das Typische, die großen Urformen der Artung, nicht verloren haben, aber innerhalb ihrer eigentümlichen Kennzeichnung freien Einzelgestaltungen Raum und Zutritt gewähren, wodurch das Schablonenmäßige durchbrochen und durch das seelische Element der Erfahrungseinwirkungen und der Ueberlegung belebt und in höhere Beleuchtung gestellt wird.