Die Abbassiden − 2. Gesang

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Autor: August Graf von Platen
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Titel: Die Abbassiden − 2. Gesang
Untertitel:
aus: Gesammelte Werke des Grafen August von Platen, Band 4 von 5
Herausgeber: Einführung von Karl Goedeke
Auflage:
Entstehungsdatum: 1828−1830
Erscheinungsdatum: 1847
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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[237]

 Zweiter Gesang.


Auf dem Vorsprung einer Felsenkuppe,
Peinlich harrend, stand indessen Assad.
Wie die Braut den Bräutigam erwartet,
Der, dem vaterländischen Ruf gehorsam,

5
Taub für Liebe, zog der Schlacht entgegen:

So, von Ungeduld gequält, erwartet
Seines Bruders Wiederkunft der Jüngling.
Sieben Stunden sind bereits vorüber,
Vom Zenith zum Untergange neigt sich

10
Schon der Sonne Bahn. Die Ungewißheit

Länger trägt sie nicht Mohadi’s Enkel.
Selber steigt er vom Gebirg in Eile
Nach der Stadt hinunter, durch des Oelbergs
Lockere Schollen, durch Cypressenhaine,

15
Welche riesenhafte Schatten warfen.

Als der Abendstern im Westen aufging,
Stand er vor dem Thor, und drängte kühn sich
Durch die wildbewegte Menschenmenge,
Die die kühlere Luft gelockt in’s Freie.

20
Bald gewahrt er, daß in dieser großen

[238]

Stadt nur wenige Muselmänner hausen,
Ja, des Feuerdiensts Altäre sieht er.
Durch die Straßen irrt er auf und nieder,
Nach dem Bruder, doch vergebens, forschend,

25
Und zuletzt beschließt er, erst den Morgen

Abzuwarten, und die Nacht in irgend
Eines Hauses Porticus zu schlafen.

Als er dieß erwägt, vernimmt er plötzlich
Paukenschall, Drommetenklang und Pfeifen,

30
Ja, Gesang erhebend naht ein langer

Zug von Fackeln. Junge Fraun und Männer
Gingen paarweis, um die Schläfe Rosen,
Und in goldenen Körben Rosen tragend,
Die sie singend auf den Weg verstreuten;

35
Aber vier geschmückte Knaben führten

Einen weissen Zelter, bunt behangen.
Auf dem Zelter saß die schönste Jungfrau,
Uebersät von Perlen und Rubinen;
Aber Thränen blitzten ihr im Auge,
Thränen fielen über bleiche Wangen,

40
Und unendlich, wie der Seele Schönheit,

Schien der Schmerz in ihrer schönen Seele.
Ihr zur Seite ritt ein Zwerg, phantastisch
Aufgeputzt, mit einem spitzen Höcker.
Wie die alte Fabel uns die Göttin

45
Ewiger Reize malt, und widersinnig

Zugesellt ihr einen lahmen Unhold:
Also ritt auch jenes Paar selbander.
Aber Haruns Sohn verwandte keinen
Blick vom nassen Angesicht der Jungfrau.

50
Aufgeweckt von Mitgefühl, entschwebte

Seiner Brust der ersten Liebe Seufzer,
Und in Sehnsucht schmolz das tiefste Herz ihm.
Einen jungen Flötenspieler endlich

[239]

Aus dem Zug bei Seite ziehend, lispelt

55
Schüchtern Assad dieses kurze Wort ihm:

Was bedeutet dieses Fest, und welche
Schöne Dame reitet auf dem Zelter?
Was beweint sie? Sag’ es mir, Geliebter!

Ihm versetzte drauf der Flötenbläser:

60
Welchem fernen Land entsprossen kommst du,

Daß du nichts von Diwisadens Kummer,
Nichts erfuhrst von Diwisadens Hochzeit?
Dieses Mädchen ist die holde Tochter
Unsers einstigen Königs Abdorrachmans;

65
Aber Schehriar, sein Großwesir, nahm

Thron und Leben ihm, und weihte wieder
Dieses Land dem Feuerdienst der Väter;
Doch die königliche Diwisade
Wollt’ als Erbin Schehriar vermälen

70
Mit dem Behram, seinem wilden Sohne,

Der Corsarenschiffe sonst befehligt.
Aber standhaft trotzte stets die Jungfrau,
Treu dem Alcoran, und ihres Vaters
Mörder hassend wie den Pfuhl der Hölle.

75
Drob ergrimmte Schehriar und sagte:

Stolze Thörin, wenn der tapfere Behram
Deinem Dünkel mißbehagt, so werde
Dein Gemal der letzte meiner Sklaven!
Fahen läßt er einen Zwerg (du siehst ihn),

80
Den er bettelnd auf dem Markt erblickte,

Läßt in Purpur ihn und Seide kleiden,
Schenkt ein Haus ihm, Diener und Eunuchen,
Zur Gemalin unsere Diwisade.
Feiern soll sie heute Nacht die Hochzeit;

85
Ihr zum Hohne läßt der König also

Durch die Stadt sie mit Musik begleiten;
Alle ziehn wir nach des Zwergs Behausung.

[240]

Angekommen unter diesen Reden
War am Hochzeithaus die Menge. Hohe

90
Candelaber brannten vor den Thüren,

Aus den Fenstern hingen reichgestickte
Scharlachteppiche nieder. Doch in Assads
Seele glühten unbestimmte Wünsche,
Schmerz und Sehnsucht, Zweifel und Verzweiflung.

95
Bald erhob sich sein Gemüt und sank dann

Wieder mutlos nieder bald; am Ende
Siegte männlich aber doch die Kühnheit.
Mitten unter jene Schaaren drängt er
Keck sich ein. Er hatte seidene Börsen

100
Voll Zechinen, diamantne Schnüre,

Goldene Ketten und Juwelenschätze
Für die Reise mitgebracht von Bagdad:
Die vertheilt er nun umher an Alle.
Gierig haschten Mohren und Trabanten,

105
Paukenschläger und Guitarrenspieler,

Frau’n und Knaben nach den holden Schätzen,
Die verschwendrisch seine Faust verstreute.
Alles wich dem milden Geber, Alles
Wich dem hohen majestätischen Jüngling.

110
Schon im Saale, wo die Sängerinnen

Vor der kummervollen Diwisade
Tänze schlangen, steht der Sohn des Harun.
Alle Herzen flogen ihm entgegen,
Leise sprachen unter sich die Mädchen:

115
Dieser königliche Knabe wäre

Wohl ein würdiger Bräutigam der Fürstin,
Statt des Zwergs mit seinem spitzigen Höcker.
Also sprechend führten sie die schöne
Diwisade nach dem Schlafgemache;

120
Aber Assad löst vom Zeigefinger

Seinen Siegelring (ein großer Demant,
Der ein Königreich zu kaufen hinreicht),

[241]

Und den Mohren, die allein im Saale,
Ehrerbietig um den Zwerg beschäftigt,

125
Noch zurückgeblieben, giebt den Ring er,

Worte flüsternd, die sie wohl verstanden.
Schnell ergriffen wird der Zwerg, der Mund wird
Ihm verstopft, man schleppt zum Feuerherd ihn,
Hängend ihn an einen Eisenhaken,

130
Der den Kessel sonst zu tragen diente;

Jener zappelte nun, den Kopf nach unten.

Doch des Harun Alraschids Erzeugten
Führen unter’m Baldachin zum Thron sie,
Wo der Zwerg gesessen; ehrerbietig

135
Neigen dreimal Alle sich vor Assad,

Händ’ und Arme kreuzend, rasch hinweg dann
Fliehn die Mohren, mit dem theuren Kleinod
Aus der Stadt entweichend. — Unter hellen
Candelabern, unter tausend Kerzen,

140
Die von Wand und Decke festlich flammten,

Sitzt allein im weiten Saal der Jüngling.
Ihm beflügelte rasch der Gefühle Chaos
Seines Herzens lauten Schlag, er dachte
Bald an Assur, bald an Diwisade.

145
Aus gedankenvoller Qual befreiten

Ihn die Dienerinnen; diese kehrten
Aus dem Schlafgemach zurück der Fürstin,
Die mit Zähren ihre Polster netzte.
Staunend sehn sie auf dem Thron den Assad.

150
Aber still und im Gehorchen selig

Neigen tief sich ihm die Frau’n und scheiden.
Leise tritt zum Schlafgemach der Holden,
Aber kühn und voll Verlangen, Assad:
Abdorrachman’s Tochter, Diwisade,

155
Ruft er aus, der Weiber schönste Perle!

Meinem Wagestück vergieb, und meiner

[242]

Liebe neige dein verklärtes Antlitz!
Wenn von meinem Aug’ in deins ein Funke
Wiederstralt von meiner Glut, empfange

160
Dann zum Diener deinen Knecht, und knüpfe

Dein Geschick an meins, des kühnen Tausches
Frucht genießen laß den seligen Fremdling,
Der, berauscht von deinem Zauber, Schwüre,
Ewige Schwüre zum Propheten sendet,

165
Den du selbst verehrst und dem er huldigt:

Eide schwör’ ich unverrückter Treue!
Nicht ein Sklave steht vor dir, o Fürstin:
Mein Geschlecht ist edel, mein Erzeuger
Harun Alraschid, Kalif in Bagdad.

170
So des Jünglings Rede. Nicht versagte

Diwisade sich dem schönen Freier.
Worte wurden, Liebe ward gewechselt,
Bis der Schlaf die müden Augenlieder
Beiden schloß. − Doch plötzlich fühlt sich Assad

175
Aufgeweckt durch einen lichten Schimmer,

Welcher schien um’s ganze Haus zu fließen.
Durch den Glanz geblendet, Angst im Herzen,
Schlägt die Augen auf der Abbasside,
Der Entdeckung schon und Tod vorher sieht.

180
Wie ein Erdstoß oft erschreckt die Schläfer,

Der des Lagers feste Pfosten rüttelt,
Während rings Palläste dröhnen, Glocken,
Nicht von Menschenhand geschwungen, läuten:
So betäubte dieser Glanz den Assad.

185
Doch emporgerichtet sieht er eine

Hohe Frau, von einer Stralenkrone
Haupt und Nacken göttlich überschimmert.
Diese spricht zu ihm melodische Worte:
Sohn des Harun Alraschid in Bagdad!

190
Fürchte nichts, ich bin die Fee Melinda,

[243]

Deiner Braut Beschützerin von frühster
Jugend an, so weit es mir die Sterne,
Ueber denen heilige Wesen walten,
Welche mächtiger, als ich selbst, vergönnten.

195
Warnen kann ich, kann in höchster Drangsal

Durch ein Wunder meine Freunde retten.
Dich, den Gatten dieses holden Kindes,
Dessen Loos mit deinem Loos verknüpft ist,
Hab’ ich nun erkoren mir zum Schützling.

200
Fleuch, bevor dich Schehriars Trabanten,

Voll Begier nach deinem Blut, betreffen!
Fleuch hinweg aus dieser Stadt und nimm hier
Diesen Talisman in eines Ringes
Diamantenzauber eingeschlossen:

205
Eines Wunsches Kraft enthält er in sich.

Wenn du drehst ihn um den Zeigefinger,
Magst du sprechen ein Verlangen, diesem
Folgt, sobald gerecht es ist, Erfüllung.
Doch die Kraft versiegt, sobald sie einmal

210
Diesem Talisman geheim entsprungen;

Drum gebrauch’ ihn nicht zu früh, und niemals,
Wenn Vertraun du hegst in andern Beistand.
Aber jetzt entfliehe, Sohn des Harun!

So die Fee; darauf erwiedert Assad:

215
Holde Göttin, die du wie ein Traumbild

Mich versuchst, wie soll ich Diwisaden
Fliehend ihren Feinden überlassen?
Schützen laß mich meine Braut, und diesen
Talisman gieb meinem Bruder Assur,

220
Wenn du kennst den Aufenthalt des Guten.

Mehr bedarf der Zartere deiner Hülfe,
Der vielleicht in dieser Stadt umherirrt,
Ohne Freund und ohne einen Bruder.

[244]

Nicht mit Undank lohne mir, versetzte,

225
Sanften Vorwurf im Gesicht, Melinda:

Vorzugreifen wage nicht dem Schicksal!
Nimm den Ring, ich schütze deine Gattin.
Einst vielleicht vermag ich auch des Bruders
Aufenthalt in meinen Zauberbüchern,

230
Ihm zu helfen willig, auszuforschen.

Lebe wohl indeß, o Sohn des Harun!
Also sprach und dann verschwand Melinda.
Stille kehrte mit dem Dunkel wieder,
Während ruhig Diwisade fortschlief.

235
Assad aber säumte noch, er träumte

Halb und wachte halb, und halbgereifte
Nachtgedanken wälzt’ er im Gemüte.
Doch gemach erschien der Morgenröte
Sanftes Licht. Da ward ein lautes Pochen

240
An der Thür des äußern Saals vernehmbar.

Aus dem Schlaf erwachte Diwisade:
Wehe mir! Mit seinen Häschern naht sich
Schehriar! Er ist’s! Er hat es gestern
Mir vorausverkündet, nach der Brautnacht

245
Mich zu höhnen ob des schnöden Gatten!

Wenn ich selbst dir theuer bin, so fliehe!

Dich verlassen! rief der Abbasside.
Wiedersehn, erwiedert ihm die Gattin,
Werden wir in schönerer Zeit vielleicht uns.

250
Jetzt entfliehe! Nicht dem Tod entgingst du,

Wenn du bliebst. Nicht meinethalben fürchte;
Denn vor Weibern zittert nicht der Wütrich,
Nimmer drum beraubt er mich des Lebens.
Grausam ist er, aber nie von Jähzorn

255
Hingerissen; ohne Not und Vortheil

Pflegt er nicht im Blute sich zu baden.
Flieh' und rette dich für mich, Geliebter!

[245]

Rasch vom Lager springt der Fürst, den Kaftan
Wirft er um und gürtet sich den Säbel;

260
Flugs enteilt er nach der Thür des Vorsaals,

Oeffnet schnell und sieht mit vier Trabanten
Stehn den König Schehriar, und stößt ihn
Vor die Brust, so daß zur Erd’ er hinsank.

Während um den König seine Sklaven

265
Noch beschäftigt sind, gewinnt den Vorsprung

Harun Alraschids Erzeugter, Assad.
Auf dem Markte drängt er durch die Menge
Rasch hindurch sich, im Gewühl verborgen,
Bis er athemlos am Hafen anlangt.

270
Eben war ein Schiff hinweggesegelt,

Weiter kaum entfernt vom letzten Steindamm,
Als ein Knabe mit der Schleuder schleudert.
Nach dem letzten ihm gebliebenen Goldstück
Greift er schnell, und einen Mann erblickend,

275
Welcher müßig in einen Kahn gestreckt lag,

Wirft er’s diesem zu mit diesen Worten:
Fördere schnell nach jenem Schiff, o Freund, mich.

Dieser auch befestigt unverzüglich
An den Pflock das Ruder mit der Schlinge;

280
Hurtig sprangen andre vier Matrosen,

Die das Gold gesehn, zugleich in’s Fahrzeug.
Alle, vorgebeugt den jugendlichen,
Rüstigen Leib, beschleunigen flugs die Reise,
Rudernd emsiglich. Sie sind zur Stelle.

285
Gern empfängt der Schiffspatron den Flüchtling;

Denn ein Kaufmann war’s, dem Magierkönig
Wenig hold, weil für die Waaren dieser
Uebermäßigen Zoll bedungen hatte.
Leichter schlägt das Herz dem Abbassiden,

290
Gleich dem Manne, der im Traum von einem

[246]

Hohen Thurm gemach gemach herabfiel,
Endlich wachend seines Wahns gewahr wird.
Doch das Schiff durchschnitt der Woge Purpur.