Die Eroberung des Brotes/Einwürfe

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Textdaten
Autor: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin
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Titel: Einwürfe
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aus: Die Eroberung des Brotes, S. 110–124
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1919
Verlag: Der Syndikalist
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Bernhard Kampffmeyer
Originaltitel: La conquête du pain. Paris 1892
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Cornell-USA* = Commons
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[110]

EINWÜRFE.

I.

Prüfen wir jetzt die hauptsächlichsten Einwürfe, die man gegen den Kommunismus erhebt. Die meisten derselben beruhen offenbar auf einem einfachen Mißverständnis; aber einige betreffen zu wichtige Fragen, als daß wir ihnen nicht unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden müßten.

Es ist keineswegs unsere Pflicht, die Einwürfe, welche man dem autoritären Kommunismus macht, zurückzuweisen: wir machen sie selbst. Die zivilisierten Nationen haben zu viel in dem Kampfe für die Befreiung des Individuums gelitten, als daß sie ihre Vergangenheit verleugnen und eine Regierung dulden könnten, welche für die kleinsten Aeußerungen des gesellschaftlichen Lebens Vorschriften erlassen würde, – auch wenn diese Regierung kein anderes Ziel als das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben sollte. Wenn jemals eine autoritäre kommunistische Gesellschaft das Licht der Welt erblicken sollte, so wird sie nicht von langer Dauer sein, sie wird bald durch die allgemeine Unzufriedenheit gezwungen sein, entweder sich aufzulösen oder sich nach freiheitlichen Prinzipien zu reorganisieren.

Wir haben es mit einer anarchistisch-kommunistischen Gesellschaft zu tun, mit einer Gesellschaft, die die volle und unumwundene Freiheit des Individuums anerkennt, keine Autorität zuläßt und auf jedes Zwangsmittel, um den Menschen zu Arbeit zu zwingen, verzichtet. Indem wir uns nun in unseren Studien auf die ökonomische Seite dieser Frage beschränken, wollen wir sehen, ob diese Gesellschaft, sich aus einem Menschenmaterial wie das heutige, nicht besserem, nicht schlechterem, nicht mehr oder minder arbeitsamen zusammensetzend, Aussichten für eine glückliche Entwicklung hat.

Folgender Einwurf ist wohl bekannt. – „Wenn die Existenz eines Jeden gesichert ist und wenn die Notwendigkeit, einen Lohn zu verdienen, – sagt man nun – den Menschen nicht mehr zwingt, zu arbeiten, so wird niemand mehr arbeiten. Jeder wird auf den Anderen die Arbeit abwälzen, welche er nicht zwangsweise verrichten muß.“ Heben wir zuerst hervor, mit welcher unglaublichen Leichtfertigkeit man diesen Einwurf hinwirft. Man denkt gar nicht daran, daß dieses so viel besagt, als ob man einerseits durch die Lohnarbeit wirklich jene günstigen Resultate erreicht hätte, und als ob anderseits die freiwillige Arbeit, soweit sie heute besteht, unproduktiver sei, als die durch einen Lohn angestachelte Arbeit. – Dies ist aber eine große Frage, welche ein ernsthaftes Studium [111] erfordert. Jedoch, während man sich in den exakten Wissenschaften über viel weniger wichtige und komplizierte Gegenstände nur nach den gewissenhaftesten Forschungen ausspricht, sorgsam und fleißig Belege sammelt, die Tatsachen sorgsam prüft – begnügt man sich hier mit einem beliebigen Faktum – z. B. mit dem Fehlschlagen des Planes einer kommunistischen Gemeinde in Amerika, und zieht daraus die wichtigsten Schlußfolgerungen. Man macht es wie der Advokat, der in dem Advokaten der Gegenpartei nicht den Repräsentanten einer Ansicht sieht, sondern nur einen einfachen Gegner im Redestreit, und wenn man nur glücklich genug ist, eine Parade zu finden, dann bekümmert man sich nicht weiter darum, was wahr oder unwahr ist.

Dies ist auch der Grund, weswegen das Studium, auf dem die gesamte politische Oekonomie beruht, – das Studium der günstigen Bedingungen, unter welchen der Gesellschaft die größtmöglichste Menge nützlicher Güter bei einem möglichst geringen Verlust von menschlichen Kräften gesichert sein kann – keine Fortschritte macht. Man beschränkt sich auf diesem Gebiete damit, Gemeinplätze zu wiederholen, oder man schweigt sich aus.

Was diese Leichtfertigkeit um so frappierender macht, das ist der Umstand, daß man selbst schon in der bürgerlichen politischen Oekonomie Schriftsteller findet, die durch die Macht der Tatsachen dazu geführt werden, jenes Axiom der Begründer ihrer Wissenschaft, jenes Axiom, nach welchem die Furcht vor dem Hunger das stärkste Mittel sei, um den Menschen zu produktiver Arbeit zu veranlassen, in Zweifel ziehen. Sie fangen an, einzusehen, daß in der Produktion ein gewisses kollektives Moment mehr und mehr Geltung gewinnt, ein Moment, das bis heute wenig berücksichtigt geblieben ist, das aber von größerer Wichtigkeit und Triebkraft als die Aussicht auf persönlichen Gewinn werden kann. Die schlechte Qualität der Lohnarbeit, der erschreckende Verlust menschlicher Arbeitskraft bei den Arbeiten der modernen Landwirtschaft und Industrie, die immer wachsende Anzahl von Müßiggängern, welche den Anderen wieder zur Last fallen, das Fehlen jedes frischen Lebenshauches in der Produktion, – alles dieses beginnt schon die Oekonomisten der „klassischen Schule“ zu beschäftigen und stutzig zu machen. Einige von ihnen fragen sich schon, ob sie nicht einen Fehlschluß machen, wenn sie auf den Menschen als ein Wesen schließen, das ein Ideal von Häßlichkeit ist, welches ausschließlich durch die Hoffnung auf Gewinn und Lohn geleitet wird. Diese Ketzerei dringt selbst schon in die Universitäten: man wagt sie schon in den Büchern der ökonomistischen Orthodoxie zu äußern. Doch alles dieses verhindert eine sehr große Anzahl sozialistischer Reformatoren keineswegs, Anhänger der individuellen Entschädigung zu bleiben und die alte Zitadelle des Lohnsystems zu verteidigen, selbst in dem Augenblick, wo die früheren Verteidiger sie schon Stein für Stein den Stürmenden überlassen.

Man fürchtete also, daß die Masse ohne Zwang nicht arbeiten wird.

Haben wir nicht in der Geschichte schon zu wiederholten Malen diese Befürchtung aussprechen hören – seitens der Sklavenhalter der Vereinigten Staaten vor der Befreiung der Neger, und seitens der russischen Adligen vor der Befreiung der Leibeigenen? – „Ohne Peitsche [112] wird der Neger nicht arbeiten“ – sagten die Sklavenhalter. „Steht der Vogt nicht mehr hinter ihnen, so wird der Leibeigne die Felder unbebaut lassen“, sagten die russischen Grafen. – Dasselbe Lied wurde von den französischen Adligen im Jahre 1789 gesungen, dasselbe Lied im Mittelalter, dasselbe Lied, so alt wie die Welt, hören wir auch heute jedesmal, wenn es sich darum handelt, eine menschliche Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.

Und jedesmal hat die Wirklichkeit ein schlagendes Dementi gegeben. Der befreite Bauer vom Jahre 1792 verrichtete seine Feldarbeit mit einer Energie, die seinen Vorfahren unbekannt war. Der befreite Neger leistete mehr als seine Väter; und nachdem der russische Bauer den Honigmond seiner Befreiung dadurch gefeiert hatte, daß er den „Heiligen Freitag“ in gleicher Weise als den Sonntag ehrte, hat er seine Arbeit wieder aufgenommen und zwar um so intensiver, je vollkommener seine Befreiung gewesen war. Da, wo kein Mangel an Land war, bebaute er die Felder mit Leidenschaft.

Das alte Lied der Sklavenbarone kann wohl für die Besitzer der Sklaven Bedeutung haben. Was die Sklaven selbst betrifft, so wissen sie, was es wert ist: sie kennen seine Motive.

*

Uebrigens, haben denn nicht die Oekonomisten selbst gelehrt, daß, wenn schon der Lohnsklave eine leidlich gute Arbeit liefert, eine wirklich intensive und produktive Arbeit nur von dem Manne erlangt werden kann, der sein Wohlergehen im Verhältnis zu seinen Anstrengungen wachsen sieht? Alle Lobgesänge, die zu Ehren des Eigentums angestimmt werden, laufen auf dieses Axiom hinaus.

Denn – und dies ist sehr bemerkenswert – wenn die Oekonomisten in ihren Verherrlichungen des Eigentums uns zeigen, wie ein unbebautes Land, ein Sumpf oder ein steiniger Boden sich mit reichen Ernten bedeckt unter der harten Arbeit des Bauern als Eigentümer, so beweisen sie damit keineswegs etwas zu Gunsten des Eigentums.

Mit der Voraussetzung, daß die einzige Garantie, um nicht der Früchte seiner Arbeit beraubt zu werden, in dem Besitze der Arbeitsinstrumente besteht – was unbestreitbar ist –, beweisen sie einzig, daß nur der Mensch wirklich produziert, der in voller Freiheit arbeitet, der eine gewisse Auswahl in seinen Beschäftigungen hat, der nicht unter einer peinlichen und hinderlichen Ueberwachung steht, der da sieht, daß ihm wie allen Anderen, die gleich ihm tun, der Nutzen seiner Arbeit zufällt und nicht dem ersten besten Müßiggänger.

Was die Form des Besitzes an den Arbeitsinstrumenten anbetrifft, so läuft dieses Moment in ihrer Beweisführung nur indirekt und zu dem Zwecke mit unter, um dem Bauer zu versichern, daß niemand ihm den Gewinn an seinen Produkten und seinen Bodenverbesserungen rauben wird. Um ihre These zugunsten des Privat-Eigentums gegenüber jeder anderen Form des Besitzes zu erhärten, müßten uns die Oekonomisten den Beweis liefern, daß unter der Form des Gemeindeeigentums die Erde niemals ebenso reiche Ernten getragen hat, als in der Zeit, wo [113] ihr Besitz ein persönlicher war. Doch dieses haben sie nie bewiesen; man kann sogar das direkte Gegenteil konstatieren.

In der Tat, nehmen wir z. B. eine Kommune des Kantons Waadt zu einer Zeit, wo alle Dorfbewohner im Winter in den Gemeindewald gehen und gemeinschaftlich das Holz schlagen. Gerade an diesen „Festen“ der Arbeit offenbart sich der intensivste Hang zur Arbeit und die höchste Entfaltung menschlicher Kraft. Keine Lohnarbeit, nicht die harten Mühen eines Privat-Eigentümers würden dagegen den Vergleich aushalten.

Oder nehmet auch ein russisches Dorf, dessen gesamte Bewohnerschaft eine der Kommune gehörige oder von dieser gepachtete Wiese zu mähen geht, – da werdet Ihr erfahren, was der Mensch produzieren kann, wenn er in Gemeinschaft für ein gemeinschaftliches Ziel arbeitet. Die Dorfgenossen wetteifern untereinander, wer von ihnen die breiteste Schwade zieht, die Frauen beeilen sich, um nur nicht beim Häufeln des Grases hinter den Männern zurückzubleiben. Wir haben es hier mit einem förmlichen Fest der Arbeit zu tun, während dessen hundert Personen in einigen Stunden das vollbringen, was ihre Arbeit, getrennt geleistet, nicht in mehreren Tagen zustande gebracht hätte. Welchen traurigen Kontrast bildet demgegenüber die Arbeit des isolierten Eigentümers!

Kurz, man könnte Tausende von Beispielen zitieren: Blicket nur auf die Pioniere Amerikas, in die Dörfer der Schweiz, von Deutschland, Rußland und einigen Teilen Frankreichs; auf die Arbeiten, die in Rußland durch ‚Artelen‘[WS 1] von Maurern, Zimmerleuten, Schiffern, Fischern usw. verrichtet werden, welche einen ganzen Auftrag übernehmen, sich direkt in die Produkte oder auch in die Entschädigung teilen, und zwar ohne zu der Vermittlung von Unternehmern ihre Zuflucht zu nehmen. Man könnte noch die gemeinschaftlichen Jagden der Nomadenstämme und eine unendliche Zahl von gemeinschaftlichen und herrlich ausgeschlagenen Unternehmen erwähnen. Ueberall würde man eine unbestreitbare Ueberlegenheit der gemeinschaftlichen Arbeit, verglichen zu der des Lohnarbeiters oder des einfachen Besitzers, konstatieren können.

*

Der Wohlstand, d. h. die Befriedigung der physischen, künstlerischen und geistigen Bedürfnisse und eine ständigere Gewährleistung dieser Befriedigung haben immer den mächtigsten Stachel zur Arbeit gebildet. Und während der Lohnsklave kaum dazu gelangt, das dringend Notwendige zu produzieren, entfaltet der freie Arbeiter, welcher Wohlstand und Luxus für sich und die Anderen im Verhältnis zu seinen Anstrengungen wachsen sieht, unendlich viel mehr Energie und Intelligenz und erzielt Produkte nicht nur erster Qualität, sondern auch im Ueberfluß. Der Eine fühlt sich ständig dem Elend überliefert, der Andere kann in der Zukunft auf Muße und Genuß rechnen.

Und hier liegt auch das Geheimnis. Darin besteht auch der Grund, warum eine Gesellschaft, welche das Wohlergehen aller zum Ziel hat und Allen die Möglichkeit bietet, das Leben in seinen gesamten Manifestationen zu genießen, freiwillig eine unendlich bessere und höhere [114] Arbeitsleistung zutage fördern wird, als man bisher unter dem Stachel der Sklaverei, der Leibeigenschaft und des Lohnsystems erreicht hat.

II.

Wer heute die für seine Existenz unerläßliche Arbeit irgendwie auf Andere abwälzen kann, beeilt sich, dies zu tun; und man nimmt nun an, daß dem immer so sein wird.

Die für die Existenz unerläßliche Arbeit ist aber wesentlich Handarbeit. Wir mögen Künstler, Gelehrte usw. sein; doch keiner kann der Produkte, die im allgemeinen nur durch die Handarbeit hergestellt werden, des Brotes, der Kleidung, der Straßen, der Schiffe, des Lichtes, der Wärme usw., entbehren. Und noch weiter: so hoher künstlerischer und so feiner metaphysischer Natur unsere Vergnügungen auch sein mögen, es gibt kein einziges unter ihnen, das nicht auf der Handarbeit beruht. Und gerade dieser Arbeit – dem Lebensfundament – sucht sich ein Jeder zu entziehen.

*

Wir begreifen dies vollkommen. Es muß sogar heute so sein.

Eine Handarbeit verrichten, bedeutet gegenwärtig, täglich 10 und 12 Stunden in eine ungesunde Fabrik eingeschlossen und zehn, dreißig Jahre, sein ganzes Leben hindurch an diese gleiche Qual gefesselt zu sein.

Es bedeutet, sich zu einem elenden Lohn verdammt zu sehen, fortwährend in Unsicherheit für den nächsten Tag zu sein, ständig das Gespenst der Arbeitslosigkeit und des Elends vor Augen zu haben, häufiger noch dem Tode im Hospital geweiht zu sein, dies, nachdem man vierzig Jahre hindurch sich abgemüht hatte, Andere zu ernähren, zu kleiden, Anderen anstatt sich und seinen Kindern Vergnügungen und Bildung zu schaffen.

Es bedeutet, sein ganzes Leben in den Augen Anderer den Stempel der Sklaverei zu tragen und auch selbst dieses Bewußtsein zu haben; denn – was auch alles jene klugen Herren reden mögen – der Handarbeiter wird heute immer als dem Kopfarbeiter unterlegen angesehen, und derjenige, der zehn Stunden in der Werkstatt geschafft hat, hat weder die Zeit und noch weder die Möglichkeit, sich den hohen Genüssen der Wissenschaft und der Kunst hinzugeben; er muß sich mit den Brocken begnügen, die von dem Tische der Privilegierten fallen.

Wir begreifen also vollkommen, daß unter diesen Umständen die Handarbeit als ein Fluch des Schicksals betrachtet wird.

Wir begreifen, daß sich Alle nur dem einen Traume hingeben, nämlich für sich selbst oder wenigstens für ihre Kinder die untergeordnete Lage zu überwinden, sich eine „unabhängige“ Situation zu schaffen – was heute so viel heißt, als auf Kosten anderer zu leben.

So lange es eine Klasse von Handarbeitern und eine andere Klasse von „Kopfarbeitern“ gibt – schwarze schwielige und weiße zarte Hände – wird es auch so bleiben.

*

[115] Welches Interesse könnte diese abstumpfende Arbeit für den Arbeiter haben? Er weiß, was seiner wartet von der Wiege bis zum Grabe: in Mittelmäßigkeit, Armut und Unsicherheit zu leben. Wenn man jene ungeheure Menge von Menschen jeden Morgen ihre traurige Tätigkeit wieder aufnehmen sieht, so kann man nur staunen, wie beharrlich, wie zugeneigt und gewohnt sie der Arbeit sind. Sonst wäre es unmöglich, daß sie, gleich einer Maschine, welche nach einmal gegebenem Anstoß mechanisch weiterläuft, dieses Leben voller Elend führen könnten, ein Leben ohne Hoffnung für den nächsten Tag, ohne daß das Morgenrot sich eines Tages ankündigte, an welchem sie oder wenigstens ihre Kinder endlich einmal Mitglieder der Menschheit werden – der Menschheit, die so reich sein könnte durch all die Schätze der freien Natur, so glücklich durch all jene Freuden, welche das Wissen, die wissenschaftliche und künstlerische Schöpfung in sich birgt, durch Genüsse, welche heute nur den Bevorrechteten zugänglich sind.

*

Gerade um dieser Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeitern ein Ziel zu setzen, wollen wir das Lohnsystem abschaffen, wollen wir die soziale Revolution. Dann wird die Arbeit nicht mehr als ein fluchwürdiges Los betrachtet werden: sie wird werden, was sie sein sollte: die freie Betätigung der menschlichen Fähigkeiten.

*

Es wird übrigens endlich einmal Zeit, die Legende, daß man unter der Fuchtel des Lohnsystems die best- und größtmöglichste Arbeitsleistung erreiche, einer ernsthaften Analyse zu unterziehen.

Man besuche nur einmal, nicht eine jener Mustermanufakturen oder -Fabriken, welche sich hier und da ausnahmsweise finden, sondern eine rechte Durchschnittsfabrik und man wird sich jener ungeheuren Verschwendung menschlicher Arbeitskraft, welche die gegenwärtige Industrie charakterisiert, bewußt werden. Auf eine mehr oder weniger rationell organisierte Fabrik gibt es hundert oder mehr, welche die Arbeit des Menschen, diese kostbare Kraft, verschleudern, und zwar ohne ein ernsteres Motiv als dem Besitzer vielleicht täglich zwei Sous mehr einzutragen.

Hier sehet Ihr junge Männer von 20–25 Jahren mit eingebogener Brust, unter fieberhaft zittrigen Bewegungen von Kopf und Leib den ganzen Tag auf einer Bank sitzen, um mit der Geschwindigkeit eines Taschenspielers die Enden von Baumwollfäden zusammenzuknüpfen, die man aus der Spitzenwerkstatt zurückgeschickt hat. Welche Generation werden diese zitternden und schwindsüchtigen Körper der Erde hinterlassen? Doch … „sie nehmen wenig Raum in der Fabrik fort und sie bringen mir täglich pro Kopf 50 Centimes ein“, wird der Arbeitgeber sagen.

Doch sehet Ihr in einem ungeheuren Etablissement Londons Mädchen, die mit 17 Jahren ihr Kopfhaar verloren haben, weil sie aus dem einen Saal in den anderen Tabletts mit Streichhölzern auf dem Kopfe [116] tragen müssen, die man ebenso gut durch eine äußerst einfache Maschine nach den verschiedenen Tischen transportieren könnte. Aber … „die Arbeit der Frauen, die kein Spezialhandwerk kennen, kostet so wenig! Wozu da eine Maschine! Wenn diese Mädchen untauglich sein werden, so wird man sie eben durch andere ersetzen … es gibt deren so viele auf der Straße.“

Auf dem Trottoir vor dem Hause eines Reichen findet Ihr in eisiger Nacht ein barfüßiges, schlafendes Kind mit einem Paket Zeitungen unter dem Arm … Sie kostet so wenig, die Kinderarbeit, so wenig, daß man sie sehr gut dazu verwenden kann, allabendlich für einen Franc Journale zu verkaufen, für welche Mühe dann jener arme Knabe vielleicht 2 oder 3 Sous bezieht. Ihr sehet endlich den kräftigen Mann mit untätigen Armen einhergehen; er feiert während ganzer Monate, während seine jugendliche Tochter sich in der überheizten, dampfigen Fabrik bei der Appretur von Tuchen abquält und während sein Sohn mit der Wichskruke an der Straßenecke steht und ganze Stunden wartet, bis ihn endlich ein Vorübergehender 2 Sous verdienen läßt.

Und so ist es überall, von San Franzisko bis Moskau, von Neapel bis Stockholm. Die Verschwendung menschlicher Arbeitskräfte ist der vorherrschende und charakteristischste Zug unserer Industrie – des Handels gar nicht zu erwähnen, wo sie noch unglaublichere Proportionen annimmt.

Welche traurige Satire liegt in dem Worte „politische Oekonomie“, das man für eine Wissenschaft anwendet, welche die Verschwendung der Arbeitskraft unter dem Lohnsystem zum Ziel hat.

*

Doch das ist nicht einmal alles. Wenn Ihr mit dem Leiter einer wohlorganisierten Fabrik sprecht, so wird Euch dieser ganz naiv erklären, daß es heute schwierig wäre, einen geschickten, energischen Arbeiter, der sich seiner Arbeit wirklich mit Lust hingibt, zu finden. – „Wenn sich ein solcher“, so wird er sagen, „unter den zwanzig oder dreißig, die jeden Montag kommen und um Arbeit betteln, vorstellt, so stellt man ihn sicher ein, selbst wenn man gerade im Begriff war, die Zahl der Arbeiter zu reduzieren. Man kennt ihn auf den ersten Blick heraus und man gibt ihm stets Arbeit; man entläßt dann am folgenden Tage einen gealterten oder weniger tätigen Arbeiter.“ Und der Entlassene, wie alle Diejenigen, die morgen entlassen werden, verstärkt die Zahl der ungeheuren Reservearmee des Kapitals, jener arbeitslosen Arbeiter, die man zur Ausübung ihres Berufes einstellt – in eiligen Momenten oder wenn es den Widerstand von Streikenden zu brechen gilt. Oder dieser Auswurf der besseren Fabriken, dieser „schlechtere“ Arbeiter schließt sich vielleicht der ebenso gewaltigen Armee der gealterten Arbeiter oder der Arbeiter zweiten Ranges an, die fortwährend zwischen den Fabriken zweiter Ordnung hin und her fluktuieren, den Fabriken, die kaum ihre Unkosten decken und sich durch Tricks und Fallen, die sie dem Käufer und namentlich dem Konsumenten ferner Länder stellen, aus der Verlegenheit ziehen müssen.

*

[117] Und wenn Ihr mit dem Arbeiter selbst sprecht, so werdet Ihr erfahren, daß es allgemeiner Brauch in den Werkstätten ist, nicht das zu leisten, was man zu leisten imstande ist. Wehe demjenigen, der in einer englischen Fabrik nicht diesem Rate, den er von seinen Kameraden beim Eintritt in sie empfängt, Folge leistet!

Die Arbeiter wissen eben, daß, wenn sie in einem Augenblick von Großmut dem Drängen des Arbeitsherrn nachgeben und einmal intensiver arbeiten, um vielleicht dringende Aufträge fertigzustellen, diese nervöse Arbeit in Zukunft als Regel gefordert und als Durchschnittsarbeit in der Lohnskala behandelt werden wird. In neun Fabriken auf zehn zieht man es heute vor, nicht nach seiner Leistungsfähigkeit zu produzieren. In gewissen Industrien setzt man auch die Produktion herab, um hohe Preise zu erhalten, und bisweilen bedient man sich auch der Parole „Ca-canny“[WS 2] (Sabot[WS 3]), welches bedeutet: „Für eine schlechte Bezahlung eine schlechte Arbeit“.

Dem Lohnarbeiter geht es wie dem Leibeignen: er kann und darf nicht das leisten, was er leisten könnte. Und es wäre endlich an der Zeit, dieser Legende, daß der Lohn das beste Mittel für eine produktive Arbeit ist, ein Ende zu machen. Wenn die Industrie gegenwärtig hundertmal mehr leistet, als zu Zeiten unserer Großväter, so verdanken wir das dem Aufschwung der Chemie und Physik, nicht indes der kapitalistischen Organisation der Lohnarbeit; man ist zu diesen Erfolgen gelangt, trotz jener Organisation.

III.

Diejenigen, welche ernsthaft die Frage studiert haben, leugnen auch keinen der Vorteile des Kommunismus – unter der Bedingung wohlverstanden, daß dieser ein vollkommen freier, ein anarchistischer Kommunismus ist. Sie erkennen an, daß die Arbeit, solange sie mit Geld, selbst unter der versteckten Form von „Bons“ entlohnt wird, und wenn sie selbst in Arbeiterassoziationen, die unter der Leitung des Staates stehen, geleistet wird, doch stets den Stempel des Lohnsystems und seine Nachteile bewahren wird. Sie verstehen, daß das ganze System darunter leiden müßte, selbst wenn die Gesellschaft auch wieder in den Besitz der Produktionsmittel treten sollte. Und sie meinen, daß dank der guten Erziehung, die allen Kindern zuteil werden würde, dank der arbeitsamen Tugenden einer zivilisierten Gesellschaft, bei der Freiheit, seine Beschäftigungen zu wählen und zu wechseln, und bei dem Reiz, den die Arbeit erhält, wenn sie in Gemeinschaft mit Gleichgestellten und für das Wohl Aller verrichtet wird, eine kommunistische Gesellschaft keineswegs produzierender Menschen ermangeln würde, welche die Fruchtbarkeit des Bodens bald verdrei- und verzehnfachen und der Industrie einen gewaltigen Aufschwung sichern würden.

Nachdem unsere Gegner dieses vielfach eingeräumt haben, sagen sie jedoch: „Aber die Gefahr wird von jener Minorität der Faulen kommen, die nicht arbeiten wollen, trotz der ausgezeichneten Bedingungen, welche die Arbeit so angenehm machen; Unregelmäßigkeit und Unbeständigkeit werden die Folge sein. Heute zwingt die Perspektive [118] des Hungers selbst die Widerspenstigen, mit den Andern Schritt zu halten. Derjenige, welcher heute nicht zur festgesetzten Stunde erscheint, ist sofort entlassen. Doch kann ein räudiges Schaf die ganze Herde anstecken, und drei oder vier lässige Arbeiter werden alle andern verderben und in die Werkstatt den Geist der Unordnung und Empörung tragen, der die Arbeit unmöglich macht; man wird schließlich wieder zu einem Zwangssystem, das die Arbeiter an ihre Arbeitsstätte fesselt, greifen müssen. Das einzige System nun, welches erlaubt, diesen Zwang auszuüben, ohne das Unabhängigkeitsgefühl des Arbeiters zu verletzen, ist das, welches sie entsprechend der geleisteten Arbeit entschädigt. Jedes andere Mittel würde die fortwährende Intervention einer Autorität einschließen, was dem freien Manne bald widerstreben müßte.“

Hiermit glauben wir diesen Einwurf in seiner ganzen Gewichtigkeit wiedergegeben zu haben.

*

Er gehört augenscheinlich in die Kategorie der Raisonnements, durch welche man auch den Staat, das Strafgesetz, die Notwendigkeit der Richter und des Kerkermeisters rechtfertigt.

„Da es Menschen gibt, – eine schwache Minorität – welche sich nicht den gesellschaftlichen Bräuchen unterwerfen“, sagen die Autoritätsanbeter, „so ist es notwendig, den Staat, so kostspielig es auch sein mag, die Autorität, das Tribunal und das Gefängnis aufrecht zu erhalten, selbst wenn diese Institutionen auch die Quelle neuer Uebel aller Art sein mögen.“

Wir könnten uns nun darauf beschränken, das zu antworten, was wir schon so viele Male gegenüber der Autorität im allgemeinen gesagt haben: „Um ein mögliches Uebel zu vermeiden, nehmt Ihr Eure Zuflucht zu einem Mittel, welches an sich selbst ein größeres Uebel ist und gerade wieder die Quelle jener Mißbräuche wird, denen Ihr steuern wollt. Denn, vergesset nicht, daß es das Lohnsystem – die Unmöglichkeit, anders zu leben, als daß man seine Arbeitskraft verkauft – gewesen ist, welches das gegenwärtige kapitalistische System, dessen Mängel ihr jetzt allmählich anerkennt, geschaffen hat.“

Wir könnten auch sagen, daß dieses hinterherhinkende Raisonnement nichts weiter, als ein Plaidoyer zur Entschuldigung des Bestehenden ist. Das gegenwärtige Lohnsystem ist nicht eingesetzt worden, um den Nachteilen des Kommunismus zu begegnen. Sein Ursprung ist ein ganz anderer, ebenso wie der des Staates und des Eigentums. Es ist geboren in der durch Gewalt aufgezwungenen Sklaverei und Leibeigenschaft, von denen es nur eine moderne Modifikation ist. Dieses Argument hat also nicht mehr Gewicht, als alle jene, mittels deren man das Eigentum und den Staat zu entschuldigen sucht.

Wir wollen indes trotzdem diesen Einwand prüfen und sehen, was an demselben Wahres ist.

*

Erstlich ist noch nicht erwiesen, daß sich eine Gesellschaft, die wirklich auf dem Prinzip der freien Arbeit begründet ist und durch [119] Müßiggänger in ihrem Bestehen bedroht wird, sich nicht gegen diese schützen könnte, ohne sich eine autoritäre Organisation zu geben und ohne auf das Lohnsystem zurückzugreifen.

Nehmen wir eine Gruppe Freiwilliger an, die sich zu einer Unternehmung vereinigt haben und für ihr Gelingen zusammen arbeiten. Ein Genosse bildet eine Ausnahme und fehlt häufig an seinem Posten. Sollte man nun seinetwegen die freie Gruppierung aufgeben, einen Präsidenten wählen, welchem das Recht zustände, Strafen zu verhängen, oder, wie es in der Akademie Brauch ist, Besuchsmarken zu verteilen? Es ist augenscheinlich, daß man weder das Eine noch das Andere tun wird, sondern daß man eines Tages zu dem Kameraden, der die Unternehmung zu gefährden droht, sagen wird: „Mein Freund, wir würden gerne mit Dir zusammenarbeiten; aber wenn Du so häufig an Deinem Posten fehlst oder Deine Arbeit nachlässig verrichtest, so müssen wir uns trennen. Geh Du und suche Dir andere Kameraden, die sich Deine Lässigkeit gefallen lassen.“

Dieses Mittel ist ein so natürliches, daß es heute schon überall, in allen Industrien neben allen möglichen Strafmitteln, Lohnreduktionen, Ueberwachungen usw. angewendet wird. Ein Arbeiter kann stets noch so pünktlich zur Stelle sein, wenn er aber seine Arbeit schlecht verrichtet, wenn er seine Kameraden durch Lässigkeit oder andere Mängel schädigt, wenn sie sich deswegen entzweien, so hat es ein Ende; er ist durch die Kameraden selbst gezwungen, die Werkstatt zu verlassen.

Man behauptet im allgemeinen, daß der allwissende Arbeitsherr und seine Aufpasser die Regelmäßigkeit und die gute Beschaffenheit der Arbeit in der Werkstatt garantieren. Nicht diese sind es in Wahrheit, welche in jeder Unternehmung – sei sie noch so einfacher Natur – bei der das Produkt vor seiner Vollendung durch mehrere Hände geht, über die Beschaffenheit der Arbeit wachen; es ist die Werkstatt, die Gesamtheit der Arbeiter selbst. Daher kommt es auch, daß die größten englischen Fabriken so wenig Aufpasser haben – viel weniger, als im Durchschnitt die französischen Fabriken oder die englischen Staatsfabriken.

Es verhält sich damit ebenso, wie mit der Aufrechterhaltung eines bestimmten Moralniveaus in der Gesellschaft mittels der Magistratur. Man behauptet, sie dem Gensdarm, dem Richter, dem Stadtsergeanten zu schulden, während es in Wirklichkeit trotz des Richters, des Schutzmannes und des Gensdarms besteht.

„Viel Gesetze, viele Verbrechen“ – hat man schon lange vor uns gesagt.

*

Nicht allein für die industriellen Werkstätten gilt dieses, es zeigt sich überall, täglich, in einem Umfange, von dem sich die meisten Bücherwürmer nichts träumen lassen.

Wenn eine Eisenbahnkompagnie, die mit andern Kompagnien föderiert ist, ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, mit ihren Zügen sich ständig verspätet und die Waren auf ihren Bahnhöfen unbefördert liegen läßt, drohen die andern Kompagnien nur, die Kontrakte zu annullieren, [120] und dies genügt gewöhnlich schon. Man glaubt im allgemeinen – wenigstens lehrt man es –, daß der Handel nur mittels der Drohung mit den Gerichten zur Erfüllung seiner Pflichten angehalten werden kann; nichts ist unwahrer als dies. Dort, wo der Verkehr am lebhaftesten ist, wie in London, genügt die Tatsache allein, einen Gläubiger zur Klage gezwungen zu haben, der ungeheuren Majorität der Kaufleute, hinfort jede Geschäftsbeziehung mit dem abzubrechen, der sie mit dem Advokaten in Berührung bringen könnte.

*

Warum sollte also das, was heute schon zwischen den Arbeitern einer Werkstatt, zwischen den Kaufleuten und den Eisenbahnkompagnien möglich ist, nicht auch in einer Gesellschaft möglich sein, die auf der freiwilligen Arbeit basiert?

Man stelle sie sich doch nur einmal als eine Assoziation vor, die mit jedem seiner Mitglieder folgenden Kontrakt abschlösse: „Wir sind bereit, Euch unsere Häuser, Magazine, Straßen, Verkehrsmittel, Schulen, Museen usw. zur Verfügung zu stellen – unter der Bedingung, daß Ihr Euch Eurerseits vom zwanzigsten bis zum fünfundvierzigsten resp. fünfzigsten Jahre täglich vier oder fünf Stunden einer für die Lebenserhaltung als notwendig anerkannten Arbeit unterzieht. Wählet selbst die Gruppen, denen Ihr Euch anschließen wollt, oder konstituiert eine neue Gruppe, vorausgesetzt, daß sie sich nur die Aufgabe stellt, das anerkannt Notwendige zu produzieren. Und für den Rest Eurer Zeit vereinigt Euch zu Gruppen, mit wem Ihr wollt – zum Zwecke der Erholung in Vergnügungen, wissenschaftlicher oder künstlerischer Tätigkeit ganz nach Eurem Geschmack.

1200–1500 Arbeitsstunden im Jahre, geleistet in einer der Gruppen, welche die Nahrung, die Kleidung, die Behausung produzieren oder in der öffentlichen Gesundheitspflege oder im Verkehrsgebiete usw. tätig sind – das ist alles, was wir von Euch verlangen, um Euch dafür alles das zu garantieren, was diese Gruppen produzieren oder produziert haben. Doch wenn keine der Tausende von Gruppen unserer Föderation Euch aufnehmen will – aus welchem Motive es auch sein möge – wenn Ihr absolut unfähig sein solltet, etwas Nützliches zu produzieren, oder Ihr Euch weigern solltet, es zu tun, nun, so lebet als Isolierte oder wie die Kranken. Wenn wir reich genug sein werden, so daß wir Euch nicht das Notwendige zu versagen brauchen, so werden wir erfreut sein, dieser Menschenpflicht genügen zu können. Ihr seid Menschen und Ihr habt ein Recht, zu leben. Da Ihr Euch aber unter besondere Bedingungen stellen und die Reihen der Genossen meiden wollt, so ist sehr wahrscheinlich, daß Ihr dies in Euren täglichen Beziehungen zu den andern Bürgern zu fühlen bekommen werdet. Man wird Euch betrachten wie ein Gespenst aus der bürgerlichen Gesellschaft und Euch fliehen – wofern nicht Freunde, die in Euch ein Genie entdeckt haben, sich beeilen, Euch von jeder moralischen Verpflichtung zu befreien, indem sie der Gesellschaft die Euch zufallende, für die Lebenserhaltung notwendige Arbeit für Euch mitleisten.

Und wenn Euch auch dies nicht gefällt, so gehet und suchet, ob Ihr anderswo in der Welt für Euch günstigere Bedingungen findet, oder suchet Anhänger zu finden und bildet mit diesen andere Gruppen, die [121] sich nach neuen Prinzipien organisieren. Wir werden die unsrigen vorziehen.“

*

Das ist, was man in einer kommunistischen Gesellschaft tun könnte, wenn die Müßiggänger so zahlreich werden sollten, daß man sich ihrer zu erwehren hätte.

IV.

Doch wir zweifeln stark daran, daß man diese Eventualität in einer Gesellschaft, die auf der vollständigen Freiheit des Individuums beruht, zu befürchten hat.

In der Tat, trotz des Vorschubs, der dem Müßiggang durch den individuellen Kapitalbesitz geleistet wird, ist jetzt schon der wahrhaft faule Mensch äußerst selten, in den meisten Fällen ist er ein Kranker.

Man sagt sehr häufig in Arbeiterkreisen, daß die Reichen Müßiggänger sind. Es gibt unter ihnen deren allerdings genug, doch bilden sie auch bei ihnen nur die Ausnahme. Im Gegenteil, in jeder industriellen Unternehmung ist man sicher, einen oder mehrere Bourgeois zu finden, die viel, sehr viel arbeiten. Es ist wahr, daß die große Zahl der Reichen ihre günstige Lage dazu benutzt, um sich weniger unangenehmen Arbeiten hinzugeben, und daß sie unter gesunden Nahrungs-, Luft- usw. Bedingungen arbeitet, die es ihr möglich macht, sich ihrer Arbeit ohne große Ermüdung zu entledigen. Dies sind aber gerade auch die Bedingungen, die wir für alle Arbeiter ohne Ausnahme anstreben. Man muß auch sagen, daß dank ihrer privilegierten Stellung die Reichen häufig eine absolut unnütze und häufig sogar für die Gesellschaft schädliche Arbeit verrichten. Die Kaiser, Minister, hohen Beamten, Fabrikleiter, Kaufleute, Bankiers usw. verrichten auch täglich eine Arbeit, die sie als mehr oder weniger lästig empfinden – Alle ziehen ihre Mußestunden denen der zwangsweisen Arbeit vor. Und wenn in neun Fällen auf zehn diese Arbeit eine verderbliche ist, so ist dieselbe deswegen nicht weniger ermüdend. Wenn die Bourgeois Müßiggänger wären, so würden sie schon seit langem nicht mehr existieren. Aber es ist eine Tatsache, daß sie eine große Energie und Arbeitstätigkeit aufwenden, um ihre privilegierte Stellung zu verteidigen. Durch ihre Arbeitstätigkeit haben sie den Grundadel gestürzt, und damit fahren sie fort, die Masse des Volkes zu beherrschen.

In einer Gesellschaft, welche von ihnen täglich nur 4 oder 5 Stunden nützlicher, angenehmer und gesunder Arbeit fordern würde, würden sie diese Mühe gern auf sich nehmen; aber gewiß, sie würden sich nicht jenen furchtbaren Bedingungen unterziehen, unter welchen sie heute die Arbeit durch Andere verrichten lassen. Wenn ein Pasteur nur 5 oder 6 Stunden in den Abzugskanälen von Paris umherginge, glaubet mir, er würde bald ein Mittel gefunden haben, um sie ebenso gesund zu machen, wie sein bakteriologisches Laboratorium.

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Was den Müßiggang der ungeheuren Majorität der Arbeiter betrifft, so können nur Oekonomisten und Philanthropen darüber predigen.

[122] Sprechet mit einem intelligenten Industriellen darüber, und er wird Euch sagen, daß, wenn die Arbeiter es sich in den Kopf setzen wollten, lässig zu sein, es würde nichts übrig bleiben, als alle Fabriken zu schließen; denn keine Strenge, kein Spionagesystem könnte etwas dagegen ausrichten. Man hätte nur den Schrecken sehen sollen, der unter den englischen Industriellen ausbrach, als einige Agitatoren die „Ca-canny“-Theorie predigten und den Arbeitern sagten: „Für schlechten Lohn liefert schlechte Arbeit, arbeitet langsam, quält Euch nicht ab, und verderbet, was Ihr nur könnt!“ – „Man demoralisiert den Arbeiter, man will die Industrie vernichten“! schrieen da diejenigen, welche ehemals gegen die Immoralität des Arbeiters und die schlechte Beschaffenheit seiner Produkte gedonnert hatten. Wenn der Arbeiter das war, als was ihn die Oekonomisten hinstellen – ein Faulpelz, dem man unaufhörlich mit der Entlassung aus der Werkstatt drohen müsse – was hätte dann das Wort „Demoralisation“ zu bedeuten?

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Wenn man also von einem etwaigen künftigen Müßiggang spricht, so muß man bemerken, daß es sich um eine Minorität, eine unendlich kleine Minorität in der Gesellschaft handeln wird. Und bevor man gegen diese eventuelle Minorität Gesetze erließe, täte man gut, über ihren Ursprung klar zu werden.

Wer mit vorurteilslosem Blick beobachtet, der wird wahrnehmen, daß das in der Schule als „faul“ geltende Kind häufig nur ein Kind ist, das schlecht begreift, was ihm schlecht gelehrt worden ist. Sehr häufig ist die vermeintliche Faulheit auch nichts anderes, als Blutmangel im Gehirn, eine Folge der Armut und einer ungesunden Erziehung.

Jener Knabe, faul im Lateinischen und Griechischen, würde wie ein Neger arbeiten, wenn man ihn in die Wissenschaften einzuführen verstände, namentlich wenn dies durch die Vermittelung der Handarbeit geschähe. Jenes Mädchen, das als Null in der Mathematik gilt, würde die erste Mathematikerin ihrer Klasse sein, wenn sie zufällig Jemandem begegnete, der sie durchschaut und ihr zu erklären versteht, was sie in den Anfangsgründen der Arithmetik nicht begriffen hatte. Und jener Arbeiter, lässig in der Fabrik, wird dagegen seinen Garten vom Aufgang der Sonne bis in die sinkende Nacht hinein bestellen.

Es hat Jemand einmal gesagt, daß der Schmutz Stoff ist, der sich nicht an seiner richtigen Stelle befindet. Die gleiche Erklärung trifft für neun Zehntel derer zu, die man „Faule“ nennt. Es sind Leute, die auf einen Weg geraten sind, der ihrem Temperament und ihren Fähigkeiten nicht entspricht. Wenn man die Biographien der großen Meister liest, so ist man von der Zahl der „Faulen“ unter ihnen betroffen. Sie waren faul, solange sie nicht den rechten Weg gefunden hatten; später arbeitsam bis zum Extrem. Darwin, Stephenson und so viele andere gehören zu diesen „Faulen“.

Sehr häufig ist der Faule nur ein Mann, dem es widerstrebt, während seines ganzen Lebens den 18. Teil einer Nadel oder den 100. Teil einer Uhr zu machen. Er würde Ueberfluß an Energie haben, wenn er sie auf etwas anderes verwenden könnte. Häufig ist er auch ein Revolutionär, [123] der nicht die Idee fassen will, daß er sein ganzes Leben an den Werktisch geschmiedet sein soll und arbeiten muß, um seinem Arbeitgeber tausenderlei Genüsse zu verschaffen, – während er sich klüger als jener weiß und kein anderes Unrecht begangen hat, als in einer Hütte anstatt in einem Palaste geboren zu sein.

Endlich kennt eine gute Zahl der „Faulen“ nicht das Handwerk, durch welches sie gezwungen sind, ihr Leben zu verdienen. Indem sie in dem Gegenstand, der der Arbeit ihrer Hände entstammt, etwas Unvollkommenes sehen und sich vergebens bemühen, ihn besser herzustellen, und bemerken, daß ihnen dies niemals glücken wird wegen der schlechten Arbeitsmethoden, die sie sich einmal angewöhnt haben, werden sie von Haß gegen ihr Handwerk, und da sie kein anderes kennen, gegen die Arbeit überhaupt erfüllt. Tausende von Arbeitern oder verfehlten Künstlern rechnen unter diese Kategorie.

Ganz anders verhält es sich mit dem, welcher in seiner Jugend gut Klavier spielen, gut den Hobel, die Schere, den Pinsel oder die Feile zu handhaben lernte und dadurch das Bewußtsein hat, daß er etwas Schönes vollbringt, dieser wird niemals vom Piano, von der Schere oder der Feile lassen. Er wird ein Vergnügen in seiner Arbeit finden, die ihn nicht ermüden wird, solange sie nicht zu jener Ueberarbeit wird.

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Unter der einen Bezeichnung Faulheit gruppiert man also eine ganze Reihe von Resultaten, die den verschiedenen Ursachen geschuldet werden, und von denen jede vielleicht eine Quelle des Nutzens für die Gesellschaft sein könnte, anstatt, wie heute, ein Uebel. Unter diesem Begriff hat man, wie bei der Kriminalität, wie in allen Gebieten, welche die Fähigkeiten des Menschen betreffen, Tatsachen zusammen gebracht, die gewöhnlich nichts mit einander gemein haben. Man spricht von Faulheit oder Verbrechen, ohne sich auch nur Mühe zu geben, ihre Ursachen zu analysieren. Man beeilt sich, jene zu bestrafen, ohne sich zu fragen, ob die Strafe nicht selbst eine Förderung der „Faulheit“ oder des „Verbrechens“ sein konnte.

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Das ist der Grund, weshalb eine freie Gesellschaft, wenn sie die Zahl der Müßiggänger in ihrem Schoße wachsen sieht, ohne Zweifel darauf denken wird, nach den Ursachen ihrer Faulheit zu forschen, und sie wird versuchen, sie zu beseitigen anstatt zu Züchtigungsmitteln zu greifen. Wenn es sich, wie wir schon oben sagten, um einen einfachen Fall von Blutarmut handelt, so wird man sich sagen: „Bevor Ihr das Gehirn des Kindes mit Wissenschaft vollpfropft, verschafft ihm erst Blut; kräftigt es, und damit es seine Zeit nicht verliere, führet es auf das Land oder an den Strand des Meeres. Dort in frischer Luft, nicht über Büchern lehret ihm die Geometrie – indem Ihr beispielsweise mit ihm die Distanzen bis zu den nächsten Felsen abmesset; – es wird dort die Naturwissenschaften lernen, indem es Blumen sammelt oder auf dem Meere fischt, die Physik, indem es sich das Boot erbaut, in welchem es [124] fischen fahren wird. Belastet aber sein Gehirn nicht mit hohlen Phrasen und toten Sprachen. Macht nicht erst aus dem Kinde einen ‚Faulpelz‘.“

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Ein anderes Kind mag keinen Sinn für Ordnung und Regelmäßigkeit haben. Lasset die Kinder diesen sich nur selbst und gegenseitig einflößen. Später werden das Laboratorium und die Fabrik, die Arbeit auf einem beschränkten Raum mit vielen Werkzeugen ihnen Methode geben. Machet Ihr sie nicht selbst zu unharmonischen Wesen durch Eure Schule, die keine andere Ordnung als die Symmetrie ihrer Bänke kennt, die aber in ihrem Unterricht ein wahrhaftes Bild des Chaos ist. Sie wird niemals Jemandem Liebe zur Harmonie, Beständigkeit und Methode für die Arbeit beibringen.

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Sehet Ihr denn nicht, daß Ihr mit Euren Unterrichtsmethoden, ausgearbeitet von einem Minister für 8 Millionen Schüler, die ebensoviele verschiedene Kapazitäten bedeuten, nur ein System schaffen könnt, das, vom Durchschnitt der Mittelmäßigkeiten erdacht, nur gut für Mittelmäßigkeiten sein kann. Euere Schule ist eine Universität der Faulheit, wie Euer Gefängnis eine Universität des Verbrechens ist. Gebet also die Schule frei, schaffet Eure Universitätsgrade ab, appelliert an Freiwillige für den Unterricht, – dort beginnet, anstatt daß Ihr Gesetze gegen die Faulheit macht; Ihr könnt dadurch nur die Faulen in Faulen-Regimenter bringen.

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Gebet dem Arbeiter, welcher sich nicht dazu bequemen kann, einen winzigen Teil irgend eines Artikels zu machen, der bei der kleinen Bohrmaschine sich solange abgequält hat, bis er sie schließlich haßt, gebet Diesem die Möglichkeit, das Land zu bearbeiten, die Bäume im Walde zu fällen, auf dem Meere gegen den Sturm anzukämpfen, den Weltraum auf der Lokomotive zu durcheilen. Aber machet nicht erst aus ihm einen „Faulpelz“ indem Ihr ihn zwingt, während seines ganzen Lebens eine kleine Maschine zu überwachen, die Schraubenköpfe furcht oder Oehre in Nähnadeln bohrt?

Unterdrücket nur die Ursachen, welche die „Faulen“ machen und glaubet mir, es wird kaum noch Individuen geben, welche wirklich die Arbeit hassen. Man wird keines Arsenals von Gesetzen mehr gegen sie bedürfen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Artels waren freiwillige Zusammenschlüsse zum Zweck des gemeinsamen Wirtschaftens im Russischen Kaiserreich.
  2. Ca’ canny ist Schottisch für „langsam und vorsichtig vorgehen“ und bezeichnet in der englischen Sprache die Form der Sabotage, bei der absichtlich langsamer gearbeitet wird.
  3. Vom französischen sabot, „Holzschuh“ leitet sich das Wort Sabotage ab.