Die Gartenlaube (1858)/Heft 49

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 49. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der Todtenbesuch am Skagerhorn.
Nach wirklichen Begebenheiten mitgetheilt von Ernst Willkomm.


I.
Ein Seemannshaus.

Am breiten Quai der Trave in Lübeck liegt ein altes Haus mit hohem ausgezackten Giebel, das unter den vielen höchst interessanten Baulichkeiten dieser an uralten Häusern von seltsamer Form so reichen Stadt eine nähere Besichtigung wohl verdient. Schon daß es vielleicht die älteste bekannte Weinschenke enthält, welche die Stadt besitzen dürfte, kann zum Besuche desselben einladen, mehr jedenfalls verdient es einen solchen des werthvollen Zimmers wegen, das wahrscheinlich schon seit ein paar Jahrhunderten als Gastzimmer benutzt worden ist. Eichenes Getäfel, mit kunstreicher Holzschnitzerei verziert, bekleidet die Wände des großen Raumes bis zur sehr hohen Decke hinauf, und hier unter dem Plafond ziehen sich eine Anzahl trefflicher Gemälde um alle vier Seiten des Zimmers, welche die Leidensgeschichte Christi darstellen. Leider sind diese Gemälde kaum mehr zu erkennen. Der Rauch so vieler Jahrzehnte hat sie mit bräunlichem Anfluge überzogen, so daß sie nur wenig von der noch dunkleren, ins Schwarze spielenden Färbung des eichenen Täfelwerkes abstechen.

Vor mehreren Jahren trat ich ab und an in dies merkwürdige Zimmer, das durch sein originelles Schnitzwerk Jedermann anheimeln mußte. Ich betrachtete genau die schon erwähnten Gemälde und notirte mir die darunter in noch immer glänzender Goldschrift befindlichen naiven Verse, in denen die Erklärung jedes einzelnen Bildes enthalten war. Das raubte Zeit, und da man nur entweder bei sehr hellem Wetter oder bei Licht Bilder und Verse entziffern konnte, so mußte ich wiederholt mit der Beschauung dieser Alterthümer mich beschäftigen. Es konnte nicht fehlen, daß mich dies in Berührung brachte mit den Männern, die hier verkehrten und ihren Wein oder Grog tranken. Es waren fast nur Schiffscapitaine, von denen einige sich zur Ruhe gesetzt hatten, die meisten aber, in ihren besten Jahren stehend, noch ihrem Berufe oblagen. Sie waren Alle gesprächig, erzählten gern Scenen aus ihrem Leben und fanden dazu jederzeit Anlaß. Denn bald grüßte die Flagge eines langsam den Strom heraufgleitenden Schiffes durch die Scheiben der hohen, thorartigen Fenster, bald führte Windgebraus und wogendes Wasser die Gedanken der Männer hinaus auf’s Meer.

Seeleute von Bildung haben nicht blos Mancherlei zu erzählen, sie können auch erzählen, vorausgesetzt, daß man sie nicht durch störende Fragen oder ungehörige Bemerkungen im Flusse ihrer Rede unterbricht.

Eines Tages – es war tief im November – betrat ich das Haus bald nach Mittag. Ich fand das große Zimmer fast ganz von Menschen erfüllt und eine ungewöhnlich lebhafte Unterhaltung. Meine Bilderbesichtigung konnte ich, aus Mangel an Platz, nicht fortsetzen, da ich aber mehreren der Anwesenden schon bekannt war und mich mit diesen unterhalten hatte, so forderte man mich auf, einige Zeit zu verweilen. Ich that es gern, denn es hatten sich neue Ankömmlinge eingefunden, die eben von längeren Reisen zurückgekehrt waren. Ihre Schiffe lagen nur wenige Schritte weit vom Hause in der Trave. Schwarze Träger mit rochen Gesichtern waren beschäftigt, die Ladung zu löschen, die bei einigen aus Eisen, bei andern aus Kohlen bestand.

Unter diesen Ankömmlingen fielen mir besonders zwei auf, welche vorzugsweise das Wort führten und offenbar bei ihren Collegen in großer Achtung standen. Leider war gerade der lebhafteste Erzähler schwer zu verstehen. Seine Baßstimme klang rauh und wenn er sprach, kollerten die Worte polternd über seine Lippen, so daß man aufmerksam zuhören mußte, wollte man den Sinn seiner Rede richtig fassen. Der Andere trug ungleich besser vor, stammelte aber dann und wann, besonders wenn man ihn scharf ansah.

Es hatte den ganzen Vormittag schon gestürmt, die Trave ging hoch und überspülte an den niedrigen Uferstellen den Quai. Dies ungestüme Wetter frischte das Gedächtniß der beiden Capitaine auf, und nachdem schon mancherlei Erlebnisse in schwerem Sturmwetter mitgetheilt worden waren, ergriff der Stammelnde von Neuem das Wort, indem sein bisher fröhlich aussehendes Gesicht einen ernsten, fast düstern Ausdruck annahm.

Hansen – so hieß der polternd Sprechende – hatte eben eine seiner kurz gefaßten Erzählungen beendigt und damit den Uebrigen neuen Stoff zu lebhaften Gesprächen geliefert. Petersen, wie sich der Andere nannte, nahm lebhaft Theil daran, bis er die Bemerkungen seiner Gegner mit der Aufforderung beseitigte, man möge ihm längere Zeit Gehör schenken. Sei man dazu geneigt, so wolle er eine Geschichte erzählen, mit der sich nichts von Allem vergleichen lasse, was ihm und den übrigen Anwesenden während ihres Seefahrerlebens begegnet sei.

Sofort ward es still. Die meist schon bejahrten Männer rückten enger zusammen, der gealterte Wirth füllte unaufgefordert die dampfenden Gläser, und Petersen, der dicht beim Ofen in der dunkelsten Ecke des Zimmers saß, begann seine Erzählung, die ich in Folgendem wiederzugeben versuchen will.



[698]
II
Der Verlust.

Vor noch nicht hundert Jahren war mein Großvater Leichtmatrose auf einem Grönlandsfahrer. Mit ihm zugleich wurde ein wohl zehn Jahre älterer Vollmatrose geheuert, der schon mehrere Fahrten in die Polargegenden gemacht hatte und in dem Rufe stand, ein geschickter Harpunier zu sein. Tom Peter, wie mein Großvater stets gerufen ward, mochte den Mann nicht gern leiden. Er war immer finster, that alle Arbeit anscheinend verdrossen, sprach nie mehr, als was hoch nothwendig war, und hielt sich fast immer allein. Dem Capitain gefiel das nicht, weshalb er Henricksen zur Rede setzte und ihm ein freundlicheres Wesen anbefahl. Etwas fruchtete diese Weisung des Capitains, allein ein wirklicher Umgang mit dem finstern Manne wollte doch nicht zu Stande kommen. Erst an der grönländischen Küste, als sich Wallfische zeigten und allem Vermuthen nach ein guter Fang in Aussicht stand, thaute Henricksen auf. Er arbeitete jetzt für Drei, war unermüdlich immer der Erste auf dem Platze, und die Harpune schleuderte er mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß es nur selten der Nachsendung einer zweiten bedurfte, um einen einmal getroffenen Wallfisch nicht entrinnen zu lassen. Sowie aber das Schiff volle Ladung hatte und die Anker zur Rückreise gelichtet wurden, verfiel Henricksen wieder in sein früheres Schweigen, und auch die scharfen Worte des Capitains konnten nichts weiter darin ändern. Mein Großvater mag jetzt selbst weiter erzählen:

Ich ging dem unfreundlichen Manne überall aus dem Wege, was nicht schwer war, da er selbst ja Niemand suchte. Nur in einer Nacht, wo ich zugleich mit Henricksen die Wache auf Deck hatte, konnte ich ihm nicht ausweichen. Es war Pflicht, uns dann und wann zu sprechen, wenn sich das Gespräch selbst auch nur auf wenige Worte beschränken sollte.

Wider Erwarten und auch ganz gegen meinen Wunsch näherte sich Henricksen in dieser Nacht alsbald meinem Platze am Bug des Schiffes. Anfangs sprach er nicht, ich konnt’ es ihm aber ansehen, daß er sprechen wollte. Nur getraute er sich nicht recht, zuerst das Schweigen zu brechen, vermuthlich, weil er fühlen mochte, daß mir dies auffallen müsse. Ich aber nahm mir vor, gar nicht auf ihn zu achten, bis die Pflicht es mir gebieten würde.

Wohl eine Stunde lang ging Henricksen an der Backbordseite des Schiffes unermüdet auf und nieder, dann setzte er sich auf die Ankerwinde, holte tief Athem, als drücke ihn etwas, kehrte sein finsteres Gesicht mir zu und sagte:

„Tom Peter, ich bin Dir gut, sei mein Freund!“

Dabei streckte er mir seine breite Hand entgegen und ein bittender Blick traf mein Auge. Ich antwortete zwar nicht, meine Hand aber legte ich, fast ohne es zu wissen, in die dargereichte Rechte.

„Setze Dich zu mir, Tom Peter,“ fuhr er fort, „und höre mich an. Wir sind jetzt ganz allein. Der alte Brummbär von Capitain schläft, der Mann am Steuer kann uns nicht belauschen, und wir haben Mondschein und prächtigen Segelwind. Willst Du mir auch ruhig zuhören?“

Ich gab meine Bereitwilligkeit durch einen Händedruck zu erkennen.

„Weißt Du, Tom Peter, was mich so still macht?“ fuhr er fort.

„Wie soll ich das wissen, Henricksen?“ erwiderte ich. „Hast Du in den vier Monaten, die wir nun in See sind, doch keine zehn Worte mit mir gesprochen!“

„Das Unglück ist’s, Tom Peter, ein schreckliches Unglück!“

„Ich hab’ so ’was vermuthet.“

„Hast Du eine Braut?“

„Nein, Henricksen; wär’ auch zu früh für mich.“

„Ich hatte eine, ein herziges Kind! Du hättest sie kennen sollen!“

„Ist sie gestorben?“

Henricksen seufzte, sein Auge blickte zum gestirnten Himmel, und während seine Hand sich schwer auf meinen Arm legte, sagte er langsam:

„Ich weiß nicht!“

„Sie ward Dir doch nicht untreu?“

Henricksen verneinte.

„Dann raubte man sie Dir?“

„Möglich! Möglich!“

„Möglich? Aber Henricksen –“

Seine eisenharte Hand legte sich so fest um meinen Arm, daß mich der starke Druck schmerzte.

„Ich fürchte,“ sagte er mit dumpfer, zitternder Stimme, „man hat sie um’s Leben gebracht!“

Ich sah ihn ungläubig, mißtrauisch an. Redete der Mann vielleicht irre? Sein ganzes Aussehen konnte der Vermuthung Raum geben, daß er seines Verstandes nicht vollkommen mächtig sei.

„Glaube nicht, Tom Peter,“ fuhr er fort, „daß ich mich nur mit leeren Einbildungen quäle. Ich will Dir den Hergang, soweit ich ihn kenne, genau berichten. Es sind jetzt gerade drei Jahre her, daß ich mich mit Marie Anne verlobte. Wir waren Nachbarskinder und Gespielen gewesen von Jugend auf. Ich ging mit dreizehn Jahren zur See, Marie Anne nahm einen Dienst an, sowie sie die Schule verließ. Drei Jahre später erst kam ich von meiner ersten Reise zurück und sah sie wieder. Sie gefiel mir besser, denn je, und halb im Scherz, halb im Ernst nahm ich ihr das Versprechen ab, das sie mir auch lachend gab, sie solle sich nicht etwa verloben, ehe sie mich noch einmal gesprochen habe. Nun blieb ich über vier Jahre vom Hause und hatte mich tüchtig in der Welt umgesehen. Ich war ein ganz stattlicher Bursche geworden. So trat ich vor Marie Anne hin, die ich ebenfalls zu ihrem Vortheil verwandelt fand, und da sie ihr Versprechen gehalten hatte und ich wohl merken konnte, daß sie mich leiden mochte, so waren wir bald einig. Unsere beiderseitigen Eltern waren schon seit Jahren todt, nahe Verwandte besaßen wir auch nicht, und so verlobten wir uns denn unter dem gegenseitigen Abkommen, daß wir noch ein paar Jahre tüchtig arbeiten wollten, um etwas vor uns zu bringen. Erst wenn uns dies gelungen sein werde, wollten wir heirathen. Glücklich, wie nie zuvor, ging ich fort, um ein paar Ringe zu kaufen. Ich bedurfte dazu einen Tag Zeit, weil der Wohnort meiner Braut hart an der Küste lag und die nächste Stadt einige Meilen entfernt war. Als ich nun wieder zurückkomme, finde ich den kleinen Ort in größter Aufregung, kaum aber erblickt man mich, so werde ich umringt und mehr denn Einer ruft mir erbittert zu: „Wo ist Marie Anne? Wo hast Du sie gelassen?“

„Entsetzt über diese Fragen, vermag ich anfangs nicht einmal zu antworten. Da gewahren auch die so heftig in mich Dringenden ihren Irrthum und führen mich theilnehmend zur Herrschaft meiner Braut. Hier erfuhr ich das Entsetzliche.

„Bald nach meiner Entfernung im abendlichen Zwielicht war ein Mann in’s Haus des Küsters, wo meine Braut diente, getreten. Es hatten ihn Mehrere gesehen und Alle glaubten, da er von Gestalt mir völlig gleich, ich selbst sei es gewesen. Später sah man ihn die Wohnung des Küsters in Begleitung Marie Anne’s wieder verlassen. Man gewahrte Beide mit einander sprechend der Meeresküste zuwandern, dort den Strand hinabgehen und hier längere Zeit verweilen. Zurückkommen sah Marie Anne Niemand, auch ihr Begleiter war verschwunden. Ein paar Leute, die ihn vor meiner Entfernung aus der Wohnung des Küsters gesehen zu haben behaupteten, sagten aus, er habe sich von mir nur durch sein strohblondes Haar unterschieden.

„Alle Nachfragen nach der auf so unbegreifliche Weise Verschwundenen blieben erfolglos. Daß sie am Strande verunglückt sei, war nicht wohl anzunehmen, das Wahrscheinlichste blieb eine durch Gewalt oder Schlauheit bewerkstelligte Entführung. Wer aber war der Räuber meiner Braut? Wem konnte Marie Anne so großes Vertrauen schenken, daß sie ihm arglos zu folgen sich entschloß? Wie oft ich mir diese Fragen vorlegte und über deren Beantwortung nachdachte, zu einem Ziele führten sie mich doch nicht. Meine Braut war und blieb für mich verloren!“

Henricksen schwieg. Die Erzählung hatte ihn erschüttert. Ein paar Thränen zitterten an den Wimpern seiner Augen.

„Hast Du denn gar keinen Verdacht gegen Jemand?“ fragte ich den tief Betrübten.

„Nicht den geringsten,“ erwiderte Henricksen. „Unter allen meinen Bekannten war nicht Einer, der sich durch strohgelbes Haar kenntlich machte. Blondhaarige Matrosen kannte ich viele, es waren aber lauter offene, treuherzige Jungen, die nicht einmal wußten, daß ich eine Braut hatte. Sie waren nie in die Nähe ihres Wohnortes gekommen, denn sie hielten sich im Hafenplatze, wo unsere Schiffe lagen, auf. Erst sehr spät, nach Jahresfrist, brachte mich eine längere Unterredung, die ich zufällig mit einem alten Robbenschläger [699] anknüpfte, auf verdächtige Spuren. Dieser Mann hatte die Gewohnheit, häufig Nachts auf seinem Fahrzeuge, das ihn schon über zwanzig Jahre trug, zu schlafen. In derselben Nacht, bei deren Anbruch der fremde Mann meine Braut aus dem Hause zu locken wußte, hörte er leise Ruderschläge in der Nähe seines Schiffes. Er verließ seine Koje und hob den Kopf aus der Luke. Nur etwa hundert Fuß weit vom Ufer entfernt gewahrte der Robbenschläger einen Nachen, der offenbar landwärts steuerte und hier auch bald in den schmalen Hafen der kleinen Au einlief. Es saßen drei Personen in dem Nachen, zwei Männer und eine Frau. Letztere sprach lebhaft mit ihren beiden Begleitern und brach dann in Schluchzen aus. Gleich darauf will er einen dumpfen Schrei vernommen haben, worauf der Nachen in weiterer Entfernung von ihm wieder durch rasche Ruderschläge die hohe See zu gewinnen suchte. Etwa drei Meilen vom Lande in der Richtung, welche der Nachen nahm, lag – und dieses Umstandes erinnere ich mich ebenfalls – ein großer Schooner vor Anker. Am Morgen war er verschwunden, und da er keine Flagge gezeigt hatte, erfuhr man nicht, welcher Nation er angehört haben mochte.“

In diesem Augenblicke ward der Wind lebhafter. Er war ein paar Striche westlicher gelaufen und der Grönlandsfahrer wurde dadurch genöthigt, seinen Cours etwas zu ändern. Mitternacht war vorüber. Ueber die bisher glänzenden Gestirne legten sich matte Schleier, der Mond hüllte sich in gelbliche Dünste, die alsbald einen farbigen Regenbogen um ihn bildeten. Die Wache sollte abgelöst werden und wir, ich und Henricksen, machten uns eben bereit, uns in unsere Kojen zurückzuziehen, als das langsame Heranschweben eines beweglichen Schattens uns noch länger fest hielt auf Deck. Es war ein prächtig getakeltes Schoonerschiff, das an uns vorübersegelte. Es kam uns so nahe, daß die weit ausgestoßenen Spieren unserer Bark beinahe die Segel des Fremden streiften. Außer dem Manne am Steuer und dem Wachtmat am Bug sahen wir Niemand am Bord. Still zog es an uns vorüber, ohne uns anzurufen oder eine Flagge zu zeigen. Dem Baue nach hielten wir es für einen Normann.

Henricksen erfaßte meine Hand und zog mich mit sich in die Cabine. Durch seine Erzählung war er mir viel näher gerückt worden. Ich betrachtete ihn jetzt mit ganz andern Augen, und was mir früher an ihm abstoßend erschien, das zog mich jetzt an. Das Schicksal des armen Mannes interessirte mich und wenn ich auch nichts für ihn thun konnte, so ward doch eine gewisse Neugier in mir lebendig, die befriedigt zu werden wünschte, wenn irgendwie eine Spur sich auffinden lassen sollte, welche zur Entdeckung des verschwundenen Mädchens führen könnte.

Die Erzählung Henricksen’s hatte mich so aufgeregt, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, an einer Fortsetzung derselben aber wurden wir verhindert, da der bis dahin so schweigsame Vollmatrose sich außer mir Niemand offenbaren wollte. Auf mein Befragen, weshalb er so zurückhaltend sei, erwiderte er nur:

„Ich bin mißtrauisch geworden gegen Jedermann. Marie Anne war treu und redlich und nur einem falschen Freunde konnte es gelingen, sie so zu bethören, daß sie ihm arglos folgte, um auf eine oder die andere Weise dem Verderben oder dem Tode anheim zu fallen.“




III.
Das Busentuch.

Von dieser Nacht an wurde ich mit Henricksen eng befreundet. Ließ es sich irgend thun, dann ward es so eingerichtet, daß wir des Nachts die Wache immer zusammen hatten. Unsere Unterhaltung drehte sich dann meistentheils um Henricksen’s verschwundene Braut, und wir entwarfen mehr als einen Plan, ihren Spuren auch jetzt noch nachzuforschen, obwohl sehr wenig Aussicht vorhanden war, diese nach so langer Zeit wieder aufzufinden. Man war Anfangs zu lässig gewesen, was freilich nicht Henricksen zur Last fallen konnte. Die spärliche Bevölkerung der Küste, wo Marie Anne unter nur wenigen Bekannten lebte, machte sie auch nur einem kleinen Kreise bekannt. Entfernter Wohnende konnten das junge Mädchen gesehen haben, ohne im Geringsten auf es zu achten. Und Henricksen war seinerseits verhindert, sich lange an Marie Anne’s Geburtsorte aufzuhalten, da die Heuer ihn ungesäumt wieder an Bord des Schiffes rief, mit dem er schon in den nächsten Tagen in See gehen sollte.

Der Grönlandsfahrer hatte eine glückliche Reise. Er erreichte in verhältnißmäßig kurzer Zeit den Ort seiner Bestimmung, und nun beeilten wir uns, getroffener Abrede gemäß, Henricksen’s Heimath zu besuchen.

Wir fanden Marie Anne’s früheren Dienstherrn noch am Leben, ebenso den alten Robbenschläger. Beide wurden abermals an das Verschwinden des jungen Mädchens erinnert, und bereitwillig gingen sie auf eine nochmalige Erzählung des ihnen bekannt Gewordenen ein. Mir fiel dabei ein Umstand auf, den ich in Henricksen’s Erzählungen bisher nicht angeführt fand. Der Küster wußte, daß eine Jugendfreundin Marie Anne’s, die, wie die Verschwundene, in einem Dienstverhältnisse stand, ein Andenken von ihrer Freundin besitze, das sie sehr hoch halte und Niemand zeigen wolle. Worin dies bestehe, konnte uns der Küster aber nicht sagen.

„Das Mädchen müssen wir aufsuchen und sprechen,“ sagte ich. „Was sie Niemand entdeckt, wird sie Dir gewiß mittheilen. Komm, laß uns ungesäumt aufbrechen!“

Henricksen pflichtete mir bei. Der Hof, auf welchem Leonore diente, lag von dem Kirchdorfe fast eine Meile weit entfernt. Der Weg dahin führte den Strand entlang, über Deiche und um tief eingespülte Wehle, die man umgehen mußte. Er war öde, traurig von Ansehen, und für einsame Wanderer fast unheimlich. Das monotone Aufrauschen der Brandung an dem niedrigen Kiesstrande, das Geschrei und Gekrächz der zahllosen Seevögel, die über der weiten, unebenen Fläche flügelschlagend kreischten, dort und da ein uraltes Heidengrab, mit rostfarbenem Heidekraut und Ginster überwuchert, rauchende, halb verfallene Torfhütten dazwischen an tiefen, schwarzen Moortümpeln, und ab und an auf unfruchtbarem Gelände ein hochragender erratischer Block machten den Eindruck tiefster Schwermuth auf den Wanderer und erfüllten ihn mit düstern Gedanken.

Der Hof, das Ziel unserer Wanderung, lag ganz einsam auf etwas erhabenem Terrain, so daß sich von ihm aus die Umgebung nach allen Seiten ziemlich weit überblicken ließ. Außer einem großen Garten aber, auf dessen Pflege viel Sorgfalt verwendet war, umgab ihn ringsum unfruchtbares Moor- und Heideland.

Leonore war daheim. Unserm Wunsche, sie zu sprechen, willfahrte ihr Dienstherr. Sie stellte sich bald ein und musterte uns mit halb verlegenen, halb neugierigen Blicken. Es war ein sehr hübsches Mädchen, brunett, schlank und voll. In ihren feurigen Augen blitzte Schelmerei und Leidenschaft. Sie kannte uns nicht, erst als Henricksen sich nannte, ahnte sie den Zweck unseres Kommens. Sie erschrak so heftig, daß sie auf einen Schemel sank.

„Die arme Marie Anne!“ rief sie aus. „Wo sie wohl geblieben sein mag?“

Ich war genöthigt, für Henricksen das Wort zu ergreifen. Es fiel mir nicht schwer, Leonore das Nöthige mitzutheilen, denn das Mädchen gefiel mir und es machte mir Vergnügen, recht traulich und, wenn es sein könnte, auch recht lange mit ihr zu plaudern. Meine einleitende Rede schloß ich mit den schnell hingeworfenen Worten:

„Ihr habt ein Andenken von Eurer Freundin?“

Leonore erröthete und sah mich fragend an, ohne zu antworten.

„Habt Ihr dasselbe von Eurer Freundin mit der ausdrücklichen Bedingung erhalten, es Niemand zu zeigen, Niemand wissen zu lassen, worin es besteht?“

„Es hat gar keinen Werth,“ sprach darauf Leonore, „denn es ist ein ganz einfaches Tuch.“

„Das sie Euch schenkte?“

„Nein, ich fand es.“

„Und warum behieltet Ihr den Fund?“

„Weil ich meine Freundin nie wiedersah,“ versetzte sie, indem klare Thränen ihre Augen füllten.

„Ihr fandet es also nach Marie Anne’s Tode?“

„Mehrere Tage nach ihrem Verschwinden.“

„Wollt Ihr mir das Tuch wohl zeigen, Leonore?“ fiel jetzt Henricksen ein. „Ich möchte doch wissen, ob ich es kenne.“

Das Mädchen stand auf, ging in ihre Kammer und kehrte, mit einem Tuche in der Hand, wieder zu uns zurück.

Henricksen griff begierig darnach und betrachtete es genau. Es war ein Halstuch, wie es junge Mädchen auf dem Lande damals trugen, aber er kannte es nicht, er behauptete, es niemals bei seiner [700] Braut gesehen zu haben. Das Tuch war offenbar noch ganz neu und nur ein paar Mal getragen worden.

„Nicht wahr, Ihr laßt es mir zum Andenken an meine Freundin?“ sagte Leonore nach einer Weile.

Henricksen gab es dem Mädchen zurück, indem er sprach:

„Behaltet es immerhin, Leonore, für mich hat es doch keinen Werth.“

Da langte ich danach, entfaltete es noch einmal und betrachtete es genau.

„Wo machtet Ihr denn den Fund?“ fragte ich das Mädchen.

„Weit ab von Marie Anne’s Wohnung,“ versetzte sie. „Es hing an einem Ginsterbusch am Ende des hohen Seedeiches. Wahrscheinlich hatte die Arme dort geruht, und beim Aufbrechen mag ihr das Tuch entglitten sein.

„Da steht auf einem Zettel der Name des Kaufmanns, der mit solchen Tüchern handelt,“ fiel ich ein. „Ich kenne den Mann; er lebt in der nächsten Hafenstadt. So viel ich weiß, versorgen sich in seinem Laden viele Matrosen für sich und ihre Geliebten mit den erforderlichen Luxusartikeln. Am häufigsten aber verkehren bei ihm Seeleute des europäischen Nordens.“

Henricksen sah ein, daß dies ein Fingerzeig sein könne, den Unbekannten zu ermitteln, in dessen Gesellschaft mehrere Personen Marie Anne kurz vor ihrem Verschwinden gesehen hatten. Er ergriff ihn mit hoffnungsvoller Lebhaftigkeit, reichte Leonore die Hand, und wollte auf der Stelle den Hof verlassen. Ich hielt ihn zurück, indem ich dem Mädchen einen Wink gab, mir ein kurzes Gespräch unter vier Augen zu gönnen. In ihrem Blicke entdeckte ich etwas Unstätes, und dies ließ mich annehmen, sie möge noch etwas geflissentlich geheim halten.

„Liebes Kind,“ redete ich sie an, während sich Henricksen wieder mit dem Tuche beschäftigte, „Du kennst gewiß den Geber dieses Tuches.“ Lächelnd verneinte sie.

„Ich verspreche Dir das schönste Busentuch im ganzen Laden von Colhorn, wenn Du mir den Mann nennst oder näher bezeichnest, aus dessen Händen Marie Anne jenes Dir nun so liebe Andenken an sie empfing.“

„Wahrhaftig, ich kenne ihn nicht,“ sagte Leonore mit großer Bestimmtheit.

„Du kanntest aber Henricksen und wußtest, daß sich Deine Freundin ihm verlobt hatte?“

„Sie selbst hatte es mir gesagt, von Person aber kannte ich ihn nicht.“

„Sahst Du auch den Mann nicht, der Marie Anne jenes Tuch schenkte?“ forschte ich weiter.

Leonore schlug die Augen nieder. Sie ging offenbar mit sich zu Rathe, ob sie auch klüger handle, wenn sie lieber schweige, als spreche. Nach kurzem Besinnen aber sah sie mir frei in’s Gesicht, indem sie sagte:

„Ja, ich habe ihn zweimal, aber nur von ferne gesehen.“

„Wann, Leonore, wann?“ rief Henricksen, der achtsam auf unser Gespräch gelauscht hatte. „Ich muß es wissen, und sollte ich Gewalt brauchen!“

„Ein paar Tage, ehe Marie Anne mir gestand, daß sie sich mit Euch verlobt habe,“ sprach das Mädchen vollkommen ruhig.

„Sie fügte hinzu, nun sei es entschieden, sie werde Frau Henricksen, nicht die Frau des Steuermanns –“

„Sein Name? Sein Name?“ riefen wir Beide zugleich.

„Marie Anne stockte und verschwieg ihn mir,“ schloß Leonore ihre kurze Auskunft.

Henricksen schlug beide Hände über sein Antlitz, während ich die Frage an Leonore richtete:

„Würdest Du ihn wiedererkennen, wenn Du den Unbekannten je wieder sehen solltest?“

„Ich glaube, daß ich dies vermöchte,“ gab sie ruhig zur Antwort.

„Er hatte starkes, strohfalbes Haar,“ sprach wieder gefaßt Henricksen.

„Das er ziemlich lang trug,“ ergänzte Marie Anne’s Freundin.

„Im Uebrigen glich er mir an Größe und Haltung?“

„Als ob Ihr Zwillingsbrüder wäret.“

Henricksen steckte das Tuch zu sich und erfaßte meine Hand.

„Komm, Tom Peter,“ sprach er, „mir brennt der Boden unter den Füßen! In Colhorn’s Laden müssen wir weitere Nachrichten einziehen.“

„Ihr wollt mir also das einzige Angedenken an Marie Anne rauben?“ fragte Leonore betrübt.

„Ihr sollt Euer Eigenthum unbeschädigt wieder erhalten,“ erwiderte Henricksen, und ich setzte lächelnd hinzu, das Kinn des hübschen Kindes sanft berührend: „Getröste Dich, Leonore! Dafür, daß Du uns dies Tüchlein auf ein paar Stunden leihst, sollst Du eine Mütze von mir erhalten, um welche Dich alle Deine Mitschwestern beneiden werden!“

Sie machte darauf keinen Versuch, uns länger aufzuhalten. Das gefundene Tuch wohl verwahrend, das Marie Anne am Tage ihres Verschwindens entweder getragen, oder doch bei der Hand gehabt haben mußte, verließen wir den Hof und schlugen die nächsten Richtwege durch das wüste Heideland nach der Seeküste ein.

(Fortsetzung folgt.)




Eine Wanderung durch die Adelsberger Höhle in Krain.
Von E. Kl.

Mein Weg führte mich von den berühmten Quecksilberwerken von Idria in Kärnthen nach dem Karst, dem höhlenreichen Kalksteinplateau Illyriens. Meine Begleiter, ein Sachse und ein Engländer, und ich beschlossen natürlich, die berühmte Adelsberger Grotte nicht zu übergehen.

In Begleitung von drei Führern und drei Andern, welche die Beleuchtung zu besorgen hatten, traten wir unsern Weg nach der Grotte an. Derselbe führt vom Städtchen Adelsberg hinab in das anmuthige Thal der Poik. Nach Verlauf von einer kleinen halben Stunde erreichten wir den Eingang, der eine natürliche Kluft bildet, die durch ein Gitterthor gesperrt wird. Dicht daneben, aber 60 Fuß tiefer, stürzt sich die Poik durch eine andere Spalte in die Höhle.

Ein breiter, mäßig hoher Gang führte uns erst etwas aufwärts, dann aber 13 Stufen abwärts über eine natürliche Brücke, ein Felsengewölbe, das jedenfalls durch die Poik, welche mindestens 100 Fuß darunter hinbraust, ausgewaschen worden ist, zu dem sogenannten Balcon, von welchem man den ersten größeren Theil der Höhle, den Dom, am besten übersieht. Derselbe, 510 Fuß vom Eingange entfernt, ist 154 F. breit und erhebt sich 70 F. über den Standpunkt des Beschauers, während seine Tiefe unter dem Balcon mindestens das Doppelte beträgt. Wunderbar gestaltete Säulen von Kalksinter (Stalagmiten) von Fingerlänge bis zu 50 Fuß im Umfange und 30 Fuß Höhe, bald als kolossale Baumstämme, bald als riesige Spargel oder unförmliche Statuen gestaltet, scheinen das Gewölbe zu stützen, während gleich seltsam geformte Stalaktiten von der Decke herabhängen. An der einen Seite desselben befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an die Anwesenheit des Kaisers Franz I., mit der Inschrift: „Franz I., Kaiser von Oesterreich, der Gerechte, der Gütige, der Weise, stand am 16. Mai 1816 hier, und besah diesen unterirdischen Schauplatz der wirkenden Natur.“

Von da etwas abwärts steigend, standen wir plötzlich an einer dunklen Kluft, aus welcher das Tosen des Wassers herauf schallte, und an deren Rande hin der Weg in die „alte Grotte“ führt. Hier wurde die Fahrt allerdings etwas gefährlich, aber obgleich der Führer uns abrieth, dieselbe zu betreten, so schritt doch unser Engländer muthig voran und wir eben so rüstig hinterdrein. Dies hatte jedoch sehr bald ein Ende; der schlüpfrige Pfad wurde immer schmaler, bis zu einer Breite von 12–15 Zoll. Rechts hatten wir die steile Felsenwand und links einen Abgrund von 50–70 Fuß Tiefe; ein Ausgleiten auf dem schlammigen Boden hätte uns also jedenfalls das Tageslicht nicht wieder erblicken lassen. Als uns aber der Führer gar noch einen Gang von ungefähr 20–25 Zoll Höhe zeigte, durch welchen wir auf allen Vieren im Schlamme hindurchkriechen sollten, so erklärten wir einstimmig, auf die Wunder dieses Theiles der Höhle Verzicht leisten zu wollen; nur der Engländer steckte noch neugierig den Kopf hinein, da ihm aber in demselben Augenblicke ein herabfallender Tropfen die Stearinkerze auslöschte, [701] und er außerdem verdächtige Spuren von Schlammbächen auf seinem weißem Chemisette bemerkte, so zog er es doch vor, uns zu folgen.

Uebrigens ist dieser Zweig der Grotte, nach daselbst vorhandenen Inschriften zu urtheilen, schon frühzeitig bekannt geworden (angeblich hat man die Jahreszahl 1213 darin vorgefunden), aber wahrscheinlich im 18. Jahrhundert des gefährlichen Zuganges wegen nicht mehr besucht worden. In der letzten kleinen Halle war noch vor einigen 20 Jahren ein inkrustirtes Skelett, „das vertropfte Gerippe“, deutlich zu erkennen; gegenwärtig ist keine Spur mehr davon sichtbar.

Ein ziemlich enger Gang durch Stalagmiten führte uns vom Dom in die 1818 entdeckte Kaiser Ferdinands-Grotte. Am Eingange derselben ist ein Denkmal zur Erinnerung an die Anwesenheit des Kaisers Ferdinand, damals noch Kronprinz, aufgestellt.

Die durchschnittliche Höhe dieses Theils der Höhle beträgt 10 bis 20 Fuß, und nur an einigen Stellen erhebt sie sich bis zu 30 Fuß. Je weiter man aber in ihr fortschreitet, desto schöner und zahlreicher werden die Bildungen von Kalksinter. Ich will den Leser nicht durch eine ausführliche Beschreibung der schönen Tropfsteinformen, der Säulen, Vorhänge, Halskrausen, Fransen, versteinerten Wasserfälle, Taufbecken, Meereswogen, Netze etc. ermüden, wie sie am Ende in allen Tropfsteinhöhlen vorkommen, Viele Bildungen zeigen allerdings eine frappante Aehnlichkeit mit Gegenständen aus dem häuslichen und öffentlichen Leben, der Thierwelt, berühmten Statuen etc. Vielen hat aber das Volk auch Namen beigelegt, wo wirklich nur eine ausschweifende Phantasie eine entfernte Aehnlichkeit mit der Wirklichkeit herausfinden kann, wie z. B. beim Nordlicht, Mondschein, der Portion Gefrornes, dem Bilde, Stockhause, der Dorfkirche etc.

Die Gartenlaube (1858) b 701.jpg

Die Adelsberger Höhle in Krain.

285 Klafter vom Eingange entfernt erweitert sich die Grotte zu einem 42 Fuß hohen, 150 Fuß langen und 90 Fuß breiten Gewölbe, dem sogenannten Tanz- oder Turniersaale, in welchem alljährlich zum Pfingstmontage das berühmte Grottenfest gefeiert wird. 5–600 Fremde und ebenso viele Einheimische besuchen an diesem Tage die Grotte, welche vom Eingange bis hinter zum Calvarienberge glänzend erleuchtet ist. Im Tanzsaale selbst ist ein Musikchor aufgestellt, welches die Ballreigen aufspielt. Jedenfalls hat dieses Local vor allen andern den Vorzug einer angenehmen Kühle. Weiße Atlasschuhe dürfen die Damen allerdings nicht tragen, da es sich doch ereignen kann, daß sie bei dem zierlichsten Pas in die Lage kommen können, geologische Untersuchungen über die Tiefe irgend eines Schlammtümpels zu machen.

Vom Tanzsaal, zwischen den Stalagmiten, dem heiligen Antonius von Padua und der Marienzeller Mutter Gottes hindurchgehend, gelangten wir in einen niedrigen Gang, aus welchem plötzlich tief unten herauf ein dumpfes Läuten unser Ohr traf. Der eigenthümlich zitternd wehmüthige Glockenton, der mir aus weiter Ferne herzukommen schien, das unaufhörliche monotone Geräusch der von der Decke auf die Stalagmiten fallenden Wassertropfen und das ferne Rauschen der Poik: Alles das zusammen gab eine Musik, durch welche ich unwillkürlich an die alte Sage vom versunkenen Julin erinnert wurde, dessen Kirchenglocken zu Zeiten noch wie ein Grabgeläute aus dem Meere herauftönen. Die wehmüthig feierliche Stimmung, in welche wir plötzlich versetzt worden waren, machte aber ebenso schnell einer humoristischen Laune Platz, [702] als wir, um eine Ecke herumkommend, am Ende des Ganges vier der vorangegangenen Führer erblickten, die, mit gewaltigen Holzscheiten bewaffnet, unbarmherzig einige der höchsten Stalagmiten bearbeiteten, durch deren Erzitterung jenes eigenthümliche Läuten hervorgebracht wurde.

Von der Glocke an führt der Weg durch eine wahre Allee von Stalagmiten hindurch 144 Fuß lang über einen 2 Fuß hohen Damm, welcher angelegt wurde, weil nach anhaltendem Regen sich hier Wassertümpel bilden, bis zu dem Grabe, einem der schönsten und größten Tropfsteingebilde. Links davon öffnet sich die neue Franz Joseph’s- und Elisabethsgrotte. Schon früher war hier ein Seitengang bekannt, der aber in 18 Klaftern Entfernung vom Kalksteinfelsen geschlossen wurde. In derselben Richtung verläuft jenseits vom Fuße des Loiblberges ein Grottenzweig, und die Zwischenwand, welche beide Räume trennt, wurde nur auf 2½ Klaftern veranschlagt, daher man schon vor Jahren einen Durchschlag versuchte. Vor dem Besuche des Kaisers Franz Joseph und der Kaiserin Elisabeth, deren Namen dieser Grottenzweig jetzt trägt, am 11. März 1857, wurde dieser Durchschlag durch die 6 Klafter dicke Felswand auch ausgeführt.

Waren wir bisher überrascht worden durch die Seltsamkeit der Formen und ihre gewaltige Ausdehnung, so gesellte sich zu den früheren jetzt ein neuer Reiz, der der blendenden Weiße und theilweise auch schönen bunten Färbung der Stalagmiten. Die ersten Theile der Höhle sind von den häufigen Besuchen mit Pechfackeln schon sehr geschwärzt, was bei dieser, da sie vorher weniger besucht wurde, nicht der Fall ist.

Mehrmals bemerkte ich in diesem Theile gewaltige, über einander aufgehäufte Felsblöcke, jedenfalls die Spuren eines bedeutenden Einsturzes. Die geringe Kalksinterbildung auf ihnen bewies, daß derselbe vor nicht zu langer Zeit erfolgt sein konnte, obgleich die Führer uns versicherten, daß seit Menschengedenken nie etwas Derartiges vorgekommen sei. Am Ausgange der Franz-Josephsgrotte erweiterte sich dieselbe zu einer bedeutenden Höhlung, und wir standen plötzlich am Fuße des nicht unbedeutenden unterirdischen Berges Loibl, dessen Spitze ein 5 Fuß hoher röthlicher Stalagmit, der Kapuziner oder Eremit, ziert.

Von hier an wurde unsere Wanderung etwas beschwerlicher, den aufrechten Gang mußten wir häufig mit einer sehr gebückten Haltung vertauschen und der Weg, der bis dahin immer ziemlich rein, oft ganz trocken gewesen war, wurde naß und schlammig. Wie uns der Führer versicherte, ist derselbe häufig, wenigstens der hintere Theil, bei dem Hochwasser der Poik, deren unterirdischer Lauf hier nahe vorbeiführen muß, vollständig überschwemmt.

Schon auf dem Loibl hatte ein eigenthümliches Plätschern, ganz verschieden von dem monotonen Klange des gewöhnlichen Tropfenfalls, unsere Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Wir waren nicht lange gegangen, so standen wir vor der Ursache desselben, dem Tropfbrunnen, einem etwa 6 Fuß über die Grundfläche der Höhle, die hier mit Wasser bedeckt ist, aufsteigenden abgestumpften Kegel, der aber ein Becken von 1 Fuß im Durchmesser hat, in welches von der 60 Fuß hohen Decke ein dünner Wasserstrahl ununterbrochen herabfällt. Das Wasser fließt aus dem Becken des im langsamen Anwachsen begriffenen Kegels in ein Bassin am Boden herab. Dicht daneben hat man eine der großartigsten Ansichten dieses kolossalen unterirdischen Baues. Ein hervorspringendes Plateau ist nämlich gelegentlich der Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph und der Kaiserin Elisabeth 1857 zu einem Belvedere umgestaltet worden, welches eine wahre Musterkarte der mannichfachen Tropfsteinbildungen der Grotte darstellt. Sind sämmtliche Räume gut beleuchtet, so hat man von hier aus einen wahrhaft zauberischen Anblick der verschiedenen Etagen dieses Grottentheils. – Eine Viertelstunde hinter dem Belvedere gelangt man zu einem kleineren Tropfbrunnen, hinter dem sich dieser Arm der Höhle in die letzten zwei Aeste theilt. Der eine führt links durch eine enge, mit weißen und braunen Stalaktiten ausgestattete Kluft zu einem fensterartigen Loche, durch welches man in den sogenannten See schaut, einen ungefähr 60 Fuß im Durchmesser haltenden Trichter, der bei mittlerem Wasserstande eine Tiefe von 30 Fuß hat, nach anhaltendem Regen aber auch überläuft.

Der rechte Arm zieht sich steil in eine obere Etage der Höhle hinauf, welche von einem gewaltigen Pfeiler getragen wird. Hinter demselben öffnet sich eine große Halle mit zahlreichen, weißen Stalagmiten und einem wahren braun und weiß gefärbten Krystallboden, welche zu dem Tartarus führt, einer ausgedehnten, gewaltigen Doline von wenigstens 60 Fuß Tiefe, die aus zwei Abtheilungen besteht, welche durch einen schmalen Grat getrennt sind.

Denselben Weg wieder zurückgehend, gelangten wir bei dem Loibl und der Büste von St. Stephan vorbei zu dem schönsten Punkte der Adelsberger und wohl aller Krainer Höhlen, zu dem sogenannten Calvarienberge. Während wir den See und den Tartarus besucht hatten, waren fünf der Führer vorausgeeilt, um diesen wundersamen Bau in die herrlichste Beleuchtung zu setzen.

Aus einer engen Kluft heraustretend, erhob sich vor uns plötzlich in einem hohen Dome in drei steilen Absätzen ein 192 Fuß hoher Berg, dessen Abhänge mit Tausenden der herrlichsten bis 30 Fuß hohen Stalagmiten bedeckt waren, denen eben so viele Stalaktiten ihre Arme von oben entgegenstreckten. Von blendendem Weiß, gelblich, röthlich glänzend starren sie in den wunderbarsten Formen und Gruppirungen in die Höhe, wie eine in den seltsamsten Bewegungen plötzlich erstarrte, versteinerte Menschenmasse. Nimmt man noch die Wirkung des Lichtes hinzu, welches sich tausendfach in den kleinen Krystallen und Wassertropfen bricht, mit denen alles überzogen ist, so hat man ein Bild vor sich, wie es sich kaum die ausschweifende Phantasie eines Märchendichters seltsamer und herrlicher denken kann. Die Führer nennen einen Theil davon, seiner vielen schlanken und schönen Säulen wegen, den Mailänder Dom. Ich habe denselben gesehen und bewundert, wie wenige Meisterwerke, aber man thut dem Calvarienberge wahrlich keine Ehre an, wenn man dieses prachtvolle Werk einer Jahrtausende schaffenden Kraft nach einem menschlichen Bauwerke benennt.

Nahe am Gipfel befindet sich ein gewaltiger Felsblock, die Arche Noah. Von dieser wendeten wir uns zu einer dreieckigen Anhöhe, die gegen die rechte Seitenwand der Höhle ansteigt und mit weißen Stalagmiten besät ist, die von dem braunen Boden und Hintergrunde malerisch abstechen. Das Volk hat sie den großen Altar genannt, weil es in der Unzahl Säulen, die alle den Berg hinaufzuwandern scheinen, den Zug des Volkes auf Golgatha erblicken wollte. Dahinter geht es steil hinab in noch weit ausgedehnte Klüfte und Gänge, die aber bis jetzt noch nicht gangbar gemacht worden sind. Wir gingen daher auf die andere Seite des Calvarienberges durch die Pforte und die Säulenallee, eine quer über den Weg gestellte Säulenreihe, bis zum Eingange der Erzherzog Johanns-Grotte, deren Tropfsteinbildungen am wenigsten beschädigt und am reinsten erhalten sind.

Unter den vielen schönen Gebilden, welche den Theil der Höhle von hier bis zum Grabe zieren, wie die Cypressen, das rothe Meer, der Beichtstuhl u. v. A., lenkte namentlich eins unsere Aufmerksamkeit auf sich, welches auch allgemein als das anmuthigste aller Tropfsteinhöhlen bekannt ist, der mit Recht berühmte Vorhang. Nur vier Linien dick ragt diese wunderbare Stalaktitenmasse 1½ bis 3 Fuß aus der Wand hervor, von welcher sie in einer Länge von 9 Fuß in dem schönsten Faltenwurfe herabhängt. Die Grundfarbe ist blendendes Weiß, aber das ganze Gebilde hat eine 4 Zoll breite braune und rothgestreifte Einfassung und einen wellenförmig gezogenen Rand. Halten die Führer die Lichter hinter demselben empor, so daß der Vorhang ganz transparent erscheint, so gewährt das Ganze ein reizendes Schauspiel.

Schnellen Schrittes wanderten wir von hier aus, durch die lange Wanderung müde und hungrig geworden, dem Eingange zu. Der Führer konnte sich jedoch nicht versagen, uns erst noch in die Tiefe des großen Doms hinabzuführen. Gegen 100 Stufen hinabsteigend gelangten wir zu der 84 Fuß langen hölzernen Brücke über die Poik und von hier aus stellte sich uns die imposante Größe des Doms erst recht dar. Das Wasser, welches hier nur 4 bis 5 Fuß unter uns hinwegrauschte, war höchstens eine Elle tief. Aufwärts gegen Tag bildet es aber sehr tiefe Tümpel und ist ohne Kahn nicht zu passiren. Abwärts kann man längere Strecken waten, nach Verlauf einer Viertelstunde jedoch senkt sich die Decke so tief auf den Wasserspiegel, daß man mit dem Kahne nicht darunter hinwegfahren kann. Erst zwei Tage nachher, nachdem auf der Oberfläche heftige Regengüsse gefallen sind, fängt der Fluß an zu schwellen, so lange Zeit braucht das Wasser, um durch das poröse Kalkgestein durchzusickern, und dann kommt es häufig vor, daß die untere Brücke vollständig überschwemmt, wohl gar abgerissen wird.

Als wir das Freie erreichten, bemerkten wir zu unserem großen Erstaunen, daß es vollständige Nacht war. Unwillkürlich zogen [703] wir Alle zu gleicher Zeit unsere Uhren; es war die zwölfte Stunde, wir waren also über fünf Stunden im Unterirdischen gewesen, eine Zeit, die wir, wenn wir sie hätten schätzen sollen, kaum auf den dritten Theil angegeben hätten, so sehr waren unsere Sinne gefangen genommen worden von dem Wunderbaren und Seltsamen, was sich beständig vor unserem Auge enthüllte. Ueber uns tobte ein furchtbares Gewitter, aber das Rollen des Donners, welches hier tausendfach wiederhallte, war nicht zu uns gedrungen. Da der Regen in Strömen herabgoß, so beschloß ich, mich von meinen Reisegefährten trennend, welche mit dem Nachtzuge nach Triest fuhren, in Adelsberg zu übernachten, um am nächsten Morgen noch einige der nahegelegenen Höhlen zu besuchen.

Unter den Ruinen des Adelsberger Schlosses vorbeigehend, wanderten wir anderen Tages über den Berg, dessen Inneres wir gestern besucht hatten, und traten nach Kurzem in den bewaldeten Theil des Karsts ein. Auch hier ist die Bodennatur dieselbe; rechts und links bemerkt man Dolinen, über deren Scheiderücken der Weg hinwegführt. Eine derselben, welche bewachsen war, hinabsteigend, befanden wir uns vor einer steilen, schwarzgrauen Felswand, an deren Fuße sich die niedrige Mündung der sogenannten schwarzen oder Magdalenen-Grotte öffnet. Der Weg in dieselbe ist lange nicht so bequem, als der in die Adelsberger Grotte, auch ist die Temperatur bedeutend niedriger, als in jener. Ziemlich steil über Gerölle und Felsblöcke hinabsteigend gelangten wir zuerst in den von mächtigen Pfeilern getragenen Dom, dessen Tropfsteinbildungen jedoch sehr beschädigt und vom Rauche geschwärzt sind, da die Führer nur Spähne zur Beleuchtung verwenden.

Mehr als die Tropfsteine zog mich jedoch hier ein Wasserbecken an, welches den Beweis liefert, wie das organische Leben sich überall den besonderen Umständen gemäß entwickelt. Der blinde oder vielleicht blos lichtscheue, seltsame Olm, ein bleichrothes, salamanderartiges Amphibium von fast durchscheinendem Körperbau bewohnt diese Höhlenbäche. Er wird ungefähr 1 Fuß lang, fingersdick und ist mit 4 ganz kleinen, vorn drei-, hinten zweizehigen Füßchen versehen. Der Rumpf ist cylindrisch, der Kopf etwas dick und abgeplattet und die verkümmerten Augen liegen unter der durchsichtigen Haut verborgen. Am Halse befinden sich jederseits zwei blutrothe Kiemenbüschel und seine zarte, weißrothe Haut gleicht nach Consigliachi’s Ausdruck der des Halses eines schönen Weibes. Jeder Lichtstrahl versetzt das Thier anfangs in heftige Zuckungen und färbt seine Haut dunkler, man kann es jedoch allmählich daran gewöhnen, und dann wird es olivengrün. Der Olm ist aber nicht der einzige blinde Bewohner dieser unterirdischen Räume; ein krebsartiges Thier, die Pherusa alba, unserer Kellerassel ähnlich, und ein blinder Käfer theilen seine Einsamkeit. Sie lehren uns recht deutlich kennen, daß die Entwickelung und der Bau jedes Wesens nur die natürliche Folge seiner Lebensweise und seiner Heimath sei. Die Natur gibt nichts mehr, als das Wesen bedarf, um seine Aufgabe zu lösen und somit schön und vollkommen zu sein. Auch aus früheren Erdperioden finden sich in dieser, wie in der Adelsberger Höhle Reste von Thieren, namentlich treten die Knochen des Höhlenbären ziemlich häufig auf.

Warum aber zeigt gerade dieser Theil der Alpen eine so auffällige Zerklüftung mit unterirdischen Höhlen und Flußbetten? Wir finden die Beantwortung dieser Frage in der Beschaffenheit des Bodens, welcher, der Kalksteinformation angehörend, anfangs jedenfalls weich, ein Niederschlag früherer Meere war und später durch Austrocknung sich zusammenzog, wobei er Riffe und Spalten zurückließ, welche das Wasser nach und nach zu unterirdischen Höhlen und Becken bildete. So nahmen Bäche und Flüsse, wie z. B. die Poik, einen unterirdischen Verlauf. Diese verliert sich unter dem Eingange der Adelsberger Grotte unter der Erde, stürzt nach 3000 Klaftern unterirdischen Verlaufs aus der Planina-Höhle heraus und führt nach ihrer Vereinigung mit den Mühlthalgewässern den Namen Unz. Im Thale von Ober-Planina beginnt aber schon eine Reihe von Sauglöchern, durch welche ein bedeutender Theil des Wassers sich in die Tiefe verliert. Eine Viertelstunde hinter dem Dorfe Jacobowitz verschwindet der letzte Rest des Flusses. Derselbe legt nun weitere 5000 Klaftern unter der Erde zurück und kommt erst bei Oberlaibach unter dem Namen Laibach wieder zu Tage; Poik, Unz, Laibach sind also drei verschiedene Namen eines und desselben Flusses.

Die Zeit, welche erforderlich war, um diese meilenweiten Höhlen mit ihren hohen Domen auszuwaschen, muß jede menschliche Vorstellung von Zeit weit übersteigen. Es handelt sich hier nicht um Jahrtausende, sondern man muß nach Millionen von Jahren zählen, wenn wir überhaupt an die Geschichte der Natur den kleinlichen Maßstab von Jahren anlegen wollen, der nur für unser kurzes Dasein genügt. Wie lange diese unterirdischen Bauten schon in ihrer Pracht dastehen, läßt sich annähernd wenigstens aus der Bildung der Stalaktiten und Stalagmiten berechnen, welche noch jetzt ununterbrochen vor sich geht. Wenn irgendwo, so finden wir in ihnen die mächtigsten Zeugen der Macht des Kleinen. Tropfen um Tropfen träufelt das Wasser mit dem aufgelösten Kalk von der Decke herab auf den Boden, um hier durch Verdunstung zu erstarren. Wie viel Tropfen mochten zu jener mächtigen Säule von 50 Fuß Umfang und 30 Fuß Höhe, wie viel Zeit dazu gehört haben, sie zu bilden? Das ist es eben, was so mächtig zum Herzen des Menschen spricht und ihn mit namenlosem Schauer vor dem stillen Wirken der Natur erfüllt, daß nicht das Großartige und Ungeheure der Kräfte und Mittel an sich es ist, was dieses wunderbare Werk schuf, sondern einzig und allein der ungeheure, unmeßbare Zeitraum, innerhalb dessen sie wirkten und an der Gestaltung der Erdoberfläche thätig waren.




Was man „Neues“ von der Erde weiß, und wie man’s erfahren hat.
Berichte über die neuesten Fortschritte, Entdeckungen und Unternehmungen auf dem Gesammtgebiete der Erdkunde.
Von G. Hirth. – (Erster Artikel.)

Der mächtige Einfluß, den die neueste Zeit auf die Gestaltung der Erdkunde ausgeübt, ist ein ganz unverkennbarer; ja, wir dürfen behaupten, daß sie in ihrer heutigen Gestalt erst ein Erzeugniß des neunzehnten Jahrhunderts ist, wo sie in Alexander von Humboldt ihren ersten Hohenpriester, in Karl Ritter den Mann fand, der sie aus den Banden einer niedrigen, dienenden Hilfswissenschaft befreite. Herausgetreten aus dem Stande einer nüchternen Kenntniß von Gebirgs-, Fluß-, Dorf- und Städtenamen, schließt die Erdkunde in gewissen Beziehungen alle physikalischen und historischen Wissenschaften in sich ein, sobald sie zur Erklärung der Vorgänge auf unserem Planeten dienen, und mit solch großem Umfange der Wissenschaft ist natürlich die Schwierigkeit ihres Studiums verbunden.

Von einem fertigen Geographen wird verlangt, daß er nicht mehr als Alles wisse; bei einer in’s Speciellste gehenden Kenntniß der räumlichen Verhältnisse der Erde soll er Astronom und Physiker, Geolog und Botaniker, Zoolog und Anthropolog, Sprachkundiger zugleich und Geschichtsforscher, mit einem Worte – ein Humboldt sein, wenn auch im Kleinen.

Diesem entsprechen die Anforderungen, die man an den wissenschaftlichen geographischen Reisenden stellt. Es genügt nicht, daß er, wie dies wohl von vielen Touristen geschieht, flüchtig die äußeren Eindrücke notirt, die eine Gegend, ein Volk auf ihn gemacht – belastet mit Sextant, Theodolit und Compaß, Mikrometer und Chronometer, Thermometer und Barometer, Schreib- und Zeichen-Materialien, Reißzeugen, Maßstäben, Meßketten und Registerbüchern, hat er tagtäglich so viel zu thun, daß ihm, wenn er’s genau nimmt, kaum ein Stündchen zur Rast übrig bleibt.

Kaum fing die Erdkunde an, sich als selbstständige Wissenschaft zu gestalten, so bildeten sich Gesellschaften zur Förderung ihrer Interessen. Die Gründung der zur Zeit in Europa bestehenden geographischen Vereine, im ganzen sieben, gehört durchgängig der neuesten Zeit an. Folgende sind die Orte, Gründungsjahre und Mitgliederzahlen derselben:

1. Paris (1821) 186 Mitglieder.
2. Berlin (1828) 400 Mitglieder.
3. London (1830) 850 Mitglieder.
4. Frankfurt a. M. (1836) 180 Mitglieder.
5. Darmstadt (1845) 123 Mitglieder.
6. Petersburg (1845) 1000 Mitglieder.
7. Wien (1856) 400 Mitglieder. – Zusammen 3139 Mitglieder.

[704] Wie Sie sehen, kommen von diesen sieben Vereinen vier auf unser Deutschland – ein Beweis der regen Theilnahme, deren sich hier die Erdkunde erfreut. Am besten dotirt ist die russische Gesellschaft in Petersburg, nämlich mit einer jährlichen Einnahme von 23,427 Silberrubel oder 25,254 Thlr.; ihr folgt die englische in London mit 1693 Pf. St. oder 11,512 Thlr.; Berlin hat 4124, Paris 2667, Frankfurt a. M. 438, Darmstadt 257 Thlr. jährliche Einnahme.

Diesen geographischen Vereinen schließen sich in gewisser Beziehung die sämmtlichen rein naturwissenschaftlichen an, deren Zahl eine unverhältnißmäßig größere ist, so wie die Missionsanstalten, Generalstabe und Admiralitäten. Endlich dürfen wir der vielen geographischen Privatanstalten nicht vergessen, unter denen bekanntlich in Deutschland die von Justus Perthes in Gotha die erste Stelle einnimmt.

Sie sehen, unsere Wissenschaft verfügt über große Kräfte. Gefördert durch viele Fachmänner daheim, in dem civilisirten Europa, unter dem Schutze wohlthätiger Staatseinrichtungen, sendet sie zugleich ihre Boten aus in das noch unerforschte Innere fremder Continente, auf den spurlosen Ocean, nach den ewig eisumgürteten Polen und in die weiten Räume der Tropenwelt. So wächst sie heran zu einer wunderbar großen Welt menschlichen Wissens, von dem unsere Väter kaum geahnt.

Wir wollen den Lesern der „Gartenlaube“ von den Errungenschaften dieser Wissenschaft erzählen, indem wir ihnen unter dem obigen Titel in einer stehenden neuen Abtheilung die frischen Berichte jener zahllosen Jünger in der Ferne und Nähe vorlegen, die eben dazu beitragen, ein neues, helleres Licht zu werfen auf den ganzen Erdball und was auf ihm lebt.


I. Afrika.

„Afrika, nichts als Afrika,“ werden Sie denken. Aber erschrecken Sie nicht; es ist nicht meine Absicht, Sie von dem Verlaufe der großen afrikanischen Entdeckungen zu unterhalten, die unsere Tage verherrlicht haben. Ich weiß es wohl, es ist zu viel darüber geschrieben (ob gelesen?) worden in neuester Zeit: Sie sind afrikamüde und Sie haben Recht. Nur noch einmal haben Sie die Güte, mich anzuhören. Lassen Sie uns, um dann für längere Zeit mit afrikanischen Artikeln im Großen zu räumen, noch einmal flüchtig betrachten, „wie man’s erfahren hat, was man Neues von Afrika weiß;“ dann lassen Sie uns dem Dr. Livingstone, Ihrem alten Bekannten, einen kleinen Besuch auf dem Zambesi abstatten, und schließlich einen jugendlichen deutschen Forscher über eine projectirte Entdeckungsreise, unter Anderem nach den mehr als hundertmal gesuchten, aber noch nie gefundenen Nilquellen, anhören.

Bei dem Unternehmungsgeiste, mit dem Wissenschaft und Handel, Hand in Hand gehend, alle noch unbekannten Räume unseres Planeten zu durchforschen und auszubeuten streben, ist es in der That merkwürdig, daß noch bis vor wenigen Jahren so große Theile des afrikanischen Continents, strotzend zum Theil von der Pracht und Fülle einer tropischen Thier- und Pflanzenwelt, terrae incognitae geblieben sind.

Freilich war es stets Afrika, welches der wissenschaftlichen Thätigkeit der Reisenden unter allen Theilen des Erdballs das größte und zugleich schwierigste Feld der Entdeckungen dargeboten hat. Leichter war es dem Seefahrer im nördlichen Eismeere, den ewigen Eisgürtel zu durchdringen, der den Eingang zum Pole vertheidigt, als dem europäischen Forscher, sich durch die unermeßliche Ausdehnung starrer, Hitze hauchender Wüsten und die hartnäckige Feindschaft der rohen Stämme Wege in das Innere Afrika’s zu bahnen.

Ueber die Schwierigkeiten afrikanischer Reisen kann ich Ihnen nichts Besseres sagen, als der Engländer Burton, ein Mann, der aus Erfahrung spricht. – „Der Reisende in Afrika,“ heißt es in einem seiner Berichte, „ist, wenigstens in diesem Theile des 19. Jahrhunderts, ein sehr überarbeitetes Thier. Ehedem war das lesende Publicum zufrieden mit der trockenen Beschreibung dessen, was er gerade Neues sah, und fügte er noch ein paar Bestimmungen über Länge und Breite hinzu – so war man entzückt. In neuerer Zeit aber sind, wie in jedem andern Geschäft, so auch hier die Anforderungen gestiegen. Während der Reisende so und so viel Meilen Tags marschirt, und eine gewisse Anzahl von Stunden Nachts wacht, erwartet man von ihm – der in der That sein eigener General, Adjutant, Quartiermeister und Executivbeamter sein muß –, daß er Aufnahmen macht und beobachtet, Meteorologie, Hygrometrie und Hypsometrie registrirt, Vögel und Vierfüßler schießt und ausstopft, geologische Stufen sammelt, politischen und commerciellen Neuigkeiten nachjagt, das noch in den Kinderschuhen stehende Studium der Ethnologie befördert, Buch und Rechnung führt, skizzirt, ein dickes, lesbares Journal abfaßt, Grammatiken und Vokabularien macht und recht oft lange Berichte nach Hause schickt, um zu verhindern, daß die „Königl. geographische Gesellschaft von London“ bei ihren Abendsitzungen einschlafe! Ich gebe zu, es ist ganz in der Ordnung, hohe Anforderungen zu stellen, damit man sicher sei, daß auch etwas gethan werde; allein man sollte stets bedenken, daß Forschungsreisen keine Eisenbahnfahrten sind, und eine billige Grenze zwischen dem Möglichen und Unmöglichen ziehen. Ohne zu bedenken, was er verlangt, glaubt jeder Stubengelehrte das Recht zu haben, sich zu beklagen, daß der reisende Forscher seinen Theodoliten nicht im Tempel von Mekka aufstellte und seinen Sympiesometer nicht bis in die Mauern von Harar hineintrug. Ein eifriger Herr bat mich einst, Mistkäfer zu sammeln, und ein Anderer sendete mir ausgezeichnete Recepte, um Holzböcke aufzubewahren.

„Diese afrikanischen Reisen sind Feldzüge im Kleinen und der Reisende ist, ohne auf die Hülfe der Mannszucht rechnen zu können, von allen Schwierigkeiten, Mühsalen und Gefahren eines barbarischen Kriegs umlagert. Statt Infusorien und Barometer zu studiren, muß er sich damit abgeben, seine Leute zu füttern, zu drillen und zu unterweisen, wie sie ihre Waffen gebrauchen und wie sie eine Karawane führen sollen. Beim Anblick eines Instrumentes ist der Wilde überzeugt, daß der Fremde die Sonne vom Himmel reißt, den Regen vertreibt, Krankheit und Tod erzeugt, und das Land für viele Jahre hin behext. Unter ganz Wilden sind wissenschaftliche Operationen bisweilen noch möglich, unter halb Civilisirten nehmen sie ein schlimmes Ende. Das Klima raubt dem Reisenden Energie und Gesundheit. Es ist sogar nicht einmal rathsam, die einfachsten geodätischen Arbeiten zu unternehmen; mein Gefährte erkrankte zweimal blos davon, daß er die Sonnenhöhe nahm. Warum schickt man nicht einmal eine Partie jener Gelehrten aus, damit sie selbst die Dosis verschlucken, die sie ihrer Armee von Märtyrern verschreiben?“

Herr Burton trägt, wie Sie sehen, die Farben etwas dick auf; aber doch möchte Vieles zu beherzigen sein in seinem Berichte, und einen ungefähren Maßstab zur Beurtheilung der Forschungen in Afrika abgeben.

Es ist ein trauriges Vorrecht der afrikanischen Entdeckungen, daß sie todesgefährlich sind; der Tod der muthigen Forscher bildet dort die Regel, ihre Rettung nur die Ausnahme. Belzonis, Donavans, Ledyard, Lucas, Houghton, Mungo Park, Tucker, Peddie, Campbell, Bowdich, Oudney, Pierce, Morrison, Clapperton, Laing, in neuester Zeit Richardson (spr. Ritscherdsen), Overweg, Vogel (?), Neimanns[1] und viele Andere sind Beweise für diese furchtbare Regel geworden; und verhältnißmäßig nur Wenige sind durch die Ausnahme beglückt worden, wie in neuerer Zeit Barth, Livingstone, Galton, Andersson.

Aber die meisten und bedeutendsten jener Märtyrer hatten sich das Innere der nördlichen Hälfte des Continents zum Beobachtungsfelde auserkoren, jenes unendliche Sandmeer, unterbrochen oder durchfurcht nur hie und da von einer fruchtbaren und quellenreichen Insel, an deren grünen Ufern die nomadischen Tibbu’s und Tuarik’s schwärmen. Während es so nicht fehlen konnte, daß diese Länderstriche ziemlich bekannt wurden, blieb das Innere von Süd-Afrika fast gänzlich eine terra incognita. Seitdem man angefangen hatte, alle jene widersinnigen Phantasiegebilde des Mittelalters von der Karte von Afrika zu verbannen, seitdem der Priester Johann das Feld hatte räumen müssen, war die Karte von Süd-Afrika weiß, und die nun gesetztere Phantasie verstieg sich in Betreff der unbekannten Länder kaum über die Vorstellungen von endlosen Sandwüsten hinaus.

Erst in dem letzten Decennium wurde auch Süd-Afrika’s Durchforschung in Angriff genommen; und in der That sind unsere Kenntnisse von jenem Theile des Continents in dieser kurzen Zeit so massenhaft angewachsen, wie wir uns wohl kaum vorher geträumt hätten. Wenn schon diese unleugbare Thatsache an und für sich verdientermaßen in hohem Grade die Aufmerksamkeit der [705] wissenschaftlichen und gebildeten Welt auf sich zog, um wie viel mehr mußte dies geschehen, da das ganze Verdienst dieser großartigen Entdeckungen beinahe ausschließlich einem unerschrockenen Manne angehört, der mit unermüdlicher Aufopferung erst während mehrjähriger Reisen einen Weg in’s Innere und dann nach der West- und Ostküste gebahnt hat! Livingstone’s Ruhm wird deshalb, gleich dem Barth’s[2], so unvergänglich bleiben, wie der Balboa’s, der von der Höhe der Cordilleren des centralamerikanischen Isthmus den großen Ocean geschaut, oder wie der Marco Polo’s, an dessen großartige asiatische Continentalwanderung im 14. Jahrhundert uns die ihrigen im 19. erinnern. – Livingstone’s und Barth’s Forschungen bilden eine wichtige Epoche, Lichtpunkte in der Entdeckungsgeschichte des afrikanischen Continents.

Dr. Livingstone hat nun, wie Sie vielleicht in einer oder der andern Zeitung gelesen, Anfang dieses Jahres von Neuem London verlassen und in Afrika vorgesprochen, um eine wissenschaftlich-mercantile, anständig ausgerüstete Expedition den Zambesi hinaufzuführen. Ueber den bisherigen Verlauf derselben theile ich Ihnen die neuesten mir bekannten Nachrichten mit.

Ein Dampfschiff, der „Hermes“, hatte Dr. Livingstone sammt einem der neu in Anwendung gebrachten zerlegbaren Dampfer nach den Mündungen des Zambesiflusses gebracht, wo es die kleine Expedition aussetzte, und seinen Weg nach Ceylon fortsetzte. Der Capitain desselben, Duncan, hat, zurückgekehrt nach England, über diese Aussetzung Bericht erstattet; andere Berichte sind direct von Dr. Livingstone und einem seiner Leute eingelaufen. Der kleine zerlegbare Dampfer aus Stahleisenplatten, den er mit auf die Reise genommen hatte, die „Perle“, leistet ihm vortreffliche Dienste. In drei Tagen war er vollständig zusammengefügt und dampfte, wie der wackere Reisende sich ausdrückt, lustig den breiten Zambesi hinauf, zum unendlichen Verdruß der Flußpferde, die vor ihm herdenweise Reißaus nahmen, und ihn so fürchteten, daß selbst das stärkste unter ihnen nicht mit ihm anbinden wollte. Es wäre eine große Wohlthat, schreibt er ferner, wenn die englische Regierung viele solche leichte Dampfer nach Afrika schicken würde, um in den kleinen Buchten und seichten Flüssen den Sclavenjägern das Handwerk zu legen; nur müssen sie bei gleicher Länge um etwa 4 Fuß breiter angelegt werden, wodurch sie dem Zwecke noch viel besser entsprächen.

„Die ersten Nachrichten, welche wir erhielten,“ schreibt Livingstone an Tumer, „gaben an, daß sich die Portugiesen gezwungen gesehen hatten, nach der Küste zu fliehen, da ein Stamm der Eingebornen Aufstand erhoben hatte. Alle Europäer hatten sich nach Killimane geflüchtet. Da wir zur Zeit, wo der Aufstand ausbrach, noch nicht im Lande waren, so wird man uns nicht als seine Urheber zur Rechenschaft ziehen können. Sie können sich übrigens denken, wie wir uns diesmal beeilen, um von der Stelle zu kommen. – Noch kein einziger Fieberfall; jeder auf der „Perle“ nimmt täglich seine Portion Chinin.“ Dr. Livingstone, Takt genug besitzend, um jede Collision mit einem der streitenden Theile zu vermeiden, hatte sich sowohl mit den Rebellen, als mit ihren ehemaligen Gebietern, den Portugiesen, in Verbindung gesetzt und bei beiden Parteien Freunde erworben. Uebrigens hatte er eine ziemlich furchtbare Begleitung bei sich. Sieben Europäer, worunter sein Bruder, und zwölf mit Gewehr, Bajonett, Hirschfänger und Drehpistole bewaffnete Krumen konnten nicht verfehlen, die Eingeborenen zu der Ueberzeugung zu bringen, daß die Expedition sich selbst zu schützen vermöge; außerdem warteten noch 120 von Dr. Livingstone’s Makololo–Freunden auf ihn in Senna, welches ungefähr 20 Meilen von der Mündung des Zambesi entfernt ist.

Ich breche jetzt meinen Livingstone’schen Bericht ab, den ich allerdings, aber ohne Sie damit zu ergötzen, viel weiter hätte ausdehnen können. Sobald ich wieder etwas Neues erfahre, sollen auch Sie es wissen.

Endlich noch Einiges über den jugendlichen deutschen Forscher, von dem ich Ihnen zu berichten versprach. Albrecht Roscher ist ein Sohn Hamburgs, das ja bekanntlich schon ein so bedeutendes Contingent afrikanischer Forscher gestellt hat. Seine ganze äußere Erscheinung, seine Jugend erinnerten uns, als wir ihn vor seiner Abreise nach Afrika kennen lernten, recht lebhaft an den unglücklichen Vogel; er besitzt aber auch dessen Kenntnisse und Unerschrockenheit – ja, wir dürfen behaupten, daß selten ein afrikanischer Reisender so vortrefflich vorbereitet, ausgerüstet und befähigt ausgegangen, wie Roscher. Vielen unserer Leser ist vielleicht eine ausgezeichnete Probe seiner Arbeiten bekannt, die er noch hier in Deutschland abgelegt hat.

Roscher hielt sich bisher in Zanzibar auf, einer an der Ostküste Afrika’s und ungefähr 6 Grad südlich von dem wahrscheinlichen Orte der Nilquellen gelegenen Stadt. Noch vor seiner Abreise dahin publicirte er ein Schriftchen, worin er Zweck und Plan seiner Reise näher auseinander setzt. Nachdem er dargethan, wie man bisher auf ganz verkehrten Wegen versucht, nach dem Kerne Afrika’s, den Nilquellen und dem problematischen See Uniamesi vorzudringen, setzt er auseinander, daß Zanzibar einen der günstigsten, wo nicht den allergünstigsten Ausgangspunkt zur Erforschung Innerafrika’s für einen einzelnen Reisenden bilde.

Roscher’s Reise, zu deren Ausführung, wie bei zahlreichen anderen neueren Unternehmungen, die Munificenz des Königs von Baiern zum großen Theile die pecuniären Mittel geboten hat, wird von der größten Wichtigkeit sein, denn, ausgeführt nach seinem Plane, würde sie genügen, Probleme zu lösen, die Jahrtausende hindurch sich den Forschern dargeboten haben, und somit die Geographie von Afrika der Hauptsache nach erledigen. Zu der Verwirklichung des ganzen Planes hält Roscher einen Zeitraum von mindestens drei Jahren, vom Juni 1858 an gerechnet, für erforderlich.

Wenn ich hier meinen Bericht über Afrika schließe, so meine ich keineswegs, Ihnen Alles berichtet zu haben, was auf die allerneuesten Forschungen in diesem Erdtheile Bezug hat. Denn im Osten fungirt gegenwärtig der obenerwähnte Engländer Burton und sein Begleiter Speke (spr. Spihk); im Westen der Amerikaner du Chaillu; auf dem Niger ist eine englische Expedition beschäftigt etc. Ich werde darauf später zurückkommen.




Die Privat-Irrenanstalten.[3]
Von Dr. juris Thesmar in Köln.
Zustände der schottischen Privat-Irrenanstalten. – Frühere Behandlung der Irren. – Die Gesetzgebung für Privat-Anstalten, speciell die preußischen. – Die Aufnahme vernünftiger Menschen in Irrenanstalten. – Zwei Beispiele: Kaufmann Franz Heesmann in Köln. Die Geheimräthin Wilhelmine Egen aus Elberfeld. – Einnahme rheinischer Privatanstalten. – Behandlung der Irren. – Aufhängen und Zwangstuhl. – Monsterproceß gegen Lennartz.

Das englische Parlament beschäftigte sich im verflossenen Jahre mit einem Zweige der Gesetzgebung, dessen Erwägung als eine um so ernstere Pflicht der Staatsgewalt erscheint, je schwieriger auf diesem Gebiete die Wahl zweckmäßiger und schützender Gesetze zu treffen, und je mehr das Unglück in seiner hülflosesten Gestalt einer ausreichenden Ueberwachung Seitens des Staates bedarf, deren es bis jetzt in hohem Maße entbehrt.

In der Sitzung des Unterhauses vom 9. Juni v. J. brachte der Lord-Advocate eine Bill ein, um die schottischen Privat-Irrenhäuser einer sorgfältigeren gesetzlichen Aufsicht zu unterziehen. Nach den Mittheilungen der öffentlichen Blätter entwarf das Parlamentsmitglied E. Ellice in seinem Commissionsberichte ein wahrhaft erschütterndes Bild über die grauenhaften Zustände dieser Privat-Irrenanstalten, und insbesondere über die Behandlung, welche die Unglücklichen selbst in solchen zu erdulden haben, die bisher als Muster gerühmt wurden. Der Lord-Advocate bezeichnet dieselben als wahre Höllen und hofft, seine Maßregel werde von der öffentlichen Meinung nach Kräften unterstützt werden. Ich glaube nur eine Pflicht der Menschlichkeit zu erfüllen, wenn ich nach Kenntniß zweier Fälle, in denen unlängst in kurzer Zeitfolge mein Amt [706] angerufen wurde, die öffentliche Aufmerksamkeit auch auf die Privat- Irrenanstalten hinlenke, welche in Deutschland und namentlich am Rheine bestehen, um nach meinem Theile dazu anzuregen, daß auch bei uns im Wege der Gesetzgebung in geeigneter Weise eingeschritten werde; ich erachte es als den heiligsten Beruf der Presse, dem menschlichen Elende, das sich gegen seine Peiniger selbst zu vertheidigen außer Stande ist, Worte zu leihen und die Schmerzen und die Verzweiflung von den Räumen abzuwenden, in welche sterbliche Augen nur sehr spärlich zu dringen vermögen. Die in Europa weitverbreitete Gartenlaube ist ein passendes Organ dazu.

Es ist bereits vor mir in diesen Blättern nachgewiesen worden, wie man in früheren Zeiten Störungen des Geisteslebens als unmittelbar von Gott über den Menschen verhängte Heimsuchungen ansah, und wie die Geisteskranken in unglaublicher Gefühllosigkeit als nichtsnutzige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, deren sich diese entledigen müsse, je nach den Aeußerungen ihres Uebels entweder hülflos verstoßen oder, in Ketten und Bande geschlagen, Gefangenen und Verbrechern beigesellt wurden.

Diese unbarmherzige Behandlung der Unglücklichen dauerte bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, wo namentlich Pinel in Paris seine Stimme laut erhob, und trotz der entfesselten Leidenschaften eines dämonischen Geistes der damaligen Zeit unter den Wehen der Geburt der Menschenrechte die Anerkennung jener der Geisteskranken mit Erfolg erkämpfte. Chiarugi in Italien, Crichton in England, Hoffbauer und Reil in Deutschland folgten dem edlen Beispiele, und bald erkannten die Lenker der Staaten die unabweisbare Pflicht, zu Errichtung neuer und zu wesentlicher Verbesserung der vorhandenen Irrenanstalten Fürsorge zu treffen, so daß bei dem hierdurch geweckten Interesse dieser Zweig der ärztlichen Wissenschaft, durch Männer wie Haslam, Pariset, Heinroth, Nasse, Bird und vor Allem durch den vor Kurzem heimgerufenen trefflichen Jacobi mächtig gefördert, mit vollem Rechte den übrigen medicinischen Doctrinen an die Seite zu stellen ist.

Es bedarf nicht erst der Erwähnung, wie wenig der in die geheime Werkstätte der Seelenthätigkeit Uneingeweihte berufen und befähigt sein kann, die Behandlung der Irren im Allgemeinen einer gerechten Beurtheilung zu unterwerfen; vorzugsweise bei Geistesstörungen wird Alter, Stand, Geschlecht und die verlebte Zeit für eine rationelle Behandlung maßgebend, und häufig der Körper der einzige Weg sein, auf welchem Einflüsse auf die Seele zu erreichen sind. Als Nichtarzt bescheide ich mich daher in dieser Beziehung und überlasse das Für und Wider den Männern vom Fache. Ich werde mich vielmehr bei dieser Besprechung darauf beschränken, die bezüglich solcher Anstalten bei uns bestehenden Gesetze in Anknüpfung der oben erwähnten beiden Fälle einer Erörterung zu unterwerfen, um zu dem Schlusse zu gelangen, wie unzureichend dieselben in aller und jeder Beziehung sind.

Wirkliche Seelenkrankheiten, vorübergehende wie dauernde, bedingen die Unfreiheit des Willens, und letztere beschränkt die Zurechnungsfähigkeit oder hebt sie ganz oder zeitweise auf. Es wird deshalb über den Nutzen und über die dringende Nothwendigkeit solcher Anstalten der Pflege füglich keine Frage sein. Ein schrecklicheres Schicksal aber, als entweder völlig geistesgesund in eine solche Anstalt gebracht und als irre behandelt zu werden, oder als wirklich geistesirre hülflos auf dem Schmerzenslager zu sein, abgeschnitten und verlassen von der Außenwelt, wehrlos gegenüber hartherzigen Wächtern, läßt sich überhaupt nicht denken. Inmitten einer christlichen Gemeinschaft und überhaupt in einem gesitteten Lande sollte dies gar nicht vorkommen können; doppelte Liebe und Sorgfalt für diese Unglücklichen müßte als allgemeine Pflicht erkannt und geübt werden. Allein die große Schwierigkeit geeigneter staatlicher Einwirkung zeigt sich erst, wenn auf dem Gebiete der Gesetzgebung, namentlich für Privat-Irrenanstalten, in welche nur Unheilbare aufgenommen werden, Anordnungen der Ueberwachung getroffen werden sollen, und bei der Wahl zweckmäßiger Mittel des Schutzes überhaupt; denn das „Zuviel“ und „Zuwenig“ ist vom Uebel, obschon für die Gesetzgebung bei diesen Privatinstituten der Gesichtspunkt maßgebend sein sollte, daß bei deren Errichtung selten humane Rücksichten, vielmehr weit häufiger der Eigennutz und pecuniäre Vortheile das vorwiegende Motiv abgeben. Ehrenvolle Ausnahmen werden allerdings auch hierbei, wenn auch selten, anzutreffen sein.

Die leitenden Grundsätze über die Irrenanstalten überhaupt finden sich für den preußischen Staat in der Cabinetsordre vom 5. April 1804 ausgesprochen. Es verfügt dieses Gesetz, und zwar 1) daß der Aufnahme in eine Irrenanstalt ein ärztliches Attest über die Geisteskrankheit, sei es Behufs Heilung des Kranken, sei es zur Aufbewahrung des Unheilbaren, vorhergehen muß, und daß von der erfolgten Aufnahme die Staatsbehörde Seitens der Anstalt sofort in Kenntniß zu setzen ist; 2) daß ein sorgfältiges gerichtliches Verfahren, das sogenannte Interdictions-Verfahren, alsbald der Aufnahme folgen soll, wie es nach den Worten der Cabinetsordre „die gesetzliche Sicherheit und Freiheit der Person“ erfordert. Wesentlich zur Ausführung dieser Grundsätze folgten eine Reihe von Anordnungen der verschiedenen Ministerien, namentlich jene vom 25. Nov. 1825 und 26. März 1827, modificirt durch das Ministerial-Rescript vom 13. Decbr. 1827, ferner vom 25. März 1828, 9. April 1838, 6. Juli 1838, 21. Septbr. 1841, 11. Octbr. 1842, sodann der Landtagsabschied vom 27. Decbr. 1845, und die Ministerial-Rescripte vom 29. Octbr. 1847 und 22. Octbr. 1855.

Muß es überhaupt bedenklich erscheinen, daß zuerst ein Staatsangehöriger in eine Irrenanstalt gebracht und hinterher das gerichtliche Verfahren eingeleitet wird, um festzustellen, ob er auch geistesirre sei, so vermögen alle diese Gesetze, welche hauptsächlich das Interdictions-Verfahren regeln, selbst die nächste Gefahr nicht zu beseitigen, daß völlig vernünftige Menschen in eine Irrenanstalt untergebracht und so lange festgehalten werden, bis ein guter Stern oder das Ergebniß des Interdictions-Verfahrens sie erlöst; denn zur Aufnahme ist gesetzlich einzig und allein ein ärztliches Attest, ausgestellt von zwei praktischen Aerzten oder dem Kreisphysikus, ausreichend. Ich will dabei keineswegs die Gewissenlosigkeit oder die grobe Pflichtverletzung eines Arztes bei Ausstellung eines Attestes oder sonstige verwerfliche Motive der Angehörigen annehmen, um sich vermittels der Interdiction der Verwaltung des Vermögens zu bemächtigen; ich unterstelle blos eine irrige Beurtheilung des Arztes, eine Täuschung seiner selbst über die Natur des augenblicklichen Geisteszustandes des Kranken – und wo bleibt in solchen Fällen der Schutz des Gesetzes? Wende man nicht ein, es liege dies außer dem Bereiche der Möglichkeit; die beiden zu meiner Kenntniß gelangten Fälle widersprechen dieser Annahme in sehr bedenklicher Weise.

Ein angesehener Kaufmann der hiesigen Stadt, Franz Heesmann, lebte mit seiner Frau in Unfrieden; die Eifersucht, anscheinend grundlos, führte zu heftigen Auftritten, und er vergaß sich so weit, daß er ihr in Gegenwart der Hausgenossen einen Schlag versetzte. Am andern Tage erschien ein Gensd’arm, und beschied ihn zur Polizeibehörde. Arglos bestieg er mit demselben einen bereit stehenden Wagen, dessen Führer indeß, statt zur Polizei, in den umschlossenen Garten der Privat-Irrenanstalt fuhr, welche auf der Lindenburg in der Nähe Kölns für Unheilbare besteht. Dort wurde er festgehalten, kein Bitten, kein Drohen, keine Betheuerung, er sei nicht geisteskrank, konnte den Vorsteher der Anstalt bewegen, ihn zu entlassen; im Gegentheil wurde Letzteres für das gewöhnliche Anzeichen der Verrücktheit angesehen, und ihm seine Zelle angewiesen.

Sieben volle Wochen brachte er in der entsetzlichen Umgebung wirklich Wahnsinniger zu, unter Seelenleiden, die er, wie er versicherte, nicht zu beschreiben vermöge. Der Verkehr mit den in der Stadt wohnenden Angehörigen war unter strenger Strafe verboten, das Schreiben nicht erlaubt; nur der Zufall fügte es, daß einer derselben Kenntniß von seinem Aufenthalte erhielt, und mir unter der Versicherung Mittheilung machte, daß jener so wenig geistesirre sei, als er selbst. Die hierauf eingeleiteten Schritte führten zu seiner sofortigen Entlassung, wobei es sich ergab, daß bereits für ein Vierteljahr vorausbezahlt war. Der Vorsteher rechtfertigte die Aufnahme in seine Anstalt durch Vorlegung eines ärztlichen Attestes, in welchem derselbe als verrückt und unheilbar erklärt war. Ich meinestheils konnte bei wiederholten Unterredungen mit ihm auch nicht eine Spur von Geistesstörung wahrnehmen; namentlich verbreitete er sich über die Einzelheiten und über die Gründe seines ehelichen Zwistes mit völliger Unbefangenheit und Ruhe. Ein nach Verlauf von mehr als einem Jahre gemachter nochmaliger Versuch, ihn auf Grund des früheren Attestes in einer andern Irrenanstalt einzusperren, wurde, nachdem er, neuerdings festgenommen, zwei Anstalten, in Siegeburg und Endenich, vorgeführt worden, die [707] seine Aufnahme verweigerten, und nachdem es endlich gelungen war, ihn in der hier errichteten Alexanderanstalt unterzubringen, durch die nach 28tägiger Haft auf das Gutachten des Kreisphysikus verfügte Freilassung Seitens der Aufsichtsbehörde vereitelt. Thatsache ist, daß er seitdem unangefochten blieb, und seinen ausgebreiteten Geschäften nach wie vor mit Umsicht und Erfolg vorsteht.

Kurze Zeit darauf war eine reiche, den höheren Ständen angehörige Frau, die verwittwete Geheimräthin Wilhelmine Egen aus Elberfeld, aus einer ähnlichen Privat-Irrenanstalt des Doctor Herz in Bonn entflohen. Unter unsäglicher Seelenangst erreichte sie Köln, und bat mich flehentlich um Schutz gegen die befürchtete Wiederergreifung. Durch das Nervenfieber war vor mehreren Jahren ihr als hochgestellter Staatsmann im Ministerium des Handels geachteter Gatte in Berlin, dessen sie mit rührender Liebe gedachte, seiner Familie entrissen worden, ihre Kinder lagen an derselben Krankheit hoffnungslos in Elberfeld, wohin sie sich zurückgezogen hatte, darnieder. Wochen lang hatte sie dieselben mit mütterlicher Aufopferung gepflegt, als die behandelnden Aerzte sie darauf vorbereiteten, daß die Kinder die folgende Nacht nicht erleben würden. Nur mit Mühe vermochte der zugezogene Geistliche sie mit den Verheißungen der heiligen Schrift und den Tröstungen ihrer Kirche einigermaßen zu beruhigen. Die gefürchtete Nacht ging vorüber, und die Kinder genasen wieder. Als letztere außer Gefahr waren, ließ sie sich durch ihre Angehörigen zu einer Rheinreise bestimmen, um sich zu erholen. Zur späten Abendstunde erreichten sie Bonn. Dort stiegen sie in einem der ersten Gasthöfe, wie ihr gesagt wurde, ab. Kaum umgekleidet, begab sie sich nach den ihren Angehörigen angewiesenen Zimmern, fand dieselben aber leer. Auf ihr Befremden äußerte der angebliche Wirth, ihre Angehörigen seien wieder abgereist, auch werde sie wohl nicht glauben, daß sie sich in einem Gasthofe befinde, er sei der Dr. Herz, Vorsteher einer Irrenanstalt, wo sie zu ihrem Besten habe untergebracht werden müssen. Ihre Versicherung, sie bedürfe dessen durchaus nicht, ihr Bitten, ihr Flehen half nichts; sie wurde in die bereit gehaltene Zelle eingeschlossen, und ihr während der Nacht die Kleider weggenommen, damit, wie dies eine allgemeine Maßregel zu sein scheint, ein Fluchtversuch verhindert werde. Drei volle Jahre brachte sie in dieser Anstalt zu, bis ihr durch die Bestechung einer Wärterin und begünstigt durch die Nacht die Flucht gelang, drei Jahre der Verzweiflung, wobei sie Gott inbrünstig dankte, daß sie nicht den Verstand darüber verloren habe.

Erschütternd war die Beschreibung ihres dortigen Aufenthaltes. Besuche ihrer Angehörigen durfte sie nicht annehmen, weil dies nach den Anordnungen in solchen Häusern die Kranken „zu sehr aufregt,“ eine Correspondenz mit ihren Kindern war aus gleichen Gründen untersagt, und fand sie in ihrer Abgeschlossenheit von der Welt einmal Gelegenheit, ihrem Unglücke verstohlen Worte zu leihen, so zuckte man mitleidig die Achseln, und hielt ihre Klagen für den Ausdruck des unheilbaren Wahnsinnes. Wie sie versicherte, ist Niemand mehr in Gefahr, wirklich wahnsinnig zu werden, als wer bei klarem Bewußtsein sich als Geistesirren angesehen und behandelt sieht.

Die Aufnahme in das Irrenhaus war erfolgt auf Grund des Attestes der Aerzte, welche ihre verloren gegebenen und wieder genesenen Kinder behandelt hatten. Inzwischen war nach gesetzlicher Vorschrift das Interdictions-Verfahren eingeleitet. Dasselbe gründete sich zugleich auf das Attest des Irren-Arztes und Inhabers der Anstalt, Dr. Herz, daß sie unheilbar sei, und nebenbei wurde als einer der Hauptgründe geltend gemacht, sie glaube an die Existenz des Teufels – eine Auffassung, welche sie übrigens mit der Ueberzeugung berühmter Theologen, als gegründet auf die Lehre der heiligen Schrift, theilt. Allein sie war selbst nicht einmal in der Lage, sich in dem Interdictions-Verfahren zu vertheidigen. Nach ihrer Behauptung wurde ihr von dem Vorsteher der Anstalt nicht erlaubt, auf die erhobene Klage und deren entstellende Thatsachen zu antworten oder einen Anwalt zu bestellen, wahrscheinlich um eine „Gemüths-Aufregung“ zu vermeiden. Das Verfahren ging in contumaciam weiter, bis ihre Flucht demselben ein Ende machte. Ihre Mittheilungen trugen allerdings das Gepräge großer Aufgeregtheit; letztere schien mir indeß nach der Flucht in kalter Nacht unter dem Eindrucke solcher Erlebnisse sehr erklärlich. Von einem Irrsinn war im Laufe der längeren Unterredungen auch nicht die geringste Andeutung vorhanden, und Thatsache ist, daß ihre Angehörigen nicht für nöthig befunden haben, ihr Bestes in dieser Anstalt von Neuem fördern zu lassen. Sie lebt ruhig bei ihren Kindern und preist Gottes Barmherzigkeit, daß er sie erlöst hat.

Nimmt man hinzu, daß für die Pflege eines solchen Kranken je nach seinen Verhältnissen eine Vergütung von 6–1400 Thaler jährlich gefordert wird, ferner, daß solche Privatanstalten sich in unglaublicher Weise pecuniär rentiren, daß unter Anderem die Anstalt des Dr. Richarz in Endenich bei Bonn eine jährliche Bruttoeinnahme von 40,000 Thalern, sage vierzigtausend Thalern, abwirft, und daß bei der zu beobachtenden Diät nur leicht verdauliche Speisen den Unterhalt der unglücklichen Bewohner solcher Anstalten bilden: so ist der Versuchung für den Eigennutz ein um so gefährlicherer Spielraum geboten, wenn der Vorsteher der Privatanstalt selbst Arzt ist und die Diät anordnen kann. Die Familie glaubt ihren unglücklichen Angehörigen bei theurem Gelde wohl aufgehoben, und er mag – natürlich aus Gesundheitsrücksichten – häufig Mangel am Allernothwendigsten leiden. Die Beschwerden der Unglücklichen und ihre Seufzer erreichen entweder nicht ein menschliches Ohr, oder sie werden im glücklichsten Falle als die Aeußerungen von Verrückten angesehen.

Man sollte meinen, solche Zustände seien ganz unglaublich, und dennoch sind es nur Erscheinungen, die sich in allen Ländern unter ähnlichen Verhältnissen wiederholen. Davon geben die englischen Parlaments-Verhandlungen Zeugniß, welche mich zu dieser Besprechung veranlaßt hatten.

Wirft man vollends einen Blick auf die Behandlung, welcher die Irren bei der Gefühllosigkeit ihrer Wächter, die auch nicht selten ist, ausgesetzt sind, so muß schon die Gewißheit, für die ganze Lebenszeit in die Willkür solcher Menschen gegeben zu sein, fast zur Verzweiflung führen. Für Uebertretungen der Hausordnung, Widersetzlichkeit gegen die Wächter und andere Ungehörigkeiten, für welche in vielen Fällen die Unglücklichen im Zustande ihrer Geistesstörung nicht einmal zurechnungsfähig sind, bestehen Correctivmittel in solchen Anstalten, deren Anwendung nach Strenge und Umfang von dem Gutdünken des Vorstehers abhängig ist. Namentlich ist der Schrecken aller Unglücklichen das zeitweise Aufhängen an den gefesselten Händen, so daß die Füße kaum den Fußboden berühren, sowie der in diesen Anstalten eingeführte Zwangsstuhl, eine Vorrichtung in Form eines Lehnsessels, auf welchem die Uebertreter, von den Wächtern überwältigt ohne ein Glied rühren zu können, Tag und Nacht befestigt sitzen, so lange der Vorsteher der Anstalt es anzuordnen für gut findet. Es soll auf der Lindenburg bei dem geistesirren Jagenberg aus Solingen, dem der Bruder die Braut genommen hatte, ein Fall vorgekommen sein, daß derselbe vier Wochen lang Tag und Nacht diese Qual aushalten mußte. Man glaubt sich, wenn man solches hört, wahrhaft in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters versetzt und versteht dann auch die Ausdrücke des englischen Parlamentes über die grauenhaften Zustände der dortigen Privat-Irrenhäuser, die als wahre Höllen auf Erden geschildert werden und in welchen ohne Zweifel ähnliche Vorrichtungen brüderlicher Zuneigung im Gebrauche waren.

Mit Befremden fragt man sich, wie es möglich ist, daß solche Einrichtungen Jahre lang bestehen können, ohne daß sie zur Kenntniß der Behörden gelangen, sei es durch den Arzt der Anstalt oder die Geistlichen derselben, oder Seitens des vom Gesetze zur Ueberwachung berufenen Kreisphysicus und des Regierungscomissars, und ob das Wehklagen dieser Unglücklichen die Ohren dieser Männer nicht erreicht. Es gibt hierauf nur eine Antwort, und zwar die, daß entweder zur Anwendung der Strafen eine Zeit gewählt wird, wo Letztere nicht anwesend, oder an Orten, die den Blicken derselben entzogen sind, und Beides ist in Anstalten, in welchen nur Unheilbare aufgenommen werden, um so leichter zu bewerkstelligen, als hier der Arzt überhaupt kein Heilverfahren anzustellen hat und der Besuch sich auf das Nöthigste beschränkt. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, als eine der ersten Pflichten jedes Staates wird anerkannt werden müssen, solche schreiende Mißbräuche unverweilt abzustellen und den Unglücklichen Schutz zu gewähren, so weit er menschlicher Weise gewährt werden kann.

Faßt man das Obige zusammen, so schützt die bei uns und ohne Zweifel in dem größten Theile Deutschlands bestehende Gesetzgebung weder dagegen, daß vernünftige Menschen in Irrenanstalten eingebracht werden, noch auch gegen Anwendung willkürlicher, vom Gutdünken des Vorstehers verhängter Strafen. Es wird sich daher als Resultat ergeben, daß die Privat-Irrenanstalten, überwiegend als Anstalten des Eigennutzes, [708] von Staatswegen gänzlich aufgehoben und daß nach den bestehenden Bedürfnissen an ihrer Stelle Staatsanstalten zu errichten sein werden, jedenfalls aber, wenn dieses unausführbar sein sollte, daß wenigstens der Arzt, auf dessen Attest hin ein Staatsangehöriger als Geistesirrer in eine solche Anstalt gebracht wird, ohne daß sich dies durch das spätere gerichtliche Verfahren bewährt, im Falle größerer oder geringerer Fahrlässigkeit und Verschuldung neben dem Verluste seiner ärztlichen Praxis auf bestimmte Zeit mit einer namhaften Freiheitsstrafe bedroht und diese Strafe vorzugsweise dann zu schärfen sein wird, wenn der Vorsteher der Anstalt selbst Arzt und daher in der Lage ist, bei den seiner Anstalt Anvertrauten genaue Beobachtungen zu machen, endlich, daß die Behörden angewiesen werden, die Privat-Irrenanstalten mit größter Strenge zu überwachen und unerbittlich einzuschreiten, wenn die Irren mehr ein Gegenstand der Ausbeutung, als einer liebevollen Pflege sein sollten. Ich verkenne keineswegs die großen Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung dieser Auffassung entgegenstellen; allein ein entschlossener Wille vermag auch auf diesem Gebiete unendlich viel. Ich würde es schon für einen großen Gewinn halten und Genugthuung in dem Bewußtsein finden, durch diese Bemerkungen zur Linderung der schweren Leiden unglücklicher Mitmenschen einigermaßen beigetragen zu haben.

Ich hatte diese Ausführung über die zum Schutze der Staatsangehörigen vor Eigennutz und Willkür völlig unzureichende Gesetzgebung bei diesem Zweige der Legislatur in der Kölnischen Zeitung vom 29. August c. veröffentlicht. Der Artikel machte großes Aufsehen und rief eine anonyme, zum Theil sehr heftige Polemik hervor, die mich nöthigte, das Maß der objectiven Beurtheilung zu überschreiten und zur Besprechung von Thatsachen einzelner Fälle überzugehen, welche mir aus allen Theilen Deutschlands mitgetheilt wurden und, soweit sie namentlich die Lindenburg bei Köln betreffen, wahrhaft entsetzliche und himmelschreiende Unmenschlichkeiten in sich faßten. Auf Grund der letzteren schritt die Staatsbehörde gegen den früheren Besitzer der Lindenburg, Lennartz, ein und beantragte die Untersuchung wegen seiner an den Unglücklichen verübten Grausamkeiten, für welche die menschliche Sprache keine Worte und von denen Niemand auch nur eine Ahnung hatte. Dieser Monsterproceß ist noch nicht geschlossen, allein nach der Versicherung der Menge von Zeugen, welche sich aus freien Stücken meldeten, wird dieser Proceß demnächst ein Ergebniß liefern, das nicht allein die unglaublichen Thatsachen, die mir in einem an mich gerichteten Schreiben aus Xanten berichtet wurden, sondern auch alle Gräuel weit hinter sich läßt, durch welche England und Schottland bis jetzt einzig dazustehen schienen. Wir sahen, als die Berichte über die Zustände in jenen Ländern zu uns herüberkamen, mit einigem Stolze auf die anscheinend wohlgeordnete und schützende Legislatur in Deutschland; wir hatten durchaus keine Ursache dazu.

(Fortsetzung folgt.)




Am Niagarafalle.
Von J. W. v. M.

Kaum graute noch der Tag, so wurde ich plötzlich aus meinem Schlummer aufgeschreckt. Eilende Schritte, ein unverständliches, ängstliches Durcheinanderrufen brachte mich auf den Gedanken, daß irgend etwas Ungewöhnliches sich ereignet haben müsse, als dicht unter meinem Fenster eine gellende Stimme rief: „a man in the rapids“ (ein Mann in der Stromschnelle).

Wie der Blitz war ich von meinem Lager, warf mich hastig in meine Kleider und eilte auf die Straße, wo mich der Strom der aufgeregten Menschenmenge erfaßte und nach dem Schauplatze des Ereignisses führte.

Einige hundert Schritte vor dem Falle des Niagara scheidet eine Insel die reißend schnell dahinstürzende Wassermasse desselben in zwei Arme, deren rechter das amerikanische Ufer bespült. – Hier sind die furchtbaren Rapids. – Stromschnelle, Katarakt, Wirbel, ich finde kein Wort, die Natur dieser Rapids vollständig wiederzugeben. In rasendem Schwunge stürzt das Wasser, eingeengt zwischen Festland und Insel, wie nach Vernichtung gierig, über felsigen Grund dem nahen Abgrunde zu – ein entsetzliches Gewühl von titanischen Gewalten, von deren Wucht die riesenhaftesten Stämme, welche der ferne Urwald sendet, wie schwache Stäbchen geknickt im Strudel versinken.

Als ich auf der Insel (Goat-Island) ankam, war die Brücke, welche dieselbe mit der amerikanischen Seite verbindet, und das Ufer der Rapids mit Tausenden von Menschen bedeckt, denen sich ein herzzerreißendes Schauspiel bot. Kaum zwanzig Schritte oberhalb des senkrechten Falles, mitten im Strombett auf einer Klippe, befand sich ein junger Mensch, der, mit dem Ausdrucke der höchsten Verzweiflung in seinen Mienen, die Menge um Hülfe anzuflehen schien. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß drei junge Freunde am Abend vorher die vermessene Idee ausführen wollten, in einem kleinen Kahne weit oberhalb auf dem Strome spazieren zu fahren.

Kaum waren sie vom Lande abgestoßen, als die wilde Strömung trotz aller Anstrengungen der Ruderer das schwache Fahrzeug erfaßte; es schlägt um und verschwindet wenige Augenblicke nachher mit zweien der Freunde im kochenden Strudel; der Dritte, Avery mit Namen, hatte sich, nachdem ihn die Strömung bis nahe vor den senkrechten Fall mit sich gerissen, an einem Baumstrunke festgehalten. – Es war derselbe, dessen Todeskampf zu schauen wir gekommen waren.

Nicht die wildeste Phantasie vermöchte die tausendfachen Schrecken des Todes zu ahnen, welche den Unglücklichen seit elf Stunden inmitten des Flusses, kaum zwanzig Schritte von dessen jähem Sturze in den Abgrund, umtobten. Sein Hülferuf während der ganzen langen Nacht erstarb im Donner des Falles; erst das mitleidige Licht des Tages offenbarte die entsetzliche Lage des Unglücklichen, deren Schreckenskunde mit Blitzesschnelle durch die Gegend flog und alle Bewohner der zerstreuten Häuser herbeirief, beseelt von dem glühendsten Verlangen, den Armen zu retten. Aber ein Abgrund, und welch’ ein schauerlicher Abgrund! trennte ihn von seinen Rettern.

Ich habe die feste Ueberzeugung, daß keiner der Anwesenden vor dem Opfer einiger seiner eigenen Lebenstage zurückgebebt wäre, wenn der Engel des Todes diese Sühne geheischt hätte. Der aber marktet nicht; finster und unerbittlich umschwebte er das Haupt des verzweifelnden Jünglings.

Da rief einer der Zuschauer, Herr Porter, mit aller Kraft seiner Stimme:

„Tausend Dollars dem, der ihn rettet!“

Und wie ein Echo antwortete eine zweite Stimme:

„Auch ich verspreche tausend Dollars dem Kühnen, der es wagt!“

Als ich nach dem Namen des Zweiten forschte, hieß es: „ein Mann aus dem Süden“; mehr wußte man nicht zu sagen.

Das hochherzige Anerbieten steigerte das Mitleid bis zum Enthusiasmus und zwanzig Stimmen riefen auf einmal:

„Nur eine Stunde noch halte er aus, und wir retten ihn.“

Wie aber konnte man dem Unglücklichen diese tröstliche Nachricht beibringen, daß er den Muth bewahre im stürmischen Drange der Todesangst?! – Da ergriff mein lieber Reisegefährte, Herr Ulke, ein junger, talentvoller Künstler, dem keine tausend Dollars, wohl aber eine Idee von nicht geringerem Werthe zu Gebote stand, einen Pinsel und malte die englischen Worte: We will save you in riesengroßen Lettern an eine Mauer. Der Unglückliche, der zu ahnen schien, daß dies ihn angehe, folgte jedem Zuge der Schrift mit seinen Augen und schüttelte wehmüthig das Haupt, als der Maler geendigt hatte. Diese Sprache war ihm fremd.

Da schrieb Herr Ulke mit deutlichen großen Zeichen: „Wir retten Dich.“ – Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es das Antlitz des jungen Mannes, seine freudigen Mienen schienen zu sagen: „Großer Gott, sind Deutsche da, dann bin ich gerettet!“

In diesem Augenblicke braust eine Locomotive heran, die vor einer halben Stunde nach Buffalo gesendet worden, und bringt ein Rettungsboot.

Mit größter Vorsicht wird das kleine Fahrzeug an starken Tauen befestigt und in’s Wasser gelassen. Die Strömung schleudert es nach allen Seiten, wirft es in die Höhe – es widersteht, [709] aber es ist aus der Richtung gekommen – nach fünf Minuten banger Erwartung hört es auf zu schwimmen. Die Taue haben sich in den Felsen verwickelt, das Boot steht unbeweglich fest.

Die Blicke des Schiffbrüchigen haften verzweifelnd an dem Kahne – er begreift, daß er für diesmal der Hoffnung entsagen muß.

Nicht Willens, die kostbare Zeit mit unnützen Versuchen zu vergeuden, ergreift die Masse einstimmig den Vorschlag, ein Floß zu bauen, und tausend Hände regen sich, Alles wetteifert, Männer, Weiber und Kinder, alt und jung, reich und arm, die Arbeit schleunigst zu beginnen.

Aber die Erbauung eines Flosses erfordert eine Zeit, welche vielleicht zu lang für die Kräfte des Armen sein könnte, der die ganze Nacht ohne Nahrung im Wasser zugebracht, von dem erschütternden Donner des Falles umgeben, gegen welchen das Heulen der Charybdis ein schwaches Gemurmel wäre.

Diese Furcht ist die Urheberin einer andern Idee. Man füllt ein Faß mit Lebensmitteln und vertraut es der Strömung an. Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, schwimmt es in der Richtung des Baumstammes auf den Schiffbrüchigen zu – er sieht es mit einem Ausdruck unaussprechlicher Dankbarkeit, er streckt seinen Arm aus, erfaßt es, aber die Strömung reißt es aus seinen schwachen Fingern, und einige Minuten darauf hat es der Abgrund verschlungen.

Die Gartenlaube (1858) b 709.jpg

Ein Mann in der Stromschnelle.
(Nach einer Originalzeichnung des Verfassers.)

War es die schmerzliche Täuschung allein oder die Ahnung seines schrecklichen Schicksales, die sich auf den Zügen Avery’s so deutlich ausprägte?

Unterdessen schreitet der Bau des Flosses rasch vorwärts, der Unglückliche verfolgt mit sehnenden Blicken den Gang der Arbeit; er klammert sich inniger an seinen einzigen Hoffnungsanker und wartet. –

Die Arbeit ist gethan; das Floß, von mächtigen Tauen gehalten und mit Seilen reichlich versehen, schwimmt auf dem Wasser. Es ist ein Augenblick furchtbarer Angst für alle die bangen Gemüther, der Athem stockt und jedes Wesen sendet seine innigsten Gebete für das Gelingen des Unternehmens zum Himmel.

Das Floß hält die Richtung nach dem Baume, es nähert sich reißend schnell; Avery hält sich gefaßt, ihn ermuthigt die Großherzigkeit seiner Retter.

In athemlosem Schweigen harrt die Menge, als sich das Floß bei ihm befindet, er springt – er fällt – er hält sich fest – er scheint gerettet. – Ein donnernder Jubelruf aus tausendfachem Munde zerreißt die Lüfte, und übertönt im Augenblick das schauerliche Gebrüll der Wasser, die ihre Beute fordern.

Ueberwältigt von der Wucht seiner Gefühle sinkt der Arme auf die Kniee, und hebt die Arme zum Himmel auf mit einem Blicke unendlichen Dankes. Doch kaum hat das Floß sich aufwärts bewegt, als auch er durch die verhängnißvolle Ursache aufgehalten wird, welche vorher den Kahn gefesselt hat. Die Taue haben sich um einen Felsen geschlungen, das Floß bleibt unbeweglich, obwohl man gleich alle Mittel versucht, die Taue abzuwickeln. Man spannt 2, 4, 10, endlich 20 Pferde daran – der Stein erzittert, er wankt, er stürzt.

Unaufhaltsam steigt das Floß aufwärts, es kämpft 5 bis 6 Minuten gegen die Strömung, und wieder ertönt das Jubelgeschrei der Zuschauer, das den Triumph des menschlichen Geistes über die rohe Naturgewalt verkündet.

Ein diesmal unübersteigliches Hinderniß hält aber plötzlich den Siegeslauf des unverzagten Muthes auf, ein Fall von vier Fuß Höhe, den das Floß trotz aller Anstrengungen der Ziehenden und Avery’s verzweifluugsvollen Versuchen nicht übersteigen kann. Und wieder ertönt in diesem Augenblicke höchster Angst der weithin schallende Ruf: „Tausend Dollars mehr für einen weitern Versuch der Rettung!“

Und wieder eilt eine Locomotive nach Buffalo, und bringt ein zweites Lebensboot. Es ist die höchste Zeit, die Kräfte des Verunglückten schwinden sichtlich.

[710] Der Tag ist unter resultatlosen Versuchen verstrichen, die Sonne neigt sich zum Untergange, es ist 6 Uhr, und seit 32 Stunden ringt Avery um Leben und Tod.

Das Fahrzeug, von Tauen gehalten, beginnt seinen Lauf mit langsamer Sicherheit, die Richtung nach dem Flosse verfolgend, es nähert sich, Avery löst die Bande, die ihn auf dem Flosse festgehalten – noch einen Augenblick, und das Boot ist an seiner Seite.

Bewegungslos, wie vorhin, starrt das Volk auf den Jüngling, der zitternd vor Schwäche und Hast die Arme nach den rettenden Borden ausstreckt – da hebt sich das Vordertheil des Flosses, wie von einer unterirdischen Gewalt getroffen, Avery verliert das Gleichgewicht, er taumelt, er stürzt in die Wirbel. Entsetzen hat die vorhin noch so hoffnungsfreudigen Herzen der Zuschauer erstarrt.

Mit dem Reste jenes Muthes, welcher die Menschen im Angesichte und in der Umarmung des Todes zu ohnmächtiger letzter Anstrengung aller Kräfte antreibt, versucht Avery gegen den Strom zu schwimmen.

Nachdem er sich aber kaum einige Augenblicke auf einem Punkte erhalten, verlassen ihn die Kräfte, der Strudel erfaßt ihn, er überstürzt ihn und wirbelt ihn nach dem Abgrund. Noch hat er ihn nicht erreicht, da erhebt er sich mit letzter Anstrengung über das Wasser, ein einziger Blick nach dem linken Ufer, eine verzweiflungsvolle Gebehrde des Abschiedes – er ist verschwunden.

Da wenden sich alle Blicke nach jener Seite, die bisher Niemand beachtet hatte. Dort liegt eine Frau auf den Knieen und stürzt im Augenblicke, als der Unglückliche über dem Abgrunde verschwindet, wie vom Blitze getroffen, todt nieder. Die Frau, welche vom Morgen bis zu diesem entsetzlichen Momente mit starren, thränenlosen Blicken den Himmel um Hülfe angefleht hatte, war seine Mutter.




Ein aufgelöstes Räthsel.
Von E. Pirazzi in Offenbach.
Die Auflösung des Räthsels. – Carolinens Flucht. – Große Theilnahme für das angebliche Opfer eines Verbrechens. – Beobachtungen beim ersten Auftreten. – Erste Erziehung. – Unterricht im Deutschen. – Bewunderungswerthe Schlauheit des Mädchens.


I.

In Nr. 2–4 des laufenden Jahrgangs dieser Blätter[4] ist unter der Ueberschrift „Ein unaufgelöstes Räthsel“ die wunderbare Pseudogeschichte eines weiblichen Caspar Hauser mitgetheilt, der, oder vielmehr die seit Mitte November 1853 in unsrer guten Stadt Offenbach Gastrecht, Pflege und Erziehung genoß, und deren angebliche seltsame Schicksale weit und breit das größte, das ungetheilteste Interesse erregten. Jene Mittheilung folgt, erst objectiv, dann kritisch, genau und eingehend einer im December 1855 von dem seitherigen Lehrer dieses Mädchens, Herrn Friedr. Eck, darüber veröffentlichten ausführlichen Darstellung („die langjährige unterirdische Haft zweier Kinder“ etc. Frankfurt a. M., Verlag von F. B. Auffarth) und schließt mit der Bemerkung, daß, nachdem inzwischen schon Jahre in unfruchtbaren Nachforschungen hingegangen, die Hoffnung, daß dies dunkle Räthsel noch eine Lösung finde, schwach zu werden beginne.

Dies Räthsel hat aber seine Lösung, wenn schon in gänzlich unvorhergesehener Weise, kürzlich dennoch gefunden. Die nachfolgende Darstellung dieses psychologisch höchst merkwürdigen Falles knüpft in ihrem Verlaufe durchaus an den obenerwähnten Aufsatz Ihres früheren Berichterstatters an, muß den Inhalt desselben allerdings aber auch bei Ihren Lesern als bekannt voraussetzen und sehr Vieles ungesagt lassen, was dort bereits von Carolinen berichtet wurde.

Wir beginnen beim Ende. Nachdem „Caroline“ (wie wir sie hier vorerst noch immer nennen werden) außer in den Elementarfächern durch Herrn Eck auch von einem hiesigen evangelischen Geistlichen seit Mitte August v. J. Unterricht in der Religion empfangen hatte, sollte sie binnen Kurzem durch die Taufe in die Christenheit, und gleichzeitig durch die Confirmation in die protestantische Kirche aufgenommen werden, als sie plötzlich am Vormittag des 26. Juli ebenso räthselhaft wieder aus dem Hause ihres Lehrers und aus unsrer Stadt verschwand, als sie seiner Zeit in hiesiger Gegend aufgetaucht war.

Dieses Verschwinden verfehlte nicht, die ungetheilteste Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit neuerdings auf das Mädchen hinzulenken, denn man fühlte wohl, daß damit die ganze räthselhafte und unerhörte Geschichte leicht an den Vorabend ihrer endlichen Lösung getreten sein könnte. Und so erweckte denn ihr Verschwinden vielfach neue Sympathien für sie selbst, neue Erbitterung gegen ihre Feinde und Verfolger, neue Vergleiche mit dem kläglichen Ende Kaspar Hausers.

So blieb es 14 Tage lang, wo sich endlich am Morgen des 9. August für uns dies neue, spannende Räthsel zusammt dem alten in ebenso unerwarteter als verstimmender Weise lösen sollte.

Um diese Zeit traf nämlich bei hiesiger Polizei ein Bericht des königl. bair. Landgerichts Neustadt an der Aisch ein, worin gesagt war: daß „die berüchtigte Vagantin Kunigunde Lechner aus Linden“ neuerdings vagabundirend im Bairischen aufgegriffen worden, nachdem sie bald nach ihrer Entlassung aus einer jenseitigen Strafanstalt im October 1853 spurlos aus ihrer Heimath verschwunden gewesen. Sie gebe an, in der Zwischenzeit sich in Offenbach aufgehalten und sich dort der ungarischen Sprache bedient zu haben, deren sie allerdings „mächtig sei.“ Man bitte um nähere Auskunft u. s. w. – Verschiedene weitere Angaben des Berichts ließen keinen Zweifel an der Identität der „Caroline B.“ mit der „Kunigunde Lechner“ zu. Wie ein Blitz durchflog die Nachricht von dem schalen Ausgang, den die hochromantische Geschichte unsrer „großen Unbekannten“ (wie sie hier scherzweise meist genannt wurde) genommen hatte, die ganze Stadt, welche fast fünf Jahre hindurch der Schauplatz ihres unglaublichen, beispiellosen Betruges gewesen war; es bildeten sich Gruppen auf den Straßen, Begegnende riefen sich von Weitem zu: „Nun, weißt du schon –?“ . . . und abermals war Caroline-Kunigunde die Heldin des Tages, der ausschließliche Mittelpunkt aller Gespräche im Hause, auf der Gasse und in der Kneipe geworden. Die allgemeine Aufregung war einerseits gemischt mit wohlfeiler Schadenfreude, andrerseits mit gerechter Entrüstnng, hie und da vielleicht auch mit einer kleinen Dosis Beschämung, daß uns nun jede „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ mit Mephisto höhnisch sollte zurufen dürfen: „Ein Mägdelein nasführte dich!“

Die Angelegenheit dieses Individuums, das sich eben aus einer ungarischen Magnatentochter zur simplen Kunigunde Lechner demaskirt, hatte einst die gesammte öffentliche Meinung und die ganze deutsche, ja sogar einen Theil der außerdeutschen Presse alarmirt, alle Gerichte in Athem und Bewegung gesetzt, und die Leipziger Illustrirte Zeitung hatte das Bild eines Mädchens gebracht, dessen wunderbare Schicksale in den entferntesten Winkeln Deutschlands bis tief nach Oesterreich hinein (wohin die Spur der an ihr begangenen dunklen That zu weisen schien) das ungetheilteste Interesse erregten. Diese Theilnahme, welche man außerhalb fast noch mehr als bei uns an diesem angeblichen Opfer eines unnatürlichen Verbrechens aus den höheren Kreisen der Gesellschaft nahm, gab sich in den mannichfachsten Zeichen und oft auf das Rührendste kund. Personen aller Stände, Adelige der Geburt und Adelige der Gesinnung nach, Gelehrte, Menschenfreunde, sowohl Männer als Frauen, kamen selbst nach Offenbach, das Mädchen aus dem Fabelreich zu sehen, zu sprechen und mit Geld, Kleidungsstücken und sonstigen Andenken zu beschenken, oder setzten sich schriftlich mit ihrem Lehrer Eck in Verbindung. Von Frankfurt waren einmal anonym 200 fl. hiesiger Bürgermeisterei mit der Bitte übersandt worden, selbe für Carolinens weitere Ausbildung und Erziehung zu verwenden. An einigen deutschen Höfen interessirte man sich lebhaft für die seltsame Erscheinung Carolinens, und ließ es an gelegentlichen Erkundigungen nach ihr nicht fehlen. Ebenso verdient die Theilnahme deutscher Gerichte, vor Allem aber die Thätigkeit der österreichischen Behörden, den Urhebern des angeblichen Verbrechens auf die Fersen zu kommen und den verworrenen [711] criminalistischen Knoten selbst zu einer befriedigenden Lösung zu bringen, unsere ganze Anerkennung.

Nach dem Mitgetheilten wird man den Eindruck ermessen können, den die Botschaft von Neustadt nah und weit hervorrief! Sie fiel zuerst, wie ein in’s Wasser geworfener Stein, plätschernd und aufspritzend in das stehende Gewässer der städtischen Unterhaltung, zog ihre Kreise immer weiter und weiter, und hatte im Handumdrehen abermals die deutsche Presse durchlaufen.

Aber es gibt eben Fälle, und der vorliegende gehört zu diesen, wo mehr Scharfsinn dazu gehört zu glauben als zu zweifeln, weil der Glaube in solchen Fällen oft auf scharfsinnig combinirten Motiven ruht (vergl. die Eck’sche Schrift), der Zweifel aber nicht selten auf oberflächlich absprechenden Urtheilen; und dies ist, ganz beiläufig bemerkt, auch der Grund, aus dem uns die Irrthümer großer oder geistreicher Menschen zuweilen interessanter erscheinen, als die aus dem nüchternen, alltäglichen „gesunden Menschenverstand“ entspringenden Wahrheiten. Gleich im Anfang durchblickt scheint die Vielgewandte nur der damalige hiesige Polizeicommissär zu haben, der in seinem ersten Berichte an die Oberbehörde von ihr sagt: sie sei sicher eine Betrügerin und verstehe offenbar ganz gut deutsch, denn sie wechsle die Farbe, wenn man in ihrer Gegenwart Uebles von ihr rede – eine Thatsache, die Ihrem Referenten freilich erst jetzt zu Ohren kam, wo man jenen nunmehr zu Ehren gekommenen Bericht nachträglich wieder aus bestäubten Actenbündeln hervorsuchte.

Ist es immerhin ein etwas beschämendes Bekenntniß für uns Alle, jahrelang von einer Betrügerin genarrt worden zu sein, so ist diese Thatsache doch sicher am Niederschlagendsten für Herrn Eck, den wackern Lehrer und väterlichen Freund unsrer Abenteurerin, der sich mit unermüdlichem, rastlosem Eifer und uneigennützigster Hingebung seit der Zeit, da sie zu ihrer Heranbildung seinen Händen war übergeben worden, unablässig bestrebte, Carolinen zu ihrem gekränkten Rechte zu verhelfen und ihr, als theilweisen Ersatz für eine verlorne Jugend, mindestens eine erträgliche Gegenwart und Zukunft zu bereiten. Freilich sind die Rathsherrn auch hier klüger vom Rathhaus zurückgekommen, als sie hinaufgegangen; Herrn Eck’s That aber bleibt für alle Fälle gleich anerkennenswerth.

Hatte sich mit der Botschaft vom 9. August das große Räthsel ihres Lebens und ihrer Vergangenheit zum weitaus wichtigsten Theile gelöst, so eröffnete uns diese unerwartete Wendung der Dinge doch gleichzeitig auch wieder eine ganze Reihe neuer Räthselfragen, deren Lösung wir damals mit leichterklärlicher Spannung entgegensahen. Von diesen später.

Schreiten wir jetzt zunächst zur Geschichte von Carolinens Offenbacher Aufenthalte.




II.

Obgleich der frühere hiesige Polizeicommissär der unbekannten Person von vorn herein mißtraute, so hatte der Stadtrath aus Humanitätsrücksichten dennoch am 19. April 1854 einstimmig beschlossen, für ihre fernere Unterhaltung und Ausbildung so lange Sorge tragen zu wollen, bis sie im Stande sein werde, sich selbstständig zu ernähren.

Der Stadtrath gründete diesen seinen Entschluß auf eine mehrmonatliche sehr genaue Beobachtung der Fremden. Dieselbe ergab, daß sie in geistiger, nicht aber in sittlicher Hinsicht gänzlich verwahrlost erschien, und dabei von einer ungewöhnlich großen, fast an Menschenscheu grenzenden Schüchternheit, von so zurückhaltendem, decentem und timidem Benehmen, wie es sonst bei Damen von der Landstraße nicht eben üblich ist. Ihre Reinlichkeit, und daß sie sich, außer in etwas Stricken, in allen handlichen und häuslichen Verrichtungen unerfahren stellte, ist bereits früher in d. Bl. erwähnt. Wenn sich einmal ein schüchternes Wort ihren Lippen entrang, so geschah dies in Lauten, die einer uns Allen fremden Sprache angehörten, welche später für die ungarische erkannt wurde. Sie liebte Stille und Einsamkeit, das viele und laute Sprechen schien ihr Unbehaglichkeit und Schmerzen im Kopfe zu verursachen, eine Eigenthümlichkeit, die sie noch bis ganz zuletzt beibehielt. Entweder sie hatte wirklich oder sie affectirte schwache Nerven; freilich muß auch die beständige Anspannung derselben im Dienste ihrer Rolle viel Angreifendes für sie gehabt haben. Ueber Kopfweh und Augenschwäche klagte sie oft; außerdem aber ist sie während der ganzen Zeit ihres Hierseins nie eigentlich krank gewesen. Bei jedem ungewöhnlichen, auch noch so unbedeutenden Geräusch erschrak sie heftig, einige Mal in dem Grade, daß sie beinahe in Zuckungen verfiel. Dabei war sie meist sehr betrübt; ein schweres Leid schien an ihrem Herzen zu zehren, doch statt der Worte hatte sie nur einen nie versiechenden Strom heißer Zähren. Da ihre Züge nichts weniger als schön und einnehmend, ihre Kleidung zudem bei ihrer Ankunft sehr unvortheilhaft (meist zu weit) war, so konnte ihre übrige Erscheinung nicht gerade dazu beitragen, das ungewöhnliche Interesse noch zu erhöhen, welches man im Sonstigen für sie trug. Doch hatte sie eine ziemlich weiße und feine Haut, und ihre Hände waren nicht eben plump zu nennen. Als wir sie in jenen Tagen, wo sie ihren Aufenthalt noch im hiesigen Bezirksgerichte hatte, dort besuchten, schieden wir von ihr mit der aufrichtigen Ueberzeugung, in ihr ein äußerst unglückliches und bemitleidenswerthes Geschöpf vor uns zu haben, das unsere volle Theilnahme verdiene.

Der hiesige Stadtrath glaubte nach alledem sich der Hülflosen annehmen und den erwähnten Beschluß fassen zu müssen. Nachdem diesen die obere Staatsbehörde genehmigt, erfolgte am 27. Novbr. 1854 ihre Uebersiedelung aus der Familie des Gefängnißaufsehers nach einem anderen Hause, wo sie bei einer Wittwe und deren unverheiratheter Tochter, welche ein Putzgeschäft trieb, Aufnahme fand. Zugleich wurde ihr ein Lehrer und Erzieher in der Person des Herrn Friedr. Eck von der Volksschule dahier ertheilt, welcher bis zu diesem Tage Caroline, obgleich sie schon ein Jahr lang die Unsere war, noch nie gesehen hatte und damals nicht ahnen mochte, welche Bedeutung sie für ihn noch gewinnen sollte.

Indem der Stadtrath Carolinen solchermaßen gegen entsprechende Vergütung in Kost und Wohnung gab, war es dabei sein Wille, daß dieselbe nicht als dienendes, sondern gewissermaßen als selbstständiges Glied des Hauses in der Familie Aufnahme finde, dabei aber allen häuslichen Arbeiten sich unterziehen solle, um in dieser Sphäre angemessene Ausbildung zu erlangen. Ihre Kost empfing sie am Familientische. Nächst ihrer geistigen Ausbildung war Herrn Eck auch gleichsam die moralische Vormundschaft über sie anheimgegeben

Von da ab wird Carolinens hiesige Geschichte gleichsam eine doppelte und wir werden sie von zwei Seiten zu betrachten haben: als Schülerin und in ihrem Leben im Haus und in der Familie – zwei Seiten, die sich keineswegs decken, sondern in vielfachem Widerspruche miteinander stehen. Denn während Herr Eck nach seinen eigenen glaubwürdigen Versicherungen bis ganz in die letzte Zeit ihres Hierseins keine Ursache hatte, über Carolinens Aufführung irgend erhebliche Klage zu führen, wissen die hiesigen Familien, in denen sie nach einander Aufnahme fand, deren eine Fülle gegen sie vorzubringen. Und gewissermaßen sind beide Anschauungen im Recht, wie die Folge lehren wird. Um es gleich hier kurz zu sagen: als Schülerin und Herrn Eck gegenüber war sie musterhaft; im Hause dagegen ließ ihr Betragen Vieles zu wünschen übrig.

Man hat Eck wohl hiec und da den Vorwurf gemacht, daß er der Betrügerin von vorn herein zu viel Vertrauen, allzu große Leichtgläubigkeit bewiesen habe. Aber da wolle man doch nur bedenken, daß sie ihm von den Behörden übergeben wurde, ihr Unterricht zu ertheilen, nicht mit ihr richterliche Untersuchungen anzustellen, und daß sie ihm gegenüber auf der Schülerbank, nicht auf der Anklagebank saß!

Seinen Unterricht begann Herr Eck am 28. November 1854. Es ist höchst interessant, jetzt von ihm schildern zu hören, mit welch eigenthümlichen Gefühlen er sich ihr zum Beginn der ersten Unterrichtsstunde gegenübersetzte – mit dem Gefühle nämlich: daß sie so wenig ein Wort deutsch verstehe, als er eines ungarisch! Denn ihr ganzer Wortvorrath in unsrer Sprache schien sich damals immer noch wirklich fast nur auf das eine, überdies seltsam und undeutsch genug gebildete „Deutsch-Mama“ zu beschränken, womit sie ihre erste hiesige Pflegemutter, die Frau des Gefängniß-Aufsehers, im Gegensatz zu ihrer wirklichen „Mama“, nach der sie von Anfang an wimmerte, bis zum letzten Tag ihres Hierseins bezeichnete. Wie immer, traf sie, ob instinctiv oder reflectirend, auch hier das Richtige. Denn das erste Wort, was ein Ausländer in deutscher Sprache lernt, ist das Wort „deutsch“ selbst; ja selbst, wer gar nichts von der deutschen Sprache versteht, kennt doch meist die zwei [712] inhaltschweren Worte: „Nix deutsch!“ So bildete sich auch Caroline aus dem mitgebrachten, undeutschen „Mama“ und dem hier bald gelernten „deutsch“ ihr erstes uns verständliches Wort „Deutsch-Mama!“

Aber welch bewunderungswürdige Energie, Consequenz, Willenskraft, Selbstbeherrschung und Verstellungskunst gehörte dazu, ein ganzes Jahr hindurch in den verschiedensten, zum Theil peinlichsten Situationen stumm zu bleiben! Denn ein Jahr war gerade seit ihrer Hierherkunft verflossen, als ihr Unterricht begann.

Herrn Eck’s erste und nächste Aufgabe konnte nicht zweifelhaft sein: Caroline mußte vor allen Dingen deutsch lernen; und um dies zu ermöglichen, mußte zwischen Lehrer und Schülerin vor Allem ein Medium der Verständigung geschaffen werden. Eck betrat nach dem bekannten pädagogischen Grundsatz von Pestalozzi: „Aller Unterricht ist auf Anschauung zu begründen,“ im vollsten und strengsten Sinne des Wortes den Weg der Anschauung mit ihr. Und nun ist es von fast komischer Wirkung, sich von ihm beschreiben zu lassen, welch Mühe und welchen Aufwand von Mitteln der wackere Mann in der ersten Unterrichtsstunde darauf verwendete, ihr nur z. B. klar zu machen, daß das Ding vor ihr mit vier Beinen und einer Platte darauf „Tisch“ heiße – und nicht blos „Tisch“ heiße, sondern auch ein Tisch sei! Bedenkt man, daß sie das Alles so gut wie ihr Lehrer selber wußte, so kann man sich eines unwillkürlichen Lachens nicht erwehren, und begreift nur nicht, daß es Carolinen beim Unterricht nicht oft ebenso erging!

Wer mochte aber auch nur an die Möglichkeit einer Verstellung denken, wo, wie hier, ein seiner Erscheinung nach nicht eben intelligentes Mädchen es über sich vermochte, zwölf Monate hindurch in ihrer Muttersprache das unverbrüchlichste Schweigen zu beobachten, sich nie, aber auch nie ein deutsches Wort entschlüpfen zu lassen, während ihre reichlich fließenden Thränen zu bekunden schienen, wie entsetzlich es für sie sei, sich nicht mittheilen zu können, schweigen zu müssen! Wer mochte an eine Verstellung denken, als nun langsam und allmählich die deutsche Sprache in ihr aufzudämmern schien, und sie in derselben, anfangs nur sehr mühsam und mit sichtlicher Zungenbeschwerde, zu lallen begann! Dazu kam noch, daß dieselbe, nachdem sie im Sprechen einige Fortschritte gemacht hatte, wie ein Kind flectirte, conjugirte und construirte, wofür schon die Eck’sche Broschüre einige interessante Belege bringt. Und auch hierin ist sie sich stets treu geblieben und hat sprachlich ihrer fingirten Entwickelung nie vorgegriffen. Das Weglassen der kleinen Partikeln: daß, um, zu, da etc. („Ich will nicht, gute Menschen für mich Geld geben“); die syntaktisch fehlerhafte Stellung des Prädicats zum Object und die Setzung des Infinitivs für die betreffende Person („Ich nicht denken können, so viele Menschen geben auf der Welt“); das öftere Wiederholen eines Substantivs, statt ein Pronomen dafür eintreten zu lassen; die Weglassung des Augments „ge“ im Particip der Vergangenheit („ich habe dacht“ [gedacht]), – dies Alles bekundete eine theils so kindlich-naive, theils so durchaus undeutsche Behandlung der Sprache, und dazu waren ihre sprachlichen Irrthümer philologisch, psychologisch und philosophisch so tief im Wesen der Sache begründet, daß ein Betrug hierbei kaum zu denken, geschweige denn auszuführen möglich schien.

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.

Johanna Kinkel.[5] Wir versuchen, ihr einen würdigen Todtenkranz auf das Grab in fremder Erde zu legen, und werden deshalb unsern Lesern Biographie, Nekrolog und Portrait, sobald sie vollendet sind, liefern. Damit wird sich’s zugleich kund geben, daß sie zwar in ein fremdes Grab stürzte, aber als ein deutsches Weib im edelsten und höchsten Sinne lebte und leben wird. Sie war und blieb auf dem „Eilande, das uns Schutz und Glück verlieh,“ als Gattin, Mutter und hochverehrte, geliebte Meisterin und Lehrerin deutscher Klänge und Lieder, eine der in Herz und Geist reichsten und edelsten deutschen Frauen. Die Strophen ihres Mannes, in England als Einleitung zu seinem in Hannover erschienenen „Nimrod“ gedichtet, waren aus ihrem Herzen geschrieben:

„O Heimath, die statt Bürgerkronen
Du Wunden gabst und Ketten schufst,
Wir werden nichts von Dir begehren,
Bis selbst Du unsre Stärke rufst.
Und doch, ob Du uns rauh vertrieben
Aus Deinem lebenswarmen Schooß,
Wir werden ewig, ewig lieben
Dich deutsche Mutter, schön und groß.

und weiter:

Was wir im fremden Lande schaffen,
Es ward von Deinem Mark genährt;
Du schmiedest unsres Geistes Waffen
Auf Deinem ewig wachen Heerd.
Uns stärkt zur Abendfeierstunde
Des deutschen Freundes tiefes Wort,
Und hell aus unsrer Kinder Munde
Klingt deutsches Lied uns fort und fort.“

Sie rettete ihn bekanntlich hinter Eisengittern hervor. Zwei der weichsten und doch heldenmüthigsten deutschen Frauen, sie und die Baronin von Briningk, die alle ihre reiche Habe und sich selbst dem Elende der Verbannten opferte und dann, des Nothwendigsten entbehrend, vor einigen Jahren in London starb, retteten ihn. Er wäre jetzt lebendig vermodert, ohne sie! Sie retteten ihn auf einen Schauplatz von Wirksamkeit, auf welchem er mit ihr zur Anerkennung und Ehre deutschen Lebens und Strebens, deutscher Kunst und Wissenschaft nun Jahre lang gearbeitet wie ein wahrhafter Held, sie wie eine echte Heldin, so daß Jeder, der in England von deutscher Ehre, Bildung, Wissenschaft und Anmuth spricht, auf Kinkel und seine Frau hinweist. Sie haben in England mehr für die Ehre Deutschlands gewirkt, als Deutschland ihnen je vergelten kann.

Ihre Wirksamkeit hat sich weit unter den höheren, gebildetsten Classen Englands ausgebreitet, und füllte fast alle Tage vom frühen Morgen bis in die späte Nacht aus. Sie ließ den Töchtern Englands besonders ihre musikalische Bildung und ihre Meisterschaft im Vortrage zu Gute kommen. Er gewann noch immer Zeit, die Deutschen in London, hier reiche Kaufleute, dort arme Arbeiter mit deutscher Welt-, Literatur- und Kunstgeschichte als Deutsche vom deutschen Mark zu nähren. Er war eben vorbereitet, einen neuen Cyclus von Vorträgen zu beginnen, als eines trüben, drückenden, dicknebeligen Novembermorgens ein Dienstbote athemlos und bleich in sein Zimmer gestürzt kam, und unverständliche Worte ausstieß. Kinkel hatte eine halbe Stunde vorher seine Frau ganz wohl und heiter verlassen, um ihr Ordnen und Arrangiren in einer Kommode des obersten Hinterzimmers allein zu überlassen. Er folgte dem bleichen, verstörten Mädchen die Treppe hinunter auf den mit Trottoir gepflasterten Hof, wo seine geliebte Johanna bewußtlos hingestreckt lag. In der Meinung, daß sie ohnmächtig geworden, hob er sie mit seinen starken Armen auf und fand sie leblos, mit zerschmettertem Rückgrate.

Sie war aus dem obersten Zimmer durch’s Fenster, das beinabe bis auf den Boden reichte, erst auf ein scharfkantiges Schieferdach der Waschküche und von da auf die Steinquadern des Hofes gestürzt, augenblicklich todt.

Ein physisches Herzübel, gewöhnlich Herzerweiterung genannt, verursachte ihr öfter Beklemmungen, Herz-Congestionen, gegen welche sie Linderung zu suchen und zu finden pflegte, indem sie rasch nach einem Fenster eilte und es öffnete. Sonach ergibt sich als das Wahrscheinlichste, daß sie beim Arrangiren in der Wäschkommode von einer solchen Congestion beengt, rasch an das Fenster geeilt, es rasch aufgeschoben, dabei das Gleichgewicht verloren und so ihren schnellen, entsetzlichen Tod gefunden habe.

Dahin vereinigte sich auch das Todtengericht, das auf „accidental death“ (Tod durch einen unglücklichen Zufall) erkannte. Der „Coroner“ oder Vorsitzende der Leichenbeschauer hielt dabei eine lange Rede, in welcher er von 40 ihm kurz hintereinander zur Erkenntniß zugekommenen Todesfällen sprach, an denen allen die unverantwortliche Bauart und Baufälligkeit englischer Häuser die Schuld trage.

Kinkel’s Haus, im vornehmen Westen Londons, gehört zu einer langen Reihe der stattlichsten Häuser. Aber diese bis beinahe zur Erde reichenden, leichten Schiebfenster, die nicht geöffnet, sondern in zwei Hälften nur in die Höhe oder herunter geschoben werden können, waren nach dem Urtheil des Coroners eine Schande und Schmach für den Erbauer, da jedes geöffnete Fenster einem hohen Ballone ohne Schutzgitter gleiche. Auch kämen jährlich Hunderte beim Putzen derselben um, da man sich zu diesem Zweck außen auf das Sims wagen und an die nur leicht befestigten Schieber halten müsse. Letztere geben oft nach und die unglückliche Dienstmagd stürzt mit einer Hälfte des Fensters herunter auf Quadersteine, nicht selten auch auf das unvermeidliche Eisengitter vor dem Hause.

Wir haben auf diese Umstände aufmerksam gemacht, um den mancherlei Gerüchten über den entsetzlichen Tod der edeln deutschen Frau, Heldin und Märtyrerin einigen Halt zu bieten.

Sie ist nicht todt, sie lebt fort in ihren Werken, in ihren Thaten, in ihren Kindern, in dem Andenken der Edelsten des deutschen Volks.

Wir haben nun hier drei der edelsten deutschen Frauen, Mütter und Märtyrerinnen zu einem Grabe in fremder, kalter Erde begleitet: die Baronin von Briningk, die Herzogin von Orleans und Johanna Kinkel.

O „deutsche Mutter, schön und groß“, wein’ ihnen eine heiße, schmerzglühende Thräne! Sie verdienen es. Glaub’ es mir, die fremde Erde ist so kalt, so kalt, so schwer. Männerherzen verkommen auf ihr und deine edelsten Töchter sterben. Hätten wir sie wenigstens unter heimathlichen Rasen betten können! Die heimathliche Erde ist so warm, so leicht. Auf ihr stand unsere Wiege, auf ihr wird Deutsch gesprochen. In ihr möchte unsere abgemüdete Hülle ruhen.

Wein’ ihnen eine heiße Thräne, eine schmerzlichere Dir – Mutter.


  1. Freiherr Richard von Neimans, ein jugendlicher, lebensfrischer Forscher, starb zu Kairo am 15. März 1858.
  2. Der übrigens einen fast doppelt so großen Weg zurückgelegt hat, als Livingstone.
  3. Wir erlauben uns, die Leser der Gartenlaube noch ganz besonders auf diese ebenso wichtigen wie grauenerregenden Mittheilungen aufmerksam zu machen.
    Die Redaction.
  4. Exemplare des ersten Quartals, so wie des ganzen Jahrgangs können noch durch jede Buchhandlung und alle Postämter nachbezogen werden.
    Die Verlagshandlung.
  5. Die geniale Frau des bekannten Dichters und Flüchtlings stürzte sich bekanntlich vor circa acht Tagen in einem Anfalle von Herz-Congestionen aus dem Fenster mehre Stock hoch herab auf das Pflaster.      D. Red.

Verlag von “Ernst Keil“ in Leipzig. – Druck von “Alexander Wiede“ in Leipzig.