Der nordfränkische Zschokke

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Hofmann
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der nordfränkische Zschokke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 738–740
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Biographie über Heinrich Schaumberger
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[738]
Der nordfränkische Zschokke.
Ein Dichterlebensbild von Friedrich Hofmann.

Wer ist der kühne Reiter? Sprengt die Wiese am Waldrande daher ein etwa zehnjähriger Dorfjunge auf einer Kuh! Dieser Ritt scheint, wenigstens für die Kuh, kein Vergnügen zu sein, denn sie gebraucht plötzlich eine Kriegslist, um ihre Last los zu werden: sie trabt so hart an den Baumstämmen hin, daß der Junge, um sein bedrohtes Bein zu retten, es hinaufziehen muß, und so verliert er den Halt und wird vom Kuhrücken gleichsam heruntergeschält.

In der That ist der Ritt eine Strafe für die Kuh gewesen. Der junge Hirt, des Schulmeisters Heinrich, hatte die Gewohnheit, aus dem bescheidenen Vorrathe des Vaters immer einige Bücher im Brodsack mit aus die Weide zu nehmen, um seine Lern- und Lesebegier zu stillen. Sobald aber die Kuh den Heinrich im seine Bücher vertieft sah, schlich sie sich von dannen, um auf eigene Faust im Walde spazieren zu gehen. Weil die Uebelthäterin den Strafritt vereitelte, band Heinrich sie fortan an einem langen Strick sich am Beine fest, und wenn nun der Knabe in seinen Büchern oder auf den Flügeln seiner Phantasie so selig schwärmte, daß ihm die Augen leuchteten, stand die böse Kuh daneben und machte ihr verdrießlichstes Gesicht dazu.

Das ist ein Bildchen aus dem Lebensaufgang eines Dichters, der innerhalb der kurzen Spanne eines sogenannten Menschenalters in der Erforschung und Darstellung des Völkchens, dem er angehörte, von der Pike auf gedient und durch fünf Werke sich einen Platz in der Reihe der besten Volksschriftsteller errungen hat. Leider dürfen wir ihn ganz laut loben, denn er ist todt und der Alpenschnee fällt zum dritten Male auf seinen Grabhügel. Dieser Schriftsteller ist Heinrich Schaumberger, und die fünf Werke heißen „Vater und Sohn“, „Im Hirtenhaus“, „Fritz Reinhardt, Erlebnisse und Erfahrungen eines Schullehrers“, „Zu spät“ und „Bergheimer Musikantengeschichten“.

Ein besonderer Werth dieser Dichtungen, zu welchen aus dem Nachlaß des so jung Heimgegangenen noch eine Anzahl Volkssittenschilderungen, Erzählungen, kleinerer Aufsätze und Poesien gekommen ist[1], gründet sich auf die meisterhafte Charakteristik seiner Heimath-Landbevölkerung, die, den Herzogtümern Coburg und Meiningen angehörig, durch ihre fränkisch-thüringische Mischung eine mit hervorstechenden Eigentümlichkeiten in Leben, Sitten, Gewohnheiten und Sprache ausgestattete Uebergangsgruppe am Südabhang des Thüriniger- und Frankenwaldes bildet. Eine solche Volksthümlichkeit kann nicht studirt, sondern muß eingelebt werden, und daß Heinrich Schaumberger darin aufwuchs, mit dem Herzen immer darin blieb, aber mit dem Kopfe darüber emporragte und dieselbe durch seinen Beruf verstehen, schätzen, für die Darstellung endlich beherrschen lernte und sein ungewöhnliches Erzählertalent ihr ganz widmete, das hat ihn zu dem Dichter erhoben, als welchen wir ihn lieben und ehren.

Schaumberger's Geburtsort ist das Städtchen Neustadt, zwischen Coburg und Sonneberg, jetzt an der beide Städte verbindenden Eisenbahn liegend. Dasselbe treibt die Hauptbeschäftigung beider Nachbarn, die Spielwaarenfabrikatian Sonnebergs und die Bierbrauerei Coburgs im einem Maße, daß es zu beiden eine Stellung wie etwa Fürth zu Nürnberg einnimmt. Spielwaaren und Bier lassen auf ein rühriges und heiteres Völkchen schließen, und so ist das Neustädter in der That, Heinrich Schaumberger aber war das richtige Kind dieser Stadt. Eines seiner nachgelassenen Werke aus früherer Zeit, die „Bergheimer Musikantengeschichten“, liefern wahre Cabinetsstücke des gesundesten Humors, der ihm selbsl dann nicht ganz ungetreu wurde, als das Schicksal dafür sorgte, den Ernst in ihm zur Vorherrschaft zu bringen.

Die ersten Schatten fielen im Elternhause auf sein Leben. Seine Mutter, an der er, wie es ja so deutsche Dichterweise ist, mit zärtlichster Liebe hing, war immer krank. Als der Knabe sechs Jahre alt war (er ist am 15. December 1843 geboren), wurde sein Vater als Lehrer in das schöne, große Pfarrdorf Weißenbrunn vor dem Walde versetzt, wo die Eltern seiner Mutter wohnten. – Großeltern! – Welchem Kinde lacht nicht das Herz schon bei dem Worte? Aber schon nach vier Jahren verlor er hier seine Mutter; sie erlag dem Lungen- und Kehlkopfsleiden, von dem sie den Keim als schreckliche Erbschaft ihrem armen Sohne hinterließ. Heinrich’s Vater war ein offenbar durch die Lasten und Sorgen seines Berufes verstimmter Mann; er hatte [739] den Sohn wohl lieb, aber das Mahnwort: „Geh’ fleißig um mit Deinem Kinde!“ war ihm fremd. Er ließ ihn mit den anderen Bauernkindern in der Schule sitzen, außerdem aber frei aufwachsen. Im Herbste hatte er des Vaters und der Großeltern Kühe auf die Weide zu treiben. Dort sind wir ihm bei seinem Kuhritt zuerst begegnet.

Für eine Dichtererziehung muß diese Kindheit eine glückliche genannt werden, und Schaumberger hat sie mit frischen, offenen Dichteraugen durchlebt. Das beweisen die Hinderscenen in allen seinen Dichtungen. Namentlich das „Hirtenhaus“ giebt von Leid und Lust des Kindesherzens ergreifende Bilder; sie schmücken goldene Seiten dieses Prachtbuchs. Er selbst hat später oft erzählt, daß er viele schöne Stunden besonders in seinem freien Hirtenleben genossen und in der wundervollen Natur auch Manches für den Geist gewonnen habe. Seine farbenreichen Naturschilderungen sind offenbar eine Frucht dieser Zeit. Im Selbststudium war er unermüdlich. Selbst Clavier- und Orgelspielen lernte er für sich, bei nur sehr geringer väterlicher Unterweisung. Diesem Allen drohte mit Heinrich’s Confirmation und dem Ende der Schulzeit ebenfalls ein Ende. Ohne jede Vorsorge für die Weiterbildung des begabten Knaben ließ sein Vater ihn von da an gewöhnliche Knechtsdienste leisten; er mußte jeden Morgen um zwei Uhr an die Arbeit, im Sommer Gras mähen, im Winter dreschen u. dgl. Für Lesen, Schreiben und Musik blieben ihm nur gestohlene Minuten, und doch fallen in diese harte Zeit seine ersten poetischen Versuche in Liedern und Erzählungen. So hatte er das siebenzehnte Jahr erreicht, als man endlich seinem flehenden Drängen nachgab, ihn das Schullehrer-Seminar in Coburg besuchen zu lassen. Er kam dahin mit keinen anderen Kenntnissen und Fertigkeiten, als die er sich selbst heimlich erworben; er konnte nicht einmal orthographisch schreiben. Da galt’s arbeiten. Seine Mitschüler von damals bewundern noch heute seinen Fleiß; seine Staatsprüfung fiel glänzend aus. Jetzt erfüllte ihn die Sehnsucht: wenigstens ein Jahr noch in Jena philosophischen Studien obliegen zu dürfen. Sein heller Geist hatte schon damals den wahren Werth „der unseligen Lehrer-Seminare“ erkannt, „dieser Amphibien unter den Lehranstalten“, wie er sie in seinem „Fritz Reinhardt“ nennt. Er hatte, in der Hoffnung auf die Erfüllung seines sehnlichsten Wunsches, schon mit einigen seiner Seminargenossen Wohnung in Jena bestellt. Aber vergeblich – all’ sein Bitten half nichts: er sollte und mußte fortan selbst sein Brod verdienen, und er that es.

Diesem Dichter durfte aber auch von den Lebensprüfungen keine erspart bleiben. Ostern 1864 erhielt er eine untere Lehrerstelle in Einberg, einem großen Dorfe, das an einem Hügel liegt, welcher das schöne Thal der berühmten „Rosenau“ begrenzt: ein rechter Poetenwinkel. Dennoch war er damals noch mit Leib und Seele nur Lehrer, und das Steckenpferd, das jeder begabte Mensch haben muß, war für ihn die Geographie; er suchte nach einer möglichst nützlichen Unterrichtsweise derselben und wurde dabei sogar ein geschickter Kartenzeichner. Mitten in diese Studien trat ein bildschönes Mädchen, die Tochter eines Lehrers von einem Nachbardorfe. Da kam die Liebe über ihn und machte ihn zum Helden eines kurzen, wonne- und thränenreichen Romans.

Im Juli 1866 sicherte sich Heinrich den Besitz seiner Clara durch die Verlobung. Beide Brautleute waren noch blutjung; sie wollten mit der Hochzeit warten, bis eine bessere Stelle ihnen die Gründung eines Haushalts erleichterte. Es war rührend: so viel kalte Vernunft bei so heißer Liebe! Bald aber kam der Mißwille dazwischen; Clara sollte sich nach einer reichen Partie umsehen und den armen Lehrer laufen lassen. Aber die erst siebenzehnjährige Braut hielt Lieb’ und Treue heilig, ja sie wollte sogar, um den Quälereien der Ihrigen zu entgehen und ihr Treuwort zu retten, einen Dienst auswärts suchen. Das griff dem jungen Bräutigam an’s Herz. Trotz der zweihundertfünfzig Gulden Besoldung mußte es gewagt werden: noch im September desselben Jahres feierte das Paar seine Hochzeit. Sie hielten Flitterwochen der Armuth und waren doch so glücklich. Sie mußten sehr sparsam leben, aber sie waren zufrieden. Schon im folgenden Jahre erhielt Schaumberger eine bessere Lehrerstelle, und im Februar 1868 schenkte Clara ihm ein Söhnchen. Hiermit schloß das Glück. Elf Tage später stand der weinende junge Vater zwischen dem Sarge der Gattin und der Wiege des Kindes.

In hartem Arbeiten und Kämpfen, in Entbehrung und Sorge verging ihm ein Jahr; da starb Ostern 1869 sein Vater, und diesmal führte das Schicksal ihn durch die Trauer zu neuem und zu seinem letzten und schönsten kurzen Glücke. Er ward der Nachfolger seines Vaters in der Schule zu Weißenbrunn, wo sein uraltes Großmütterchen noch lebte und sich noch des Urenkels freuen konnte; als sein Pfarrherr aber begrüßte ihn ein Mann, der den geistigen Werth seines Schullehrers ebenso rasch und klar erkannte, als dieser in seinem Pfarrer den edlen, freisinnigen und humanen Geistlichen, Denker und Dichter verehren lernte. Welche Bedeutung dies für ihn hatte, kann nur ermessen, wer da weiß, daß Schaumberger früher gegen orthodoxe Eingriffe in seine Schulführung schwer zu kämpfen und den Stoff zu seinem „Fritz Reinhardt“ zum Theil selbst erlebt hatte.

Der Pfarrer Oskar Bagge hatte als „Josias Nordheim“ die Volkskreise bereits mit einer Reihe kerngesunder Erzählungen erfreut. Da lag es nahe, daß der jüngere dem ältern Freund auch Proben seiner früheren poetischen Versuche mittheilte und daß er von diesem die herzlichste Aufmunterung zum Weiterschaffen erhielt. So entstanden zuerst die „Bergheimer Musikantengeschichten“, die für uns auch dadurch von besonderem Werthe sind, daß Heinrich Schaumberger mit ihnen zugleich dasjenige Gebiet fand, in dessen Darstellung er eine geradezu klassische Größe erreichte. Den vollen Beweis dafür lieferte gleich seine erste ernste Erzählung „Vater und Sohn“. Am Schluß derselben legt er den Grundgedanken, der ihn fortan bei seinem dichterischen Schaffen leitete, der erquickendsten seiner Gestalten in den Mund, die in allen seinen Werken wieder erscheint: dem „Schulbauer“, in welchem er einen Lehrer, der durch eine glückliche Heirath Landgutsbesitzer geworden ist und, gleich ihm, „mit dem Herzen im Volk und mit dem Kopf darüber“ steht, als ein Mannes-Ideal hinstellt. Dieser sagt am versöhnenden Schluß jenes erhebenden Lebensbildes: „Ja, solche Thaten müssen geschehen, damit die Welt erfährt, was es auch im Bauernstand für tüchtige Menschen giebt, und – das ist am Ende die Hauptsache.“ –

Noch in dem für ihn so hoffnungsgrünen Jahre 1869, als die rauheren Winde des Spätherbstes von den Thüringer Bergen herabwehten, regte sich der mütterliche Todeskeim in der Brust des armen Sohnes. Der Zwang, daß Schaumberger in so jungen Jahren die anstrengende Lehrerthätigkeit beginnen mußte, anstatt erst in Jena Leib und Seele zu kräftigen, die furchtbaren Aufregungen jeder Art und all die allzu frühzeitigen Erfahrungen, die ihn so bald geistig zum gereiften Manne machten, trugen nun ihre Früchte. Das erste Bluthusten stellte sich ein. Er hat es wohl verschwiegen, denn er setzte seine Thätigkeit in der Schule noch ein ganzes Jahr lang fort. Das rächte sich schwer. Als der Winter von 1870 hereinbrach, warfen drei Lungenblutungen ihn auf’s Krankenlager; er mußte einen Vicar für seine Schule halten. Die dadurch gewonnene Ruhe that ihm wohl; er überwand den harten Anfall; desto fleißiger saß er am Schreibtisch, und das Labsal des poetischen Schaffens weckte mit dem nahenden Frühling neue Lebenshoffnung in ihm auf, während im Pfarrhause ihm leise, und immer beseligender der Himmel der Liebe aufging. Er beschloß, gründliche Heilung in Davos zu suchen; vor der Abreise feierte er die Verlobung mit seines Pfarrers und Freundes Tochter Magdalene. – Wer kennt nicht den schönsten Segen protestantischer Pfarrhäuser! Wenn der rechte, vom reinen Hauch der Wissenschaft und Bildung veredelte Luthergeist in ihnen waltete, waren sie stets auch die Schulen der besten Hausfrauen, und Magdalenens Elternhaus „war als eine Stätte nie getrübter Famlieneintracht mit tausend Freuden geschmückt“.

Die herrliche Luft von Davos that Wunder. Schaumberger verlebte einen guten Sommer, Herbst und Winter dort, und als der Frühling, besonders nach seiner Heimkehr, wieder neue Leiden brachte, beschloß er die vollständige Uebersiedelung nach Davos. Nachdem er im Mai 1872 Hochzeit gehalten und dann den Umzug vorbereitet hatte, vollbrachte er ihn im August desselben Jahres. Aber die Luft von Davos that nun keine Wunder mehr. – Nur noch ein Jahr und sieben Monate widerstand die Jugendkraft den immer heftigeren und qualvolleren Angriffen der Lungen- und Halskrankheit, die später noch mit Rippenfellentzündungen abwechselten; in dieser ganzen Zeit konnte der Arme kein lautes Wort mehr sprechen und zuletzt [740] nur noch flüstern und lispeln. Und dennoch brachte er jede schmerzlosere Minute am Arbeitstische zu, denn die Noth pochte an’s Fenster und preßte ihn auf’s Herz. Hatte doch ihn und die Seinen noch das Schwerste getroffen: sein Schwiegervater war am letzten März 1873 plötzlich gestorben. So war auch die letzte Stütze seiner Lieben gebrochen, und er mußte allein für ihre Zukunft sorgen. Heldenmüthiger, als er, hat noch Niemand sein letztes und größtes Werk geschaffen: seinen „Fritz Reinhardt“, das größte Epos des deutschen Lehrerlebens.

Auf dem Schmerzeitslager, noch unter den Nachwehen eines furchtbaren Krankheitsanfalles leidend, schrieb er mir am 16. December 1873 mit Bleistift eine Schilderung dieses seines letzten Heldenkampfes, die es werth ist, so laut und weit wie möglich verbreitet und dem deutschen Volke an’s Herz gelegt zu werden. Möge’ Niemand, der durch die Schicksale des Mannes nun zur Theilnahme für ihn erwärmt ist, diesen im letzten Band seiner gesammelten Werke abgedruckten Brief ungelesen lassen. – Als endlich seine Arbeitskraft der Krankheit und der Anstrengung völlig erlag, war es die in unserem Volke, und namentlich in den vermögenden Kreisen viel zu wenig gewürdigte und unterstützte Schillerstiftung, welche Noth und Sorgen von seinem Sterbebette zu bannen und ihn selbst für die Zukunft der Seinen zu beruhigen suchte. Auch die Besprechung seiner Schriften in der „Gartenlaube“ gehörte zu seinen letzten Freuden; die Erinnerung daran verwebte sich noch mit seinem letzten Traum. Als er am 16. März 1874 früh erwachte, sagte er zu seiner Gattin: „Heute oder morgen werde ich sterben – ich weiß es ganz gewiß: ich habe heute im Traume meine Todesanzeige in der ,Gartenlaube‘ gelesen.“ Wenige Stunden darauf war er entschlafen. Der Friedhof zu Davos birgt das einsame Grab des Dichters; möge wohlverdiente Liebe und Verehrung es bewahren, pflegen und schmücken! – Heinrich Schaumberger’s Wittwe lebt mit dem Söhnchen Karl in Coburg.

Wenn die Werke dieses Dichters noch nicht die Verbreitung gefunden haben, die ihnen gebührt, so trägt nicht die Kritik die Schuld. Die Presse hat mit einer Einstimmigkeit, wie sie nur den bevorzugtesten Schöpfungen zu Theil wird, sich über den hohen Werth von Schaumberger’s Dichtungen ausgesprochen. Organe wie die „Neue Freie Presse“, die „Blätter für literarische Unterhaltung“, der „Bildungsverein“ (Centralblatt für das freie Fortbildungswesen in Deutschland) und viele andere Zeitschriften haben ihn mit unseren besten Volksschriftstellern, mit Heinrich Zschokke, Franz Ziegler, Berthold Auerbach, Fritz Reuter und Jeremias Gotthelf verglichen und neben ihnen nicht zu leicht befunden. „Neben Heinrich Zschokke,“ sagt die „Neue Freie Presse“, „ihm, dem mit Unrecht zurückgesetzten, unerreichten Meister der novellistischen Composition, besitzt unsere Literatur kaum einen zweiten Erzähler, der wie Heinrich Schaumberger so durch und durch gesund, so erfrischend, so herzaufregend, so lebenskundig, so gemüthsvoll und so versöhnend gedichtet hat.“ Und die „Blätter für literarische Unterhaltung“ stellen Schaumberger’s „Charaktertypen“ hinsichtlich der „plastischen Kraft der Lebenswahrheit“ noch über die so berühmt gewordenen Figuren der Auerbach’schen Dorfgeschichten.

Auffallender Weise hat man gerade einen Dichter von der nächsten geistigen Verwandtschaft mit Schaumberger unerwähnt gelassen: Otto Ludwig von (dem nur wenige Stunden von Schaumberger’s Heimathsdorfe Weißenbrunn, dem „Bergheim“ seiner Erzählungen, entfernten) Eisfeld. Wem die Gestalten in der „Heiterethei“, „Zwischen Himmel und Erde“ und im „Erbförster“ vor Augen treten, der wird sofort erkennen, daß beide Dichter auf einem Heimathboden stehen und daß es Volksgenossen sind, die beide in ihrer Urwüchsigkeit vor uns hinstellen, beide mit der strengen und unerbittlichen Consequenz der Ursachen und Folgen und beide in der richtigen, echten, poesievollen und bilderreichen Volkssprache. Nur Eines scheidet sie. Während Ludwig’s Dichtungen (namentlich die dramatischen) zum Theil einen unversöhnenden, ja oft fast unerquicklichen Eindruck hinterlassen, legen wir jedes Buch Schaumberger’s mit dem wohlthuenden Gefühle sittlich erhebender Herzensbefriedigung aus der Hand.

Bei den „Bergheimer Musikantengeschichten“, deren köstlicher Humor an die lieblichsten Volksidyllen Jean Paul’s (ohne deren Gelehrsamkeitsballast) erinnert, versteht sich der versöhnende Schluß von selbst. – Großartig wirkt, er in „Vater und Sohn“, der Darstellung eines Eheunfriedens, der durch die unerschütterliche Bravheit des „Sohnes“ nach furchtbaren Stürmen besiegt wird. – Weit schwerer hatte sich selbst den versöhnenden Schluß der Dichter in der Erzählung „Zu spät“ gemacht, in welcher er den Uebermuth eines reichen Bauernsohnes gegen ein von ihm wahrhaft geliebtes, armes, aber charaktervolles Mädchen bis zur Vereinsamung seines ganzen Lebens büßen läßt. In dieser Erzählung geht er aus dem Rahmen der Heimath heraus und führt uns mit demselben Gestaltungsgeschick auch nach Amerika. – Seine umfangreichste Arbeit, der dreibändige Roman „Fritz Reinhardt“, verließ ebenfalls diesen Rahmen insofern er das Leben „der „Hauptstadt“ (Coburg) mit in seine Kreise zieht. Ludwig Würkert, der vielerfahrene Kämpfer auf dem Gebiete der Kirche und Schule, nennt denselben „eine seltene Perle“, ein „Bild der Wahrheit voll Reichthum und Tiefe“, ein Muth- und Trostbuch, das er jedem deutschen Lehrer an’s Herz legt, und wie alle Beurtheiler beklagte auch dieser Greis das allzu frühe Ende eines solchen hoffnungsreichen Lebens. – Als die herrlichste, poesievollste von allen Schöpfungen Schaumberger’s gilt uns seine Erzählung „Im Hirtenhaus“, die den Sieg einer sittlich reinen Familie im tiefsten menschlichen Elend schildert und als illustrirtes Volksbuch, wie Marlitt’s „Goldelse“ und Auerbach’s „Barfüßele“, in Aller Hände kommen sollte. Es genüge hier der Hinweis auf das Urtheil in Rudolf Gottschall’s „Blättern für literarische Unterhaltung“, welches lautet: „Schanmberger’s ,Im Hirtenhaus‘ ist eine Volkserzählung ersten Ranges, welche die höchste Beachtung des Publicums aller Bildungsstufen als eine seltene Gabe verdient.“

Wir dürfen nun wohl hier wiederholen: Wenn die Werke eines solchen Dichters noch nicht die Verbreitung gefunden haben, die ihnen gebührt, so trägt nicht die Kritik, nicht die Presse die Schuld, sondern das Publicum. Wir klagen die Leihbibliotheken-Wirthschaft an, die dem Reichsten gestattet, für Groschen zu genießen, was seinen Bücherschrank schmücken sollte; wir klagen die Roman-Colportage-Wirthschaft an, die dem Volke entsittlichenden Schund für Summen aufhängt, für deren Hälfte es das Edelste, erwerben könnte. Und wenn der blasirten Vornehmheit so reine und gesunde Kost, wie Heinrich Schaumberger’s Schriften sie darbieten, zu gewöhnlich ist, so mögen die Volksbibliotheken an ihre Pflicht gemahnt sein, dem Verherrlicher des Volkslebens eine warme Stätte in dem Herzens des Volkes zu sichern: das würde sein schönstes Denkmal sein.

  1. Sämmtliches erscheint soeben in 2. Auflage als „Gesammelte Werke von Heinrich Schaumberger“ bei J. Zwißler in Wolfenbüttel in Heftlieferungen.