Die Fabrikation musikalischer Instrumente in Sachsen

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Titel: Die Fabrikation musikalischer Instrumente in Sachsen
Untertitel:
aus: Album der Sächsischen Industrie Band 2, in: Album der Sächsischen Industrie. Band 2, Seite 125–127
Herausgeber: Louis Oeser
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Louis Oeser
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Erscheinungsort: Neusalza
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Quelle: Commons und SLUB Dresden
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Die Fabrikation musikalischer Instrumente in Sachsen.


Ein in Sachsen eigenthümlicher Gewerbzweig ist die Fabrikation musikalischer Instrumente, sowohl von Holz, als von Blech, welche hauptsächlich im Voigtlande, doch auch in einigen Orten des Erzgebirges, in mehr oder minder großartigem Maßstabe getrieben wird, eine Menge Hände grade in den ärmsten Gegenden unseres Vaterlandes beschäftigt und ihnen, wenn auch nicht eben reichlichen, so doch genügenden, oder wenigstens nothdürftigen Erwerb gewährt, was man von anderen daselbst getriebenen Erwerbszweigen leider nicht immer sagen kann, wie z. B. das Klöppeln und das Sticken, wo es von den damit beschäftigten armen Mädchen trotz aller Kunstfertigkeit nur zu oft heißen kann: „sie haben zu wenig, um zu leben, und zu viel, um zu erhungern.“

Der Hauptsitz dieser Industrie – wenn wir die Pianofortefabrikation ausnehmen – ist das Voigtland und hier sind es die Städte Markneukirchen und Adorf und das Dorf Klingenthal, wo sie vorzugsweise getrieben wird und von wo die Erzeugnisse nach aller Welt gehen; denn nicht auf das Inland oder auf Deutschland allein beschränkt sich der Absatz, sondern über ganz Europa, ja selbst nach überseeischen Ländern gehen die Erzeugnisse dieser Industrie in ganzen Massen, in den Concerten Asiens und Amerikas klingen die Instrumente des Voigtlandes, der Wilde Australiens tauscht sie gegen seine Kokosnüsse und Brodfrüchte und versucht dann auf ihnen seine musikalischen Talente in schmetternden, schreienden und quikenden Tönen zu erproben, der Neger an der Küste Kongos und Guineas tanzt nach ihnen und selbst in das Innere Afrikas sind sie durch den Tauschhandel vielleicht weiter gedrungen, als bis jetzt der kühnste europäische Reisende. Auf der Harmonika des Voigtlandes spielt der Kosak des Ural und des Don seinem Liebchen vor, versucht sich die Haremsbewohnerin und erheitert der einsame Ansiedler in den Urwäldern Amerikas seine wenigen Stunden der Erholung von mühseliger Arbeit. – Musik liebt eben alle Welt und Jeder sucht sie auszuüben, so gut es eben geht.

Dieser Industriezweig wurde zu der Zeit, als die Religionsverfolgungen in Böhmen immer heftiger begannen und damit das Signal zum Ausbruch jenes unheilvollen Krieges gaben, welcher dreißig Jahre lang Deutschland auf das schrecklichste verwüstete und ganze Landstriche zu Einöden verwandelte, durch böhmische Auswanderer nach dem Voigtlande verpflanzt; Instrumentenmacher unter diesen Auswanderern ließen sich in Klingenthal und Markneukirchen nieder, wo sie in nächster Nähe die für ihre Fabrikate geeignetsten Holzarten fanden, und sie übten sich eine Anzahl Gehülfen ein. Freilich war in jener unruhigen Zeit an einen lebhaften Aufschwung des Gewerbes nicht zu denken, „die Pfeiffen- und Geigenmacher im Voigtlande mußten mehr Pfeiffen und Trompeten für das wilde Kriegsvolk machen, als Geigen zum Tanz, und was sie etwa dabei verdienten, wurde ihnen von den Kriegsleuten mit dem Säbel über dem Kopfe wieder abgenommen“, erst als die Kriegsstürme schwiegen, die geschlagenen Wunden nach und nach zu heilen begannen, wurde es auch mit der Instrumenten-Industrie wieder lebhafter.

Um 1690 stand diese Industrie schon in hoher Blüthe, zum Theil Verdienst des Instrumentenmacher Johann Tängel aus Danzig, welcher viele Jahre bei den besten Instrumentenmachern des Auslandes [126] gearbeitet hatte und dann die gemachten Erfahrungen in Markneukirchen anwendete, auch als fähiger Kopf eine Menge Verbesserungen erfand; er lehrte hier auch zuerst die Kunst, die Instrumente fein zu lakiren. Tängel starb als fast hundertjähriger Greis 1757.

Wie umfangreich schon 1690 die Fabrikation betrieben wurde, beweist ein Scherzwort des starken August. Die Instrumentenmacher von Markneukirchen reichten in diesem Jahre eine Bittschrift ein um Gewährung einiger Privilegien und mehrerer Erleichterungen. Lächelnd sagte da der König: „Wir wollen es diesen Leuten nicht abschlagen, denn wenn die auf ihren Geigen und Pfeiffeln darüber zu lamentiren anfingen, so müßte wohl die Hälfte des Voigtlandes aus Angst davon laufen.“

In dem ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts trat der Baier Joseph Ströz auf und lehrte die Fertigung der Bogen, wozu er aber nur geringes Holz verarbeitete, nach seinem 1760 erfolgten Tode verbesserten und verfeinerten der Musikus Schulze und der Tischler Otto die Bogen, so daß jetzt das Stück zu fünfzehn Thaler geliefert wird.

1725 traten auch die ersten Saitenmacher auf.

1750 lieferte Joseph Eschenbach zuerst Waldhörner und überhaupt alle Messinginstrumente, während man bisher nur vereinzelt Trompeten geliefert. Dieses führte dann zur weiteren Verbesserung der hölzernen Blasinstrumente durch J. G. Gütter, so daß von 1760 an alle Arten Instrumente geliefert werden konnten, vorzüglich da C. Heberlein auch die Fabrikation der Wirbel etwa um dieselbe Zeit einführte.

Die Reisenden aus dem Voigtlande gingen nun nicht allein durch ganz Deutschland, sondern auch nach Holland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Italien, Malta, Nord-Amerika u.s.w. und der Versandt verbreitete sich über die ganze civilisirte Erde, zudem die billigeren Instrumente von den Schiffskapitänen gern als beliebte Tauschartikel erstanden wurden. Späterhin errichteten einzelne Fabrikanten selbst Commanditen in fremden Ländern, wie die jetzt noch bestehende Klemmsche Fabrik (jetzt Firma Georg und August Klemm) eine solche in Philadelphia.

Im Jahre 1802 gab es im Voigtlande im Ganzen über zweihundert Instrumentenmacher und diese lieferten im genannten Jahr 265 Dutzend Violinen, 11 Bässe, 14 Bassethörner, 572 Flöten, 98 Picoloflöten, 162 Octavflöten, 250 Clarinetten, 42 Fagots, 304 Waldhörner, 213 Posthörner, 180 Trompeten und dergleichen mehr, dabei eine ungeheure Menge kleiner Pfeiffen u.s.w. Ebenso wurden 4320 Bund Darmsaiten gefertigt, wozu die rohen Schafdärme größtentheils aus Dänemark und Schweden bezogen wurden.

Im Jahre 1806 befanden sich in Markneukirchen allein 90 Geigen- oder Baßgeigenmacher, 12 Waldhörner- und Trompetenmacher, 24 Violin- und Baßbogenmacher, ohne die vielen anderen dabei beschäftigten Personen. In Klingenthal befanden sich zu derselben Zeit etwa 80 Fabrikanten.

1820 befanden sich in Markneukirchen 17 Bogen- und 69 Geigenmachermeister ohne die Gesellen und Lehrlinge, ebenso 30 Saitenmachermeister. Hierzu kamen noch viele andere unmittelbar bei der Fabrikation beschäftigte Personen. Diese lieferten gegen 7000 Bund Violinsaiten, 350 Dutzend Saiteninstrumente, gegen 2600 Stück Blas-Instrumente und 400 Dutzend Violin- und Baßbogen. Gleichzeitig war hier die Fabrikation von Pianofortes, Klavieren, Guitarren, Zithern, Lyras, Harfen, Mandolinen, Harmonikas, Aeolsharfen u.s.w. entstanden. – Klingenthal lieferte in demselben Jahre 800 Violinen, 150 Bässe und mehrere Tausend Lauten, Harfen, Zithern u.s.w.

Gegenwärtig beträgt die Zahl der bei diesem Industriezweige unmittelbar beschäftigten Arbeiter gegen 2500 und die dadurch im Ganzen ernährten Menschen 27,500. In Markneukirchen allein besteht die Instrumentenmacher-Gesellschaft aus 102 selbstständigen Mitgliedern mit über 100 Gehülfen ohne die [127] Lehrlinge; die Darmsaitenmacher-Innung beschäftigt 70 Meister und 20 Gesellen; die Geigenmacher-Innung zählt gegen 100 Meister und 80 Gesellen.

Der Gesammtwerth des jährlichen Fabrikats läßt sich mindestens auf 300,000 Thaler annehmen und es sind davon etwa 120,000 Thaler auf Blasinstrumente, 75,000 Thaler auf Saiteninstrumente, 75,000 Thaler auf Saiten und 30,000 Thaler auf die einzelnen Bestandtheile zu rechnen. Von dieser ganzen Summe sind 200,000 Thaler auf Arbeitslöhne und 100,000 Thaler auf Geschäftsertrag und auf Kosten der Rohstoffe zu rechnen. Die Anfertigung der Darmsaiten, ein Nebenzweig der Instrumenten-Fabrikation, ist gar nicht so unbedeutend, als man auf den ersten Anschein hin glauben möchte, indem jährlich durchschnittlich für 40,000 Thaler rohe Schafdärme aus Dänemark und Norwegen und mehreren größeren Städten bezogen und hier zu Saiten verarbeitet werden.

Ueber die Pianofortefabrikation hoffen wir gelegentlich einen besonderen Artikel zu bringen, jetzt sei nur bemerkt, daß Sachsen durchschnittlich jährlich 1800 Flügel- und tafelförmige Instrumente, sowie Pianinos baut, die einen Gesammtwerth von 300,000 Thalern haben. Es sind dabei gegen 400 Gehülfen beschäftigt, die ungefähr 120,000 Thaler Arbeitslohn beziehen. Leipzig ist der Hauptsitz dieser Branche und liefert allein jährlich 1000 Instrumente im Werthe von 180,000 Thalern und beschäftigt 210 Gehülfen. Von diesen Instrumenten wird ein bedeutender Theil für den überseeischen Markt gefertigt.