Die Gartenlaube (1867)/Heft 25

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[385] No. 25.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Das Geheimniß der alten Mamsell.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


11.

Heinrich schloß die Hausthür, und Felicitas stieg die Treppe hinauf. Der schmale Gang mit seiner dumpfen, eingeschlossenen Luft, der sich da oben seitwärts abzweigte, wie lieb und traut umfing er das junge Mädchen, das eilig hindurch schlüpfte! Dann kam ein stiller, abgelegener Vorplatz; auf schiefe Wände, ein plumpes, wurmzerfressenes Treppengeländer, das unten aus unheimlicher Dämmerung emporstieg, und auf eine uralte, mit steifgemalten Tulpen und ziegelrothen Rosen bedeckte Thür fiel hier ein falber Lichtschein, den bouteillengrüne Gläser hereinwarfen. Felicitas zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete geräuschlos die Thür, hinter welcher eine schmale, dunkle Treppe nach der Mansarde führte.

Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein einziges Mal machen müssen, von jenem Moment an war ihr der Eintritt in die abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt. Während der ersten Jahre hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschränkt; sie war dann in Heinrich’s Begleitung hinaufgegangen. Nach ihrer Confirmation jedoch hatte ihr die alte Mamsell den Schlüssel zu der gemalten Thür übergeben, und seitdem benutzte sie jeden freien Augenblick, um hinaufzuschlüpfen… Sie führte sonach ein Doppelleben. Es war nicht nur äußerlich, daß sie dabei Höhe und Tiefe berührte, zwischen trüber Dämmerung und klarem Sonnenlicht wechselte – ihre Seele machte dieselbe Wandlung durch, und allmählich war sie so erstarkt, daß zuletzt alle Schatten, alles Trübe der unteren Regionen hinter ihr blieben, sobald sie die schmale, dunkle Treppe hinaufstieg. … Unten handhabte sie Bügeleisen und Kochlöffel; ihre sogenannte Erholungszeit mußte sie ausfüllen mit Stickereien, deren Ertrag zu wohlthätigen Zwecken bestimmt war, wie wir bereits gesehen haben, und außer der Bibel und einem Gebetbuch wurde ihr jede Lectüre streng verweigert. In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des menschlichen Geistes. Sie lernte mit wahrer Begierde, und das Wissen der räthselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschöpflicher Quell, wie ein geschliffener Diamant, dem nach jeder Richtung hin Funken entsprühen… Außer Heinrich wußte Niemand im Hause um diesen Verkehr, die leiseste Ahnung Seitens der Frau Hellwig würde ihm natürlicherweise sofort den Todesstoß versetzt haben. Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschärft, streng die Wahrheit zu sagen, wenn es je darum befragt werden sollte. Dazu kam es indeß niemals; Heinrich wachte treulich, er stand auf der Lauer und hatte Augen und Ohren offen.

Die dunkle Treppe war erklommen. Felicitas blieb horchend vor einer Thür stehen, schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd hinein. Da drin ging es toll zu – es war ein seltsames Gemengsel von Singen, Piepen und Schreien. Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen; die Wände entlang liefen Bosquets, wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte, und auf dem Gezweig hauste ein lustiges Vogelgesindel. Das war das Lebendige, das sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte. Die kleinen, melodischen Kehlen sangen zwar immer die nämlichen Weisen, aber dafür hatten sie auch nicht jene unselige Wandlung der Menschenzunge, die heute „Hosianna“ und morgen „Kreuzige“ ruft.

Felicitas schloß den Schieber und öffnete eine zweite Thür. Der Leser hat bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen, er kennt die Versammlung ernster Köpfe, die sich an den Wänden hinreiht, aber er weiß nicht, daß sie in innigem Zusammenhang stehen mit jenen großen, in rothen Maroquin gebundenen Büchern, welche dort in einem altväterischen Glasschrank aufgeschichtet liegen… Es ist eine gewaltige Fluth, die von jenen Stirnen ausgegangen – wer sie zu entfesseln versteht, der kennt keine Einsamkeit, kein Verlassensein… Die großen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es, welche in Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell theilten, und wie sich die Epheuranken vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten schlangen, ebenso vorurtheilslos begeisterte sich die einsame Clavierspielerin an der alt-italienischen, wie an der deutschen Musik. Der Glasschrank barg aber auch noch Schätze, die einen Autographensammler in Ekstase hätten versetzen können. Manuscripte und Handschriften jener gewaltigen Männer, die meisten von seltenem Werthe, lagen in Mappen hinter den Scheiben. Diese Sammlung war in früheren Jahren zusammengetragen worden, wo, wie die alte Mamsell lächelnd meinte, ihr Blut noch feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie gestanden habe – manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener Ausdauer errungen worden.

Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube. Sie kauerte auf einem Fußbänkchen vor einem geöffneten Schranke, und um sie her auf Stühlen und Fußboden lagen Rollen weißer Leinwand, Flanell und eine Menge jener kleinen Gegenstände, die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei beansprucht. Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden. Ihre feinen Züge hatten sich merkwürdig verändert, und wenn sie auch jetzt eben lebhafte Freude ausdrückten, so [386] konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht verwischt werden.

„Gut, daß Du kommst, meine liebe Fee!“ rief sie dem jungen Mädchens entgegen. „Bei Tischler Thiemanns kann aller Augenblicke der Storch in’s Haus fliegen, wie mir eben die Aufwartfrau sagte, und die Leute haben auch nicht das kleinste Stückchen Wäsche für das arme Kindchen… Unser Vorrath ist noch recht anständig, wir werden ein ganz hübsches Bündel zusammenbringen, nur daran fehlt es“ – sie setzte ein Mützchen von rosa Kattun an ihre kleine Faust und hielt eine schmale, weiße Spitze daran. „Das könntest Du gleich fertig machen, Fee,“ fuhr sie fort, „die Sachen müssen auf jeden Fall heute Abend noch hingeschafft werden.“

„Ach,“ Tante Cordula,“ sagte Felicitas, indem sie Nadel und Faden zur Hand nahm, „damit ist den Leuten nicht allein geholfen – ich weiß ganz genau, Meister Thienemann braucht auch Geld, und zwar fünfundzwanzig blanke Thaler.“

Die alte Mamsell überlegte.

„Hm, es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen,“ meinte sie, „aber es wird doch gehen.“

Sie erhob sich mühsam. Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem Musikzimmer.

„Tante,“ sagte sie plötzlich stehenbleibend, „die Frau Thienemann hat sich vor Kurzem geweigert, Deine Wäsche zu besorgen, um es nicht mit Frau Hellwig zu verderben – hast Du nicht daran gedacht?“

„Ich glaube gar, Du willst Deine alte Tante auf’s Eis führen!“ rief die alte Mamsell bitterböse, aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen. Sie fuhr leicht mit den Fingern über die Wange des jungen Mädchens. Beide lachten und schritten nach dem Glasschrank.

Dies schwerfällige, altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse. Tante Cordula drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung, und an der äußeren Seitenwand sprang eine schmale Thür auf. Der sichtbar werdende Raum war die Bank der alten Mamsell, und in früheren Zeiten hatte er für Felicitas’ Kinderaugen den Nimbus einer Christbescheerung gehabt; denn nur selten durfte sie einen scheuen halbbefriedigten Blick auf all’ die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten und Raritäten werfen. Auf den schmalen Regalen lagen einigen Geldrollen, Silberzeug und Schmucksachen.

Während die Tante eine Rolle anbrach und die Thaler bedächtig zählte, ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie neugierig. Es lag ein goldener Armring, weich auf Watte gebettet, darin; kein edler Stein blitzte an dem Reifen, allein er wog schwer in der Hand und mußte wohl massiv von Gold sein. Was aber ganz besonders an ihm auffiel, das war sein Umfang – einer Dame wäre er sicher über die Hand geglitten, er schien somit weit eher für das derbe Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein. Nach der Mitte zu wurde er bedeutend breiter, und hier hatte der Grabstichel in wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon in einander geschlungen. Der Kranz umfaßte folgende Verse:

„Swa zwei liep ein ander meinent
„herzelichen âne wanc
„Und sich beidiu sô vereinent,“

Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung; denn wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig, übersetzte sie doch mit Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte: „Und sich Beide so vereinen,“ – das war aber kein Schluß.

„Tante, kennst Du das Weitere nicht?“ frug sie, immer noch eifrig suchend.

Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Thaler und sah mitten im Zählen auf.

„O Kind, über was bist Du da gerathen!“ rief sie heftig – es lag Unmuth, Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme. Sie griff rasch nach dem Armband, legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel darauf. Ein feiner, rother Fleck brannte plötzlich auf der einen Wange, und die gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas düster Brütendes – ein nie gesehener Anblick für das junge Mädchen. Ja, es schien fast, als versänke die Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Fluth plötzlich heraufbeschworener Erinnerungen, als wisse die alte Dame gar nicht mehr, daß Felicitas neben ihr stehe, denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die gewohnte Ecke gestoßen hatte, ergriff sie einen daneben stehenden, mit grauem Papier beklebten Kasten und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die abgestoßenen Ecken desselben; ihre Züge wurden milder, sie seufzte und murmelte vor sich hin, während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte: „Es muß vor mir sterben … und ich kann es doch nicht sterben sehen!“

Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine, schwächliche Gestalt, die in diesem Augenblick wie hülf- und haltlos vor ihr stand. Es war zum ersten Mal seit ihrem neunjährigen Verkehr, daß die Tante die Herrschaft über sich selbst verlor. So zart und hinfällig in der äußeren Erscheinung, hatte sie doch unter allen Umständen einen merkwürdig starken Geist, eine unerschütterliche Seelenruhe gezeigt, die kein äußerer Anlaß aus dem Gleichgewicht zu bringen vermochte. Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas angeschlossen und alle ihre Kenntnisse, ihren ganzen Schatz kerngesunder Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt, aber vor ihrer Vergangenheit lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel. Und nun hatte Felicitas in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück Leben gerührt – sie machte sich die bittersten Vorwürfe.

„Ach, Tante, verzeihe mir!“ bat sie flehentlich – wie kindlich rührend konnte dieses junge Mädchen bitten, das Frau Hellwig einen Starrkopf, ein Stück Holz genannt hatte!

Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen.

„Sei still, Kind, Du hast nichts verbrochen, aber ich, ich schwatzte kindisch wie das Alter!“ sagte sie mit erloschener Stimme. „Ja, ich bin alt, alt und gebrechlich geworden! Früher, da biß ich die Zähne zusammen, die Zunge lag still dahinter, und ich stand stramm nach außen – das will nicht mehr gehen – es ist Zeit, daß ich mich hinlege.“

Sie hielt den kleinen, schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen, als ringe sie nach Muth, das ausgesprochene Todesurtheil gleich zu vollziehen. Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und schloß den Schrank. Und damit schien auch ihre äußere Ruhe zurückzukehren. Sie trat an den runden Tisch, der neben dem Schranke stand und auf welchen sie das Geld hingezählt hatte. Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen, nahm sie die Rolle wieder auf und legte noch zwei Thaler zu den blanken Reihen.

„Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln,“ sagte sie zu Felicitas – an ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr – „und das Päckchen in die kleine rothe Mütze stecken, da ist doch schon etwas Segen darin gewesen, ehe das junge Köpfchen hineinkommt… Und Heinrich soll heute Abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein – vergiß das ja nicht!“

Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre großen Eigenheiten – sie war lichtscheu, und zwar in ihren Thaten. Sie wurden, wie die Fledermäuse, erst mit der Nacht lebendig und klopften an die Höhlen der Armuth, wenn die Straßen leer und die Menschenaugen müde waren… Heinrich war seit langen Jahren die rechte Hand, von der die linke nicht wissen sollte, was sie thue; er trug die Unterstützungen der alten Mamsell mit einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die armen Wohnungen, als könne er für dergleichen Wege seine schwerfällige Hausknechtshülle völlig abstreifen – so kam es, daß viele in der Stadt unwissentlich das Brod der alten Mamsell aßen, von der sie die ungeheuerlichsten Dinge glaubten und nöthigenfalls beschworen… Das war gewiß eine schwer verständliche Eigenheit für jene frommen Seelen, die mit Inbrunst das Bibelwort festhalten, das da heißt: „Lasset Euer Licht leuchten.“

Während Tante Cordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte, öffnete Felicitas die Glasthür, die nach der Galerie führte. Es war Ende Mai… O du vielbesungener Frühling, wie Wenige wissen um dein Walten im Thüringer Lande! Du bist nicht jener blondlockige, ausgelassene Knabe des Südens, dem es wie Champagner durch die Adern braust und dessen Fußstapfen mühelos Orangenblüthen und Myrthen entsprießen. Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blüht das ruhige Lächeln tiefsinnigen Schaffens. Du mischest die Farben bedächtig und untermalst deine Bilder in langsamer Behaglichkeit; wir folgen deinen Pinselzügen mit stiller Freude – sie sind nicht kühn und gewaltig, [387] aber lieblich und voll sinniger Grazie. Den bräunlich grünen Flaum, der sich um die Brust der waldigen Berge legt, während droben noch unangetastet das Schneekrönchen auf ihrem Scheitel sitzt, das feine, grüne Spitzengewebe junger Halme und Gräser über braunen Erdschollen und auf dem verdorrten, vorjährigen Graswuchs der Wiesen und Abhänge – das wandelst du allmählich und leise zu jungen Maienzweigen, zu Schneeglöckchen- und Veilchensträußen, und nach ruhigem Ueberlegen und Behüten holst du, wie der sorgsame Gärtner, endlich die tausendfältige Farbenpracht aus den geschützten Gärten und legst sie auf Hecken, Wiesen und Raine… Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkräftige Luft, die Nerven und Sehnen des Thüringer Menschenkindes stählt, die sein Herz empfänglich macht für das Lied, und es zähe ausdauern läßt im Festhalten poetischen Aberglaubens, die ihm erhält seinen Sinn für das Recht, seine Neigung zur Opposition, sein naiv treues Gemüth und – seine himmlische Grobheit!

Weit da drüben lösten sich die grünen Streifen der Saatfelder wie breite Bänder vom Waldessaum ab und liefen thaleinwärts. Das jüngste Kirschbäumchen, wie der wilde, knorrige Birnbaum standen weißlockig und leuchtend an ihren Grenzen, auf verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt – eine Unparteilichkeit der Natur, die der Mensch vergeblich ersehnt… Auf der Brüstung der Galerie blühten Hyacinthen, Maiblumen und Tulpen, und zu beiden Seiten der Glasthür standen mächtige Syringen- und Schneeballenbüsche in Kübeln.

Felicitas rückte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den bequemen Lehnsessel der alten Mamsell. Sie legte eine frische Serviette auf und machte die kleine Kaffeemaschine zurecht; das noch zu vollendende Kinderzeug wurde daneben gelegt, und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte und ein köstlicher Moccaduft auf die Galerie hinausströmte, da saß die alte Mamsell behaglich in ihrem Lehnstuhl und blickte träumerisch hinaus in die sonnenbeschienene Frühlingswelt.

Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen.

„Tante,“ sagte sie nach einer kleinen Pause, jedes ihrer Worte betonend, „er kommt morgen.“

„Ja, mein Kind, ich weiß es aus der Zeitung; da steht die Notiz aus Bonn: ‚Professor Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Thüringen.‘ … Er ist ein berühmter Mann geworden, Fee!“

„Ihm mag sein Ruhm leicht werden. Er kennt nicht die Qual, die das Mitleiden der Pflicht gegenüber verursacht… Er schneidet in das Fleisch und in die Seelen seiner Mitmenschen mit gleichem Behagen.“

Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas’ Gesicht; dieser Ton von unsäglicher Bitterkeit war ihr neu.

„Hüte Dich, ungerecht zu werden, mein Kind!“ sagte sie nach einem momentanen Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde.

Felicitas sah rasch auf[WS 1] – ihre braunen Augen erschienen in diesem Augenblick fast schwarz.

„Ich wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte, nachsichtiger über ihn zu denken,“ entgegnete sie; „er hat sich schwer an mir versündigt, und ich weiß – ich würde es nie beklagen, wenn ihm ein Leid widerführe, und wenn ich ihm zu einem Glück verhelfen könnte, ich würde keinen Finger deshalb bewegen –“

„Fee –“

„Ja, Tante, das ist die Wahrheit! … Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu Dir heraufgebracht, weil ich Dir und mir die kargen Stunden unseres Beisammenseins nicht vergällen wollte; Du hast oft an den Frieden meiner Seele geglaubt, während es in ihr stürmte… Lasse Dich in den Staub treten, täglich, stündlich – höre, wie Deine Eltern geschmäht werden, wie man sie Gottverfluchte nennt, denen Du alle Dir angedichteten Fehler verdanken sollst – fühle das Streben nach Höherem in Dir und lasse Dich unter Hohnlachen hinabstoßen in die ungebildete Sphäre, weil Du arm bist und kein Recht hast an höhere Bildung – siehe, wie diese Deine Peiniger den Nimbus der Frömmigkeit tragen und Dich ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten dürfen – und trägst Du das Alles ruhig, empört sich nicht jeder Blutstropfen in Dir, kannst Du verzeihen, so ist das nicht die Duldsamkeit eines Engels, sondern die feige, sclavische Unterwerfung einer schwachen Seele, die es verdient, daß man ihr den Fuß auf den Nacken setzt!“

Felicitas sprach fest, mit tiefer, klangvoller Stimme. Welche Gewalt hatte dieses merkwürdige, junge Geschöpf über sein Aeußeres! – kaum, daß es die Hand hob bei den leidenschaftlichen Worten, die über seine Lippen strömten.

„Der Gedanke, daß ich jenem Steingesicht wieder gegenüber stehen soll, regt mich mehr auf, als ich Dir sagen kann, Tante!“ fuhr sie nach einem tiefen Athemholen fort. „Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele Alles wiederholen, was er seit neun Jahren schriftlich an mir verbrochen hat… Wie der grausame Knabe, der ein armes, geflügeltes Geschöpf am Faden flattern läßt, so hat er mich an dies schreckliche Haus gebunden und dadurch den letzten Willen des Onkels in einen Fluch für mich verkehrt… Kann es etwas Grausameres geben, als seine Handlungsweise mir gegenüber? Ich durfte keine geistigen Fähigkeiten, kein weiches Herz, kein empfindliches Ehrgefühl haben – das Alles war unstatthaft bei einem Spielerskind; seine schmachvolle Abkunft konnte nur gesühnt werden dadurch, daß es eine sogenannte Magd des Herrn werde, eines jener armen Geschöpfe mit möglichst engbegrenztem Gesichtskreis.“

„Nun, darüber sind wir hinausgekommen, mein Kind!“ sagte Tante Cordula mit einem feinen Lächeln. „Uebrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein Wendepunkt für Dich eintreten,“ fügte sie ernster hinzu.

„Nach verschiedenen Kämpfen sicher – Frau Hellwig gab mir heute den Trost, es werde dann Alles ein Ende haben.“

„Nun, und dann werde ich Dir nicht mehr zu wiederholen brauchen, daß Du drunten ausharren müßtest, um den letzten Willen Dessen zu ehren, der Dich in sein Haus genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat… Dann bist Du völlig frei und wirst die Pflegerin Deiner alten Tante vor aller Welt, und wir dürfen nicht mehr fürchten, auseinander gerissen zu werden, denn die drunten haben sich ihres Rechtes begeben.“

Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf, sie ergriff rasch die kleine, welke Hand der alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen.

„Und denke nicht schlimmer von mir, Tante, seit Du tiefer als bisher in mein Inneres gesehen hast,“ bat sie mit weicher Stimme. „Ich liebe die Menschen und habe eine sehr hohe Meinung von ihnen, und wenn ich mich so energisch gegen geistigen Tod gewehrt habe, so hat mich zum Theil auch der Gedanke angetrieben, in ihrem Kreis mehr zu sein, als ein gewöhnliches Lastthier… Werde ich auch durch Einzelne gemißhandelt, so bin ich doch weit entfernt, meine Anklage über die gesammte Menschheit auszudehnen – ich habe nicht einmal Mißtrauen gegen sie. … Dagegen bin ich nicht im Stande, meine Feinde zu lieben und die zu segnen, die mir fluchen. Ist das ein dunkler Punkt in meinem Charakter, so kann ich’s nicht ändern, und, Tante – ich will auch nicht, denn hier ist die haarscharfe Grenze zwischen Milde und Charakterlosigkeit!“

Tante Cordula schwieg und heftete den trüben Blick auf den Boden. … Hatte sie auch einen Moment in ihrem Leben, wo sie nicht, oder nur mit unsäglicher Ueberwindung verzeihen konnte? … Sie ließ das Gespräch absichtlich fallen, nahm selbst Nadel und Faden zur Hand, und nun wurde ununterbrochen gearbeitet, und als der Abend hereindämmerte, war ein stattliches Bündel fertig. Tief in seinem Innern steckte der silberne Kern, jenes kleine Capital, das der arme Tischlermeister von den „Gottbegnadeten“ vergebens erfleht hatte und welches er nun unbewußt empfing aus den Händen der sogenannten Ungläubigen.

Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verließ, war es schon lebendig im Vorderhause. Sie hörte das Kind der Regierungsräthin, die kleine Anna, lachen und plaudern, und der Vorsaal im zweiten Stockwerk hallte wieder von kräftigen Hammerschlägen. Das junge Mädchen flog durch den Corridor, der in den Vorplatz mündete. Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden über einer Thür. Bei Felicitas’ Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse, in welcher Grimm, Spott und Laune um die Oberhand stritten, und schlug noch einige Mal heftig auf die unglücklichen Nägelköpfe, als sollten sie zu Brei zermalmt werden, dann stieg er herunter.

Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernst die Leiter gehalten, damit sie nicht umfallen solle, als sie aber Felicitas erblickte, da vergaß sie ihres wichtigen Amtes, wackelte schwerfällig auf sie zu und schlang zärtlich die Aermchen um deren Knie. Das [388] junge Mädchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf den Arm.

„Thun die Leute nicht, als ob morgen eine Copulation im Hause wäre,“ sagte Heinrich halblaut und geärgert, „und derweile kömmt Einer, der nicht rechts, noch links sieht und den ganzen Tag ein Gesicht macht, als ob er Essig verschluckt hätte.“ … Er hob das eine Ende der Guirlande auf. „Gucke da, Blümelein Vergißmeinnicht ist auch drin … na, die das Dings da gebunden hat, die wird schon wissen warum. … Aber, Feechen,“ unterbrach er sich ärgerlich, als er sah, daß das Kind seine Wange an Felicitas’ Gesicht legte, „thue mir doch den einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheusälchen nicht immer auf den Arm – es hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe, und vielleicht steckt’s doch an.“

Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drückte sie voll tiefen Erbarmens an ihre Brust. Das Kind fürchtete sich vor Heinrich’s feindseligem Blick und versteckte sein häßliches Gesichtchen, man sah nur den kleinen Lockenkopf, und so war das junge Mädchen mit dem Kind auf dem Arm in diesem Augenblick das schönste Madonnenbild.

Sie war eben im Begriff, unwillig zu antworten, als die bekränzte Thür aufging, sie mochte nur angelehnt gewesen sein, denn langsam und allmählich fiel sie zurück und ließ die Draußenstehenden in’s Zimmer sehen. Es war in der That, als solle eine junge Braut ihren Einzug halten, auf dem Sims des einzigen Fensters da drin standen Vasen voll Blumen, und die Regierungsräthin hatte eben eine lange Guirlande in zierlichen Festons über den Schreibtisch gehangen. Sie trat zurück, um das Werk ihrer Hände von fern zu betrachten, dabei wandte sie den Kopf und erblickte die draußen stehende Gruppe. Vielleicht mißfiel ihr die Madonnenähnlichkeit, sie runzelte mißmuthig die feinen Brauen, rief ihr Dienstmädchen herbei, das mit dem Staubtuch über die Möbel fuhr, und zeigte nach der Thür.

„Wirst Du denn gleich ‘runtergehen, Aennchen,“ schalt Rosa herauseilend, „Du sollst Dich ja von Niemand auf den Arm nehmen lassen, hat die Mama gesagt… Die gnädige Frau sieht es gar nicht gern,“ sagte sie schnippisch zu Felicitas, während sie die Kleine nahm und auf den Boden stellte, „wenn Aennchen zu allen Leuten geht und sich küssen und hätscheln läßt – es sei nicht gesund, meint sie.“

Sie führte das bitterlich weinende Kind in’s Zimmer und schloß die Thür.

„Ei, Du heiliges Kreuz, ist das ein Volk!“ knirschte Heinrich, indem er die Treppen hinabstieg. „Siehst Du, das hast Du nun von Deinem guten Willen, Feechen! … Solche Leute denken, ihre Krankheiten sind ebenso vornehm, wie sie selber, und man muß Gott danken, wenn man mit seinen gesunden Händen ihre elenden Leiber anrühren darf.“

Felicitas schritt schweigend neben ihm. Als sie die Hausflur betraten, rollte draußen ein Wagen über den Marktplatz und hielt vor dem Hause. Ehe Heinrich die Thür erreichen konnte, wurde sie mit einem kräftigen Ruck geöffnet. Es dämmerte bereits stark in der Flur; man konnte nur an den Umrissen erkennen, daß es eine gedrungene Männergestalt war, welche auf die Schwelle trat. Mit wenigen, raschen Schritten stand der Herr vor der Thür des Wohnzimmers, die von innen aufgemacht wurde. Ein Ausruf der Ueberraschung von Frau Hellwig’s Lippen, und die trockenen Worte: „Ei, Du bist unpünktlich geworden, Johannes, wir erwarteten Dich erst morgen!“ schollen heraus, dann wurde die Thür geschlossen, und nur der draußen harrende Wagen und das zurückgebliebene Aroma einer feinen Cigarre bewiesen, daß die Erscheinung wirklich gewesen war.

„Das war er!“ flüsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes Herz.

„Nun kann’s losgeh’n!“ brummte Heinrich zu gleicher Zeit, aber er schwieg alsbald wieder und horchte lächelnd nach dem Treppenhause.

Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd. Die Regierungsräthin flog förmlich über die Stufen, die blonden Locken flatterten, und das weiße Kleid umwogte die schwebende Gestalt wie eine Wolke. Sie ließ Rosa und das langsam herabpolternde Kind weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im Wohnzimmer.

„Gelt, Feechen, nun wissen wir doch auch, warum Blümelein Vergißmeinnicht in der Guirlande steckt?“ lachte Heinrich und ging hinaus, um die Effecten des Ankömmlings in Empfang zu nehmen.


12.

Am anderen Morgen – es war noch ziemlich frühe – benutzte Felicitas einen freien Augenblick und schlüpfte hinauf zu Tante Cordula, um ihr mitzutheilen, daß Heinrich’s Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglückt sei. Auf dem Vorplatz des zweiten Stockes kam ihr Heinrich entgegen, er schmunzelte seelenvergnügt und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der Thür, die er gestern bekränzt hatte. Der Blumenschmuck war verschwunden; ein förmlicher Knäuel von Guirlanden lag am Boden, und an der Wand hin reihten sich verschiedene Blumenvasen.

„Hui, das flog ‘runter!“ flüsterte Heinrich. „Eins, zwei, drei, da lag das Blümelein Vergißmeinnicht auf der Erde – ich kam gerade dazu, wie er auf der Leiter stand.“

„Wer?“

„Nun, der Professor… Er machte ein schreckliches Gesicht, ich hatte aber auch das Dings für alle Ewigkeit festgenagelt – er hat fürchterlich reißen und zerren müssen… Aber denke Dir nur, Feechen, er gab mir die Hand, wie ich ihm guten Morgen wünschte – das hat mich doch gewundert.“

Felicitas’ Lippen kräuselten sich – sie war im Begriff, etwas Herbes zu sagen, aber plötzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Corridor; drin im Zimmer hatten sich rasche Schritte der Thür genähert.

Als sie später aus der Mansarde zurückkehrte und die Treppe hinabgehen wollte, da klang die Stimme der Regierungsräthin aus dem ersten Stock herauf, sie sprach in sanft klagenden Tönen – es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres, als das Organ dieser Frau.

„Die armen Blumen!“ klagte sie.

„Wie hast Du mir aber auch das anthun können, Adele!“ antwortete eine männliche Stimme. „Du weißt doch, daß mir dergleichen Verherrlichungen ein Gräuel sind.“

Es war dieselbe kalte Stimme, die einst auf die kleine Fee einen so unausbleiblich schlimmen Eindruck gemacht; nur klang sie tiefer und hatte in diesem Augenblick eine Beimischung tadelnden Verdrusses. Felicitas bog sich über das Geländer und sah scheu, mit angehaltenem Athem hinab. Da schritt er, vorsichtig die kleine Anna an der Hand führend, langsam Stufe um Stufe hinunter! Es lag nichts, auch gar nichts in dieser Erscheinung, was sich hätte in Einklang bringen lassen mit dem Professortitel. Diese Vertreter des Gesammtwissens hatten für das junge Mädchen den Nimbus des Vornehmen und der Erhabenheit; hier aber suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften. Eine kernige, wie es schien, eisenfest zusammengefügte Gestalt mit eckigen Bewegungen und von, wenn auch sicherer, doch nichts weniger als eleganter Haltung, gerade in ihr lag etwas Hartnäckiges, Unverbindliches; man hätte meinen können, dieser Nacken habe sich noch nie, nicht einmal im Gruß gebeugt. Und wie wenig war der Kopf geeignet, diese Meinung zu widerlegen! Er bog einen Moment das Gesicht aufwärts, dies unschöne Gesicht, das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe so wenig entsprochen, es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdruck. Ein röthlich blonder, sehr starker, krauser Bart bedeckte das Kinn und den unteren Theil der Wangen und fiel fast bis auf die Brust herab, und zwischen den buschigen Augenbrauen, die in diesem Moment wohl auch noch finsterer zusammengezogen wurden im Verdruß über die übel angebrachte Verherrlichung, lagerte eine tiefe Falte. Allein diese nichts weniger als aristokratisch und einnehmend gebildete Außenseite hatte trotzdem etwas Bedeutendes und zwar durch den unwiderleglichen Ausdruck männlicher Kraft und eines starken Willens.

Und jetzt bog er sich nieder zu der mühsam hinabkletternden Kleinen und nahm sie auf den Arm.

„Komm’ her, mein Kind, es will doch nicht so recht gehen mit den armen Beinchen,“ sagte er. Das klang überraschend mild und mitleidsvoll.

„Es ist aber auch kein Spielerskind, zu dem er spricht,“ dachte Felicitas, und ihr Herz schwoll voll Bitterkeit.

Die Morgenstunden wurden sehr geräuschvoll für das stille

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Die Gartenlaube (1867) b 389.jpg

Des Handwerksburschen Toilette vor der Stadt.
Nach dem Oelbilde von A. Karst.

Haus; die Glocke an der Hausthür hörte fast nicht auf, zu klingeln. Es gab auch in dieser kleinen Stadt, so gut wie in jeder anderen, Leute genug, die ihre Alltagsgesichter gar zu gern von der Glorie eines berühmten Mannes mitbeglänzen lassen, ohne zu bedenken, daß gerade dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet. Diese Besuche kamen übrigens für Felicitas sehr erwünscht, denn obgleich sie nichts sehnlicher erhoffte, als eine rasche Entscheidung, so bebte sie doch vor dem ersten Zusammenstoß, und plötzlich fühlte sie, daß sie noch nicht gesammelt und ruhig genug sei – jede Stunde Zeit schien ihr deshalb ein Gewinn. Allein die Machthaber in der Wohnstube hatten jedenfalls den Wunsch, die Katastrophe möglichst rasch in Scene zu setzen, denn kaum nachdem das Mittagsessen abgetragen war, kam Heinrich in die Küche, er betrachtete Felicitas’ Anzug aufmerksam, klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Aermel und sagte mit einem etwas unsicheren Blick: „Da am Ohr ist der Zopf ein wenig aufgegangen, Feechen – das steck’ erst fest, der da drin darf so etwas nicht sehen, das weißt Du… Du sollst nämlich gleich ‘nüber in dem sel’gen Herrn sein Zimmer kommen – dort sind sie … na, na, wer wird denn gleich so erschrecken – bist ja kreideweiß geworden. Tapfer, Feechen – den Kopf kann er Dir doch nicht abreißen!“

Felicitas öffnete die Thür und trat leise in das ehemalige Zimmer des Onkels. Noch lag es schneebleich vor ihren Lippen und Wangen, dadurch erschien aber auch ihr Gesicht für den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich.

Genau wie vor neun Jahren, an jenem stürmischen Morgen, saß Frau Hellwig im Lehnstuhl, nahe dem Fenster. Neben ihr, den Rücken nach der Thür gewendet und die gefalteten Hände rückwärts gekreuzt, stand Er, der dies Geschöpf dort eigenmächtig auf den Weg der Dienstbarkeit gedrängt und nie und nimmer geduldet hatte, daß diese dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung erlaube, der es stets von weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte, ohne zu fragen: „Bist Du auch schuldig?“

Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert, denn jetzt, bei seinem Anblick, fühlte sie, wie Groll und Erbitterung übermächtig in ihr wurden, und doch war ihr Selbstbeherrschung nie nöthiger gewesen, als in diesem entscheidenden Augenblick.

„Da ist Caroline,“ sagte Frau Hellwig.

Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht. Wahrscheinlich hatte er nie daran gedacht, daß das Spielerskind, welches einst auf derselben Stelle mit dem kleinen [390] Fuß gestampft und sich wie unsinnig geberdet hatte, auch wachsen und ruhig aussehen könne. Jetzt stand die Erwachsene da, hoch und stolz aufgerichtet, wenn auch ihr Blick am Boden hing.

Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arm – wollte er ihr auch etwa die Hand reichen, wie er bei Heinrich gethan? Ihr Herz drehte sich fast um bei dem Gedanken, die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der inneren Handfläche, und unbeweglich lagen die Arme am Körper, aber die Wimpern hoben sich, und ein Blick voll tödtlicher Kälte traf den ihr gegenüberstehenden Mann – so mißt ein erbitterter Gegner den anderen. Das mochte dem Professor auch sofort klar werden; er wich unwillkürlich zurück und maß scharf die ganze Gestalt von Kopf bis zu Füßen.

In diesem Moment wurde an die Thür geklopft, und gleich darauf steckte die Regierungsräthin ihr blondes, lachendes Köpfchen herein.

„Ist’s erlaubt?“ bat sie mit schmeichelnder Stimme, und ehe geantwortet werden konnte, stand sie mitten im Zimmer.

„Ah, ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhör?“ fragte sie. „Meine liebe Caroline, jetzt werden Sie wohl einsehen lernen, daß es auch noch einen anderen Willen giebt, als den Ihrigen, und für den armen Wellner kommt endlich die Entscheidung.“

„Ich bitte Dich, Adele, lasse jetzt Johannes reden!“ rief Frau Hellwig kurz und ziemlich ungnädig.

„Nun, bleiben wir vorläufig bei diesem einen Punkt stehen,“ sagte der Professor. Er kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich an einen Tisch. „Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes zurückweisen?“

Sein ruhiges, leidenschaftloses Auge ruhte prüfend auf dem jungen Mädchen.

„Weil ich ihn verachte. Er ist ein elender Heuchler, der die Frömmigkeit als Deckmantel für seine Habgier und seinen Geiz benutzt,“ entgegnete sie fest und sicher; es galt jetzt, durch ruhige, rücksichtslose Offenheit die Schläge zu pariren.

„Gott, welche Verleumdung!“ rief die Regierungsräthin. Sie schlug in schmerzlichem Unwillen die weißen Hände zusammen, und ihre großen, blauen Augen suchten anklagend den Himmel. Frau Hellwig aber stieß ein kurzes, rauhes Lachen aus.

„Da hast Du ja gleich ein Pröbchen von der Art und Weise Deiner sogenannten Mündel, Johannes!“ rief sie. „Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und dergleichen – ich kenne das! … Mach’s kurz! Du kommst nicht um ein Haarbreit weiter mit ihr, und ich habe keine Lust, ehrbare Leute, die in meinem Hause aus- und eingehen, lästern zu hören!“

Der Professor antwortete nicht. Während er mit der Hand langsam über den Bart strich – es war eine merkwürdig schöne, schmale Hand – hing sein Blick an der Regierungsräthin, die noch wie ein betender Seraph da stand. Es schien fast, als habe er nur ihren Ausruf gehört, seine Lippen verzogen sich ein wenig – wer vermochte in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen?

„Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen Deines Hierseins gemacht, Adele!“ sagte er. „Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten kann –“

„Um Gott, Johannes,“ unterbrach ihn die junge Wittwe lebhaft, „Du wirst doch nicht denken, daß ein besonderes Interesse –“ sie schwieg plötzlich und ein tiefes Roth schoß in ihre Wangen.

Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors.

„Sämmtliche Damen, die bei der Tante aus- und eingehen, stimmen darin überein, daß Wellner ein Ehrenmann ist,“ setzte sie nach einer Pause der Sammlung entschuldigend hinzu. „Die Missionsgelder gehen durch seine Hände und die Gläubigen finden keinen Tadel an ihm –“

„Und darauf schwörst Du nun natürlicherweise,“ ergänzte der Professor kurz abbrechend. „Ich kenne den Mann nicht“ wandte er sich zu Felicitas, „und kann deshalb nicht wissen, inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist.“

„Johannes!“ unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt.

„Bitte, Mutter, wir wollen das später allein erörtern,“ sagte er ruhig und beschwichtigend. „Zwingen wird Sie natürlich Niemand,“ fuhr er zu dem jungen Mädchen gewendet fort. „Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht eingeräumt, in irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden, einmal, weil ich Sie unter einer Führung wußte, der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke, und dann, weil Sie ein Charakter sind, der sich gern gefährlicher Uebergriffe schuldig macht und sich stets gegen das auflehnt, was zu seinem wahren Wohl geschieht… In dieser Frage jedoch hört meine Macht auf. Ich kann Ihnen sogar in mancher Beziehung nicht Unrecht geben, denn Sie sind jung und er steht, wie ich höre, in vorgerücktem Alter – das taugt nicht. Ein zweiter Stein des Anstoßes ist die Standesverschiedenheit; für den Augenblick wird er wohl über Ihre Herkunft hinwegsehen – später tritt in solchen Dingen gewöhnlich ein Rückschlag ein, Störung des Gleichgewichtes rächt sich stets.“

Wie klang das vernünftig und – herzlos! Er war in diesem Moment genau der Verfasser aller jener schriftlichen Maßregeln, die nie den verfehmten Boden aus dem Auge verloren, dem das Spielerskind entsprossen. Er verließ seinen bisherigen Platz und trat vor das junge Mädchen, dessen Lippen in einem bitteren Lächeln zuckten.

„Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht,“ sagte er und hob den Zeigefinger. „Sie haben es durchaus nicht verstanden und, wie ich annehmen muß, auch nicht gewollt, die Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen… So wie die Sachen liegen, werden Sie selbst nicht wünschen, länger hier im Hause zu bleiben.“

„Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch.“

„Das glaube ich Ihnen gern, Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt, daß Ihnen unsere strenge und gewissenhafte Fürsorge unerträglich ist.“ Sein Ton hatte jetzt doch eine Beimischung von Aerger und Gereiztheit. „Es ist eben eine völlig verlorene Mühe unsererseits gewesen, die Zugvogelnatur in Ihnen unterdrücken zu wollen… Nun, Sie sollen haben, was Sie wünschen, aber ich halte meine Aufgabe noch nicht für beendet – ich will erst noch den Versuch machen, Ihre Angehörigen aufzufinden.“

„Du warst früher anderer Ansicht über diesen Punkt,“ warf Frau Hellwig spöttisch ein.

„Die hat sich im Lauf der Dinge geändert, wie Du siehst, Mutter,“ erwiderte er ruhig.

Felicitas schwieg und sah vor sich nieder. Sie wußte, daß dieser Schritt ohne Erfolg bleiben würde – Tante Cordula hatte ihn längst gethan. Vor vier Jahren war durch die Redaction einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den Taschenspieler d’Orlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen, er hatte alle namhaften Blätter durchlaufen, aber bis zur Stunde war Niemand erschienen. Das konnte das junge Mädchen freilich nicht sagen.

„Ich werde heute noch die nöthigen Schritte thun,“ fuhr der Professor fort, „und glaube, daß ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt, um Aufschluß zu gewinnen… Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im dienstlichen Verhältniß zu meiner Mutter. Sollte sich jedoch, wie ich fürchte, Keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen, dann –“

„Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten Frist!“ unterbrach ihn Felicitas rasch.

„Nein, das klingt denn doch zu abscheulich!“ rief die Regierungsräthin entrüstet. „Sie thun ja wirklich, als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuziget! … Undank!“

„Sie meinen also, unseren ferneren Beistand entbehren zu können?“ fragte der Professor, ohne den Zorneserguß der jungen Wittwe zu beachten.

„Ich muß dafür danken.“

„Nun gut,“ sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz, „nach Verlauf von zwei Monaten soll Ihnen freistehen, zu thun und zu lassen, was Sie wollen!“ Er wandte sich ab und schritt nach dem Fenster.

„Du kannst gehen!“ gebot Frau Hellwig rauh.

Felicitas verließ das Zimmer.

„Also noch ein achtwöchentlicher Kampf!“ flüsterte sie, während sie durch die Hausflur schritt. „Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden!“


(Fortsetzung folgt.)



[391]
Gang durch die Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie.
Von Friedrich Hofmann.


Neben der großen Pariser Welt-Industrie-Ausstellung auch eine kleine sächsische in Chemnitz? Wird neben dem riesigen Oceandampfer eine solche Nußschale von Binnenseeboot dem Auge der öffentlichen Beachtung nicht ganz und gar entgehen?

Nein! Wir sind sogar der Ueberzeugung, daß die Deutschen auch außerhalb des engbegrenzten Ausstellungsgebietes dieser sächsisch-thüringischen Industrie-Parade ihre wärmere Theilnahme zuwenden, wenn sie auf einem Gange durch die Chemnitzer Festhallen die wahre Bedeutung derselben erkannt haben.

Der Werth der Ausstellungen ist genau wie das Glück der Länder zu bemessen, die Größe allein thut’s bei beiden nicht; es kommt bekanntlich bei den Staaten nicht darauf an, daß in ihren Gebieten die Sonne nicht untergehe, sondern auf das, was sie bescheint. Ebenso bestimmt den Werth einer Ausstellung nicht die Masse, die nur, wie ein kolossaler Baum, dessen einzelne Blätter wir nicht übersehen können, imponirt, sondern die Güte des Einzelnen, welches seinen Zweig schmückt. – Vor neun Jahren feierte ein kaum sechs Quadratmeilen großes Ländchen, das sogenannte Oberland des Herzogthums Meiningen, ein Industriefest, das mir heute noch unvergeßlich ist. Dieses Ländchen hat keinen schiffbaren Strom, welcher den Transport schwerer Massen erleichterte, keine fruchtreichen Ebenen für die Entfaltung eine maschinenbedürftigen Landwirthschaft, keine großen Städte zur Unterstützung der Kunstgewerbe; es ist ein Bergland, dessen Höhen kaum Hafer und Kartoffeln gedeihen lassen und das nur an seinem Südende seine Waldbachschluchten zu breiteren Thälern und Hügelfluren ausdehnt, – die Berge und der Wald sind sein einziger Reichthum, aber was aus diesen der Fleiß hervorzuziehen vermag, Holz und Gestein, Eisen, Glas und Porcellan, das genügt dem fleißigen, geschickten Völkchen, um die blühendste Industrie zu nähren, die ein so kleines Fleckchen deutscher Erde nur aufweisen kann. Von den mächtigen Maschinentheilen, für welche Hochöfen und Dampfhämmer arbeiteten, bis zur Porcellanvase mit kunstreicher Malerei waren alle Erzeugnisse der Fabrik und der freien Hand vertreten, und die Kinderlust der „Sonneberger Spielwaaren“ feierte Triumphe, die sich bis zu einem Linienschiff verstiegen, das in allen seinen Theilen, Masten, Segel, Geschütz und Menschen, aus Glas gefertigt war. Auch das war eine kleine, sehr kleine Ausstellung, aber sie gab ein Bild von einer in ihrem Gesammterfolge großartigen Industrie.

Dieses Ländchen gehört nun ebenfalls zum Ausstellungsgebiet von Chemnitz, und wenn auch letzteres, welches die Länder des Namens Sachsen (das Königreich und die preußische Provinz), die sächsischen und schwarzburgischen Kleinstaaten Thüringens und das reußische Voigtland umfaßt, noch nicht die Größe von tausend (genau neunhundert dreiundsechszig) Quadratmeilen erreicht, so nimmt doch diese Heimath von sechsthalb Millionen Deutschen durch die Segnungen, welche Natur und Cultur mit gleich freigebiger Hand ihnen geboten, einen obersten Rang wie in Wissenschaft und Kunst, so in Industrie und Gewerbe ein. Umgürtet von drei Gebirgen, die seit Jahrhunderten Hauptsitze deutschen Bergbaues und aller damit verwandter Erwerbszweige sind, vom südöstlichen Harz, vom Erzgebirg und von dem ein untrennbares Ganzes bildenden Thüringer- und Frankenwald; durchströmt von der schiffbaren Elbe, von der Mulde, Saale, Unstrut, Werra, welche die Erzeugnisse der Wälder und Berge, roh und verarbeitet, in die Ferne tragen; geschmückt mit mehr als einer „goldenen Aue“, wo Land- und Gartenbau, Obst- und Blumenzucht in ausgebildetstem Betriebe gedeihen; ausgestattet mit zahl- und volkreichen Städten und wohlgepflegten Residenzen, unter ersteren deutsche Hauptstädte der Kunst und Literatur, des Handels und der Industrie, unter letzteren berühmte Sitze wissenschaftlicher und Kunstsammlungen und Bildungsanstalten, welche das Bedürfniß nach edleren Erzeugnissen des Geistes und der Hand wecken, den Geschmack bilden und den Fleiß lohnen; endlich durchzogen von Eisenbahnen von allen Mittelpunkten des Verkehrs aus durch alle Ebenen und Thäler bis wo die Kämme der Gebirge ihnen Halt gebieten: so stehen die Länder dieses Ausstellungsgebietes vor uns, daß schon ein Blick auf die Karte von Deutschland uns überzeugt, hier pulsire das Herz einer Nation. Und wenn wir nun das Volk dieser Länder selbst näher betrachten, so verkündet uns seine Vergangenheit und Gegenwart, daß es mehr als einmal im Kampf um geistige Freiheit an der Spitze der Deutschen gestanden, wie Wittenberg und Jena deutsche Fackeln der Wahrheit waren, daß die Kleinstaaterei hier ihr einziges Segensreiches gewirkt: Volksbildung bis in die äußersten Winkel der Ländchen zu pflegen, und daß ebendarum hier die freien Fortbildungsvereine der arbeitenden Jugend so fröhlich gedeihen, wie in wenigen anderen Ländern. Wo aber der arme Arbeiter wie der einfache Bauer (man lerne die „landwirthschaftlichen Vereine des Erzgebirgs“ kennen, die unter der Leitung des Grafen zur Lippe auf Thum als Muster ihrer Art blühen!) zu der Einsicht gelangt sind, daß nur Bildung die Früchte ihres Fleißes veredelt und ihr Loos verbessert, da kann die Arbeit ihrer Hände auch nur eine gute, eine treffliche sein. Noch mehr: gerade die Länder dieses Ausstellungsgebietes haben seit den Tagen der Reformation in alten großen welterschütternden Kriegen am härtesten gelitten, sie haben die Schlachtfelder zu allen Entscheidungskämpfen, im Reformations- wie im dreißigjährigen, im siebenjährigen wie in den Franzosen-Kriegen hergeben müssen, die gekreuzten Schwerter sind auf keiner Länderkarte so dicht an einander gereiht verzeichnet, als hier, immer wurden kaum verharschte Wunden des Volkswohlstandes von Neuem aufgerissen, kaum entödete Felder von Neuem verwüstet, kaum neuaufgegrabene Erwerbsquellen von Neuem verschüttet, und dennoch ist das Volk dieser Länder heute fähig, in den wichtigsten Zweigen der Industrie und Gewerbe sich selbst neben ein England zu stellen, wo seit Jahrhunderten kein feindlicher Fuß eine Scholle zerstampft und kein innerer Krieg den Frieden eines Hauses zerstört hat. Dadurch aber beweist dieses Volk, daß es ebensoviel Fleiß als Bildung, ebensoviel Energie als Geist besitzt, – und daß es eben darum eine besondere Beachtung in ganz Deutschland werth ist, wenn ein solches Volk über seine Schaffekraft ein gemeinsames öffentliches Zeugniß ablegt.

Von diesem Standpunkt aus habe ich die Chemnitzer Ausstellung betrachtet, und will der Leser mir dahin folgen, so wird er sich desselben patriotischen Genusses erfreuen, der in den deutschen Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie mir das Herz erhoben hat.

Und somit treten wir unseren Gang an. Einerlei woher wir kamen, der Dampfwagen führt in denselben Bahnhof und der Weg von da zum Ausstellungsgebäude giebt unseren staunenden Augen die Lehre, welche wahrhaft amerikanische Wachsthumskraft eine Stadt durch eine blühende Groß-Industrie empfangen kann. Vor etwa fünfzig Jahren eine Stadt von kaum siebenzehntausend Einwohnern und noch 1834 erst bis etwa zweiundzwanzigtausend vorwärts gekommen, bewohnen Chemnitz heute über sechszigtausend in zweitausend dreihundert meist stattlichen, zum Theil prächtigen Häusern und Fabrikherrenpalästen. Schon jetzt nimmt es einen größeren Raum ein, als Leipzig, das, wenn es seine bisherige Vornehmheit gegen den Bevölkerungszudrang von außen länger übte, in kurzer Zeit sich von der rührigeren Schwester an Größe und Volkszahl würde überflügelt sehen müssen.

In Freundesgesellschaft schritt ich über den Schillerplatz dem nahen Ausstellungsgebäude, diesem Ehrenhaus des Bürgergeistes, zu. Schon der erste Anblick desselben erfreut durch das Würdige des Baues. Das Ganze besteht nur aus Holz, Eisen und Glas, hat aber, da die Ausstellung ursprünglich für das vorige Jahr beplant, aber durch den deutschen Krieg unmöglich gemacht worden war, schon über ein Jahr Wind und Wetter Trotz geboten. Nicht durch Pracht und Höhe imponirend, denn nur der vordere Theil des Gebäudes erhebt sich, der dort angebrachten Galerien wegen, über den Parterrebau, aber durch die Ausdehnung der Glieder desselben verkündet er sich sofort als den Sitz einer für deutsche Verhältnisse in der That nicht kleinen Industrie-Parade. Das mit vier Eckthürmen geschmückte Hauptgebäude, welches uns eine seiner Langseiten als Façade des ganzen Baues mit stattlichem Eingang zwischen Portalthürmen entgegenstellt, hat eine Länge von dreihundertundzwanzig Fuß; das ganze Industriegebäude bietet einen Flächenraum von 158,224 Quadratfuß, von welchem die Maschinen allein 54,000 in Anspruch nehmen; außer dem Tisch- [392] und Bodenraum sind noch nahe an 30,000 Quadratfuß Wandraum mit Ausstellungsgegenständen bedeckt.

Diese Zahlen bezeugen, daß die Chemnitzer Ausstellung an Größe des von ihr bedeckten Raumes von keiner der allgemeinen deutschen Ausstellungen in Mainz, Berlin und Leipzig und selbst nicht von der großen österreichischen in Wien (1845) übertroffen worden ist; nur der Münchener Glaspalast konnte seinem verunglückten Unternehmen etwa 75,000 Quadratfuß mehr zur Verfügung stellen.

Zwischen Cassen und Garderoben zu beiden Seiten der Eingangshalle hin gelangten wir zur Thür und betraten die Haupthalle. – Es kann kein würdigeres Willkommen zu einer solchen Feier geben, als mit welchem hier so sinnig und geschmackvoll das sogenannte Octogon uns empfängt. Der Name sagt es, daß es eine achteckige Halle ist, von welcher die beiden Flügel der Haupthalle zur Linken und Rechten sich abzweigen und hinter welcher die mittlere der drei Verbindungshallen sich öffnet, welche aus der Haupthalle zu einer zweiten Längshalle im Galeriebaue führen. Architektonisch edel angelegt und durch geschmackvolle Farbendecoration ausgezeichnet, ist dieser hohe, rings von den bunten Herrlichkeiten und den Städtewappen der Galerien umgebene Raum ganz geeignet, uns mit Ernst und Ehrfurcht zu erfüllen; namentlich war diese Wirkung schön und fast rührend im Antlitz vieler Besucher „aus dem Volke“ sichtbar; und dazu macht die große Fontaine in der Mitte, deren hoher Strahl in drei Becken niederrauscht und die von reizenden Pflanzen- und Blumengruppen umgeben ist, das Athmen so wohlig, daß man sich schwer von dem labenden Gefühl dieses Aufenthaltes losreißt. Wie laut auch aus dem Parterreraume das Arbeiten der Maschinen zu uns her dringt, im Octogon selbst beobachtet jeder Eintretende Kirchenstille. Man will sich selbst nicht den schönen Eindruck stören. Ja, wenn zuweilen mit dem Rauschen des Wassers eine geschickte Hand sanfte Töne eines Harmoniums verbindet und die ausgestellte Kirchenglocke hoch von der Galerie ihre langhallenden Klänge dazu giebt, so kann dies wahrhaft feierliche Stimmungen hervorrufen. Und ich wüßte nicht, warum sie aus diesen Hallen ausgeschlossen sein sollten. –

Ein Spaziergang ohne Aufenthalt durch alle Gänge der Ausstellungsräume vom Octogon aus führt uns erst nach einer vollen Stunde in dasselbe zurück. Der Leser muß uns nun wohl auf einem solchen Rundgang folgen, weil er nur dadurch überhaupt einen Begriff von dem Reichthum und der Mannigfaltigkeit dieser Ausstellung erhalten kann. Vielleicht erleichtere ich ihm den Ueberblick, wenn ich ihn von den Galerien aus in diese und in die Parterreräume abwechselnd schauen lasse.

Wir wenden uns vom Octogon der linken Haupthalle zu, wo die Statue Reuchlin’s, ein Stück des Wormser Lutherdenkmals aus der berühmten Eisengießerei von Lauchhammer, der die rechte Halle schmückenden Gellertstatue gegenübersteht, gehen an einer Reihe plastischer Arbeiten in Stein und Thon, als deren letzte uns eine Lorelei begrüßt, und zwischen Eisenhüttenproducten und Eisenguß- und Marmorwaaren zu der breiten Treppe, die uns auf die Galerie führt und die selbst zur Ausstellung von Tuchen und Decken und Erzeugnissen der Jacquardweberei benutzt ist. Uns rechts wendend, an einer Frauenaugenweide von Teppichen, Plüsch und Flanell vorüber, gelangen wir zu den Manufacturwaaren von Frankenberg und stehen dann an der Galerie des Octogon. Vor uns im Parterre der rechten Haupthalle sehen wir durch den Wasserschleier der Fontaine und hinter der Gellertstatue an der linken Seite Werke der Holzschnitzkunst und eine Reihe Pianos und Harmonions, an der rechten Kunstmöbel, Spielwaaren, Spiegel, Korbmöbel, Billards und Bilderrahmen.

Wer etwa, wie ich, noch niemals die wahrhaft anmuthige Fingerbewegung bei der Spitzenklöppelei gesehen hat, der merke sich den Platz an der Ecke der Galerie nach der Mittelhalle hin, wo drei hübsche Kinder des Erzgebirges mit ihrer Kunstausübung die Ausstellung beleben. Neben ihnen winken die duftigen Räume eines Damenzimmers und Reihen von Weißwaaren auf den Tischen und an den Wänden. Unter uns, im Parterre, paradiren die berühmten Meisterwerke von Meißner Porcellan, Zöblitzer Serpentin und lange Mustergestelle von Siderolith- und Terracotta-Gegenständen, und zu beiden Zeiten dieser Kunstherrlichkeiten liegen Berg- und Hüttenproducte in lehrreicher Anordnung, Stein- und Braunkohlen in jeder Werthstufe und treffliche Alabaster-, Glas- und Schieferwaaren. Auch die Galerie gegenüber zeigt uns blendende Weißwaaren und Musterarbeiten der Bleicherei, Appretur, Maschinen-Stickerei, sowie allerlei Flachsgespinnste, Leinenzeug und Wachstuche in prangendem Farbenschmuck.

„Hier riecht’s köstlich!“ mußte ich ausrufen, als ich von dieser mittleren Verbindungsgalerie aus die Galerie der zweiten Halle betrat. Die Lithographien, Herrenkleider und Hüte, Galanterie- und Buchbinderwaaren, die mir zur Linken sich ausbreiteten, konnten, trotz ihrer Vortrefflichkeit, dies nicht bewirken; aber vor mir und zur Rechten hin dufteten die feinsten Tabaks- und Cigarrensorten aus Altenburg, Dresden, Gotha, Chemnitz und Leipzig, ganze Cigarrenwappen verrathen den Patriotismus ihrer Aussteller; zwischen Chocoladesäulen und Zuckerstatuetten der berühmtesten Conditoreien drohen Kloß und Förster’s Champagnerkanonen Lebkuchenmauern gegenüber, dort ist die Batterie geistiger Getränke der Gebrüder Weber in Magdeburg aufgepflanzt, daneben erhebt sich die Liqueurpyramide Kutschbach’s in Leipzig; und neben Grohmann’s deutschem Porter dürfen sich Illgen’s Bier-, Tafel- und Dessertkäse sehen und riechen lassen, denn unfern davon bekommen wir einen ganzen Ofen mit Urnenschmuck aus purer wohlriechender Seife zu genießen.

Aber unter uns, im Parterre der zweiten Halle, breitet eine Fülle von Gegenständen sich aus, deren Aufzählung dem Leser fürchterlich erscheinen könnte. Darum nur das Augenfälligste. Wir sind dem Eisenbereiche nahe gekommen, das bereits hier hereinragt. Neben Kochheerden und Oefen sehen wir Chemikalien und Farben, zu denen wir später zurückkehren müssen, wie zu den Nähmaschinen gegenüber, neben welchen Feuerwehrgeräthe den Uebergang zu den Feuerspritzen des Maschinenraums bilden. In der Mitte dieser Halle steht zwischen Horn-, Seiler- und Gürtlerwaaren, Bürsten, Pinseln und Laternen eine Sammlung von eleganten Holzschuhen (aus Seifhennersdorf), welcher die ländlichen Besucherinnen ihre besondere Theilnahme zuwenden. Die Cassaschränke nehmen nicht geringen Raum ein, und ebenso ihnen gegenüber die Klempnerwaaren und zwischen beiden die Meisterwerke von Neusilber und Messing, die zweimal sehenswerthen Gewehre, die Arbeiten aus dem Gußstahl von Döhlen, die Eisenwaaren der Marienhütte und die übrigen Eisenwerke dieses Raumes, auf die wir später zurückkommen.

Um die Buchbinderarbeiten zu überblicken und auf die andere (äußerste) Seite der Galerie zu gelangen, wandte ich mich links, noch einmal an den Freuden der Nase und der reichen Ausstellung von Hutmacherwaaren und den Musterstücken der Dresdner „Europäischen Moden-Akademie“ vorüber, dem linken Ende diesen reichen Ganges zu, wo auch eine treffliche Auswahl von Papier- und Galanteriewaaren und Werke der Buchdruckerkunst das Auge anlocken. Von da übersieht man zugleich die ansehnliche Pelz-, Tuch- und Lederausstellung in der hier ausmündenden Verbindungsgalerie. Dort bildet ein großer, aus wohl sechstausend Stückchen Pelz aller Art zusammengesetzter Stern (von Vopel in Chemnitz) einen vielbesuchten Wandschmuck. Wir setzen unsern Spaziergang auf der äußersten Galerie, da wo sie an das Maschinenparterre angrenzt, fort, an Strumpf- und Beutlerwaaren vorüber, mit schwerem Herzen an wunderschönen Sternen von zartesten Handschuhen für liebe Hände vorbei und werfen den Dresdner Gummiwaaren einen Blick zu; von einer großen Auswahl musikalischer und chirurgischer Instrumente (erstere aus Markneukirchen, Altenburg, Adorf, Chemnitz und Leipzig) kommen wir an künstlichen Gebissen und an einer stattlichen Sammlung von Uhren, Uhrentheilen und Uhrmacherwerkzeugen, darunter viele aus Karlsfeld, dem Sibirien Sachsens, Reißzeugen, Gold-, Silber- und Drechslerwaaren vorbei zu einem wahren Schatz von mechanischen Arbeiten, optischen, physikalischen und mathematischen Instrumenten und Apparaten, welche die allgemeinste Beachtung verdienen. Die der Frauenwelt nimmt allerdings die nächste Abtheilung ganz und gar in Anspruch: die reizenden Sonnen- und Regenschirme von Hansding und Schiller, und gleich daneben die Ausstellung von Damenkleidern, Corsetten, Bändern und Crinolinen. Damit an der rechten Giebelseite des Gebäudes angekommen, verfolgen wir den hier beginnenden Galerieverbindungsgang, der uns an einer reichen Auswahl von Toiletteartikeln vorüber in’s eigentliche Bereich der Kunst führt. Neben Oel-, Porcellan- und Glasgemälden ist besonders die Photographie stark und gut vertreten durch Werke aus Leipzig (Manecke), Dresden, Chemnitz und Freiberg (Patzig); hier fesseln [393] ferner Stickereien (Hietel, Schneider) und weibliche Arbeiten, unter welchen ein großes geklöppeltes Spitzentuch von den Klöppelschülerinnen des Erzgebirges uns anzieht. Auch zu den künstlichen Blumen, an denen wir jetzt vorbeieilen, müssen wir, eines wunderbaren Meisterwerkes wegen, später zurückkehren.

Es war ein Augenblick des Ausruhens, als ich hier wieder in der Haupthalle angekommen war und von der Galerie hinabblickte auf die Perlen in diesem Theile der Ausstellung, den prachtvollen Waffenschrank von Friedrich in Dresden, und des Leipziger Franz Schneider kunstreich aus Eichenholz geschnitzte Kanzel mit ihrer gothisch gen Himmel strebenden Schalldecke. Der alte Gellert kehrte mir hier den Rücken zu; er sah offenbar freudig auf den plätschernden Springbrunnen zwischen seinen lieben Blumen, und eine ferne Drehorgel leierte „Wer hat dich, du schöner Wald“ etc. dazu. – Der Blick in die Haupthalle von diesem Standpunkt aus ist es auch, welchen wir unseren Lesern in einer Holzschnitt-Illustration bieten werden.

Aber wir müssen weiter, um unseren Wegrest um die Galerie der Haupthalle zu vollenden. Die Damastweberei und farbenreiche Tapeten liefern hier ihren Tisch- und Wandschmuck, eine Meßmaschine für Schnittwaren, mit Zählzifferblatt, erfreut uns durch ihre sinnige Einrichtung, im Eckthurmzimmer stehen die Leistungen der Chemnitzer höheren Webschule zur Schau; es folgen Filetgewebe und Webwaaren (Hösel in Chemnitz) von hohem Werth und jeder Art; an Flanellen und Decken vorüber kommen wir zu der außerordentlich reich vertretenen Ausstellung von Strumpfwaaren, Strumpf- und Strickgarnen, winden uns durch vielbesuchte Gespinnste aller Art zu den Färbereiwaaren durch, und haben wir endlich die Plüsch-, Woll- und Baumwoll-Druckereien passirt, so wenden wir uns rechts der Treppe zu, die uns wieder zum Parterre der Haupthalle und zu unserem Ausgangs- und nun Ausruhepunkt im Octogon zurückführt.

Der Spaziergang ist gemacht, aber wie viel tausend Gegenstände, die sich dem Auge nicht aufdrängen, haben wir nicht gesehen, wie viele ganze Branchen nicht genannt und die vierundfünfzigtausend Quadratfuß der Maschinenräume noch mit keinem Schritt betreten! Dennoch wage ich es nicht, die Leser heute schon zu diesem neuen Gang zu verlocken; der eben zurückgelegte wird ihnen wenigstens annähernd ein Bild von dem Reichthum und der Anordnung dieser Ausstellung gewährt haben. Zur Beschauung der einzelnen besonders ausgezeichneten Gegenstände dieses Ausstellungstheiles sowie zu einem prüfenden Gang durch das Maschinenparterre an der Hand eines kundigen Führers bietet uns die eben beregte Abbildung des schönsten Theiles der Haupthalle in einer der nächsten Nummern der Gartenlaube die Gelegenheit.

Es sollte wohl die „patriotische Bildung“ bei uns hoch genug stehen, um besondere Vorzüge und Verdienste irgend eines einzelnen unserer Volksstämme zu einem Stolz aller Deutschen zu erheben, und demgemäß sollte es auch eine „patriotische Dankbarkeit“ geben, die den hervorragenden Leistungen eines Stammes die freudige Anerkennung von Seiten aller anderen Stämme sicherte; ob wir aber im dermaligen deutschen Nationalcharakter uns solcher erhabener Züge schon rühmen können? Darüber werden uns die Besucherzahlen der Chemnitzer Industriehallen belehren, die nicht zu betäubendem Pomp einladen und nationalen und noch anderen Eitelkeiten huldigen, sondern mit deutscher Einfachheit und Würde einzig der Ehre und der Förderung des Wohls des gesammten deutschen Vaterlandes dienen.




Herzog Karl August und sein Leibjäger.
I.

Es sind nicht blos die großen Begebenheiten, es sind auch die kleinen Charakterzüge, die eines Menschen tiefes Wesen zeigen. Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, Goethe’s und Schiller’s großherzigen Freund, das klare feste Haupt des Musenhofes, ihn kennt Jedermann. Und doch kennt man damit nur einen Theil seines Wesens. Wie soll man es sich erklären, daß dieser Fürst eines kleinen Landes jene großen Männer mit ehernen Banden an sich fesselte? Er konnte es, weil er die geistvolle Genossenschaft seines Hofes als Meister übersah, ihre Eigenthümlichkeiten mit liebevoller Geduld ertrug, ihnen gegenüber so gut wie nie den Herrn herauskehrte, weil er ihnen gewährte, was nur der wahrhaft große Fürst kennt und gewährt, Freiheit. Will man dieses begreifen, so betrachte man Karl August im Verhältniß zu seinen Bauern, Förstern und Dienern; man durchstreife die Försterhäuser und Kammergüter des Thüringer Waldes, in denen die Geschichten vom „alten Herrn“ als Heiligthümer vom Vater auf den Sohn forterben. In allen ist Karl August derb, kernig, großartig, oft streng und rauh, eine Gestalt wie aus Eisen; selbst ein ganzer Mann, ließ er dagegen jeden andern Mann gelten. Karl August hat sein kleines Land ungemein gehoben, ihm einen geachteten Namen gegeben, seine enge Hauptstadt und Hochschule zur Wiege unsterblichen Ruhmes gemacht; aber in den Geschichtsbüchern nicht verzeichnet steht die unendliche Hochachtung und Liebe, welche der alte Herr bei jedem Graukopf aus der alten Zeit noch besitzt; in den vielleicht nicht immer ganz wahrheitstreuen, öfter halb oder ganz mythischen Ueberlieferungen des Volkes sehen wir, daß Karl August war, was so Wenige, eine gewaltige, großartige freie Persönlichkeit.

Einer dieser Grauköpfe ist es, der mir in den stillen Abendstunden seines Forsthauses das Nachfolgende erzählt hat.

„Sehen Sie,“ sagte der Förster, „wenn ich an unsern alten Herrn denke, dann werde ich wieder jung. Da hängt er an der Wand; es ist ein schlecht Bild; aber so hat er ausgesehen, ein stattlicher Herr, breit und tüchtig, die Hände auf dem Rücken zusammengeschlagen; mit ihm ging immer ein großer Jagdhund und sah ihm nach den Augen; er liebte die schönen Hunde gar sehr, der Herzog Karl August, Gott hab’ ihn selig!“

„Ihr habt ihn gekannt?“

„Ob ich ihn gekannt habe! ich bin manchmal mit ihm auf dem Kesseltreiben gewesen oder hab’ ihm die Büchse gespannt, hab’ manches bissige Wort und manchen Laubthaler besehen von dem alten Herrn. Wie der war, so giebt’s heutzutage keinen mehr. Die geringen Leute verachtete er nicht; jeder Bauer, der schießen konnte, durfte mit ihm auf die Jagd gehen; seine Kammerpächter durften ihren Zins schuldig bleiben wie lang, wenn sie nur gute Bauern waren, so war er nicht streng. Es galt ihm ein jeder gleich, wenn er nur Kern hatte, und darauf hat er sich verstanden wie einer, wer Kern hatte oder wer nicht. Wenn er seine Leute ansah, so hatten sie Furcht; aber nach Zeit und Gelegenheit ließ er sich auch einen derben Spaß gefallen und machte ihn selbst. Er mochte nichts, was nicht Kern hatte. Die Beamten waren dazumal nicht so genau mit dem Rechnungswesen, kam auch nicht alle Augenblick von Weimar eine Commission zum Revidiren; da ging mancher Thaler nebenaus, wollte er oder wollte er nicht. Der alte Herr wußte es, denn der kannte jedes Gänschen auf seinen Kammergütern; aber er ließ es laufen, wenn sie die Geschichte nur nicht gar zu plump machten. War wieder einmal einer erwischt worden, der es zu grob getrieben hatte, den jagte der Karl August fort und sprach: „Hätt’ er’s gescheidter angefangen, so wär’s gut gewesen, aber der dumme Kerl hat sich doch gar zu täppisch angestellt!“

Der Leser dieses denke sich eine wohl eingeräucherte niedrige Fensterstube des Thüringerwaldes; Rehgeweihe über den Thüren, ein paar Büchsen im Gewehrschranke, einen langen Tisch für die bisweilen zu einem Glas Bier einsprechenden Bauern oder den in diese Einsamkeit versprengten Fußreisenden. An der Wand ein mächtiger schwarz glasirter Kachelofen, daneben ein Großvaterstuhl mit Hirschleder überzogen; ein Rehfell lag davor. Auf diesem Lehnstuhl saß der alte Förster, ein eisgrauer Mann, der aber noch gar vergnüglich aus den Augen sah, seinen Wasunger Knaster mit Lust rauchte und in den Pausen der Erzählung einen Schluck Bier trank, oder nach seiner Pfeife sah oder sich umschaute nach seinem geliebten Herrn, der in freundlicher Ernsthaftigkeit aus dem schwarzen Rahmen an der Wand niederblickte. Ein Hühnerhund hatte den Kopf auf des alten Försters Knie gelegt und sah ihn unverwandt mit klugen glänzenden Augen an, als verstände er die Geschichten, welche sein Herr erzählte; der Förster kraute dem betagten Freund den Kopf.

[394] Der aber, dem der alte Förster diese bunten Geschichten erzählte, ist auch mittlerweile nicht jünger geworden. Gar manchmal ist er über die Wartburg und den Rennstieg hinübergewandert nach der traulichen Stube, sich zu erbauen an der köstlichen Waldeinsamkeit und an den wundersamen Geschichten des Försters, welche dieser mit stets denselben Worten, aber stets neuer Lust vorbrachte. Ein Theil dieser Geschichten ward damals im frischen Eindruck der Gegenwart und möglichst getreu niedergeschrieben und darf wohl als wahr und echt gelten; freilich der gemüthliche Ausdruck der Worte und die behagliche Breite der Thüringer Mundart lassen sich nicht wiedergeben, sowenig als des Graukopfes glänzendes Auge, wenn er von seinem Herzog sprach, der nun schon fast vierzig Jahre todt ist und so viel Liebe hinterlassen hat, um solch ein altes Herz mit jugendlicher Gluth zu beleben. Das kleine Enkelkind, das damals die Freude des Alten war, ist unterdeß wohl ein großes Mädchen geworden; ob der alte Förster noch lebt, weiß der Berichterstatter nicht, der noch nach Jahren für seine stillen einsamen Stunden warmen Dank nachfühlt.

„Ja wohl,“ fuhr der graue Förster fort, „ich habe ihn gekannt, unseren Alten. Er mochte nur Leute um sich leiden, in denen Kern war. Fällt mir da sein Leibjäger ein, der Schnell; von dem könnt’ ich Geschichtchen erzählen und von seinem Herrn; ein närrischer Kerl, ja das war er. Auf eine merkwürdige Art war der Schnell zum Herzog Karl August gekommen. Droben in Salzungen war einmal in den siebziger Jahren eine große Jagd; dazu kamen die Herzöge von Gotha und von Weimar und viele andere große Herren zusammen, die Alle schon lange todt sind. Ueber der Jagd kehren die Herren einmal bei dem Förster Schnell ein und lassen sich’s wohl sein, wurden lustig und der Meininger fragte: ‚Schnell, wieviel Jungen hast Du eigentlich?‘ ‚Ja,‘ sagte der Schnell, ‚so viel, daß ich jedem Herzoge von Sachsen einen zum Leibjäger geben könnte,‘ sagt’ er. Es waren aber damals noch mehr da als jetzt. ‚Es soll ein Wort sein!‘ sagte der Herzog von Weimar und dann der Gothaer und der von Hildburghausen. ‚Gottlob! drei Jungen bin ich jetzt schon los!‘ sprach der Schnell. Die drei sind später auch Leibjäger geworden; der Herzog von Weimar aber hatte den besten bekommen.

Der Schnell war so ungefähr achtzehn Jahre alt und der Herzog zwanzig. Wenn einer ein gescheidter Kerl war und nicht zur unrechten Zeit kam, der durfte sich beim alten Herrn schon was herausnehmen; dafür genirte sich unser Herr auch nicht. Der Schnell war sein Leibjäger, bis er alt wurde und nicht mehr mitmachen konnte. Er verstand sich besonders gut auf das Dressiren der Hunde und Pferde, Karl August aber hatte schöne und kluge Jagdhunde über Alles gern. Wenn der Leibjäger ausritt, so sah es immer aus wie eine Menagerie; zuerst er selbst auf seiner schönen Stute, dann ein großer Wasserhund, dann ein Fohlen, dann ein Hund, dann ein zahmer Hirsch, endlich wieder ein Fohlen und ein Hund. Die liefen alle, eines streng hinter dem Anderen, und wenn eines ein bischen aus der Reihe ging, so brauchte der Schnell nur die Gerte rechts oder links hinauszuhalten, so gab’s gleich Ordnung. Wenn er so durch Berka ritt mit seinen Fohlen und Hunden, so lief ihm die halbe Stadt nach. So führte er sie spazieren in schöner Ordnung, und so ritt er auch in den Schloßhof vor den Herzog. Es war ein närrischer Kerl, der Schnell!

Die Jagd hatte unser alter Herr vor Allem gern; auch kam es ihm nicht drauf an, wer tüchtig schießen konnte, der durfte mit ihm auf die Jagd gehen, und wenn’s ein Bauer war. So hielt er einmal droben im Wald ein großes Kesseltreiben. Die Treiber jagten ihnen das Wild zu, die Leibjäger standen bei den Herrschaften und luden die Büchsen. Es waren viele Hasen im Trieb. Nun stand neben dem Herzog ein Bauer aus Lengefeld, mit einem alten Kuhbein von Gewehr, lud langsam, und wenn ein Hase herbeilief, plautz! schoß der Bauer den Hasen auf hundert Gänge dem Herzog vor der Nase weg. So ging es fünfmal, und der Herzog kam nicht zum Schuß vor dem Bauer. Da drehte sich der Büchsenspanner, der hinter dem Herzog stand, nach dem Bauer zu und winkte ihm, er solle zu schießen aufhören. ‚Was giebt’s?‘ fragte der Herzog. ‚Durchlaucht,‘ sprach der Schnell, ‚der Bauer schießt alle Hasen weg.‘ – ‚Aber er trifft sie! dort liegen sie alle fünf auf einem Haufen, und hat jeder seinen richtigen Purzelbaum gemacht. Schieß Du nur immer fort!‘ So sprach der Herzog.

Als die Jagd zu Ende war, trat er zum Bauer, nahm das Gewehr in die Hand, und sagte: ‚Kerl, Du schießt gut!‘

‚Durchlaucht,‘ sagte der Bauer, ‚mit einem guten Gewehr ist auch gut schießen.‘ Das Gewehr war ein altes Kuhbein mit einem Steinschloß, aber so lang wie der Tisch da. Es ist kein Wunder, meinten die Leute, daß der Kerl auf hundert Gänge trifft, sein Gewehr ist schon fünfzig Gänge lang.

‚Weißt Du was, Bauer,‘ sagte der alte Herr, ‚wir wollen tauschen. Da hast Du meine Büchse für das alte Ding da!‘

‚Durchlaucht,‘ sprach der Bauer, ‚ich möcht’ es nicht gern, ich bin einmal daran gewöhnt, aber wenn Ihr’s so gern habt und es sein muß –‘

‚Dummer Kerl, nichts muß sein. Willst Du Dein Kuhbein behalten, so behalt’s; weil Du aber gut schießt, so will ich Dir meine Büchse dazu schenken, kannst auch immer mit auf die Jagd kommen.‘

So ein Herr, mein’ ich, könnte gar nicht wiederkommen!

Einmal war große Jagd drüben im Werragrund. Jetzt hat man eine Brücke dort gebaut; aber dazumal mußte man durch die Werra oder hinten in Gerstungen über das Wasser. Dort jagte der Herzog gern, weil man das Wild so schön in’s Wasser treiben und darin abfangen konnte. So zog er auch eines Morgens von Wilhelmsthal aus mit vielen Herren vom Hofe bei Gerstungen über die Werrabrücke. Den Tag über war droben hinter Bach ein starkes Gewitter niedergegangen, so daß das Wasser mächtig groß wurde, wie fast noch nie. Da kam ein reitender Bote und meldete dem Herzog, daß drüben in Wilhelmsthal vornehmer Besuch eingetroffen sei, und daß die Herzogin ihn zur Mittagstafel erwarte. Da war guter Rath theuer! Ueber die Gerstunger Brücke, das war ein Umweg stundenweit, und der Herzog wär’ erst spät am Abend heimgekommen. Durch die Werra konnte man sonst wohl durchfahren und durchreiten, aber das Wasser war so wild und hoch, wie es noch niemand erlebt hatte. ‚Und ich muß nach Wilhelmsthal,‘ rief der Herzog zornig, ‚und wenn’s durch die Werra geht!‘

‚Durchlaucht,‘ sagte ein alter Bauer, der dabei stand, ‚durch die Werra könnten wir schon, aber nicht gerade durch, sondern erst steif gegen den Fluß und dann stromab, damit das Wasser die Kalesche nicht umwirft. Aber mit Euren verfluchten Schindmähren kann ich’s nicht,‘ sagt’ er, und wies auf des Herzogs stattliches Gespann.

‚Gut,‘ sprach lachend der Herzog, ‚schaff’ mich nach Wilhelmsthal wie Du willst!‘ Er schnarrte so, wenn er sprach, und sprach kurz und barsch; dabei trug er die Hände auf dem Rücken oder er legte sie vorn über einander und kräbbelte sich so im Aermel. So that er diesmal auch, denn die Zeit wurde ihm lang.

Der Mann kam endlich wieder mit vier prächtigen Hengsten und spannte sie vor die Kalesche. ‚Donner,‘ sagte der Herzog, ‚das sind freilich andere Pferde als meine Schindmähren!‘

Nun fuhren sie fort, der Bauer und der Herzog ganz allein, in Gottes Namen gradaus in die wilde Werra. Dem Herzog wurde es doch ein wenig bange zu Muthe, als die Pferde bis an den Bauch hineinfielen, und das Wasser durch die Räder schoß. Der Bauer hieb wie wüthend auf die vier Hengste, denn es ging gerade gegen den Strom an. Jü! Jü! Jü!

Das Wasser trat zum Kutschenschlag herein, und der Herzog mußte die Beine auf den Sitz heraufziehen. ‚Kerl,‘ sagte er, ‚die Sache geht schlimm!‘

‚Jü! Jü! Jü! Was an Galgen soll, versifft net im Wasser! jü! jü!‘

Jetzt waren sie in der Mitte, und der Bauer drehte rasch um nach dem rechten Ufer und fuhr im rauschenden Fluß stromab. Die Bäuche der vier Hengste und die Räder der Kalesche traten gemach wieder aus dem Wasser, und der Herzog kam glücklich zur rechten Zeit nach Wilhelmsthal.

‚Ich bin doch froh,‘ sagte er, ‚daß ich nicht noch einmal zurück muß.‘ Hat auch dem Bauer nachher einen stattlichen Rappen zu seinen vier Hengsten geschenkt.

Drüben an der Werra ist der alte Herr oft auf der Jagd gewesen, hat in des Försters Haus gewohnt, seine Stube wie hier die, einfache bürgerliche Möbel, hölzerne beschlagene Stühle. Bei ihm war der Schnell, denn wo der Herzog Karl August war, mußte auch der Leibjäger sein. Der Herr wird wohl wissen, wie es dazumal mit der Parforsch-Jagd war. In den älteren Zeiten war mehr Wild in den Wäldern, als heutzutage, so daß einem [395] die Hirsche nachliefen und aus dem Reff fraßen, wenn ich das Grummet heimtrug im Herbste. Dem Herzog mußte der Schnell die Hunde dressiren, dabei gilt es, daß der Leithund dem angeschossenen Thiere nachläuft und nicht von der Fährte abgeht; das verstand der Leibjäger aus dem Grunde den Hunden beizubringen.

So kam er einmal zum Förster in Berka, Ißleib hieß er. ‚Ißleib,‘ sprach er, ‚Du sollst heute Abend einen Hirsch waidwund schießen, daß wir morgen die Hunde auf die Spur bringen können.‘ Nun war zu jener Zeit ein strenges Regiment; die Förster schossen dazumal noch besser als jetzt, wo nur noch Eichhörnchen und Holztauben zu schießen sind; und wenn es hieß, ein Schmalthier soll geliefert werden oder ein Spießer für des Herzogs Küche, so konnte einer kurzerhand fortgeschickt werden, wenn er einen Zehner schickte. Der Ißleib geht also in den Wald und beschleicht einen Bock. Vorsichtig! denkt er, damit er bloß schweißt! zielt bedachtsam, und paff! da liegt der Bock und ist hin. Denn solch ein Thier stürzt schon von einem kleinen Posten, der es an der rechten Stelle trifft, und so geschah es diesmal. Der Förster kommt zum Leibjäger und wehklagt: ‚Schnell, ich hab’ den Bock todtgeschossen. Sag’s dem Herrn, aber daß er nicht böse wird. Auf die Hauptwache mag er mich schicken, nur nicht vom Brod weg.‘

‚Hm,‘ sprach der Schnell, ‚das ist eine ärgerliche Geschichte! Der Herzog wird gewaltig wild werden, wenn er’s erfährt.‘ Geht also hinein: ‚Durchlaucht,‘ spricht er mit so recht kläglicher Stimme und macht sich klein, denn er war ein langer schöner Mann; ‚Durchlaucht, der Ißleib steht draußen und jammert; er hat den Bock todtgeschossen. Aber er ist mit Allem zufrieden, nur sollen Durchlaucht ihm nicht ungnädig werden!‘ Der Herzog machte ein böses Gesicht, stand auf, legte die Hände auf den Rücken und brummte ärgerlich in sich hinein; so ging er in der Stube auf und ab; dann sagte er kurz und rauh: ‚der Ißleib soll morgen besser schießen, sonst geht’s ihm schlecht!‘

Am folgenden Abend geht der Förster wieder auf den Anstand. Nun ist es leicht, einen Hirsch waidwund zu schießen, wenn man nicht will, aber schwer, wenn man’s drauf anlegt. Dort steht nun der Ißleib, aber die Hand zittert ihm vor Angst, und er schießt den zweiten Hirsch richtig auf dem Platz todt.

Der Förster wollte sich die Haare ausraufen. Ich will froh sein, wenn ich mit vier Wochen Hauptwache davonkomme, dachte er. Der Leibjäger wollte nicht daran, es noch einmal dem Herzog zu sagen, aber endlich that er es. Der gnädige Herr ward sehr zornig. ‚Morgen soll sich der Ißleib auf der Hauptwache melden, auf vier Wochen,‘ brömmelte er zornig. ‚Heute aber soll er mir noch einen Hirsch anschießen, aber diesmal!‘

Und der Ißleib ging hinaus, und schoß in der Angst seines Herzens den dritten Hirsch todt.

Jammernd kam er zu dem Leibjäger. ‚Ich geb’ Dir Alles, was ich habe, wenn Du mir Verzeihung schaffst vom gnädigen Herrn; nur fortjagen soll er mich nicht und mir nicht böse werden!‘

‚Bist selber ein armes L–,‘ sagte der Leibjäger, ‚und hast nicht viel zu geben, wenn Du auch Alles zusammennimmst. Das ist eine böse Geschichte, und es ist das letzte Mal, daß ich Dir aus der Patsche helfe, das sage ich Dir, – wenn ich Dir helfen kann.‘

Er ging also hinein zum Herzog, der saß und arbeitete. ‚Durchlaucht,‘ sprach er, und machte den Rücken krumm, und ein weinerliches Gesicht und eine weinerliche Stimme, so erbärmlich, als er sie auftreiben konnte, ‚Durchlaucht, der Ißleib hat wieder Unglück gehabt. Er hat richtig gezielt, aber die Kugel hat sich auf dem Mastdarm verschlagen und ist dem Hirsch durch das Herz gefahren.‘

Der Herzog schwieg lange still und machte grimmige Augen. Dann sagte er:

‚Wenn sich die Kugel auf dem Mastdarm verschlagen hat und durch’s Herz gegangen ist, so kann der Ißleib freilich nichts dafür. Morgen will ich selbst hingehen und mir einen Bock anschießen. Den Hirsch aber schicke ich nach Jena auf die Anatomie und wenn sich die Geschichte mit dem Mastdarm nicht genau so herausstellt, so geht es dem Ißleib nicht gut!‘

Selbigen Abend aber hatte der Förster einen Hirsch richtig waidwund geschossen, und ist nicht einmal auf die Latten gekommen, und war doch nur der Schnell mit seiner Geschichte von dem Mastdarm schuld daran.

Bei Weimar ist ein Dorf, heißt Pfiffelbach. Dort ist ein kleines Fichtenwäldchen, in dem unzählige Raben nisten; mancher Baum trägt seine sechzig bis siebenzig Rabennester. Da wurde denn alle Jahre ein großes Schießen gehalten; der Herzog war dabei und der ganze Hof und was von Besuch bei Hofe war. Ein Theil der Raben wurde weggeschossen, Rabenbulliong gekocht und noch viel mehr Wein getrunken.

So war einmal ein fremder Fürst zu Weimar auf Besuch zu der Zeit, als gerade das Rabenschießen war, und der große Herr war natürlich auch dabei. Bei solcher Gelegenheit lädt nicht der Leibjäger des Herzogs Flinte, sondern er wählt sich sonst einen; der Schnell aber bediente den fremden Fürsten; wer es war, weiß ich nicht mehr.

Als nun die Rabenjagd zu Ende ging, fiel es dem Herrn ein, er müßte seinem Büchsenspanner doch auch ein Douceur geben. Er fragte also seinen Nachbar, einen Herrn vom Hofe auf französisch, was bei solcher Gelegenheit wohl zu geben üblich sei. Der andere sagte, das werde nach Belieben gehalten, ein Laubthaler oder ein Kronenthaler, ein Ducaten oder auch mehr, je nachdem. Der Schnell verstand auch französisch, denn sein Vater war aus Frankreich in den Thüringerwald gekommen; also verstand er Alles, was die zwei mit einander redeten. Nun weiß ich nicht ob der fremde Herr besonders sparsam war, oder ob er blos dazumal dachte: wozu einen Ducaten ausgeben, wenn’s ein Laubthaler auch thut? genug, er zog den Beutel, in dem ein paar Goldstücke blitzten. Aber diese Ecke zog er behutsam zu, holte einen Laubthaler hervor und gab den dem Leibjäger zum Trinkgeld.

Der Schnell zog ein schiefes Gesicht, sagte aber gar nichts, griff in die Westentasche, holte auch einen Laubthaler hervor, und rief laut: ‚Heda, ihr Burschen! Habt euch den ganzen Tag geschunden, da kommt, da habt ihr zwei Laubthaler, dafür trinkt einmal auf meine Gesundheit.‘

Der fremde Herr riß die Augen gewaltig auf und machte selbigen Tag bis zum Abend ein ärgerliches Gesicht. Noch spät ließ der Herzog Karl August seinen Leibjäger kommen. ‚Schnell,‘ sagte er grimmig, und der Zorn sah ihm aus den Augen heraus, ‚was hast Du mir da heute für Dummheiten gemacht? Bist Du nicht ein Flegel, daß Du meinen Besuch so in’s Gesicht zum Narren hast? Was soll der Herr von mir denken, daß ich solch’ einen groben Leibjäger habe? Heut bist Du zum letzten Male mit auf der Jagd gewesen.‘

‚Durchlaucht,‘ sagte der Schnell dagegen, ‚das habe ich Ihnen nicht zur Schande, sondern zur Ehre gethan. Soll der Kerl wohl gar meinen, des Herzogs von Weimar Leibjäger seien so schlecht gehalten, daß man sie mit einem schäbigen Laubthaler abfüttert? Wahrhaftig, Durchlaucht, es ist mein letzter gewesen, nicht einen rothen Mops habe ich mehr im Sack; aber ehe ich mir von so einem einen Laubthaler schenken lasse, als ob ich ein Hungerleider wäre, und nicht Euer Durchlaucht Leibjäger, eher schenke ich das Geld den Jägerburschen.‘

Karl August griff in die Tische, zog einen Louisd’or heraus und sprach recht brummig, aber inwendig freute er sich doch und lachte aus den Augen: ‚Da, Schnell, um Deine zwei Laubthaler sollst Du nicht kommen, aber sei mir nicht mehr so grob gegen meine Gäste.‘

Daß der Herzog Karl August ein lustiger Herr war in seiner Jugend und besonders mit Goethe zusammen manchen lustigen Streich ausführte, ist bekannt, die Gartenlaube selbst hat aus der Ilmenauer Zeit verschiedene seiner Stückchen erzählt. Auch in Berka[1] und Tannroda, zwei reizend gelegenen kleinen Orten, nur zwei Stunden von Weimar entfernt, hielt er sich gern auf, und dort, namentlich im Tannroder Forst, auf einem dazu eigens ausgehauenen Platz, tanzte er oft mit den hübschen Bauermädchen mitten unter seinen Förstern, Bauern und Hofherren.



[396]
Diesseits und jenseits der Alpen.
Illustrirte Erinnerungen von L. Löffler.
I.
Zürich. – Rapperschwyl. – Chur. – Thusis. – Via mala. – Der Präsident als Postillon. – Splügen. – Splügenpaß. – Lirathal.– Chiavenna. – Comersee.


Die Gartenlaube (1867) b 396 1.jpg

Milchverkauf in Chiavenna.

Die Gesellschaftszimmer des Hotel Baur au Lac in Zürich wimmelten von einer bunten Schaar Reisender beiderlei Geschlechts. Elegante Französinnen, nachlässig im Lehnstuhl liegend, conversirten lebhaft mit den anwesenden Landsleuten, blond weißlockige Töchter der grünen Insel blätterten mechanisch in den ausliegenden Albums, und wenige Deutsche, mit und ohne Bart und Haupthaar, zischelten schüchtern in den Ecken. Die Stimmung im Allgemeinen war eine trübselige für den Aufenthalt an dem Ufer des herrlichen See’s, Grund hierzu ein anhaltender dichter Regen. Weder das glänzende Diner noch die rauschende Musik konnten den Humor aus seinem Verstecke locken, und die Absicht einer Aenderung der Verhältnisse äußerte sich in den verschiedensten Mundarten durch den Ausruf: „partir,“ „parting“ – „Abreise.“ Letzterer Sprachlaut war auch der unsrige und am nächsten Morgen schwamm der Dampfer St. Gotthard mit uns durch den grauen Nebel, hinter welchem, nach den Vorspiegelungen des guten Bädeker, die lange Kette der schneebedeckten Alpen, der Hauptreiz der Landschaft liegen sollte. Die zwei Stunden in der öden Wartestube der Eisenbahn zu Rapperschwyl waren nicht geeignet uns der Behauptung „welche Lust gewährt das Reisen!“ zugänglicher zu machen. Erst die Ufer des wunderbaren Wallensee, an dem wir späterhin vorüberfuhren, setzten uns wieder in den Stand uns den Eindrücken der großartigen Natur zu überlassen. Wie ein Opal breitet sich der vier Stunden lange See zwischen den himmelanstrebenden Bergwänden aus, von denen die angeschwellten Gebirgswässer in reicherem Maße und massenhafter als gewöhnlich herabfielen, der einzige Vortheil der uns durch den Regen wurde. Mit den verschiedenen Stationen verändert sich der Charakter des mitreisenden Publicums. Allmählich wird die breite schweizer Sprechweise von dem volltönenden Italienisch unterbrochen, – die bäurischen Gesichtszüge machen intelligenten, schwarzäugigen Südländern Platz und die Sammetjacke fängt an eine Stellung zu gewinnen. Unser Ziel für jenen Tag war Chur, die Hauptstadt Graubündens. Ich kann wohl sagen, daß ich dort auf dem Balcon des Hotels stehend, dem unteren Fenster die Därme geopferter Hühner mit einer gewissen Beruhigung in die dem Rheine zurauschende Plessur entfliegen sah. Sie ließen in mir eine Ahnung des bevorstehenden Diners auftauchen. Dasselbe entsprach, was die Küche betrifft, meinen Erwartungen, nur war bezüglich der Gesellschaft ein junges englisches Ehepaar allzu nachsichtig gegen die Albernheiten des verzogenen Sprößlings, während ein schwarzhaariger Seelsorger desselben Landes die verschiedenen Nationalitäten auf Kosten der Fremden zu erforschen suchte.

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Nächtlicher Fischfang mit Harpune am Comer See.

Einer Reise in die Wolken glich die am nächsten frühesten Morgen fortgesetzte Fahrt durch das Rheinthal. Hinauf in die Berge ging es; über Reichenau, wo Louis Philipp im Winter 1793 seine Hauslehrerstelle antrat, – über dumpfdröhnende, von allen Seiten bedeckte Holzbrücken durch Wolken und Gestein nach Thusis. Jupiter pluvius schmollte nicht mehr! Phöbus durfte sein „flammenhufiges Gespann“ schirren. Bald strahlte die Sonne auf unsere frischen munteren Pferde; in offner Chaise, die feuchte kühle Luft einathmend, gelangten wir zwischen die starren Felswände, welche die Via mala bilden. Noch einen Blick thut man zurück. Am Eingang der Schlucht liegt, als gigantischer Hüter derselben, ein Felsblock mit den Resten einer der ältesten Burgen (Hohen-Rhätien), und hinter ihm das sonnige Thusis.

Die schaurige Großartigkeit der Via mala ist hinlänglich beschrieben und besungen, denn oft war sie der Schauplatz weithin klagender Verbrechen und Unglücksfälle.

Als unvermeidlicher Tributabtreiber karrt ein Bursche an der zweiten Rheinbrücke, die ihren Bogen über einen vierhundertachtzig Fuß tiefen Abgrund spannt, schwere große Steinblöcke auf dieselbe und schleudert sie von dort in die Tiefe. Erst nach langer Zeit hört der waghalsige Reisende das Krachen der unten angekommenen.

Wie wohlthuend wirkt auf die einsame Schlucht das Schamser Thal, das sich, mit seinen grünen Matten und weidendem Vieh, hinter derselben ausbreitet. Andeer liegt darin, vor dessen „Hotel Fravi“ wiederum der Pferdewechsel stattfand.

Schweizer Postillone in blauen Schooßjacken hatten uns bis [397] jetzt geführt, hier aber tritt zu unserem Erstaunen ein civilfashionable gekleideter junger Mann an den Wagen, grüßt uns leicht, wirft aristokratisch nachlässig sein carrirtes Plaid auf den Kutschbock, besteigt diesen, läßt sich Zügel und Peitsche reichen – und „rasch hin flogen die Rosse“. – Wir waren überrascht! – Unsere Vermuthung fiel auf einen verrückten Engländer, der dem Posthalter möglicherweise eine solche Ausschweifung abgezwängt hatte; auch war das schweigsame Wesen des neuen erfahrenen Lenkers ganz geeignet, uns in diesem Glauben zu bestärken. Erst bei dem Ferrera-Thal zeigte er sein gutes Deutsch in der Bemerkung: „dort drüben, in einer der Hütten, hat er damals als Carbonari gewohnt“ – (wir hatten nämlich von Louis Napoleon gesprochen) – und jetzt, in der Fortsetzung des Gespräches, trat auch der geistig gebildete Mann hervor.

Die Gartenlaube (1867) b 397.jpg

Leben am Comer See in Bellagio.

Wir konnten uns die Sache immer weniger enträthseln!

Fort ging es durch das Rheinwaldthal, an zahllosen Rheinfällen vorbei nach Splügen.

Hier erreichte unsere Spannung ihren Höhepunkt. Mit freundlicher Eile kamen der Wirth und die Kellner herbei, nicht uns – nein, zuerst unsern Kutscher zu empfangen, dem sie – wir irrten uns wahrhaftig nicht – ein „guten Morgen, Herr Präsident“ zuriefen.

Wie in dem heftigsten Ausbruch der Krankheit oft zu gleicher Zeit das Uebel gehoben ist, so ging es uns auch hier. Der junge Mann war wirklich Präsident jener Gegend, eine Stellung, die der eines preußischen Landrathes nahe kommt. Was würde ein solcher in ähnlichem Falle thun – wie würde sich nur ein Posthalter geriren, wenn kein Postillon vorhanden und dennoch eine Extrapost zu befördern wäre?

Der Präsident, der von hier aus wieder nach Andeer zurückkehrte, nahm vorher unsere Einladung zum Diner an und zu wiederholtem Male nahmen wir den Unterschied der Graubündener gegen die übrigen Schweizer wahr. Körperlich wie geistig ist jener Menschenschlag bevorzugt und selbst die tölpelige Gaumensprache ist einer voll und angenehm klingenden Zunge gewichen.

Bis dahin hatten wir die Schneeberge vor und über uns gehabt; von Splügen aus ging es in sie hinein auf einem Wege, der, von oben gesehen, den Eindruck grauer Leinwand auf der Bleiche macht. In ganz kurzen fast parallellaufenden Windungen zieht sich die Straße hinauf in die urweltlichen Regionen der Steine und des Schnee’s. Nur zwei Baulichkeiten, die den Arbeitern als Nachtquartier dienen, unterbrachen die großartige kahle Oede. Stundenlang dauerte dieser Charakter.

Endlich erreichten wir die Spitze in einer Höhe von circa sechstausendfünfhundert Fuß, wo ein einfacher Stein die italienische Grenze bezeichnet, und lustig kingelten nun die armen gequälten Gäule hinab. Aber es war eine grausige Fahrt. Oft mit Schauder rollten wir dem schwindelnden Abgrunde zu, vor dem nur einfache Holzgeländer einen moralischen Schutz gewähren; doch mit unglaublicher Gewandtheit riß der Postillon die Pferde in dem entscheidenden Momente herum. Lange Tunnel, um vor den fallenden Lawinen zu schützen, unterbrechen diese mit großer Mühe von den Oesterreichern angelegte Passage. Nur einmal hielten wir, um den Fall des Madesimo zu betrachten, der siebenhundert Fuß tief in das Thal hinabstürzt. Auf einem gemauerten Vorsprung, welcher zu demselben führt, ist man von Wasserstaub umgeben und, wenn man das mächtige Schauspiel verläßt – von Bettelkindern, dem Segen Italiens.

Wir waren wirklich in Italien und das erste Städtchen, Campo dolcino, bald erreicht. Hier anständige Visitation und Pferdewechsel. Schmutz starrt Einem entgegen, schiefe Häuser mit zerbrochenen Fensterscheiben und herauswehenden Lappen sind die Behausung einer Bevölkerung, die sich vor den Thüren herumsielt und gegenseitig in den Haaren kraut.

Kam das Lira-Thal. Als ob jene große Umwälzung, welche einst unsern Erdball kopfüber kopfunter stürzte, erst kürzlich erfolgt wäre, so liegen hier die herabgestürzten Felsstücke durcheinander und nur die von Früchten strotzenden Maronenbäume, welche sich in riesigen barocken Formen zwischen denselben hervorarbeiten, beweisen das Gegentheil. Weiße Häuser in nicht zu berechnender Architectur, mit Treppen, von denen man nicht weiß, wo sie herkommen, noch wo sie hinführen, unterbrechen das dunkelgrüne Chaos, durch welches die Lira ungeberdig hinabzankt. Den Hintergrund dieser ganzen entzückenden Partie, die in tropischer Ueppigkeit wuchert, bilden die weißblauen Schneeberge.

Bald nehmen die Rebengehänge, welche die Straße entlang ziehen, die Stelle der Kastanien ein. Welcher Wechsel! Nur eine halbe Tagereise – nur Stunden weit, und andere Natur – andere Menschen – andere Sitten! Dort der Winterrock – hier die Hemdsärmel! Dort Thusis – hier Chiavenna.

Die Peitsche knallte und die Schellen unserer fünf Braunen machten noch vielfach mehr Lärmen, als wir durch die engen Straßen dieser Stadt fuhren, und die Bewohner flüchteten in die Thüren und bekamen als Gruß den reichlichen Inhalt der Gosse, den ihnen Pferdehufe und Räder nachsandten. Große Räume [398] in dem gewöhnlichen italienischen Palaststil nahmen uns auf. Gemalter Marmor, Zitzvorhänge und napoleonisches Meublement umgab uns in dem Hotel Conradi, welches neben jener ausgedehnten Burgruine liegt, an welche sich die Erinnerungen an den Rothbart und Heinrich den Löwen knüpfen.

In Chiavenna war großer Feiertag, denn es war der 15. August, Mariä Himmelfahrt. Die Straßen waren ziemlich still, einzelne Köpfe lugten hinter den Vorhängen des kleinen Cafés hervor und hier und da huschte eine verspätete Gläubige, tief verschleiert, nach der Hauptkirche San Lorenzo. Auch wir folgten dem Drange des Herzens, fanden dort die feiernden Chiavennesen im Kreuzgang versammelt und die Capellchen geöffnet, welche uns mit den Tausenden von Knochen, den bunt geschnitzten Schädeln und zahlreichen Gerippen, denen oft noch die irdischen Namen ihrer Nutznießer angeklebt sind, eine treffliche Mahnung an die Vergänglichkeit wurden. Dies auch im höchsten Grade begreifend bestellten wir die Pferde. Um zehn Uhr enteilten wir dem romantischen Gebirgskessel, dessen fortlaufende Wände, großartig in historischer Zeichnung wie Färbung, die Straße nach Colico bilden. Maulbeer- und Weidenplantagen haben die Maronen verdrängt. Einsam, verlassen ist der Weg. Nur einzelne verfallene Bauten, die in dem von Riva an sumpfigen Terrain liegen, lassen argwöhnen, daß es sich hier nicht immer ganz sorglos reisen lasse. Unweit Colico, in weiter Fläche auf einem Hügel, zeigen sich Trümmer der einst von den Spaniern erbauten Zwingburg Fuentes. Auch wieder ein Memento mori! – Colico ist der Landungsplatz für den nordöstlichen Theil des Comer Sees.

Durch wüste, übelriechende Bogengänge stiegen wir die Steintreppe in einem der beiden Gasthäuser hinauf und gelangten in den geräumigen Speisesaal mit Estrichfußboden, Strohmatte und dem ewigen italienischen Zugwinde. Fenster oder Thüren zu schließen, scheint oft nur eine unangenehme Angewohnheit der Fremden zu sein, die dem Eingebornen unnöthige Mühe verursacht. Zwei ungezogene Engländer nahmen mit allen vier Füßen das einzige Sopha ein und zeigten, wie jeder reisende Schuster dieser Nation sich der Herr der Welt zu sein dünkt und dies den anderen Staubgeborenen in nur allzu bekannter Weise kund zu geben vermag.

Welche unendliche Poesie umgab uns wenige Zeit darauf, als wir jenseits des herrlichen Sees unter dem schattigen Grün der Terrasse des Hotel Genazzini in Bellaggio den wunderbaren Abend genossen! Es war ein tief zur innersten Seele sprechendes Schauspiel und der Himmel hatte alle Requisiten herausgegeben, um dasselbe so glänzend als möglich in Scene zu setzen. Ueber den duftigen Bergen, an denen sich die ununterbrochene, erleuchtete Häuserreihe entlang zieht, wurde der Untergang des ersten Mondviertels trefflich executirt und Myriaden von Sternen angesteckt. Geheimnißvolle Gondeln mit heimlichen Pärchen huschten geräuschlos vorüber und nur einzelne silberne Funken verriethen die Bewegung der sonst so stillen Wasserfläche. Alles war dazu angethan, nichts zu sprechen, nichts zu denken, sondern nur in überschwenglichem Gefühl hinzustarren in das verwirklichte Traumbild. Bellaggio als Stadt ist einfach die kleine, italienische Bergstadt. Steinerne Arcaden ziehen sich den See entlang. In ihnen liegen die Cafés und Hauptgeschäfte, die den Buden eines Badeortes gleichen. Zwischen denselben führen treppenartig gepflasterte, gewundene Straßen steil hinauf in das Innere des Ortes. Noch engere Wege leiten nach den verschiedenen Richtungen. Einzelne hübsche Weibergestalten hocken vor den abschüssigen Gebäuden, die nach Willkür in Feldstein und Mörtel aufgeführt und mit Hohlziegeln gedeckt sind und die aus so vielen Bogen und Dächerchen, Winkeln, dunklen Eingängen und Weingeländen bestehen, daß man vor Begierde, Alles in seinem Skizzenbuche zu haben, zu Nichts kommt. Unmittelbar über der Stadt liegt die Villa Serbelloni, ein kleines Paradies, zu dem der Engel mit dem Schlüssel durch Erlegung der so allgemein gebräuchlichen Abgabe gewonnen wird. Der Park, welcher sich bis zur Spitze des bewaldeten Vorgebirges hinaufzieht, ist reich ausgestattet mit Riesen-Aloen, Tuja, Oleander, Cypressen, Magnolien etc. und bietet die entzückendste Aussicht. Unter uns breitete sich der Comer See mit seinem Wasserbruder, dem Lago di Lecco aus. Die Städtchen, Villen und Häuschen lagen theils im Glanze der untergehenden Sonne, theils in dem tiefen violetten Abendschatten und heraus tönten die Glöckchen des Ave Maria in melodischem Chore. Ein Gefühl unendlichen Friedens wurde von dort angeregt, wo doch überall so viel Haß, Zwietracht, Neid und Eifersucht ihr Wesen treiben. Als die Mondsichel dann hell und klar am Himmel stand und wir in das märchenhafte Dunkel hinabgestiegen und die Lichterchen angezündet waren und das sonst so durchsichtige hellgrüne Wasser als schwarze stille Masse vor uns lag, aus der nur das Plätschern der Ruder und hin und wieder heiteres Lachen und Gesang tönte – da schwammen auch wir in einer jener malerischen Gondeln über den See. Hier machte auch der Berliner Bankier, unser momentaner Genosse, seinem Herzen Luft. Er, der ewig Erheiternde – der sogenannte „Tausendsappermenter“ – er, welcher die preußische Intelligenz für den Süden verarbeitete, brach in die leidenschaftlichen Worte aus: „Die Nacht ist auch nicht von schlechten Eltern!“

Was die Villen des Lago di Como betrifft, d. h. die Gebäude selbst, so sind die berühmteren, Villa Carlotta und Villa Melzi, in dem widerwärtigen napoleonischen Stile, dem Stile der mißverstandenen Antike, gehalten. Erstere enthält an Schätzen die bewundertste Schöpfung Thorwaldsen’s, den „Alexanderzug“ und eines der reizendsten Gebilde des anmuthigeren Canova – seinen Amor und Psyche, eine Gruppe voll ästhetischer Sinnlichkeit. Die Villa Melzi dagegen liefert in dieser Richtung nicht solche Perlen, sondern sie ist ausgezeichnet durch ihren Ueberfluß an exotischen Gewächsen, die hier, wie in einem botanischen Garten, zur Geltung gebracht werden. Die ganze Erde liefert dem jetzigen geistvollen Garten-Intendanten Louis Villain, einem geborenen Erfurter, ihre Bodenerzeugnisse.




Blätter und Blüthen.


Robert Blum und der arme Poet. „Wenn sich aus meinem Parlament im Dorfe hin und wieder eine Brandrakete statt einer humoristischen Leuchtkugel erhebt, wird man mir verzeihen müssen, denn ich habe gegenwärtig keinen andern Humor, als den Humor, den einst der Henker in der Folterkammer der heiligen Inquisition belächelt haben mag. Damit sei den Königen gesagt, daß sie auf meinem Leibe nicht das Hemd des Glücklichen finden werden. Das Glück hat mich zwar in den sechs Jahren meiner Ehe jährlich regelmäßig mit einem jungen Weltbürger beschenkt, – das ist aber auch Alles, was ich dem Glück verdanke, alle andern Gaben hat mir sehr freigebig das Unglück zugemessen, das mein treuester Gefährte und Hausfreund war, seitdem mir der Bart gewachsen ist.“

Diesen Monolog murmelte ein Mann in seinen besten Jahren, der in seiner bescheidenen Dachwohnung in Wien an seinem Schreibtisch saß, in dem Manuscript eines Bühnenwerkes blätterte und die vielen Fragezeichen bitter belächelte, die ein blödsinniger Dramaturg mit dickem Rothstift hineingezeichnet hatte.

Der Mann nannte fast nichts mehr sein, als einen Goethe ohne Ohren, einen Schiller ohne Nase, einen Lessing ohne Kopf, und neben diesen Fragmenten deutscher Classiker einen artigen Stoß Papier, wenn auch keine Staatspapiere; zudem besaß er noch ein hübsches junges Weib und vier kleine Kinder, die mit Quecksilber in den Adern um den Vater herumsprangen, lustig und lebendig, wenn auch im Normal-Costüme, das ihnen die Natur nach den neun Monden ihrer Entwickelungsperiode mit auf die Welt gegeben hatte.

Man wird ohne Zweifel errathen, daß der Meister dieser vier lustigen und lebendigen Werke – ein deutscher Schriftsteller, so ein armer Lorenz Kindlein war.

Während die Kinderchen sangen und sprangen, die hübsche Mutter lachte und zankte und der grollende Vater brummte und murmelte, war unbemerkt ein Fremder eingetreten.

Dieser Gast, ein untersetzter kräftiger Mann, in der Uniform der akademischen Legion, mit vollem Bart, ernsten Gesichtszügen und Augen, in welchen sich der kühne und trotzige Geist des tollen Jahres spiegelte, der Mann mit eisernem Willen und markiger Rede war der Leipziger Bürger und deutsche Abgeordnete – Robert Blum.

„Man muß hoch steigen, um zu Euch zu gelangen, Camerad!“ rief er lachend, „Schiller hat Recht, daß er bei seiner Theilung der Erde dem Poeten den Himmel zugewiesen hat, wenn man auch ein wenig müde auf Eurer Jakobsleiter wird.“

„Willkommen, Herr Blum!“ begrüßte der überraschte Dichter achtungsvoll den wackern Patrioten, indem er ihm einen Stuhl bot und die hübsche Frau ihren Knix machte und ihre vier Kinderchen in die Küche hinausdrängte.

„Ohne Umstände, Freund,“ sprach Blum, nachdem er neben dem armen Poeten am Schreibtisch Platz genommen, „Wir brauchen ein artiges Gedichtchen zu einer Fahnenweihe – wollt Ihr uns das Ding liefern? Es sind einige Holländer dabei zu verdienen.“

„Und darum suchen Sie mich, mich in meiner bescheidenen Dachkammer auf?“

[399] „Ja Euch, gerade Euch! Macht keine Flausen! Ich habe so manches Tüchtige von Euch gelesen – Ihr habt das rechte Zeug, zum Herzen des Volkes zu sprechen, und seid ein ganzer Mann, wenn Ihr auch in einer Dachkammer wohnt. Nun, wollt Ihr?“

„Welche Frage!“

„Schlichte Worte, ehrlich, deutsch, kräftig, Camerad. Wann erhalte ich das Ding?“

„Morgen, vielleicht noch heute.“

„Abgemacht! Aber – nichts für ungut, Camerad – wenn Ihr da auch mit Zeus in seinem Himmel lebt, möchte ich Euch doch lieber auf der Erde sehen. Was treibt Ihr denn? Die Scheere der Censur kann die Flügel der Phantasie nicht mehr stutzen, – warum schreibt Ihr denn nichts mehr für die Bühne, die Euch doch manches gute Volksstück verdankt?“

Der Dichter deutete mit einem tiefen Seufzer auf das Manuscript, das vor ihm auf dem Tische lag.

„Das Parlament im Dorfe,“ las Blum. „Wahrscheinlich eine Parodie?“

„Bewahre! Eine ganz harmlose Studenten-Komödie.“

„Nun, warum laßt Ihr sie denn nicht los?“

„Die Directoren machen Schwierigkeiten. Es ist kein Königsmord, keine Minister- und Priesterhetze, kein Barricadenkampf, ja nicht einmal eine Katzenmusik in dem Stück. Man findet es nicht zeitgemäß. Zudem ist der Held in meinem Stück ein Fürst.“

„Ein Fürst?“

„Und noch dazu ein edler Fürst.“

„Ah, das ist gefehlt. Man findet zwar noch Edelmuth auf dem Throne, aber selten, sehr selten, Freund. Greift in’s Volk hinein, wenn Ihr Helden sucht – warum die Fürsten glorificiren? Was haben denn die Fürsten für Euch gethan? Verkümmern ließen sie Euch in Eurer Dachkammer wie viele tausend Andere, die in Wort und Schrift für sie gewirkt. Der deutsche Schriftsteller ist für die Herren Gesalbten ein Paria; krümmt er sich, wenden sie sich mit Ekel von ihm ab; erhebt er sich, nehmen sie ihm Freiheit und Vaterland, wenn sie ihn nicht zermalmen können.“

„Nicht alle, nicht alle.“

„Haben Sie vielleicht da einen zweiten Karl August oder einen neuen Joseph geschaffen?“

„Wenn auch keinen Joseph, doch einen ‚Schützer der Menschen‘.“

„Aller Menschen, will ich hoffen, nicht blos der Menschen, die Fürst Windischgrätz erst beim Baron anfangen läßt. Vertraut mir Euer Manuscript auf ein paar Tage an. Wenn in Euerem ‚Parlament‘ mehr gesprochen als geschnattert, und mehr gereinigt als gewaschen wird, werde ich es in Leipzig eröffnen lassen, und dann wird es seinen Weg schon weiter machen. Laßt nur mich und die Leipziger Studenten dafür sorgen.“

„Ach, zu welchem Dank werden Sie mich verpflichten!“ rief freudig der Schriftsteller, indem er sein Manuscript in einen Umschlag hüllte und es dem berühmten Volksmann reichte.

„Armer Camerad!“ sagte dieser mit warmer Theilnahme, „wenn Ihr ein Franzose wäret, würdet Ihr schwerlich gegen diesen Katzenjammer des Lebens zu kämpfen haben. Ja, ja, auch die deutsche Schriftstellerwelt hat ihre Sclavenketten, und das Schicksal ist ein Tyrann, dem die junge Freiheit noch immer nicht die Sclavenpeitsche aus der Hand winden kann. Auf Wiedersehen, Camerad! Morgen erwartet Euch der Kritiker, aber ein gerechter Kritiker. Ihr dürft schon etwas geben auf mein Urtheil. Ich habe mich auch ein wenig herumgetummelt in der Künstlerwelt, und meine Fühlhörner so ziemlich geschärft auf der Bühne.“

Der wackere Volksmann verließ den armen Poeten, beschenkte dessen Kinderchen mit blanken sächsischen Silbermünzen, sprach von den vier Kindern, die in Leipzig des Vaters harrten, und eilte in die Aula, um durch feurige Rede die akademische Legion zur Ausdauer und zum Kampfe auf Leben und Tod zu begeistern.

Wie versprochen, überbrachte ihm schon am nächsten Morgen der Schriftsteller das bestellte Gedicht und empfing ein Honorar von sechs Ducaten dafür, die für die junge Frau des armen Poeten Manna in der Wüste waren. Auch Blum war fleißig gewesen. Er hatte über Nacht das „Parlament im Dorfe“ gelesen.

„Euer Fürst ist ein Freund des Volkes,“ sprach er den Verfasser an, „und macht selbst auf die alte Fledermaus Jagd, die mit ihren gewaltigen Flügeln Jahrhunderte lang die Sonne der Wahrheit deckte. Es bleibt dabei – ich lasse Euer Stück in Leipzig in Scene setzen, Camerad!“[2]

„Ach, ich wünschte Ihnen im Interesse meines Stückes, aber mehr noch in Ihrem eigenen Interesse, bald, recht bald Lebewohl sagen zu können,“ antwortete traurig und ahnungsvoll der Dichter.

„Ach bah! Ich halte aus mit Euch bis auf den letzten Mann. Ich fürchte weder Euern Generalissimus, noch den Belagerungszustand. Das Reichsparlament ist meine Garde und mein Mandat der Schild, der mich deckt. Meine Person ist unverletzlich – also auf Wiedersehen, Camerad!“

„Auf Wiedersehen!“ seufzte der Dichter aus beklommenem Herzen.

Ein böses Fieber warf den armen Poeten auf’s Krankenlager. Er verträumte die schönen Tage, in welchen die kaiserlichen Truppen in Wien einrückten, Fürst Windischgrätz seinen Marschallstab wie eine Geißel Gottes schwang und sein Blutgericht eröffnete.

Es war am neunten November, als ein Soldat in die Wohnung unter dem Dache trat und der Gattin des kranken Schriftstellers ein Stückchen Papier überreichte, auf welches flüchtig folgende Worte hingeworfen waren: „Director Stöger hat Ihr Stück. Ich kann nichts thun für Ihr ‚Parlament‘ – muß mich für das blaue Parlament dort oben vorbereiten. Adieu, Camerad!“

„Was bedeutet das?“ flüsterte die junge Frau erbleichend.

„Weiß nicht,“ antwortete der Soldat phlegmatisch. „Herr Robert Blum ist heute früh in der Brigittenau erschossen worden.“

„Allmächtiger Gott – todt?“ hauchte die junge Frau entsetzt.

„Todt und als Mann gestorben!“

Der Soldat entfernte sich, die junge Frau betete leise vor sich hin und der arme Poet flüsterte träumend: „Ein deutsches Schwert – ein deutsches Herz – ein deutscher Mann!“

Es war Robert Blum’s Grabschrift, die der Fieberkranke flüsterte.




Episode aus dem letzten deutschen Kriege. Wenige Tage nach der Schlacht von Langensalza besuchte ich mit meinen Kindern eines der größten Lazarethe der Stadt, – im Heinemann’schen Kaffeehaus und Garten – um Labungen aller Art, namentlich Wein, Fruchtsäfte, Eingemachtes, Citronen u. dgl., den dortigen Verwundeten persönlich zu überbringen und zu vertheilen. Es waren milde Spenden barmherziger Menschenfreunde in der Ferne, die man zu meiner Verfügung gestellt hatte. Die Kinder sollten sich an den Anblick des Elends gewöhnen, im Dienste der leidenden Menschheit selbst mit Hand anlegen und durch die Praxis lernen, wenn diese auch schrecklich genug war, daß selbst eine Kinderhand Gutes thun, Freude bereiten kann.

Die Mädchen trugen außerdem noch eine Menge selbstgewundener Kränze von weißen Rosen – es war ja die Rosenzeit und Rosen gab es Tausende und aber Tausende – um die Särge der täglich Nachsterbenden zu decoriren oder sie in die Hände der Todten zu legen. Es war damals unter die lieben Kinder eine wahre Sucht nach Blumen und Kränzen gekommen und keinen Sarg, kein Grab ließen sie ohne diesen Schmuck. Man wird sich noch lange Zeit ihres sinnigen Thuns erinnern und unserer Jugend nicht vergessen.

Die Knaben hatten sich mit rothen Rosen und allerlei andern duftenden Blumen versehen, um den Lebenden damit eine Freude zu bereiten und gleichzeitig die Luft in den dunstigen Räumen mit angenehmen Gerüchen zu erfüllen. Es wurde dies sowohl von der Sanitätsbehörde gewünscht, als besonders von den auf das Schmerzenslager gebannten armen Kranken, und rührend war ihre Freude und Dankbarkeit über einen frischen Blumenstrauß.

Wir durchschritten das Vorderhaus, um zunächst die Kränze für die stillen Leute, für die Todten, welche in einem entfernten Gartenhäuschen bis zum Begräbniß auf Stroh gebettet lagen, abzugeben. Eine mit der Krankenpflege betraute fromme Klosterschwester nahm die Kränze in Empfang. Den Anblick der Todten entzog ich den Kindern; sie hatten ja ohnehin des Schrecklichen genug um und neben sich.

Die Knaben machten sich bereit, ihre Schätze ebenfalls auszukramen und an die nächstgelegenen Verwundeten im offenen Garten zu vertheilen, als wir urplötzlich einen markdurchdringenden Schrei vernahmen. Er kam aus der zu einem leichten Lazarethe eingerichteten, überbauten Kegelbahn, in welcher man die Schwerverwundeten, meist Amputirte, niedergelegt hatte. Es war der Garde-Kürassier-Corporal Hartmann aus Northeim, den ein Säbelhieb in die Stirne tödtlich getroffen und welcher seit mehreren Tagen mit dem Tode rang – das Ende, dessen die Gartenlaube bereits vorübergehend erwähnt hat.[WS 2] Alles strömte nach seinem Lager und auch wir traten näher.

Eine Dame stand neben dem Schwerverwundeten; blaß, bleich, selbst todesmatt, hielt sie seine zuckenden Hände und wehrte die Fliegen ab. Es war die Braut des Armen, seit sieben Jahren mit ihm verlobt, aus weiter Ferne hierher geeilt, um den Leidenden selbst zu pflegen. Als wir in seine Nähe kamen, trat eben ein geistlicher Herr zu der Schmerzerfüllten, ergriff theilnehmend ihre Hände und sprach: „Beten Sie, mein Fräulein! Verzweifeln Sie nicht, Gott wird helfen!“

„Gott?“ rief sie bitter, „es giebt keinen Gott, sonst würde er das Schreckliche nicht zugelassen haben. Beten soll ich? Habe ich nicht Tag und Nacht gebetet, und was hat es geholfen? Da liegt der Arme unter Höllenqualen, er kann nicht leben, kann nicht sterben. Lassen Sie jedes Trostwort; es giebt keinen Gott, und ich will nicht beten!“

Da hob der Geistliche die Rechte in die Höhe und sprach ernst: „Wohl nur der Schmerz, mein Fräulein, läßt Sie Dinge sagen, die Sie nicht verantworten können. Wollen Sie noch länger Gottes Gegenwart und Barmherzigkeit leugnen, so betrachten Sie jetzt das Antlitz Ihres Verlobten!“

Bei diesen Worten richteten sich ihre Blicke nach diesem; eine große Veränderung war in dem Augenblick mit ihm vorgegangen. Die dunkle Gluth der Wangen war der tiefsten Blässe gewichen, die wahnsinnigen Augen lächelten, die zuckenden Hände falteten sich wie im Gebete; ein wahrer Himmelsglanz leuchtete über ihn hinweg; es war ein freundlicher Sonnenstrahl aus der brechenden Gewitterwolke und mit ihm trat ein letzter Gedankenblitz wiederkehrenden Bewußtseins ein: „Anna, liebe Anna!“ flüsterte sein Mund und schloß sich mit den treuen Augen für immer.

Tief ergriffen und lautlos standen wir vor dem Todten und entblößten mit den Hunderten um uns her in Demuth die Häupter, falteten die Hände und beteten mit dem Diener des Herrn für die Seele des Frühvollendeten. „Es ist ein Gott!“ sprach der Geistliche noch einmal mit feierlicher lauter Stimme, und wir Alle sagten in unseren Herzen dazu ein Ja und Amen.

In einer nahen Seitenhalle stand ein Flügel, welcher bei der Ausräumung des großen Gartensalons, behufs Einbringung der Verwundeten, einstweilen hierher gestellt worden war. Einer der Besucher des Lazareths öffnete ihn in der Stille, schlug die Saiten an und begann mit lauter sonorer Stimme das schöne Lied zu singen: „Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden etc.“[WS 3] Die ganze große Versammlung fiel nach und nach in den Gesang mit ein und sang das schöne, bedeutungsvolle Lied bis zu Ende, unter strömenden Thränen zwar und tief ergriffen, aber gehoben und getröstet und unter Jammer und Elend voll freudigen Glaubens und Friedens.

Ehe das Lied zu Ende ging, hatte sich mein Töchterchen Elvire von [400] meiner Hand losgemacht und entfernt; nach wenig Augenblicken aber kam sie mit einem ihrer Kränze wieder zurück und breitete denselben über das Antlitz des Todten; in seine gefalteten Hände gab sie ihm die Rose, welche sie selbst bis jetzt in ihrer Hand getragen. Der Sänger und Spieler mochte das bemerkt haben, denn er ließ das Instrument von Neuem ertönen und er präludirte: „die letzte Rose“. Wer sollte nicht diese herrliche Melodie kennen? Unter ihren tief ergreifenden Klängen verließen wir und viele der fremden Besucher das große, weite Schmerzenshaus. Vor unserm Weggang schon hatte die schwergeprüfte Dulderin, die Braut des eben Verschiedenen, am Arme des geistlichen Herrn dasselbe verlassen.[3]




Ferdinand Stolle’s Frühling auf dem Lande. In dem Augenblicke, in welchem ringsumher der Frühling alle seine Reize entfaltet, dürfte es auch an der Zeit sein, die Aufmerksamkeit wiederum auf dieses reine und thaufrische Product zu lenken, das ein Frühlingsidyll ist, so zart und sinnig, wie es in unserer neueren Literatur kaum jemals gedichtet, ein von den schwellendsten Accorden zu dithyrambischem Jubel anschwellender Frühlingshymnus, wie er in so fesselnder Weise von allen unseren lyrischen Mai- und Lenzmusikanten noch nicht gesungen wurde. Es ist über die Berechtigung der Natur- und Landschaftsmalerei der Poesie viel gestritten worden. Aber schon das einfache Gefühl, der unmittelbare Eindruck entscheidet die Frage dahin, daß derartige Bilder und Schilderungen überall auch in der Dichtung ihre vollauf berechtigte Stelle haben, wo sie innig mit einer lebendigen Handlung verbunden, so gesund und ungesucht auftreten und dabei von der sicheren Hand eines berufenen Kenners und Meisters so liebevoll und sauber ausgeführt, so anmuthig und in geschmackvollster Gruppirung uns dargeboten werden, wie es in diesem Buche geschehen ist, in dem wir die gesunderen und heut noch lebensfähigen Seiten der Matthisson’schen Richtung mit den Anschauungen der fortgeschrittenen Wissenschaft sowohl, als mit dem volksthümlichen Geiste, der kräftig naiven Auffassung Hebel’s und Uhland’s zu einer Wirkung vereinigt sehen, die sich als eine durchaus poetische bezeichnen läßt.

Stolle führt seine Leser nicht an den „Busen der Natur“ und in die Abgeschiedenheit des Landlebens, um sie hier müßig träumen und schmachten, blos empfindungsselig sich einschläfern, die Aufgaben der ringenden Culturwelt, den Ernst einer menschlichen Existenz vergessen zu lassen. Es ist vielmehr der auszeichnende Reiz und Vorzug seiner Schilderungen, daß er uns die Schöpfung in der freudigen Unermüdlichkeit ihres segenspendenden Wirkens zeigt und durch die sinnige Betrachtung und Deutung ihrer wunderbaren Thätigkeit auch in der Menschenbrust die Freude an rüstigem Thun und Schaffen, den Sporn zu wirkungsvollem Streben weckt.

Mit dem Erwachen und der Entfaltung des Frühlings in einer freundlichen Gebirgsgegend, umgeben also von einer wechselnden Scenerie blühenden und duftenden, strahlenden und klingenden Lebens, entfaltet sich vor unseren Augen die Geschichte einer kleinen, aber nicht gestaltenarmen Menschenwelt, an deren engem und stillem Kreise die großen Humanitäts- und Bildungskämpfe der Zeit, die erschütternden Bewegungen, Schmerzen und Verirrungen unserer nächsten Gegenwart nicht spurlos vorübergegangen sind. Die Entwickelung dieser kleinen, in so überaus lieblicher Staffage sich bewegenden Erzählung ist spannend und befriedigend, die Charakteristik in der bekannten Manier des Verfassers schlicht, treuherzig, warm und lebenswahr, nicht ohne einen harmlosen Anflug jenes drollig-realistischen Humors, mit welchem der alte Schelm und Spaßvogel das Aufkommen weichmüthiger und überschwenglicher Stimmungen so liebenswürdig zu paralysiren und dem eben noch thränenfeuchten Gesichte des Lesers ein herzhaftes Lachen zu entlocken weiß.

Daß das freundliche Buch übrigens nicht blos künstlerisch werthvoll, sondern schon wegen seiner Fülle von herrlichen Liedern, schönen Gedanken und praktischen Lebensregeln auch ein echtes Volks- und Familienbuch für alle Stände, ja sogar – wenn wir uns eines durch dogmatisch-homiletische Salbadereien längst in Mißcredit gerathenen Ausdrucks bedienen dürfen – eine Erbauungsschrift im besten Sinne des Wortes ist, wurde bereits früher von der Kritik anerkannt. Mag man auch im Einzelnen, in politischer und religiöser Hinsicht, mit der gar zu genügsamen Freisinnigkeit des Dichters, seinem eine gemüthliche Vermittelung der unvereinbarsten Gegensätze anstrebenden Standpunkte nicht einverstanden sein, durch das Ganze weht doch der Hauch der Zeit, ein heller und lichtvoller Ton, der läuternd und veredelnd durch die Häuser und Herzen zu ziehen und kampfesmüde Seelen zu erfrischen vermag, wie eine fröhliche Berg- und Waldfahrt in schwülen Sommertagen.




Handeln die Thiere nur aus Instinct, oder auch mit Ueberlegung? Bei einem frisch gefallenen Schnee des Jahres 1842 hatte ich einen Fuchs in einem Bau eingekreiset, welcher lebend ausgegraben und zur Parforcejagd verwendet werden sollte. Der Bau war seicht, der Hund lag vor und nach wenig Arbeit kamen wir auf die Röhre und den Fuchs. Ich nahm eine parat gehaltene Gabel, stellte sie auf den Hals des Fuchses und drückte ihn nieder, gab sodann die Gabel in die Hand des Kreisers, faßte den Fuchs mit beiden Händen an den Lauschern (Ohren), zog ihn aus der Röhre heraus und hielt ihn dem Dachshund zum Beißen hin. Schon beim Herausziehen gab der Fuchs kein Lebenszeichen von sich, auch da nicht, als ihn der Hund biß. Der Kreiser und sämmtliche Anwesende hielten ihn für todt; ich konnte mir dieses jedoch nicht denken, da ihm weiter kein Leid, als das ganz kurze Zeit dauernde Festhalten mit der Gabel, geschehen war. Auch hatte ich schon ähnliche Fälle von Verstellungen mit Füchsen erlebt. Ich ließ mir nunmehr den parat gehaltenen Sack geben, steckte ihn hinein, legte den Sack, nachdem er fest zugebunden, auf den Boden und verhielt mich mit meinen Leuten etwa fünf Minuten ganz ruhig. Der Fuchs regte sich nicht, auch da nicht, als ich den Dachshund wieder an den in dem Sack Befindlichen beißen ließ. Nach etwa dreiviertel Stunden kamen wir mit unserem Fuchs beim Eintritt der Nacht in der Wohnung des Kreisers an. Hier wollte ich mich nun überzeugen, ob der Schlaue wirklich noch lebe oder nicht. Die Wohnstube wurde zugemacht, zwei Männer mit kräftigen Stöcken an die Fenster gestellt, ich machte den Sack auf und schüttelte den Fuchs bis an die Oeffnung des Sackes. Läufe und Kopf hingen herab und die Augen waren halb geschlossen, gerade wie bei einem todten Thiere. Nunmehr glaubte ich ebenfalls, er sei todt, hielt ihm ein brennendes Licht bis auf einen Zoll Entfernung vor die Nase, doch er rührte sich nicht. Nun ließ ich das Licht von Jemand Anderem und zwar etwas höher halten, tippte ihn mit dem Finger zwischen die Augen auf die Stirne, worauf er einen heftigen Zuck, jedoch nur mit den Augen that.

Nunmehr wußte ich, daß er noch lebte, verwahrte ihn in den Sack und machte mich auf den Heimweg in’s Forsthaus, welches eine gute halbe Stunde von der Wohnung des Kreisers entfernt lag. Der Fuchs gab auch bis dahin, nachdem er volle zwei Stunden in dem Sack zugebracht, kein weiteres Lebenszeichen von sich. Im Forsthaus angekommen, wurde im Hausplatz ein Faß aufgestellt und ein hierzu gehöriger Deckel parat gelegt, der Sack über das Faß gehalten und der Fuchs bis an die Oeffnung des Sackes geschüttelt. Aber auch hier, gerade wie in der Wohnung des Kreisers, ließ er bei halb geschlossenen Augen, Kopf und Vorderläufe hängen und zeigte nicht die geringste Spur des Lebens. Jetzt faßte ich mit der rechten Hand den Deckel und mit der Linken ließ ich den Fuchs in’s Faß fallen. Doch in demselben Moment, als der Fuchs den Boden erreichte, that er einen Satz bis an den Rand des Fasses und nur das rascheste Zuschieben des Deckels verhinderte das Herausspringen des Listigen. Nunmehr machte er gewaltsame, jedoch vergebliche Versuche zum Entkommen.

Schließlich sei noch bemerkt, daß der Fuchs ein sehr starkes und dem Aussehen nach ein ziemlich altes Exemplar gewesen, zu noch sechs seiner Gefährten in einem Bau, welcher mit einer tief in die Erde gehenden Mauer umgeben wurde, gebracht, unter dieser sich mit seinen Genossen durchgearbeitet und sie sämmtlich das Weite gefunden.




Ein Handwerksbursche beim Toilettemachen, dieses Bild aus einem Stückchen deutschen Volkslebens, das vor zwei neuen mächtigen Erscheinungen, den Eisenbahnen und der Gewerbefreiheit, bald zu einer immer seltneren Erscheinung des alten Gewerbstreibens zusammenschwinden wird, hat ein junger talentvoller Thüringer uns vor Augen geführt. Möglich, daß erst das Läuten der Sonntagsglocken von dem Thurme des Städtchens da unten den frischen Wanderburschen auf die nothwendige Verschönerung seines äußeren Menschen aufmerksam gemacht und veranlaßt hat, den Wanderstab in den Chausseesteinhaufen und obendarauf seinen Wachstuchhut zu stecken, um den Taschenspiegel und den Haarkamm ungenirter handhaben zu können. Er thut’s mit sichtlichem Wohlgefallen an sich selber, und wie auf der Landstraße wird ihm auch hier im Bilde Jedermann gern zusehen. Das liebliche Genrestückchen verdanken wir dem kunstfertigen Griffel Adolf Karst’s, eines geborenen Erfurters, der in Berlin und München seine Kunststudien machte und gegenwärtig in Dresden lebt. Sein „Kehrkönig“, ein Essenkehrer, der stolz auf der Höhe eines Schornsteins thront, ist durch den Witthöf’schen Stich in größeren Kreisen längst bekannt, ebenso seine Stadtmusikanten am Pfingstmorgen und vieles Andere, womit er die das heitere volksthümliche Genre liebenden Kunstfreunde bisher zu erfreuen gewußt hat.




Freiligrath-Dotation.


Bei dem Barmer Haupt-Comité sind wiederum eingegangen: Vom Vorstand des Copernicus-Vereins für Wissenschaft und Kust in Thorn 30 Thlr.; A. B. in Elberfeld 10 Thlr.; Comité zu Hamm durch Herrn Uhlendorff 217 Thlr. 15 Ngr.; Comité zu Düsseldorf durch Th. Eichmann 330 Thlr.; Comité Rheydt durch Dr. von der Nahmer 94 Thlr.; Kölner Turnverein 25 Thlr.; J. D. in Bodenheim 11 Thlr. 13 Ngr.; Comité zu Crefeld durch Wilh. Jentges und Genossen 510 Thlr.; F. A. Knipping in Cleve 3 Thlr.; kaufmännischer Verein in Mannheim 48 Thlr. 1 Ngr. 6 Pfge.; Comité in Hörde durch W. Bosenhagen 148 Thlr. 5 Ngr.; Hörder Turnverein 25 Thlr.; Karl Henke in Parchim 60 Thlr.; aus Barmen: M. Th. 5 Thlr. J. H. 10 Thlr.; H. v. K 5 Thlr.

Gesammt-Einnahme bis heute 4192 Thlr. 29 Ngr. 6 Pfge.

Bei der Redaction der Gartenlaube: Lesekränzchen in Chemnitz 10 Thlr.; Männergesangverein Liedertafel in Gera 5 Thlr.; W. O. in St. Gallen 5 Thlr.; Joh. F. aus S. 1 Thlr.; mehrere Stammgäste aus Blau’s Bierstube in Crimmitzschau 6 Thlr.; Albert Traeger 20 Thlr.; C. und H. Keilberg 10 Thlr.; Koch in Gohlis 1 Thlr.; Eduard in Dresden 1 Thlr.; Verein für Geselligkeit zu Halle in Westphalen 28 Thlr.; Männer-Turnverein in Wien 45 fl.; aus Alsfeld 15 Thlr.; 3 Thlr. für zwei Exemplare des Freiligrath’schen „Glaubensbekenntnisses“.
Die Redaction.




Inhalt: Das Geheimniß der alten Mamsell. Novelle von E. Marlitt. (Fortsetzung.) – Gang durch die Festhallen der sächsisch-thüringischen Industrie. Von Friedrich Hofmann. – Herzog Karl August und sein Leibjäger. 1. – Diesseits und jenseits der Alpen. Illustrirte Erinnerungen von L. Löffler. I. Mit Abbildungen. – Blätter und Blüthen: Robert Blum und der arme Poet. – Episode aus dem letzten deutschen Kriege. – Ferdinand Stolle’s Frühling auf dem Lande. – Handeln die Thiere nur aus Instinct, oder auch mit Ueberlegung? – Ein Handwerksbursche beim Toilettemachen. Mit Abbildung.– Freiligrath-Dotation.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Berka durch seine vor Nordwind geschützte Lage, seine reizenden Umgebungen, prächtigen Fichten-, Kiefern- und Buchenwälder, ist seitdem ein sehr besuchter Badeort geworden, der besonders von Brust- und Asthmakranken mit großem Erfolg besucht wird. Ringsum von bewaldeten Anhöhen umgeben, liegt der Ort, dessen Anpflanzungen von Goethe herrühren, in einem reizenden Wiesenthale, an dessen einem Ende das Bade-, Cur- und Logirhaus dicht am Walde in geschmackvoller Weise angebaut sind. Berka ist zugleich ein billiges und von Modegästen noch wenig besuchtes Bad.
    D. Red.
  2. Das Stück ist später unter dem Titel: „Die Studenten von R–stadt“ mit vielem Glück über mehrere Bühnen gegangen.
    D. R.
  3. Kann auch die wortgetreue Wahrheit dieser Episode von dem Erzähler, der nicht selbst Zeuge war, nicht verbürgt werden, so ist doch das Factum selbst durchaus unzweifelhaft.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: arf
  2. 1866, Heft 31/32: Noch einmal vom Langensalzaer Schlachtfelde
  3. Gedicht von Ernst Feuchtersleben, vergleiche dazu ADB:Feuchtersleben, Ernst